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Ruslan und Ludmila

Besuchte Vorstellung: 3.1. 2013       (Premiere: 1994)

Michail Glinkas „Ruslan und Ludmila“ zählt – leider – nicht zu den Opern, die bei uns jemals ein Heimatrecht erworben haben. Zu fern mag – trotz der grandiosen, einfallsreichen Musik – der altrussische Märchencharakter des Stoffs sein, der sich tieferen, psychologisierenden Charakterisierungen zu entziehen scheint. Wer indes einmal das Glück hatte, eine sogenannte traditionelle Aufführung von Glinkas zweiter Oper (nach „Iwan Susanin“, auch bekannt als „Ein Leben für den Zaren“) zu erleben, könnte auf den Geschmack kommen. Den Daheimgebliebenen kann der Rezensent nur raten, sich eine ungekürzte Aufnahme dieses facettenreichen Stücks zu besorgen und als Vorbereitung Alexander Puschkins wunderbares Märchenepos zu lesen. Die Aufführung, die nun schon seit 1994 auf dem Programm des Mariinski-Theaters steht, liegt übrigens auch in einer DVD vor – größeren Reiz hat sicher die Aufführung selbst in einem der größten, traditionsreichsten Opernhäuser Russlands.

Lange Zeit galt das klassische Russische Operntheater als eine ästhetisch verstaubte, museale Angelegenheit – vielleicht nicht ohne Recht. Die „aktuelle“ Inszenierung des in Russland ungemein beliebten Stücks, das den Ruhm Michail Glinkas, des Begründers einer eigentlichen Russischen Oper, eindrucksvoll belegt, diese Inszenierung tut erst gar nicht so, als gälte es, irgendein modernes Konzept zu verteidigen. Man hat allerdings, unter Leitung des Regisseurs Lotfi Mansouri, etwas Faszinierendes getan: man hat die Dekorationen und Kostüme der Produktion des Jahres 1904 rekonstruiert. Damals waren mit Alexander Golovin und Konstantin Korovin zwei stilbewusste Maler und Ausstatter am Werk, die den Reichtum der russischen Oper der Spätromantik verbürgen. Die Choreographie entlehnte man der Arbeit Michail Fokines, der 1917 – als die revolutionären Soldaten gerade daran gingen, ein paar Kilometer weiter das Winterpalais zu stürmen – die beiden großen Balletteinlag

en inszeniert hatte. Gestisch bleibt die Produktion etwa so, wie man es sich von der „klassischen“ russischen Oper erwartet: unaufwendig (wenn auch die Choristen des ausladenden ersten Akts gelegentlich bewusst spielen und nicht allein eine statische Reihe bilden). Szenisch aber entfaltet sie den ganzen Charme der romantischen Märchenoper – unterstützt von erstklassigen Malerarbeitern und peniblen Kostümgestaltern.

Was aber passiert eigentlich in diesem Stück? Puschkin – der den späteren Produzenten von „Eugen Onegin“, „Boris Godunow“, dem „Goldenen Hahn“ und noch von „Amadeus“ die Stoffe lieferte – schrieb ein ironisch durchwirktes Versmärchen, von dem in der Oper vor allem das Leidenschaftlich-Pathetische übrig geblieben ist. Dem Helden Ruslan wird seine Braut Ludmila entführt; der Bösewicht ist der Zwerg Tschernomor (düsteres Motiv in der berühmten Ouvertüre!). Ruslan macht sich mit seinen Nebenbuhlern Ratimir und Farlaf auf die Suche nach der magisch Entführten, dabei stößt er auf ein sprechendes Riesenhaupt, das umgeben ist von den Toten, die der Monsterkopf auf dem Gewissen hat.

Ruslan erlegt das Haupt und gewinnt dadurch ein „starkes Schwert“ (wie der nach St. Petersburg reisende Richard Wagner gesagt hätte). Die beiden anderen Herren müssen diverse Abenteuer erleben: Farlaf tut sich mit einer Hexe zusammen, die ihm die schöne Ludmila verspricht, und Ratimir gerät in einen Zaubergarten, in dem er von diversen Schönheiten umbuhlt wird, die ihn seine Geliebte Gorislava vergessen lassen. Diese hat auch einen Auftritt und wird am Ende ihren Helden bekommen.

Nachdem die unversehens in einen Zauberschlaf entrückte Ludmila durch den Helden erweckt und dem Zwerg der meterlange, Zauberkräfte verleihende Bart abgeschnitten wurde, dürfen Ruslan und Ludmila sich endlich wieder in die Arme fallen. Großer Schlusschor – mit der euphorischen Melodie, der, wie gesagt, berühmten Ouvertüre, die auch zauberhaft im Liebesgesang Ruslans anklingt.

„Ruslan und Ludmila“ speist sich musikalisch aus den verschiedensten Quellen; man hört, daß Glinka Meyerbeer und Rossini verehrte, daß er kaukasische Volkslieder studiert hatte, daß er zwischen Ost und West, zwischen der modernen Harmonik und Melodik der zeitgenössischen Oper und, gelegentlich, der schrägen Ton-Art der orientalischen Musik vermitteln wollte. Lyrische Arien, rhythmisch pochende, fast komische Heldengesänge, große Chöre, französische Ballette, ein tscherkessischer Marsch und eine Einleitungsmusik (zur Riesenkopfszene), die bereits ganz von fern an das dritte „Parsifal“-Vorspiel erinnert: diese wilde, inspirierte Mischung macht aus Glinkas Oper ein einziges Hörvergnügen. Im Vorspiel setzte er gar ein Klavier ein, denn der ungenannte Sänger, der hier vom Bayan, dem Barden also, gepriesen wird, ist kein anderer als Puschkin, der nur wenige Jahre vor der Uraufführung der Oper in einem Duell ums Leben gekommen war: Puschkin, der geliebteste wie bedeutendste russische Dichter, dessen Rang kaum überschätzt werden kann.

Die Produktion des Mariinski-Theaters setzt auf den Schauwert der „alten“, doch nach wie vor bezaubernden wie berührenden Ausstattung. Nicht, dass der Rückgriff auf die über 100 Jahre alten Dekorationen ein Idealrezept für die Inszenesetzung einer scheinbar naiven Märchenoper wäre. Es ist nur erstaunlich, dass die Medizin nach wie vor anschlägt. Vielleicht muss man ein Kind sein, um von der spezifischen Art der rückwärts gewandten, nostalgischen Inszenierung gebannt zu sein – der Rezensent gesteht, dass er an diesem Nachmittag (die Aufführung geht unter der zentralen Uhr von 11.30 bis 16 Uhr über die große Bühne) ein Kind ist, das mit großen Augen auf die Bühne schaut und vom glänzenden Orchester unter dem energisch dirigierenden Michail Sinkevich begeistert wird.

Es wäre natürlich auch schön gewesen, hätten alle Sänger gleichermaßen gleichsam Heldenhaftes geleistet. Den Ruslan singt Alexander Morozov, der seine Stärken vor allem in der ausschwingenden Höhe hat. Die Ludmila wird von Larisa Yudina gesungen – ein Rollendebüt, versehen mit dem Silberklang ihrer Stimme, die die lyrischen Wendungen ihrer Nummern schön nachzeichnet (nebenbei: Ludmila hat einen großen Auftritt im ersten Akt, dann tritt sie erst wieder im vierten auf). Der Ratimir ist eine Hosenrolle, gesungen vom Mezzo Yekaterina Krapivina, der vielleicht nicht nur den Rezensenten am meisten beeindruckte: eine schöne, warm timbrierte Stimme, die den rechten Gegenpol zur Stimme des eher komisch angelegten Farlaf bildete. Bei Gennady Bezzubenkov klingt der erfolglose Verehrer der Ludmila so burlesk, dass man die Vorliebe der Fürstentochter für den - vor allem in den Höhen mutigen - Ruslan leicht nachvollziehen kann. Nicht zu vergessen: Yekaterina Shimanovich al

s Gorislava, eine Stimme, die sich neben der der Ludmila nicht verstecken muss. Schließlich Nikolai Gassiev als guter Zauberer Finn (einfach exzellent die Arienerzählung seiner Lebensgeschichte) und Dmitry Voropaev als Bayan: zwei gute Ensemblemitglieder, die – zusammen mit dem unverzichtbaren, ausgezeichneten Chor und dem zurecht weltberühmten, absolut erstklassigen Ballett – den guten Rang des Mariinsky-Theaters verbürgen. Sensationell aber war an diesem Tag – zumindest im Maßstab einer historisierenden Aufführungspraxis – allein die betörende Ausstattung: ein Gesamtkunstwerk, dem die Sänger (das Ballett sowieso) meistens schöne Glanzlichter aufsetzten.

Frank Piontek 

Bilder: Mariinsky-Theater

 

 

 

 

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