DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Photos: Alain Kaiser

L´AFFAIRE MAKROPOULOS 

2.04.2011

In Fusion mit dem Staatstheater Nürnberg und Teatro La Fenice produzierte die Opéra national du rhin höchst eindrucksvoll Leos Janaceks Meisterwerk. Ohne Verfremdungen führt Robert Carsen (Regie) seine hervorragenden Sänger-Darsteller zu eindrucksvoller Individualität. Spannend wie ein Psychothriller erzählt der Regisseur in eindringlichen Szenen, die letzte Episode der Elina Makropoulos inzwischen 300 Jahre alt, durch das Lebenselixier ihres Vaters und kaiserlichen Leibarztes des 16. Jahrhunderts. Bereits zum orchestralen Vorspiel beginnt die Handlung, Emila Marty gefeierte Operndiva in Prag um 1930 verwandelt sich in wechselvollen Kostümierungen in Violetta, Lucia, Donna Anna etc. schreitet zur Bühne, Applaus im Hintergrund und kehrt jeweils mit Blumen zurück. Sodann beginnt der Prozess der Familien Gregor und Prus im Bibliotheks-Archiv des Advokaten, das zweite Bild zeigt die Deko einer Turandot-Afführung und zum dritten Akt befinden wir uns in der Garderobe der Sängerin (Radu Boruzescu). Aus den realen vorderen Seitenlogen der opera national huldigen befrackte Verehrer der Künstlerin und werfen Blumengebinde vor den geschlossenen Vorhang. In intensiv, grandioser Gestaltung vermittelt Cheryl Barker die Emila Marty als Femme fatale gehüllt in elegante Créationen (Miruna Boruzescu). Wird die Rolle meist von sehr reifen Sopranstimmen besetzt, durfte man heuer eine attraktive Sängerin im Vollbesitz ihrer vollkommenen Materialschönheit bewundern. Die Dame betört die Männer reihenweise, überzeugt zur expressiven Darstellung in expansionsfähigen Sopranlagen, blühenden Höhen, klangvoller Mittellage und einschmeichelndem Timbre und wurde für diese Glanzleistung mit Jubelstürmen gefeiert. In schlanken, warmen Mezzotönen schenkt Angélique Noldus der Krista mädchenhafte Züge. Heldisch klingt der Tenor Charles Workman in der bestens charakterisierten Rolle des Albert Gregor, edle Baritonkultur schenkt Enric Martinez-Castignani dem Advokaten Dr. Kolenaty, markante Männlichkeit verlieh Martin Bárta dem Janoslav Prus und überzeugt mit noblem Bariton. Dazu gesellten sich in bester Vokalisation die Tenöre Guy de Mey (Vitek) und Enrico Casari (Janek), Andreas Jäggi (Hauk-Senddorf), Peter Longauer (Maschinist) sowie Nadia Bieber (Garderobiere/Putzfrau) und ergänzten das vortreffliche Ensemble. Ebenso bestens agierte der Choers de l´opera national (Michel Capperon). Friedemann Layer am Pult des konzentriert und famos aufspielenden Orchestre symphonique de Mulhouse setzt knallharte jedoch, nie raumsprengende Akzente zu kontrastierenden Harmonien als Schwerpunkt seiner Partituranalyse und malt mit Emphase die konträren Farben dieser überwältigenden Musik.

Große Begeisterung für alle Mitwirkenden.

Gerhard Hoffmann








Götterdämmerung zum 1.)

06.03.2011

Grandios szenographierter Ring-Abschluss mit traumhafter Personenregie

Mit der Götterdämmerung bringt die Straßburger Opéra National du Rhin den Ring des Nibelungen zu einem großartigen Abschluss. Das Projekt war noch von Stephane Braunschweig (der selbst den Ring in Aix-en-Provence inszeniert hat) initiiert worden, dem Vorgänger des derzeitigen Intendanten Marc Clémeur. Über eine zyklische Aufführung des Gesamtwerks etwa im Wagner-Jahr 2013 ist noch nichts bekannt.

Der Regisseur David MacVicar ist erklärter Gegner des deutschen Regietheaters („German trash opera“). Er erzählt die Geschichte als historisch-archaischen Mythos mit einer sehr originellen starken Bebilderung und perfekter Personenführung. Psychologische oder politische Tiefgrabungen bleiben aus, und mit einer nahe an den Regie-Anweisungen des Buchs verlaufenden Regie entsteht für den Zuschauer ein leicht nachvollziehbarer Verlauf der Tragödie, die sich primär auf die Personen konzentriert, dem Zuschauer Freiraum für weitere Assoziationen lässt.

Rae Smith baut für das Geschehen die geeignete Bühne mit vielen Variationsmöglichkeiten. Der über dem Graben abbrechende Bühnenboden ist als massive Schieferfläche gestaltet. Im Hintergrund eine helle kubistische Struktur, die einen Marmorsteinbruch oder aber auch die Vormauern von Walhalla darstellen können und auf die zusätzlich je nach Bedarf Feuerschein oder Rheinwellengeplätscher projiziert werden kann. Die Vorderbühne kann durch eine große Schieferfelsenwand abgetrennt werden; dahinter werden während der Szenenwechsel die erforderlichen Aufbauten ausgewechselt. In der Nornenszene befinden sich auf der Vorderbühne großdimensionierte diagonal verlaufende Seile, die mit Bartflechten behangen sind; der Brünnhildenfelsen dahinter ist ein überdimensionierte Kopf in der Mitte mit abgefallenem Helm links und abgebrochenem Unterkopf rechts. Die Gibichungenburg wird als kleine vergoldete Spielfläche, flankiert von zwei vergoldeten Mauerscheiben dargestellt; bei der Szene mit den Rheintöchtern wird die freie Fläche der Mittelfläche wasserblau beleuchtet, und zum Schluss steht der überdimensionierte Scheiterhaufen auf der Bühne. Paule Constable sorgt für eine eindrückliche abwechslungsreiche Beleuchtung.

Die Kostüme von Jo van Schuppen zeigen die historische Beziehung des Geschehens am Rhein zu den Steppenvölkern Ostasiens auf. Während Gunter und Gutrune in goldene Prachtgewänder gehüllt sind (Gunter mit kleinem dezentem Zopf), trägt Hagen ein finster schwarzes Gewand und eine Frisur, die ihn als hunnischen Heerführer erscheinen lassen, vielleicht sogar als Attila selbst, großartige Allusion! Alle barfuß. Die Mannen sind Hagen angeglichen. Deren Mimik und Gestik lässt nicht einen Augenblick einen Zweifel übrig, dass dieses Hagens Gefolgschaft ist, der so die Macht in den Händen hält, während die golden gewandeten Geschwister unter ihm Herrscher spielen dürfen. Ganz herausragend auch dargestellt, wie die Mannen Siegfried mit Misstrauen und gar Hass begegnen. Dazu kommt eine Truppe von Statisten, die ostasiatische Schaukämpfe aufführen. Später wird auch Siegfried mit goldenem Fummel behängt: er ist in die Reihen der Verblendeten aufgenommen. Bei Brünnhilde, die zuerst mit einem langen einfachen roten Kleid auftritt (was auch symbolisieren mag, dass sie keiner der Gruppen zugehörig ist) gelingt diese Assimiliation nur teilweise. Widerwillig lässt sie sich nach dem „Siegfried falle“ Gold überziehen, während sich – hier in Abweichung zu den Regieanweisungen des Autors – am Schluss des zweiten Aufzugs Siegfried und Gutrune zu Gunter und Brünnhilde gesellen, um zu der abgrundtiefen Musik zwei hohle  Prachtpaarungen zu zeigen. Dazu gesellen sich noch zwei Pferde: Grane und das der Waltraute, die von Statisten betrieben auf Stelzenfüßen mit großen aus Metall stilistisch dargestellten Pferdeköpfen daherkommen (in Anlehnung an die Walküren des zweiten Abends) Waltraute kommt in unscheinbarem Grau daher: von den Göttern geht kein Glanz mehr aus. Während Brünnhildes Schlussgesang werden zwei Raben aus den Mannen herausgezogen: sie überbringen Wotan die Botschaft vom Ende, bevor Brünnhilde Grane zum Scheiterhaufen treibt. Masken der Götter, die schon vorher am hinteren Bühnenaufbau sichtbar geworden sind, werden von Figuranten neben dem Scheiterhaufen abgelegt und gehen mit unter: Ragnarök! Der Ring löst sich in Form eines Tänzers aus dem Bühnenrauch und wird von den Rheintöchtern weggeführt. Jedem Zuschauer muss klar werden, dass hier eine fast unbeschreibliche Katastrophe der Menschheit und ihrer Götter (die sie nach eigenem Bild schufen) dargestellt wird.

Während die Regiearbeit mit Kostümen, Bühnenbild und Beleuchtung als Spitzenleistung gelten darf und das Publikum nicht über Ungereimtheiten sinnieren musste, ließen die musikalischen Darbietungen doch Wünsche offen. Natürlich ist das Philharmonische Orchester Straßburg kein Spitzenklangkörper. Es war mit Bläsern Harfen und Streichern wagnerisch hochgerüstet, aber mit weniger als 40 Streichern nicht ganz ausgewogen.  Marko Letonja, der dessignierte Chef des Orchesters, legte es zuerst auf eine etwas schwammig wirkende Klangopulenz an, ließ dann das Orchester in ermüdendem Dauerforte spielen und fand erst im dritten Aufzug zu mehr Transparenz. Zudem störten von Anfang bis Ende die Intonationsprobleme der Hörner. Gut aufgelegt dagegen der Chor in Klangstärke und –Schönheit, den McVicar einmal in seiner vollen Klanggewalt an die Rampe treten ließ.

Alle Sänger bewährten sich durch gute Textverständlichkeit, so dass man als deutscher Zuschauern weitestgehend auf die Übertitelung verzichten konnte. Die Dänin Hanne Fischer als Waltraute und Zweite Norn ragte heraus; ihr gut abgestützter runder Mezzo Spitze! Nancy Weißbach stand ihr in nichts nach; klang sie zu Beginn als Dritte Norn noch ein wenig spitz, kam sie als Gutrune mit ihrer warmen Mittellage voll zur Geltung und überzeugte auch mit erstaunlicher schauspielerischer Präsenz und aparter Erscheinung. Das gilt auch für  Jeanne-Michèle Charbonnet als Brünnhilde, deren noble Darstellung der Brünnhilde begeisterte. Ihre Höhen blieben aber unbefriedigend, weil spürbar angespannt. Aber da muss man auch erst einmal eine stimmlich komplettere Brünnhilde finden!

Lance Ryan konnte sich an diesem Abend als Heldentenor nicht profilieren. Gelangen ihm durchaus schöne Stellen (in der großen Erzählung und der Sterbeszene im dritten Aufzug), klang er doch über weite Strecken viel zu hell und zu schmal. Dabei muss man ihm aber eine überzeugende Darstellung des unbekümmerten Siegfried attestieren. Daniel Sumegi gab den Hagen mit kräftigem, aber nicht sehr kultiviertem Bass. Ihm war mit Robert Bork ein Gunter zur Seite gestellt, wie er in Stimmgewalt wohl nur selten auf der Götterdämmerungsbühne anzutreffen ist. Aber auch er muss an der stimmlichen Gewandheit noch ein wenig arbeiten. Als Alberich bewährte sich stimmlich vollkommen einmal mehr Oleg Bryjak, in dessen Auf“kriechen“ vielleicht eine der wenigen Kritikpunkte der Inszenierung liegt. Das haben wir schon besser gesehen. Das Ensemble der Rheintöchter wirkte stimmlich fast vollkommen und darstellerisch sowieso. Sara Fulgoni als Erste Norn fiel ab.

Das Haus war ausverkauft, der Beifall enthusiastisch. Eine nachhaltig eindrückliche Vorstellung trotz einiger musikalischer Schwächen.

Manfred Langer

 

GÖTTERDÄMMERUNG
zum 2.)


25.02.2011

Nach einjähriger Pause schmiedete  die Opéra national du rhin mir Richard Wagners „Götterdämmerung“ den vollendeten Ring und das lange Warten hatte sich gelohnt. Das altbewährte Team der Vorabende David McVicar (Regie), Rae Smith (Bühne), Jo van Schuppen (Kostüme), Paule Constable (Lichtdesign), Andrew George (Choreographie) und Vicki Hallam (Maske) bildeten das kreative Team dieser  außergewöhnlichen Produktion. McVicar überzeugt und fasziniert zugleich mit psychologisch ausgefeilter Personenführung, seine Figuren pulsieren, erzählen, „menscheln“ – lassen mitfühlen in ihren Regungen, agieren in prägnanten Gesten und gleiten nie in pauschales, ritualisiertes Verhalten ab. Die Nornen spinnen das Seil zwischen winterlichem, dickem Geäst, Brünnhildens „Gemach“ ist wieder jener antike Stein, in liebevoller Gestik zeigt sie Grane (David Greaves in akrobatischer Wendigkeit auf den wippenden Sprungstelzen mit dem Picasso-Pferdekopf)) ihre Zuneigung und weckt Siegfrieds Eifersucht. Ungläubig forschend erkundet der naive Naturbursche die fremde Welt der Gibichungen, eines utopischen Volkes mit Goldmasken- und Gewändern, (Anleihen aus der kretischen Mythologie?) residierend im goldenen Prunksaal. Hagen, der Außenseiter (lt. Mär weilte er in Jugendjahren an König Etzels Hof) erscheint in schwarz-finsterem Tatarenlook. Das Geschwisterpaar Gutrune und Gunther offenbar in inzestiösen  „Amours“ verbunden, fügten sich mit Hagen zum Ménage à trois, auch Siegfried der freie Held, jenseits aller Konventionen begegnet den beiden Herren ungezwungen zärtlich und somit erhielt diese Personenkonstellation, ungeahnt delikate Aspekte. In choreographisch-rhythmisch, kraftvollem Ablauf faszinierte eine Männerriege mit einem fernöstlichen Stangenspektakel, die Mannen in dunklen Masken lehren Brünnhilde das Fürchten. Riesige Spiegel reflektieren den farblich variierten Feuerschein, des Rheines Wellen und wurden leider zum finalen Weltenbrand ganzheitlich zu spärlich  genutzt. Anrührend,  emotionell sehr eindringlich löst sich „Grane“ aus der Metallkonstruktion und springt vereint mit der Herrin ins Feuer. Man konnte sich dem Sog der gewaltigen und himmelstürmenden Bilderfluten, nur schwerlich entziehen.

Sehr beeindruckt hat mich das musikalische hohe Niveau der Aufführung, Marko Letonja erwies sich als dynamischer, leidenschaftlicher Stabführer mit klarer Schlagtechnik und feinen Nuancierungen. Selten zuvor erlebte ich das Orchestre Philharmonique de Strasbourg in so homogen souveräner Klangqualität, muss man doch voraussetzen, dass dieses Instrumentarium weder über die maximale Musikerbesetzung, noch über die Wagner-Routine verfügt und somit würdige ich diese orchestrale Gesamtleistung um so mehr mit den Steigerungen  der Streichergruppen und den sauberen Bläsersegmenten. Bravo!

Ich zolle jeder Interpretin der Brünnhilde meinen uneingeschränkten Respekt, so auch dem Durchhaltevermögen von Jeanne-Michèle Charbonnet, schöpft sie die Kräfte aus den mittleren und unteren Regionen ihres dramatischen Soprans, schwingt sich jedoch das Organ  in Fortehöhen, mangelt es der Stimme an Substanz und Schönklang und wirkt glanzlos. Überzeugen konnte mich die Dame lediglich mit ihrer intensiven Darstellung und ungewöhnlichen Bühnenpräsenz. Zum finalen Schlußgesang mobilisierte sie nochmals alle Reserven und zog damit auch den Löwenanteil des Jubels auf sich. Mit  sängerisch ähnlichen Attributen und flackernder Intonation stattete Hanne Fischer die Waltrauten-Erzählung und die zweite Norn aus. Als vokaler Lichtblick erschien mir Nancy Weissbach, welche die Gutrune und dritte Norn mit klangvollen Soprantönen aufwertete, ebenso angenehm im Ohr vernahm man Sarah Fulgoni (erste Norn). Souverän in bester Stimmführung  überzeugten die trefflich agierenden Rheintöchter Anais Mahikian (Woglinde), Kimy MacLaren (Wellgunde) und Carolina Bruck-Santos (Flosshilde). Bravourös mit der wohl schönsten Stimme des Abends sang Lance Ryan den Wälsungenspross, sicherlich kein Heldentenor im eigentlichen Sinne, aber mit ökonomisch wohldosierten Kräften meistert er den Siegfried. Zum ehrlich naiven, darstellerischen Portrait gesellten sich die differenziert, sensibel eingesetzte Vokalkraft, der wohlklingende helle Jubelstrahl, sowie die effektvoll verhaltenen, regelrecht beseelten Töne bei „Brünnhilde, heilige Braut“.  Mit autoritärer Baritonhärte verhalf Daniel Sumegi dem exotischen Hagen zu klarer Struktur, mangelte es ihm jedoch an fundamentaler Basstiefe. In dunklen Farbschattierungen seines kräftigen Baritons,  mahnte eindringlich Oleg Bryjak als Alberich. Schönstimmig und ausdrucksstark mit schönem Kavaliersbariton gestaltete Robert Bork den Weichling Gunther. In individueller Präzision glänzte der Opernchor des Hauses. Mit Bravostürmen und Ovationen feierte das enthusiastische Auditorium bis kurz vor Mitternacht alle Beteiligten.

Fazit: ein gewaltiges Bilderepos erfreute das Auge, berauschte die Sinne und der begeisterte Rezensent erlebte seine bisher interessanteste Ringdeutung und bedauert zutiefst, dass diese bedeutungsvollen Produktionen nicht auf DVD gebannt wurden.

Gerhard Hoffmann

 

JENUFA

11.6.2010

Lose fast schwebend formieren sich Fenster- und Türrahmen auf braunem Erdreich im abgedunkelten Raum. In dieser tristen Kulisse scheint die Tragödie bereits vorgezeichnet und Robert Carsen läßt darin seine ausgezeichneten Sängerdarsteller textgenau ohne Verfremdungen agieren. Jenufa die sich nach Liebe und Zuneigung Verzehrende, Stewa den labilen, feigen Weichling, Laca den eifersüchtigen Psychophaten, sich emotionell vom Saulus zum Paulus wandelnd. Vortrefflich hebt Carsen die Charaktere der Küsterin ins Bild, im Zwiespalt der sich sorgenden Mutter zur verzweifelten Mörderin, ja selbst zur reuigen Büserin. Großartig beleuchtet der Regisseur selbst die Nebenfiguren, schenkt ihnen gewichtiges Profil, versteht es ausgezeichnet die Massen zu bewegen, einbeziehend ins fesselnde Geschehen, das Folkloristische des Stoffes streifen Carsen und sein Ausstatter nur bedingt. Sehr schöne, zeitgemäße Kostümierungen und die vortreffliche Bühne (Patrick Kinmonth) runden das optische Gesamtbild ab. Atemberaubend das Finale, in grandioser Lichtregie (Peter Van Praet, R. Carsen) stehen Jenufa und Laca, befreit von Altlasten, glücklich vereint im alles reinigenden Regen, schöner und ohne jegliches Sentiment läßt sich diese Szene wohl kaum gestalten – eine Bravourleistung.

Anrührend gestaltet Eva Jenis die Titelheldin, findet die rechte Balance zwischen lyrischer Zartheit, ja Wehmut und glaubhaft bewegender Entschlossenheit dank ihres schönen Timbres und der technischen Versiertheit ihres wandlungsfähigen Soprans. In bester Bühnenpräsenz gibt Nadine Secunde der Küsterin beklemmende Konturen, da nimmt man die schmerzenden Töne ihres dramatischen Soprans jenseits des Zenits,  fast in Kauf. Die beiden Tenöre kontrastieren vokal gleichwohl  differenziert wie in den darstellerischen Charakterisierungen, mit Höhenproblemen und wenig ansprechendem Klang vermittelt Fabrice Dalis den Stewa, kernig im Mittelbereich, heldisch strahlend mit Stentortönen singt Peter Straka den kraftstrotzenden Laca. Der alten Buryja verleiht Menai Davies mütterliche Betulichkeit und fahle Soprantöne, strahlend leicht singt Sylvia Kevorkian die Karolka, ebenso in kräftiger Bassfülle Andrey Zemskov den Dorfrichter und gleichermaßen schönstimmig interpretieren Russell Smythe (Altgesell), Tatiana Anlauf (Frau), Elena Lachchenko (Magd), Agnieszka Slawinska (Barena), Anais Mahikian (Jana), Brigitte Dunski (Tante) die kleinen Parts. In bester Dispostion und Artikulation agierte der Chor Opéra national du Rhin. Friedemann Layer am Pult des Orchestre philharmonique de Strasbourg widmete sich zu Beginn einer breiten Partituranalyse, fand jedoch allmählich zu ausgewogen engagiertem Zwischenmaß, harmonischem Melos und expressiver slawischer Deklamation.

Mit begeisterter  Zustimmung und Bravorufen wurde die vorzügliche Produktion gefeiert.

Gerhard Hoffmann


Il Matrimonio Segreto

Opéra National du Rhin, Illiade  

3.05 / Premiere am 24.04.2010

  Die Straßburger Oper zeigt eine neue Produktion des Opéra Studio im Theater des Kulturzentrums „Illiade“ in Illkirch sowie in Mülhausen und Kolmar. Die Sänger entstammen dem Opernstudio („Jeunes Chanteurs du Rhin“). In dem kleinen Theater der Illiade mit etwa 550 Plätzen gibt es keinen Orchestergraben, weshalb man von allen etwa 20 Reihen es stark ansteigenden Zuschauersaals einen guten Blick nicht nur auf die Bühne, sonders auch aufs Orchester hat. Die Akustik, des Raums ist gut, die Sitze sind etwas klein, eng und daher trotz genügender Beinfreiheit unbequem. Die Plätze waren nicht nummeriert, im „Foyer“ herrschte ein ziemliches Gedränge vor der Saalöffnung. Insgesamt ein zweckmäßiger, aber kein gemütlicher Ort.

Die heimliche Ehe ist Cimarosas 54. Oper, 1792 in Wien sechs Jahre nach Mozarts Figaros Hochzeit uraufgeführt, mit dieser musikalisch und thematisch verwandt und wohl das einzige Werk Cimarosas, das hier und da noch auf der Opernbühne erscheint

Die Inszenierung ist vom Konzept her einigermaßen tragfähig und handwerklich ganz ordentlich. Aber der Regisseur verpasste die Chance, die Schönheiten der Musik szenisch umzusetzen. So spielt sich auf der Bühne eine mittelmäßige Komödie ab, die mit der Musik nicht verflochten war. Laut Erklärungen des Regisseurs im Programm ist die Handlung in die 50er Jahre des letzten Jahrhunderts in die französische Provinz verlegt und spielt im Hause des Federmachers Geronimo (wie konnte der mit seinem ärmlichen Gewerbe bloß so reich werden?) Requisiten und Ausrüstung der Werkstatt sowie die Wohnungseinrichtung lassen aber auf die vorletzte Jahrhundertwende schließen; das wäre auch sinnvoller gewesen, denn da gab es ja  noch Grafen…

Der erste Akt spielt in der Federmacher-Werkstatt. Geronimo ist in seiner verglasten Meisterkabine eingenickt; Elisetta und Carolina helfen ein bisschen bei der Aufarbeitung der rosarot eingefärbten Federn und bezicken sich dabei gegenseitig.  Paolino muss sich naturgemäß dienstbar machen. Die Tante Fidalma scheint über die ganze Situation erhaben zu sein, übt aber offensichtlich eine gewisse Macht über die anderen aus. Offensichtlich hat sie das Geld. Die Kostüme im Stile der 50er Jahre sind nett gemacht (Kostüme: Cidalia Da Costa; aber abgesehen von Fidalma und dem Grafen zieht man sich meistens Arbeitskittel über.) Die Handlung des ersten Akts ließ sich zwanglos in der Werkstattumgebung ansiedeln: zwischen Arbeitstischen, der verglasten Meisterkabine, einem Regallager für die Vorprodukte und Fertigwaren und Bearbeitungsmaschinen. Der zweite Akt spielt im Wohnhaus. Es ist ein Flur mit fünf Türen aufgebaut. Hinter den äußeren Türen lassen sich jeweils Zimmer herausdrehen: die des Geronimo und der Tante Fidalma; so konnten interessante, überraschende und rasche Szenenwechsel produziert werden (Bühnenbild: Camille Duchemin). Auf der Spielfläche vor den Türen vollzieht sich dann die plötzliche Auflösung der Geschichte der „heimlichen Ehe“, die in Wirklichkeit ein Muss-Ehe ist: Carolina ist deutlich schwanger, und den Exponenten des Bürgertums (Geronimo und Fidalma) bleibt nichts anders übrig als die Verbindung nachträglich zu sanktionieren. Damit wird der im Libretto ja unwahrscheinlichen Wendung der Handlung noch ein bisschen Stringenz verliehen.

Bei den Straßburger Philharmonikern zeigten sich zunächst erhebliche Intonationsschwierigkeiten bei Holz- und Blechbläsern. Auch benötigte Roland Boёr über eine Viertelstunde, bis alle Musikanten genau das taten, was er mit dem Stock vorschlug. Und erst dann, in der Mitte des ersten Akts, lief alles zusammen, und die Musik, der eigentliche Star dieser Oper, konnte ihre Wirkung entfalten.

Bei der Beurteilung der solistischen Qualitäten darf man nicht zu streng sein, denn die sechs Rollen wurden von den Absolventen des Opéra Studio „Les Jeunes Chanteurs du Rhin“ gesungen. Deren jugendliche Gestalten passten nicht zu den Figuren des Geronimo und der Fidalma. Aber die schauspielerischen Leistungen der Akteure waren gut, und das obwohl die Regie ihnen bezüglich der Personenführung nicht viele Möglichkeiten zur Auszeichnung bot: das war alles recht bieder. Sängerisch traten zu Anfang sehr viele Unsicherheiten auf, die sich teilweise erst im zweiten Akt legten. Am besten kam Olivier Déjean in der Rolle des Grafen Robinson mit seinem kräftigen festen Bass zurecht. Andrey Zemskay als Geronimo fiel mit seinem schwankenden und dünnen Bass ab. Sehr ordentlich und Verlauf immer sicherer der Tenor von Xing Wang als Paolino ebenso wie der schöne warme Mezzo der Anneke Luyten als Elisetta. Eve-Maud Hubaux gab mit zuletzt sicher geführtem Alt die Fidalma. Anaïs Mahikian sang die Carolina bis zum Schluss ohne Leichtigkeit mit schrillen Höhen mit unpassendem dramatischem Anflug. Auch bei den Rezitativen presste sie, so dass deren Fluss gestört war. Wie man leider allen Sängern attestieren muss, dass sie die Rezitative eher als Schwerarbeit auffassten denn als flüssig-leichtes Stilmittel einer Buffa aus dem Jahre 1792.

Das Publikum im ausverkauften Haus war’s aber zufrieden und spendete reichlich Beifall. Warum die Vorstellung erst um halb Neun abends begann und dann bis halb Zwölf dauern musste, war nicht einleuchtend. Der Regisseur erläutert im Programm, dass das Werk auf zwei Stunden Spielzeit gekürzt worden sei; es wurden aber zweieinhalb Stunden. An den Tempi des Dirigenten lag das nicht. Aber da dem Matrimonio eine eine konkludente Handlung im zweiten Akt fehlte ebenso wie der Inszenierung die Spritzigkeit, kam hier und da Langeweile auf.

Manfred Langer

 


LOUISE

18.10.

Opéra National du rhin war wieder für eine Überraschung gut und überzeugte mit einer gelungenen, hervorragenden Produktion von Gustave Charpentiers Boheme-Oper. Generalintendant Marc Clémeur scheint sein Haus mit künstlerischer Hand und sensiblem Gespür auf der Erfolgssprosse entschlossen weiter nach oben zu führen. In ideenreicher Inspiration leitete Vincent Boussard seine vorzüglichen Protagonisten von einem geistreichen Gag zum anderen, verstand es zudem die Choristen individuell zu bewegen, großartig gelangen ihm die spezifisch personifizierten, intimen Momente so u.a. der Eltern-Tochter-Konflikt, die Straßenszene, die Atmosphäre der quirligen Näherinnen, in glaubwürdiger Kombination der grundverschiedenen, ästhetischen Ansätze voll intensiver Innenspannung.

Die Bühne (Vincent Lemaire) fast leer zeigt in abstrakter Schieflage die Mansarde, das Bohemeidyll der Liebenden und alles fernab des gewohnten, malerischen Paris-Klischees. Ausgezeichnet passen die modischen und kleidsamen Créationen (Chantal de la Coste-Messeliére) ins optimale Gesamtkonzept. Patrick Fournillier betont temperamentvoll die dramatischen Aspekte der Partitur mit ihrer unverkennbaren Orientierung zu Wagner, aber auch die typisch lyrische Tonmalerei des französischen Impressionismus. Der feinfühlige Dirigent offenbarte mit dem akkurat musizierenden Orchestre Philharmonique de Strasbourg ein Spiel der Klangfarben, filigranen Nuancen in effektvoller Instrumentalmalerei.

Der makellose Sopran von Nataliya Kovalova erfüllte die Titelheldin mit poetischer Lyrik voll Wehmut, auftrumpfender, jugendlicher Intensität in kämpferischer Attitüde, ein rebellisches Mädchen von heute kämpfte entschlossen um seine Liebe und Freiheit. In wunderbarem Legato erklingt die bestens geführte Stimme in allen Lagen, gleichwohl in traumhaften Piani wie in den dramatischen Aufschwüngen. In anrührender Schlichtheit bringt der junge Calin Bratescu seine Tenorstimme, die Leichtigkeit und Volumen in bestem Einklang verbindet, als schwärmerischer Liebhaber zum wohlklingenden Einsatz. In bester Disposition präsentierte sich der Bassbariton Philippe Rouillon, machte die Angst die den Vater beschleicht, das Kind zu verlieren und sich in panisches Entsetzen verwandelt, sehr eindringlich fühlbar. Ein großartiges Seelenportrait der dominanten Mutter, der vom Leben enttäuschten und frustrierten Ehefrau hinterließ, mit ihrem dunklen und wandlungsfähigen Mezzo Marie-Ange Todorovitch einen bleibenden Eindruck. Neben den hochkarätigen Solisten bestehen eine große Anzahl schöner Stimmer in den unzähligen Nebenrollen und ganz besonders der bestens agierende und vokal präsente Choeurs de l´opera national (Michel Capperon). Das Publikum war hingerissen und feierte alle Beteiligten in jubelnder Euphorie.

Gerhard Hoffmann


SIEGFRIED

30.01.

Mit einer fulminanten Aufführung setzte die Opera national du rhin  die Ring-Schmiede voon Richard Wagner fort und die Aussage des großen Meisters: „Kinder schafft Neues“ gewann wieder Bedeutung und läßt uns nicht am größten Teils, in deutschen Landen verzapften Regie-Schwachsinn verzweifeln. Mit Umsicht und Liebe zum Detail führt David McVicar seine vortrefflichen Sänger-Darsteller durch Text und Szene. In eindrucksvollen Momenten beleuchtet dieser ausgezeichnete Regisseur die psychologische Führung der Figuren und verhilft dem zweiten Ring-Abend zu elementarer und höchst glaubwürdiger Aussage. In jugendlich-ungestümem Übermut zieht Siegfried im filmreifen Stunt den agilen Mime über den Tisch, begegnet kämpferisch dem spinnenartigen Ungeheuer, welches fernab des sonst peinlichen Pappe- und Plastikgetiers, als Metallkonstruktion von acht gestandenen Männern bewegt und mit einer antik anmutenden Maske versehen, sein Unwesen treibt. Nach Siegfried´s Todesstoß erscheint Fafner in menschlicher Gestalt, blutverschmiert auf Stelzen flankiert  von Wotan´s „Raben“  – ein optischer Super-Gag! In natürlich-naiver Glaubwürdigkeit begegnet der Jüngling dem auf einem Sessellift umher schwebenden Waldvogel mit leider unverständlichem Gezwitscher (Malia Bendi Merad) Frech und unbekümmert bezwingt der Bengel den gebrochenen „Großvater“, nähert sich schließlich in verzagten Ängsten der schlafenden Maid und nach drängendem fast ungebändigtem Werben, vereint sich das jubelnde Paar im gipfelnden Eros. Rae Smith schuf wieder das eindrucksvolle Bühnendekor und die wunderschönen Kostüme. Im Halbdunkel Mime´s Schmiede in schönster Ausstattung (sie weckte unvergessliche Erinnerungen an Chemnitz), im Hintergrund und hell beleuchtet das abstrakte Waldgestrüpp und bereits das zweite Bild vorweg nehmend. Sodann darf man wieder im dritten Aufzug den traumhaften Feuerzauber erleben, optimierte Bilderfluten inszeniert von einem meisterhaften Licht-Designer (Paule Constable). Die Liste der eindrucksvollen optischen Eindrücke ließe sich noch fortsetzen und man hätte die bisherigen Ring-Teile auf DVD konservieren müssen!

Zur sportlichen Physis beeindruckte in bester vokaler Verfassung Lance Ryan als Jung-Siegfried. Der Sänger beginnt zunächst sehr lyrisch, teilt sich seine Kräfte sehr klug ein, singt die Schmiedelieder kraftvoll, in wunderschönen Tönen träumt er von der Mutter um sodann lustvoll im heldischen Höhenglanz Brünnhilde Paroli zu bieten. Ja und die erweckte Holde (Jeanne-Michéle Charbonnet) schöpft ihre Kraft mehr aus der angenehm klingenden Mittellage, intoniert unforciert und läßt lediglich die glanzvollen Höhen vermissen. Sonor im tiefen Register orgelt Alexandra Kloose als Erda ihre letzte Klage gegen Wotan. Gekonnt schöpft Colin Judson aus dem Vollen seines ausgezeichneten Charaktertenors und verhilft dem Mime zu intensiver Gestaltung. Seine immense Bühnenpräsenz unterstreicht Jason Howard (Wanderer) mit markig und kernig geführtem Material und angenehm trimbriertem Bass-Bariton.  Vorzüglich verleiht Olek Bryak mit seinem prächtigen und voluminösen Bariton, dem Alberich die klanglich-frische Aussage. Mit profundem Bass haucht Fafner (Jyrki Korhonen) sein Leben aus.

Am Pult des Orchestre Philharmonique de Strasbourg waltete umsichtig Claus Peter Flor und stets bedacht den sauber musizierenden Klangkörper zu einheitlicher Individualität zu führen. Nuanciert erklangen die Streichergruppen und etwas trocken und dominant erlebte man die Bläsersegmente. Diese kleinen Einwände schmälern allerdings nicht den grandiosen Gesamteindruck und die Qualität dieser eindrucksvollen Produktion. Bedingungslose und enthusiastische Zustimmung für alle Beteiligten. Schade, dass man das Ring-Finale erst übernächste Spielzeit fortsetzt.

Gerhard Hoffmann

 

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