DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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PETER GRIMES

Zweite Vorstellung am 27.03.2012             (Premiere am 24.03.2012)

Unter die Haut gehende Inszenierung und starke musikalische Gesamtleistung

Peter Grimes ist die zweite Oper Benjamin Brittens, 1945 in London uraufgeführt, und bis heute eine seiner regelmäßig gespielte Werke, allein in dieser Spielzeit sieben Neuproduktionen in Europa, davon vier in Deutschland. --- In vielen seiner Bühnenwerke thematisiert Britten den Außenseiter, in etlichen auch  Interaktion alter/reifer Mann mit jungem Mann/Knabe. In Peter Grimes kommt beides zusammen. Aber vorwiegend geht es um Peter Grimes, der am Rande einer bigotten Gesellschaft von doppelbödiger Moral lebt. Er ist ausgegrenzt, wohnt außerhalb des Dorfs in einer kleinen Fischerhütte am Meer, ist per se verdächtig, könnte auch Jude sein oder –was bei Britten näher liegt – Homosexueller. (Dass er die Witwe Ellen Orford in einer günstigeren Konstellation geheiratet hätte, ist wohl auszuschließen.) In der meisterhaften Inszenierung von Matthias Kaiser wird von Anfang an allein durch die Personenregie klar: Auf der einen Seite steht die Gemeinde als anonyme uniformierte Gruppe, weit außerhalb und zeitweise auch durch andere Beleuchtung abgehoben, Peter Grimes. Dazwischen agieren die anderen z. T. auch buffonesken Figuren (zusammen mit Grimes immerhin 14 Rollen, davon zwölf Sänger) – alle ihre eigenen Interessen verfolgend; Gemeinsinn geht anders!

Peter Grimes möchte, wo er schon von der Gemeinde gehasst wird, wenigstens deren Achtung erlangen und zwar durch Reichtum, den er sich durch spektakuläre Fischfänge erhofft. Dann würde der ewige fatale Klatsch über ihn aufhören, die Gemeinde seinen Reichtum bewundern – und er könnte Ellen Orford, verwitwete Lehrerin im Dorf heiraten. Bei der Verfolgung dieses Ziels geht er rücksichtslos vor, was zwei seiner Lehrburschen das Leben kostet. Die Gemeinde hält die Moral hoch wie Rachedurst und wünscht Grimes wegen eines Tötungsdelikts verurteilt. Seinen Freispruch akzeptiert sie nicht und schreit nach Rache. Dann versammelt sich die Gemeinde zu frommen Gesängen in der Kirche, um gleich nach dem Service in die Spelunke von „Auntie“ zu ziehen, die mit ihren beiden Prostituierten (angeblich ihre „Nichten“) ein florierendes Geschäft mit dieser sauberen Gesellschaft und auch mit dem Bürgermeister betreibt. Die frömmelnden Gesänge haben keine nachhaltig heilsame Wirkung auf das Gruppenverhalten der Gemeinde; sie schaukelt sich zu neuem Lynch-Geschrei auf. Grimes, von der Hoffnungslosigkeit seiner Existenz überzeugt, fährt aufs Meer und versinkt dort samt seinem Schiff.Manfred Gruber hat für das Geschehen (ein Vorspiel, drei Akte in sieben Bildern mit sechs „Interludes“) eine sehr eindrucksvolle fast abstrakte Einheitsbühne gebaut, deren schwarze Dreieckselemente mit roten Rändern die Assoziationen zum Meer herstellen: spitzer Bug, spitzes Segel; schräg über die Bühne sind leuchtend rote Wanten gespannt. Durch Bewegungs- und die ebenso einfachen wie effektvollen Beleuchtungswechsel werden die einzelnen Szenen von einander abgehoben, wobei es für jemanden, der die Handlung nicht kennt, nicht ganz einfach ist, die Szenen zu verorten. Hier hilft aber eine perfekt handlungstragende Personenregie. Diskrete Projek-tionen auf den Bühnenprospekt und -boden sowie auf einen Schleie-rvorhang suggerieren die Wellenbewegung des Meers. Der Mittelteil der Szenerie besteht aus der quer verlaufenden Hebebühne, mit welcher die Regie vor allem das Chorgeschehen auf drei Ebenen ablaufen lassen kann, was besonders eindrucksvoll in der Kirchenszene gelingt, wo der Chor zuerst als Fernchor unter der Bühnenebene singt, dann langsam heraufgefahren wird, bis man diese ganze feine Gesellschaft in erhöhter Position sieht, mit teilweise geschwärzten Gesichtern. Die Kostüme der Produktion stammen von Angela C. Schuett. Sie hat den Chor („die Gemeinde“) einheitlich in schwarze Hemden und Blusen von zeitlosem Schnitt bekleidet mit jeweils einer Plastikschürze in Dunkeloliv und einer roten Kordel als Gürtelersatz, farblich mit dem Bühnenbild abgestimmt. Die Protagonisten sind ebenfalls alle in dunkle Kostüme mit teilweise funktionalen Attributen vom Gummistiefel bis zum Kollar.Durch die Kürzung der Oper um etwa eine halbe Stunde auf knapp zweieinhalb Stunden reine Spielzeit werden Längen vermieden. Die Regie exponiert die Handlung im Vorspiel gekonnt, baut dann immer mehr Spannung auf bis zum ergreifenden Ende: Am Ende des vorletzten Bilds intoniert der Chor mit achtfacher Wiederholung ein gewaltiges, herausforderndes und zur Bedrohung sich steigerndes „Peter Grimes!“, Höhepunkt der Oper. Grimes scheint zu Beginn der letzten Szene schon auf dem Meeresgrund zu sitzen; er halluziniert in seiner Verzweiflung; die Chorrufe „Peter Grimes!“ kommen nun abgeschwächt aus verschiedenen Richtungen gespenstisch aus dem Off. Peter Grimes verschwindet, ein rotes Tau hinter sich herziehend im Bühnenhintergrund, das Tauende verschwindet dann auch. Die Gemeinde hört von einem Gerücht, dass ein Boot gesunken sei. Das interessiert nicht. Mit dem Chorgesang „In ceaseless motion comes and goes the tide“ zum Leitmotiv der Klarinette endet die Oper und lässt das Publikum zunächst still.Das unter seinem GMD Victor Puhl gleichermaßen präzise wie prägnant aufspielende Philharmonische Orchester der Stadt Trier und ein Sängerensemble von beachtlicher Qualität komplettierten den gewaltigen Eindruck dieser Produktion. Das Orchester deckte die große Suggestivkraft der Musik auf, erreichte Dramatik durch enorme Energiefreisetzung und leuchtete aber auch die feinen Passagen filigran aus. Naturalistisch-programmatisch wurden die Gewalten der Natur (der See) in den sechs Interludes musikalisch entfaltet. (Diese wurden leider bei geschlossenem Vorhang gespielt, was ein nicht zu vernachlässigender Teil des Publikums prompt zu anscheinend wichtigen privaten Mitteilungen nutzte, weil es ja gerade nichts zu sehen gab.) Britten hat später vier der Interludes als „Sea Interludes“ für den Konzertsaal herausgegeben. Bedrohlichkeit und Beklommenheit schweben musikalisch über der Bühne und dem Chor. Ja, überhaupt der Chor! Peter Grimes ist eine großartige Choroper, was der mit dem Extrachor verstärkte Opernchor (Einstudierung: Angela Händel) eindrucksvoll belegte. Nicht nur beim gewaltigen „Peter Grimes!!!“, sondern auch in der dynamischen Bewegungsregie.

In drei Hauptrollen waren Gastsänger engagiert. Zuvörderst ist Gianluca Zampieri in der Titelrolle zu nennen. Der italienische Tenor, der sich zunehmend auch dem deutschen und englischen Fach zugewendet hat, hatte zu Beginn zwar etwas mit den Höhen zu kämpfen, wuchs aber gesanglich mit schön baritonaler Färbung und noch mehr schauspielerisch in tief beeindruckender Weise in seine Rolle. Susanne Schimmacks üppiger ausladender ausdrucksstarker Sopran verlieh der Ellen Oxford Profil; lediglich einige Spitzentöne klangen recht angestrengt. Diane Pilcher überzeugte als Wirtin Auntie mit feinem, sauberem hell timbriertem Alt. László Lukács gestaltete mit warmen, ausdrucksstarken und kräftigem Bariton den Captain Balstrode und verlieh ihm auch schauspielerisch viel Statur. Die Mrs. Sedley wurde von dem jungen Mezzo Claudia-Denise Beck gegeben, die über sehr feines stimmliches Material verfügt, sich aber noch etwas mehr Volumen erarbeiten könnte. Sie als giftspritzende Laudanum trinkende alte Witwe zu präsentieren, konnte der Maske nicht ganz gelingen. Pawel Czekala gab mit rundem und schön verständlichem Bass den Bürgermeister Swallow. In weiteren Rollen: Carsten Emmrich mit kräftigem Bass als Fuhrmann Hobson und Amtsdiener; Carlos Aguirre mit kultiviertem Bariton als Apotheker Keene, Svetislav Stojanovic als Reverend Adams mit leichtem schön geführtem Tenor. Joana Caspar und Evelyn Czesla gaben die beiden Nichten mit gefälligem Spiel und Gesang – meist im Duett. Luis Lay als der zweifelhafte Charakter des Fischers und Methodisten litt an diesem Abend leider an einer deutlich durchhörbaren Indisposition, was andererseits diesem fiesen Kerl eine besondere Note verlieh.

„Jeder Platz, der frei bleibt, wäre eine Schande.“ schrieb Dieter Lintz im Trierischen Volksfreund. Die Schande ist groß. An diesem Abend war nur ein Drittel der etwa 600 Plätze im Theater Trier besetzt. Das wird sich sicher noch steigern, denn außer guter Presse gibt es noch sechs weitere Termine: 30. März; 1., 14., 20. 29. April; 5. Mai. Das an diesem Abend anwesende schüttere Publikum spendete aber dieser Vorführung von außergewöhnlicher Qualität einen Applaus, wie ihn das Theater wohl selten erlebt. Zu Recht hielt rhythmisches Klatschen noch an, als die Lichtschieber schon einige Zeit hoch geregelt waren. Für Kulturbeflissene gibt es derzeit einen Grund mehr, nach Trier zu fahren: unbedingt anschauen!

Manfred Langer, 28.03.2012

 

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