DER ZWERG & HERZOG BLAUBARTS
BURG
Psychologisch ausgefeilt - Zumindest
in szenischer Hinsicht war die Ulmer Neuproduktion der zu einem Abend
kombinierten Operneinakter „Der Zwerg“ von Alexander Zemlinsky und „Herzog
Blaubarts Burg“ aus der Feder Bela Bartoks zu Recht ein voller Erfolg. Einmal
mehr hat sich gezeigt, dass an kleineren Bühnen oft viel eindrucksvollere
Produktionen aus der Taufe gehoben werden als an den großen Häusern.
Benjamin Künzel besinnt sich bei seiner Inszenierung des „Zwerges“ auf den
autobiographischen Hintergrund des Komponisten: Der unansehnliche Zemlinsky
liebte im schönen Wien Alma Schindler, wurde von ihr aber zugunsten Gustav
Mahlers verlassen. Demgemäß siedelt der Regisseur das Stück in Wien zu Beginn
des letzten Jahrhunderts an. Eindrucksvoll zeigt er das Bild einer dekadenten
Adelsgesellschaft auf, die in einem von Britta
Lammers entworfenen, ziemlich heruntergekommen anmutenden Palais ihr
Domizil hat. Als äußeres Zeichen ihres Niedergangs bröckelt von den hinten im
spitzen Winkel zusammenlaufenden zwei Wänden der Putz. Von dem einstigen Glanz
der von Katja Krannich mit
historischen Kostümen versehenen Bewohner ist nicht mehr viel zu spüren. Der
Hauptaspekt der Produktion ist indes geistiger Natur. Mit einem gelungenen psychologischen
Kunstgriff spaltet Künzel die Figur des Zwerges auf: in eine von einem
Statisten geführte, hässliche Puppe und in den eleganten, gut aussehenden
Sänger der Rolle. Hier der Wunschtraum, dort die Realität, deren tragische
Konfrontation in der Selbsterkenntnisszene des Zwerges ihren tragischen
Höhepunkt erreicht: Das blendend aussehende Alter Ego spaltet sich von seinem
missgestalteten Original ab, öffnet die Spiegeltüren und konfrontiert den Gnom mit
seiner wahren Gestalt - ein ganz gewaltiger Eindruck! Die hässliche Puppe
stirbt, der Sänger überlebt. In der grausamen Welt hat eben nur die Schönheit
Platz. Diese Mentalität war Zemlinsky nicht unbekannt.
Psychologisch ausgefeilt
ging es auch bei „Herzog Blaubarts Burg“ zu, die Corinna Tetzel gekonnt in Szene setzte. Als äußere Klammer zwischen
den beiden Stücken dient ihr das praktisch unveränderte Bühnenbild des
„Zwerges“, ergänzt durch eine Schaukel, auf der sich Judith zu Beginn
unbekümmert vergnügt, während Blaubart steif und ungelenk hinter ihr steht. Er
ahnt bereits das Kommende. Die für die Handlung wichtigen sieben Türen, die Blaubart
auf Verlangen Judiths nach und nach öffnet, werden von der Regisseurin nicht
äußerlich, sondern als Zugang zum Inneren gedeutet. In einfühlsamer Art und
Weise führt sie dem Zuschauer das Seelenleben der Beteiligten vor Augen. Die
Türen führen gleichsam zu den tiefsten Geheimnissen der menschlichen Psyche, die
nach und nach offenbar werden. Sie eröffnen die Wege in Blaubarts Vergangenheit,
in der auch seine drei früheren Ehefrauen immer noch ihren Platz haben. Konsequenterweise
sind die Frauen fast ständig präsent, zuerst einzeln und dann schließlich
gemeinsam. Sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie ihrem Mann immer noch zugetan
sind und ihm nichts nachtragen. Nicht um eine Flucht in die Erinnerung geht es
Frau Tetzel, sondern um die Versöhnung Blaubarts mit seiner fragwürdigen Vergangenheit,
zu der seine ehemaligen Partnerinnen nachhaltig ihren Teil beitragen. Das ist
ein Thema, das zu allen Zeiten Geltung beansprucht. Demgemäß hat Judith Adam die Handlungsträger in
moderne, dunkle Anzüge gesteckt. Das war alles recht überzeugend und stringent
umgesetzt.
In gesanglicher Hinsicht
blieben bei dem „Zwerg“ einige Wünsche offen. Dies gilt insbesondere für Hans-Günther Dotzauer, der sich mit
sehr maskigem und in der Höhe ziemlich kehligemTenor nicht gerade als
Idealbesetzung für die Titelrolle erwies. Er sollte daran arbeiten, seine
Stimme in den Körper zu bekommen. Wenig ansprechend war auch Edith Lorans, die die Donna Clara mit
ziemlich variablem Stimmsitz sang. In der Mittellage klang ihr Sopran recht
ordentlich. Sobald sie in die Höhe ging, verlor sie aber die nötige
Körperstütze, woraus eine ziemlich dünne Tongebung resultierte. Hervorragend
schnitten dagegen in den Partien von Ghita und Don Estoban Katarzyna Jagietto und Jeoung-Su
Seo ab, die beide mit sonorem Stimmklang und einer vorbildlichen
italienischen Technik aufwarteten. Bei den Zofen/Mädchen von Evelyn Manja, Katharina Peters und Eleonora Halbert hielten sich Positiva
und Negativa die Waage. Solide war der Chor. Sängerisch nichts auszusetzen gab
es bei dem in ungarischer Sprache dargebotenen „Blaubart“. Tomasz Kaluzny gab den Herzog mit kernigem, ebenmäßig geführtem Bariton.
Mit vollem, rundem und tiefsinnigem Mezzosopran gestaltete Roswitha
C. Müller eine intensive Judith. Einen dazu erfundenen Prolog sprach Lorant Martonfi.
Nicht weiter verwunderlich
war, dass GMD James Allen Gähres
nach der Pause bei seinem Gang zum Pult vom Publikum nicht beklatscht wurde. Er
und das Philharmonische Orchester der
Stadt Ulm waren weit davon entfernt, zum musikalischen Kern des „Zwerges“
vorzustoßen, sie verloren sich einmal mehr in bedeutungsloser
Oberflächlichkeit, so dass von einer tiefschürfenden Interpretation des Werkes
keine Rede sein konnte. Das expressive, fluoreszierende Melos von Zemlinskys
Musik blieb weitgehend auf der Strecke, die sonst bei dieser herrlichen Oper zu
spürende berauschende Wirkung wollte sich an keiner Stelle einstellen. Auch in
den „Blaubart“ vermochten die technisch nicht gerade versierten Musiker trotz
mancher gut gemeinten Intention des Dirigenten nicht sonderlich tief einzutauchen
und beschränkten sich darauf, lediglich Dienst nach Vorschrift zu machen. Einmal
mehr litt am Ulmer Theater ein szenisch phantastischer Abend unter der mangelnden
Leistung des Orchesters.
Ludwig Steinbach
DAS RHEINGOLD
Kraft der Bilder
Wenn man
an diesem Abend den Zuschauerraum des gänzlich ausverkauften Ulmer Theaters
betrat, erschloss sich dem Auge zunächst eine auf den Vorhang projizierte Schrift:
„Ich - und du! Wir erben die Welt“ prangt dort in riesigen Lettern. Dabei handelt es sich um ein Zitat aus der
„Götterdämmerung“, um die Antwort Alberichs auf die Frage seine Sohnes Hagen,
wer der Ewigen Macht erben würde. Nun befinden wir uns hier nicht am
Schlussabend von Wagners gewaltiger Tetralogie, sondern an deren Anfang, dem
„Rheingold“. Die „Götterdämmerung“ wird es am Ulmer Theater voraussichtlich nicht
geben, der aus dem Gesamtzusammenhang gerissene Vorabend erfährt an der Donau
eine Einzelaufführung, deren Besuch in szenischer und gesanglicher Hinsicht
voll lohnt. War man zuvor noch etwas skeptisch, ob dem kleinen Ulmer Theater,
das in Sachen Wagner nicht viel Erfahrung hat, dieser enorme Kraftakt gelingen
würde, so wurde man rasch eines Besseren belehrt. Insbesondere die szenische
Seite der Produktion war geeignet, Begeisterung hervorzurufen. Regisseur Matthias Kaiser und seine
Bühnenbildnerin Marianne Hollenstein setzen
durchgängig auf herrlich anzusehende Bilder von großer Kraft und Poesie, die
rein optisch höchsten Genuss bereiteten. Schon die Rheinszene mit ihren auf
einen durchsichtigen Gaze-Vorhang projizierten schimmernden Wogen und
aufsteigenden Luftblasen zog einen in ihren Bann. Hier hatte man wirklich das Gefühl,
sich unter Wasser zu befinden - ein phantastischer Eindruck, der seine Wirkung
nicht verfehlte. Man bekam direkt Lust, sich dem hier zunächst als Taucher mit
Sauerstoffmaske vorgeführten Alberich anzuschließen und sich mit ihm zusammen
an dem Anblick der von Angela C. Schuett
bezaubernd eingekleideten Rheintöchter zu erfreuen. Da verwunderte es nicht,
dass der Nibelung angesichts der wunderbar anzusehenden Nixen in großes
Begehren verfiel. Das Rheingold bestand aus einem riesigen gelb schimmernden Tüllvorhang,
der praktisch nahtlos in ein riesiges Bodentuch derselben Farbe überging. Der
gefällige optische Eindruck setzte sich bei den folgenden Szenen ungeschmälert
fort und erreichte bei dem wunderbar ausgeleuchteten Einzug der Götter in
Walhall einen weiteren Höhepunkt. In der Tat gebührt dem von Ulrich Babst geleiteten
Beleuchtungsteam großes Lob für die einnehmenden Lichtstimmungen, die dem
Ganzen eine ganz spezielle Note verliehen. Die Ausstattung war purer Genuss. In
diesem sehr romantisch anmutenden Ambiente erzählte der Regisseur das Stück
lebendig und schwungvoll, wobei er auch dem Intellekt einiges zu bieten hatte. Eine
konventionelle Inszenierung, die neben schönen Eindrücken auch Denkanstöße
gibt, ist selten. Grübeln konnte man schon bei dem Ring, der von Kaiser als
Schlagring interpretiert wurde, eine treffliche Versinnbildlichung für nackte Gewalt
und Grausamkeit. Der in der aus dem Boden emporsteigenden Fabrik Nibelheim
produzierte Hort erfährt eine doppelte Deutung. Seine etwas verwirrende Darstellung
als Müllberg - konsequenterweise sind die Nibelungen Müllmänner - macht bei
näherer Betrachtung durchaus Sinn: Der höchste materielle Wert des Menschen ist
letztlich nichts wert, wenn er - wie hier - auf Kosten der Liebe geht. Wert
wird so zum Unwert - eine sehr ethische Interpretation. Später wird Freia bei
ihrer Auslösung mit Geldscheinen zugedeckt. Hier wartet der Regisseur mit einem
gehörigen Schuss Kapitalismuskritik auf, die bereits anhand der schicken,
modernen Kostüme der Götter angedeutet wurde und auch in den beiden Fasolt und
Fafner zugeordneten überdimensionalen Händen, die die Raffgier der Riesen
symbolisieren sollen, einen trefflichen Ausdruck fand. Die Burg Walhall, zu der
eine Startbahn führt, gleicht auffällig dem Bühnenportal des Ulmer Theaters,
über dem das Motto der diesjährigen Ulmer Spielzeit „Mehrwert“ zu lesen ist. Theater
auf dem Theater: Das kann man machen. Der Mehrwert kann stückbezogen als auf
Kosten der Liebe erzielter schnöder Gewinn, wohl aber auch als Seitenhieb des
Regisseurs auf die fragwürdige Ulmer Kulturpolitik, unter der das Theater zu
leiden hat, verstanden werden. Dass seine Beziehung zum Ulmer Gemeinderat nicht
gerade die beste ist, stellt kein Geheimnis dar. Die Botschaft ist klar: Das
Ulmer Theater muss erhalten bleiben. Dieser Regisseur versteht sein Handwerk! Auch
den Zuschauerraum bezieht er oft in die Handlung mit ein. So befinden sich
Wotan und Fricka zu Beginn des zweiten Bildes noch in den Seitenlogen, bevor
sie sich dann zu ihrem Disput auf die Bühne begeben. Alberich verflucht den
Ring von der ersten Parkettreihe aus, von hier aus prophezeit der sich von den
Göttern distanzierende Loge das Ende der Asen, während die Rheintöchter in den
Ranglogen völlig desillusioniert die Müllsäcke begutachten. Gleichsam ein
Sahnehäubchen stellte die Video-Projektion Erdas auf den transparenten Vorhang
dar. Dadurch erhielt die Szene etwas Mystisches und Surrealistisches. Das war
alles sehr stimmig und großartig umgesetzt. Langweilig wurde es wirklich nie.
Die ca. zweieinhalb Stunden Spieldauer vergingen wie im Fluge. Ein herzliches
Dankeschön an Matthias Kaiser für diese überaus gelungene Inszenierung.
Insgesamt überraschend gut waren
die gesanglichen Leistungen. Geradezu ein Vorzeige-Wotan war der junge Kwang-Keun Lee, der sich mit seinem
prächtigen, sonor und ausdrucksstark dahinströmenden Bariton als Idealbesetzung
für den Göttervater erwies. Diesem Sänger, der eine vorbildliche italienische
Technik sein Eigen nennt, steht eine große Karriere bevor. Es wäre interessant,
ihn auch einmal mit Verdi oder Puccini zu hören. Fast noch übertroffen wurde er
von Jeoung-Su Seo, der mit ebenfalls
äußerst klangvollem, hellem Bass italienischer Schulung die kleine Partie des
Fafner ungemein aufwertete. Auch ihm sollten die größten Häuser nicht
verschlossen bleiben. Ein sehr stimmkräftiger und robuster, von seinem äußeren hühnenhaften
Erscheinungsbild für den Riesen Fasolt geradezu ideal war Dirk Aleschus. Eine solide Technik und einfühlsame Linienführung
zeichneten die Fricka von Roswitha C.
Müller aus. Eine beachtliche Leistung ist Tomasz Kaluzny zu bescheinigen, der dem Alberich mit solide gestütztem
Bariton und markanter Tongebung ein insgesamt passables Profil zu geben wusste.
Ein zeitweiliges leichtes Schwächeln in der extremen Höhe fällt nicht
sonderlich ins Gewicht. Indes lag er bei der Stelle „Die in linder Lüfte wehen“
intonationsmäßig stark daneben. Und den Text sollte er sich vielleicht noch
einmal ansehen. Eindringlich gab Claudia Vetter Erdas Warnung zum
Besten. Über beachtliches, gut gestütztes Stimmmaterial verfügte der Froh von Joung-Woon Lee. Tadellos auch Katarzyna Jagiello und Gillian Crichton als Wellgunde und
Floßhilde. Edith Lorans sang die
Woglinde über weite Strecken recht ordentlich, verlor indes im oberen
Stimmbereich manchmal die nötige Körperstütze. Letztere vermisste man auch bei
dem schauspielerisch ansprechenden, windigen Loge von Alexander Schröder und dem stark maskig intonierenden Mime Hans-Günther Dozauers. Dem Donner
vermochte Young-Jun Ha mit noch
ziemlich unfertig klingendem, unruhig und tremolierend geführtem Bass kein
glaubhaftes Pfofil zu geben. Der Gewitterzauber fand auf diese Weise nicht
wirklich statt. Oxana Arkaeva
brachte einen ungenügend focussierten und sehr unsteten Sopran in die Partie
der Freia ein.
So weit so gut. Bleiben noch
Dirigent und Orchester.
Und hier stand es leider nicht zum Besten. Gespielt
wurde den Ulmer Verhältnissen angepasst eine besetzungsgemäß reduzierte
Fassung. Der daraus resultierende Eindruck war teilweise ziemlich ungewohnt. Alexander Drcar machte aus der Not eine
Tugend und gab Wagners Musik eine sehr kammermusikalische Ausdeutung. Viele
Stellen klangen zu lyrisch. Die Dramatik blieb oft auf der Strecke. Zudem lies das
Philharmonische Orchester der Stadt Ulm
Brillanz und Ausdrucksintensität vermissen. Das gilt insbesondere für die
gerade bei diesem Werk so wichtigen Hörner. Der von der Instrumentenzahl her sowieso
schon sehr stark reduzierte Es-Dur-Beginn klang dünn und etwas zaghaft. Auch die
wenig glanzvolle Solo-Trompete vermochte nicht für sich einzunehmen. Die beim
ersten Erstrahlen des Rheingoldes ertönende Fanfare hatte einen ziemlich matten,
distanzierten Klang. Derselbe Eindruck drängte sich auch bei der Schlussapotheose
auf, wenn die Götter Walhall zuschreiten. Zudem gab es manchmal Koordinationsschwierigkeiten
zwischen Graben und Bühne, was Unsicherheiten bei der Erzählung Mimes und ein
verpasster Einsatz Frohs bei „Zur Burg führt die Brücke“ belegten. Außerdem
waren die von Drcar angeschlagenen Tempi nicht immer ausgewogen. Mal eilte er
mit den Musikern regelrecht davon. Andere Stellen, wie beispielsweise Wotans
„Verträge schützt meines Speeres Schaft“ zog er dagegen stark schleppend in die
Länge. Schade um eine Vorstellung, die sich rein szenisch einen Sonderstern
verdient hat und deren Besuch trotz der Einschränkungen in musikalischer
Hinsicht sehr empfohlen werden kann. Vielleicht entschließt sich die
Theaterleitung ja doch noch, den ganzen „Ring“ zu stemmen. Das wäre sehr zu
begrüssen und nach dem überaus großen Interesse des Publikums schon am
„Rheingold“ auch finanziell sicher ein Gewinn. Das ist doch wohl einer
Überlegung wert? Man denke nur an das Freiburger Theater, wo vor fünf Jahren
ebenfalls nur „Rheingold“ geplant war, dann aber mit gewaltigem Erfolg einer
der eindrucksvollsten „Ringe“ der Gegenwart geschmiedet wurde.
Ludwig Steinbach
LA BOHEME
Szenisch gefällig,
musikalisch fragwürdig - Von der im letzten Herbst am Ulmer Theater
herausgekommenen Neuproduktion von Puccinis „La Boheme“ überzeugte in erster
Linie die kluge Regie von Matthias
Kaiser. Der Regisseur hat sich über das Stück gute und nachvollziehbare
Gedanken gemacht, die zumindest die szenische Seite der Aufführung zu einem vollen
Erfolg werden lies. Kaiser hat es trefflich verstanden, das Werk zu
modernisieren, ohne ihm dabei Gewalt anzutun. Er lässt das Ganze in einem von Britta Lammers entworfenen ausgedienten,
schäbig und heruntergekommen anmutenden Theater auf dem Theater mit
integrierter Einbauküche spielen, das von seinem treuen, von Angela C. Schuett mit zeitgenössischer,
legerer Alltagskleidung ausgestattetem Ensemble noch nicht verlassen wurde. In
unumstößlicher Treue verharrt die nun der Armut ausgelieferte Theatertruppe an
ihrem alten Arbeitsplatz und geht weiter ihren gewohnten Beschäftigungen nach.
Der Dichter Rodolfo schreibt ein Stück, Bühnenbildner Marcello arbeitet an
einer kleinen Modellbühne und die Kostümbildnerin Mimi inspiziert die alten
Kostüme. Ihrer trostlosen Situation begegnen die ehemaligen Theatermitglieder
mit ausgelassenem, aber gekünsteltem Humor. Sie erkennen, dass sie an ihrer
Lage nichts ändern können, und führen mit dem vor dem Cafe Momus spielenden zweiten
Bild allein für sich noch einmal ein Stück auf, mit dem sie ihrer Sehnsucht
nach einer heilen Welt nachhaltig Ausdruck verleihen. Der Alltag holt sie aber
schnell wieder ein. Gnadenlos werden die Schauspieler wieder in die triste
Realität zurückgestoßen. In diesem Ambiente funktioniert Puccinis Oper ganz ausgezeichnet.
Den Kern des Werkes hat Kaiser voll getroffen. Bravo!
Bei den sängerischen
Leistungen hielten sich Positiva und Negativa in etwa die Waage. Für die Mimi
stellte Oxana Arkaeva keine Idealbesetzung
dar. Ihr Gesangsstil ist von den Vorzügen einer vorbildlichen italienischen
Technik mit solider Körperstütze und einfühlsamem Appoggiare la voce weit
entfernt. Teilweise war ihre Tongebung sehr unstet. Ihr sprödes, robustes
Timbre ist ebenfalls nicht das schönste. Da verwunderte es nicht, dass der
obligate Applaus nach der Arie „Si. Mi chiamano Mimi“ diesmal ausblieb. Man muss
ihr indes zugute halten, dass sie nach der Pause auf mehr Linienführung und
Piani bedacht war. Da saß ihre Stimme auf einmal besser, klang angenehmer und
entfaltete auch eine etwas berührendere Wirkung. Ein ansprechender tiefgründiger
Squillo ging auch dem ziemlich flach singenden Rodolfo von Pedro Velazquez Diaz gänzlich ab. Da schnitt Edith Lorans als Musetta schon besser ab. Insbesondere in der
Mittellage und bei den langen Bögen von „Quando m’ en vo“ wies ihr Sopran eine
schöne Rundung auf. Die teilweise sehr schnippisch dargebotenen Parlandostellen
sowie die Spitzentöne hätten allerdings etwas besser im Körper sitzen können. Absolut
phantastische Leistungen sind Kwang-Keun
Lee (Marcello) und Jeoung-Su Seo
(Colline) zu bescheinigen, die mit ihren hervorragenden, italienisch geschulten
Stimmen, sonorem Stimmklang und einfühlsamer Linienführung die Stars des Abends
waren. Es dürfte wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis diese beiden
grandiosen Sänger an größere Bühnen abwandern. Ihnen steht eine große Karriere
bevor! Dieses hohe Niveau erreichte Tomasz
Kaluzny in der Rolle des Shaunard zwar nicht, er war aber insgesamt recht
passabel. In den Partien von Benoit und Alcindoro bewährte sich mit tadellosem
Bass Winfried Knoll. Für den
Sergeant und den Zöllner stellte Michael
Burow-Geier eine gute Besetzung dar. Halsiges Tenormaterial brachte Girard Rhoden für den Parpignol mit.
Durchschnittlich sang der von Wolfgang
Wels einstudierte Chor.
Schlimm war es um die
orchestrale Seite der Aufführung bestellt. Zu sagen, dass Dirigent und
Orchester Puccinis Werk nicht sonderlich am Herzen lag, ist noch stark
untertrieben. Was Michael Weiger und
das Philharmonische Orchester der Stadt
Ulm an diesem Abend boten, war wahrlich die mit Abstand mäßigste
Realisierung von Puccinis herrlicher Musik, die mir je begegnet ist! Noch nie
habe ich ein derart uninspiriert, trocken und belanglos spielendes Orchester
gehört. Alles, was man mit Puccinis Klangwelt im Allgemeinen verbindet, blieb
an diesem Abend gänzlich auf der Strecke: Wärme, Gefühl, Leidenschaft, Expressivität
und Rauschhaftigkeit wollten sich an keiner Stelle einstellen, ganz zu
schweigen von einem beseelten, ausgefüllten Klang. Von großer
Ausdrucksintensität konnte unter diesen Umständen ebenfalls keine Rede sein.
Die nicht sehr versierten Musiker beschränkten sich darauf, das ganze Stück
ziemlich lust-, lieb- und teilnahmslos herunterzuspielen; sie distanzierten
sich nachhaltig von der Musik anstatt ihr zu dienen. Stellen, deren emotionaler
Gehalt den Zuhörer sonst regelrecht zu Tränen rührt, ließen einen in Ulm schlicht
und ergreifend kalt, sie verloren sich in bedeutungsloser Oberflächlichkeit. Die
letzten Takte entbehrten jeglicher Dramatik, die von Puccini hier intendierte
tragische Wirkung blieb gänzlich aus. Dirigent und Orchester präsentierten
praktisch nur ein hohles Gerippe von Puccinis reichhaltiger Partitur, dem es in
höchstem Maße an Brillanz und Inhalt mangelte. An diesem Abend hätte der
Komponist laut geweint. Armer Puccini!
Ludwig Steinbach