UNSITTEN (Teil 1)WIDER DEM GEMEINEN KONZERTHUSTER
"Husten,
lat. Tussis, stoßweise und tönende Ausatmung unter krampfhaften Schluß
der Stimmritze..." usw. (Meyers Konversationslexikon, 6. Auflage)
Wer
von uns, liebe Opern- und Konzertfreunde, hätte nicht schon unter
Gleichgesinnten Menschen in einem erhebenden Konzert gesessen, sich der
Eleganz der Melodiebögen, dem ätherischen Ton der Harfe, gelungenen
Tempi, den zärtlichen Klängen von Flöten, Violen und Violinen, dem
Unisono kraftvoll gestrichener Bässe oder dem perlenden Pianissimo
einer Klaviatur hingegeben – und mit aufkochendem Hass hinter, neben
oder vor sich das Sperrfeuer des gemeinen Konzerthusters (tussator
vulgaris) ertragen müssen? Es ist dies ein Phänomen, das dem normalen
Verstand so wenig zugänglich ist wie das Begreifen der Weite des
Universums. Der grandiose dänische Pianist Victor Borge (1909-2000),
ein virtuoser Komödiant am Klavier, hatte als einen der Höhepunkte in
seiner weltweit umjubelten Bühnenshow die „Husten-Sonate“: Er spielte
minutenlang piano, suppresso, pianissimo – und nickte freundlich jedem
der unvermeidlichen Huster im Auditorium zu. Das Übel muss man eben
beim Namen nennen.
Was aber tun? Es gibt
Hustensäfte voller beruhigendem Alkohol (mein Schwager, der Apotheker
ist, erzählt gerne von den alten Damen, die früher regelmäßig nachts an
die Notdienstklappe kamen, um sich unter dem Vorwand des Hustens ihre
heimliche Dröhnung abzuholen), es gibt Bonbons mit nicht knisterndem
Papier, die man zur Besänftigung des gereizten Halses lutschen könnte –
man könnte sogar zu Hause bleiben, wenn man unter Hustenreiz leidet und
sich im heimischen Gehäuse eine schöne Schallplattenaufnahme anhören.
Die kann man dann zerhusten, wie man mag. Wer dennoch auf das Erlebnis
des Konzerts nicht verzichten möchte, könnte, nein: sollte mindestens
ein großes, gefaltetes weiches Taschentuch parat haben, um es im Fall
des Falles vor den Mund zu führen und damit das alle, besonders die
Musiker bis ins Mark störende Geräusch zu unterbinden. Das wäre das
mindeste an Höflichkeit, was man von einem kultivierten Menschen – ich
unterstelle bei allen, die ein Sinfoniekonzert besuchen, wenigstens ein
Mindestmaß an Kultur – erwarten könnte, dürfte, ja müsste. Aber
mitnichten. Da prasseln, nach anfänglich leichten, quasi die Wirkung
testenden Einzelschüssen ganze Salven brutal und völlig rücksichtslos
in eine Piano-Passage, zersägen röchelnde Attacken gnadenlos den Aufbau
eines Adagio, zerreißen bellende Orgien die schönsten blumenreichen
Sonaten-Sätze eines Mozart, Brahms, Bruckner. Huster wie krachende
Granat-Einschläge torpedieren Tonmitschnitte, obwohl der Saal
unübersehbar mit Mikrophonen bestückt ist und durch eine Vielzahl von
Aushängen und Einrücken im Programmheft um Rücksicht und Ruhe gebeten
wird. Und das ganze hinter „vornehm“ vorgehaltener Hand – als ob das
hülfe! Es ist zum Auswachsen. Mehr noch: besagte Hand wird elegant zu
einer röhrenförmigen Faust geformt, in die man hineinhustet, das
Geräusch damit kanalisiert und den Effekt eher noch verstärkt. Genug!
Man glaubt an Vorsatz nach dem Motto: Wenn ich leide, sollen alle
leiden! Und doch: es ist nichts weiter als schlichte Dummheit und pure
Gefühl- und Gedankenlosigkeit. Ob eine deutliche Ansage vor
Konzertbeginn etwas bewirken könnte, wäre noch auszuprobieren. Dazu
gebricht es jedoch offenbar wiederum den Veranstaltern an Mut oder
Umsicht. Die Leidtragenden sind die Musiker und die Musikfreunde. Ich
weiß, dass ich mit diesem verzweifelten Ausbruch sicher nur jene
erreiche, die wie ich leiden. Denen aber ist es vielleicht ein
solidarischer Trost in stiller, hustenfreier Stunde.
Frank Becker
UNSITTEN (TEIL 2)
Allerwertester oder Face-to-Face Vor
über einem halben Jahrhundert – damals habe ich es jedenfalls so
gelernt – war es noch Usus, wenn man sich durch bereits besetzte Reihen
zu seinem Mittelplatz mal durchlavieren mußte, dann wenigstens dem
bereits sitzenden Besucher beim hautnahen Vorbeischieben nicht den
Allerwertesten, sondern sein (möglichst freundliches) Gesicht mit einem
aufmunternd entschuldigenden „Guten Abend!“ zuzuwenden. Opernknigge –
Regel 1! Die heute allgemein in der Gesellschaft eingerissene rüde
Haltung zueinander spiegelt sich auch im Opernhaus wider. Vielerorten
und vieler Art. Da schieben sich massive Gesäße ohne Rücksicht und
Gnade in Schlagdistanz an ihrer Nase vorüber. Ach wenn´s doch mal
Jennifer Lopez wäre! Aber es ist immer nur Frau Schulze im
60er-Jahre-Taft Größe 44-48 oder Herr Meier im blank gesessenen
Bürobeinkleid. Ist ihnen übrigens schon mal
aufgefallen, daß immer die Besucher als letzte, gar zu spät kommen,
welche die Mittelplätze einer Reihe haben. Das tun sie dann mit
konsequenter Bosheit auch nach der Pause. Macht Spaß, gell?
Stinker Wenn
ich über Stinker in der Oper spreche, meine ich damit nur am Rande jene
häufig älteren Damen, die ausgiebig in Chanel No. 5, Tosca (sic!) oder
anderen aufdringlichen Wässerchen gebadet zu haben scheinen. Da legt
sich dem opernfrohen Gast eine dicke, schwere Duftschicht wie Pelz auf
die Zunge, die später nur mit mehreren Gläsern Chablis weggespült
werden kann. In der Hauptsache zielt der Begriff „Stinker“ auf jene
Menschlein, die nur zu Weihnachten in den Bottich klettern. An sie
richtet mein kleiner „Knigge der empfindlichen Nasen“ den Appell: Liebe
Freunde! Schweißfüße wirken nicht so penetrant, wenn sie in komplett
festes Leder-Schuhwerk einbettet sind! Laßt eure Reform-Sandalen,
Badelatschen und Turnschuhe zuhause bei Muttern! Auch schwarze Hemden
möchten ab und zu eine Waschmaschine von innen sehen! Haare sind
Wasserpflanzen! Laßt sie nicht verdursten! Deos sind, wie
(Mobiltelefone, eine tolle Errungenschaft moderner Forschung und dienen
beide der positiven zwischenmenschlichen Beziehung! Knoblauch ist nur
nach der Oper gesund! Wenn ihr auch die Unterwäsche nur einmal im Jahr
wechselt, dann bitte vor dem jährlichen Opernbesuch. Danke!
Zwanghafte Schwatzhaftigkeit bei Lichtentzug Ein
netter Kollege, der auch eine Klassik-Homepage betreibt, bewertet bei
Opernproduktionen auch den sogenannten „Chat-Faktor“. Darum geht es
hier ausdrücklich nicht! Es geht um jene reizenden Mitbürger, deren
Mitteilungsbedürfnis geradezu umgekehrt proportional zur
Theatersaal-Beleuchtung ansteigt. Licht aus – Klappe auf! Ich sitze
leider fast immer in solcher Menschen Nähe. Das müsste doch ein
interessantes Thema für eine wissenschaftliche Untersuchung oder gar
eine Doktorarbeit sein: „zwanghafte Schwatzhaftigkeit bei Lichtenzug“ -
völlig unbeirrt von Faktoren, wie Musik, Gesang und sich lauthals
beschwerenden Sitznachbarn. Leider hilft bei solchen Zeitgenossen
heutzutage selbst hartnäckiges Zischen kaum noch, freundliches
Ansprechen - in der Pause - schon gar nicht, denn diese
Opern-Zerquatscher werden lediglich mit empörtem Unverständnis auf sie
als Störenfried reagieren - überdies ist eh bereits die halbe Oper
verdorben. Was tun? Tun Sie, was ihnen sowieso in den Fingern juckt –
eine anständige Backpfeife hat noch keinem Erwachsenen geschadet. Mit
guten Rechtsbeistand, Zeugen (!) und vor einem kultivierten Richter
kommen Sie ggf. mit 300,- Euro weg – na soviel muß uns doch dieser
pädagogische Spaß wert sein. Aber Achtung! Nicht vorher warnen, nach
dem Motto „Wenn´s jetzt net endlich ihre Klappe halten setzt´s was!“ –
oh, oh… das ist dann Vorsatz und kann dann recht teuer werden.
Röcheln, Rauschen und noch mehr Es
gibt allerdings auch Störungen und Ärgernisse, die unvermeidbar sind.
Können sie das Röcheln ihres asthmakranken Sitznachbarn noch dadurch
beheben, indem sie ihm ein lautlos arbeitendes Sauerstoffgerät oder
eine portable Beatmungsmaschine schenken bzw. leihweise überlassen, so
sind hausbedingte lokalspezifische Nebentöne und Geräusche aufgrund
baulicher Ignoranz oder Sparsamkeit, wie z.B. das hörbare Gesummse der
Klimaanlage, das laute Quietschen von Unter- bzw. Obermaschinerie oder
das Netzbrummen altersschwacher Scheinwerfer – schlicht „Kismet“!
Ähnliches gilt für schlecht eingepegelte Mikroports (die man
vorzugsweise bei Operetten und Musicalproduktionen heuer einsetzt),
miserabel (weil nicht live) eingespielte Ballettmusik von alten
wabbeligen Kassettenrecordern oder selbst aufgenommenen CDs. Hier kann
nur das Motto gelten: solche Häuser bitte unbedingt meiden! Ein Brief
an den Oberbürgermeister, der meist auch Vorsitzender des
Kulturausschusses ist – Tenor: „Ich komme erst wieder in Ihre Oper,
wenn….abgestellt wurde“ kann eventuell beeindrucken. Hunderte solcher
Briefe schaffen garantiert Abhilfe!
Mitsingen, Mitsummen und sonstige Ärgernisse Der
„wahre“ Opernfreund und Theater-Kenner zeigt heutzutage Sachverstand
und Notenfestigkeit, indem er leise mitsingt, mitsummt, den Takt mit
dem Fuß oder auf dem Oberschenkel seiner Freundin schlägt oder gar
feinsinnig mitdirigert. Im „Weißen Rössl“ ist das angesagt, ja geradezu
Pflicht. Bei der „Götterdämmerung“ grenzt so etwas an
selbstzerstörerischen Wahnsinn, denn unter echten, hartgesottenen
Wagnerianern gilt so etwas als quasi Aufforderung zur Körperverletzung.
Altar-Wagnerianer verstehen dann überhaupt keinen Spaß mehr! Kein
Wunder, hat der große Richard ja auch nur ein einziges wenigstens
stellenweise lustiges Werk (für Nichtfachleute: gemeint sind „Die
Meistersinger“) fabriziert. Umso gewalttätiger sind die anderen, das
färbt ab. Also Vorsicht, denn selbst untereinander sind sich
Wagnerianer - vorzugsweise in Bayreuth - schon mal öfter kräftig in die
Haare geraten. Das Verprügeln von werkuntreuen Regisseuren gilt in
Bayern nur als Ordnungswidrigkeit! Bei Mozart ist eigentlich alles
erlaubt; wurde doch zu des Meisters Lebzeiten in den Logen sogar….
Von Fächern und vom Wedeln mit Programmheften In
Japan hat jede Frau einen wunderbaren Fächer. Damit wedelt sie in der
Oper ständig die warme und verbrauchte Luft von der Nase weg, bzw.
verschafft sich Kühlung. Blödsinn! Die japanischen Opernhäuser sind
perfekt klimatisiert. Fächer unnötig. Das ist leider in unseren
Opernhäusern häufig nicht der Fall. Erreicht die Raumtemperatur auch
nicht unbedingt jene gut 40 Grad, wie sie regelmäßig auf den
preiswerteren Bayreuther Galerieplätzen gemessen werden, so ist doch
bei den meisten Häusern die Klimaanlage nicht auf ein rappelvolles Haus
ausgelegt. Am angenehmsten sind in solchen Fällen dann die teuren
Plätze nahe der Bühne, denn diese ist meist sehr gut klimatisiert. In
anderen Fällen hilft das Programmheft. Aufgefaltet läßt es sich prima
zum Fächer degradieren; das bringt zwar keine große Erleichterung,
ärgert aber ihren Sitznachbarn, der sich vielleicht ernsthaft für die
Musik und das Bühnengeschehen interessiert, bis zur Weißglut.
Nur dreimal klingelt der Opern-Postmann Meine
Kinder nehmen im Theater meist schon 15 Minuten vor Vorstellungsbeginn
ihre Plätze ein. Verständlich unter dem Aspekt, ja nichts zu verpassen.
Ähnliches Verhalten beobachte ich bei den Mitgliedern der
Theatergemeinden und Volksbühnen in der 15. Abo-Vorstellung. Im
krass-frechen Gegensatz steht dazu allüberall das Premieren-Publikum.
Beim ersten Klingeln gießen wir uns erstmal noch ein Gläslein Schampus
ein. Du bi duh! Das zweite Klingeln ist nicht akustischer Hinweis für
eventuell angesagte Mobilität in Richtung Zuschauerraum, sondern für
das Anzünden der vorletzten Zigarette. Das dritte Klingeln dann (so in
etwa eine Minute vor offiziellem Vorstellungsbeginn) erinnert meist an
die schwache Altersblase und an den auf jeden Fall noch zu erledigenden
erleichternden Gang. Hat immerhin den Vorteil, daß diese Räumlichkeiten
jetzt relativ leer sind. Zum offiziellen Vorstellungsbeginn, Punkt 20
Uhr, sitzen gerade einmal 50 Prozent des Publikums auf ihren
angestammten Plätzen, was dazu führt, daß fast jede Premiere mit
mindestens fünfminütiger Verspätung beginnt. Ärgerlich, aber man
gewöhnt sich an alles… immerhin besser, als die Ausweitung dieser Phase
auf die akademische Viertelstunde! Rabiate Dirigenten fangen allerdings
gelegentlich dann einfach rotzfrech pünktlich an (wenn die
Hauslichtregie mitspielt), was dann immer zu einem köstlichen
Reise-nach-Jerusalem-Spektakel im dunklen Zuschauerraum führt.
*)
Beim „Amadeus“ im Berliner Schillertheater unterbrach Boy Gobert einmal
seinen Salieri-Monolog an der Stelle, an der er die Geister der
Vergangenheit beschwört, als zwei zu spät kommende Damen für Unruhe
sorgten und extemporierte mit knöchernem Fingerzeig: „Da...! Schon
wieder zwei Geister!“ Die beiden sind gewiss nie mehr zu spät gekommen.
Ähnlich reagierte Georg Thomalla im Theater am Kurfürstendamm, indem er
absetzte, zwei ebenfalls verspätete Damen in seiner unnachahmlichen Art
anlächelte und in zungebrecherischer Geschwindigkeit, das bisher
Geschehene rekapitulierte – „...so, nun können sie Platz nehmen und ich
weitermachen!“ Die Häuser lagen beiden Mimen zu Füßen! *)= Einschub
Claqueure - Ja sind wir denn auf dem Fußballplatz? Nein,
damit meine ich nicht die Herrschaften aus dem letzten Kapitel! Schon
eher jene Bayreuthianer, die im holden Gralstempel anno domini 1976 mit
Trillerpfeifen bewaffnet, ihrer persönlichen Ansicht über die
Altarschändung durch Patrice Chereau Einhalt gebieten wollten. (Witzig:
Heute gilt diese Ring-Inszenierung auch unter den damaligen Protestlern
als Kult!). Hic et nunc sind diese Trillerpfeifen-Protestler seltsamer
Weise rar geworden, obwohl der Regieschmarrn doch ganz erheblich
zugenommen hat. Seltsam! Dafür nimmt die Zahl der „Kenner“ zu, die sich
auch in der Lage sehen, das Jubel-Plural einzusetzen: „Bravi!“ schallt
es dann oft, wo ein „Bravo“ schon mehr als genug gewesen wäre.
Schlimmer sind heutzutage jene Jubelschreihälse, die mit Pfiffen,
Gequietsche und Fußtrampeln unser aller Nerven strapazieren. Eine
besondere Spezies dieser Lärmvögel ist mittlerweile gehäuft bei
Premieren zu vernehmen – früher nannte man sie Claqueure – bezahlte
Applaudierer oder Buh-Rufer. Heute sind es verzückte
Familien-Angehörige, Fans, Kommilitonen von Schauspielschülern, die
durch hysterisches Lachen an unkomischen Stellen signalisieren, daß sie
die Pointe verstanden haben, daß sie etwas vom Theater verstehen, oder
es ist einfach nur ausgesuchtes, Flagge zeigendes Hauspersonal, das
derart Stimmungen zu manipulieren sucht. Das ist ein ganz großes und
überhand nehmendes Übel und sollte von verantwortlicher Intendanz
rigoros unterbunden werden.
Sozialistisches Parteitagsklatschen Da
hört für mich persönlich jeder Spaß auf! Leider ist diese höchst
anrüchige und unangenehme Unsitte, die man früher nur aus den
Fernsehberichten über die gleichgeschalteten kommunistischen
Parteiversammlungen und Volkskongresse aus Moskau und dessen Satelliten
kannte, zwischenzeitlich anscheinend allüberall präsent. Kaum ist eine
Aufführung vorbei - egal ob Andre Rieu oder Janaceks „Totenhaus“,
Shakespeare oder Kabarett – Hunderte, die zuvor mitunter mehr oder
weniger emotionslos zugeschaut haben, wie sich die Künstler abgerackert
haben, verfallen umgehend in stumpfsinnigen Klatschrhythmus und merken
nicht, wie peinlich das wirkt. Anscheinend gibt es einen unerklärlichen
geheimen Drang im Publikum, vielleicht ist es auch ein bisher
unbekannter Virus, der die Menschen zwingt, sich in derart
gleichförmigen Stumpfsinn entäußern zu müssen. Übel, übel… Es kann
allerdings auch sein, daß die Aliens (Körperfresser) tatsächlich schon
unter uns sind. Mein stiller Protest gegen diese fürchterliche Unsitte:
ich höre sofort auf zu klatschen, oute mich damit als noch nicht
infiziert sowie terrestrischer Herkunft - und verlasse spontan das
Theater. Wie um Himmels Willen kann man diesen fürchterlichen stetig um
sich greifenden Virus nur bekämpfen. Hilfe!
Standing Ovations Hierzu
sagt mein Freund Google.de: „In bestimmten Ländern regelmäßig, in
deutschsprachigen Ländern meist nur bei großer Begeisterung und mit
einer besonderen Ehrenbezeugung verbunden tritt zum langen Beifall auch
das Aufstehen hinzu (sog. Stehapplaus, englisch standing ovation von
lat. ovatio, „kleiner Triumph“). Davon spricht man, wenn die
Applaudierenden sich zum Applaus erheben. Zur Klärung des gehäuften
Zustandekommens von Beifall im Stehen in einem Saal lässt sich der
Gruppenzwang als mögliche Ursache heranziehen: Wenn nur eine geringe
Anzahl von Zuschauern aufsteht, fühlt sich der restliche Teil der
Zuschauer in der Regel genötigt, ebenfalls aufzustehen, auch wenn diese
Zuschauer vielleicht nicht so übermäßige Begeisterung empfinden.
Genauso kann es vorkommen, dass Zuschauer sich nicht trauen, als
Einzelne aufzustehen. Auch hier spielt Gruppennötigung also eine Rolle.
Oft spielt auch eine Rolle, dass nach dem Aufstehen von Zuschauern in
vorderen Reihen solche in hinteren Reihen schlicht nichts mehr vom
Geschehen auf einer Bühne sehen können.“ Bravo! Besser hätt ich es
nicht sagen können. Wenn ein Gigant, wie z. B. Michael Gielen mit 80
Jahren ein 2-stündiges Wahnsinnswerk, wie Schönbergs GURRELIEDER – mit
140 Musikern, 300 Choristen und 5 exzellenten Solosängern – auswendig
und brillant dirigiert, dann ist das ein Ausnahmeabend, ein absolutes
und einmaliges klassisches Ereignis; da habe ich dann Verständnis für
stehende dargebrachte Ovationen. Wenn aber heutzutage für jedes
Pupsie-Musical, jede noch so schwache Sängerleistung bzw. desolate
Regiearbeit diese besondere „Ehrenbezeugung“ bemüht wird, dann ist
diese Inflation für mich ein Armutszeugnis, das jede künftige wirklich
brillante künstlerische Leistung herabwürdigt.
Mobiltelefone In
einer modernen Inszenierung von z. B. TURANDOT (ist jetzt wirklich nur
ein erfundenes Beispiel), wo gerade auf dem Tien-An-Men in Beijing eine
Maschinengewehrsalve den halben Chor, der – wie fachkundige
Opernbesucher ja wohl wissen – aus Revoluzzern besteht, dahinmetzelt,
stört es mich wenig, wenn des Sitznachbarn tragbares Kleintelefon sich
mit dem elektronisch getrötetem Wagnerschen „Walkürenritt“ kleinspurig
meldet. Solche Zeitgenossen zeigen in meinen Augen wenigstens einen
Anflug von Kultur und humorvollem Opern-Understatement – tolerabel -
tolerant! Absolut intolerabel und nicht duldbar ist allerdings ein
„Schnipp-schnapp-schnappi“ in beinah Zimmerlautstärke zu den
aushauchenden Klängen des Aida-Finales. Ein befreundeter Rechtsanwalt
ist der Meinung, daß man da bei unmittelbarer Gewaltanwendung durchaus
(„Totschlag im Affekt“) mit Bewährung rauskäme. Solcherlei
Straf-Aktionen hätten auf lange Sicht auch heilpädagogischen Wert. In
vielen Theatern bittet man das „verehrtes Publikum“ allerdings (meist
bevor der Dirigent kommt) über Lautsprecher das mitgebrachte
Telefönchen lieber abzustellen und auch das Fotografieren zu
unterlassen. Irgendwann wird man noch ergänzen „Bitte schnallen Sie
ihre Kinder an!“ doch davon mehr unter: „Rotzlöffel“. Derlei Ansagen
sind natürlich so wirkungsvoll wie lächerlich und suggerieren falsche
Sicherheit… klingt so, als ob man per Durchsage das Husten verbieten
könne. „Müh ohne Zweck!“
„Rotzlöffel“ Kinder
sind für Opernhäuser und Theater im Grunde die wichtigsten Menschen,
denn beim jetzigen Publikums-Altersdurchschnitt von rund 60 Jahren geht
die Theaterwelt der schönen Tosca, der wunderbaren Aida, der selig
sterbenden Isolde, eines Macbeth, Tartuffe oder Kirschgarten bald
zugrunde. „Ihrem Ende eilen sie zu, die so stark im Bestehen sich
wähnen.“ schrieb der alte Richard W. seinen Göttern ins Stammbuch,
wiewohl er dabei natürlich sicher nicht an unser hochverehrtes heutiges
Publikum dachte. Tatsache ist jedenfalls, daß für unseren Nachwuchs
etwas getan werden muß. Dabei ist alles gut, was didaktisch intelligent
und kindgemäß aufbereitet wird, ob als Kinderoper, Jugendtheater, in
Schüler-Seminaren oder theaterbegleitenden Aktionen. Hier wird an
manchen Häuser schon sehr viel getan. Nur eines bitte nicht! Mama und
Papa schleifen ihren „Rotzlöffel“ unvorbeitet in die Oper. Ob nun der
Babysitter fehlt, das Kindermädchen krank ist oder die Oma
indisponiert: Von der Spiele-Konsole direkt zur Tosca oder den Räubern
- damit tut man dem Kinde wenig Gutes an; seiner Umgebung erst recht.
Wer je so einen Zappelphilipp vor neben oder hinter sich hatte, wird
mir beipflichten. Da lautet mein Plädoyer auf Einführung der
Prügelstrafe für Eltern! Bastonade auf der Stelle! Außerdem gibt es für
jede Oper ein Mindestalter (Obacht moderne Mütter: Für Säuglinge gibt
es gar keine Opern!), welches allerdings stark von der Vorbereitung und
Entwicklung bzw. auch Medienerziehung des Kindes abhängt. Ganz schlimm,
wenn die Eltern Opernfans sind: „Unser Fabian hat jetzt schon mit 12
seinen dritten TRISTAN gesehen…schön isser der Wagner, gell Fabi!“
Bumm. Wieder ein Kind für die Oper verdorben!
Schulklassen...oh je oh jeh Wenn
der normale Musik- oder Deutsch-Lehrer sich schon einmal breitschlagen
läßt, mit Schulklassen ins Theater zu gehen, dann strebt er möglichst
„Aida“, „Die Zauberflöte“ oder „Don Giovanni“ hie, „Die Physiker“,
„Emilia Galotti“ oder „Die Räuber“ dorten an; man gönnt sich ja sonst
nichts! Wunschträume, die bei der Kartenvergabe schnell platzen, denn
größere Schüler-Kartenkontingente sind meist nur fürs „Frauenorchester
von Auschwitz“, „Wozzek“, „Das Leben mit einem Idioten“ oder „Der Mann,
der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ disponibel. Dummerweise
gerade die Werke mit denen sich der Rezensent auch mit echter Hingabe
widmet; daher weiß ich wovon ich spreche: Schulklassen! Dabei möchte
ich aber gleich festhalten, daß nicht alle so schlimm sind, wie die
meisten. Vereinzelt trifft man auch auf Gruppen, die
produktionsbegleitend von ihrem hochengagierten Lehrern sich ein Werk
richtig und verständlich erarbeitet haben und in den meisten Fällen
sogar besser vorbereitet sind, als die Mehrzahl aller Besucher, welche
ja (wie wir wissen) en gros immer noch wertvolle Zusatzinformationen
(wie z.B. Opern- und Schauspielführer, Einführungsmatineen oder
Programmhefte) meiden wie der Teufel das Weihwasser. Doch zurück zu den
Schulklassen. Verständlich eigentlich, daß man sich langweilt, bietet
die Bühne doch weder diese wunderbaren Werbeclips alle 10 Minuten, noch
ist die Oper textverständlich; außerdem darf man nicht dabei saufen,
mitgrölen oder seinen Freunden SMSen…Daß es tatsächlich so ist,
erfahren viele dieser Jugendlichen leider erst am Abend in der
Vorstellung – ihr Lehrer hatte gedacht die wissen so was! Dummerweise
habe ich das Glück, meist in der Nähe eines solchen
Event-Erwartungshäufleins zu sitzen. Da die Theater heute in dieser
Form der Jugendarbeit sehr großzügig geworden sind, schützt sie auch
ein teurer Platz nicht! Im Gegenteil, wenn Sie Ruhe haben wollen,
buchen Sie am besten den dritten Rang. Die Ränge sind z.B. in der
Rheinoper für Radaugruppen solcher Art tabu, nachdem herausgeschraubte
Birnen und ähnliche Dinge in den Orchestergraben flogen und darob die
Musiker ihren Dienst verweigerten. Was will ich damit
sagen? ...ach ja: Vermeiden Sie solche Opernabende! Die dezente Frage
bei der Kartenbestellung: „Sind Schulklassen drinnen?“, wird sicherlich
von der Kassendame ehrlich beantwortet und erspart Ihnen mächtigen
vermeidbaren Ärger.
Peter Bilsing (Vater von 4 Kindern)