DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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ORLANDO

 

Barock und wahnsinnig gut – Auf einer der schönen Brücken mit weißen Marmorbrüstungen über dem trocken gelegten Fluß wartete ich sehnsüchtig auf ein Taxi. Angesichts des endgültigen Endes der Siesta und dem Anfang der Fahrten in Tappas-Lokale war höchste Frequenz und damit ruhender Verkehr angesagt. So konnte ich den Blick auf den „Musenturm von Babel“, dem gigantischen schiffsähnlichen blitzenden Bau des „Palau de les Arts Reina Sofia“, dem neuen Opernhaus, in weiter Ferne genießen. -  „Orlando“ stand heute auf dem Spielplan. Oder „Ohrlando“ mit „H“, einem Schmankerl für die Hörorgane?  -  „Wann fängt das eigentlich an, wer singt oder singt nicht? Wer dirigiert?“ So fragte ich mich. -  Da streifte mich fast ein großer, wohlgeformter Bus, schön bemalt mit barocken Fresken in gedeckten rötlichen, bräunlichen oder rosa Farben. -  Hinten und an der Seite war zu lesen „ORLANDO“; darunter „Semi Tragedi de Georg Frederyck Händel. 1733“. Dirigent: Eduardo Lopez Banzo. Regisseur: Francisco Negrin. Bühnenbild, Kostüme: Anthony Baker. Choreograph: Wolfgang Goebbel.   -   Orlando: Bejun Mehta. Angelica: Lyubov Petrova. Dorinda: Camilla Tilling. Medoro: Silvia Tro Santafe. Zoroastro: Robert Gleadow. Beginn 20h30. - Als ich die andere Seite des Busses betrachten wollte, um möglicherweise das dort aufgemalte Libretto kennen zu lernen, löste sich der Stau und die fahrbare Opern-Litfaßsäule brauste davon.

Jeder in Spanien kennt „Orlando“, den Neffen Karl des Großen, bei uns als „Roland“ bekannt. Ohne Roland, der die Nachhut des fränkischen Heeres anführte und sich bei Roncesvalle tapferst wehrte, hätten die Mauren den Karl geschnappt und Iberien wäre heute

„afghan-irakisch“. Händel hat daraus drei Opern gemacht. Die erste, unser „Orlando“, zeigt Roland im unerwünschten Vorruhestand, naturgemäß in amouröse, psychodelische und manisch-depressive Verwicklungen ausweichend.  - Das ganze Stück mit fünf Personen, darunter einer komischen Hirtin mit besonders hohem Sopran, und, was neu ist, einem Zauberer, endet mit einem Happy End: Der philosophische Magier Zoroastro entwickelt schlußendlich alle Wicklungen und verpflichtet den Roland aufs „Produktive“, aufs ausschließlich Kämpferische und Kriegerische: Weg mit den Weibern und fort mit dem Wahnsinn!

Die Musik Händels trägt dem ganzen Irrsinn und dem Spannungsverhältnis von Königin und Hirtin, vom burschikosen Helden Orlando und dem gutmütigen afrikanischen Prinzen, den Personen, die sich alle im Vierecksverhältnis mal lieben oder mal angreifen, mit kunstvoller Satztechnik Rechnung. Concerto grosso-Passagen, rhythmisch verwandelt, wechseln mit dynamischer Ausdrucksmusik. Traurigkeit, Leid werden von Triumph, Hochmut und Ausbrüchen des Wahnsinns abgelöst. Und, was bei Händel selten ist: Der Komponist zitiert sich fast niemals selbst, immer fällt ihm etwas Neues ein. Zuhörends werden weniger italienische als französische und deutsche Einflüsse bemerkbar. Bravourös gestaltet sind die Rezitative und die mannigfaltigen Arien, hier ohne die vielen Wiederholungen gebracht, sowie Arien für drei, vier oder sogar fünf Stimmen. Berückend schön das Terzett in B-Dur am Ende des zweiten Aktes. Eine Musik, die von den kontrapunktisch eingesetzten Streichern dominiert wird, aber an den richtigen Stellen Holzbläsern oder, hin und wieder, dem moderaten Blech Vortritt läßt. Es finden sich dazu instrumentale Attraktionen: Zwei „Violette Marine“, also Violen mit besonderen Resonanzsaiten, die der Viola d´amore ähneln.

Das ästhetisch wohltuende Bühnenbild zeigt Landschaften, Innenräume, vor allem einen großen Saal mit einer Drehtür mit vier Flügeln, die den Darstellern Flucht und Verfolgung gleichzeitig gestattet. Der barocke Charakter mit viel Dekor wird durch Abstraktionen gemildert, so daß ein Bezug zur Historie und gleichzeitig zur Gegenwart hergestellt wird. Ein hoher rundlaufender Gang dient dazu, zwei von Regisseur Negrin eingeführten stummen Rollen Auftrittsmöglichkeiten zugeben: einer Venus mit herrlichem Brustkorb und einem großen schlanken Amor, der laufend seine Pfeile verschießen will. So weiß man bei jeder Umarmung oder jedem Schuss zugleich, wer entflammt ist. Das lebendige, abwechslungsreiche Spiel wird von den herrlichen Kostümen unterstützt, in Rokoko- oder Bauerntracht, ständig wechselnd. Nur Orlando stelzt oder springt - im Wahnsinn - in Stiefeln und schwarzer Macho-Kleidung herum. Der „gute“ Zauberer Zoroastro stellt sich in pastoraler Kleidung als Philosoph, als milder Ratgeber und Problemlöser dar. Dazu hat man ihm einen runden, fein timbrierten Baß verliehen sowie eine gnädige Gelassenheit, die selbst Orlando anerkennen muß.

Insgesamt auch sonst gute Stimmen, die sich laufend steigern. Der Orlando setzt seine vitale Prachtstimme ein, die zwei Tessituras zu umfassen scheint: Vom Countertenor bis zum Sopran; erstaunlich, daß er noch im Wahnsinn gute Balance hält. Der Medoro der Silvia Tro, mit Heimrecht ausgestattet, benutzt seinen Mezzo, um karamellisierenden Glanz zu verströmen; beeindruckend die innerliche Ruhe dieses Prinzen, der selbst dann hoheitliche Gelassenheit zeigt, wenn er von zwei Frauen bedrängt wird. Die Königin Angelica, mit illustrem tief liegendem Sopran, sowie die Hirtin Dorinda mit komischen Einlagen, zeigen gleichfalls, daß Kehlkopfartistik, barockbedingt, durchaus mit richtigem, auch großem Ausdruck einhergehen kann.

Das wunderbare Orchester, erst vor einiger Zeit handverlesen zusammengestellt, beherrscht den trockenen historischen Stil ebenso wie aufblühende, gehaltvolle Töne des Nachbarock. Die Fis-Moll Ouvertüre zeigt Modernität, die Rezitativbegleitung barocke „Secco“-Rhythmustechnik.  -  Dirigent Banzo hat seinen Händel, zusammen mit den Musikern, bestens studiert und intensiv erarbeitet, auch um durch Variationen etwaig aufkommende Eintönigkeit zu vertreiben, um eine wohl fast unerreichbare Leichtigkeit, Lebendigkeit bis zum überraschenden Ende zu bewahren.

Ein wundervoller Abend; ein begeistertes Publikum im wiederum ausverkauften Haus. Die Oper in Valencia ist auf dem Wege, ein ganz großes Haus zu werden, wie auch die Intendantin Helga Schmidt beim Empfang der Vertreter des „Opernfreundes“ mit Zufriedenheit anmerkte. U Springsguth

 

 

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