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London, Wien, Salzburg, New York 1.4.2013

Sensation in der Klonforschung:

Wird der große LUCIANO PAVAROTTI mittels Replikation seiner DNA wieder zum Leben erweckt?

Einem Forscherteam in England ist es - so die Veröffentlichung von heute in der Fachzeitschrift SCIENCE - gelungen, wenigstens einen der vier längst verstorbenen Jack-the-Ripper-Verdächtigen mittels einer DNA-Klonierung wieder zum Leben zu erwecken. Kann also die Identität des vielleicht berühmtesten Massenmörders Englands doch noch aufgeklärt werden?

Der Klon ist fast fertig, so Prof. Dr. Dr. Fritz Ernest Haarmann von der renommierten New University of Oxford in Zusammenarbeit mit dem millionenschweren Lethal-Research-Club der University of Cambridge - Ltg. Prof. Dr. Sigur Frank. N. Stone. New Scottland Yard in Zusammenarbeit mit dem Inlandsgeheimdienst MI5 (sicherlich damit hier nichts missbraucht wird) begleiteten - wie wir hörten - diese jahrzehntelangen Arbeiten im neugegründeten National-Research-Institute of London-Dungeon an der Themse.

Man hatte unter strenger Geheimhaltung die Gräber der damals Haupt-Verdächtigen - John Druitt, Michael Ostrog, Francis J. Tumblety und James Maybrick - geöffnet und versucht aus den DNA-Resten mittels eines neuen Thermo-Nuklear-Klonierungsprozesses neues altes Leben zu erzeugen, um endlich hinter das Geheimnis des Serienmörders zu kommen. Ohne Risiko für die Klone, denn die Taten sind mittlerweile nach englischem Recht verjährt. (Red.-Anmerkung: In Deutschland verjährt Mord nie) Was früher noch wie ein Märchen klang, ist heute schon Realität:

Bei dieser neuen Forschungsmethode, auch als PCR-Klonierung bezeichnet, wird quasi eine Kopie der alten DNA neu aufgebaut und weiterentwickelt. Ein neuer Mensch entsteht mit den ggf. noch verbesserten Eigenschaften des alten Homo Sapiens Sapiens

Amerikanische Wissenschaftler arbeiten schon seit Jahren an Ähnlichem. Bei der US-Variante, dem Ligation-independent-Cloning (LIC) wird das PCR-Produkt mit einer LIC-Sequenz versehen. Die Ligation erfolgt nach der Transformation in vivo. Die amerikanischen Versuche, die größtenteils in Strafanstalten wie Alcatraz, Riker Island bzw. Folsom Prison - ebenfalls streng geheim - mit zum Tode Verurteilten (natürlich nach ihrer Hinrichtung) stattfanden, waren bisher nicht von Erfolg gekrönt, wie uns ein Insider der Intelligence Community (IC), eine Unterabteilung des NSA, berichtete. Ob hier die Rekrutierung neuer Soldateska, oder eher der Resozialisierungsgedanke Pate standen, ist noch ungeklärt.

Ähnliche Versuche an der Wiener Universität in Kooperation mit dem Salzburger Universitätsklinikum bzw. dem LNV-AK Göppingen (Forschungsgruppe: Gesang), dienten dem Ziel große bereits verstorbene Sänger der letalen Vergangenheit zu entreißen und zu replizieren - eine Vokabel, die dem Schreiber, angesichts dieser ungeheuren Prozesse fast im Hals stecken bleibt. So soll die heutige Sängermisere und das Vorhandensein großer Privater Spendenaufkommen hier Motivations- und Handlungsgrund sein. Wie aus streng geheimen Quellen verlautet ist man schon auf "gutem Weg" - was immer das heißen soll? Spricht man mit Insidern, fällt immer wieder der Name: "Luciano Pavarotti". Offizielle Anfragen in dieser Richtung beantworteten Verantwortliche grundsätzlich mit den Worten: "Das ist doch blühender Bockmist; Sie sind ein Schwachkopf  und Idiot!!" Seltsam, daß genau diese Formulierung gleichzeitig von verschiedenen Beteiligten an unterschiedlichen Orten verwendet wurde. Das macht hellhörig...

Nicht zu leugnen allerdings ist die Tatsache, daß überall auf Flohmärkten, in Fachgeschäften und auf Internet-Börsen Tonträger vom "Big P." in nicht unerheblichen Mengen aufgekauft werden. Dabei werden Höchstpreise für alte Schellack-Platten (bis zu 60 000 Euro) und Vinyl-Scheiben (immerhin bis zu 25 000 Euro) bezahlt. Allerdings stellt sich die berechtigte Frage, ob hier wirklich die Klonierungs-Mafia tätig wurde, oder ist das nur die Flucht weg vom maroden Euro in Sachwerte. Ähnliches, so berichtet unser Silberscheiben-Fachmann, erfolgt zur Zeit auch bei Tonträgern von Maria Callas. Das klingt doch irgendwo beängstigend!

Die OPERNFREUND-Redaktion in Kooperation mit der Chefredaktion vom MERKER-online (Wien) zahlt für erfolgreiche und weiterführende Informationen, die zur Aufdeckung dieser Geheimnisse führen, ein hübsches Sümmchen. Wir werden ihre Hinweise, natürlich dem Presserecht entsprechend, streng vertraulich behandeln. Bitte schreiben Sie uns eine Mail an deropernfreund@aol.com - Stichwort "Pavarotti-Klonung - hier: Judas-Prämie". Natürlich überweisen wir das Honorar auch ggf. auf ein Schweizer Nummernkonto.  

Peter Bilsing   

 

 

Havergal Brian

(c) ump.co.uk

 

Der hierzulande völlig unbekannte große Komponist

Wir spielen im Wagner und Verdi Jahr - obwohl völlig unnötig - nun noch mehr dieser allseits beliebten und auf allen Spielplänen überzählig vorhandenen Werke, die jeder kennt. Dabei werden viele große Komponisten dann weiterhin vergessen und ignoriert. Einer von ihnen ist der große Havergal Brian (* 29. Januar 1876 in Dresden, Staffordshire; † 28. November 1972 in Shoreham-by-Sea, Sussex), an den ich hier erinnern möchte. Er ist jemand, der wert wäre, wiederbelebt zu werden.

Brian erwarb sich einen legendären Ruf zur Zeit seiner kurzen Wiederentdeckung in den 1950er und 1960er Jahren vor allem wegen der Zahl seiner Sinfonien: 32, eine ungewöhnlich große Zahl für Komponisten nach der Wiener Klassik, und durch ungebrochene Kreativität trotz der Tatsache, dass er den Großteil seines Lebens fast völlig vergessen war. Auch Jahrzehnte nach seinem Tod wird keines seiner Werke häufig aufgeführt. (Zitat Wikipedia - mehr:)

http://de.wikipedia.org/wiki/Havergal_Brian

Gott sei Dank gibt es heute fast alle seine Sinfonien auf CD. Amazon listet dankenswerterweise immerhin 144, teilweise wirklich exotische, Produktionen auf - ein echtes Angebot zu günstigen Preisen.

http://www.amazon.de/s/ref=nb_sb_noss_1?__mk_de_DE=ÅMÅZÕÑ&url=search-alias%3Daps&field-keywords=Havergal Brian#

Es lohnt sich hier einmal reinzuhören!

Gewaltige Dimensionen hat schon diese Erste Sinfonie, die  "Gotische". Das gigantische Werk enthält u. a. ein komplettes Te Deum für vier Soli, zwei große Doppelchöre und vier separate (!) Blechbläsergruppen - darüber hinaus fordert es einen gewaltigen Orchesterapparat, der die extremsten Anforderungen mancher Stücke von Gustav Mahler, Hector Berlioz, Richard Strauss oder Arnold Schönberg weit übertrifft.

Leider vermisst man seine wirklich tollen und spannenden Werke (für Mahler-Fans ein Muss!) im Konzertalltag unserer Tage, wo wir - pars pro toto - mit Beethovenscher-Dauer-Berieselung, überforderten Bruckner-Orchestern und Mozartkugeln aller Art ständig und schlecht geradezu eingemüllt werden. Gelegentlicher Aus-der-neuen-Welt-Dvorak lädt schon fast zum Klatschmarsch ein, und man hat den Eindruck, das Repertoire unserer vielen Konzertsäle & der großen klassischen Orchester wird von André Rieu bestimmt.

Auf dem Opernsektor genau dasselbe: Denken wir nur an die rund 50 000 je geschriebenen Opern, von denen gerade einmal zwei Dutzend regelmäßig in unseren hoch subventionierten Musentempeln zu sehen sind.

An den teilweise gewagt riesigen Chor- und Orchesterformaten kann die ständige Ignoranz im Zeitalter, wo man Mahlers 8. "Sinfonie der Tausend" bzw. Zimmermanns "Soldaten" doch immer öfter begegnet, oder wo Wagners "Ring" an fast jeder Pommes-Bude gegeben spielt, kaum liegen.

Dabei ist Brians Modernität der "dissonanten Harmonik", die nur selten die Grenzen zur totalen Atonalität berührt, durchaus recht angenehm rezipierbar - man hört, daß Brian unter anderem Arnold Schönberg, Edgar Varèse oder Paul Hindemith besonders geschätzt hat.

(c) bbc.co.uk

Und obwohl sich Dirigenten wie Leopold Stokowski, Sir Charles Groves, Sir Charles Mackerras und Lionel Friend für Brians Schaffen einsetzten, ist er heute  - selbst in England - wieder völlig vergessen.

Peter Bilsing / 28.12.2012

 

Büchertipp:

More:

http://www.havergalbrian.org/sitemain.htm

 

 

 

 

Die Geburt der Operette aus dem Geist der Pornografie

In Wien präsentiert eine Ausstellung im alt-ehrwürdigen Theatermuseum eine ungewöhnliche Sicht auf die Operette. Statt als biedere Unterhaltung für Rentner wird das Genre als sexuell befreites Entertainment für vergnü-gungssüchtige Großstadtherren gezeigt, die das Theater einst zum Bordell machten. Und vielleicht irgendwann wieder einmal machen werden

Dass hier etwas anders sein könnte als sonst, wird dem Besucher schon beim Betreten des ersten Saal im imposanten Palais Lobkowitz deutlich, dem heutigen Theatermuseum Wien, gleich neben der Albertina.

http://events.wien.info/de/2on/welt-der-operette-glamour-stars-und-showbusiness/

Denn in diesem ersten Saal steht in riesigen Lettern gleich an der allerersten Wand: „Die Operette ist doch schließlich nicht für Betschwestern, Hyper-moralisten und alte Jungfern gemacht“. Ein Zitat aus der Süddeutschen Theaterzeitung von 1885. Gleich darunter liest man etwas von der „Geburt der Operette aus dem Geist der Groteske und Pornografie“. So, so. Und schon geht‘s weiter mit überlebensgroßen Bildern von Edelkurtisanen als Operettenstars des 19. Jahrhunderts, mit Beschreibungen von Bordellen in Theatern, mit nackten Frauen als „Schönen Helenas“ allüberall, mit Särgen, in denen exzentrische Komponisten wie Franz von Suppé schliefen und mit Zeichnungen von Walzerkönig Johann Strauss, die seine Ehefrau als vollbusiges Walross zeigen und auf denen er etwas von „Filzwarzen-Polkas“ schwadroniert.

Dann folgt eine Wand zum Thema Cross-Dressing: Männer in Frauenrollen. Was mit teils sehr komischen historischen Fotos von den Urvätern der Operette illustriert wird. Und zum Schluss – sechs üppig behangene und stark kontrastierende Räume später – lächelt ein knackiger Torero als Chanteur des Mexico, aus der gleichnamigen Operette von Francis Lopez. Ehemals vom schwulen Startenor Luis Mariano zur Uraufführung gebracht und vor nicht allzu langer Zeit von der neuen Direktion des Theatre du Chatelet in Paris neu aufgelegt als Superkitsch-Produktion mit einem Poster von Pierre et Gilles.

Wie sich die Zeiten doch geändert haben. Denn als die selige Anneliese Rothenberger noch das keusche Operettenzepter schwang (von Johannes Heesters und Peter Alexander ganz zu schweigen) wäre eine Ausstellung wie diese sicher nie denkbar gewesen. Schon gar nicht im konservativen Wien, wo das Theatermuseum zum altehrwürdigen Kunsthistorischen Museum gehört, über das schon Thomas Bernhard in Alte Meister seine bösen Witzchen riss.

Doch die Kuratorin der Ausstellung Welt der Operette. Glamour, Stars und Showbusiness, Marie-Theres Arnbom, wollte unbedingt, dass ihre große Schau rund um die Operette anders würde als das, was man bislang auf dem Gebiet kannte. Frech, frisch und frivol sollte es werden. Und zum Neudenken anregen, genauso wie zum Nachdenken. Arnbom hatte letztes Jahr im Schwulen Museum Berlin

http://www.schwulesmuseum.de/

eine Ausstellung zu Operettenproduzent Erik Charell (Im weißen Rössl) gesehen und fand die „queere“ Art der Herangehensweise ans Genre über- zeugend, auch weil sie dem historischen Original vielfach näher kommt als das, was nach 1933 von den Nazis aus der Kunstform gemacht wurde: biedere Unterhaltung für den kleinen Mann. Deshalb fragte Arnbom den damaligen Kurator der Charell-Ausstellung, ob er mit ihr zusammen die neue Schau für Wien gestalten wolle.

http://de.wikipedia.org/wiki/Kevin_Clarke

Da Kevin Clarke, neben seiner Tätigkeit als Chefredakteur dieser Zeitschrift, bereits diverse Bücher und Aufsätze zur Operette geschrieben hatte, von Glitter and be Gay: Die authentische Operette und ihre schwulen Verehrer bis zu Die Pornografie der Operette, wusste Arnbom, worauf sie sich einließ. Und überzeugte das Theatermuseum, mitzuziehen.

Pornos, Camp und Kitsch ebenso inklusive wie Aspekte der Aufführungspraxis in der NS-Zeit. Auch auf die Gefahr hin, dass der ein oder andere betagte Waltraut-Haas-Fan

http://de.wikipedia.org/wiki/Waltraut_Haas

beim Gang durch die Räume Herzrhythmusstörungen bekommen könnten. (Die propere Haas hängt als überlebensgroße Rössl-Wirtin im Dirndl und mit Hairsprayfrisur im Raum mit den Superstars, direkt gegenüber der noch größeren halbnackten Elsie Altmann von 1923, einer Soubrette ganz ande- ren Formats. „Es geht nicht darum, irgendein Form von Operette schlecht zu machen“, sagt Arnbom, „sondern vielmehr wollen wir die Parallelwelten aufzeigen, die es fast zu allen Zeiten gab.

Als das Genre populärer wurde und immer mehr Menschen erreichte, ent- wickelte es sich weg von exklusiven Musiktheater für schwerreiche vergnü-gungssüchtige Herren hin zu einer nostalgischen Massenware. Die High Society ging fortan in laszive Kaberettoperetten, die in einschlägigen Etablissements gespielt wurden, während die Masse sich Herzschmerzstücke mit moralischem Zeigefinger zu Gemüte führte. Auch in einem Raum, der der NS-Zeit gewidmet ist, geht’s explizit um Parallelwelten. Während in Auschwitz, Theresienstadt und anderswo jüdische Operettenschaffende umgebracht wurden, tanzten Stars wie Johannes Heesters, Marika Rökk und Willi Forst im Auftrag des Führers durch diverse Operettenfilme und lenkten von der schrecklichen Realität ab. Das geschah alles gleichzeitig. Und gibt der Beschäftigung mit Operette eine Tiefe, die viele nicht wahrhaben wollen. Bis heute. Holocaust und Operette ist für viele Menschen genauso tabu wie Sexualität und Operette.

Von Homosexualität will ich erst gar nicht anfangen zu sprechen. Schließlich tummelten sich in der sexuell befreiten Welt der Ur-Operette im 19. Jahr- hundert etliche schwule Charaktere, meist um komische Effekte zu erzeu- gen, etwa in Offenbachs Die Insel Tulipatan. Später gab es auch viele, viele schwule Darsteller. Denken Sie nur an Wilhelm Bendow

http://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Bendow

den Starkomiker aus Berlin in den 20er Jahren oder an Luis Mariano, das umschwärmte Idol zahlloser Frauen in Frankreich in den 50er Jahren.

http://www.cyranos.ch/sbmari-d.htm

Als sein letzter Biograf jüngst enthüllte, dass Mariano Verhältnisse mit Männern hatte, bekam er Morddrohungen von dessen Ex-Chauffeur.“
Die Deutungshoheit in der Welt der Operette ist schwer umkämpft, wie‘s scheint. Während die einen auf die Heile-Welt-Ästhetik der Nachkriegsära pochen und diese für allein glücklich machend erklären, wollen andere nicht mal tot in der Nähe einer Operette gesehen werden, aus Angst, das könne ihrem Ruf schaden. Irgendwo zwischen den Extremen haben sich viele Schwule angesiedelt. Sie lieben vielfach den schillernden Kitsch des Genres. Andererseits tun auch sie sich oft schwer mit der hemmungslosen Sexua- lität, die besonders in den frühen Operetten Offenbachs und seiner Zeitge- nossen zu finden ist.

Wahrscheinlich, weil sie sich einfach nicht vorstellen können, wie enthemmt die Zustände in der Welt der Operette einmal waren. Dabei genügt ein Blick in den berühmten Roman Nana (1880) von Émile Zola, wo ziemlich dra- stisch beschrieben wird, wie’s damals vor und hinter der Bühne eines Operettenhauses in Paris zuging. Etwa so, also würden heute die Produk- tionen von Im weißen Rössl mit den Jungs von Cazzo Porno besetzt, und die Zuschauer könnten sich in der Pause mit ihren Lieblingsdarstellern in den Garderoben vergnügen, wenn sie genug Geld dabei haben.

Man mag bedauern, dass Operette derzeit nicht so aufgeführt wird. Aber man sollte nicht die Augen vor solchen historischen Realitäten verschließen, schon gar nicht, wenn derzeit so viel von „historisch informierter Auffüh-rungspraxis“ die Rede ist bei Dirigenten wie Nicolas Harnoncourt, John Eliot Gardiner oder Marc Minkowski, und von „Rückbesinnung auf die Intentionen des Komponisten“.

„Natürlich ist es nicht möglich, in einer einzigen Ausstellung alle Aspekte der Operettengeschichte aus über 150 Jahren darzustellen“, erzählt Arnbom. „Wir mussten Schwerpunkte setzen, die logischerweise unsere eigenen Interessen spiegeln.“ So gibt’s neben einem Raum zur „Transatlantischen Operette“ in Wien-Berlin-New York einen Raum zur Revue- und einen zur Filmoperette. Und: Eine Wand, die sich der aktuellen Operettenneuproduk- tion widmet. Da wird ein Stück aus Los Angeles von 2006 vorstellt mit dem Titel The Beastly Bombing. Darin geht es um schwule Al-Kaida-Terroristen und Neonazis, einen Homo-Jesus, pädophile Priester und einen durch-geknallten US-Präsidenten. Sie alle singen perfekt im Stil von Gilbert & Sullivans Operetten von der verdrehten Welt heute. Das Stück von Holly-wooddrehbuchautor Julien Nitzberg und Filmkomponist Roger Neil wurde gleich nach der Premiere von der New York Times hoch gelobt und hat inzwischen seine europäische Erstaufführung in Amsterdam erlebt. In Wien macht die Ausstellung erstmals im deutschsprachigen Raum auf das grandiose Werk aufmerksam, das in bester ursprünglicher Operettentra-dition die aktuelle gesellschaftliche Lage als beißende Groteske mit viel Sex ausspielt. Für ein jugendliches, intellektuell anspruchsvolles Großstadt-publikum, statt für debile Rentner auf Kaffeefahrt, die nur im Dreivierteltakt schunkeln wollen.

Wie die Wiener auf die Ausstellung reagieren werden, wird sich zeigen, wenn diese am 2. Februar ihre Pforten öffnet, bevor sie 2013 weiterwandert ins Theatermuseum München. Eine erste Ahnung konnte man bereits bekommen beim Durchblättern des üppigen Buchs zur Ausstellung, das im Brandstätter Verlag erschienen ist – ganz in Pink. Der Spiegel titelte in seiner Rezension „Das Bordell tanzt“

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,804900,00.html

und zeigte sich enthusiastisch über eine Präsentation des Genres, die er nicht erwartet hatte. Aber das ist das Gute am „queeren“ Blickwinkel: man entdeckt Dinge, die andere lange übersehen haben. Und auch wenn Ope- rette historisch betrachtet eine überwiegend heterosexuelle Angelegenheit war, so kann man sich auch als Homo im ursprünglich liberalen Operetten-universum wunderbar austoben. Und fragen, wieso eine angeblich so befreite Gesellschaft wie unsere heute immer noch solche Berührungsängste mit dieser Form des Musiktheaters hat.

Wäre es nicht höchste Zeit, in der Operette mal wieder richtig die Sau rauszulassen, oder besser: die Eber? Das Theater in der Josephstadt hat es bereits vorgemacht, mit einem hinreißenden Weißen Rössl in rosa Latex-Höschen, die in der Ausstellung zu sehen sind. Auf den Auftritt der Cazzo Boys als saftige Tiroler Jungs, „die sich im Takt Dinger runterhauen – mein Gott, sie haben die kernigen Backen dazu“ (wie die BZ am Mittag über die Rössl-Uraufführung 1930 schrieb), wird man vermutlich noch etwas warten müssen. Aber hoffentlich nicht zu lange.

Sebastian Holder

* die Links wurden von der Opernfreund-Redaktion ergänzt.

Mit freundlicher Genehmigung

http://m-maenner.de/

Besonderer Dank an den Herausgeber Kevin Clarke

 

 

 

Stichwort "legendäre Watschn"

STIMMPORNO in Bonn

Erinnern wir uns an den Mai 1985, als der heutige große ERL-Intendant Gustav Kuhn (Bonner GMD) seinem Chef Jean-Claude Riber

in Bonn auf einer öffentlichen Ratssitzung, für alle Anwesenden überraschend, eine saftige Watschn (Backpfeife) verpaßte. Ein großer Skandal, der damals fast alle Gazetten füllte, und wider Erwarten Gustav Kuhn in seiner zukünftigen Karriere nicht geschadet hat.

Im SPIEGEL-Interview sagte er damals zur Begründung:

(Foto: Tiroler Festspiele / Tom Benz)

"Die Ohrfeige war ja letztlich auch nur die Entladung meiner inneren Hochspannung, die dieser Herr mit all seinen Unverschämtheiten und seinen widerlichen Methoden verschuldet hatte...

"Herr Riber kann mir weder als Regisseur noch als Intendant irgend etwas bieten. Er kauft für viel Geld gute Sänger ein und stellt sie wie vor 80 Jahren auf die Bühne, zwischen Kulissen wie in einer Klitsche und mit einer so phantasielosen Unbeweglichkeit wie in einer Schmiere. Wenn diese Sänger dann ihre Arien abgeschmettert haben, flippt das Publikum aus, brüllt und grölt, und der Herr Intendant glaubt dann allen Ernstes, er habe etwas kulturell Sinnvolles geleistet."

Gustav Kuhn sprach damals auch von einer absolut "miesen Oper" und definierte sie folgender Maßen:

"Sehen Sie, es gibt zwei Arten von Oper. Die eine ist kulinarisch und repräsentativ und kann, wenn sie sehr gut gemacht wird, mit einer Platte voll exquisitem französischen Käse nebst einer Flasche erlesenem Rotwein verglichen werden. Das kann Bonn nicht bieten, dafür ist es immer noch zu provinziell. Und daneben gibt es eine Art Opernkäse, der nur noch stinkt, weil sich da ein Stimmbesitzer, wie ich solche Sänger nenne, durch seine Arien fummelt, wie sich der Littbarski durch ein paar Beine mogelt. Dann erwischt dieser Stimmbesitzer ein paar hohe Töne wie der Littbarski das Tor, und das Publikum brüllt sich einen weg und glaubt, Oper erlebt zu haben. In Wahrheit hat es die Prostitution einer Stimme erlebt und nichts davon begriffen, was Oper wirklich sein kann und sein sollte: nämlich ein durchdachthttp://www.wagnermania.com/noticias/noticias.asp?id=100404es und gestaltetes Kunstwerk, wo - unter anderem - der Sänger immer auch Schauspieler sein muß."

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513122.html

P.S.

Jean-Claude Riber wird heuer 75 Jahre alt. Die OPERNFREUND-Redaktion gratuliert ihm ganz herzlich.

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com