„La Traviata“
in der Arena
Manchmal klappt es, wenn ein offensichtlich vor allem am
Bühnenbild und den Kostümen interessierter Künstler auch die Regie übernimmt,
manchmal aber geht es gründlich daneben, so mit Hugo De Anas Inszenierung von
Verdis „La Traviata“ in der Arena di Verona. Dort hat der Argentinier dekorativ
und eindrucksvoll zugleich riesige leere Bilderrahmen oder die von Spiegel
neben- und übereinander gewuchtet, die eine große mittlere und kleine seitliche
Spielflächen bilden und auch noch weit über die Gradinate in den Himmel ragen.
Gemäldefetzen und Theaterplakate hängen schlapp über dem vergoldeten Holz und
werden zu Beginn von Schwarzgekleideten entsorgt. Eher chinesisch anmutende
Kandelaber bieten eine weitere Begrenzung, und weil es beim „Barbiere“ so schön
war, gibt es auch jetzt bei Floras Fest ein Kurzfeuerwerk. Im zweiten Akt ist
der Hintergrundprospekt der Ausschnitt frei nach einem Gemälde von Eugenio
Scomparini, im Vordergrund einiges Hausgerät, darunter ein Koffer, aus dem
Alfredo zu leben scheint, eine Sonnenliege samt Schirm, die am 11.8. abgesehen
vom Reiseutensil von einem leichten Wind hinweggeweht wurden, was eine
Unterbrechung der Vorstellung zur Folge hatte. Im letzten Bild ist ohnehin
alles zerstört. Dem Bühnenbildner ist, abgesehen von der Instabilität des
Ganzen, eine schlüssige Lösung sowohl für die Arena als für das Stück gelungen.
Nun hätte die Szene belebt werden müssen, was wegen des fast völligen Fehlens
einer auch nur soliden Personenregie misslang. Da ist es eher lächerlich, wenn
sich Violetta zum „Sempre libera“ mit einem Sicherheitsgurt an den oberen Bilderrahmen
schnallt und mit diesem in den nächtlichen Himmel gehievt wird. Auch der Striptease, der ausgesprochen
geschmacklose Unterwäsche enthüllt, trägt nicht dazu bei, die Figur zum Leben
zu erwecken. Mit wallenden Tüchern, die ihr gereicht werden, weiß sie nichts
anzufangen, insgesamt die Figuren miteinander rein gar nichts, so dass sie sich
streckenweise hilflos umkreisen, um den publikumswirksamsten Platz zu ergattern
(Padre und Figlio Germont). Beide haben außerdem einen Drang zur nächsten
Sitzgelegenheit auch in den leidenschaftlichsten Momenten, und wie der sitzende
Alfredo die stehende Violetta in die Horizontale bringt, ist schon komisch. Der
Chor bleibt sich szenisch auf den Nebenschauplätzen selbst überlassen, das
Ballett ist nicht in den dramatischen Kontext integriert und tut sich auf der
schrägen Bühne sowieso schwer. Also: die Szene ist für sich genommen eine tolle
Sache, wird aber nicht angemessen bespielt.
In dieser letzten Vorstellung sang wie in der Premiere die
Albanerin Ermonela Jaho die Titelpartie, schön anzusehen, aber eiskalt bleibend
und lassend, in der Mittellage ältlich klingend, mit in der Höhe weit schönerem
Klang und am besten im ersten Akt mit sicheren Koloraturen, feinem Piano, am
Schluß nach unten singend wie auch Alfredo in der Cabaletta. Temperamentvoll
und großzügig phrasierend gestaltete Francesco Meli den Alfredo. Der junge
Sänger hat vor geraumer Zeit sein Repertoire von Rossini zum lyrischen Verdi
und ähnlichem ausgetauscht, was die Stimme größer, aber auch härter
gemacht und ihr einiges von der früher
wahrnehmbaren leichten Emission genommen hat. Großes hatte man von dem Padre
Germont von George (früher Zurab J. )
Gagnidze erwartet, der augenblicklich an der Met fast das ganze
Verdi-Repertoire singt. Mehr als eine solide, farbige und robuste Stimme hatte
er allerdings nicht zu bieten, in „Di provenza“ leicht aufgeraut und nicht ganz
sicher. Mit zwei unterschiedlichen Stimmen sang Chiara Fracasso die Flora, mit
frisch jugendlichem Organ Natalya Kraevsky die Annina. Die Lebemänner waren
durchweg sehr ordentlich, die Comprimari bis hin zum Giuseppe von Gianluca
Sorrentino. Carlo Rizzi führte das Orchester sicher durch alle szenischen
Unbilden, aber die beiden Vorspiele kann man in ihrer seidigen Zartheit in der
Arena einfach nicht zur Wirkung bringen.
Die vom reinen Bild her eindringliche Produktion um
Eitelkeit und Vergänglichkeit ist es wert, weitere Stagioni zu erleben, allerdings
mit einer gründlichen Personenregie und der Ausmerzung von Feuerwerk und
Schwebeakt.
Ingrid Wanja
Il Barbiere di
Siviglia
Auch in ihrem dritten Jahr noch immer nichts für Puristen
ist die Produktion von Rossinis „Barbiere“ durch Hugo de Ana in der Arena di
Verona, die das auf wenige Personen konzentrierte Kammerspiel mit vielen
Nebenschauplätzen und einer Unmenge von Mimen, Ballerinen und Komparsen für die
Riesenbühne tauglich zu machen versucht. Dabei zeigt sich in den Szenen, in
denen die Solisten sich selbst überlassen bleiben wie in der Gesangsstunde für
Rosina, dass zumindest der an Opern Interessierte auch ohne die unzähligen
Beigaben bis hin zu einem Feuerwerk zu fesseln ist. Aber Opernfans machen in
der Arena nicht das Gros der Zuschauer aus, und so ist nachzuvollziehen, daß
spanische Tänzer, Akrobaten, Komparsen in Rokokokostümen ( aber am Schluß auch
in barocken) sich vor, hinter, neben und sogar über den Sängern tummeln müssen.
Zunächst wähnt man sich sogar in einer Art Großem Sommerfest der Volksmusik,
wenn die Statisten das Publikum zu rhythmischen Mitklatschen während der
Ouvertüre, die man den Tausenden natürlich nicht ohne Futter für das Auge
zumuten kann, auffordern. Beim Kurzgewitter stürmen Massen in Glitzerkleidung
die Bühne und führen eine Art Schirmballett auf, und auch ein solches mit ca.
hundert Stühlen gibt es; dabei ist das Bühnenbild - ein drehbares Labyrinth mit
übergroßen Rosen und Schmetterlingen - reizvoll genug, um das Auge auf
angenehme Art zu beschäftigen.
Vor allem hätten die Sänger es nicht nötig, dass von ihren
Darbietungen abgelenkt wird, denn auch in dieser 89. Saison hat man wieder
viele der besten und/oder bekanntesten unter ihnen verpflichtet. Als Almaviva
alternierten Lawrence Brownlee und Antonino Siragusa miteinander, am 22.7. gab
der Italiener den Conte mit der von ihm bekannten perfekt positionierten,
fröhlich krähenden Rossinistimme, blieb allerdings die in einem Interview
angekündigte Arie „Cessa di più resistere“ schuldig. Fraglich, ob das Publikum
um Mitternacht das hochvirtuose lange Stück goutiert hätte, statt sofort zum
Kurzfeuerwerk überzugehen. Ohne Fehl und Tadel, geschmackvoll auch bei den
einer Posse mit Musik nahe kommenden Regieeinfällen agierend, war Bruno De
Simone mit einer sensationell gut gesungenen Arie und großer Präsenz in den
Ensembles die Säule des Abends und der Garant originären Rossinigesangs. Von
Dalibor Jenis als Figaro, der sich längst in einem anderen Repertoire tummelt,
konnte man dies unlängst an der DOB nicht sagen, in der Arena kam ihm die für
Rossini eigentlich zu schwere Stimme wegen ihrer Durchschlagskraft zugute, und
darstellerisch erwies er sich als Vollblutkomödiant. Marco Vinco wiederholte
seinen Don Basilio, optisch bizarr bis grotesk, vokal keine Zugeständnisse
machend, sondern mit Erfolg um tadellosen Schöngesang bemüht. Einen schlanken,
exakt konturierten Mezzosopran setzte Rocio Ignacio für ihre charmante,
spielfreudige Rosina ein. Nicht der souveräne Umgang mit der Fliegenklatsche,
sondern das gekonnte Jonglieren mit den Stimmfarben und den Tempi brachte ihr
Sympathie ein. Nur die Höhe müsste noch besser an die Stimme angebunden werden,
hatte an diesem Abend nicht die gewünschte Mezzofarbe. Francesca Franci, einst
selbst eine gute Rosina, so in einem Film mit Leo Nucci, machte mit intakter
Stimme viel aus dem Couplet der Berta.
Hakte es vielfach bei den Rezitativen zwischen Graben und
Bühne, so führte ansonsten der junge Dirigent Andrea Battistoni sicher
Solisten, Chor und Orchester, auch wenn nicht verborgen blieb, dass Rossini aus
dem golfo mistico der Arena recht reduziert klingt.
Immerhin 6 Titel stehen in dieser Saison auf dem Programm,
und zur Jubiläumsspielzeit 100 Jahre Arena-Festspiele wird es ebenso sein mit
der unverzichtbaren „Aida“, mit „Don Giovanni“, „Carmen“, „Roméo et Juliette“, „Turandot“ und „Tosca“.
Ingrid Wanja
NABUCCO
–
9.7.2011-
Es ist Festspielsommer. Während Salzburg, Bayreuth und Mörbisch noch
fleißig proben, hat man in Verona schon seit Juni die Pforten der Arena für ein
spektakelbegeistertes Publikum geöffnet. Es ist heuer das 89. Festival. 2013
soll dann – laut Programmheft – das hundertjährige Jubiläum des Opernfestivals
gefeiert werden. Meinen bescheidenen Rechenkünsten zu Folge wäre der hundertste
Geburtstag erst im Jahr 2022, aber Francesco
Girondini, der Leiter der Fondazione
Arena di Verona, nennt in seinem Saluto del Sovrintendente in drei Sprachen
(italienisch, deutsch und englisch) das Jahr 2013 als Datum der
Centennial-Feier. Solche Rechenkünste vermag jeder für sich durch einfachen
Größenschluss auf die wirtschaftliche Misere Italiens übertragen.
Noch
ein sonderbares Detail am Rande. Im Zuschauerraum der Arena und bei den
Pausenbuffets kann man Bier, Wein, Snacks und auch Eisschnitten käuflich
erwerben. Man kann das Eis in der ganzen Arena verzehren, aber wehe man setzt
einen Schritt vor eine der Eingangstüren. Die Securities verwehren den
anschließenden Rücktritt solange man das Eis nicht außerhalb der Arena verzehrt
hat, trotzdem sie gesehen hatten, dass man bereits beim Verlassen dieses Eis in
Händen hielt. Eine annähernd nachvollziehbare Erklärung war nicht zu erhalten.
Stecken hinter solchen Regeln wohl die gleichen Verantwortlichen, die anderen
Orts das Bauen von Sandburgen auf Stränden mit Strafe verfolgen?
Vier
Komponisten, Verdi, Rossini, Puccini und Gounod sind mit sechs verschiedenen
Werken vertreten. Mit Verona aber ist der Name keines anderen Komponisten so
stark verbunden wie der Giuseppe Verdis, weshalb gleich drei seiner Werke auf
dem Spielplan stehen. Neben Aida und La Traviata bringt die Arena heuer auch
Nabucco in der üppigen Inszenierung von Altmeister Gianfranco de Bosio (1924*) und der gewaltigen Ausstattung von Rinaldo Olivieri (1931-1998) aus dem
Jahr 1991. Hauptaugenmerk legte der Regisseur auf den Konflikt zwischen
monotheistischem Jahwe-Glauben und der polytheistischen Götzenanbetung. Der
Formstrenge der Hebräer setzte er bewusst eine Formenvielfalt der Babylonier
entgegen. Dieses dualistische Konzept übertrug der Olivieri auf die Szene, die
ein riesiges Zikkurat, der Turm von Babel, überragt. Davor entsteht durch
einfache Verschiebung von hohen Quadern abwechselnd das Königsschloss von
Babylon und der Tempel von Jerusalem.
Es
entspricht einem jahrelangen Brauch zu Beginn der Vorstellung in der Arena Kerzen
zu entzünden. Das gibt bei knapp 14.000 Besuchern ein prächtiges Lichtermeer.
Aber keine Angst: Seitens der Feuerpolizei bestehen keine Einwände, da die
Sitzgelegenheiten aus Eisen und die Arena im Übrigen ein solider Steinbau ist.
Gleich
nach der Ouvertüre, die der aus Bulgarien stammende Maestro Julian Kovatchev gleich zweimal vom
Orchester der Arena di Verona aufspielen ließ, stimmte der gewaltige Chor unter
der Leitung von Giovanni Andreoli sein „Gli arredi festivi giù cadano infranti,
Il popol di Giuda di lutto s'ammanti!“ an. In einer solchen überwältigenden
Größe kann man den Chor sonst in keinem Opernhaus der Welt antreffen. Die
exzellente Akustik der Arena erlaubt es den Sängern ohne Steckmikrophone
aufzutreten.
Der
junge US-amerikanische Bassist Raymond
Aceto als Zaccaria erhielt für seine erste Arie „Freno al timor!“ dank seiner respektablen Tiefe den ersten wohlverdienten
Applaus. Nicht immer kritisch war das Publikum in der Vergabe solcher
Ovationen, aber Nabucco ist eben die Nationaloper schlechthin der Italiener.
Der gebürtige Veroneser Rubens Pelizzari, ein lyrischer
spinto-Tenor, von den Bregenzer Festspielen 2010 als „lyrisch heroischer Tenor
der neueren Generationen“ in der Rolle des Radames beschrieben, war als Ismaele
um kontrollierten Pianogesang bemüht, kein leichtes Unterfangen bei einer derartigen
Freilichtaufführung. Immerhin musste das enthusiastische Publikum an diesem
Abend auf kraftvolle Töne und geschmackvolle Nuancen nicht verzichten.
Die
ungarische Mezzosopranistin Andrea
Ulbrich trat im Vorjahr in der Arena als Azucena (il trovatore) auf. Heuer
verkörperte sie die Fenena, für die Verdi leider nur eine Soloarie im vierten
Akt vorgesehen hat: „Oh dischiuso è il
firmamento!“ Mit ihrem weichen, anschmiegsamen Timbre hätzte ihr an dieser
Stelle zweifellos ein Szenenapplaus gebührt. Allein, der Ruf des Chors „Viva
Nabucco!“ erlaubt es nicht, hier eine Pause einzulegen. Dafür wurde die
Künstlerin am Ende der Oper mit Ovationen vom Publikum für ihre exzellente
Leistung gebührend belohnt. Es bleibt zu hoffen, dass diese Künstlerin auch einmal
der Ruf an die Wiener Staatsoper ereilt. Verdienen würde sie es allemale.
Die
griechisch-deutsche Sopranistin Dimitra
Theodossiou bot als Abigaille an diesem Abend leider keine ausgewogene
Leistung. Zu Beginn schlichen sich da einige unschöne Registerbrüche und eine
scharfe gepresste Höhe ein. In der Tiefe wiederum fehlte ihr das nötige
Volumen, weshalb sie manche Noten auch nur mehr parlando darbot. Im Laufe des
Abends fand die Sängerin aber wieder zu einer schönen Gesangslinie mit Pianokultur
in ihrer bewegenden Schlussarie „Su me...
morente... esanime...Discenda... il tuo perdono!..“
In
der Titelrolle des Nabucco orgelte Ambrogio
Maestri mit behäbiger Röhre herum. Mit seiner imposanten Erscheinung
dominierte er auch die gesamte Rige der Männer auf der Bühne.
In
den Nebenrollen ergänzten der aus Damaskus stammende syrische Bassbariton Ziyan Atfeh als Gran Sacerdote di Belo, sowie der italienische Tenor Antonello Ceron als Abdallo und die Italienerin Maria Letizia Grosselli als Anna mit
lyrischem Sopran rollengerecht.
Nach
mehrmaligen bis-Rufen und lang anhaltendem Applaus ließ Maestro Julian Kovatchev nicht zweimal bitten
und dirigierte den berühmten Gefangenenchor „Va, pensiero“ gleich noch einmal quasi als Reverenz an das
schwelgerische Publikum.
Zur
Regie ist zu bemerken, dass Gianfranco
de Bosio sichtlich bemüht war, zahlreiche, auch pyrotechnische Effekte zu
erzielen. Ein Fackelaufzug von Statisten säumte da den Rand der Arena,
zahlreiche Tänzer begleiteten kultische Tänze vor der Menora zu beiden Seiten
der Mittelbühne. Unter gewaltigen Rauch stürzt auch der Tempel dann gegen Ende
der Oper atemberaubend in sich zusammen.
Der
Abend endete weit nach Mitternacht unter stürmischem Applaus des begeisterten
Publikums in der beinahe ausverkauften Arena.
Harald Lacina
IL TROVATORE
–
28.8. 2010
Zum ersten Mal in seiner Geschichte präsentierte das Opernfestival von
Verona fünf Produktionen von ein und demselben Regisseur: Altmeister Franco Zeffirelli waren diese 88. Festspiele gewidmet. Auf dem Programm
standen Turandot, Aida, Madama Butterfly, Carmen und Il trovatore. Letztere
Inszenierung in bombastischen Bühnenbildern stammte aus dem Jahr 2001. Die
prächtigen Kostüme entwarf Raimonda Gaetani.
Über open-air Spektakel von Bregenz, St. Margarethen über Mörbisch und
Verona mag der Bayreuth verwöhnte Besucher wohl die Nase, angesichts eines
Publikums, das – fast möchte ich den Ausdruck „schamlos“ gebrauchen – ein
Blitzlichtgewitter aus Kameras in der irrigen Meinung entlädt, damit eine im
Schnitt 40 Meter entfernte Bühne aufhellen zu können, rümpfen. Es ist schon
verwunderlich, wie groß die Naivität eines solchen Festspielpublikums ist. Aber
sind sie nicht dem antiken Publikum jener Zeiten vergleichbar, das johlend und grölend
den Tierhetzen und Gladiatorenkämpfen beiwohnte und sich über das vergossene
Blut ergötzte? Legen denn die Stierkämpfe unserer Zeit nicht ein beredtes
Zeugnis unserer sittlichen und moralischen Verderbtheit ab? Was erdreiste ich
mich aber eingedenk einer solchen rohen vox populi zu polemisieren. Seit
Jahrzehnten pilgern Besucher nun regelmäßig nach Verona und die Stadt sowie die
spätabendlichen Spiele verbreiten ein eigenartiges Flair, das den Besucher
zweifellos – trotz mancher Widrigkeiten – in seinen Bann zieht.
Insgesamt sechs Mal stand dieser Troubadour nun auf dem Programm. Der
Rezensent konnte der Dernière beiwohnen. Es war bewölkt, windig und die Kühle
dieses Abends mag ein Vorbote des hereinbrechenden Herbstes gewesen sein. Wenn
es heiß ist, kann man sich leicht ein Sakko ausziehen. Optimistische Touristen,
die in kurzen Hosen in der Platea neben mir saßen und auch mit kurzärmeligen
Hemden und T-Shirts bekleidet waren, begannen spätestens ab der Pause
entsetzlich zu frieren. Ich konnte mich - shame over me! - eines von Häme
getragenen Grinsens dabei leider nicht erwehren!
Trotz dreisprachiger Durchsage, die Mobiltelefone auszuschalten, wurde
Verdis feurige Musik immer wieder von werkfremden Melodien unterlegt und es
dauerte natürlich schon eine gewisse Zeit, bis ein solches Telefonino endlich
nach langem Suchen in einer übervollen Damenhandtasche nicht einfach
abgestellt, nein weit gefehlt, bloß stumm geschaltet wurde, denn man will ja
keine lebenswichtige SMS versäumen! Offenbar waren an diesem Abend aber außer
dem völlig unwichtigen Rezensenten nur Herzchirurgen, Diplomaten und Politiker
anwesend, die selbstredend 24 Stunden erreichbar sein müssen!…
Das Schlagzeug im Orchester, so befand offenbar ein Teil des Publikums,
musste an diesem Abend noch verstärkt werden. Aber woher nimmt man da in der
Eile die geeigneten Instrumente? Die Veranstalter haben da in weiser Umsicht
vorgesorgt, indem sie dursterfüllte Besucher mit Coladosen eindeckten. Ihres
Inhaltes bis zur Neige entleert, stellt man sie praktischer Weise auf dem
Steinboden der Arena ab. Ob des aufbrausenden Windes an diesem Abend oder
gezielter Fußtritte wegen, das war nicht auszumachen, verselbstständigen sich
diese Instrumente solcherart und kullerten ungebremst scheppernd zum Orchestergraben
hin. Zu diesem Zeitpunkt musste man sich schon als „ordinary every day opera
goer“ (Zitat: Anne Russell: The Ring Cycle) schon mächtig beherrschen, um nicht
einen Nervenzusammenbruch zu erleiden...
Aber was machen bei den Myriaden von Menschen schon diese wenigen
Hundert aus, die keinerlei Benehmen und Beherrschung haben? Ihnen mit
Verachtung zu begegnen, wäre zwecklos, denn sie erkennen ja nicht, was sie tun…
Aber kommen wir zum Spektakel: Marco
Armiliato gelang mit dem Orchester
der Arena di Verona eine zündende,
brodelnde musikalische Umsetzung dieses Meisterwerkes von Verdi. Er setzte an
den entscheidenden Stellen deutliche Akzente und scheute auch nicht vor grellen
Effekten zurück. Und so waren auch besonders die Chorstellen unter der
blendenden Einstudierung von Giovanni
Andreoli einer der Höhepunkte an
diesem Abend.
Die Hauptrollen waren, mit Ausnahme des Manrico, zwei- bis dreifach
besetzt. Diesen gab Marcelo Álvarez mit durchaus leuchtendem,
höhensicheren Tenor. Allein bei der gefürchteten Bravourarie „Di quella pira
l'orrendo foco“ hatte auch er Probleme. Dabei gelang ihm der Beginn bis zum
Finalton auch prächtig, dann drehte er aber dem Publikum den Rücken zu während
ihm Ruiz (Carlo Bosi) einen Umhang über die Schultern breitete und kniete nieder. Durch
das Fernglas konnte ich nicht genau erkennen, was Álvarez da tat. Ich hatte den
optischen Eindruck, das der Sänger irgendetwas zu sich genommen hatte,
vielleicht einen Spray für die angestrengten Stimmbänder, damit ihm schließlich
der gefürchtete Finalton doch einigermaßen, wenn auch nicht besonders lange
angehalten, unter äußerster Kraftanstrengung gelang. Dem tosenden Applaus des
Publikum, mit wiederholten „bis“-Rufen als Aufforderung zur Wiederholung dieser
Arie, kam der Sänger freilich nicht nach, denn er war hörbar bis an seine
Grenzen gegangen. Wie anders wäre da ein Bonisolli dem Publikumswunsch gerne nachgekommen!
Aber die Leistung von Álvarez mag wegen dieses singulären
Tones nicht geschmälert werden. Er war ein feuriger Manrico, dessen Stimme sich
wunderbar mit der von Leonora und Azucena verband.
Mit der Partie der Leonora war die Rumänin Anda-Louise Bogza zu Beginn noch etwas
überfordert und es machte sich ein gefährliches Vibrato in den hohen Lagen
bemerkbar, das sie erst im Laufe des Abends einigermaßen in den Griff bekam. Ihre
Spitzentöne hörten sich bisweilen auch sehr scharf und gepresst an, vor allem
in ihren Soloarien, wie etwa in „Tacea la notte placida e bella in ciel sereno“
in der zweiten Szene. Dafür verbreitete sich in den Duetten mit Manrico eine
geradezu pastöse Italianità. Und da gab es dann auch verdiente Bravarufe! Bewegend
gestaltete sie auch ihre Finalszene in den Armen Manricos verblassend.
Als Hauptmann Ferrando war an diesem Abend mit Giorgio Giuseppini ein prächtiger
Bariton bühnenpräsent, der schon mit seiner Auftrittsarie „Di due figli vivea
padre beato“ aufhorchen ließ.
Herrlichen baritonalen Schmelz verbreite auch der
ungeliebte Bruder Manricos, Albeto Gazale als Graf von Luna, mit einem
geradezu herzzerreißenden „Il balen del suo sorriso D'una stella vince il
raggio!“
Als Azucena des Abends war die Ungarin Andrea Ulbrich ein Höhepunkt und erklärter Liebling des Publikums.
Überzeugend gestaltete sie die ungeheuren seelischen Qualen dieser Figur,
aufgerieben und zerrissen zwischen ihrer Erinnerung an die zum Feuertod
verurteilte Mutter und dem eigenen Kind, das ebenso in den Flammen den Tod fand
und ihrer Ersatzliebe zu ihrem Ziehsohn Manrico, der um die Geheimnisse dieser
Vorgeschichte nicht weiß. Man muss nicht Italienisch verstehen, um die dramatischen
Ereignisse in ihrer berühmten Eingangsarie „Stride la vampa! - la folla
indomita“ nachvollziehen zu können. Und erst Recht ihr Taumeln zwischen der
Rache für ihre Mutter und dem Mitleid für den unwissenden Manrico in ihrer
verzweifelten finalen Arie „Un giorno, turba feroce l'ava tua condusse Al
rogo... Mira la terribil vampa!“ Großartig!
Die kleineren Rollen waren mit der jungen Litauerin Ausrine Stundyte als
Ines, Alessandro Reschitz als alter Zigeuner und Vicenzo Di Nocera als Bote rollenabdeckend besetzt.
Der geradezu frenetische Applaus mit standing ovations
galt dem gesamten Ensemble und dem Dirigenten. Das große Plus dieser
Inszenierung war, dass man mit einer Pause zwischen dem zweiten und dritten Akt
das Auslangen fand, was zu einer ungemeinen Verdichtung und Konzentration des
Dargebotenen beitrug. Bravo!
Harald Lacina