DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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 DAS WAGNERJAHR 2013

(c) Peter Klier

DER OPERNFREUND gibt sich nicht dem Wagner-Rausch hin, sondern hat es sich zum Ziel gesetzt im Wagner-Jahr 2013 auch über die Problematik eines RICHARD WAGNER Diskussionansätze zu liefern. Kritiklose Lobhudeleien von Altarwagnerianern gibt es mehr als genug. Dank an die verschiedenen Autoren für die teilweise Überlassung ihrer Artrikel & Texte.                  PB

 

RICHRAD WAGNER über die Hintertreppe (bitte runterscrollen!)                                      

Gottfried Wagner: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir; Richard Wagner - Ein Minenfeld. Lesen Sie unsere Buchbesprechung mit Kommentaren sowie eine weitere Kritik in Wanjas Bücherecke

 

Spiegel-online  Die Zensur dieses Stücks schafft einen gefährlichen Präzedenzfall "Wagner wagen!" 30.5.13 - Offener Brief zweier jüdischer Künstler

 

Spiegel-online Gesundheitsrisiko Wagner "Vom Opernsaal in die Notaufnahme" 20.5.13

 

Goethe-Institut Israelisches Wagner-Stigma aufbrechen

"Interview mit Irad Atir" 15.5.13

 

Politisches Feuilleton Deutschlandradio Kultur, 8. Mai 2013

"WAGNER hat die falschen Fans" (Tondoku: Länge: 5 Minuten)

Originaltext:

"Was der Jude ist, hat uns Richard Wagner gelehrt" (Goebbels)

„Wir, die wir zu ihm standen, hießen Wagnerianer. Die anderen hatten keinen Namen.“ Diese Sätze stammen aus dem Januar 1942. Gesagt hat sie Adolf Hitler.

„Wagnerianer“ heißen die Anhänger auch heute und sind gefragt wie noch nie: Am 22. Mai wird das „Richard-Wagner-Jahr 2013“ mit dem Geburtstag des großen Komponisten seinen Höhepunkt erreichen. Der Wagner-Hype reicht von der Sonderbriefmarke bis zur Denkmalenthüllung, von der Gedenkmünze bis zur Mammutkonferenz. Wir werden aufgefordert, uns von der Musik des „Meisters“ überwältigen zu lassen und freundlich ermuntert, uns der „Droge Wagner“ hinzugeben; ja ihr völlig zu „verfallen“.

Nun betrachtete Richard Wagner seine Klanggemälde tatsächlich als Rauschmittel, das sein Publikum überwältigen und süchtig machen sollte. Seine Musik, schrieb er 1859, schwemme „alles hinweg, was zum Wahn der Persönlichkeit“ gehöre und lasse „nur den wunderbar erhabenen Seufzer des Ohnmachtsbekenntnisses übrig.“ Müssen sich aber deshalb auch unsere Feuilletonisten und Kulturpolitiker um den Verstand bringen lassen?

Während sie mit „erhabenen Seufzern“ von den Klangorgien seiner Bühnenwerke schwärmen, schauen sie beinahe unisono über die Schriften Richard Wagners hinweg – so als könne man das Theatergenie vom Ideologen trennen. In Wirklichkeit gehört beides zusammen: Während Wagner mit betörenden Noten die Liebe beschwor, entzündete er mit abscheulichen Worten den Hass.

Stolz bekannte er, einer der Geburtshelfer der Antisemitenbewegung von 1879 gewesen zu sein. Und tatsächlich hatte Wagner – auf eine damals ganz unzeitgemäße Art! – die „jüdische Rasse“ zum Feind der gesamten Menschheit, besonders aber der Deutschen erklärt und damit die Worte „deutsch“ und „jüdisch“ als Gegensatz-Worte etabliert.[4] Er erfand die Giftvokabel von der „Verjudung“, die es im deutschen Sprachgebrauch vorher nicht gab.[5] Und er nutzte seine Prominenz und einige der Opern, um seinen ordinären Judenhass bei den gebildeten Schichten salonfähig zu machen.

Zum Beispiel in den „Meistersängern von Nürnberg“, wo Wagner dem „urdeutschen“ Schuhmacher Sachs die Figur des kreischenden und hinkenden Beckmesser gegenüberstellt. Diese war als hetzerische Judenkarikatur derart eindeutig erkennbar, dass es bei einigen zeitgenössischen Aufführungen zu Protesten, ja selbst zu einer Publikumsschlacht zwischen jüdischen und judenfeindlichen Operngängern kam.

Später erklärte Joseph Goebbels: „Was der Jude ist, hat uns Richard Wagner gelehrt …, durch seine Schriften und seine Musik.“

Die Wagner-Dynastie in Bayreuth applaudierte damals stolz – und kommt von dieser Zeit nicht los. Warum sonst hält sie die mehr als zwanzig Jahre währende Korrespondenz zwischen Adolf Hitler und der Wagner-Familie auch jetzt noch versteckt? Und warum klammern auch die Verantwortlichen des „Richard-Wagner-Jahres 2013“ die Schattenseiten dieses Dichterkomponisten weitgehend aus? Glauben sie tatsächlich, dass man die Bühnenwerke Wagners nur dann goutieren kann, wenn man über die Hintergründe ihrer Entstehung schweigt?

Ich glaube das nicht. Ich halte es sogar für möglich, eine Wagner-Oper zu genießen, ohne den Verstand an der Garderobe abzugeben und ohne sich von Klangteppichen einfach nur überwältigen zu lassen.

Mit Wagner habe – so Joachim Fest – „die Epoche der unlauteren Massenverzauberung in der Kunst“ begonnen. Die Auseinandersetzung mit den Techniken dieser Verzauberung, mit dem Zusammenspiel von Ästhetik und Ideologie, ist hochaktuell. Sie macht uns das „Erlebnis Wagner“ nicht madig, sondern gerade erst interessant. „Wir, die wir zu ihm standen, hießen Wagnerianer“, hatte Hitler erklärte. Unsere heutigen Wagnerianer sollten sich mehr als bisher einfallen lassen, um sich von der Kunstauffassung dieses Bayreuth-Fans zu distanzieren.

Script (c) Matthias Künzel

 

 

Wagner war Avantgarde – als Musiker und Antisemit

Die Nation berauscht sich am Wagner-Jahr. Und stilisiert einen der einflussreichsten deutschen Judenhasser nebenbei zum Kämpfer für Freiheit und Menschenrechte. Ein Ausnüchterungsversuch. Von


Wie viel Hitler steckt in Wagner? Die Frage wird im Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag tunlichst vermieden. Übermalung nach einer Radierung von 1871

Foto: picture alliance/akg images Wie viel Hitler steckt in Wagner? Die Frage wird im Jubiläumsjahr zum 200. Geburtstag tunlichst vermieden. Übermalung nach einer Radierung von 1871

"Dass man sich in Deutschland über Wagner betrügt, befremdet mich nicht", notierte Friedrich Nietzsche vor 125 Jahren. "Die Deutschen haben sich einen Wagner zurechtgemacht, den sie verehren können: … sie sind damit dankbar, dass sie missverstehn". Selten war Nietzsches Beobachtung so zutreffend wie heute, im "Richard-Wagner-Jahr 2013".

Am 22. Mai, dem 200. Geburtstag des Komponisten, möchte man einen der wirkungsmächtigsten Antisemiten des 19. Jahrhunderts mit Sonderbriefmarken, Zehn-Euro-Münzen, Denkmalenthüllungen und Festveranstaltungen ehren. Die meisten Wagner-Verehrer ignorieren seinen Judenhass, weil sie ihr Bild vom Genie nicht beschmutzen und ihr heiliges Wagner Unser nicht infrage stellen wollen. Sie schwören auf "die Droge Wagner" und folgen allzu gern der Empfehlung des Politikwissenschaftlers Udo Bermbach, Wagner "nur als Künstler (zu) nehmen" und "seine Weltanschauung in die Versenkung (zu) bringen".


Ganz so harmlos, wie er hier schaut, war er nicht: Richard Wagner-Gemälde von Caesar Willich, 1862
Foto: picture alliance / akg images Ganz so harmlos, wie er hier schaut, war er nicht: Richard Wagner-Gemälde von Caesar Willich, 1862

Wagners Judenfeinschaft als geistiges Scharnier

Wenn die Judenfeindschaft des "Meisters" doch einmal zur Sprache kommt, wird sie als Marotte behandelt, die ein bisschen peinlich und merkwürdig, aber durchaus nicht ernst zu nehmen sei, beruhe sie doch darauf, dass – so "Wagner-Experte" Joachim Köhler – "zwei Konkurrenten erfolgreicher waren als er. Wagner wollte sich an den beiden rächen." In Wirklichkeit – daran lässt die Antisemitismusforschung keinen Zweifel – bildeten die Schriften Richard Wagners das Scharnier, das die christliche Judenfeindschaft der Vergangenheit mit dem rassistischen Antisemitismus der Zukunft verband.

Wagner war eben nicht nur Komponist, sondern auch ein Schriftsteller, der zehn Bände mit Aufsätzen über Kunst, Politik, Religion und Gesellschaft hinterließ. Er verstand sich als Revolutionär, der ein neues musikalisches Universum schuf, um es in den Dienst seiner Erneuerungsidee zu stellen, einer Idee, die für Juden nur eine einzige Perspektive versprach: den Untergang.

Revolte und Antisemitismus gehörten zusammen

Wagners Antisemitismus hob sich von den damals gängigen Vorurteilen deutlich ab, waren doch die Juden zwischen 1850 und 1870 in Deutschland emanzipiert und relativ akzeptiert. Als Wagner 1869 die Neuauflage seiner 1850 anonym publizierten Schrift "Das Judenthum in der Musik" herausbrachte, provozierte dies 170 veröffentlichte Proteste und Angriffe; in mehreren Städten pfiff man Aufführungen der "Meistersinger" wegen ihrer judenfeindlichen Anspielungen aus. Doch Wagner ließ nicht locker.

Er war es, der den bösartigen Begriff von der "Verjudung" erfand – ein Wort mit Folgen, das sich wie ein Giftpfeil in das Bewusstsein seiner Zeitgenossen bohrte und dort ein Bedrohungsgefühl entfaltete, das es vorher so nicht gab. Wagners Judenfeindschaft war revolutionär. Sein revoltierender Geist und sein antisemitisches Ressentiment standen nicht im Widerspruch, wie es Wagner-Apologeten gern behaupten, sondern gehörten zusammen. "Der Jude", schrieb Wagner 1850, "herrscht und wird so lange herrschen, als das Geld die Macht bleibt, vor welcher all unser Tun und Treiben seine Kraft verliert." Folgerichtig sah er im "Untergang" der Juden das Mittel, die "deutsche" Kunst von Geldherrschaft und Egoismus zu befreien.

Seine Judenfeindschaft war brutal

Seine Judenfeindschaft war brutal: 1869 schlug Wagner einer konsternierten Öffentlichkeit die "gewaltsame Auswerfung des zersetzenden fremden Elements" vor. Er freute sich, als er von den antijüdischen Pogromen in Russland erfuhr, und äußerte "in heftigem Scherz" – so der Tagebucheintrag seiner Frau Cosima – den Wunsch, "es sollten alle Juden bei einer Aufführung des ,Nathan' verbrennen". Und seine Judenfeindschaft war rassistisch: Der geniale Komponist bestand auf naturgegebenen Unterschieden zwischen Nichtjuden und Juden, die er mit "Würmern", "Ratten", "Mäusen", "Warzen" oder "Trichinen" verglich. 1881 schrieb er König Ludwig II., "dass ich die jüdische Race für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr halte".

Vom Schriftsteller Arthur de Gobineau, der 1881 in Bayreuth weilte, übernahm Wagner zusätzlich das Phantasma von der arischen Rasse. Im selben Jahr notierte Wagner die Erkenntnis, "dass das menschliche Geschlecht aus unausgleichbar ungleichen Rassen besteht und dass die edelste derselben die unedleren wohl beherrschen, durch Vermischung sie aber sich nicht gleich, sondern sich selbst nur unedler machen konnte". Er griff damit den Nürnberger Gesetzen "zur Reinhaltung des deutschen Blutes" vor, die Adolf Hitler 1935 in der Stadt der "Meistersinger" verabschieden ließ.

Wagner als Gründungsvater antisemitischer Parteien

Richard Wagner gelang es wie kaum einem zweiten, diesen Rassismus und die fundamentale Entgegensetzung von "deutsch" und "jüdisch" im Bildungsbürgertum zu verankern. Er galt auch deshalb als einer der Gründungsväter der antisemitischen Parteien, die 1879 im Deutschen Reich an Boden gewannen, und rühmte sich dieser Rolle noch zu Lebzeiten mit Stolz.

Es war dieser Antisemitismus, der Siegfried Wagner und Houston Stewart Chamberlain, den Sohn und den Schwiegersohn des Komponisten, 1923 dazu brachte, in Hitler den Retter Deutschlands zu sehen. Im Hass auf alles Jüdische sah sich die Wagner-Familie veranlasst, die Bayreuther Festspiele bis 1944 als Hitler-Festspiele zu zelebrieren, und im Gegenzug verwandelte der "Führer" Deutschland in eine Wagner-Oper – von der wundersamen Ankunft des "Lohengrin" über den entschlossenen Griff zum Siegfried-Schwert bis zur "Feuerkur" der Götterdämmerung.

Seine Musik hat viele inspiriert

Gewiss, Richard Wagner hinterließ unterschiedliche Spuren. Seine Musik war revolutionär und hat Komponisten wie Mahler, Schönberg oder Schostakowitsch inspiriert. Was aber sagt es über uns selbst, wenn wir jene eine Spur, die Richard Wagner und den Holocaust verbindet, mit Sondermünzen und Sonderbriefmarken überkleistern?

Wie sich die Deutschen ihren Wagner zurechtmachen, zeigt beispielhaft die Sendereihe über Wagners "Ring des Nibelungen", deren letzter Teil am Samstag im öffentlichen Fernsehen auf 3sat lief. "Wagner ist konstruktiv", erläutert hier der Pianist Stefan Mickisch und verweist als Beleg auf den Dur-Akkord am Ende der "Walküre". "Wagner gibt Lösungen, gibt Antworten. Er will eine Verbesserung haben. … Wagner gibt uns Hoffnung." Der Politikwissenschaftler Udo Bermbach präsentiert den Antisemiten als "radikalen Aufklärer" und Vorkämpfer für "Selbstbestimmung, Freiheit, Emanzipation". Er erklärt den erzreaktionären Chauvinisten gar zu "einem der ersten Feministen". Der Schriftsteller Friedrich Dieckmann schließlich stilisiert Wagners "Walkürenritt" – ein martialisches Musikstück, mit dem die Nazis in den NS-Wochenschauen ihre Luftangriffe zu untermalen pflegten – zur "Antikriegs-Musik": "Dahinter steckt ein Friedenskonzept." 

Wissenschaftlich und moralisch fragwürdig

Der wagnersche Antisemitismus springt aber gerade bei diesem Nibelungen-Zyklus ins Auge und ins Ohr. "Der Gold raffende, unsichtbar-anonyme, ausbeutende Alberich, der achselzuckende, geschwätzige, von Selbstlob und Tücke überfließende Mime – all die Zurückgewiesenen in Wagners Werk sind Judenkarikaturen", sagt Theodor W. Adorno. Gleichzeitig, so schreibt Paul Lawrence Rose in seinem Buch "Richard Wagner und der Antisemitismus", gemahnen die habgierigen Nibelungenbrüder "allein schon durch die Art ihres Gesangs an das…, was Wagner im ,Judenthum in der Musik' ,die semitische Aussprechweise' genannt und als ,zischenden, schrillenden, summsenden und murksenden Lautausdruck' beschrieben hat". Die 3sat-Sendereihe hat jedweden Hinweis auf die antijüdische Dimension des "Rings" verbannt. Das ist wissenschaftlich und moralisch fragwürdig.

Hermetisch koppelt sich der nationale Diskurs von der internationalen Diskussion ab, die weitaus genauer und differenzierter geführt wird. International renommierte Wagner-Forscher wie Marc A. Weiner, Paul Lawrence Rose, Barry Millington und Saul Friedländer, aber auch deutsche Wagner-Kritiker wie Hartmut Zelinsky, Ulrich Drüner, Annette Hein, Gottfried Wagner und Jens Malte Fischer kommen in den Medien und auf den wissenschaftlichen Konferenzen dieses Wagner-Jahres kaum vor. Gottfried Wagner, Urenkel von Richard und Sohn des früheren Festspielleiters Wolfgang Wagner, hat in seinem neuen Buch "Richard Wagner – Ein Minenfeld" glücklicherweise einen Kontrapunkt gesetzt und den ebenso geist- wie gedankenlosen Kult des "Richard-Wagner-Jahres 2013" seziert: "Statt die Realität zur Kenntnis zu nehmen, verschanzt man sich hinter Wagners Musik und verleugnet ihren ideologischen, menschenverachtenden Kontext."

Davon wollen wir jetzt nichts mehr wissen

Mit dieser Davon-wollen-wir-jetzt-endlich-nichts-mehr-wissen-Haltung knüpfen die Wagner-Verehrer an die jahrzehntealte Praxis der Verdrängung in Bayreuth an. Hier hatte man schon 1946 die Chance verpasst, mit der Nazi-Vergangenheit des Hauses Wahnfried aufzuräumen. Damals wollten die US-amerikanischen Besatzungskräfte die einzige Hitler-Gegnerin der Wagnerfamilie – Wagner-Enkelin Friedelind – zur Leiterin der Festspiele machen. Statt Friedelind nahmen die langjährigen Hitler-Protegés Wieland und Wolfgang das Heft in die Hand, um Wagners Weltanschauung und die seiner Nachkommen "in die Versenkung (zu) bringen". So baten sie 1951 bei der Neueröffnung der Festspiele per Aushang, von "Debatten politischer Art auf dem Festspielhügel freundlichst absehen zu wollen".

Eine zweite Chance, über die Gottfried Wagners neues Buch berichtet, wurde 1975 vertan. Damals provozierte Richards Schwiegertochter Winifred Wagner einen Skandal, als sie in einem Interview Adolf Hitler anpries und ihre jahrzehntelange Freundschaft mit ihm verteidigte. Dies löste auch innerhalb der Wagner-Familie Auseinandersetzungen aus. Doch war man sich "in einem Punkt einig: dass die belastenden Dokumente aus der Nazizeit dem Image der Familie schadeten. Noch im selben Sommer schaffte die Wagner-Urenkelin Amélie Lafferentz-Hohmann … den Großteil der brisanten Dokumente aus dem Haus und brachte sie", um sie dem Zugriff der Öffentlichkeit zu entziehen, "in ihre Wohnung nach München."

In Bayreuth immer nur konservative Lösungen

2008 bot der Rücktritt des Festspielleiters Wolfgang Wagner wieder die Chance einer Erneuerung. Mit der Bewerbung von Nike Wagner und Gerard Mortier lag diese Option auf dem Tisch. Doch erneut wurde mit Ernennung der Töchter Wolfgang Wagners zu dessen Nachfolgerinnen die konservative Lösung gewählt. Dass der Öffentlichkeit zentrale Quellen zum Thema "Bayreuth und Nationalsozialismus" bis heute vorenthalten werden – darunter möglicherweise ein Briefwechsel, den Hitler mit Winifred, Wieland und Wolfgang geführt haben soll –, ist skandalös.

Dabei steht der musikhistorische Rang der wagnerschen Bühnenwerke ohnehin außer Frage! Auch wenn man Antisemitismus in seinen Werken erkennt, lassen diese sich genießen – reflektiert genießen. Zurzeit aber wird die Frage, wie die Judenfeindschaft des Komponisten die Musik und die Figuren seiner Opern prägt, nicht einmal gestellt. Im Wagner-Jahr 2013 ist die intellektuelle Rezeption seiner Werke durch das Konzept Droge ersetzt. Wagner selbst hat dies so gewollt. Er wollte mit seiner Musik, wie er schrieb, "alles hinweg(schwemmen), was zum Wahn der Persönlichkeit gehört, und nur den wunderbar erhabenen Seufzer des Ohnmachtsbekenntnisses" übrig lassen.

Friedrich Nietzsche aber gab sich damit nur vorübergehend zufrieden. "Solange man noch kindlich ist und Wagnerianer dazu, hält man Wagner … für einen Großgrundbesitzer im Reich des Klangs. … Doch schon im Sommer 1876 … nahm ich bei mir von Wagner Abschied. … Seitdem Wagner in Deutschland war, kondeszendierte er Schritt für Schritt zu allem, was ich verachte – selbst zum Antisemitismus. Es war in der Tat damals höchste Zeit, Abschied zu nehmen."

(c) Welt am Sonntag - besonderer Dank an den Autoren

Matthias Küntzel ist Politikwissenschaftler und Musikliebhaber. Er hat mehrere Bücher über Antisemitismus veröffentlicht. 2011 zeichnete ihn die Anti-Defamation League mit dem Ehrlich-Schwerin-Menschenrechtspreis aus.

 

Richard Wagner über die Hintertreppe

Zu seinem 200. Geburtstag

von Johannes Vesper

 

17.7 - 8.8.13

Zeit, vor allem Zeit ist für Richard Wagner notwendig. Den ganzen Ring anzuhören, ohne Pause, dauert 13-15 Stunden, je nach Dirigent, und das Lesen der Gesamt-Literatur über RW bei Achtstundentag und Fünftagewoche dauert mehr als 20 Jahre, schreibt Herbert Rosendorfer.

Vorab: Der Status des Musikers hat sich in den letzten 300 Jahren erheblich verändert und verbessert. Während in der Mitte des 18. Jahrhunderts Musiker bei Hofe an unterster Stelle neben Bettlern und Schauspielern aufgeführt wurden, organisierten Pop-Musiker 2005 (Geldof und Bono) unter dem Motto „Laßt Armut Geschichte werden“ 10 über die ganze Welt zerstreute Rockkonzerte, wozu sich 3,8 Milliarden Menschen einschalten. Diese Musiker konnten die Finanzminister der G8 Staaten veranlassen, den 18 ärmsten Ländern ihre Schulden zu erlassen und die globale Entwicklungshilfe zu verdoppeln. Heute sagen also die Musici den Weltherrschern, wo es lang geht. Welch ein Weg! Während Mozart 1781 mit einem Fußtritt aus den Diensten des Erzbischofs von Salzburg entfernt und im Armengrab anonym verscharrt wurde, wird Beethoven 1827 schon ganz anders begraben: Die Schulen hatten 3 Tage frei und mehr als 20.000 Trauergäste begleiteten Beethovens Leiche im polierten Eichensarg auf goldenen Stützkugeln zum Währinger Friedhof vor Wien, auf dem Franz Schubert auch beerdigt werden sollte. Seine Beerdigung war also schon ein Ereignis, was sich auch darin manifestiert, daß es ein Bild von dem Trauerzug gibt.

Zur Eröffnung seiner 1. Bayreuther Festspiele 1876 kommen Kaiser Wilhelm I von Deutschland, der Kaiser von Brasilien Dom Pedro II, kommen Anton Bruckner, Tschaikowsky, Camille Saint-Saens, Edvard Grieg, viele andere Musiker und Intellektuelle. Auf einer Werbekarte von Liebigs Fleischextrakt ist abgebildet, wie der Kaiser Wilhelm I von dem Musiker Richard Wagner bei seinen Festspielen in Bayreuth begrüßt wird.

Aber Wagners Tod und Beerdigung waren erst recht ein Ereignis. Nach seinem Tod am 13. Februar 1882 schrieb Verdi: „Traurig, traurig, Wagner ist tot. Es entschwindet eine große Persönlichkeit! Ein Name, der in der Geschichte der Kunst eine großmächtige Spur hinterläßt“ . Im gläsernen Prunksarg, außen umschlossen von einer Bronzehülle, wurde die Leiche auf einer Totengondel mit Gondelkorso von San Marco zum Bahnhof begleitet. Der schwarz ausgeschlagene Salonwagen für Sarg und Familie wurd an den Schnellzug Venedig-München angehängt und in München empfingen tausende von Wagnerianern im Fackelschein den Zug auf dem Bahnhof. Bei der Ausfahrt des Sonderzuges aus dem Münchener Hauptbahnhof spielte das Orchester Siegfrieds Trauermarsch aus der Götterdämmerung.

In Bayreuth – überall schwarze Fahnen und Glockengeläut aller Kirchen - wurde der Sarg zur Kirche (Anton Bruckner schlug die Orgel. Er hatte die Nachricht des Todes empfangen bei der Komposition des Adagios seiner 7. Symphonie) und dann mit riesigem Gefolge zum Grab im Garten der Villa Wahnfried geleitet. Eine große Marmorplatte ohne Beschriftung deckt das Grab.

Wenige Meter daneben liegt sein Hund Russ begraben: „Hier ruht Russ“. Und mit seinem Hund sind wir beim Menschen Richard Wagner, über den Friedrich Nietzsche schreibt: „Das Leben Richard Wagners hat sehr viel von einer Komödie an sich und zwar von einer merkwürdig grotesken.“ Thomas Mann, der Wagners Werk sehr geschätzt hat, äußert sich zu dem Menschen Richard Wagner durchaus kritisch: „ Ein liebenswerter Mensch, nein das war er nicht. Er war sogar eine unausstehliche Belastung und Herausforderung der Mitwelt. Wagner, das Pumpgenie, der luxusbedürftige Revolutionär, der namenlos unbescheidene, nur von sich erfüllte, ewig monologisierende,...die Welt über alles belehrende Propagandist und Schauspieler seiner selbst“ - (zitiert nach S.O. Müller Richard Wagner und die Deutschen)

1813 war Napoleon auf der Flucht und mit seinen Heeren in der Stadt: 200.000 Soldaten in Leipzig, einer Stadt von damals 32.000 Einwohnern. Und die Alliierten (Preußen, Österreich und Russen) näherten sich mit weiteren 350.000 Soldaten. Vom 16.-19.Oktober tobte die sogenannte Völkerschlacht von Leipzig mit Artilleriebeschuß, Feuersbrünsten, Straßenkämpfen in die Stadt. Am Ende gab es 125.000 tote Soldaten auf den Straßen in Leipzig, und es brach eine Typhusepidemie aus, die zahllose weitere Tote forderte: einer von ihnen war Friedrich Wagner, höherer Polizeibeamter, der Vater Richard Wagners.

Die Familie zieht bald nach dem Tod des Vaters1814 nach Dresden um, zu Ludwig Geyer, der die Witwe, also Richard Wagners Mutter inzwischen geheiratet hat. Er war der beste Freund des Vaters gewesen und Schauspieler am Hoftheater in Dresden. Ob Richard Wagner von diesem Ludwig Geyer gezeugt wurde, ist unklar und bleibt ein Problem für ihn sein Leben lang. „Wer ist dein Vater“ wird Parsifal in der Oper gefragt. Siegfried fragt Mime im Ring: „Heraus damit, räudiger Kerl. Wer ist mein Vater?“ Und später fragt sich Siegried: „Wie sah wohl mein Vater aus?“. Jedenfalls bekommt der kleine Richard bald über seinen Stiefvater Beziehungen zum Theater, spielt als Statist, lernt Carl Maria von Weber kennen, der als königlich-sächsischer Hofkapellmeister an der Dresdner Oper wirkt. Als 10jähriger sieht er den Freischütz von C. M. von Weber, hat damit Feuer gefangen und ist dem Theater verfallen. Er bedauert sein gräuliches Klavierspiel - will Klavier spielen können aber nicht lernen - und bekommt Unterricht. So wurde aus ihm dann doch ein passabler, wenn auch kein virtuoser Klavierspieler. Zum Violinspiel hat der junge Richard kein Talent und gibt es nach kurzer Zeit wieder auf. Sein Geigenlehrer wird später zitiert: „Er hatte eine rasche Auffassung, doch er war faul und wollte nicht üben. Er war mein schlechtester Schüler.“

Richards Schwester bekommt ein Engagement am Deutschen Theater in Prag, wo der 13jährige Richard Wagner sie 1826 und 1827 besucht, einmal per Lohnkutsche („diligence“), einmal zu Fuß von Dresden aus mit einem Freund. Das hat ihm gut gefallen und so wandert er, kaum zurück in Dresden, mit Freunden nach Leipzig. Zur Finanzierung des Ausflugs unterschlägt er unmittelbar vor seiner Konfirmation die Kollekte. Ohne diese Aktion des 14jährigen überbewerten zu wollen, dokumentiert sie aber erstmalig sein außerordentlich problematisches Verhältnis zum Geld. „Richard Wagner wurde zu einem Pumpgenie von hohen Gnaden und diabolischer Schlitzohrigkeit, trickreich, schamlos mitunter und bisweilen agierte er am Rande der Legalität“ schreibt sein Biograph Walter Hansen (S. 61). Die Familie Wagner wohnt inzwischen wieder in Leipzig, wo seine Schwester den reichen Verlagsbuchhändler Brockhaus geheiratet hat. Dort erzählt ihm sein Onkel Adolf von der deutschen Klassik, von Shakespeare und Dante - und er schreibt als 16jähriger seine erste Tragödie: „Leubold und Adelaide“. Das Motto des Titelhelden dieses ersten Dramas Richards „Nicht weinen, morden nur, nur morden!“ weckt Erwartungen für zukünftige Werke des Autors. Am Ende liegen 42 Tote auf der Bühne. Der junge Richard würde dieses

Drama gerne mit Musik aufführen und so entwickelt der 16jährige eine erste Vorstellung vom Musikdrama: Text und Musik aus einer Hand. Als Jugendlicher ständig in allen Konzerten, hörte er Beethovens 7. und Beethovens 9. Symphonie, Schlüsselerlebnisse im Hinblick auf seine Entwicklung zum Musiker.

Im April 1829 erlebt er Wilhelmine Schröder-Devrient, 26 Jahre alt, Primadonna, als Leonore im Fidelio. Er ist begeistert und schreibt ihr als 16jähriger, der er war, unmittelbar nach der Aufführung in einem Brief, daß sein Leben durch diese Aufführung seine Bedeutung erhalten habe. Sie habe ihn durch diese Aufführung zu dem gemacht, was er schwöre, werden zu wollen. Die Schule - er besuchte inzwischen das Leipziger Nicolai Gymnasium - nimmt der junge Wagner nicht ernst, liest unter der Bank Goethes Faust, schreibt lieber Noten ab und bemüht sich um Kompositionslehre.

1830 schwappt die Juli-Revolution aus Paris auch nach Leipzig, und Richard, unterwegs in Studentenkreisen, beteiligt sich daran mit der Erstürmung und Besetzung eines vom Magistrat protegierten Bordells.  

Im gleichen Jahr bietet der inzwischen 17jährige dem Leipziger Theater seine erste Ouvertüre, die Paukenschlag-Ouvertüre, zur Uraufführung an. Das Orchester lehnt die Aufführung der „wahnsinnigen Musik“ ab. Gleichwohl erfolgt am Heiligen Abend 1830 die erste öffentliche Aufführung eines Musikstückes von Richard Wagner. Ein Fiasko. Das Publikum lacht nur. Das Debüt als Komponist ist dem 17jährigen gründlich mißlungen.

Nach diesem verunglückten Karrierestart nimmt Richard Wagner Kompositionsunterricht beim damaligen Thomaskantor Theodor Weinlich. Dieser gilt als der beste Musikpädagoge weit und breit und nimmt ihn als Schüler nur unter der Bedingung an, daß er sechs Monate überhaupt nichts komponiert. Bei ihm werden Kontrapunkt und Kompositionstechnik gepaukt. Richard komponiert eine weitere Ouvertüre (d-moll), die auf Vorschlag seines Lehrers genau ein Jahr nach der Blamage mit dem Paukenschlag im Leipziger Theater und einige Wochen darauf auch im Gewandhaus aufgeführt und vom Publikum akzeptiert wird. Eine erste Klaviersonate, seine Sonate in B-Dur widmet er seinem Lehrer Weinlich hochachtungsvoll. Sie wird bei Breitkopf & Härtel gedruckt. Nach etwa einem Jahr solchen Kompositionsunterrichts bricht Theodor Weinlich seinen Unterricht ab, sagt zu Richard, daß er ihm nichts mehr beibringen könne. Er könne für das Vergnügen ihn unterrichtet zu haben, auch kein Geld verlangen, und die Hoffnung auf den Erfolg und die Entwicklung dieses Schülers sei ihm ausreichende Entlohnung. 

Auf der Fahrt nach Brünn, wohin er einen adligen polnischen Freiheitskämpfer begleitet, verliebt sich Richard in Jenny, die Tochter eines tschechischen Grafen, die auf einer Burg in der Nähe von Prag lebt, der er immerhin Klavierunterricht geben darf, die aber sonst überhaupt nichts von ihm wissen will. Über die in Brünn ausgebrochene Cholera schreibt Richard „ Ich vergrub mich angekleidet ins Bett und erlebte noch einmal alles, was ich je in meiner Knabenzeit an Gespensterfurcht erlitten habe. Die Cholera stand leibhaftig vor mir; ich sah sie und konnte sie mit Händen greifen. Sie kam zu mir ins Bett (die Cholera nicht Jenny), umarmte mich, meine Glieder erstarrten zu Eis. Ich fühlte mich tot bis ans Herz hinan.“ Er reist sofort ab nach Wien, um sich von den Seuchengefahren im Theater und unter Johann Strauß´ Klängen zu erholen.

Richard Wagners zweite Liebe – er war inzwischen Chordirektor und Repetitor am Würzburger Theater mit einer Gage von umgerechnet 140 € im Monat (WH 50) trifft Therese Ringelmann, eine Sängerin im dortigen Opernchor, die aus bescheidenen Verhältnissen stammend – der Vater war Totengräber -, seinen gesellschaftlichen Ansprüchen wohl nicht genügte. So spannt der 20jährige Chordirektor „mit List, Charme und Frankenwein“ dem 1. Oboisten des Orchesters dessen Verlobte Friederike Galvani aus, eine kleine Sängerin mit schwarzen Augen. Hier in Würzburg bei fränkischen Wein und fränkischem Bier, bei Ausflügen und Wanderungen am Main, zeitweise auf Wiesen in Friederikes Armen wird seine erste Oper, „Die Feen“ vollendet. Sie wird erst nach seinem Tode 1888 in München uraufgeführt (inszeniert von Richard Strauss).

Nach einer sechswöchigen Böhmenreise 1834 mit seinem Freund Theodor Apel – der Sohn des Schriftstellers August Apel, des Autors vieler Gespenster-Geschichten und des Librettos des „Freischütz“ - zurück in Leipzig, findet er das Angebot vor, Musikdirektor des Magdeburger Theaters werden. Das Magdeburger Theater gastierte gerade in Bad Lauchstädt, im 1802 von Goethe erbauten Holztheater, einem architektonischem kleinen Juwel, welches noch heute seinen Zauber entfaltet. Sofort fährt er in der Lohnkutsche hin, muß zwei Tage später den Don Giovanni ohne jede Probe dirigieren, weil die Musiker keine Lust zu Proben hatten, und verliebt sich sofort in Minna

Planer, die an der Magdeburger Oper das Fach der Liebhaberin einnimmt. Sie ist fünf Jahre älter, wurde mit 15 Jahren geschwängert, gebar eine Tochter, die offiziell als ihre Schwester großgezogen wurde, und läßt den über beide Ohren verliebten Richard Wagner erst mal hängen. Der entwickelt daraufhin eine Gesichtsrose, unter der er in Stress-Situationen auch später immer wieder leiden wird, und mietet eine teure Wohnung. Er läßt sich Anzüge schneidern, sodaß seine Schulden logarithmisch wachsen und die Gage überhaupt nicht ausreicht, niemals ausreichen kann. Seinen Freund Apel pumpt er an, verspricht ihm Sängerinnen aus dem Theater-Chor, bietet ihm sogar seine Freundin Minna an, die davon natürlich nichts ahnt. Apel kommt, Richard ist erleichtert und gibt ihm zu Ehren im teuersten Gasthof von Bad Lauchstädt ein großes Fest für das ganze Ensemble, in dessen Verlauf infolge der ausgelassen Stimmung der Feiernden der große Kachelofen des Restaurants völlig zu Bruch ging. Sein Freund lehnt aber den erhofften Kredit ab. Im Frühjahr 1835 werden Minna und Richard ein Paar, indem sie ihn über Nacht bei sich behält, als er völlig betrunken nach einem Abend mit Freunden bei ihr einfällt.


Teil 2

 

Am Magdeburger Theater ist Richard Wagner als Dirigent inzwischen erfolgreich: er dirigiert Don Giovanni, Freischütz, Oberon, Barbier von Sevilla, Fidelio, Fra Diavolo und kann seinen modernen Dirigierstil entwickeln. Während zuvor der Dirigent als gewöhnlicher Taktschläger künstlerisch für die Interpretation kaum eine Rolle spielte, also mehr als menschliches Metronom fungierte, nimmt Richard Wagner als einer der ersten mit dem Rücken zum Publikum stehend, Blickkontakt mit den Musikern auf, übermittelt ihnen mit Körpersprache, Gestik und Mimik, mit Gesang seine musikalischen Vorstellungen. Richard Wagner ist der erste moderne Pultstar und der größte Schuldner Magdeburgs.

Theaterskandal in Magdeburg

Sein Schwager Brockhaus leiht im einen größeren Betrag. So kann der inzwischen 22jährige 1835 eine Reise zu etlichen Opernhäusern antreten, um seinen Gläubigern zu entfliehen und um eventuell eine bessere Stelle zu erreichen. Er reist über Karlsbad, Eger und Prag nach Bayreuth –zum ersten Mal in Bayreuth - und Nürnberg, wo er nachts einen Straßensänger hört und in eine Schlägerei verwickelt wird, die musikgeschichtlich bedeutsam werden wird: 30 Jahre später verarbeitet er sie künstlerisch in der Prügelszene des 2. Aktes der Meistersinger, die ihre Authentizität durch dieses Erlebnis in Nürnberg 1835 erhält. Zurück in Magdeburg, komponiert er weiter am „Liebesverbot“. Die Uraufführung am 29.03. 1836 wurde mal wieder ein Fiasko: Zur zweiten Aufführung kommen insgesamt drei Zuschauer und dann muß auch noch die Aufführung wegen einer Eifersuchtszene der Hauptdarsteller mit Ausweitung der Prügeleien auf das gesamte Ensemble unmittelbar vor Beginn der Oper abgesagt werden. Eine weitere Aufführung gibt es nicht. Richard Wagner hatte die zu erwartenden Einnahmen aus dieser Oper natürlich schon verplant bzw. ausgegeben. Seine finanzielle Situation wird eng und enger. Im Hinblick auf seine Gläubiger schreibt RW an seinen Freund Robert Schumann: „Lieber Schumann, hier gibt es nur Scheißkerle.“ In Schumanns einflußreicher „Neue Zeitschrift für Musik“ erscheint eine Rezension über das Liebesverbot, in welcher der anonyme Rezensent schreibt: „Es ist viel drin, und was mir gefällt, es klingt alles, es ist Musik und Melodie drin, was wir bei unseren deutschen Opern jetzt ziemlich suchen müssen.“ Wer ist der Rezensent? Es ist Richard Wagner selbst, der über sich schreibt. Sein Freund Robert Schumann hat das Spiel mitgemacht!

Kabale in Königsberg

Schlechte Zeiten für den inzwischen vereinsamten Richard, denn seine Verlobte Minna hat ein Engagement in Königsberg erhalten und macht dort Karriere. Richard Wagner dagegen erhält gerichtliche Vorlagen. Sogar Schuldhaft wird ihm angedroht. Er flieht aus Magdeburg und reist seiner Minna nach Königsberg nach. Mit Hilfe und dank der Intrigen eines neuen Freundes, eines alteingesessenen Bürgers der Stadt Königsberg namens Möller („Freund Abraham“), bekommt er dort einige Dirigate, lebt von geliehenem Geld und will trotz schwieriger Beziehungsprobleme und Furcht vor der gemeinsamen Zukunft seine Minna heiraten. Das ist nicht so einfach, denn nach preußischem Gesetz ist er mit 23 Jahren noch nicht volljährig. Freund Abraham aber hilft mit Rat und Tat und so wird er durch Fälschung der Papiere um ein Jahr älter und Minna gleich um vier Jahre jünger gemacht. Unmittelbar nach der Hochzeit kommen per Post die Klageschriften wegen der zurückgelassenen Schulden aus Magdeburg nach und die Auslieferung wird verlangt. Nach sächsischem Recht war Richard Wagner aber faktisch noch minderjährig, nämlich 23 Jahre alt. Die Rechtslage ist dank der Hilfe des einflußreichen Abrahams dann aber eindeutig. Die geschlossene und natürlich auch vollzogene Hochzeit ist zwar gültig und kann nicht mehr annulliert werden. Dank des vorgelegten echten Taufscheins wird aber zur Verblüffung der Königsberger Behörden die Minderjährigkeit, die vor Auslieferung schützt, belegt. Richard Wagner kann aber nur vorübergehend aufatmen: Mitte 1837 ist das Königsberger Theater pleite und Richard findet eines Tages seine Wohnung leer vor: Minna ist mit Sack, Pack und einem jüdischen Liebhaber durchgebrannt. Wagner reist ohne jedes Geld hinter her und will mit dem Verkauf verbliebener Hochzeitsgeschenke seine Reise bezahlen. Für ein vergoldetes Kuchenkörbchen kommt er 60 km weit bis Elbing. Berlin ist immer noch mehr als 400 km entfernt und unerreichbar. Für ein silbernes Zuckerdöschen kann er wenigstens zurück nach Königsberg.

Champagner in Riga

Gerade rechtszeitig erhält er das Angebot, ab August 1837 für 1000 Rubel im Jahr (entsprechend 29.000 €) als Kapellmeister in Riga tätig zu werden. Schwein gehabt: neue Stelle und im russischen Riga nicht greifbar für alle sächsischen und preußischen Gläubiger. In Riga kommt es dank Richard Wagner zu einem blühenden Opern- und Musikleben Außerdem hat Minna inzwischen bereut und Richard verziehen. Und als in Riga die Position der 1. Sängerin frei wird, kommt Minna zu ihm zurück. Sie mieten mietet eine große Luxuswohnung, laden die Rigaer Szene zu Champagner, Lachs und Kaviar ein, was mit den Kapellmeistereinkünften auf Dauer nicht zu bezahlen ist. So hört man die Schulden förmlich wachsen. Er arbeitet an seiner Oper „Rienzi“ und liest Heinrich Heine „Aus den Memoiren des Herrn von Schnabelowski die Sage über den Fliegenden Holländer“.

Im Frühjahr 1839 wird Richard Wagner in Riga nach Wechsel der Intendanz hinausgeworfen. Er will jetzt in die Weltstadt der Kunst und Musik: nach Paris. So einfach ist das aber nicht. Aus Rußland konnte man erst ausreisen, nachdem man dreimal in Zeitungsinseraten die geplante Ausreise kundgetan hatte. Das hätte sämtliche Gläubiger aufmerksam gemacht. Abraham, sein schlitzohriger Freund aus alten Zeiten, rät zur Flucht über die russisch-preußische Grenze. Am 9. Juli 1839 soll die Flucht stattfinden. Wenige Tage zuvor läuft Richard Wagner ein riesiger Neufundländer zu, der auf den Namen Robber hört. Der Hund muß mit, Wagner besteht darauf. Also geht es mit Hund per Kutsche zur Grenze, die nachts bei unaufmerksamen Grenzern zu Fuß mit Hund und Frau passiert wird.     

Abenteuerliche Flucht nach Paris

Eine Kutschfahrt durch Preußen nach Paris kommt mit Hund und Schulden nicht in Frage. Die drei Reisenden werden von Freund Abraham in Pillau unter Umgehung der Zollkontrollen auf ein heruntergekommenes Schiff geschmuggelt: 25 m lang war der marode zweimastige Kahn namens Thetis. Man legt am 19. Juli ab, gerät zunächst in eine Flaute, dann aber kommt plötzlich Sturm bzw. Orkan auf, und man erreicht in höchster Angst nur mit größter Mühe eine geschützte Felsbuch in Südnorwegen. Aus dieser Sturmnacht im Skagerrak entstanden die Bühnenbilder seiner Oper „Der fliegende Holländer“: „Felsen im Vordergrund, finsteres Wetter, heftiger Sturm, der in offener See die Wogen peitscht, Das Schiff Dalands hat soeben dicht am Ufer Anker geworfen“ wird er in den Regieanweisungen später schreiben. Jetzt geht aber erstmal die Seefahrt weiter in Richtung London. Wieder kommt es zum Gewittersturm, der Kapitän verliert in der Nordsee die Orientierung. Richard und Minna binden sich zusammen, um nicht von Deck gespült zu werden. Robber heult vor Entsetzen in der Sturmnacht. Danach sind dem Komponisten auch Musik und Drama des „Fliegenden Holländer“ klar : Senta stürzt sich vom Felsen und der Holländer geht unter (kurz gefasst). Heinrich Heine wird später die Moral des Stückes zusammenzufassen: „Die Moral des Stückes ist für Frauen, daß sie sich in Acht nehmen müssen, keinen fliegenden Holländer zu heiraten und wir Männer ersehen aus diesem Stücke, daß wir durch die Weiber im günstigsten Fall zu Grunde gehen.“

Endlich wird am 12.08.1839 London erreicht. Für die Reise waren ursprünglich 8 Tage angesetzt. 24 Tage hat sie gedauert. Schon am nächsten Tag geht es weiter nach Paris. Das Ehepaar Wagner, zwar mit Hund, aber ohne jedes Geld, bezieht ein kleines Pensionszimmer.

Freundschaft mit Meyerbeer und Heine

Die Eheringe und einige noch vorhandene Hochzeitsgeschenke werden versetzt, damit man überhaupt etwas zu beißen kaufen kann. Richard Wagner komponiert weiter an seiner Grand Opera „Rienzi“, mit deren Uraufführung in Paris er seine Geldnot schnell beenden zu können glaubt. Aber er bekommt als Musiker in Paris kein Bein auf die Bühne, obwohl Giacomo Meyerbeer, der erfolgreiche und berühmte Komponist, sich mehrfach für ihn verwendet. Die Geldnot wächst mal wieder. Richard hat einen, nur einen eleganten Anzug, trägt Stiefel tatsächlich ohne Sohlen, die sind durchgelaufen, und schreibt Zeitungsartikel auch für die Abendzeitung in Dresden, die dafür aber nicht bezahlt. Er vollendet am 4.12.1840 „Rienzi“, schickt die Partitur nach Dresden und beginnt mit der Arbeit am

Fliegenden Holländer. Die schriftstellerischen Erfolge in der Pariser Zeit beruhen auf seiner Bekanntschaft zu Heinrich Heine, dessen leichten, lockeren Feuilleton-Stil er kopiert. Heinrich Heine ist sein Freund und Ideengeber. Schon die Geschichte des Fliegenden Holländer geht auf Heine zurück. Ihm verdankt er die Bekanntschaft der intellektuellen und musikalischen Kreise in Paris und ihn verteidigt er in der Dresdner Abendzeitung gegen die „deutsche Schmähgier“. Im Übrigen trifft er sich mit seinen armen Freunden, darunter dem Maler Ernst Benedikt Kietz in einer Boheme-Szenerie, wie sie später bei Puccini auf die Bühne kommt. Die finanziellen Verhältnisse entwickeln sich zunehmend katastrophal. Wagner schreibt einen Bittbrief an Giacomo Meyerbeer, der inzwischen Generalmusikdirektor in Berlin werden sollte:

„Ich muß mich an jemanden verkaufen, um Hilfe im substantiellsten Sinne zu erhalten. Ich muß Ihr Sklave mit Kopf und Leib werden. Kaufen Sie mich darum, mein Herr, Sie machen keinen ganz unwerten Kauf. Fünfundzwanzighundert Franken (15.000 Euro) werden mir in den nächsten Winter helfen, wollen Sie mir sie leihen? Hier bin ich, hier ist der Kopf, das Herz und hier die Hände Ihres Eigentums: Richard Wagner.“

Minna schreibt an Wagners Freund Richard Apel: „Heute früh hat mich RW verlassen müssen, um ins Schuldgefängnis zu ziehen! ...Hilfe, Hilfe.“

Das war geschwindelt, Minnas Brief ist von Richard selbst verfaßt worden! Richard Wagner ist wahrhaft ein Pump-Genie und im Hinblick auf unsere finanziellen Verhältnisse in Europa heute wirklich ein moderner Mensch. 

In Paris lernt Richard Wagner auch Franz Liszt kennen, der später für ihn ja sehr wichtig werden würde. Aus Dresden erhält er die Nachricht, daß „Rienzi“ im Oktober 1842 dort uraufgeführt werden wird. Daraufhin leiht er sich weiter Geld und verläßt Paris am 7. April 1842 per Postkutsche in Richtung Dresden. 

Dresden 1842

Noch reist Richard Wagner per Post- oder Lohnkutsche. Mit der Lohnkutsche wurde damals so wie heute mit einer Spedition eigentlich Fracht transportiert und der Passagier nur mitgenommen, wenn Ziel und Zeit der geplanten Reise mit dem Transport der Fracht überein stimmten. Komfortabler war die Postkutsche. Seit 1835 aber, nach der ersten Fahrt einer Eisenbahn zwischen Nürnberg und Führt, entwickelt sich aber schnell das Eisenbahnnetz (1841 Düsseldorf-Elberfeld, 1846 Berlin-Hamburg, 1859 Eisenbahnbrücke in Köln) und Richard Wagner wird dieses moderne Verkehrsystem später für seine Reisen durch ganz Europa nutzen. 

1842 geht es aber erstmal noch in der Kutsche bei strömendem Regen Richtung nach Osten und man erreicht schließlich Eisenach, Unter tiefen Wolken und Nebel erscheint rechts die Wachtburg und links der Hörselberg. Heute fährt man da auf der A 4. Wagner kennt natürlich die Geschichte des mittelalterlichen Sängers Tannhäuser, der fromme Lieder dichtet, Frauen besingt und liebt und dann 1267 plötzlich in die Höhlen des Hörselberges verschwindet, um dort etwas konkreter mit der Liebesgöttin Venus und all ihren Gespielinnen Liebe zu machen. So entsteht sozusagen auf dem Parkplatz der heutigen Autobahnraststätte Hörselberg in Wagners Kopf die Idee zum „Tannhäuser“. 

In Dresden angekommen, reist Richard Wagner mit geliehenem Geld aus seiner Familie (Brockhaus) in die Ferien nach Teplitz im Böhmer Wald, wandert alleine zum Schreckenstein bei Aussig und geistert, in weiße Laken gehüllt, bei Vollmond durch die Burgruine, (Zitat) „um mir so selbst zu fehlenden Gespenstererscheinung zu werden. Hier setze ich denn nun in meinem Taschenbuch den ausführlichen Plan zu einer dreiaktigen Oper ´Der Venusberg` auf.“ Erste Notizen zum Tannhäuser.

Und am 20.Oktober 1842 dauert die Uraufführung von Rienzi 6 Stunden. Die große Primadonna Wilhelmine Schröder-Devrient, die er ja als Jugendlicher schon verehrt hat, singt, und das Publikum ist begeistert. Am Ende 15 Minuten tosender Applaus für diese Grand Opera im alten Stil mit Arien und Sprechtexten im Wechsel, Genuß und Konsum für reiche Bürger und alten Adel.

 

Teil 3.

 

Aber seit Leubold und Adelaide schwebt ihm eigentlich ein Theater vor, in dem Text und Musik aus einer Hand stammen und sich der Text sozusagen im symphonischen Fluß der Musik entwickelt. Kurze musikalische Themen (Leitmotive) sollten Personen, psychologischen Situationen, Stimmungen zugeordnet werden und diese charakterisieren. Zum ersten Mal im „Fliegenden Holländer“ werden Leitmotive verwendet und die dramatischen Szenen durch Musik voll verbunden. „Der fliegende Holländer“, Wagners erstes Musikdrama, war eine Revolution in der Welt der Oper. Damit war das Publikum aber zunächst überfordert und von der Premiere am 2.Janur 1843 in Dresden enttäuscht.

Die Oper wurde nach der vierten Aufführung abgesetzt, obwohl sie nicht geklungen hat wie morgens um 6 Uhr von einer schlechten Kurkapelle nach einer durchzechten Nacht am Brunnen des Kurortes gespielt. Paul Hindemith hat ein solches Ereignis komponiert, die reine Satire.

 

Dresdner Jahre

 

Dem König aber hat die Oper gefallen und so ernennt er den 30jährigen Richard Wagner am 2. Februar 1843 zum königlich sächsischen Hofkapellmeister mit einem Jahresgehalt von 1.500 Talern (37.500 Euro). Damit war aber nicht auszukommen. Vor allem auch deshalb nicht, weil alte Gläubiger aus Dresden, Leipzig, Magdeburg, Königsberg, Riga und Paris die Rückzahlung der Schulden fordern. Zu dieser Zeit wurde in Dresden August Röckel (Hofkapellmeister in Weimar) mit Verbindungen zur englischen Arbeiterbewegung Wagners bester Freund. Der tröstet ihn über den Mißerfolg des Fliegenden Holländers. Mit Röckel diskutiert Richard Wagner einerseits sozusagen in der Luft liegende revolutionäre Ideen, während er sich andererseits bei Sachsens König Friedrich liebkind macht. Er komponiert einen „Gruß seiner Treuen an Friedrich August, den Geliebten“ und begrüßt ihn damit am 5.08.1844 im Schloßpark von Pillnitz mit 300 Sängern und 120 Orchestermusikern. Solche Aktivitäten dienten natürlich auch seiner Popularität in Dresden.

 

Als Ende 1844 die sterblichen Überreste des 1826 in London verstorbenen Carl Maria von Weber nach Dresden überführt werden, komponiert Richard Wagner einen Männerchor und hält am 15.12.1844 die Grabrede, seine erste öffentliche Rede. Er stellt fest, welch begabter Redner er ist und schreibt, daß er von seinen eigenen Worten „in völlige Entrücktheit geriet. Nicht die geringste Bangigkeit oder Zerstreutheit kam mich hierbei an.“ (nach WH S, 125 .). Immer Mangel an Geld, nie Mangel an Selbstbewußtsein!

Endlich am 19.10.1845 ist der Tannhäuser fertig. Frau Schröder-Devrient singt und spielt höchst sinnlich die die Venus, Göttin der Liebe, und die 19jährige schöne Nichte Richard Wagners, 

Johanna Wagner, stellt die keusche Elisabeth dar. Aber der Erfolg ist dürftig, stellt sich erst nach der dritten Aufführung und nach Änderung des Schlusses ein: Der frisch ergrünte Stab des Papstes symbolisiert Tannhäusers Erlösung. Damit war der Erfolg des Tannhäuser unaufhaltsam, wovon Richard Wagner finanziell aber nichts hat. Er bekommt 300 Taler Honorar für das Werk, während Bühnenbild und Dekoration der Uraufführung 8.000 Taler kosten 

Wagner wohnt zu dieser Zeit in einem alten Dresdner Palais, wo er seine Besucher nicht an der Wohnungstür empfängt, sondern im Garten. Er klettert zur Begrüßung jeweils auf eine überlebensgroße Statuengruppe und sitzt Neptun im Nacken, wenn seine Besucher kommen.

 

Als im Febr. 1848 in Paris Louis Philippe gestürzt wird und in Deutschland die Märzrevolution ausbricht, arbeitet Richard Wagner am Lohengrin und macht mit einem 40seitigen Manuskript zur besseren Organisation des sächsischen Nationaltheaters Revolution in der Dresdener Oper: Unter sozialen Vorschlägen wie Aufstockung des Orchesters mit besserer Bezahlung und besserer Altersversorgung versteckt fordert er die Gesamtleitung des Theaters in der Hand des Kapellmeisters, also in seiner Hand. Ein Gruß aus Sachsen geht an die Wiener Revolutionäre (14 Strophen):

Stellt wer uns je das Schmachgebot / „Nun werdet wieder Diener“

Dem sei dann mit dem Schwur gedroht / „Wir machen`s wie die Wiener“

 Nun jauchz ich auf aus voller Brust, / mein Zagen ist gehoben.

Drum muß ich nun mit heißer Lust / euch Wiener Helden loben.

Im Mai 1848 fordert Richard Wagner die sofortige Volksbewaffnung und schreibt zur Begründung der Revolution im Dresdner Anzeiger: „Wie ein böser nächtlicher Alp wird der dämonische Begriff des Geldes von uns weichen mit all seinem öffentlichen und heimlichen Wucher, Papiergaunereien, Zinsen und Bankiersspekulationen“. Donnerwetter. So ähnlich liest man das heute in der FAZ.

 

Lohengrin und Bakunin

 

In dieser Zeit wird der Lohengrin vollendet. Hier werden Personen und Psychologie nicht nur mit Leitmotiven, sondern auch mit Tonarten und Orchesterfarben charakterisiert. Die spezifische Kompositionstechnik wird weiter ausgebaut. Richard Wagner komponiert aber nicht nur, sondern denkt und schreibt über Kunst und Revolution. In seinem Artikel vom 15.10.1848 „Deutschland und seine Fürsten“ wird der Müßiggang des einen als der Raub an der Arbeit des Anderen bezeichnet. Es 

wird die Abschaffung des Adels gefordert. Solche revolutionären Ideen sind in Sachsen natürlich nicht sonderlich geschätzt. Der Intendant der Hofoper erfährt sogleich, wer der Autor ist und verbietet die bereits angesetzte Uraufführung des „Lohengrin“. Der sächsischen Obrigkeit ist es in diesen Zeiten der Revolution nicht recht, wenn Richard Wagner den König Heinrich pathetisch verkünden läßt: „... ob Ost ob West, das gelte allen gleich! Was deutsches Land heißt, stelle Kampfesscharen!“. Und dann kommt auch noch Michail Bakunin nach Dresden, alter Adel aus Russland, der unter Verzicht auf seinen Familienbesitz (Schloß in Rußland), unter Verzicht auf Reichtum, Offizierskarriere beim Militär und Adelstitel seinen Haß auf den Zaren und die russische Aristokratie auf Fürsten und Großbürger ausgedehnt hat. Richard Wagner lernt ihn bei seinem Freunde Röckel kennen und ist von seinen Ideen wie von seinen Zigarren fasziniert, kann ihn aber für sein eigenes Werk nicht begeistern. Richard Wagner hat Pläne zu einer Oper „Jesus von Nazareth“. Bakunin rät ihm, er solle sich mit dem Text nicht so viel Arbeit machen. Es reiche, wenn der Tenor singe „Köpfet ihn“, der Sopran „Hängt ihn“ und der Baß als Ostinato „Feuer, Feuer“. Dieser Bakunin wird nach der sächsischen Revolution an Österreich, von dort an Rußland ausgeliefert, flieht 1860 aus Sibirien über Japan in die USA und kehrt dann nach Westeruropa zurück.

 

Und im Mai 1849 - die Nationalversammlung in Frankfurt hatte schon am 18.5.1848 getagt - bricht endlich auch in Dresden die Revolution aus. Es gibt Tote und Verletzte nach Schüssen der Infanterie auf Demonstranten. Es werden Barrikaden gebaut, teilweise hoch professionell nach Entwürfen des Professors der königlichen Akademie und Erbauers der Dresdner Oper Gottfried Semper! Wagner besorgt Handgranaten und Gewehre für die Aufständischen und klettert auf den ca. 100 m hohen Turm der Kreuzkirche, um die Regierungstruppen in der Stadt zu beobachten. Die Zettel mit den Beobachtungen werden, an Steinen befestigt, zur Information der Revolutionsgarden in die Straßen hinunter geworfen. Richard auf dem Turm gerät sogleich unter den Beschuß von Scharfschützen, hat aber keine Angst und beruhigt einen bereits auf dem Turm postierten Aufständischen: „Keine Sorge. Ich bin unsterblich.“

Bei der Dresdener Revolution, die mit der Verhaftung von Bakunin zu Ende ist, sterben 41 Soldaten und 191 Aufständische, und Richard Wagner muß erneut fliehen. Er flieht nach Weimar, wo er von Franz Liszt, dem dortigen Operndirektor, mit allen Ehren groß empfangen wird, die des prominenten Komponisten des „Tannhäuser“ würdig scheinen.

Wenige Tage später, am 16.5.1849 trifft der Steckbrief aus Dresden in Weimar ein:

„Alle Polizeibehörden werden gebeten, Wagnern zu verhaften und die Verhaftung schleunigst nach Dresden zu melden.“ Liszt reagiert sofort und besorgt gegen Geld einen falschen Paß, mit dem Richard Wagner am 28.5.1849 bei Lindau trotz seines sächsischen Dialekts problemlos die schweizerische Grenze passiert.

 

Falsche Pässe, Flucht nach Zürich, großzügige Mäzene

 

In Zürich besorgt ein alter Freund aus Würzburger Zeiten sofort einen gefälschten schweizerischen Paß und dieser Paß begründet einen ganzen Zweig der Richard-Wagner Forschung. Denn wie groß war Richard Wagner? In dem gefälschten Schweizer Paß mit der einzigen existierenden Größenangabe wurde eine Körpergröße von 166,5 cm angegeben. Die Größenangaben schwanken bei den Biographen aber je nach Wertschätzung zwischen 151 cm und 166,5 cm. Die wahre Körpergröße ist nicht mehr zu klären. Kaum war der Paß am 30.5.1849 ausgestellt, reist Richard Wagner nach Paris, kehrt wegen der dortigen Cholera aber nach Zürich zurück und dirigiert hier Beethovens 7. Symphonie. 1850 reist er, immer noch per Postkutsche, erneut nach Paris, wo ihm dann ausnahmsweise das Glück winkt: Aus Dresden schreibt Julie Ritter, eine vermögende Witwe, sie wolle ihm 800 Taler (20.000 €) pro Jahr zahlen. Gleichzeitig bietet ihm die Familie Laussot aus Bordeaux 3000 Franc (ca. 18.000 €) pro Jahr an. Jessie Laussot, eine junge Verehrerin von Richard Wagner, ist mit ihrem Ehemann und Weinhändler in Bordeaux unglücklich und spielt hervorragend Klavier Sie lädt Richard kurzerhand nach Bordeaux ein, beginnt mit ihm ein intimes Verhältnis und die beiden planen eine Flucht aus ihrer Welt, eine Reise nach Kleinasien oder doch zumindest nach Griechenland. Die Familie Laussot bekommt Wind von den Plänen, und der gehörnte Ehemann will dem Geliebten seiner Frau eine Kugel durch den Kopf schießen. Wagner flieht schnell aus Bordeaux und die Rente der Familie Laussot ist futsch.

 

Wagner reist nach Zürich zu Minna, seiner Frau, die dort mit dem Wachtelhund Peps (eine Art Spaniel) und dem redenden und singenden Papagei Papo eingetroffenen ist. Minna läßt ihren Mann vom Papagei mit dem Schlachtruf aus dem Rienzi zu Tisch rufen; „Richard, Freiheit! Santo spirito cavaliere!“ Das Ehepaar Wagner hatte keine Kinder, so ersetzen Papo und Pepo neben manch anderen Haustieren im Laufe der Zeit die Familie. Das Verhältnis der Ehepartner ist nicht mehr das alte. Es hat sich trotz Papo und Pepo im Laufe der Jahre und Affären zunehmend verschlechtert. Der Nachfolger Papos ruft ständig (eintrainiert von Minna) „Richard Wagner ist ein schlechter Mann“. Davon unbeeindruckt schreibt Richard Wagner kunsttheoretische Schriften („Die Kunst und die Revolution“, „Das Künstlertum der Zukunft“, „Oper und Drama“) und lebt in Zürich im Wesentlichen von Schulden, wandert viel mit Freunden aber auch allein durch die Schweizer Alpen, leidet unter Rheumatismus und bekommt Gelenkbeschwerden.

 

Wagner und die Juden

 

In dieser Zürcher Zeit erscheint im September 1850 Wagners unsägliches Pamphlet „Das Judentum in der Musik“. Es erscheint in der „Neuen Zeitschrift für Musik“, die, gegründet von Robert Schumann, inzwischen aber von diesem nicht mehr herausgegeben wird. „Verlogene Selbstüberhöhung, Neid und Verfolgungswahn, schauerlichste Prosa“ schreibt Martin Gregor-Dellin, einer der bedeutenden Biographen Richard Wagners. Neid auf die Erfolge der jüdischen Komponisten Meyerbeer und Mendelssohn ist wahrscheinlich der tiefere Grund für das Pamphlet, wie überhaupt der Antisemitismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts als Ausdruck des Sozialneides der eher tumben christlichen deutschen Volksgenossen auf die erfolgreicheren, gebildeten und eleganten Juden verstanden werden kann. „Die Verringerung der Kluft zwischen Reich und Arm ... und ökonomische Sicherheit“ waren Grundziele der antisemitischen christlich-sozialen Arbeiterpartei unter Adolf Stoecker, Dom- und Hofprediger in Berlin. So auch bei Wagner: Meyerbeer ist der strahlende erfolgreiche Musiker in Paris zu der Zeit, als Richard Wagner mit seinen Freunden in Paris Hunger leidet. Außerdem hat er ihm vor Jahren kein Darlehen gewährt. Dem erfolgreichen Generalmusikdirektor des Gewandhausorchesters Mendelssohn hatte Wagner 1836 seine einzige Symphonie geschenkt, hoffend auf eine nicht erfolgte Aufführung in Leipzig. Vielleicht ist Wagners Antisemitismus auch biographisch begründet durch die Untreue seiner Minna in Königsberg, die dort ja mit einem jüdischen Kaufmann durchgebrannt war. Richard Wagner erweist sich mit dieser Schrift publizistisch als übler Antisemit, polemisiert im höchst eigenen Wirtschaftsinteresse und befindet sich damit einerseits im Zentrum des deutschen antisemitischen Geistes seiner Zeit. Andererseits hat er zahlreiche jüdische Freunde und Förderer, hat sich mit Heinrich Heine getroffen, seinen Stil kopiert. Und in seinen Werken findet sich keinerlei Antisemitismus.

 

Dabei nimmt sein Erfolg doch auch langsam zu: In Weimar wird am 28.8.1850 der Lohengrin uraufgeführt und bald darauf in Leipzig, Dresden, Madrid, Moskau, Melbourne und New York gespielt. Das Konzept des Musikdramas ist erfolgreich. Thomas Mann schreibt von der blau-silbernen Schönheit des Lohengrin. Zusätzlich zu den Leitmotiven hat Wagner die Orchesterfarbe entdeckt. Im Lohengrin werden die Holzbläser jeweils dreifach besetzt, sodaß Akkorde in einer Farbe erklingen können.

Noch beeinflußt von der Revolution in Dresden beginnt Wagner die Dichtung zum Ring des Nibelungen und entwickelt erste Ideen zu eigenen Festspielen. „Nicht jedes hergelaufene Stadttheater kann meine Werke aufführen. In eigenem Opernhaus mit eigens ausgewählten Sängerinnen und Sängern, mit eigenem Orchester sollen die Opern vortrefflich aufgeführt werden“. Er arbeitet am Ring des Nibelungen, wandert durch die Schweizer Alpen, kurt mit Kaltwasserbädern und heißen Wickeln, lebt von Wasserdiät. Sein Gesichtsrose quält ihn, was aber Ideen zum Ring eher fördert als hindert. Bühnenbilder und Regieanweisungen sind direkt der Schweizer Bergwelt entnommen, entsprechen Eindrücken von Wanderungen zwischen Zürich, Gotthard und Luzern. Die vollendete Dichtung des „Ring“ wird im Februar 1853 im Luxushotel Baur au Lac in Zürich 48 Stunden lang an 4 Tagen vorgelesen. Das revolutionäre Werk dramatisiert den Untergang einer Gesellschaft, die sich auf Macht, Geld und Sex gründet und beklagt eine „gänzlich in das Nichtswürdige versinkende Zeittendenz“. „Alberich der Zwerg, dem alles fehlt: Schönheit, Anmut, Phantasie und Musik. Den Ring kann er für sich gewinnen und nutzt sogleich die Macht des Goldes: Horden seiner Artgenossen sind dazu verdammt, unter und über der Erde sich für ihn zu schinden. Sie sehen ihn nie, ebenso wenig wie die Opfer unserer lebensgefährlichen Arbeitsplätze jemals die Aktionäre sehen, deren Macht sie ins Verderben treibt“ schreibt George Bernhard Shaw. Dann weiter „Diesen Vorgang kann man heute in jedem zivilisierten Land beobachten, wo Millionen Menschen sich in Not und Krankheit abarbeiten um mehr Reichtümer für unsere Alberiche aufzuhäufen“... erschrecken aktuell und erschreckend modern“. (Wagner-Brevier S.28 ff).

 

Auftritt Mathilde

 

Vom 18.-22. Mai 1853 finden in Zürich die ersten Richard-Wagner-Festspiele statt. Die drei Wagner-Konzerte in Zürich legt Richard Wagner einer schönen Frau zu Füßen, der 23jährigen Mathilde

Mathilde Wesendonck, Karl Sohn pinx.

Wesendonck, geborene Luckemeyer aus Elberfeld. Hier lernt er auch die 16jährige Cosima Liszt kennen, die er später heiraten wird.

Die Kosten für Gagen, Reise und den Aufenthalt von 72 Musikern und Sängern aus ganz Deutschland und der Schweiz übernimmt der Ehemann der schönen Mathilde, der vermögende Otto Wesendonck. Ein Zürcher Chor von 120 Sängern ist auch dabei. Riesenerfolg zu seinem 40. Geburtstag, der mit einer Dampferfahrt auf dem Zürich-See nach dem letzten Konzert gefeiert wird. Die Festgesellschaft, 200 m vom Ufer entfernt auf dem Dampfer, erwartet Richard Wagner, der zwar nur in einem Boot stehend, nicht auf dem Schwan sitzend vom Ufer her sozusagen wie Lohengrin naht und jubelt unter krachenden Böllerschüssen, als er an Deck kommt. „Das Leben ist ein Theaterstück. Das Leben ist ein Theaterstück ohne vorherige Probe. Darum singe, lache, tanze und liebe ... Und lebe jeden einzelnen Augenblick deines Lebens, bevor der Vorhang fällt und das Theaterstück ohne Applaus zu Ende geht.“ Von Richard Wagner? Nein, das stammt von Charlie Chaplin (1889-1977). 

 

Im August 1853 bricht Richard Wagner per Kutsche, inzwischen auch per Eisenbahn und Schiff, nach Italien auf. Er sucht Zerstreuung und Inspiration, Geld spielt keine Rolle. Die Wesendoncks zahlen. Am 5.9.1853 träumt er beim Mittagsschlaf in La Spezia und schreibt darüber: „...hatte ich plötzlich die Empfindung, als ob ich in ein stark fließendes Wasser versänke, das Rauschen desselben stellte sich mir bald im musikalischen Klange des Es-Dur Akkordes dar, welcher unaufhaltsam in figurierter Brechung dahinwogte... Mit dieser Empfindung, als ob die Wogen jetzt hoch über mich dahin brausten, erwachte ich im jähen Schreck aus meinem Halbschlaf, sogleich erkannte ich, daß das Orchestervorspiel zum Rheingold mir aufgegangen war.“ Das größte Projekt der Musikgeschichte konnte beginnen. Bis zum 21.11.1874 wird er daran arbeiten.

Das Orchester dafür wird dreimal so groß sein wie die üblichen Symphonieorchester bis dahin. Wagner wird spezielle Wagner-Tuben mit Waldhornmundstück und veränderten Ventilen zur Optimierung seines Orchesterklangs bauen lassen. Er wird die Leitmotivtechnik ausbauen und schreibt: „Das Orchester bringt fast keinen einzigen Takt, der nicht aus vorhergehenden Motiven entwickelt ist“.

 

Der Ring

 

Richard Wagner beginnt mit der Komposition zum „Ring“ und braucht dazu Luxus, kauft goldene Uhren, hunderte Flaschen erlesener Weine, Kristallleuchter, Seidentapeten, antike Möbel und elegante Kleidung, natürlich vom Schneider. „Ich kann nicht leben wie ein Hund, wenn ich komponiere“. Die Schulden wachsen mit fortschreitender Komposition, obwohl Otto Wesendonck, der Ehemann der jungen Mathilde, zahlt. Otto Wesendonck zahlt Wagners Schulden, zahlt ihm überdies 250 Franken monatlich, damit er ungeplagt von den Sorgen der materiellen Existenz sein großes, so herrlich begonnenes Werke herrlich vollenden möge, und Richard Wagner ist unsterblich verliebt in die schöne junge Frau seines Gönners, die er täglich trifft und die ihrerseits fasziniert ist von dem großen Musiker und Dramatiker..

Diese Liebe zwischen Richard und Mathilde kann aber nicht ausgelebt werden und muß vor dem Ehemann verborgen bleiben. Die mittelalterliche Geschichte einer ausweglosen Liebe, die Geschichte von Tristan und Isolde, ist Wagner bekannt und wird von ihm mit seinen eigenen Erfahrungen zur Oper verarbeitet. Der psychische Konflikt erscheint ihm unerträglich und der Tod jedenfalls in der Oper als einzig möglicher Ausweg. Richard Wagner flieht in die Krankheit und reist wegen seiner Allergien und seiner blühenden Gesichtsrose 1856 in die französische Schweiz zu Dr. Vaillant, der ihn zwei Monate lang mit Früchtetee, Hydrotherapie, normalen Mahlzeiten und bedingungsloser Ruhe behandelt. Tatsächlich hält sich Richard Wagner an die ärztlichen Verordnungen und wird von seiner Gesichtsrose, bei der es sich am ehesten um eine Art Herpes gehandelt haben wird, für immer geheilt. Otto Wesendonck kauft inzwischen das Haus des Zürcher Nervenarztes Binswanger, der in unmittelbarer Nachbarschaft der Wesendonckschen Villa seine Irrenanstalt, wie man damals sagte, einrichten wollte. Nervenkranke glaubt Otto in seiner Umgebung nicht vertragen zu können. Er bietet das Haus Richard Wagner zu einer lächerlichen Miete als lebenslangen Wohnsitz an. Der greift zu und zieht mit Frau und Tieren dort ein. Hier wird er zeitweise von einem Blechschmied, der gegenüber in seiner Werkstatt ständig hämmert und lärmt, empfindlich gestört aber doch angeregt zur Schmiedeszene im 1. Akt von „Siegfried“. Ende 1857 überreicht Richard seiner Mathilde eine Kompositionsskizze mit liebevoller Widmung, einen Notenbrief für Mathilde, und er vertont Gedichte von ihr, die Wesendonck-Lieder, vielleicht das Beste, was Wagner geschrieben hat.

Außerdem entsteht sozusagen autobiographisch „Tristan und Isolde“, womit das an sich ja banale erotische Verhältnis zu einer verheirateten Frau immerhin so in Musik gesetzt wird, daß zwar nicht das Ende der Wesendonckschen Ehe, aber mit dem Tristan-Akkord doch das Ende von Harmonie und Tonalität in der Musikgeschichte droht. Otto wird jedenfalls zu Recht unruhig. Das Verhältnis zu den Wesendoncks kühlt erheblich ab, als Richard, eifersüchtig auf einen 40jährigen italienischen Sprachlehrer Mathildes, Liebesbriefe schreibt, die seiner Minna in die Hand fallen, die sogleich zu Mathilde läuft und der droht, Otto zu verständigen. Ein ernstes Gespräch unter Männern führt dazu, daß Richard Wagner aus Zürich abreist, nach Italien will, aus dem damals österreichischen Venedig aber ausgewiesen wird, nach Luzern zurückkehrt, dort am 6.August 1859 den Tristan vollendet und damit die Affäre Mathilde abschließt.

 

Teil 4.

 

Mit Tristan will er in Paris Erfolge erzielen. Dort hatte die Fürstin Metternich, 24 Jahre alt, vom Balkan stammend, 5 Sprachen beherrschend, rauchend, trinkend, aber mit Napoleon III über Wagners Tannhäuser gesprochen, der auf ihr Urteil hin seinem Kammerherrn befiehlt: „Lassen Sie die Oper aufführen“. In der Pariser Oper legt man los, Befehl ist Befehl. Geld spielt keine Rolle. Nur mußte Wagner noch eine Ballettszene einbauen um beim einflußreichen Pariser Jockey-Club die Akzeptanz der neuen Oper zu steigern. Der Club kam immer erst gegen 22 Uhr, also nach dem 1. Akt in die Oper, um die Tänzerinnen, jede von ihnen Mätresse eines Clubmitgliedes, zu sehen. Wagner erkrankt, überanstrengt von der Arbeit an typhösem Fieber, wovon er nach den Ratschlägen seines Arztes mit Beefsteak zum Frühstück, bayrischem Bier am Abend und Senfpflaster auf die Fußsohlen erst nach Wochen gesundet. Er schreibt das das geforderte Ballett, packt es aber in den 1. Akt, sodaß der Jockeyclub es verpassen mußte. 

 

Tristan, 1. Versuch

 

Der Dirigent ist völlig überfordert. Sein Schüler Gabriel Fauré beschrieb Pierre Louis Dietsch (1808-1865) als „methodischen, aber rückschrittlichen Geist“. Bülow nannte ihn eines der „schäbigsten Rindviehe, einen Greis ohne Intelligenz, ohne Gedächtnis, gänzlich erziehungsunfähig, ohne Gehör, er sei der eselhafteste, dickfelligste, unmusikalischste aller Kapellmeister“. Nach 164 Proben findet die Pariser Premiere des Tannhäuser am 13.3.61 in Anwesenheit der Pariser gesellschaftlichen Creme de la Creme statt. Es kommt zu einem der größten Skandale der Musikgeschichte mit Trillerpfeifen und Lärm auf der einen Seite, Applaus beim anderen Teil des Publikums und beim Kaiser. Tannhäuser wird vom Jockey-Club, der seine Ballettgespielinnen gerne gesehen hätte, mit Lachsalven auf der Bühne begrüßt. Die Fürstin Metternich liefert eine Solovorstellung im Publikum, jubelt, kreischt, und kämpft für den Erfolg der Aufführung. Auch die 2. und 3. Aufführung werden vom Jockey-Club torpediert und enden mit einem Tohuwabohu gegen den erneuten Applaus des Kaisers, der inzwischen zu seiner persönlichen Sicherheit in einer vergitterten Loge sitzt. Die französische Intelligenz war betroffen. Charles Baudelaire schrieb: „Was wird Europa von uns denken, was werden die Deutschen von uns sagen? Diese Handvoll Rüpel bringt uns alle in Verruf“. In Europa werden Wagner und Tannhäuser aber durch den Skandal bekannt. Alle Metropolen wollen ihn sehen. In Deutschland kommt es zu Sympathiekundgebungen für Richard Wagner und in der Dresdener Oper zu Sonderapplaus für den dort nach wie vor steckbrieflich gesuchten. Die Generalamnestie auch für Sachsen erhält Richard Wagner erst am 28.03.62.

 

Im Anschluß an den Tannhäuser-Skandal verläßt Richard Wagner Paris. In Wien soll Tristan aufgeführt  werden. Dort verliebt sich Richard Wagner aber erstmal in Seraphine Mauro, eine junge Halbitalienerin mit schwarzen Locken, einer süßen Figur und nach der Literatur dem schönsten Busen der Welt.

 

Die Wiener Hofoper ist derweil mit dem „Tristan“ völlig überfordert und bläst die Uraufführung zum ersten Mal ab. Wagner schreibt inzwischen die „Meistersinger“ und bietet sie dem Verleger Schott in Mainz an. Er selbst bittet bei chronischem Geldmangel alle seine Freunde um einer längere Gastfreundschaft und landet in Biebrich (1862 für ein Jahr in der Villa Annika), wo er sich gleichzeitig in zwei Frauen verliebt: Friederike Meyer aus Frankfurt und Mathilde Maier aus Mainz: erstere eine lockere Schauspielerin, Geliebte des Frankfurter Theaterdirektors, die andere Notarstochter: seriös, intelligent und liebenswürdig, außerdem ernsthaft verlangt: Erst Scheidung, dann Heirat, dann Erotik. Hier in Biebrich werden große Teile der „Meistersinger“ erarbeitet. Im November 1862 trennt sich Richard Wagner endgültig von Minna, seiner ersten Frau, sucht sich mit Mathilde Maier eine Wohnung, und als er keine findet, reist er mit Friederike Meyer, der Schauspielerin, nach Wien. Friederike als Schauspielerin in Wien nicht erfolgreich, kehrt bald zurück zu ihrem Frankfurter Theaterdirektor und Wagner, von Schulden erdrückt, startet eine Tournee als Dirigent am 08.02.1863 in Prag, dirigiert in Berlin, Königsberg, St. Petersburg, dirigiert in Moskau, wird von russischen Großfürsten empfangen und kehrt mit einem Überschuss von 7000 Talern (1 Taler = 25 Euro) nach Wien zurück, mietet sofort eine Villa, engagiert ein Dienerehepaar und eine Kammerzofe.

 

Tristan, 2. Versuch

 

Er wird dabei nicht überall geschätzt. Später in London wird ihm einmal vorgeworfen, daß er Cosima von Bülow Beethovens Sinfonien auswendig dirigiert. Publikum und Presse sind erst beruhigt, als am 2. Abend eine Partitur auf den Pult liegt, bis man dann feststellt, daß zwar Beethoven dirigiert bzw. gespielt wurde, aber die Partitur des Barbier von Sevilla auf dem Pult liegt. Alles Geld ist bald ausgegeben, die Schulden wachsen wieder und die Wiener Gläubiger werden vertröstet, da inzwischen die Hofoper zum zweiten Mal den „Tristan“ probt. 1863 geht Richard Wagner erneut als Dirigent auf Tournee (Prag, Nürnberg, Stuttgart, Karlsruhe, Berlin Baden-Baden und Zürich), um den wirtschaftlichen Erfolg seiner ersten Tournee zu wiederholen. Am 28.11 1863 besucht er seine Freunde, das Ehepaar von Bülow in Berlin und unternimmt mit Frau Cosima, der Tochter von Franz Liszt, eine gemeinsame Kutschfahrt, während Hans von Bülow für das Konzert am Abend mit dem Orchester probt. „Unter Tränen und Schluchzen besiegelten wird das Bekenntnis, uns gegenseitig anzugehören“ heißt es in der Urschrift von „Mein Leben“. 1853 in Zürich hatte er Cosima als damals 16jährige erstmalig kennengelernt. Richard Wagner reist nach Wien zurück, wird depressiv ob seiner klammen finanziellen Situation. Tristan wird nach 77 Proben zum zweiten Male als unspielbar abgesetzt. Die Gläubiger wollen ihn in Schuldhaft nehmen, als sein Freund und Rechtsbeistand, der Landgerichtsrat Dr. Liszt (ein Onkel von Franz Liszt) ihm rät, aus Wien zu fliehen. Seine Schulden betragen rund 50.000 Euro. Er flieht am 23.03. 1864 aus Wien, inkognito in Frauenkleidern, nach München, wo er immerhin im Bayerischen Hof absteigt. Dort dichtet er in depressiver Grundstimmung schon mal seinen Grabspruch: „Hier liegt Wagner, der nichts geworden, nicht einmal Ritter vom lumpigsten Orden , nicht einen Hund hinterm Ofen entlockt er, und Universitäten nicht mal nen Dokter“

 

Erneut Flucht - und eine wundersame Rettung

 

Er überquert den Bodensee wie 15 Jahre zuvor, reist nach Zürich, wo er bei Freunden, nicht bei Wesendoncks, unterkommt und erreicht am 29. April Stuttgart. Am 3. Mai will er auf die Schwäbische Alb weiter flüchten, als sich morgens um 10 Uhr Kabinettssekretär von Pfistermeister aus München bei ihm anmeldet, der ihn seit Wien verfolgt hat. Er bringt ihm einen Diamantring und ein Medaillon des jungen König Ludwigs aus München sowie die Berufung an den Königshof nach München. Rettung!! 

 

München, Cosima, Mathilde

 

Die Berufung Wagners nach München war die erste Amtshandlung des 18jährigen Königs Ludwig II,  nach dem unerwarteten Tod seines 52jährigen Vaters plötzlich das Ruder in Bayern übernehmen mußte. Als 15jähriger hatte er 1861 den Lohengrin in München gesehen und war seitdem von Wagner fasziniert. König Ludwig schenkt ihm zunächst erstmal 4000 Gulden (1 Gulden = 14 Euro) zur Rückzahlung dringendster Wiener Schulden und wenige Wochen später noch einmal 16.000 Gulden zur Tilgung von Restschulden. Eine Villa am Starnberger See wird für den Hofkomponisten angemietet und er erhält das Jahresgehalt eines Ministerialrates von 4000 Gulden pro Jahr. Das alles geschieht im Mai-Juni 1864. Als der König dann nach Bad Kissingen zur Kur abreist, ist Wagner in München vereinsamt und sehnt sich nach einer Frau. Er schreibt Cosima, der Frau seines Freundes von Bülow und Mathilde Maier, der Spröden aus Mainz, gleichzeitig, ob sie ihm den Haushalt führen möchten. Cosima kommt sofort, also wird die Einladung an Mathilde Maier rückgängig gemacht. Cosima wird die Geliebte Wagners und gleich schwanger. Am 10.4.1865 wird Isolde geboren, die uneheliche Tochter aus der Verbindung von Richard und Cosima, aber offiziell die Tochter des Dirigenten Hans von Bülow.

Kurze Zeit später kommt Gottfried Semper, der Barrikadenkollege aus Dresden, nach München und erhält von Ludwig II den Auftrag, dort ein Festspielhaus für Richard Wagner nebst Prachtstraße zu bauen (für 5 Millionen Gulden = 70 Mill. €). Daran war Wagner aber nicht so recht gelegen. Er wollte ein einfaches, billiges Festspielhaus, konnte Ludwig II davon überzeugen, sodaß Gottfried Semper auch das zweite Operngebäude plant.

 

Tristan, 3. Versuch

 

Und am 10. Juni 1865 findet tatsächlich die Uraufführung des „Tristan“ in München statt. König Ludwig kommt zehnspännig vor das Nationaltheater vorgefahren. Hans von Bülow dirigiert trotz der Geburt seiner bzw. nicht seiner Tochter wenige Wochen zuvor, und das Publikum ist nach der Aufführung ratlos. Die Augsburger Abendzeitung schreibt: „Die Aufführung zeigt, was Sänger und Orchester zu leisten vermögen und was das Publikum ertragen kann.“ Und auf einmal läuft es nicht mehr so gut in München.

 

Die Liebe Ludwig II zu Wagner mit ihren erheblichen finanziellen Folgen, seine Pläne zu einer deutschen Musikhochschule in München rufen Neider und Kritiker auf den Plan bzw. in die Presse. Und als bekannt wird, daß ein anonymer, freundlicher Artikel über den bescheidenen Künstler Richard Wagner, der von der Presse in politische Tagesintrigen gezogen wird, von diesem selbst verfaßt wurde, ist Wagner in München nicht mehr zu halten.

 

Das Kabinett beschließt den gemeinsamen Rücktritt, falls Richard Wagner nicht bayrischer Lande verwiesen wird. Auf den Straßen gibt es Demonstrationen gegen Wagner und Ludwig II verweist ihn des Landes. Richard Wagner reist nach Genf und Südfrankreich, wo ihn im Jan. 1866 die Nachricht vom Tod seiner Frau Minna in Dresden und seines Hundes Pohl in München erreicht. Sein Jahresgehalt aus München, inzwischen 8000 Gulden pro Jahr, läuft gottseidank weiter.

Endlich kann er sich im April 1866 eine Villa in Luzern mieten, das Haus Tribschen. Hier, mit sechs Bediensteten und dem Neufundländer Russ, arbeitet er konzentriert an den Meistersingern, die am 21.6.1868 in Anwesenheit Königs Ludwigs II. im Münchener Hoftheater mit triumphalem Erfolg uraufgeführt werden. Jubel und Applaus wie bei Rienzi in Dresden, Richard Wagner, der Verbannte, aus Bayern Ausgewiesene, wird in der Königsloge vom Publikum gefeiert – König Ludwig läßt ihm hier den Vortritt. Die Presse ist sich nicht so einig: „Terrorismus des Blechs, wüstes Getümmel, haarsträubende Dissonanzen, ein schillerndes Amalgam von Halbpoet und Halbmusiker“ (Dr. Eduard Hanslick) liest man in den Gazetten. 

 

Friedrich Nietzsche

 

1868 lernt Richard Wagner in Leipzig den 24jährigen Friedrich Nietzsche kennen,

Philosophiestudent, seit Luther das größte deutsche Sprachgenie. Nietzsche wird am 13.2.1869 vor seiner Promotion als Prof. für Philologie nach Basel berufen und intensiviert die Freundschaft mit Wagner, besucht ihn in Tribschen insgesamt 23mal. In München werden derweil 1869 und 1870 Rheingold und Walküre auf Wunsch Königs Ludwig gegen den Willen Wagners uraufgeführt, schlecht dirigiert, schlecht inszeniert mit dem Erfolg vernichtender Rezensionen. Vom Hurenaquarium ist bei der Rheintöchter-Szene die Rede. Richard Wagner kommt auf alte Ideen zurück und will unabhängig vom Routinebetrieb eines königlichen Hoftheaters eigene Festspiele in einer Stadt inmitten Deutschlands, aber doch noch in Bayern und verfällt auf Bayreuth, welches er von seiner Böhmenreise 1835 flüchtig kannte.

1871 gründete er in Berlin seinen Verein zur Finanzierung der Bayreuther Festspiele. Im Dezember 1871 kaufte die Stadt Bayreuth das Grundstück für den Bau eines Nationaltheaters daselbst. Zu dieser Zeit widmet Fiedrich Nietzsche den Wagners seine Klavierkomposition „Nachklänge einer Sylvesternacht mit Bauerntanz und Glockengeläute“. Wagners können über dieses schlechte, von keinerlei Selbstkritik getrübten Werkchens nur lachen. Richard Wagner klagt gegenüber dem Dirigenten Hans Richter: „Da verkehrt man nun schon seit anderthalb Jahren mit dem Menschen und nun kommt er so meuchlings, die Partitur im Gewande“. Nietzsche, der sich als engster Freund Richard Wagners verstanden hatte, war beleidigt, und als er von dem Brief Wagners an seinen Hausarzt des Inhalts erfährt, daß Nietzsches Kopfschmerzen und Sehstörungen wahrscheinlich auf häufiges Onanieren zurückzuführen seien, kühlt das Verhältnis zwischen den beiden erheblich ab.

 

Am 22.05.1872 erfolgt die Grundsteinlegung für das Festspielhaus in Bayreuth bei strömendem Regen. Die Pläne des Hauses wurden nach den Vorstellungen Richard Wagner gezeichnet (Otto Brückwald, Wilhelm Neumann, Bühnenmeister Carl Brandt). Vorbild war das Stadttheater Riga mit verdunkeltem Zuschauerraum, amphitheaterartig ansteigenden Sitzreihen und einem Orchestergraben vor der Bühne, über dem in Bayreuth ein Schalldeckel den Orchesterklang auf die Bühne und von dort mit dem Stimmen der Sänger zurück in den Zuschauerraum leitet, wodurch die vielgerühmte Akustik des Festspielhauses zustande kommt. Und wenn man das Festspielhaus mit der gleichzeitig erbauten Grand Opera in Paris vergleicht, dann wird auch in der Architektur deutlich, wie revolutionär Wagner in der Kunst war: In Paris Protz und Prunk, nur Treppen und Foyers für die Selbstdarstellung des reichen Publikums, in Bayreuth dagegen ein Bühnenhaus mit demokratischer Sitzordnung, bei der alle gleich gut hören und sehen können. Die Finanzierung der Festspiele in Bayreuth entwickelt sich nicht sehr günstig um nicht zu sagen katastrophal. Die Baustelle wird vorübergehend stillgelegt und Wagner bekommt einen Herzanfall. König Ludwig reagiert erst im letzten Augenblick - die Festspiele waren schon verschoben - und gewährt am 25.1.74 eine Vorschuß von 100.000 Talern (= 2,5 Mill €) inzwischen aber nur noch als zu tilgenden Kredit. Wagner kann seine Idee vom freien Eintritt für das Volk nicht retten. Jetzt müssen Eintrittskarten verkauft werden, und die Festspiele werden für 1876 angekündigt. Proben beginnen, bevor die Komposition des Rings beendet ist, und hochbegabte Musiker (darunter die späteren Dirigenten der Metropolitan Opera New York: Anton Seidl und Felix Mottl -damals 18 Jahre alt-, sowie Engelbert Humperdinck, der spätere Generalmusikdirektor in München Hermann Zumpe u.a.) unterstützen ihren Meister, wo sie nur können: Abschriften, Reinschriften von Partituren, Klavierauszüge, Probenarbeiten, Regieassistenzen, Korrepetitionen. Die jungen Musiker wurden einmal pro Woche zum gemeinsamen Musizieren in die Villa Wahnfried geladen.

 

Im November 1874 treten wieder Herzschmerzen auf, aber am 21.11.1874 ist die Götterdämmerung endlich vollendet. „Vollendet in Wahnfried. Ich sage nichts weiter“.

 

Auch das Festspielhaus - Dachfirst 36,4 m über der Bühne, Bühnenportal 11,80 hoch und 13 m breit, Länge des Hauses über alles 100 m, Sitzplätze 1925- wird rechtszeitig fertig. Die Vorbereitungen und Proben für die ersten Festspielen im August 1876 laufen auf Hochtouren, und als die Proben einmal bis nach Mitternacht dauern, kommt RW mit Bärenfell, Helm und Spieß auf der Bühne auf und singt das Nachtwächterlied aus den Meistersingern: „Hört ihr Leut und laßt Euch sagen, unsere Uhr hat 12 geschlagen“. Bei der Regieführung klettert er auf der Bühne im Bühnenbild herum, sodaß die Sänger Sorge haben, er könne abstürzen. Die Regieprobleme in den Proben und bühnentechnischen Pannen während der ersten Aufführungen sind legendär wie z.B. die Schwimmwagen in „Rheingold“, die mit den Sängerinnen von den drei späteren Erfolgsdirigenten Seidl, Fischer und Mottl auf der Bühne umhergeschoben wurden. Zu den 1. Wagner Festspielen im August 1876 kommt die geistige, musische und politische Elite Europas nach Bayreuth (siehe auch in Teil 1 die Abb. der Reklame für Liebigs Fleischextrakt). Auch Karl Marx wollte kommen, konnte aber nicht wegen eines Furunkels am Gesäß.

Und George Bernard Shaw schreibt in seinem Wagner-Brevier: Wir erblicken darin (also im „Ring“) die ganze Tragödie der menschlichen Geschichte und die ganze Furchtbarkeit des Dilemmas, vor dem die Welt heute zurückschaudert. Nicht alle waren vom Ring begeistert: Rossini ließ sich vernehmen: „Monsieur Wagner a de beaux moments, mai des mauvais quart d`heures.“ (HR 35).

 

Die ersten Festspiele enden mit einem Defizit von 148.000 Mark(= 1.184000 €). Richard Wagner reist nach Venedig und Sorrent, wo sich die ehemaligen Freunde Nietzsche und Wagner endgültig trennen. Nietzsche wird mit Wagner in seinen Schriften abrechnen und ihn als gefährlichenVolksverführer und Scharlatan bezeichnen.

Wagner kommt zurück nach Deutschland, beginnt mit dem Parsifal, fängt eine neue Affäre an mit der schönen Judith Gautier aus Paris, reist nach London, um mit Konzerten das Defizit für seine Festspiele abzubauen, was nicht gelingt und erhält zuletzt von Ludwig II erneut ein Darlehen, was zurückgezahlt und mit 5% verzinst werden soll.

Denn Ludwig II kommt mit dem Bau der Schlösser Neuschwanstein, Linderhof und Herrenchiemsee finanziell inzwischen auch an seine Grenzen. Insgesamt zahlt er an Richard Wagner ca. 4,5 Mill. €. Welch ein Mäzen! Ohne ihn gäbe es wahrscheinlich keine Meistersinger, keine Bayreuther Festspiele und keinen Ring. Im April 1882 bekommt Richard Wagner mal wieder eine Serie von Herzanfällen, die als Angina pectoris bei koronarer Herzkrankheit gedeutet werden. Er fährt erneut nach Venedig, um sich davon zu erholen, reist zurück nach Bayreuth und gründet dort die noch heute bestehende Stiftung für junge unbemittelte Söhne Germaniens, sodaß wenigstens diese dank der Stiftung freien Eintritt zu den Festspielen erhalten.

 

Am 5.07.82 wird der Ring zum ersten mal in London aufgeführt, dirigiert von Anton Seidl, inszeniert von dem Leipziger Intendanten Angelo Neumann, der mit seinem Ensemble durch Europa reist und den Ring präsentiert. 1882 wird die gleiche Aufführung in Elberfeld geboten. 

Im Juli 1882 kommt es zu den 2. Bayreuther Festspielen mit der Uraufführung des Parsifal unter Wagners jüdischem Freund Hermann Levi. Alles funktioniert vorzüglich, das Publikum ist ergriffen. Wagner ist erschöpft und schreibt: Von mir ist nichts mehr zu erwarten. Sein ehemaliger Freund von Bülow hat in Bayreuth nicht dirigiert. Bülow auf die Frage, warum er nicht in Bayreuth dirigiere: Er fürchte, daß Wagner ihm seine zweite Frau auch noch wegnehme und ihm die erste zurückgebe.

 

„Ich hasse Wagner, aber auf den Knien.“

 

Richard Wagner reist mit Cosima und den Kindern nach Venedig, erhofft sich von südlichem Klima Besserung seiner gesundheitlichen Beeinträchtigungen und besucht Anfang Februar 1883 den Karneval von Venedig, der mit mitternächtlichem Glockengeläut vom Campanile endet. Wagner fährt zusammen mit seinen Töchtern und Herrmann Levi in der Gondel nach Hause und begrüßt seinen Diener: „Amico mio, il carnevale e andato.“ Mein Freund der Karneval ist vorbei. Am 13.2.83 gibt es Streit mit Cosima wegen einer jungen Sängerin, die zu Besuch ist. Cosima vermutet eine weitere Affäre ihres Gatten. Richard Wagner zieht sich in sein Arbeitszimmer zurück, kommt nicht zum Mittagessen und verstirbt über der Niederschrift seines Aufsatzes: „Über das Weibliche im Menschlichen.“

Thomas Mann konnte Richard Wagner als Menschen nicht leiden. Der amerikanische Jude Leonard Bernstein hatte für den Künstler Richard Wagner sein eigenes sehr emotionales Urteil und äußert, nachdem er im Jahr seines Todes 1990 in Bayreuth auf Wagners Flügel gespielt und alleine bei strömendem Regen sein Grab besucht hatte: „Ich hasse Wagner, aber auf den Knien.“

 

 

Richard Wagner (1813-1883)

über die Hintertreppe

 

von Johannes Vesper

 

(Dank für die Übernahmegenehmigung an Frank Becker)

 

Kompletter Original-Text mit vielen Bildern auf www.musenblaetter.de

 

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