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CHOWANSCHTSCHINA

Besuchte Aufführung: 8. 7. 2012

Ein Thema von heute

Einen mächtigen Eindruck hinterließ die Aufführung von Modest Mussorgskys Oper „Chowantschina“ am Deutschen Nationaltheater Weimar. Bei dieser rundum gelungenen Inszenierung, die als Co-Produktion mit dem Anhaltischen Theater Dessau und der Stuttgarter Staatsoper entstand, handelt es sich um ein Paradebeispiel in Sachen hochkarätigen Musiktheaters, das sowohl den Ansprüchen des Komponisten als auch dem modernen Menschenbild einer freiheitlichen sozialen Verfassung voll entsprach. Eingebettet in den historischen Kontext des Strelitzenaufstands z. Z. des ausgehenden 17. Jahrhunderts lässt das Werk eine harsche Kritik seines Schöpfers an den politischen und gesellschaftlichen russischen Verhältnissen in seiner Entstehungszeit um 1880 erkennen. Darüber hinaus ging es Mussorgsky um eine unverhohlene Abrechnung mit Peter dem Großen, dem er mit großer Skepsis begegnete und der immer wieder Gegenstand seiner Kritik war. Durch die Öffnung Russlands für den Westen habe Peter die traditionelle Rus dem Untergang geweiht, so lautete seine Hauptbeanstandung. Zudem warf er Zar Peter, der vielen seiner Zeitgenossen - und auch dem Führer der Altgläubigen Dossifej in der Oper - als der Antichrist galt, erbittert vor, die traditionelle russisch-orthodoxe Kirche gespalten zu haben. Demgemäß geht es in „Chowantschina“ „über das Schisma, den Exodus, über den historischen Untergang der Heiligen Moskauer Rus vor dem kommenden Imperium Peters des Großen, in dem sich das Sein und der Glauben, das Bewusstsein und die Seele der Menschen radikal verändern“ (vgl. Programmheft). Dabei haben alle Figuren genaue historische Vorbilder, deren überlieferte Äußerungen sie teilweise exakt wiedergeben. Indes gibt es in Mussorgskys Oper strenggenommen überhaupt keinen Protagonisten. Den Kern des Werkes bilden die geschichtlichen Ereignisse dieser Epoche. Kein Held spielt hier die dominierende Rolle, sondern eine Idee. Konsequenterweise kann „Chowantschina“ als Warnung des Komponisten vor einem erneuten Schisma verstanden werden, die allerdings im Wirbel des russischen Politiksturmes verstob. Mit der Ermordung von Zar Alexander II im Jahre 1881 wurde die neue Spaltung, die Mussorgsky vorausgeahnt hatte und die er verhindern wollte, unaufhaltsam in Gang gesetzt. Sich durch das ganze 20. Jahrhundert fressend, beeinflusst sie auch heute noch die politischen Verhältnisse im modernen Russland.

Und genau hier setzt Andrea Moses mit ihrer Inszenierung an. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher großen Akribie die junge Chefregisseurin der Staatsoper Stuttgart es schafft, einen Opernstoff so in die Jetztzeit zu übertragen, dass dabei dessen Kern nicht angetastet und sogar verstärkt wird. Das ist hier der Fall. Frau Moses ist das Kunststück gelungen, Mussorgskys Werk nachhaltig zu modernisieren, gleichzeitig aber auch sehr werktreu auf die Bühne zu bringen, was ihr einen Spitzenplatz im Regie-Olymp sichert. Zusammen mit ihrem Bühnen- und Kostümbildner Christian Wiehle führt sie dem Zuschauer sowohl das Russland der Oper als auch dasjenige von Putin als einen von totalitären Strukturen geprägten Überwachungsstaat á la Big Brother vor Augen, in dem ständig mafiös anmutende, mit schwarzen Anzügen, Sonnenbrillen und Masken ausgestattete sowie mit Gewehren bewaffnete Gestalten patrouillieren und verschiedenartige Videoeinspielungen über einen vom Schnürboden herabhängenden Monitor flimmern. Der Kapitalismus hat in Moskau Einzug gehalten und den Roten Platz gleichsam in eine Müllhalde verwandelt. Straßenreiniger sind eifrig bemüht, den überall wahllos herumliegenden Abfall zu beseitigen. Moskau wird zum Müllplatz der modernen Zivilisation. Sinnbildlich wird hier einmal mehr die alte Zeit zu Grabe getragen. Wenn sich ein Straßenkünstler zuerst als Lenin zeigt, später aber zu Micky-Mouse mutiert, wird nur allzu offensichtlich, dass sich der Verlust der alten Werte in dieser verkommenen, vom Laster geprägten Wohlstandsgesellschaft weiter fortsetzt. Das Altbewährte ist nichts mehr wert und wird gnadenlos mit Füßen getreten und verlacht. Das ist in dieser Form sehr bedrückend. Nicht umsonst lässt Andrea Moses im linken Teil der Bühne einen Schuhputzer seiner Arbeit nachgehen und präsentiert auch noch weitere Kleingewerbetreibende, die von den Konsumgütern des Westens augenscheinlich nicht allzu viel abbekommen haben. Das gilt auch für die ständigen Verfolgungen ausgesetzten Strelitzen und die Altgläubigen, die in einem ziemlich armseligen Sozialwohnungsblock ihr Dasein fristen müssen. Die Unterschicht hat hier nichts mehr zu lachen. Sie ist ständiger Unterdrückung durch die oligarchische Oberschicht ausgesetzt. Dass diese bei Widerstand nicht lange zu fackeln pflegt, belegt ein vom Schnürboden herabhängender toter Bojar, der als stummes Mahnmal für die Grausamkeit der Staatsführung stets präsent ist.

An die einstige Größe des russischen Reiches erinnert nur noch ein überdimensionaler Bär - schon Napoleon hatte Russland als Bär bezeichnet -, auf dem Fürst Golizyn prachtvoll residiert. Sein Schicksal ist indes bereits von Anfang an besiegelt. Er ist nicht mehr als eine Marionette in dem teuflischen Intrigenwerk des Bojaren Schaklowity, eines zwielichtigen und diabolischen Strippenziehers, der die ganze Zeit über die Fäden in der Hand hält und schließlich den Fürsten Iwan Chowanski hinterhältig ermordet. Dieser ist indes auch eine nicht ganz einwandfreie  Persönlichkeit, begehrt er doch wie sein Sohn Andrej die junge Emma. Zwar rettet er sie vor dem Vergewaltigungsversuch seines Filius, kann aber die eigene Lüsternheit auf die deutsche Protestantin nur schwer verbergen. Wenn man sich die ausgesprochen negative Zeichnung des Fürsten Andrej durch Andrea Moses vor Augen führt, wird offensichtlich, warum Peter der Große angesichts des Verhaltens der Chowanskis von Chowantschina - deutsch: die Schweinereien der Chowanskis - sprach. Es ist eine nicht gerade sympathische Sippe, die großspurig auf schnöden Mammon setzt und demonstrativ mit ihrem eleganten Hofstaat per Flieger auf dem Roten Platz einschwebt. Der Adel schwelgt im Wohlstand, das Volk darbt. Das Recht steht auf der Seite der Mächtigen, die Bevölkerung ist staatlicher Willkür ausgeliefert. Vor den Übergriffen der Oberschicht bietet dem gemeinen Volk auch die Kirche praktisch keinen Schutz mehr. Sie hat ihre ursprüngliche Funktion weitgehend eingebüßt und von Seiten des Staates eine anrüchige Instrumentalisierung erfahren. Die politisierten Priester, die Frau Moses auf die Bühne stellt, sind als verlängerter Arm der staatlichen Bürokratie zu verstehen; ihr Handeln ist schon längst nicht mehr christlich. Unter diesen Umständen hat auch die Basilius-Kathedrale ihren ursprünglichen Zweck eingebüßt und wird als Werbewand für Coca-Cola und Mc Donald’s missbraucht. Augenzwinkernd und mit einem gehörigen Schuss Ironie versieht Andrea Moses die Wände dieses berühmten Gotteshauses mit den das Konterfei von Jesus Christus zeigenden Bildern „This is my blood“ und „This is my body“ des russischen Malers Aleksandr Kosolapov. Diese Kombination religiöser und ideologischer Symbole mit profanen weltlichen Werbebildern der kapitalistischen Wohlstandswelt führt indes zu einer Dekonstruktion beider Aspekte und belegt die ausgemachte Dekadenz eines Gesellschaftssystems, das in dieser Form nicht weiter bestehen kann und erneuert werden muss. Kein Wunder, dass Dossifej, Marfa und die Strelitzen sich gegen dieses ominöse System auflehnen. Der Schreiber hat die Missstände ebenfalls erkannt und schickt sich, mit Koffern und Labtop bewaffnet an, Moskau zu verlassen. Per Mail verschickt er Augenzeugenberichte über die Ausschweifungen in der Hauptstadt und ruft auf diese Weise nachhaltig zum Aufstand auf. Seine und der Altgläubigen Art des Protestes sind indes recht unterschiedlich. Während er gleichsam im Untergrund die Revolution anstachelt, wählen die sich hufeisenförmig über Bühne und Parkett verteilenden und in weiße Gewänder als Zeichen der Reinheit gekleideten Anhänger Dossifejs den kollektiven Selbstmord, dem sich der von Marfa geschickt als Mann manipulierte und jetzt endlich Würde erhaltende Andrej Chowanski anschließt. Mit diesem Märtyrertod stellt die Regisseurin gekonnt einen krassen Bezug zu Selbstmordattentaten der Jetztzeit her.

Aber nicht nur in dieser Beziehung atmet ihre Inszenierung eine enorme Aktualität. Wenn man es recht betrachtet, sind die Verhältnisse in unserem heutigen Russland, in dem vor Kurzem und nicht gerade zu Aller Freude Putin wieder an die Macht gekommen ist, und zur Zeit der Chowanskis nicht sehr verschieden. Wie aktuell die in der „Chowantschina“ geschilderten Konflikte auch heute noch sind, belegt ein von Viktor Jerofejew Mitte Mai dieses Jahres in der Süddeutschen Zeitung erschienener Aufsatz „Opposition unter Putin - Russland vor der Revolution“, in dem der im Jahre 1979 aus dem Schriftstellerverband der UdSSR ausgeschlossene Autor, der einem breiten Publikum insbesondere durch seinen Roman „Die Moskauer Schönheit“ bekannt sein dürfte, gnadenlos mit den Verhältnissen in Russland unter Putin abrechnet. In Andrea Moses’ Inszenierung sieht man per Video-Einspielung, wie Putin in einer großen Luxuslimousine durch das einsame Moskau - er hat in der Stadt wohl überhaupt keine Anhänger, die dieses Spektakel interessiert - zum Kreml fährt, während auf der Bühne eine von Paparazzi gefilmte Vergewaltigung stattfindet. Das wirkt wie blanker Hohn und ist obendrein eine deutliche Kritik an den Praktiken der heutigen russischen Massenmedien. Die alten Werte Russlands sind nicht mehr. Das erkennt auch Jerofejew, wenn er in seinem lesenswerten Essay resigniert feststellt, dass dem russischen Volk „gemeinsame grundlegende Vorstellungen über das Leben“ fehlen und es gleichsam „in einem Meer zerbrochener Werte“ schwimmen lässt. Diese Wertfragmente vergleicht er zutreffend mit einer Ansammlung von „Murmeln altrussischer, mittelalterlicher Vorstellungen von Gut und Böse“, mit „Murmeln der Orthodoxie, des offenen Zynismus, der wahrhaftigen Unehrlichkeit“ und beklagt, dass in den Beuteln Angst und Patriotismus, Lakaientum, Kosmopolitismus, verschämte Verschlagenheit, Westlertum und selbst gemachter Faschismus zusammentreffen. Er ist in seinem Angriff auf das Putin-Regime wahrlich nicht zimperlich, das er unverhohlen mit dem Stalinismus vergleicht und „Murmeln des ewigen Aufstands und des Widerstands“ fordert. Wenn er schlussendlich konstatiert, dass man in Russland womöglich keine zwei - auch sich nahe stehende - Menschen mit denselben Wertvorstellungen finden würde, ist das eine äußerst pessimistische Quintessenz, die eine Revolution unabdingbar mache. Genau das ist aber auch das Thema der „Chowantschina“. Der Autor hat durchaus recht, wenn er postuliert, dass sich die Geschichte wiederholt. Und auch Andrea Moses scheint das so zu sehen. Wenn man Jerofejews Aufsatz liest, ist man nachhaltig überrascht, wieviel von seinem Gedankengut in die Weimarer „Chowantschina“-Produktion Eingang gefunden hat. Nun werden die Proben in Weimar Mitte Mai, als der Essay erschien, längst begonnen haben und zudem war die Inszenierung in der vergangenen Spielzeit bereits in Dessau zu sehen. Einfluss auf Frau Moses’ Konzeption kann der Aufsatz demzufolge nicht gehabt haben. Dennoch ist es in höchstem Grade erstaunlich, wie sich die Mentalitäten von Viktor Jerofejew und Andrea Moses ähneln, und das in jeder Beziehung. Man möchte den russischen Schriftsteller und die deutsche Regisseurin für Seelenverwandte, für Geschwister im Geiste halten, die ihrer vor sechs Jahren ermordeten Schwester und Kremlkritikerin Anna Politkowskaja ihre aufrichtige Reverenz erweisen. Sie würden sich garantiert blendend verstehen. In der Kunst, auf irgendwelche irgendwo herrschenden Missstände in Form einer Operninszenierung nachdrücklich hinzuweisen, versteht sich Frau Moses ausgezeichnet. Das hat sie schon bei ihrer genialen Produktion von Berlioz’ „La damnation de Faust“ am Staatstheater Stuttgart im Herbst letzten Jahres - wir berichteten im OPERNFREUND -  in der sie mit großer Vehemenz die gegenwärtigen desolaten Verhältnisse in Ungarn an den Pranger stellte, trefflich unter Beweis gestellt. Hier hat die junge, mit einer ausgeprägten sozialen Ader ausgestattete Regisseurin in ihrer klugen Art auf hoch innovative Weise das Gleiche getan. Und Herr Jerofejews Essay ist wie keine andere Publikation geeignet, die Transferierung der „Chowantschina“ in unsere heutige Zeit zu rechtfertigen. Es gibt wohl keine andere Oper des ausgehenden 19. Jahrhunderts, deren Inhalt mit den Gegebenheiten der Jetztzeit so sehr übereinstimmt wie diese. Das Stück ist ein sehr heutiges.

Leider ließ der musikalische Teil zu wünschen übrig. Was technische Versiertheit und glanzvolles Spiel angeht, ist die Staatskapelle Weimar nicht die beste. Und Martin Hoff am Pult machte nicht gerade den Eindruck, als ob ihm Mussorgskys Werk, das in der Orchestrierung von Dmitri Schostakowitsch erklang, sehr am Herzen liegen würde. Unter seiner musikalischen Leitung floss die Musik manchmal ziemlich beiläufig vor sich hin. Der Dirigent vermochte ihr keinen tieferen Bedeutungsgehalt zu verleihen und ließ es zudem stark an Emotionalität fehlen. An diesem Nachmittag erwies sich Hoff zwar als routinierter Kapellmeister, der das Orchester sicher zusammenhielt, in die Tiefen der Partitur ist er indes noch nicht vorgedrungen.

Insgesamt hervorragend schnitten dagegen die Sänger ab. An erster Stelle ist Hidekazu Tsumaya zu nennen, der mit seinem hervorragenden italienisch geschulten, substanz-, farben- und resonanzreichen Prachtbass, den er intensiv und ausdrucksstark einzusetzen wusste, dem Dossifej in jeder Beziehung ein prächtiges Profil gab. In nichts nach stand ihm Anna Peshes als Marfa. Auch sie nennt einen bestens sitzenden Mezzosopran italienischer Prägung ihr Eigen, mit dem sie jede Facette ihrer Partie mit großer Eleganz und beherztem Ausdruck zog und obendrein mit einfühlsamer Linienführung und ansprechenden Coleurs aufwartete. Sergey Drobyshevskiy war darstellerisch ein nicht gerade sympathischer Andrej Chowanski, den er indes mit seinem geradezu heldisch anmutenden Tenor kraftvoll sang. Dem Iwan Chowanski lieh Remigiusz Lukomski seinen russisch profundierten bodenständigen Bass. Mit markanter Tongebung und charismatischem Auftreten  gelang ihm ein recht imposantes Rollenportrait. Mit viel lyrischer Emphase und gut focussiertem Stimmklang sang Alexey Kosarev einen sehr selbstbewussten Golizyn. Darstellerisch sehr glaubhaft war Alik Abdukayumov in der Partie des Schaklowity, dem er auch gesanglich mit seinem robusten Bariton gut gerecht wurde. Der ziemlich dünn singenden Schreiber von Frieder Aurich ließ es stark an der nötigen Körperstütze seines Tenors vermissen. Daran sollte er arbeiten. Ort der richtigen Stütze ist das Brustbein bei einer gleichzeitigen, fast unmerklichen Gegenbewegung und ständigem Gähnen. Eine beachtliche Leistung erbrachte die die Susanna voll und rund singende Jie Zhang. Susann Vent sang die Emma zwar ordentlich, stand schauspielerisch aber etwas neben ihrer Rolle. Profunde Stimmen brachten Pawel Tomczak und Cezary Rotkiewicz für die beiden Strelitzen mit. Den Diener Warsonofjew gab mit rauem, halsigem Bariton Gonzalo Simonetti. Für ihn gelten die zu Herrn Aurich gemachten stimmtechnischen Bemerkungen entsprechend. Als Kuska erbrachte David Ameln eine passable Leistung. Solide präsentierte sich der von Markus Oppeneiger und Helmut Sonne einstudierte Chor, bei dem Weimarer und Dessauer Choristen zusammenwirkten.

Fazit zum Schluss: Eine sehr empfehlenswerte Aufführung, die mir persönlich vier Sterne wert wäre und deren Besuch jedem Opernfreund dringendst empfohlen wird. An dieser Stelle eine herzliche Gratulation an Andrea Moses, die sich die Bezeichnung „Regisseurin des Jahres“ wieder einmal mehr als verdient hätte, für eine sehr gelungene, stimmige und äußerst zeitgemäße Produktion, die sich höchste DVD-Weihen verdient hätte - vielleicht denkt man in Weimar oder auch in Stuttgart mal darüber nach - und auf deren Übernahme nach an die Württembergische Staatsoper 2014 man sich jetzt schon freuen kann!

Ludwig Steinbach

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