RIGOLETTOMan könnte diese Kritik
ganz kurz halten: Wer sie nicht gesehen hat, hat was versäumt! Hingehen! Ich
befehle es!
Zugegeben, das wäre etwas
wenig, also ins Detail.
Mit George Gagnidze hat
Weimar den Rigoletto, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Sein
überragender Bariton schwankt zwischen Hass und Liebe, zwischen tiefsten
Zynismus und herzergreifender Hilflosigkeit. Mit seiner Stimme unterstützt er
die Rolleninterpretation eines an Leib und Seele geschundenen. Ohne Arme, in
einen weißen Schlauch gekleidet, ist er gänzlich abhängig von seiner Tochter
Gilda(Kerstin Avemo). Um am Hof des Herzogs( für Peter Roux eingesprungen, und
erschreckend gut in Stimme und Spiel Pedro Velásquez Díaz)zu bestehen träg er
sie, als Teil seines Kostüms als Rucksack/Buckel mit sich. Und damit liegt auch
die Crux des Rigolettos offen. Er, der namenlos existieren will, schafft es
nicht seine Tochter dem Hofstaat voller Freaks fern zu halten. Er benötigt die
Handreichungen seiner Tochter. Jeder Versuch Gildas, sich vom Vater zu lösen,
wird von ihm vereitelt. Dennoch scheitert er in seinen Bemühungen, die Tochter
auf sich zu fixieren. Gilda selbst schwankt zwischen der Liebe zum Herzog und
der Treue zum Vater. Die Entführung durch die Höflinge ist der letzte Schritt
in ihre Emanzipation, der letztendlich zu ihrem freiwilligen Tod führt.
Carsten Wiegand gestaltet
seinen Rigoletto als immer gültiges Sittenbild. Er verzichtet auf Schwarz-Weiß
Malerei, seine Personen sind weder gut nochböse, er zeichnet sie als Menschen
in all ihrer Fehlerhaftigkeit. Damit entspricht er genau der musikalischen
Intension Verdis, der einerseits den widerlichen Zyniker Rigoletto als
liebenden Vater zeigt, andererseits den sexbesessenen Herzog als zärtlichen
Liebhaber zeichnet.
Das erste Bild, ein
Kostümfest in Renaissanceoutfit, oder eher eine Fetischparty, führt uns in die
Abgründe am Hofe zu Mantua. Treffpunkt Herrenklo. Eine Höflingsgesellschaft,
jederzeit bereit ihrem Herrn auch sexuell zur Verfügung zu stehen, biedert sich
nach allen Seiten offen dem Herzog an. Einziger weiblicher Gegenpunkt ist Gräfin
Ceprano. Warum der Conte sie mit zur Gayparty geschleppt hat, beleibt offen.
Der Spott Rigolettos, eine Made im Speck des Hofes, ist gerechtfertigt. Auch
Monterone, grandios Renatus Mészár, versuchte einst auf solch einem Fest seine
Tochter an den Herzog zu bringen, um seine Stellung zu festigen und scheiterte
ebenso.
Zu Hause bei Rigoletto.
Wiegand verzichtet auf die Figur der Giovanna. Ihr Text dient aber als Dialog
mit der Gottesmutter Maria. Dieser Kunstgriff ist stimmig und durchaus legitim.
Gilda trifft die Entscheidung, eine Affäre mit dem vermeintlichen Studenten zu
beginnen, selbst und wird nicht von Außen gesteuert. Die Höflinge haben Gilda
dem Herzog zu geführt. Die Verspottung Rigolettos gestaltet sich zu einem der
Höhepunkte der Inszenierung. Das Duett der, sehr deutlich geschändeten, Gilda
und Rigoletto gehört zu den besten Interpretationen, die ich bis dato gehört
und gesehen habe.
Der dritte Akt spielt in
dem Underdogmilieu Sparafuciles (Remiusz Lukomski), einer primitiven Bude.
Maddalena, auch stimmlich ein Traum, Roswita C. Müller, eine heroinsüchtige
Gelegenheitsnutte, verliebt sich in den als Matrosen verkleideten Herzog. Das
Schicksal nimmt seinen Lauf. Sparafucile tötet Gilda, Rigoletto steht vor den
Trümmern seines Seins.
Carsten Wiegand bewies in
den zum Teil verstörenden, aber immer glaubwürdigen Bildern, Bühne von Bärbl
Hohmann, Kostüme von Alfred Mayerhofer, dass moderne Regie auch spannendes
mitreißendes Theater sein kann.
Gregor Bühl treibt seine
Sänger und sein Orchester zu Höchstleistungen an. Sämtliche Erwartungen werden,
bis in die kleinsten Rollen, erfüllt. Durchaus erwähnenswert auch die Banda im
ersten Akt unter Andreas Klippert.
Wie schon zu Beginn gesagt:
Hingehen!
Alexander Hauer
Der Bajazzo
Ein Abend der commedia dell’arte. Einmal in überbordender
Lebensfreude, einmal tragisch. Lydia Steier gelang dieser Doppelabend mühelos.
Zunächst die busonische Turandot.
Kalaf gibt sich in die Fänge Turandots, Prinzessin in einem
seltsamen Reich, regiert von einem altersmüden Kaiser. Das Fräulein Tochter
führt ein seltsames Regiment über ihren Hofstaat, eine Mischung aus Berliner
Halbwelt und italienischen Straßentheater. Sie, die Herrin über die Männer,
gebietet über Leben und Tod, und der Mann begibt sich freiwillig in ihre Fänge.
Er, der gelangweilte Bürger des ausgehenden 19.Jahrhunderts, der seine Frau nur
noch domestiziert kennt, sucht die Gefahr bei einer unberechenbaren, alles
dominierenden Frau. Turandot stellt ihre drei Rätsel, Kalaf beantwortet sie,
Turandot droht mit Selbstmord, Kalaf stellt ihr die berühmte Gegenfrage. In dieser Nacht kämpft Turandot, soll sie die
Domina bleiben oder zieht sie eine bürgerliche Existenz vor. Ihre Sklavin
Adelma kennt Kalaf noch von früher, liebt in immer noch, verrät aber seinen
Namen, um ihrer Freilassung willen. In dieser aussichtslosen Situation
schafft Busoni ein Ende, das an
Unglaubwürdigkeit kaum zu überbieten ist. Turandot verzichtet auf die Hinrichtung
Kalafs, beide werden ein Paar. Der Schlusschor gerät zur zweifelhaften Farce
auf das sich liebende Paar.
Soweit der Inhalt der viel zu selten gespielte Oper.
Die Bühne von Martina Segna, eine drehbare
Treppenkonstruktion, die sich von der Seite betrachtet ein überdimensionaler
High Heel, ist das einzige Bühnenelement. Der Kaiser und seine Minister werden
von goldbemalten Statisten auf Wägelchen
durch das Geschehen gefahren. Die Kostüme von Ursula Kudrna sind inspiriert
von anarchischem Straßentheater des 20. Jahrhunderts, viel Lack und Leder,
Uniformen und scharf Bestrapstes. Lydia Steier inszeniert in bester Jerome
Savary Manier, schnell, spritzig und voll schrägen Humors. Der erste Teil des
Abends endete in mehr als zufriedenen Applaus.
Nach der Pause – Bajazzo - Die amerikanische Lösung
Kein Italien, keine südlich flirrende Sonne, keine frommen
Feste.
Lydia Steiers Bajazzo spielt in einem Amerika zwischen zwei
Kriegen. Die Kostüme erinnern an die Barbie und Ken Kollektion aus der Zeit
zwischen Korea und Vietnam. Canio ist Besitzer des Kaufhauses „Pagliacci“. Die
Inszenierung folgt dem traditionellen Schema, doch hat Lydia Steier einige
Ergänzungen und Änderungen vorgenommen. Im Mittelpunkt der Oper steht Canio jr.
Aus der Sicht eines Kindes erlebt der Zuschauer den Ehekonflikt zwischen Canio
und seiner Nedda. Und noch eine
Änderung gibt es. Nedda, im Original
eine Gauklerin, also am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala, liebt einen
Bauern, in Weimar liebt die Kaufhausbesitzerin einen Fensterputzer, auch sorgt
diese Liebe „ nach unten“ für weitere Konflikte innerhalb des Geschehens.
An Christmas Eve, der amerikanischen Version des Heiligen
Abends lädt Canio zum traditionellen Komödienspiel in sein Kaufhaus ein. In der
Parfümerieabteilung steigt das Spektakel um Santa und seiner ungetreuen Mrs.
Santa. Und wie im Original gerät das Spiel zur Tragödie. Canio läuft Amok.
Was hier nach überkandideltem Regietheater klingt, ist ein großartiges Stück bodenständigen Handwerks. Die Verlegung der
Handlung in eine andere Zeit, an einen anderen Ort ist durchaus legitim. Die
Handlung des Bajazzo wird nicht verändert, das Werk nicht zerstört. Anfängliche
Verstörungen weichen einer faszinierenden Personenregie, die die sozialen
Konflikte fast schmerzlich darlegt.
Nach anfänglicher Betroffenheit endete auch der zweite Teil
in frenetischem Applaus.
Aber was verbindet die beiden Stücke. In beiden Werken geht
es um die Suche nach Namen. Turandot muss Kalafs Namen suchen, Canio verlangt
den von Silvio. Doch spätestens seit Händels Semele weiß man in der Oper, dass
das Erraten von Namen nichts Gutes bringt. So auch an diesem Abend. Turandot
verliert sich in der Bürgerlichkeit, Canio wird zum Mörder an Silvio und an
seiner Familie.
Unter der musikalischen Leitung von Martin Hoff spielt die
Staatskapelle Weimar auf gewohnt hohem
Niveau, der Chor (Einstudierung Markus Oppeneiger) besticht gleichermaßen durch
Sangeskunst wie Spielfreude. Stellvertretend
für die Solistenriege seien nur einige genannt. Renatus Mészár als Altoum
bestach wie gewohnt durch Stimme und Spiel. Sonja Mühlecks Turandot, stimmlich
bestechend, genauso wie Adelma(Janine Metzger) und Susann Günther als die
Königin von Samarkand. Im Bajazzo überzeugten Jana Havranova als Nedda und Uwe
Schenker-Primus als Silvio.
Fazit: Wieder mal bewies das Nationaltheater Weimar, dass
modernes Theater nicht abgedreht und unverständlich sein muss. Solides
Regiehandwerk kombiniert mit überdurchschnittlichen musikalischen Leistungen
werden dafür sorgen, dass die Oper nicht untergehen wird.
Alexander Hauer
DON GIOVANNI
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Der Mensch ist ein Abgrund: Es schwindelt einen, wenn man hinab sieht.
(Georg Büchner)
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Karsten Wiegand lässt keine Zweifel an seiner Absicht: Die
Mängel menschlichen Daseins sind die Schwerpunkte in seiner Don Giovanni
Interpretation. Das er damit mit lieb gewonnenen Traditionen bricht, wird den
konservativen Opernbesucher verstören, aber auch faszinieren. Sein Personal
in Mozarts Opera buffa, nach seinem eigenhändigen Eintrag in seinem
Werkverzeichnis, ist voller moralischer und sozialer Mängel, also ganz
normale Menschen, denn der Firnis unser gesellschaftlicher Konventionen ist
hauchdünn.
In Bärbl Hohmanns labyrinthartigen Bühnenbild, sehr stylisch mit
viel lackierten Eisen und Holzwänden aus „gekalkter Eiche“, durch ständigen
Einsatz der Drehbühne und ausgeklügeltem Lichteinsatz, ständig neue Räume
bildend, spielt sich das Geschehen ab. Wiegand verzichtet auf jegliche
Sevillafolklore, sein Giovanni ist eine Person der Jetztzeit. Und unsere Zeit
hat er genau getroffen. Sexsucht, erhöhte Gewaltbereitschaft,
Drogenmissbrauch, Inzest, moralische Erpressung, alles zeigt er auf.
Don Giovanni schläft mit Anna. Von Vergewaltigung keinen Spur,
der Mann im Bademantel ist ihr vertraut doch als sich heraus stellt, dass es
nicht ihr Vater ist sondern ein Fremder wird sie biestig. Der Komtur
verteidigt das Objekt seiner Begierde und wird im Zweikampf von Don Giovanni
erschlagen. Dieser Kampf, vor Augen der in den Vater verliebten Tochter, wird
im Laufe des Abends öfters wiederholt, quasi als Erinnerung Donna Annas. Der
Auftritt Donna Elviras, auf den ersten Blick schwanger, gerät zu einem
grotesken Schmankerl. Don Giovanni entlarvt seine Ex als hysterische Zicke,
die ein Kissen als Kostümteil benutzt. Die Registerarie, Leporello benutzt
anstatt eines Kataloges Don Giovannis Schlüpfersammlung, zur Unterstreichung
der sexuellen Aktivitäten. Der Polterabend von Zerlina und Maseto, ein sehr
moderner im Trend liegender Junggesellen(innen)abschied. Die Mädels saufen
und kiffen, die Jungs haben sich eine Stripperin ins Haus geholt. Nur das
Brautpaar ist unglücklich, sie mögen sich nicht wirklich. Masetto ist
ein Frauenprügler, Zerline setzt Sex
als Besänftigungsmittel ein, ist aber durchaus bereit ihren Freund für Don
Giovanni sitzen zu lassen. Der Maskenball gerät zu einer stimmungsvollen
Spontanparty, eine Kiste voller Karnevalskostüme genügt um die Laune zu
heben. Don Ottavio und die beiden Dame passen sich an, Don Giovanni entzieht
sich seiner Entlarvung durch Vortäuschung eines Herzanfalls. Im zweiten Akt tauschen Giovanni und
Leporello die Kleider. Giovanni versucht bei Elviras Zofe zu landen,
vergeblich, Masetto sucht ihn, um ihn zu töten. Naiv hält er ihn für
Leporello, und nachdem Giovanni Masetos Meute zerstreut hat, vermöbelt er ihn
nach Strich und Faden. Leporello hat mehr Glück. Er macht sich an Elvira an,
und die gibt sich ihm hin. Der gedemütigte Maseto, Don Ottavio und die beiden
Damen fesseln ihn, und Ottavio und Maseto vollziehen ein Exempel an Ihn. Der
gefangene Leporello wird geschlagen, gefoltert und angepinkelt. Don Giovanni trifft
seine Diener wieder auf dem Friedhof, die Grabsteine sind die nackten
Oberkörper des Komturs und der Statisterie. Nachdem der Komtur die Einladung
Giovannis angenommen hat und er den nicht einsichtigen Giovanni der Hölle zu
führt, leitet er ich durch eine bal funebre mit allen Opfern Giovannis. Das
liento fine gerät bei Wiegand dann doch noch einmal zum Ausverkauf des
Menschlichen. Donna Anna trennt sich
von Ottavio, Leporello und Elvirascheinen für einen Moment zusammen zu kommen
und Zerline und Maseto flüchte sich in eine unglückliche Ehe.
Musikalisch war es ein dem Haus angemessener Abend.
Historisierend richtig ließ Enrice Mazzola die Staatskapelle Weimar durch
einen Hammerflügel begleiten. Alessandro Amoretti gab dadurch dem Werk einen
ungewohnten Klang. George Gagnidze, einer
der besten Giovannis unserer Zeit, ließ sich auf die Regie Wiegands
voll ein und verlieh dem Lebemann unsympathische Züge. Renatus Mészár war ein
hinterhältiger, widerwärtiger Leporello, der in Verderbtheit und Wohlklang in
der Stimme, seinem Herrn in nichts nachstand. Yves Saelens als Ottavio klang
sichtlich angeschlagen, konnte sich im Laufe des Abends aber steigern. Der
Masetto Philipp Meierhöfers war ordentlich geführt, kräftig und wohlklingend.
Mit bayerischem Charme verlieh Meierhöfer seiner Figur Tiefe und Charakter. Das
gleiche gilt auf der Damenseite. Ulrika Strömstedt prägte die Figur der
Zerline mit der nötigen Verzweiflung, die sie braucht. Johanna Stojkovic
überzeugte als Elvira als hysterische, notgeile Kuh. Larissa Krokhina,
stimmlich makellos, spielte am stärksten in den Szenen mit ihrem körperlich
begehrten Vater, egal ob als Lebender oder als Toter.
Hidekazu Tsumaya war unter Wiegands Führung eben nicht der
liebende Vater, sondern auch ein Sexualkrüppel der schlimmsten Sorte. Nicht
unerwähnt bleiben soll der spielfreudige, und höchst musikalische Chor unter
der Leitung von Tonio Shiga.
Mit langen, verdientem Applaus endete ein verstörender, brutaler
Don Giovanni, der den konservativen Opernfreund sicherlich verstört, aber
dennoch im Sinne des politisch motiviertem Komponisten W. A. Mozart war.
Mozarts versteckte Kritik an der Gesellschaft seiner Zeit, für die Heutigen
kaum noch zu erkennen, wurde durch einen jungen und mutigen Regisseur in die
Jetztzeit transponiert. Wiegand klagt an ohne zu verletzen.
Gratulation
Alexander Hauer
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