DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
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Fotos von Anke Neugebauer
RIGOLETTO

Man könnte diese Kritik ganz kurz halten: Wer sie nicht gesehen hat, hat was versäumt! Hingehen! Ich befehle es!

Zugegeben, das wäre etwas wenig, also ins Detail.

Mit George Gagnidze hat Weimar den Rigoletto, an dem sich alle anderen messen lassen müssen. Sein überragender Bariton schwankt zwischen Hass und Liebe, zwischen tiefsten Zynismus und herzergreifender Hilflosigkeit. Mit seiner Stimme unterstützt er die Rolleninterpretation eines an Leib und Seele geschundenen. Ohne Arme, in einen weißen Schlauch gekleidet, ist er gänzlich abhängig von seiner Tochter Gilda(Kerstin Avemo). Um am Hof des Herzogs( für Peter Roux eingesprungen, und erschreckend gut in Stimme und Spiel Pedro Velásquez Díaz)zu bestehen träg er sie, als Teil seines Kostüms als Rucksack/Buckel mit sich. Und damit liegt auch die Crux des Rigolettos offen. Er, der namenlos existieren will, schafft es nicht seine Tochter dem Hofstaat voller Freaks fern zu halten. Er benötigt die Handreichungen seiner Tochter. Jeder Versuch Gildas, sich vom Vater zu lösen, wird von ihm vereitelt. Dennoch scheitert er in seinen Bemühungen, die Tochter auf sich zu fixieren. Gilda selbst schwankt zwischen der Liebe zum Herzog und der Treue zum Vater. Die Entführung durch die Höflinge ist der letzte Schritt in ihre Emanzipation, der letztendlich zu ihrem freiwilligen Tod führt.

Carsten Wiegand gestaltet seinen Rigoletto als immer gültiges Sittenbild. Er verzichtet auf Schwarz-Weiß Malerei, seine Personen sind weder gut nochböse, er zeichnet sie als Menschen in all ihrer Fehlerhaftigkeit. Damit entspricht er genau der musikalischen Intension Verdis, der einerseits den widerlichen Zyniker Rigoletto als liebenden Vater zeigt, andererseits den sexbesessenen Herzog als zärtlichen Liebhaber zeichnet.

Das erste Bild, ein Kostümfest in Renaissanceoutfit, oder eher eine Fetischparty, führt uns in die Abgründe am Hofe zu Mantua. Treffpunkt Herrenklo. Eine Höflingsgesellschaft, jederzeit bereit ihrem Herrn auch sexuell zur Verfügung zu stehen, biedert sich nach allen Seiten offen dem Herzog an. Einziger weiblicher Gegenpunkt ist Gräfin Ceprano. Warum der Conte sie mit zur Gayparty geschleppt hat, beleibt offen. Der Spott Rigolettos, eine Made im Speck des Hofes, ist gerechtfertigt. Auch Monterone, grandios Renatus Mészár, versuchte einst auf solch einem Fest seine Tochter an den Herzog zu bringen, um seine Stellung zu festigen und scheiterte ebenso.

Zu Hause bei Rigoletto. Wiegand verzichtet auf die Figur der Giovanna. Ihr Text dient aber als Dialog mit der Gottesmutter Maria. Dieser Kunstgriff ist stimmig und durchaus legitim. Gilda trifft die Entscheidung, eine Affäre mit dem vermeintlichen Studenten zu beginnen, selbst und wird nicht von Außen gesteuert. Die Höflinge haben Gilda dem Herzog zu geführt. Die Verspottung Rigolettos gestaltet sich zu einem der Höhepunkte der Inszenierung. Das Duett der, sehr deutlich geschändeten, Gilda und Rigoletto gehört zu den besten Interpretationen, die ich bis dato gehört und gesehen habe.

Der dritte Akt spielt in dem Underdogmilieu Sparafuciles (Remiusz Lukomski), einer primitiven Bude. Maddalena, auch stimmlich ein Traum, Roswita C. Müller, eine heroinsüchtige Gelegenheitsnutte, verliebt sich in den als Matrosen verkleideten Herzog. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Sparafucile tötet Gilda, Rigoletto steht vor den Trümmern seines Seins.

Carsten Wiegand bewies in den zum Teil verstörenden, aber immer glaubwürdigen Bildern, Bühne von Bärbl Hohmann, Kostüme von Alfred Mayerhofer, dass moderne Regie auch spannendes mitreißendes Theater sein kann.

Gregor Bühl treibt seine Sänger und sein Orchester zu Höchstleistungen an. Sämtliche Erwartungen werden, bis in die kleinsten Rollen, erfüllt. Durchaus erwähnenswert auch die Banda im ersten Akt unter Andreas Klippert.

Wie schon zu Beginn gesagt: Hingehen!


Alexander Hauer


Der Bajazzo

  Ein Abend der commedia dell’arte. Einmal in überbordender Lebensfreude, einmal tragisch. Lydia Steier gelang dieser Doppelabend mühelos. Zunächst die busonische Turandot.

Kalaf gibt sich in die Fänge Turandots, Prinzessin in einem seltsamen Reich, regiert von einem altersmüden Kaiser. Das Fräulein Tochter führt ein seltsames Regiment über ihren Hofstaat, eine Mischung aus Berliner Halbwelt und italienischen Straßentheater. Sie, die Herrin über die Männer, gebietet über Leben und Tod, und der Mann begibt sich freiwillig in ihre Fänge. Er, der gelangweilte Bürger des ausgehenden 19.Jahrhunderts, der seine Frau nur noch domestiziert kennt, sucht die Gefahr bei einer unberechenbaren, alles dominierenden Frau. Turandot stellt ihre drei Rätsel, Kalaf beantwortet sie, Turandot droht mit Selbstmord, Kalaf stellt ihr die berühmte Gegenfrage.  In dieser Nacht kämpft Turandot, soll sie die Domina bleiben oder zieht sie eine bürgerliche Existenz vor. Ihre Sklavin Adelma kennt Kalaf noch von früher, liebt in immer noch, verrät aber seinen Namen, um ihrer Freilassung willen. In dieser aussichtslosen Situation schafft  Busoni ein Ende, das an Unglaubwürdigkeit kaum zu überbieten ist. Turandot verzichtet auf die Hinrichtung Kalafs, beide werden ein Paar. Der Schlusschor gerät zur zweifelhaften Farce auf das sich liebende Paar.

Soweit der Inhalt der viel zu selten gespielte Oper.

Die Bühne von Martina Segna, eine drehbare Treppenkonstruktion, die sich von der Seite betrachtet ein überdimensionaler High Heel, ist das einzige Bühnenelement. Der Kaiser und seine Minister werden von goldbemalten Statisten auf Wägelchen  durch das Geschehen gefahren. Die Kostüme von Ursula Kudrna sind inspiriert von anarchischem Straßentheater des 20. Jahrhunderts, viel Lack und Leder, Uniformen und scharf Bestrapstes. Lydia Steier inszeniert in bester Jerome Savary Manier, schnell, spritzig und voll schrägen Humors. Der erste Teil des Abends endete in mehr als zufriedenen Applaus.

Nach der Pause – Bajazzo - Die amerikanische Lösung

Kein Italien, keine südlich flirrende Sonne, keine frommen Feste.

Lydia Steiers Bajazzo spielt in einem Amerika zwischen zwei Kriegen. Die Kostüme erinnern an die Barbie und Ken Kollektion aus der Zeit zwischen Korea und Vietnam. Canio ist Besitzer des Kaufhauses „Pagliacci“. Die Inszenierung folgt dem traditionellen Schema, doch hat Lydia Steier einige Ergänzungen und Änderungen vorgenommen. Im Mittelpunkt der Oper steht Canio jr. Aus der Sicht eines Kindes erlebt der Zuschauer den Ehekonflikt zwischen Canio und seiner Nedda. Und  noch eine Änderung  gibt es. Nedda, im Original eine Gauklerin, also am unteren Ende der gesellschaftlichen Skala, liebt einen Bauern, in Weimar liebt die Kaufhausbesitzerin einen Fensterputzer, auch sorgt diese Liebe „ nach unten“ für weitere Konflikte innerhalb des Geschehens.

An Christmas Eve, der amerikanischen Version des Heiligen Abends lädt Canio zum traditionellen Komödienspiel in sein Kaufhaus ein. In der Parfümerieabteilung steigt das Spektakel um Santa und seiner ungetreuen Mrs. Santa. Und wie im Original gerät das Spiel zur Tragödie. Canio läuft Amok.

Was hier nach überkandideltem Regietheater klingt, ist  ein großartiges Stück  bodenständigen Handwerks. Die Verlegung der Handlung in eine andere Zeit, an einen anderen Ort ist durchaus legitim. Die Handlung des Bajazzo wird nicht verändert, das Werk nicht zerstört. Anfängliche Verstörungen weichen einer faszinierenden Personenregie, die die sozialen Konflikte fast schmerzlich darlegt.

Nach anfänglicher Betroffenheit endete auch der zweite Teil in frenetischem Applaus.

Aber was verbindet die beiden Stücke. In beiden Werken geht es um die Suche nach Namen. Turandot muss Kalafs Namen suchen, Canio verlangt den von Silvio. Doch spätestens seit Händels Semele weiß man in der Oper, dass das Erraten von Namen nichts Gutes bringt. So auch an diesem Abend. Turandot verliert sich in der Bürgerlichkeit, Canio wird zum Mörder an Silvio und an seiner Familie.

Unter der musikalischen Leitung von Martin Hoff spielt die Staatskapelle  Weimar auf gewohnt hohem Niveau, der Chor (Einstudierung Markus Oppeneiger) besticht gleichermaßen durch  Sangeskunst wie Spielfreude. Stellvertretend für die Solistenriege seien nur einige genannt. Renatus Mészár als Altoum bestach wie gewohnt durch Stimme und Spiel. Sonja Mühlecks Turandot, stimmlich bestechend, genauso wie Adelma(Janine Metzger) und Susann Günther als die Königin von Samarkand. Im Bajazzo überzeugten Jana Havranova als Nedda und Uwe Schenker-Primus als Silvio.

Fazit: Wieder mal bewies das Nationaltheater Weimar, dass modernes Theater nicht abgedreht und unverständlich sein muss. Solides Regiehandwerk kombiniert mit überdurchschnittlichen musikalischen Leistungen werden dafür sorgen, dass die Oper nicht untergehen wird.

Alexander Hauer


 


DON GIOVANNI

Der Mensch ist ein Abgrund: Es schwindelt einen, wenn man hinab sieht. (Georg Büchner)

Karsten Wiegand lässt keine Zweifel an seiner Absicht: Die Mängel menschlichen Daseins sind die Schwerpunkte in seiner Don Giovanni Interpretation. Das er damit mit lieb gewonnenen Traditionen bricht, wird den konservativen Opernbesucher verstören, aber auch faszinieren. Sein Personal in Mozarts Opera buffa, nach seinem eigenhändigen Eintrag in seinem Werkverzeichnis, ist voller moralischer und sozialer Mängel, also ganz normale Menschen, denn der Firnis unser gesellschaftlicher Konventionen ist hauchdünn.

In Bärbl Hohmanns labyrinthartigen Bühnenbild, sehr stylisch mit viel lackierten Eisen und Holzwänden aus „gekalkter Eiche“, durch ständigen Einsatz der Drehbühne und ausgeklügeltem Lichteinsatz, ständig neue Räume bildend, spielt sich das Geschehen ab. Wiegand verzichtet auf jegliche Sevillafolklore, sein Giovanni ist eine Person der Jetztzeit. Und unsere Zeit hat er genau getroffen. Sexsucht, erhöhte Gewaltbereitschaft, Drogenmissbrauch, Inzest, moralische Erpressung, alles zeigt er auf.

Don Giovanni schläft mit Anna. Von Vergewaltigung keinen Spur, der Mann im Bademantel ist ihr vertraut doch als sich heraus stellt, dass es nicht ihr Vater ist sondern ein Fremder wird sie biestig. Der Komtur verteidigt das Objekt seiner Begierde und wird im Zweikampf von Don Giovanni erschlagen. Dieser Kampf, vor Augen der in den Vater verliebten Tochter, wird im Laufe des Abends öfters wiederholt, quasi als Erinnerung Donna Annas. Der Auftritt Donna Elviras, auf den ersten Blick schwanger, gerät zu einem grotesken Schmankerl. Don Giovanni entlarvt seine Ex als hysterische Zicke, die ein Kissen als Kostümteil benutzt. Die Registerarie, Leporello benutzt anstatt eines Kataloges Don Giovannis Schlüpfersammlung, zur Unterstreichung der sexuellen Aktivitäten. Der Polterabend von Zerlina und Maseto, ein sehr moderner im Trend liegender Junggesellen(innen)abschied. Die Mädels saufen und kiffen, die Jungs haben sich eine Stripperin ins Haus geholt. Nur das Brautpaar ist unglücklich, sie mögen sich nicht wirklich. Masetto ist ein  Frauenprügler, Zerline setzt Sex als Besänftigungsmittel ein, ist aber durchaus bereit ihren Freund für Don Giovanni sitzen zu lassen. Der Maskenball gerät zu einer stimmungsvollen Spontanparty, eine Kiste voller Karnevalskostüme genügt um die Laune zu heben. Don Ottavio und die beiden Dame passen sich an, Don Giovanni entzieht sich seiner Entlarvung durch Vortäuschung eines Herzanfalls.  Im zweiten Akt tauschen Giovanni und Leporello die Kleider. Giovanni versucht bei Elviras Zofe zu landen, vergeblich, Masetto sucht ihn, um ihn zu töten. Naiv hält er ihn für Leporello, und nachdem Giovanni Masetos Meute zerstreut hat, vermöbelt er ihn nach Strich und Faden. Leporello hat mehr Glück. Er macht sich an Elvira an, und die gibt sich ihm hin. Der gedemütigte Maseto, Don Ottavio und die beiden Damen fesseln ihn, und Ottavio und Maseto vollziehen ein Exempel an Ihn. Der gefangene Leporello wird geschlagen, gefoltert und angepinkelt. Don Giovanni trifft seine Diener wieder auf dem Friedhof, die Grabsteine sind die nackten Oberkörper des Komturs und der Statisterie. Nachdem der Komtur die Einladung Giovannis angenommen hat und er den nicht einsichtigen Giovanni der Hölle zu führt, leitet er ich durch eine bal funebre mit allen Opfern Giovannis. Das liento fine gerät bei Wiegand dann doch noch einmal zum Ausverkauf des Menschlichen. Donna  Anna trennt sich von Ottavio, Leporello und Elvirascheinen für einen Moment zusammen zu kommen und Zerline und Maseto flüchte sich in eine unglückliche Ehe.

Musikalisch war es ein dem Haus angemessener Abend. Historisierend richtig ließ Enrice Mazzola die Staatskapelle Weimar durch einen Hammerflügel begleiten. Alessandro Amoretti gab dadurch dem Werk einen ungewohnten Klang. George Gagnidze, einer  der besten Giovannis unserer Zeit, ließ sich auf die Regie Wiegands voll ein und verlieh dem Lebemann unsympathische Züge. Renatus Mészár war ein hinterhältiger, widerwärtiger Leporello, der in Verderbtheit und Wohlklang in der Stimme, seinem Herrn in nichts nachstand. Yves Saelens als Ottavio klang sichtlich angeschlagen, konnte sich im Laufe des Abends aber steigern. Der Masetto Philipp Meierhöfers war ordentlich geführt, kräftig und wohlklingend. Mit bayerischem Charme verlieh Meierhöfer seiner Figur Tiefe und Charakter. Das gleiche gilt auf der Damenseite. Ulrika Strömstedt prägte die Figur der Zerline mit der nötigen Verzweiflung, die sie braucht. Johanna Stojkovic überzeugte als Elvira als hysterische, notgeile Kuh. Larissa Krokhina, stimmlich makellos, spielte am stärksten in den Szenen mit ihrem körperlich begehrten Vater, egal ob als Lebender oder als Toter.

Hidekazu Tsumaya war unter Wiegands Führung eben nicht der liebende Vater, sondern auch ein Sexualkrüppel der schlimmsten Sorte. Nicht unerwähnt bleiben soll der spielfreudige, und höchst musikalische Chor unter der Leitung von Tonio Shiga.

Mit langen, verdientem Applaus endete ein verstörender, brutaler Don Giovanni, der den konservativen Opernfreund sicherlich verstört, aber dennoch im Sinne des politisch motiviertem Komponisten W. A. Mozart war. Mozarts versteckte Kritik an der Gesellschaft seiner Zeit, für die Heutigen kaum noch zu erkennen, wurde durch einen jungen und mutigen Regisseur in die Jetztzeit transponiert. Wiegand klagt an ohne zu verletzen.

Gratulation


Alexander Hauer

 

 

 

 

 

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