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La Sylphide

29. Jänner 2012

Ätherischer Genuss

Die 8. Vorstellung der „Sylphide“ an der Wiener Staatsoper brachte einige gelungene Rollendebüts mit sich und einen grossen Applaus für die Protagonisten.

Das Copyright aller Produktionsbilder liebt bei der Weiner Staatsoper

Ein sensationelles Rollendebüt gab die grazile Natalie Kusch in der Titelpartie. Wie schon vor einem halben Jahr als traumhafte Giselle, schwebt sie nun als Sylphide so schwerelos über die Bühne, dass es ein ätherischer Genuss ist! Da hat der liebe Gott wohl vergessen, ihr vor der Geburt die Flügel abzunehmen. Sie kostet jede Balance aus und präsentiert zudem eine perfekte Fussarbeit. Sie lebt die Rolle von Anfang bis zum Schluss, verleiht der Sylphide das Neckische, das Federleichte und stirbt zum Schluss so ergreifend, dass dem Zuschauer die Tränen kommen. In Denys Cherevychko (ebenfalls Rollendebüt) hat sie einen ebenbürtigen Partner, welcher besonders durch kraftvolle, aber flinke Sprünge brilliert (der eine unfreiwillige Spagat sei ihm verziehen), aber vor allem dem James eine frische Persönlichkeit verleiht. Er sprüht nur so vor Lebensfreude und realisiert viel zu spät, dass er durch jugendlichen Leichtsinn selbst die Sylphide getötet hat. Cherevychko ist vom „Gesamtpaket“ her die Idealbesetzung für den James und harmoniert wunderbar mit Kusch.

Ebenfalls zum ersten Mal tanzte die Halbsolistin Kiyoka Hashimoto eine liebliche Effie mit einer sauberen Technik, im Pas de deux begeisterten Rollendebütanten Reina Sawai und Alexandru Tcacenco. Andrey Kaydanovskiy sorgte wieder für gruslige Momente als ausdrucksstarke Hexe Magde, und in den Charakterpartien Gurn und Mutter überzeugten Kamil Pavelka und Eva Polacek.

Das Corps de ballet zeigte sich grösstenteils harmonisch, allen voran die drei Solo-Sylphiden Marie-Claire D'Lyse, Alena Klochkova und Andrea Nemethova.

Und unter der Leitung von Peter Ernst Lassen brachte das Orchester der Wiener Staatsoper eine solide bis sehr gute (hervorragendes Violoncello-Solo!) Leistung. Das Publikum war begeistert und belohnte die Künstler mit lang anhaltendem Applaus.

Katharina Gebauer

 

Dornröschen

Wiederaufnahme vom 21.12.2011

Gelungene Rollendebüts - Technische Perfektion

Nach 6 Jahren Pause steht das Märchen-Ballett „Dornröschen“ in der Choreographie von Peter Wright wieder am Spielplan und wartet mit einer Fülle von Rollendebüts auf.

In der Titelrolle gab die erste Solotänzerin Liudmila Konovalova ein gelungenes Rollendebüt. Dem Auftrittsapplaus wird sie gleich in ihrer ersten Variation gerecht, vorzüglich meistert sie auch das anspruchsvolle Rosenadagio, in welchem sie besonders durch die perfekte Balancen punktet. Die mädchenhafte Ausstrahlung mag zwar in seltenen Momenten etwas verblassen, was sie allerdings durch eine stupende Technik wieder wettmacht. Im Endeffekt ist es immer eine Freude, ihr zuzusehen. Da kann auch ihr Ex-Chef Vladimir Malakhov, welcher höchstpersönlich anwesend war und übrigens die Première 1995 an der Wiener Staatsoper getanzt hat, zufrieden sein. In Vladimir Shishov als Prinz Désiré hat Konovalova einen gut aussehenden Partner, welcher in den Solovariationen besonders durch kraftvolle Sprünge punktet, jedoch im Pas de deux nicht immer ganz sicher ist. Die berühmte Chemie muss noch etwas besser gemischt werden, was sich vermutlich bei den Folgevorstellungen einstellen wird.


Copyright aller Bilder: Wiener Staatsoper

Hervorragend besetzt sind die Charakterpartien, wie die liebliche Dagmar Kronberger, eine bereits versierte Fliederfee, aber auch die ausdrucksstarke Ketevan Papava, welche erstmals die Carabosse tanzte. Ein freudiges Wiedersehen gab es mit der ehemaligen Solotänzerin Alexandra Kontrus als elegante Königin (vor 6 Jahren sorgte sie noch als Carabosse für Gänsehaut), welche vom ersten Auftritt an die ganze Bühne zum Strahlen brachte. Eine Persönlichkeit sondergleichen! Aber auch Lukas Gaudernak als Gaston brilliert mit seinem komischen Talent.


Überhaupt ist „Dornröschen“ in dieser kitschig-schönen Version für zahlreiche Tänzer eine gute Gelegenheit, sich in kleinen, aber feinen Soli zu präsentieren. Besonders in Erinnerung bleibt einem da die zierliche Natalie Kusch, einmal hervorragend als Fee des Gesangs, dann vermittelt sie im Pas de Quatre im 3. Akt dem Publikum die pure Freude am Tanzen. Aber auch die Halbsolisten Shane A. Wuerthner und Andrey Teterin können u.a. als Begleiter der Feen, dann als Prinzen im Rosenadagio und zum Schluss auch im Pas de Quatre überzeugen. Niedlich ist der Pas de deux der weissen Katze (Rui Tamai) und des gestiefelten Katers (Alexis Forabosco), für Erheiterung sorgt dann Rotkäppchen (Emilie Drexler) und der Wolf (Gabor Oberegger). Nina Polakova, erstmals als verzauberte Prinzessin zu erleben, besticht einmal mehr durch perfekte Linien, der blaue Vogel, auch zum ersten Mal von Denys Cherevychko getanzt, beginnt erst in der Coda schwerelos zu fliegen.

Bis auf wenige Momente zeigte sich auch das Corps de ballet sehr harmonisch. Das Orchester unter der Leitung von Paul Connelly bot besonders im Prolog eine solide Qualität, im 1. und 2. Akt liess es an Präzision nach, um wieder im 3. Akt ein ordentliches Finale zu spielen.

Um die Weihnachtszeit herum ist diese konventionelle Inszenierung gerade richtig für das Wiener Publikum, und die Musik von Tschaikowsky ist nunmal wunderschön.

Katharina Gebauer

Folgevorstellungen:  3. und 7. Jänner 2012

 

 

 

Schritte und Spuren

Wiener Staatsballett am 5.12.2011

Geschmeidig und brillant

Photo: Axel Zeininger / Wiener Staatsballett

Mit dem Vierteiler „Schritte und Spuren“ hat das Wiener Staatsballett die Gelegenheit, sich auch einmal in modernem Repertoire zu beweisen.

Eröffnet wurde der Abend mit Jiri Bubenicek’s „Le Souffle de l’esprit“ – ein Werk, das er 2007 für das Zürcher Ballett choreographierte. Bubenicek, ehemaliger 1. Solist des Hamburger Balletts, jetzt 1. Solist an der Semperoper Dresden, ist der jüngste Choreograph des Abends. Die Tänzer (allen voran Mihail Sosnovschi) können in seiner Choreographie durch Geschmeidigkeit punkten. Eine weitere Augenweide ist das Bühnenbild (Otto Bubenicek), passend zur Musik von J.S. Bach, Pachelbel und Hoffstetter.

Das zweite Stück des Abends, „Glow-Stop“ von Jorma Elo, ist dem Wiener Publikum schon länger bekannt, stand es doch seit 2008 fast jährlich am Spielplan, sei es bei Ballettgalas, oder eingebunden in einen „Vierteiler“- Abend. Dieses neoklassische Werk erfordert von den Tänzern eine enorme Präzision, besonders brillant präsentieren sich Maria Yakovleva, Ketevan Papava und Shane A. Wuerthner. Dass auf den Allegro-Satz aus Mozarts Symphonie KV 200 eine direkt endlose Minimal Music folgen muss, darüber kann man streiten. Die Geschmäcker sind verschieden. Die Choreographie bleibt schön anzusehen, schön sind auch die Kostüme (Zack Brown) und die Tänzer ernten für ihre solide Leistung grossen Applaus.

Vor der Pause gibt es dann noch ein sehr komödiantisches Stück, „Skew-Whiff“ von dem kongenialen Duo Paul Lightfoot und Sol Leon. Sensationell war das Rollendebüt von Céline Janou Weder, welche die anspruchsvolle Hauptpartie einfach perfekt gestaltete, flink, elegant und mit einem charmanten Humor. Perfekt waren auch ihre drei Gegenspieler Mihail Sosnovschi, Dumitru Taran und Marcin Dempc. Dementsprechend reagierte auch das begeisterte Publikum.

Der vierte Choreograph des Abends, Jiri Kylian, ist dem Wiener Publikum bereits bekannt, durch Werke wie „Sechs Tänze“ und „Petite Mort“. Mit „Bella Figura“ kann sich das Wiener Staatsballett, insbesondere Ketevan Papava und Erika Kovacova, von einer sehr sinnlichen Seite präsentieren.

Ein wirklich gelungener Abend, wenngleich die Musik aus der Box kam. Das Wiener Staatsballett wird den verschiedenen Stilen mehr als gerecht, wie es bestimmt auch auf der bevorstehenden Tournee nach Monte Carlo beweisen wird.

Katharina Gebauer

 

Irina Tsymbal

erste Solotänzerin des Wiener Staatsballetts

Anlässlich des grossen Erfolges bei der „Sylphide“-Première an der Wiener Staatsoper wurde die Interpretin der Hauptrolle, Irina Tsymbal, zur ersten Solotänzerin ernannt. Die grazile Tänzerin wurde in Minsk (Weissrussland) geboren, wo sie 1997 ihr Ballettstudium an der Choreographischen Akademie abschloss. 1992 gewann sie den 1. Preis beim Ballettwettbewerb in Szczecin und den 2. Preis beim Diaghilew-Ballettwettbewerb in Moskau, 1996 den 3. Preis beim Internationalen Ballettwettbewerb in Varna, und 2000 den Sonderpreis beim Internationalen Ballettwettbewerb in Paris.

Ihr erstes Engagement erhielt sie an der Lettischen Nationaloper in Riga, 1998-2002 war sie Solistin am Litauischen Opern-und Balletttheater in Vilnius, Lettland, bevor sie bis 2005 ebenfalls als Solistin in Budapest beim Ungarischen Nationaltheater tanzte. 2004 gastierte sie mit dieser Kompanie als Mary Vetsera (Mayerling, MacMillan) in St. Pölten. 2005 wurde sie Solotänzerin des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper, ab 2010 Wiener Staatsballett, und ist seit dem 26. Oktober 2011 erste Solotänzerin. Zu ihren wichtigsten Partien gehören die Sylphide (Lacotte), Julia (Cranko), Tatjana (Onegin, Cranko), Giselle (Tschernischova), Prinzessin Maria (Der Nussknacker, Harangozo), Mary Vetsera (Mayerling, MacMillan), Anna Karenina (Eifman), Titania (Sommernachtstraum, Elo), Micaëla (Carmen, Bombana), Verlobte des jungen Dichters (Platzkonzert, Harangozo sen.), sowie Hauptpartien in Ben van Cauwenberghs „Queen“, George Balanchines „Rubies“, Jerome Robbins’ „The Concert“ und „In the Night“, Twyla Tharps „Variationen über ein Thema von Haydn“, Jiří Kyliáns „Petite Mort“ und „Bella Figura“, Myriam Naisys „Ederlezi“ und Jorma Elos „Glow – Stop“ sowie Marius Petipas Pas de deux aus „Dornröschen“ und Wassili Wainonens „Moszkowski-Walzer“. In Ivan Cavallaris „Tschaikowski Impressionen“ kreierte sie zwei Partien. Sie gastierte in Italien und beim Stuttgarter Ballett.

Mit der frischgebackenen ersten Solotänzerin sprach unsere Opernfreund-Fachkritikerin fürs Tanztheater: Katharina Gebauer.

 

OF: Sie wollten ja ursprünglich gar nicht Ballerina werden, erinnere ich mich von einem Künstlergespräch? (Anm.: mit Ingeborg Tichy-Luger, Präsidentin vom Ballettclub der Wiener Staatsoper und Volksoper)

IT: Als ich in der Volksschule war, wollte ich Biologie studieren. Aber das ist schon viele Jahre her. Ich war damals zehn, als ich mich entschieden hatte, auf die Ballettschule zu gehen. Meine Mutter hat mich sehr gefördert, und das Leben hat mir nun diesen Weg gezeigt.

OF: Was Sie ja besonders auszeichnet, ist die enorme Ausdruckskraft, gerade in dramatischen Partien, wie Tatjana und Mary Vetsera, aber auch in lustigen Partien, wie die Ballerina im „Concert“ und die Bella in der „Fledermaus“. Wie bereiten Sie sich auf neue Rollen vor?

IT: Ich versuche, soviel Informationen wie möglich zu bekommen. Zum einen, wenn es Literatur dazu gibt, wie bei der Tatjana – ich habe Puschkin oft gelesen und versucht, auch zwischen den Zeilen zu lesen – vertiefe ich mich darin, zum anderen lese ich auch verschiedene Meinungen über die jeweiligen Werke, der nächste Schritt ist, dass ich mich selbst in das Werk integriere und es für mich umsetze. Für mich ist eine grosse Rolle ein langer Prozess, würde ich sagen. Viel Lesen, Bilder anschauen, sofern sie vorhanden sind -gerade bei der Sylphide habe ich mich eingehend mit Marie Taglioni beschäftigt, mit Berichten und Bildern aus dieser Zeit. Man kann es mit einem Schwamm vergleichen, der sich langsam mit Informationen aufsaugt. Und dann kommen meine Gedanken, Gefühle dazu, wie ich das Werk verstehe.

Copyright aller Bilder: Wiener Staatsballett / Axel Zeininger

OF: Das gelingt Ihnen auch sehr gut, wenn ich z.B. an Ihre berührende Interpretation der Tatjana denke.

IT: Es war eine grosse Arbeit für mich, besonders weil ich die Tatjana zum ersten Mal sehr früh, mit 23, getanzt habe. Ich war jung, damals noch in Budapest, hatte noch nicht soviel Lebenserfahrung und auch beruflich noch nicht. Und ich erinnere mich, wie ich mit dem letzten Pas de deux gekämpft habe, weil man hierfür eine gewisse Reife braucht. Und Ivan Cavallari hat mich in dieser Zeit vorbereitet, ist vor mir gekniet und hat versucht, meine Emotionen herauszulocken. Es war wirklich harte Arbeit, und es ist auch interessant, über die Jahre zurückzublicken, wie man sich weiterentwickelt hat, weil je länger man lebt, desto mehr Schwierigkeiten erlebt man, desto mehr Krisen macht man durch, dann kann man das alles auf die Bühne bringen. Besonders beim „Onegin“ letztes Jahr hatte ich begriffen, wie man den Schluss tanzen muss. Ich hatte viel erlebt und das hat mir viel gebracht. Besonders beim Pas de deux im 3. Akt habe ich viel empfunden und konnte das in die Rolle mitnehmen. Das ist ein glücklicher Moment für die Künstler.

OF: Sie haben ja 2005 „Schwanensee“ für ein Gastspiel in Polen vorbereitet, gemeinsam mit Margaret Illmann. (Anm.: ehemalige 1. Solotänzerin des Wiener Staatsopernballetts)

IT: Ja, ich habe sie gebeten, mir bei den Vorbereitungen zu helfen, sie ist eine wunderschöne Künstlerin, Tänzerin und auch ein grossartiger Mensch. Ich hatte wirklich Glück, mit vielen tollen Leuten zu arbeiten und sie zählt zu diesen Menschen. Die Proben mit ihr werde ich nie vergessen, alles, was sie mir gesagt hat, hat mir enorm viel gegeben.

KG: Welche Tänzer oder Choreographen haben ansonsten Ihre Laufbahn geprägt?

IT: Während meiner ganzen Karriere war immer jemand da, die Wiener Staatsoper ist ja nicht mein erstes Engagement, es gab davor auch wichtige Personen. Ich kann nur sagen, hier habe ich in meiner schwierigen Zeit eine wunderbare Lehrerin kennen gelernt, sie unterrichtet in der Ballettschule St. Pölten und viele Schülerinnen von ihr sind jetzt Solistinnen an der Staatsoper. Wir haben uns zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, wo es mir nicht gut ging, und sie war und sie ist eine besonders wichtige Person in meinem Leben, ich bin sehr dankbar um ihre Freundschaft. Sie heisst Schyda Mubaryakova. Sie hat meinen beruflichen Werdegang sehr beeinflusst, ich hatte genau das gefunden, was ich gesucht habe.

OF: Welche Partien tanzen Sie am liebsten? Gibt es Präferenzen, ob eher dramatische Partien, oder lustige, oder ganz klassisch, oder modern?

IT: Die traditionelle Frage *lacht*. Es ist so eine Stempelfrage. Ich müsste da länger ausholen. Ich fühle mich jeder Rolle, die ich tanze, so nahe, es bedeutet mir jedes Mal viel, wenn ich in den Vorbereitungen für eine Rolle bin. Es ist immer sehr emotional. Man kann es mit einer Schwangerschaft vergleichen. Man trägt das Kind in sich, man gibt dem Kind Leben, es ist ein langer Prozess. Und in dem Moment, wo man eine Rolle vorbereitet, entsteht etwas Neues. Und wenn jemand mich fragt, welche Rolle ist Ihre Lieblingsrolle, dann kann ich nur sagen, bei Rolle x hatte ich das erlebt, da gab es diese Schwierigkeiten, bei Rolle y waren es andere Herausforderungen, aber Rolle z liebe ich auch total. Jede Rolle, die man neu einstudiert, ist ein Schritt vorwärts. Genau wie im Leben. Unser Beruf IST unser Leben, das wird jeder Tänzer bestätigen. Das heisst, dass alles zusammenhängt, man entwickelt sich in den Rollen weiter, aber auch im Leben. Daher würde ich sagen, mir sind generell dramatische Rollen am liebsten, wie Mary Vetsera oder Tatjana.

OF: Auch die Julia war ganz phantastisch.

IT: Julia auch! Aber auch die lustigen Partien, wie z.B. die Ballerina im „Concert“ haben mir echt Spass gemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so lustig sein kann. Ich dachte zuerst, ich bin zu langweilig für diese Partie. Aber dann war das für mein Herz so eine natürliche Sache, ich musste gar nicht gross übertreiben. Wahrscheinlich habe ich einfach komisches Talent. Jetzt ist jede Rolle für mich schön zu tanzen. Ich bin dankbar dafür, dass ich so ein Glück in der Karriere hatte und viele Partien tanzen kann. Sylphide war etwas Besonderes, das war ein sehr grosser Schritt für mich. Ich kann allerdings sagen, welche Partie ich gerne einmal tanzen würde, die Kameliendame. Das würde ich wirklich gerne einmal tanzen.

OF: Sie haben sich ja in den 6 Jahren in Wien schon ein breitgefächertes Repertoire aufgebaut, wie z.B. Balanchine, Cranko, MacMillan, Nurejew, Tschernischova, Robbins und jetzt eben Lacotte. Welche Choreographien tanzen Sie am liebsten?

IT: Das ist schwer zu sagen. Die Choreographien sind so unterschiedlich, und die Möglichkeit, das alles zu probieren, zu tanzen, ist ein Erlebnis. Es ist für die Tänzer so toll, verschiedene Choreographien zu tanzen, es ist eine tolle körperliche Erfahrung, in jede Richtung, ich kann nicht sagen, welcher Stil mir am liebsten sind, jeder von den eben genannten Choreographen hat einen grossen Namen in der Ballettwelt. Ich würde keinen Vorschlag machen, was jetzt besser ist, es ist nicht nötig, weil sie alle toll sind. Und ich bin eine einfache Tänzerin, das sind grosse Choreographen, ich kann nicht darüber diskutieren, das ist eine andere Sphäre. Ich kann nur mit grossem Respekt sagen, danke, dass ich das tanzen darf. Die ganze Welt hat schon entschieden, dass das wichtige Werke bzw. Persönlichkeiten sind.

KG: Aber z.B. von „Romeo und Julia“ haben Sie ja zwei verschiedene Choreographien getanzt, damals in Weissrussland und hier die Cranko-Version, wie war das?

IT: Es waren zwei verschiedene Interpretationen. Jeder hatte seine Vision von dem Ballett. Es war in Weissrussland meine erste Julia, mit 20 Jahren, ich wollte sie unbedingt tanzen, ich war noch sehr jung und sagte mir, warum sollte ich bis 30 warten, wenn ich schon alt bin – in dieser Zeit fand ich, mit 30 bin ich schon sehr alt – und dieses Ballett war sehr emotional, und Jelisarjew ist ein phantastischer Choreograph, er hat sich seinen Namen gemacht, und in Weissrussland sehr populär. In seiner Choreographen gibt es sehr schöne Elemente, es war toll, dies zu tanzen. Auch die Cranko-Version ist wunderschön, sie erfordert nicht nur eine solide Technik, sondern man muss auch darstellerisch etwas ausdrücken. Und er hat genau die richtige Mischung von Tanz und Ausdruck gefunden, das ist wichtig für das Publikum. Aber es ist so eine Geschmackssache, welche Choreographie jetzt am besten ist, ein guter Vergleich wäre jemand trägt lieber rote Hemden, der andere lieber schwarze.

OF: Wie war das für Sie, die Sylphide einzustudieren, auf welche technischen Elemente haben Sie sich besonders konzentriert?

IT: Ich habe diese Version der Sylphide erst auf Video gesehen mit Aurélie Dupont, mir ist gleich aufgefallen, dass ihre Technik ganz anders ist, als diejenige, welche ich gelernt habe. Die russische Technik unterscheidet sich enorm von der französischen Technik. Ich habe begriffen, dass ich mir diese neue Technik aneignen muss, und daran habe ich gearbeitet. Ich wollte alles perfekt machen. Es war eine hervorragende Zusammenarbeit mit Manuel Legris, er hat mir soviel geholfen, ebenso Elisabeth Platel, ich habe sehr viel auch von Pierre Lacotte gelernt, es war wirklich eine tolle Arbeit. Ich habe viele Stunden im Ballettsaal verbracht, nicht nur in den regulären Probezeiten, sondern auch alleine. Ich bin oft früher im Ballettsaal gewesen und als Letzte gegangen. Langsam, wie in der Schule, Schritt für Schritt perfektioniert. Der Anfang war schwer, dann ging es leichter, und ich habe mich weiterentwickelt.

OF: Gerade bei der Sylphide konnte der Zuschauer sehen, wie sehr Sie Ihre Technik perfektioniert haben, das war eine wirklich grandiose Leistung!

IT: Ich hoffe, dass es auch weiter so funktioniert. Nach einer Woche Pause ist es schwer, wieder reinzukommen. Wenn man in der Routine nonstop arbeitet, wird man zwar müde, aber man muss weitermachen. Aber der Körper braucht auch ab und an seine Ruhe, wir sind alles nur Menschen. Für mich ist es nach jeder Pause mühsam, wieder reinzukommen.

OF: Welche Schuhmarke verwenden Sie?

IT: Freed. Seitdem ich in Wien bin, bekomme ich immer die Schuhe der Marke Freed, sie haben meine Füsse gemessen und mit dieser Marke funktioniert es am besten. Spitzenschuhe sind zwar generell nie bequem, diese Belastung des Fusses ist schon gegen die Natur. Ich habe zuerst mit Bloch versucht, aber diese Schuhe sind für meine Füsse zu hart.

OF: Die Margaret Illmann hat ja auch mit Freed getanzt.

IT: Ich weiss. Und sie hat tolle Füsse! Was macht sie jetzt?

OF: Soweit ich weiss, hat sie eine Zeitlang Ballett unterrichtet, jetzt ist sie Physiotherapeutin.

IT: Ja, es ist schon Zeit zu überlegen, was man später macht. Ich denke schon seit 2 Jahren darüber nach. Das ist normal. Das Leben eines Balletttänzers ist kurz, irgendwann kommt der Moment, wo man aufhören muss.

OF: Ich könnte mir vorstellen, dass Sie in 15-20 Jahren eine ganz tolle Lady Capulet darstellen würden.

IT: Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Die Alexandra Kontrus war ja eine phantastische Lady Capulet. Und immer wenn wir gemeinsam getanzt haben, meinten viele, ich könnte ihre Tochter sein, weil wir einander so ähnlich sehen. Alexandra Kontrus ist eine sehr starke Persönlichkeit mit einer enormen Ausdruckskraft. Es ist so wichtig, wenn man die Lebenserfahrung auch mit auf die Bühne bringen kann. Das ist auch ein Geschenk von Gott, wenn man das kann.

OF: Eine klassische Frage, wie viele Paar Spitzenschuhe verbrauchen Sie  im Jahr?

IT: Das ist schwer zu sagen. Es kommt natürlich immer darauf an, welche Partien man tanzt. Mit Sylphide habe ich vermutlich mein Pensum für diese Saison schon verbraucht, es ist so viel Fussarbeit, die Schuhe müssen weich und leise sein und nach einer Probe kann man sie schon wegschmeissen.

OF: Nun noch die letzte Frage: Wie sieht ein Arbeitstag von einer ersten Solotänzerin aus?

IT: 10h ist Trainingsbeginn, ich wärme mich davor schon selbst auf. Dann wird für die jeweiligen Stücke geprobt, es kommt darauf an, in welchen man dabei ist und ob abends Vorstellung ist. Und wenn etwas noch nicht gut genug ist, trainiere ich abends noch für mich selbst weiter. Es ist viel Arbeit, und natürlich ist man danach müde. Am Wochenende habe ich Zeit für meinen Mann. Eine wichtige Lehrerin hat mir gesagt: Irina, je älter du wirst, desto mehr musst du arbeiten. Wenn man jung ist, macht der Körper viel mehr mit. Und gerade bei Tänzern merkt man es noch viel früher. Ausser man hat von Natur aus einen Körper, der mehr aushält.

OF: Liebe Frau Tsymbal, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

 P.S.

Irina Tsymbal ist demnächst in folgenden Partien zu erleben:

La Sylphide (Sylphide): 12. November 2011 und 15. Jänner 2012

Schritte und Spuren (Solistin in „Glow Stop“ und „Bella Figura“): 24., 26. November, 2. Dezember 2011

Dornröschen (verzauberte Prinzessin): 23. und 25. Dezember 2011

 

 

Wiener Staatsballett am 26.10.2011 - Premiere

LA SYLPHIDE

Schwebende Perfektion

Erstmals ist nun „La Sylphide“ in der Version von Pierre Lacotte an der Wiener Staatsoper zu sehen. Das Wiener Staatsballett konnte sich einmal mehr von seiner besten Seite präsentieren und erntete lang anhaltenden Applaus. Irina Tsymbal konnte gleich doppelten Erfolg feiern: zum einen als umjubelter Star des Abends, und zum anderen wurde die grazile Tänzerin im Anschluss an die Vorstellung von Ballettdirektor Manuel Legris zur 1. Solotänzerin ernannt.

Idyllisch, romantisch (Bilder Copyright: Wiener Staastoper)

Das romantische Ballett „La Sylphide“ wurde 1832 in Paris in der Choreographie von Filippo Taglioni uraufgeführt. Die Titelrolle wurde damals von seiner Tochter Marie Taglioni interpretiert, die ausserdem als Erste auf der Spitze tanzte. Die Musik stammt aus der Feder von Jean-Madeleine Schneitzhoeffer. Bereits 4 Jahre später entstand in Kopenhagen die international am meisten gespielte Fassung der „Sylphide“ von August Bournonville (Musik: Herman Lovenskiold), und 1841 eine andere Fassung in Mailand von Antonio Cortesi mit Musik von Gioachino Rossini. Legris war es wichtig, die von Pierre Lacotte bearbeitete „Ur-Fassung“ nach Taglioni nach Wien zu bringen, nicht zuletzt auch, weil er selbst in der Lacotte-Version den James getanzt hatte und diese Choreographie am besten kannte und nun weitergeben kann. Die Einstudierung durch ihn und Elisabeth Platel (ehemalige Etoile an der Pariser Oper, ebenfalls eine bedeutende Interpretin der Sylphide) ist daher ein Glücksgriff für das Wiener Staatsballett.

Bühnenbild und Kostüme hat Pierre Lacotte nach der Ur-Fassung gestaltet, das Auge des Zuschauers kann sich also an einer romantischen Idylle erfreuen.

James träumt vor seinem Hochzeitstag mit Effie von einem „geflügelten, weissen Wesen“, welche ihn mit einem Kuss erweckt. Die Hochzeitsgäste treffen ein, Gurn, ein Freund James’ – laut Programm ein Freund, im Endeffekt spannt er ihm die Braut aus… - gesteht Effie seine Liebe. Die Hexe Magde, welche sich am Feuer wärmen möchte und von James sehr rüde behandelt wird, sagt Effie voraus, dass sie Gurn heiraten werde und James einer unerreichbaren Schönen nachhängt. James verjagt sie empört. Während den letzten Vorbereitungen für die Hochzeit erscheint die Sylphide immer wieder – nur für James sichtbar – und entreisst ihm schliesslich den Verlobungsring, er eilt ihr nach in den Wald und lässt Effie zurück.

Im Wald braut die Hexe Magde einen Zauberschleier, der die Sylphide töten soll. James und die Sylphide tanzen mit deren Gespielinnen, schlussendlich legt er ihr den Schleier um, damit sie ihm nicht entkommen kann, ihre Flügel fallen ab, Sylphide stirbt, James realisiert, dass er sie getötet hat und sieht in der Ferne Effie und Gurn Hochzeit feiern.

Mit der frischgebackenen 1. Solotänzerin Irina Tsymbal ist die Titelpartie ideal besetzt! Staatsoperndirektor Dominique Meyer: „Irina Tsymbal ist eine Traum-Sylphide! Sie ist die personifizierte Poesie“. Und besser könnte man es gar nicht formulieren. Tsymbal ist nicht nur darstellerisch – wie man es bereits von ihr kennt – durch und durch überzeugend, sondern sie hat ihr technisches Können in den letzten Jahren in Wien perfektioniert. Zum Beispiel sei hier der perfekte Rist bei jedem noch so kleinen Sprung genannt. Sie schwebt lautlos über die Bühne und haucht jedem Schritt Leben ein. Zudem verfügt sie über traumhafte Balancen, eine innere Ruhe und dennoch einen steten Fluss in den Bewegungen. Sie vermag jede Facette der Sylphide überzeugend dem Zuschauer zu vermitteln, zum einen die kokette Seite, die verspielte, kindliche, wenn sie etwas nicht bekommt, was sie will, aber auch das verträumte, romantische gelingt ihr besonders schön. Wirklich sehenswert!

In Roman Lazik hat sie einen sehr verlässlichen Partner, der klassische „grand danseur noble“, schon vom Aussehen her perfekt für die männlichen Hauptrollen der klassischen Ballette. Lazik ist ein Tänzer, bei dem sich der Zuschauer entspannt zurücklehnen kann, weil er immer eine solide Leistung bietet. Auch darstellerisch überzeugt Lazik, besonders in der Schlussszene, als er realisiert, dass er die Sylphide umgebracht hat.

Nina Polakova gibt eine technisch sehr versierte und hübsche Effie, Kamil Pavelka überzeugt als Gurn. Auch der Pas de deux (Maria Alati und Mihail Sosnovschi) sorgt für Begeisterung im Zuschauerraum. In der Rolle der Hexe Magde gelingt Andrey Kaydanovsky eine hervorragende Pantomime, und auch die drei Solo-Sylphiden sind mit Marie-Claire D’Lyse, Alena Klochkova und Andrea Nemethova brillant besetzt.

Ein besonderes Lob muss dem Corps de Ballet, insbesondere den Damen, ausgesprochen werden, welche durch Harmonie und perfekte Fussarbeit brillieren.

Das Orchester der Wiener Staatsoper war erfreulicherweise äusserst solide, ein schönes Cello-Solo und im 2. Akt ein beachtliches Horn-Solo bereicherten den Abend unter einer tadellosen Leitung von Peter Ernst Lassen, ein Ballettspezialist der grossen Klasse.

Folgevorstellungen: 29. Oktober, 5., 7., 12. November 2011, 15., 23., 29. (2x) Jänner 2012

Katharina Gebauer

 

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