Elisabeth
Kulman und Elina Garanca
23. und
24. Juni 2010
Das
Burgenland ist das östlichste Bundesland Österreichs und litt deshalb
lange Zeit an seiner Nähe zum "Eisernen Vorhang". Bis zu dessen Fall
war das dortige Kultur- und Konzertangebot äußerst bescheiden. Mittlerweile gab
es aber eine enorme Veränderung, wie auch die zwei von mir besuchten Konzerte
am 23. und 24. Juni exemplarisch beweisen konnten.
Eine Stunde Autofahrt von Wien entfernt liegt das
idyllische Raiding, der Geburtsort von Franz Liszt. Dort wurde im Jahr
2006 in unmittelbarer Nähe zum Geburtshaus des Musikgenies das Liszt-Zentrum
mit angeschlossenem Konzertsaal für rund 600 Besucher geschaffen (übrigens hat
Raiding selbst nur knapp über 600 Einwohner). Das Atelier Kempe Thill aus den
Niederlanden verwirklichte gemeinsam mit dem Akustikpapst Karlheinz Müller aus
München dieses Projekt und setzte es nach den Kriterien „sehen – hören –
erleben“ sowohl architektonisch als auch funktionell optimal um. Seither
findet dort jedes Jahr das Liszfestival in vier Blöcken statt, nämlich im
Jänner, März, Juni und Oktober. Mit diesen Spielzeiten unterscheidet es sich
von den übrigen eher touristischen Festivals in den Sommermonaten. Die
gebürtige Burgenländerin Elisabeth Kulman trat heuer mit ihrem
Liederabend "Träume" erstmals in Raiding auf. Am Klavier begleitet
wurde sie von Eduard Kutrowatz, der gemeinsam mit seinem Bruder Johannes
die künstlerische Leitung in Raiding innehat.
Noch näher hat man es von Wien zum Esterhazy-Schloss in Eisenstadt,
der einstigen Wirkungsstätte Joseph Haydns. Als Premiere gab es heuer ein
Freiluftkonzert im Schlossgarten, der für knapp 5.000 Besucher adaptiert wurde.
Die Organisation lag in den Händen der Veranstalter der St. Margarethener
Opernfestspiele, der Abend hieß "Klassikstars im Schlosspark" und man
sah und hörte Elina Garanca, Barbara Frittoli, Marcelo Alvarez,
Vladimir Chernov und als "Young Guest
Artist" Ekaterina Bakanova. Am Pult des Symphonieorchesters der
Wiener Volksoper stand Garanca-Ehemann Karel Mark Chichon, der in den
kommenden Jahren die künstlerische Leitung dieser "Proms in the
Park" haben soll.
Unterschiedlicher hätten die beiden Konzerte also von
Haus aus gar nicht sein können. Beginnen wir mit Elisabeth Kulmans
Liederabend in Raiding. Ich hatte schon Gelegenheit, das Programm eine Woche
vorher im Wiener Konzerthaus zu hören, da Vesselina Kasarova ihren dortigen
Liederabend zum zweiten Mal absagen musste und Kulman/Kutrowatz kurzfristig
(innerhalb von 22 Stunden) einsprangen. Beide Abende erbrachten den erneuten
Beweis, dass Elisabeth Kulman eine ganz außergewöhnliche Künstlerin ist. Schon
die Lied-Auswahl überraschte und beeindruckte. Den Beginn machten fünf
ausgewählte Lieder von Franz Liszt nach Texten von Johann Wolfgang von
Goethe. Die Verschmelzung von Text und Musik gelang Liszt in seinen Liedern
nicht ideal, weshalb er sie auch immer wieder überarbeitete. Vergleiche zu
Schuberts Vertonungen (etwa "Über allen Gipfeln ist Ruh") fallen auch
nicht allzu positiv aus, aber schon das Kennenlernen dieser Stücke war wertvoll
- besonders wenn sie mit einer idealen Liszt-Stimme wie der von Elisabeth
Kulman und mit der packenden Handschrift von Eduard Kutrowatz vorgetragen
werden. Ebenfalls nicht allzu oft sind in den hiesigen Konzertsälen die sieben
Lieder von Robert Schumann op. 104 zu hören, die er zur Erinnerung an
die russische Dichterin Elisabeth Kulmann (1808 geboren als Jelissaweta
Borissowna Kulman und schon mit 17 Jahren verstorben) geschrieben hat. Schumann
war von dieser Lyrik sehr angetan und vertonte eine Auswahl ihrer Gedichte.
Voll in ihrem Element war dann Kulman (diesmal die österreichische) in den drei
polnischen Liedern op. 74 von Frederic Chopin. Die Mezzo-Sopranistin
profitierte dabei von ihren exzellenten Sprachkenntnissen und interpretierte
diese Stücke in der Originalsprache und mit viel Elan, der auch den
volksliedhaften Charakter verstärkte.
Nach der Pause ging es weiter mit Gustav Mahler.
Die Sängerin hatte ja unlängst erst gemeinsam mit dem Wiener Amarcord-Ensemble
eine CD aufgenommen, auf der hervorragende kammermusikalische Interpretationen
der berühmten Mahler-Lieder zu hören sind. Auch für die ausgewählten Lieder aus
"Lieder und Gesänge aus der Jugendzeit und "Des Knaben
Wunderhorn" fanden Kulman und Kutrowatz von Anbeginn an den richtigen
Tonfall. Im munteren Wechselspiel gestalteten sie etwa das "Lob des hohen
Verstands" als Wettstreit von Nachtigall und Kuckuck vor dem Esel. Den
Abschluss bildete Richard Wagner, nämlich seine fünf Lieder nach
Gedichten von Mathilde Wesendonck: Schwelgerische Romantik, Liebessehnsucht,
die unerfüllt bleibt bzw. bleiben muss, in unmittelbarer Nähe zum Musikdrama
"Tristan und Isolde" angesiedelt. Zum Weinen schön, besonders das
große Finale: "Sanft an deiner Brust verglühen, und dann sinken in die
Gruft".
Elisabeth Kulman interpretierte diese Lieder
nicht, sie lebte sie gleichsam und gab einem stets das Gefühl, an ihrer eigenen
Leidenschaft teilhaben zu können. Berührende Decrescendi und dramatische
Forte-Ausbrüche, alles stimmte an diesem Gesang. Die Liedtexte im (übrigens
ausgezeichneten) Programm-Almanach sind nur fürs Nachlesen wichtig, im Konzert
selbst verstand man verstand jedes Wort, bei Liederabenden nicht immer
selbstverständlich. Und dass Eduard Kutrowatz eine große Vorliebe für Romantik
und Jazz hat, war auch jederzeit präsent. Wie er die Liedbegleitung bei Liszt
zu fast pianistischen Solostücken ausweitete, wie er jede schmachtende Phrase
auch körperlich ausgestaltete, machte das Zusehen ebenso erfreulich wie das
Zuhören. Wobei natürlich - das sei einmal politisch völlig unkorrekt gesagt -
die Sehfreude an der Sängerin eine noch größere war. Besonders bei der letzten
Zugabe, einem Stück von Kulmans letzter CD "Mussorgsky Dis-Covered"
ließ Kutrowatz seiner Jazzseele freien Lauf, gerne hätte man davon noch mehr
gehört. Großer Jubel des (erfreulicherweise) sehr lokalen Publikums, ein
Pflichttermin für alle Daheimgebliebenen: Die Übertragung des Konzertes auf Ö1
am 19. Juni! Mit diesem Programm demonstrierte die sympathische Elisabeth
Kulman erneut eindrucksvoll ihre außerordentliche Vielseitigkeit, bei den Salzburger
Festspielen steht sie heuer vor ihrem nächsten Karrieresprung: Unter
Ricardo Muti singt sie nämlich an der Seite von Genia Kühmeier Christoph
Willibald Glucks Orfeo e Euridice!
Zurück aber ins Burgenland, wo der wunderschöne
Esterhazy-Park zum ersten Mal fürs Konzertpublikum geöffnet wurde. Und man kann
sagen mit vollem Erfolg. Vor der prächtigen Schloss-Kulisse boten vier
Weltklassesänger eine große Show. Auf künstlerische Details sollte man bei
Konzerten mit Lautsprecherverstärkung nicht allzu großen Wert legen, aber
sowohl Barbara Frittoli mit ihrem sauber geführten Sopran, als auch Elina
Garanca mit ihrem manchesmal unterkühlt erotischem Mezzo zeigten sich
stimmlich auf der Höhe. Als kleine Entschädigung für ihre vieldiskutierte
Carmen-Absage an der Wiener Staatsoper sang sie die Schluss-Szene dieser Oper.
Für meine Begriffe stahlen diesmal die Männer den Primadonnen die Show: Der
gebürtige Argentinier Marcelo Alvarez schmetterte in bester
Drei-Tenöre-Tradition seine Arien in den abendlichen Schlosspark und der Russe Vladimir
Chernov weckte Erinnerungen an seine tollen Auftritte in den 1990-iger
Jahren, hier gab er u.a. einen imponierenden Rodrigo aus Don Carlo. Ekaterina
Bakanova steht erst am Anfang ihrer Karriere, wird heuer in St. Margarethen
die Königin der Nacht singen und zeigte sich als Rosina im Barbier von Sevilla
sehr koloraturerprobt.
Der allerletzte Funke zum Publikum sprang aber erst beim
abschließenden Medley über, bei dem Alvarez seine Unterhalterqualitäten bewies
und auch die Damen ein wenig aus ihrer Reserve locken konnte. Dennoch eine
gelungene Premiere, der hoch anzurechnen war, dass wirklich Opernsänger auf dem
Gipfel ihres Könnens auftraten und es keine Abcash-Aktion alternder Stars war.
Dennoch, um im Jargon der momentan allerorts dominierenden Fußballersprache zu
bleiben: Der Außenseiter Raiding hatte keine Scheu vor großen Namen und setzte
sich zum Schluss nach hartem Kampf mit 5:4 knapp durch.
Ernst Kopica