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LE PAUVRE MATELOT von Darius Milhaud

VENUS IN AFRICA von George Antheil

Premiere: 17. Mai 2011

Die Kammeroper macht ihrem Zyklus „Unerhört Neu Gehört“ und ihrem eigenen Mut wieder einmal alle Ehre. Denn die Einakter zweier Komponisten zu kombinieren, von denen der eine bei uns ein wenig, der andere kaum bekannt ist, setzt starkes Interesse des Publikums an Neuem voraus. Sollte sich das Land Österreich von der Subvention der Kammeroper so weit zurückziehen wie vorgesehen, dann sind nicht nur solche Abende, sondern die Existenz der mittlerweile schon m besten Sinn „alt ehrwürdigen“ Institution überhaupt in Frage gestellt. Dennoch auf der Schiene des Anspruchs weiterzuarbeiten, beweist wirklich Mut. Und dieser sollte honoriert werden. Dass dabei nicht beide Einakter wirklich überzeugen, das heißt, im Grunde nur jener von Darius Milhaud und nicht so sehr jener von George Antheil, hat damit nichts zu tun.

Immerhin, der Milhaud ist bemerkenswert. Der Komponist hat die 35minütige Szene des „Pauvre matelot“ zweimal geschaffen, die Zweitfassung von 1934 liegt der Wiener Aufführung zugrunde. Inhaltliche Moral von der Geschichte: Es ist nie gut, seine Mitmenschen über die eigene Identität im Zweifel zu lassen, weil man irgendetwas prüfen und beweisen will, denn das kann schrecklich schief gehen. Nicht nur im „Mißverständnis“ von Camus, wo Mutter und Tochter den nicht erkannten Sohn (bzw. Bruder) des Geldes wegen töten, sondern auch hier, wo Jean Cocteau als Autor eine ähnliche Situation kreierte: Der „arme Matrose“ kommt nach 15jähriger Abwesenheit wieder heim, und statt der Gattin, die treu auf ihn gewartet hat, um den Hals zu fallen, spielt er ein Spielchen, sich selbst als reichen Bekannten des angeblich verarmten Ehemannes ausgebend, den die Frau aus seinen Geldnöten retten muss. Sie tut es, indem sie den Gast erschlägt… und was den Zuschauer am meisten verblüfft, ist die Tatsache, dass der Vorhang fällt, ohne dass sie die Wahrheit erfährt. (Bei Verdi wäre sie doch mindestens mit der Erkenntnis „Er war mein Gatte!“ wahnsinnig zusammen gebrochen…)

Trotz strikter Tonalität ist Milhauds Musik so programmatisch „anders“, wie es die Komponisten im Paris der zwanziger Jahre („Los von Wagner!“) beabsichtigt haben. Milhaud ist damals, wie man nachlesen kann, durch die Straßen und Bars von Marseille gezogen, um sich von der musikalischen Atmosphäre inspirieren zu lassen und schuf eine Art von Sprechgesang, der von konventionellem Operngesang ziemlich weit entfernt ist, aber in schnellem Gewöhnungseffekt das Ohr des Zuhörers erreicht und in seiner folkloristischen Qualität leicht überzeugt. Regisseur Giorgio Madia hat für dieses Werk den Weg des Stummfilms gewählt, nicht nur die Hauptdarstellerin mit Zöpfchen und törichtem Bewegungskanon scheint wie aus einem der alten Filme entsprungen, auch die denkbar minimale Ausstattung (Cordelia Matthes) mit zwei Wänden, in die jeweils eine Tür eingeschnitten ist und die einfach nur in steten Variationen über die Bühne geschoben werden. Das verfremdet das Geschehen um die Frau im Spannungsfeld zwischen dem Nachbarn, der ein Auge auf sie geworfen hat, dem Schwiegervater und dem „Matrosen“, in dem sie den heimgekehrten Gatten nicht erkennt. Die Schuld am Geschehen nun den ökonomischen Verhältnissen zu geben, geht auch nicht an, denn es ist ja ein mutwilliges Spiel des Matrosen, den Ehemann als arm auszugeben – ein Spiel, das er teurer nicht bezahlen könnte… Das düstere Ambiente passt sich der Handlung so perfekt an wie die Sängerdarsteller.

Dass ein Paar in einer Bar streitet, die Frau wutentbrannt wegrauscht, der Mann sich eine Venus herbeisehnt, die prompt erscheint, und ein Happyend, das man nicht recht kapiert (wieso ist das Schwarzgeld eigentlich auf einmal echt? Ist Venus auch eine Zauberin in der Umwandlung von Geldscheinen?) – das ist ein bisschen wenig für einen einstündigen Einakter „Venus in Africa“, den George Antheil nicht in den zwanziger Jahren schrieb, als er sich in Europa tummelte, sondern in den fünfzigern, als er längst in die USA heimgekehrt war, Filmmusik schuf und sich mäßig erfolgreich als Opernkomponist versuchte. Wenn man „Venus in Africa“ sieht, weiß man, trotz einigermaßen witziger Musiksprache, warum.

Dabei hat Giorgio Madia mit seiner verständlichen Affinität für Tanz hier die diversen flotten Rhythmen adäquat umgesetzt, wenn die Handlung plötzlich gewippt und getänzelt wird… Im übrigen aber fand er keinerlei szenischen Witz für das, was er vorfand, und die Titelrollenträgerin Nazanin Ezazi konnte auch nicht recht überzeugen. Zwar mögen Herren große Augen bekommen, wenn sich ihre glutäugige Schönheit (sie ist Iranerin) aus einer Menge von Stoffbahnen wickelt, aber ihr darstellerisches Repertoire beschränkt sich darauf, die nackte Schulter aus dem Ärmel zu hängen und herausfordernd mit dem Busen zu wippen, während das, was sie verführerisch machen sollte, nämlich ihr Gesang, mitnichten so klingt…

Die anderen vier Darsteller haben schon den ersten Teil des Abends bestritten: Diana Higbee ist gleich gut als entschlossen wartende Ehefrau (auf Französisch) und nach Herzenslust zankendes Frauenzimmer (auf Englisch), zumal die Amerikanerin mit der französischen Staatsbürgerschaft immer Qualität und Schönheit der Stimme wahrt. Der argentinische Tenor Pablo Cameselle hat nur als armer Matrose echte Möglichkeiten, die er auch nützt, im zweiten Teil des Abends fällt er ebenso unter den Tisch der Beachtung wie der Schwarze Mentu Nubia, der hier als Barkeeper wenigstens hüftwackeln darf, aber als stimmmächtiger Schwiegervater im ersten Teil stärker wirkte. Schließlich war Andreas Jankowitsch (der einzige Österreicher im Team) an beiden Teilen des Abends voll da, vor allem als zankender Liebhaber im zweiten Teil, manchmal sogar zu durchdringend mit seinem metallischen Bariton. Dirigent Daniel Hoyem-Cavazza musste am Pult des hauseigenen Orchesters bei beiden Stücken nur leichtfüßig durch die Tonalität streifen.

Die Zuschauer zeigten sich sehr angetan, aber wie viele Leuten bezahlen schon ihre Premierenkarten? Das „echte“ Publikum muss den Erfolg in den Folgevorstellungen sichern.

P.S.

Im Publikum gesichtet: Walter Kobera von der Neuen Oper Wien, Hugh Rhys-James von der Opernwerkstatt - werden die "Kleinen" zusammen gehen müssen, um den Großen gegenüber etwas Stärke zeigen zu können?

Renate Wagner

19., 21., 24., 26., 28., 31. Mai, 2., 4., 7., 9., 11. Juni 2011 Beginn: 19.30 Uhr




LE PAUVRE MATELOT

  VENUS IN AFRICA

– 17.5.-

Unter dem Motto „Unerhört Neu Gehört“ stellte die Kammeroper die Opern zweier Komponisten vor, die hierzulande weniger bekannt sind und bewies mit diesem Abend, dass es auch hierzulande ein aufgeschlossenes an unbekannten Werken interessiertes Publikum gibt.

Trotz seiner Kürze von nur 35 Minuten nennt Darius Milhaud (1892-1974) seine 1926 entstandene Oper „Le pauvre matelot“ (Der arme Matrose) ein „complainte“ (Klagelied) in drei Akten. Sie ist bereits sein fünftes Bühnenwerk. Vorangegangen waren „La Brebis égarée“, die Trilogie „L’Orestie d’Eschyle“, „Les Malheurs d’Orphée“ und „Esther de Carpentras“.

Das Libretto schuf Jean Cocteau. Die Uraufführung der 1. Fassung fand am 16. Dezember 1927 an der Opéra-Comique in Paris statt. Die Uraufführung der 2. Fassung mit Kammerorchester, die der Aufführung der Wiener Kammeroper zu Grunde liegt, fand dann am 15. November 1934 in Genf statt. Darius Milhaud hat diese Oper seinem Freund, dem französischen Komponisten Henri Sauguet (1901–1989), gewidmet.

Zur Handlung: Der arme Matrose kehrt als ein reicher nach 15 jähriger Absenz zu seiner nunmehr fast 40jährigen Frau, die ihm die Treue bewahrt hat, zurück. Er gibt sich jedoch, um seine Gattin zu prüfen, gleich Odysseus gegenüber Penelope, nicht zu erkennen, was ihm schließlich zum Verhängnis wird. Er prahlt mit seinem Reichtum und erzählt, dass der Gatte gefangen gehalten und gegen ein Lösegeld freikommen könne. Im Schlaf erschlägt die treue Gattin ihren unerkannt gebliebenen Gast Der Vorhang fällt, ohne dass sie die Wahrheit erfährt und die Chance für eine bühnenwirksame Wahnsinnsarie à la Donizetti erhält. Das Motiv der Ermordung eines Menschen auf Grund eines Missverständnisses hat in der Opernliteratur eine lange Tradition und ist immer ein Höhepunkt der Katharsis.   

Mit dieser Moritat setzte Milhaud auf eine äußerste Konzentration der Klangmittel und eine stoffliche Minimalisierung. Seine an ausgeprägter Melodik reiche mediterrane Musik geht auch deshalb so leicht ins Ohr, weil sie weitgehend auf die strengen Techniken des Tonsatzes verzichtet. Durch die Einbindung von Polytonalität und Polyrhythmik in seiner Harmonik wirkt seine Musik auch so überaus kraftvoll und lebendig.

Der ehemalige Balletttänzer Giorgio Madia hat seine stimmige, an den Stummfilm angelehnte Regie präzise durch choreographiert. Ausstatterin Cordelia Matthes hat zwei Wände mit jeweils einer Türe auf die Bühne gestellt, die wie ein Buch zusammen- und im nächsten Augenblick wieder aufgeklappt und von den Protagonisten auch gedreht werden können. Diese minimalistische Ausstattung schärft den Blick des Betrachters für das brisante Bühnengeschehen, welches von den vier exzellenten Sängerdarstellern vorgeführt. Die Frau Diana Higbee im Spannungsfeld dreier Männer. Der Freund Andreas Jankowitsch, der die Verlassene begehrt, der Schwiegervater Mentu Nubia, der ihr eine Beziehug zum Nachbarn einreden möchte, und schließlich der tragisch-komische Matrose Pablo Cameselle, der sein absurdes Spiel mit dem Tod büßt.

Der bizarre Einakter „Venus in Africa“ des US-amerikanischen Komponisten und Pianisten George Antheil (1900-1959) entstand 1954 als letzte seiner insgesamt sechs Opern.

Zur Handlung: Ein junges Liebespaar, Yvonne und Charles, sitzt auf einer Caféterrasse in einem Hotel in Tunesien. Nach einem heftigen Streit, verlässt Yvonne wutentbrannt Charles. Dieser bittet eine Venusstatue, ihn die Liebe zu lehren. Yvonne ist wieder zurückgekehrt, da sich das Geld, welches ihr Charles gab, als Falschgeld herausgestellt hat. Einem Happy end steht nun nichts mehr im Wege und sogar das vermeintliche Falschgeld verwandelt sich plötzlich in echtes.

Diese an sich  komische Handlung der Oper wurde jedoch vom Regisseur ziemlich entstellt. Nichts erinnert entfernt an Tunesien als den Ort der Handlung der Oper und diese Venus ist auch keine Statue à la Pygmalions schöner Galathée, sondern eine Traumgestalt. Als solche bleibt sie, trotz ihrer choreographisch raffiniert vorgeführten Entschleierung, für Charles unantastbar. Als Venus konnte die Iranerin Nazanin Ezazi in erster Linie durch ihre glutäugige laszive Schönheit überzeugen. Bei so viel Sexappeal geriet die gesangliche Komponente eher in den Hintergrund.

Die übrigen Sängerdarsteller bestritten bereits den ersten Teil des Abends. Andreas Jankowitsch gefiel als zankender Liebhaber mit seinem kräftigen Bariton. Ihm zur Seite wartete die US-Amerikanerin mit französischer Staatsbürgerschaft Diana Higbee mit einem gut geführten Sopran und resoluter Rollengestaltung auf. Dem argentinischen Tenor Pablo Cameselle als Hausierer sowie dem US-amerikanischen schwarzen Bass Mentu Nubia als Barkeeper kam in dieser Oper gesanglich und darstellerisch eine nur untergeordnete Rolle zu.

Am Pult des Kammerensembles der Wiener Kammeroper bewies dessen Leiter seit dem Jahr 2001, Daniel Hoyem-Cavazza, wie wunderbar sich die musikalischen Elemente aus der Jazz-, Varieté-, Zirkus- und Dance-Hall-Musik subtil in die reiche Melodik dieser beiden Kleinodien der Opernliteratur einfügten. Ohne Zweifel hinterließ der arme Matrose einen stärkeren Eindruck. Spannend war es aber auch, vier der Sänger zunächst französisch und im zweiten Teil des Abends englisch singen zu hören.

Dem Premierenpublikum gefielen diese beiden Raritäten und so bleibt zu hoffen, dass die Subventionen für dieses so ehrwürdige Theater nicht so bald versiegen werden.                                                  

Harald Lacina

 



The Io Passion

Kammeroper, 10.2.2010

 

Der Wiener Kammeroper ist es hoch anzurechnen, dass sie immer wieder Raritäten auf die Bühne bringt. Seit Kürzung der Subventionen sind es nun leider nur mehr drei Produktionen, die dem Publikum vorgestellt werden, davon eine Barockoper (aktuell arbeitet man an einem Haydn-Zyklus) und jede Saison ist auch ein modernes Werk zu sehen.

Dieses Mal handelt es sich um eine Oper des Briten Harrison Birtwistle, der eine interessante Vita hat. Vom Arbeiter der Pharma-Industrie über Asbestvertreter kam er zum Beruf des Klarinettenlehrers und schlussendlich mutierte er zum Komponisten. Birtwistle, Jahrgang 1934, zählt heutzutage  zu den anerkanntesten englischen Komponisten und wurde sogar im Jahr 1988 in den Adelsstand erhoben. Sein Bühnenwerk umfasst 12 Stücke, mit „The Io Passion“ wurde eine Kammeroper ausgewählt, die im Jahr 2004 bei den Bregenzer Festspielen ihre österreichische Erstaufführung hatte und nun vom Team der Kammeroper erstmals in Wien gezeigt wurde.

Vorweg – es ist wirklich ratsam, sich die Begleitbroschüre zu besorgen und noch vor der Vorstellung zu lesen, da man ansonsten größte Schwierigkeiten haben wird, dem Gebotenen zu folgen. Da helfen auch die Übertitel nicht (warum man die englischen Passagen sehr wohl auf deutsch übersetzte, allerdings die griechischen Passagen des Librettos nicht, dafür aber in griechischer Schrift projizierte, das bleibt ein Rätsel. Ich denke, dass man in heutigen Zeiten davon ausgehen kann, dass die Masse der Besucher, die der griechischen Sprache mächtig ist, verschwindend klein ist), zu verwirrend ist die Aufeinanderfolge der so genannten sieben Strophen.

Ein großes Lob ist an das Bassettklarinettenquintett auszusprechen. Es ist wahrlich eine Kammeroper für diese kleine Besetzung, die allerdings die sehr schwierige Partitur überzeugend darbringt und das Geschehnis auf der Bühne begleitet. Im Prinzip trägt dieses Ensemble den Großteil des Werkes, da nicht viel gesungen und gesprochen wird. Birtwistle, der ja selbst Klarinette lehrte, hat dieses Instrument in den Mittelpunkt gestellt, es trägt den Großteil der melodischen Linie, unterstützt vom Cello. Die Viola und die beiden Violinen selbst haben kaum „Melodien“ zu spielen, sie sind eher für die Rhythmik zuständig. Daniel Hoyem-Cavazza, seines Zeichens musikalischer Leiter der Kammeroper, koordinierte sein Ensemble hervorragend und kassierte berechtigt einige „Bravi“ beim Schlussapplaus. Auch die Musiker sollen hier genannt sein – Silvia Iberer, Annette Mittendorfer (beide Violine), Rita Cuda (Viola), Christof Unterberger (Violoncello) und besonders Bernhard Pfaffelmaier (Bassettklarinette).

Die Geschichte erzählt – mehr oder weniger klar – von einem Mann und einer Frau, die einen Nachmittag / eine Nacht gemeinsam in Lerna, einem antiken, mysthischen Ort am Peloponnes verbracht haben. Was dort geschehen ist, bleibt ungenannt, hat aber auf beide einen großen Einfluss – es dürfte etwas aufgebrochen sein, mit dem beide, besonders aber der Mann, nicht klarkommen. Es entwickelt sich ein Briefwechsel – und beide reflektieren auf Basis der Io-Legende diverse Abarten der Beziehungen zwischen Mann und Frau.. Fünf verschiedene Träume werden gezeigt, wobei die Protagonisten des Stückes, die alle Doppelrollen spielen, diverse Arten der gegenseitigen Unterwerfung praktizieren.

Es gibt in diesem Stück zwei Sprechrollen und vier Gesangsrollen. Brigitte Pekarek (Woman 1 / Hera) wurde unter anderem in London ausgebildet und besticht durch ein deutlich gesprochenes „British English“, ihr Gegenpart in der männlichen Sprechrolle ist Ben Maddox (Man 2 / Zeus). Eine kleine Höhenunsicherheit zu Beginn zeigte Bariton Hans Gröning (Man 1 / Inachus), ansonsten war er ein überzeugender Singschauspieler. Bassbariton Rupert Bergmann sorgte als Man 3 / Hermes für einige witzige Augenblicke. Seine Stimme ist schon fast zu groß für das Haus.

Barbara E. Schedel (Woman 3 / Io) ist höhensicher und war auch ein überzeugendes Objekt der Begierde der Zeus, während Jennifer Davison (Woman 2 / Hera) die gesanglich überzeugendste Leistung bieten konnte – was aber auch damit zu tun hatte, dass sie die „singbarsten“ Stellen des Werkes zu bewältigen hatte. Allerdings hatte die amerikanische Sängerin auch seinerzeit schon in den „Pescatrici“ überzeugen können.

Nicola Raab  war für die Inszenierung verantwortlich. Wie schon bei der Produktion von Owen Wingrave im gleichen Haus gelang ihr wieder eine überzeugende Umsetzung des doch sehr sperrigen Werkes. Für Bühne/Kostüme beziehungsweise Lichtdesign griff die Kammeroper mit Claudia Doderer und Christian Weißkircher auf bewährte Kräfte zurück.

Das Stück dauert ohne Pause um die 90 Minuten, fühlt sich aber länger an, was dadurch bedingt sein kann, dass seitens der Musik relativ wenig Akzente gesetzt werden und es seitens der Partitur kaum zu Fortschritten in der Handlung kommt. Es ist ein Werk, das ohne wirklich dramatische Sequenzen auskommen will – und bedingt durch die schon oben ausgeführte Tatsache, dass es sich quasi um ein Streichquartett mit Bassettklarinette handelt, das ab und an durch Rezitieren und Gesang unterbrochen wird, sind musikdramatische Ausbrüche an einer Hand abzuzählen.

Trotz allem ist es ein interessanter Abend für alle Opernfreunde, die einmal etwas „ganz anderes“ sehen möchten. Ob sich „The Io Passion“ auch in Zukunft im Spielplan halten wird, das sei einmal dahingestellt.

Kurt Vlach

L’isola disabitata

Premiere am 21.10,

besucht wurde die fünfte Reprise am 2.11.

Im Vorjahr wurde Haydns Azione teatrale in zwei Teilen (sein einziges Bühnenwerk dieser Gattung) noch in einer konzertanten Aufführung in deutscher Sprache im Theater an der Wien gezeigt. Die Wiener Kammeroper brachte nun die italienische Version dieser „wüsten“ oder besser übersetzt „unbewohnten“ Insel in einer szenischen Realsierung durch Yona Kim. Musikalisch wirken die Rezitative in dieser „Kammeroper“, die am 6. Dezember 1779 im Marionettentheater von Schloss Eszterháza uraufgeführt wurde, viel farbiger, weil sie „accompagnato“, also vom Orchester begleitet werden.   

Das ursprüngliche Libretto dieser Oper stammte von Pietro Metastasio und wurde schon vor Haydn mehrfach vertont, unter anderem von Giuseppe Bonno (1711-88), Ignaz Holzbauer (getauft 1711-83) und Niccolò Jommelli (1714-74). Haydn verwendete aber eine Bearbeitung dieses Librettos durch Luigi Bologna.

Bühnenbildernerin Evi Wiedemann stellte ein rosafarbiges Teenagerzimmer auf die Bühne, dessen Ausstattung in Zusammenwirken mit den Kostümen von Linda Redlin im Popart-Look gehalten ist. Das  „wüste“ an dieser insel, ist die Langeweile, die die beiden Schwestern in ihren Handlungen lähmt. Die eine, Constanze, trauert um den vermeintlich ungetreuen Geliebten, und flößt ihrer Schwester Silvia eine regelrechte Abscheu vor Männern ein. Da taucht Gernando auf, der entführt worden war, gemeinsam mit seinem resoluten Fraund Enrico und zu Guter Letzt gibt es zwei glückliche Paare. Yona Kim hat diese Story recht witzig verpackt und den vier jungen Künstlern machte es sichtlichen Spaß, ihre Rollen bühnenwirksam mit Leben zu erfüllen. Silvia und Enrico haben freilich die temeperamentvolleren Arien zu singen, als die schwermütigen und von Verzweiflung getragenen von Constanze und Gernando. Nach dem Schlussquartett heben sich die rosafarbenen Wände, drei der Sänger entschwinden, nur Silvia verharrt nachdenklich auf die Bühne…

Die Griechin Eleni Voudouraki als Constanze und die Belgierin Chiara Skerath als ihre Schwester Silvia verfügen beide über einen exzellenten Sopran mit guter Linienführung und eine geradezu leidenschaftliche Rollengestaltung.Auch der lyrische Tenor des mit seiner Lockenpracht ein wenig an den jungen Franz Liszt erinnernden slowakischen Tenors Juraj  Hollý in der Rolle von Gernando klang geschmeidig und weich. Sebastian Huppmann hatte es da mit seinem rauen Bariton als Enrico, den die Regie offenbar als einen unsympathischen Zyniker aufgefasst wissen wollte, viel schwerer. Vielleicht wäre es besser gewesen, diese Rolle von der komischen Seite her aufzurollen.

Daniel Hoyem-Cavazza leitete das Orchester der Wiener Kammeroper sehr umsichtig und der Abend endete nach knapp 90 Minuten mit einem gut gelaunten, applausfreudigen Publikum.                      

Harald Lacina  

 


Il Nascimento dell’ Aurora

Wiener Kammeroper am 6.5.2010

 

Es ist den Betreibern der Kammeroper nicht genug anzurechnen, dass diese immer wieder Werke zur Aufführung bringen, die abseits des Mainstream sind. Als diesjährige Barockoper wählte man ein Werk des hierzulande eher unbekannten venezianischen Komponisten Tomaso Albinoni aus, der ein nicht unbeträchtliches Oeuvre von 80 Opern hinterlassen hat.

Das aufgeführte Werk ist eine so genannte „Festa pastorale“. Hier werden vordergründig die Schönheiten der Göttin des Sonnenaufgangs, der Aurora, besungen – wer also irgendeine Art von fortlaufender Handlung erwartet, der wird enttäuscht sein. Im Prinzip kann man jederzeit in das Stück einsteigen und hat nichts versäumt – das ist aber dem Genre zueigen und soll in keinster Weise abfällig klingen. Trotzdem hatte dieses Stück auch einen politischen Hintergrund, der zu Beginn und zu Ende des Abends auch erklärt wird. Es war ein Geschenk der mit den Habsburgern verbündeten Venezianer an die Königin Elisabeth. Die Oper wurde in der Zeit des spanischen Erbfolgekriegs geschrieben und war im Prinzip nichts anderes als die Aufforderung, doch endlich einen männlichen Thronfolger zu gebären… Daraus wurde nichts, der ersehnte Spross war weiblich und hörte dann auf den Namen „Maria Theresia“…

Es war eine nette Idee der Regisseurin Kristine Tornquist, die im Stück als „Elisa“ der Aurora gleichgestellte Königin auch einzubeziehen. Diese stumme Rolle verkörperte die bezaubernde Eveline Illés. Sie hatte  ihre eigene Loge auf der Bühnenseite und wurde von den Sängern auch immer wieder ins Geschehen einbezogen.

Man muss Frau Tornquist überhaupt ein Kompliment machen. Sie hat aus dieser Nichthandlung sicherlich das Optimale rausgeholt und gleichzeitig darauf verzichtet, eine Art Handlung über das Stück rüberzustülpen. Sie nahm Bezug auf die barocke Aufführungspraxis und gestattete den Sängern  nur teilweise übertriebene Posen, was aber dem Konzept entsprach und in Ordnung ist. Allerdings verstand sie es, immer wieder kleine „Gags“ einzubauen, die die – wie schon oben erwähnt – doch eher mäßig spannende Handlung auflockerten.

Man hätte sich gewünscht, dass das Bühnenbild sich nicht so kahl präsentiert hätte (verantwortlich dafür Duncan Hayler). Dass es anders geht, sah man nach der Verwandlung der Daphne (die Rahmenhandlung war eine Version der klassischen Apollo-Daphne-Geschichte). Da war das Bühnenbild fast schon opulent und passte sehr gut zu den – mit Ausnahme der Daphne – üppigen und mit viel Charme versehenen Kostümen (Markus Kuscher).

Rene Clemenic und sein Clemencic Consort sorgten dafür, dass die oft sehr ähnlichen Melodien niemals eintönig wurden. Aus der guten Sängerriege stachen vor allem Krisztina Jónás als Dafne und die beiden Countertenöre Armin Gramer (Apollo) und Gerhard Hafner (Zeffiro) hervor. Hafner beeindruckte durch tadellose Koloraturen, die er teilweise ein wenig undifferenziert darbrachte. Gramer auf der anderen Seite bestach mehr in den lyrischeren Passagen. Ebenfalls zufrieden stellend war die Flora der Solmaaz Adeli. Nicht ganz so überzeugend wie seine Kollegen war Wilhelm Spuller als Peneo. Insgesamt aber eine durchaus gute, überzeugende Ensembleleistung der jungen Sängerriege.

Das Premierenpublikum zeigte sich sehr angetan und ich kann mich der Begeisterung sehr anschließend. Zusammenfassend ist es eine interessante, etwas „andere“ Produktion, die besonders vor der Pause einige Längen hat (was allerdings durch das Stück bedingt ist). Eine schöne Inszenierung, die dem Geist des Barock entspricht und hoffentlich gut besucht wird – sie hätte das auf jeden Fall verdient.

Kurt Vlach


DIE GESPENSTERSONATE

Wiener Kammeroper, 18.2.2010

 

Es ist dem Team der Kammeroper nicht hoch genug anzurechnen, dass es immer wieder unbekannte und teilweise auch sperrige Werke auf den Spielplan setzt – wie in der vorigen Saison Britten’s Owen Wingrave.

 Dieses Jahr ist die „Gespenstersonate“ von Aribert Reimann, nach dem Text von August Strindberg, dran. Ob es reiner Zufall war, dass diese Produktion knapp 2 Wochen vor der Uraufführung von Reimanns „Medea“ stattfindet und daher die Wiener Opernszene schon einmal für die Musik dieses Komponisten sensibilisiert ist? Wie auch immer, der Erfolg gibt den Protagonisten recht. Wer hätte gedacht, dass auch die dritte Vorstellung der Serie fast ausverkauft sein würde? Das Risiko  hat sich auf jeden Fall gelohnt, weil es packende und spannende 90 Minuten sind, die in der Inszenierung von Peter Pawlik dem Publikum vorgesetzt werden.

Eben jenes Publikum ist allerdings gefordert – man muss sich auf die Klangwelten des Aribert Reimann einlassen – und durch die Tatsache, dass es sich bei dieser Gespenstersonate um eine echte Kammeroper handelt (nur 12 Instrumentalisten), wird man bei aufmerksamen Zuhören reichlich belohnt. Naturgemäß erwartet man keine ins Ohr gehende Melodien, allerdings bildet der instrumentale Teil eine perfekte Unterlage für das Libretto. Stimmungen werden perfekt untermalt/gemalt.

Dass Reimann von den Sängern immer sehr viel verlangt, das ist ja schon bekannt. Den gesanglich schwierigsten Part hatte Alexander Mayr zu bewältigen, der den jungen Arkenholz darstellte. Eine teilweise sehr hohe Tessitura verlangte ihm alles ab – und er schlug sich beachtlich. Das Zentrum der Oper bildete „der Alte“, Direktor Hummel. Hans Gröning beeindruckte – wie eigentlich alle Sänger – mit enormer Wortdeutlichkeit und strahlte auch die unerbittliche Strenge aus, die die Figur mit sich bringt. Alles in allem die sicherlich beste Leistung des Abends.

Brian Galliford, der auch schon in Owen Wingrave zu gefallen wusste, gab den Oberst, der – wie doch fast alle Figuren des Stückes – so manch dunkles Geheimnis zu verbergen hatte. Das Publikum zum Schmunzeln brachte die Mumie / der Papagei („Kurre, Kurre“), hervorragend dargestellt und gesungen von Karin Goltz. Ted Schimitz und Andreas Jankowitsch überzeugten als Diener, Annette Schönmüller zeichnete beängstigend wirklichkeitsnah den Wahnsinn der dunklen Dame nach und Cornelia Horak spielte und sang überzeugend den Part des Fräuleins Adele. Wie einem Albtraum entsprungen war auch die Szene mit der Köchin, die Elisabeth Wolfbauer tadellos sang.

Komplettiert wurde die Inszenierung von einigen stummen Rollen wie die des Milchmädchens (Fiona Hammerl), der Portiersfrau (Renate Schawitz), des toten Konsuls (Gerhard Dominek) und die des Baron Skanskorg (Ottwald John) und des Fräulein Holsteinkrona (Susanne Cycha).

Zusammengehalten wurde alles durch Daniel Hoyem-Cavazza, der es schaffte, die Klangwelt Reimanns analytisch zu präsentieren und Orchester und Sänger zu Höchstleistungen anzuspornen.

Die Produktion erachte ich für eine der besten, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Peter Pawlik hat in Zusammen arbeit mit Cordelia Matthes (Ausstattung) und Christian Weißkircher (Lichtdesign) die düstere Atmosphäre des Strindberg-Stückes perfekt eingefangen, ein einfaches, aber effektvolles Bühnenbild entworfen und auch die Personenführung entsprach dem Text. Man muss nicht immer mit aller Gewalt Verfremdungen einbauen, damit man das Publikum darauf hinweist, dass das Bühnengeschehen nicht unbedingt auf eine Geschichtsperiode begrenzt ist. Insofern muss man dem Leading Team wirklich dankbar sein, dass es auf billige Gimmicks verzichtet hat.

Bis Ende Februar wird die Produktion noch drei Mal zur Aufführung gebracht – wer zeitgenössische Oper sehen möchte – und sei es auch „nur“ darum, den eigenen Horizont zu erweitern und nach 50 Wallmann-Toscas etwas ganz anderes zu erleben – dem sei ein Besuch dieser Produktion ans Herz gelegt!

Kurt Vlach


Michael Schade und Thomas Quasthoff

im Wiener Musikverein

  8. Februar 2010

Das "Wir" ist wichtig, wenn Michael Schade spricht. Egal ob Lehrer, Kollegen oder Freunde, sein "Ich" sieht der Deutsch-Kanadier immer als Teil des Ganzen. So war es auch nicht verwunderlich, dass beim ersten Konzert des Michael Schade-Zyklus im Wiener Musikverein Thomas Quasthoff sein Partner war. Ein Abend zu Ehren des 50. Geburtstages seines Freundes sollte es werden. Doch leider erkrankte Schade zum ursprünglichen Dezember-Termin, am 8. Februar wurde nun dieses Konzert im Großen Musikvereinssaal nachgeholt.

Meine Befürchtungen, dass ein intimes Liederprogramm nicht in so einen großen Saal passen würden, konnten von den beiden Sängern sofort widerlegt werden. Mit drei Duetten von Felix Mendelssohn Bartholdy (darunter auch das wunderbare "Ich wollt, meine Lieb' ergösse sich") sorgten sie sofort für Stille im Publikum, der auch der eine oder andere Huster (übrigens von Quasthoff sarkastisch kommentiert) nichts anhaben konnte. Michael Schade ließ dann seinen lyrischen Mozart-Tenor in vier Stücken des Salzburger Genies zur Geltung kommen. Begleitet vom stets aufmerksamen Pianisten Justus Zeyen trug er die Mozart'schen Lieder in dezentem piano vor und charakterisierte mit subtilem Minenspiel den Text. Wesentlich handfester ging dann Thomas Quasthoff bei vier Stücken des Wiener Liederfürsten Franz Schubert ans Werk, ehe fünf Duette von Robert Schumann den ersten Teil beschlossen. Darunter befand sich auch "Wenn ich ein Vöglein wär", angeblich das Lieblingslied von Quasthoffs im Saal anwesender Gattin.

Nach der Pause ging es mit zwei Duetten aus "Cosi fan tutte" weiter, wobei natürlich die Klavierbegleitung kein vollwertiger Ersatz für das Orchester war. Welche lyrische Kraft in Schumanns Liedern steckt, bewies Schade in "Mein schöner Stern", "Dein Angesicht", "Waldesgespräch" und "Mondnacht". Der nächste Part war wieder dem voluminösen Bariton von Quasthoff vorbehalten, der vier Lieder von Johannes Brahms sang. Mit "Unüberwindlich" ging der klassische Teil des Abends zu Ende, unvergessene Augenblicke grandioser Lied-Gestaltung!

Es folgte dann noch ein "Wiener-Lieder -Medley" unter dem Titel "Wien, du Stadt meiner Träume", das der Kanadier John Greer zusammengestellt hatte. Er benannte es "Fantasiestücke für Tenor und Bariton. For Michael, Thomas & Justus - Prosit!" Und so amüsant wie dieser Titel war es auch den beiden um wienerisches Idiom bemühten Deutschen zuzuhören: "Wien, Wien, nur du allein", das "Fiakerlied", der Robert Stolz-Hit "Im Prater blühn wieder die Bäume" und das "Hobellied"! Kein leichtes Unterfangen für die Gäste, aber als gebürtiger Wiener kann ich bestätigen: Guat is gangn, nix is gschehn! Berechtigter, aber doch schaumgebremster Applaus des konservativen Publikums, das offenbar derlei Anbiederung nicht goutierte.

Ernst Kopica

 


THE DREAM OF GERONTIUS

RARITÄT ERSTEN RANGES

7. Dezember 2009

 

Eine Entdeckungsreise zur Musik seiner Heimat England bot Sir Simon Rattle bei seinem Wien-Gastspiel im Dezember 2009. Gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener Singverein brachte er das nicht sonderlich bekannte Oratorium The Dream of Gerontius von Edward Elgar zur Aufführung. Die Soloparts sangen der Tenor Toby Spence (als kurzfristiger Einspringer für den erkrankten Michael Schade), die Mezzosopranistin Magdalena Kozena und der Bariton Thomas Quasthoff.

Dem 1857 in Worcester geborenen Elgar gelang erst im Alter von 40 Jahren der große Durchbruch als Komponist. Im Jahr 1900 enstand dann The Dream of Gerontius, wobei Elgar eine zweiteilige Form wählte. Im ersten Teil erlebt man die letzten Stunden des Gerontius mit allen Gefühlen des Sterbenden und seine Angst vor dem Tod. Er gipfelt im Kyrie und in einem sphärischen Priesterchor, der dem Dahinscheidenden beisteht. Der zweite Abschnitt beginnt mit dem Bericht der Seele des Gerontius, was er seit der Todesstunde erlebt hat. Dann kämpfen die Seelen der Verstorbenen, denen sich aber die Engel entgegenstellen. Am Ende verkündet der Engel tröstend: "Dann komme ich wieder, und wecke dich am Morgen!"

Das Oratorium ist ein meditatives Werk mit geringer dramatischer Handlung und kann seine musikalische Nähe zu Richard Wagner nicht verleugnen. Einzigartig verweben sich die Rezitative und Arien der Solostimmen übergangslos mit dem Chor- und Orchesterklang. Zu entdecken galt es auch den jungen Briten Toby Spence, der mit lyrischer Färbung den Titelhelden gestaltete und auch die Kraft besaß, bis zum Schluss die feine Spannung aufrecht zu erhalten. Thomas Quasthoff setzte seinen warmen Bariton ideal ein und harmonierte beispielhaft mit den Klängen der Philharmoniker. Und auch Rattles Ehefrau Magdalena Kozena, deren feines Vibrato anfangs gewöhnungsbedürftig war, steigerte sich besonders bei den piano-Passagen und in den sphärischen Klängen des Finales.

Diese waren natürlich ein Fressen für die Streicherabteilung der Philharmoniker. Aber auch die expressiven Stellen gelangen vorzüglich, und es ist schon bemerkenswert, dass das Wiener Vorzeigeorchester an diesem Tag nicht nur im Musikverein engagiert war, sondern zeitgleich mit der "zweiten" Garnitur in der Staatsoper die Premiere von Macbeth spielte. Über Simon Rattle braucht man in diesem Zusammenhang auch nicht viele Worte verlieren. Uneitel, dem Werk Elgars verpflichtet, verzichtete er auf unnötige Effekthascherei und ließ nur den Text und die Noten seines Landsmannes sprechen. Uneingeschränkter Jubel im Saal!

Ernst Kopica

 

 



STIMMEN
- im Wiener Konzerthaus

27. Oktober 2009

Es bedarf nicht immmer marktschreierischer Ankündigungen und eines Allerweltsprogrammes mit Eventcharakter um Sänger-Superstars entsprechend in Szene zu setzen. Es geht auch mit Schumann-Liedern, sogar mit den eher spröden Liederzyklen "Spanisches Liederspiel" (op. 74), "Minnespiel" (op. 101) und "Spanische Liebeslieder" (op. 138). Der Beweis gelang Dorothea Röschmann, Angelika Kirchschlager, Ian Bostridge und Thomas Quasthoff unter kongenialer Begleitung der Pianisten Julius Drake und Helmut Deutsch beim ersten Konzert der  Reihe "Stimmen" im Wiener Konzerthaus.

Der für intime Liederabende nicht gerade prädestinierte Große Saal musste es allerdings schon sein, denn das Publimusinteresse war gewaltig. Im Foyer hörte ich dazu den treffenden Kommentar eines Besuchers: "Heute gibt es die Meistersinger!" Und wie recht der Herr hatte, auch wenn nicht Richard Wagner angesagt war. Die vier "Meistersinger" bestachen durch ihre charakteristischen Stimmen: Dorothea Röschmann mit scheinbar endlosen hohen Legato-Phrasen, Angelika Kirchschlager mit Witz und erotischer Klangfärbung, Ian Bostridge mit müheloser Höhe und Thomas Quasthoff mit seinem angenehmen Timbre, das oft die ideale Basis in den mehrstimmigen Liedern bildete.

Die drei Lied-Zyklen aus dem Jahr 1849 beinhalten Solostücke, Duette und Quartette, für die Schumann Gedichte von Emanuel Geibel und Friedrich Rückert als Grundlage heranzog und zum Teil umschrieb. Obwohl der deutsche Liederfürst nie in Spanien war, gelang es ihm das landestypische Temperament durch den Auswahl entsprechender Rhythmen (vor allem des Bolero) auszudrücken. Die vier Sänger gewannen besondere Freude daran, das Konzert als halb-szenische Darbietung anzulegen. Mit kleinen Gesten und oft nur mit einem koketten Augenaufschlag unterstützten sie die Aussage des Wortes. Und in musikalischer Hinsicht gab es sowieso keinen Makel. Wobei mich besonders die Stimme Dorothea Röschmanns gefangen nahm. Glasklar und tremolofrei erzählte sie die Geschichten der erfüllten und enttäuschten Liebe, während Angelika Kirchschlager schon allein aufgrund ihres Heimvorteils beim Publikum von Beginn an gewonnenes Spiel hatte. Ian Bostridge und Thomas Quasthoff hatten ihre stärksten Momente im Duett "Blaue Augen hat das Mädchen" und die beiden Begleiter Julius Drake und Helmut Deutsch begeisterten in den Spanischen Liedesliedern besonders durch ihre vierhändige Begleitung. Ungeteilter Jubel, fünf Zugaben sprechen für sich!

Ernst Kopica



Wiener Kammeroper

L'ile de Tulipatan & Ba-ta-clan

6. Oktober 2009

Zwei unbekannte Werke von Jaques Offenbach präsentierte die Wiener Kammeroper zur Eröffnung ihrer Spielzeit 2009/2010: Zum einen die Opera-bouffe L'ile de Tulipatan (1867 komponiert) und zum anderen die Chinoiserie musicale Ba-ta-clan (1855). Im Mittelpunkt der beiden Einakter stehen dabei die Fragen der menschlichen Identitäten, eingebettet in absurdes Theater und witzige Dialoge. Vor der Pause gab es ein köstliches Verwirrspiel über das Liebespaar Alexis und Hermosa auf der fiktiven Insel Tulipatan, in Anlehnung zum Rosenkavalier fällt einem dazu ein: „Eine Farce, und weiter nichts!“ Ba-ta-clan entwickelte sich dann zur beissenden politischen Satire. Oben und unten, vorne und hinten, links und rechts, alles steht Kopf, so auch das Bühnenbild von Duncan Hayler, welches den Zuschauerraum der Kammeroper, um 180 Grad gedreht, darstellt.

Die Inszenierung Waut Koekens verzauberte den Besucher von der ersten Sekunde an. Die Meisterwerke von Jerome Savary oder auch die köstlichen Monty Python-Filme ließen grüßen, die Übertitel (gesungen wurde im französischen Original) waren geschickt in die Handlung eingebunden, Wortwitz und Gags am laufenden Band forderten die Beobachtungsgabe und den Intellekt der Zuschauer.

Unter der musikalischen Leitung von Daniel Hoyem-Cavazza ertönten dazu die wie immer zündenden Melodien Offenbachs, gespickt mit musikalischen Zitaten und Parodien. Besonders köstlich die Persiflage auf die dramatischen Duelle in italienischen Opern, da blieb kein Auge trocken. Als Erzähler erfreute Benjamin Prins mit zündender Ironie und glasklarer französischer Diktion. Ihm konnte man auch bei mangelnder Sprachkenntnis begeistert folgen. Von den Solisten, die in den beiden Stücken allein durch ihre ständigen Umkleideszenen körperlich gefordert waren, ragten die bulgarische Sopranistin Milena Gurova und der niederländische Tenor Jeroen de Vaal durch ihre Spielfreude heraus, aber auch Andreas Jankowitsch, Dan Chamandy und Lisa-Maria Jank zeigten Einsatz total und überzeugten auch stimmlich.

Leider bleibt auch die Wiener Kammeroper von den finanziellen Schwierigkeiten nicht verschont und die von mir besuchte 1. Reprise war bei weitem nicht ausverkauft (die Serie läuft bis 7. November), allerdings stimmte der Schluss des Abends versöhnlich, als es vor dem finalen Cancan in Anlehnung an die positive Botschaft Barack Obamas hieß: „Yes, we can-can!“

Ernst Kopica


Sommertournee des Gustav Mahler Jugendorchesters (GMJO) im Wiener Musikverein

Wenn Spielfreude, Engagement und Enthusiasmus gepaart werden mit Können, Routine und hochkarätigem Wissen sind Sternstunden im Konzertsaal eine fast logische Folge: So geschehen am 19. September beim Konzert des Gustav Mahler Jugendorchesters unter Franz Welser-Möst in Wien! Dreimal spielte die 1986 von Claudio Abbado gegründete Talenteschmiede europäischer Orchestermusiker ein Programm vom Feinsten: In der Linzer Grobblechhalle der „voestalpine AG“ (die Stahlfirma ist ein Hauptsponsor des Orchesters), im Großen Musikvereinssaal von Wien und im Mailänder Teatro alla Scala.

Vor laufenden Kameras ging es in Wien bereits mit Jean Sibelius’ Freiheitshymne Finlandia so richtig zur Sache. Der satte Klang der auch zahlenmäßig sehr präsenten Streicherabteilung legte den Teppich zu einer fesselnden Interpretation dieses Dauerbrenners der Spätromantik. Dann reihte sich Lisa Batiashvili in die Reihe jener hochkarätigen Solistinnen, die mit dem GMJO auf dem Podium standen. Ihre Interpretation des Konzertes für Violine und Orchester Nr. 1 in D-Dur von Sergej Prokofjew ließ vergessen, welche technische Schwierigkeit dieses Werk – besonders im zweiten Satz – aufweist. Die in München lebende Georgierin fand besonders in der Mittellage den Tonfall des revolutionären Russlands der Entstehungszeit von 1915. Welser–Möst und das GMJO korrespondierten exakt mit der Star-Violinistin.

Als Höhepunkt hörte das Wiener Publikum (der Musikvereinssaal war trotz des Schildes „Ausverkauft“ nicht zur Gänze gefüllt!) dann das ganze Spektrum der Schaffenskraft von Peter Iljitsch Tschaikowskij. Seine Symphonie Nr. 5 in e-Moll bietet ja ein reiches Spektrum dafür. Wie sich das Schicksalsmotiv durch die vier Sätze veränderte und schließlich durch den triumphalen Siegesmarsch des Finales verdrängt wurde, war hörens- und auch sehenswert. Denn der deutlich zu sehende Einsatz und die Begeisterung der jungen Musiker ließ den berühmten Funken auch auf das Publikum überspringen. Riesiger Schlussapplaus, sowohl für Franz Welser–Möst, auf dessen Staatsopernzeit sich das Publikum bereits heute freuen darf, und natürlich auch für die Hundertschaft des Orchesters, bei denen auch die Bläsergruppe ohne viel Nervenflattern auch die heikelsten Stellen meisterte.

Ernst Kopica

 

 


Roßauer Kaserne Wien

MARIA DI ROHAN

– 13.7.

Die opernwerkstatt wien feiert heuer ein kleines Jubiläum, denn bereits zum fünften Mal belebt sie die musikalische Tristesse des Sommers mit einer musikalischen Rarität. Dieses Mal fiel die Wahl auf die 1843 am Kärntnertortheater in Wien uraufgeführte und seit dieser Zeit äußerst selten gespielte vorletzte Oper Donizettis. Wiederbelebungsversuche dieser dem Inhalt nach Verdis Maskenball nicht unähnlichen Oper fanden nach dem zweiten Weltkrieg übrigens 1957 in Bergamo, 1967 in Neapel, 1988 in Martina Franca, 2000 in Aachen und 2005 schließlich in Wexford statt. Das Libretto verfasste Salvatore Cammarano (1801-1852), basierend auf dem französischen Theaterstück „Un duel sous le Cardinal de Richelieu“ von Joseph-Philippe Simon (1803–1891) und Edmond Badon (1808-1849) aus dem Jahr 1832.

Die Leistungen der drei Protagonisten waren durchwegs zufriedenstellend. Ingrid Kaiserfeld bewältigte als Maria, Contessa di Rohan, mühelos alle Koloraturen mit ihrem eher dramatischen Sopran. Darstellerisch blieb sie der Rolle jedoch einiges schuldig und so blieb ihr Konflikt zwischen ihrem Geliebten Riccardo und ihrem Gatten Enrico nicht mehr als eine inhaltsleere Hülle. Lediglich ihre Wahnsinnsarie am Ende gestaltete sie einigermaßen spannend, durfte sie doch schließlich entseelt zu Boden sinken. Als ihr Gatte Enrico überzeugte der rein optisch gegenüber seinem Widersacher eleganter aussehende Spanier Javier Franco, Finalist des Belvedere Gesangswettbewerbes 2001. Sein kräftiger Bariton hatte ein angenehmes Timbre, mit dem er auch die Spitzentöne exzellent sang. Der türkische Tenor Tayan Memioglu, seit der Saison 2006/7 festes Ensemblemitglied der Grazer Oper, hatte zu Beginn hörbare Anlaufschwierigkeiten mit den Spitzentönen. Erst im zweiten Akt entfaltete sich seine schlanke bewegliche Stimme und er bewies nunmehr eine gute Phrasierung und Diktion. Leider haftete ihm ebenso wie der Titelheldin eine gewisse Einförmigkeit des Singens an. Er gestaltete seine Arien viel zu wenig und lieferte eigentlich nur schöne Töne ab. Keine Spur von ungezügelter Leidenschaft oder wehmütigem Schmachten! Stefan Tanzer, Chormitglied der Volksoper Wien, sang die kleinere Rolle des Visconte di Suze mit erdigem Bass besonders textverständlich, ebenso Martin Zoglmann den De Fiesque. Gesanglich eher unauffällig hörte sich der US-amerikanische Tenor Seth Hobson in der Doppelrolle als junger Adeliger Armando di Gondi, der Maria ob ihres anrüchigen Lebenswandels verspottet, und als Sekretär Aubry an. Tiziano Duca leitete wiederum das Orchester der opernwerkstatt wien. Nach anfänglichen Misstönen bei den Holzbläsern gelang ihm doch ein in musikalischer Hinsicht zufriedenstellender Abend. Auch der von Marian Vach geleitete Chor sang mit Emphase.

Eine Inszenierung im eigentlichen Sinn gab es nicht. Die Sänger traten auf, lieferten ihren Gesangstext ab und verschwanden wieder. Interaktion fehlte leider völlig. Regisseur Wolfgang Schilly dürfte sich auf Grund der begrenzten Möglichkeiten der Bühne (Gestaltung: Manfred Kronbichler und Konstantin Talbi) mehr auf das Arrangieren der Auf- und Abtritte konzentriert haben und dramaturgische Spannung in erster Linie den von Hans Otto Richter entworfenen Projektionen anvertraut haben, die allerdings auch nicht besonders sinnvoll waren. Etwa ein Blutfleck, eine Bibliothek, die sterbende Mutter Riccardos oder eine Guillotine. Vielmehr bot die spröde Handlung, die sich im Wesentlichen auf das Überreichen von Briefen und dem Austausch von Botschaften beschränkt, auch nicht. Rebecca Bilger kleidete die Mitwirkenden mit sparsamsten Mitteln unauffällig ein. Nur die Titelheldin darf zunächst in tiefschwarzer Robe auftreten, um am Ende in flammendem Rot ihr Leben auszuhauchen.

Das Premierenpublikum und ebenso der Rezensent waren jedoch hoch erfreut, der Aufführung einer verhältnismäßig unbekannten Donizettioper beigewohnt  zu haben.                                                                                             

Harald Lacina

 

 

LE PESCATRICI

am 5.3.2009

Die vom legendären Hans Gabor gegründete Kammeroper brachte zum Haydn-Jahr eine Rarität raus, die im Jahre 1770 im Schloss Eszterháza uraufgeführten „Fischerinnen“. Nun ging seinerzeit bei einem Brand ein Viertel der Partitur verloren, allerdings war das Libretto erhalten und im Jahre 1965 wurde eine von H.C. Robbins Landon und Karl Heinz Füssl ergänzte Rekonstruktion aufgeführt. Diese Fassung ist auch die, die in der Kammeroper gespielt wird.

Das Originallibretto ist rasch erzählt – es handelt sich da, salopp ausgedrückt, um eine Mischung von Cenerentola und Cosi Fan Tutte. Ein Prinz kommt auf eine Insel, auf der sich die Tochter eines ermordeten Fürsten aufhalten soll. Diese wurde seinerzeit ausgesetzt und von einem Fischer groß gezogen. Der Prinz verspricht demjenigen, der ihm hilft die Prinzessin zu finden eine Belohnung. Zwei Freundinnen, die mit ihrem Los als Fischerinnen unzufrieden sind, fühlen sich auch als Adelige berufen, sodass der Prinz mit Hilfe einer Prüfung herausfinden muss, wer von den Mädels tatsächlich die Gesuchte ist. Soweit zum Cenerentola-Plot. Die Freunde der beiden „echten“ Fischerinnen stellen dann verkleidet die Treue ihrer Gefährtinnen auf die Probe, was natürlich in bester Cosi-Manier schief geht. Der alte Fischer kann dann aber doch noch bewirken, dass sich alle Liebespaare zum Schluss finden (der Prinz heiratet natürlich auch die wiedergefundene Prinzessin) und alles geht gut aus.

Die Bühnenhandlung ist dem Libretto angelehnt, doch hat sich Regisseur Peter Pawlik einige Freiheiten genommen und das stellt sich dann wie folgt dar –

Während der Overtüre gibt es quasi als Einführung in die Handlung ein Video, das auf die aktuelle Wirtschaftskrise und Inflation Bezug nimmt und zum Ort der Handlung, einer Fischverarbeitungsfabrik, führt. Es dürfte dort Hungersnot herrschen und die beiden Fischerpaare versuchen auf ihre Art und Weise, der Notlage zu entfliehen. Ein Jüngling wird von seiner Freundin gezwungen, mit einem Schild, auf dem steht, dass er nur für Nahrung zum Arbeiten gewillt ist, sich eine Beschäftigung zu suchen. Der andere Mann ist weniger zart besaitet und verlangt von seiner Freundin, sich als Domina zu prostituieren. Als sich diese zuerst weigert, fügt er ihr an der Hand Verbrennungen zu… Die wahre Prinzessin, obwohl auch in diesem Betrieb tätig, wird als ziemliche Neurotikerin dargestellt, die große Berührungsängste a la Monk hat und ihren Ziehvater ziemlich herablassend behandelt.

Dann Auftritt des Prinzen Lindoro, der in dieser Produktion ein Mitgiftjäger zu sein scheint. Während im Originaltext die Prüfung darin besteht, dass er Gold, Geschmeide und den blutverschmierten Dolch, mit dem dereinst der Vater der Prinzessin ermordet wurde, den drei Frauen zur Auswahl gibt (und naturgemäß die wirkliche Prinzessin sofort im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme des Blutes erkennt und zum Dolch greift) gibt es auf der Bühne sehr wohl den Dolch, allerdings anstatt von Schmuck nur Bananen.. Nun, wie schon oben beschrieben scheint ja Hungersnot zu herrschen und so werden von den „einfachen“ Fischerinnen einmal Grundbedürfnisse gestillt, was sie aus dem Rennen wirft. Zum Abschluss der Oper wird dann die Prinzessin von einem Handlanger des Prinzen umgebracht und er vergnügt sich – nun wohlhabend geworden – mit den beiden anderen Mädels während deren Freunde auch weiterhin darben müssen – nun auch unbeweibt.

Dass es trotz dieser Auslegung der Geschichte ein niemals wirklich verstörender Abend wurde, liegt an vielen kleinen witzigen Details, die sehr gut herausgearbeitet worden sind. Immer wieder wurde herzlich gelacht und die Darsteller gaben sich alle Mühe, um für eine wirklich gute Unterhaltung zu sorgen.

Die musikalische Leitung hatte Daniel Hoyem-Cavazza über, der das Orchester der Wiener Kammeroper mit viel Schwung, aber auch, wenn notwendig, mit viel Gefühl leitete. Es war eigentlich kaum erkennbar, welche Piecen rekonstruiert und somit nicht Original-Haydn waren.

Sängerisch war an diesem Abend besonders Jennifer Davison in der Rolle der Lesbina hervorzuheben, die eine schöne Stimme hat und bei den Koloraturen glänzen konnte. Die zweite Fischerin, Auxiliadora Toledano, ließ sich ansagen, allerdings hielt sie gut durch und ihr schön timbrierter Mezzo kombinierte sehr gut in den Ensembleszenen. Da ich das Stück zum ersten Mal gesehen habe kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob eine Arie von ihr gestrichen wurde, allerdings gab es da im Handlungsstrang einen Bruch, der diese Vermutung nahe legt. Die Prinzessin Eurilda wurde von der Neuseeländerin Anna Pierard unspektakulär gesungen, vielleicht hatte auch das Regiekonzept, die „Heldin“ doch recht unsympathisch erscheinen zu lassen (wie eigentlich jede Person der Handlung), damit zu tun. Leif Aruhn-Solén besitzt eine interessant timbrierte, aber relativ kleine Stimme – die Größe der Kammeroper ist ihr angemessen. So konnte sein Burlotto nicht wirklich überzeugen. Dessen Freund Frisellino wurde von José Aparicio bei weitem stimmkräftiger und auch von technisch besser gesungen. Als alter Fischer Mastricco fiel Alfred Werner etwas ab – auch in den Rezitativen blieb er relativ textundeutlich. Schlussendlich sei noch Sebastian Huppmann erwähnt, der den Lindoro darstellte – auch da war die Figur, die auf der Bühne stand, anders gezeichnet als es das Libretto vorgab. Ob seine Stimme wirklich für Haydn geeignet ist, sei dahingestellt, er erhielt aber viel Zuspruch vom Publikum.

Es wäre schön, wenn sich die „Pescatrici“ öfter auf Spielplänen finden würden, es war eine wirklich interessante Neuentdeckung, für die man der Kammeroper dankbar sein muss. Zweieinhalb unterhaltsame Stunden werden da geboten und die Produktion ist ein großer Erfolg für das Haus – es wurde sogar bereits eine Zusatzvorstellung angesetzt, da schon fast jeder Abend ausverkauft ist (was ich persönlich sehr bedaure, da ich mir diese Produktion noch gerne einmal angeschaut hätte).

Die Kammeroper, die immer wieder Raritäten bringt, ist eine wirklich gute Ergänzung für die Wiener Opernszene und es bleibt nur zu wünschen, dass die Britten-Oper „Owen Wingrave“ ein ähnlich großer Erfolg wird!

Kurt Vlach

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com