LE PAUVRE MATELOT von Darius Milhaud
VENUS IN AFRICA von George Antheil
Premiere: 17. Mai 2011
Die Kammeroper macht ihrem Zyklus „Unerhört Neu Gehört“ und
ihrem eigenen Mut wieder einmal alle Ehre. Denn die Einakter zweier Komponisten
zu kombinieren, von denen der eine bei uns ein wenig, der andere kaum bekannt
ist, setzt starkes Interesse des Publikums an Neuem voraus. Sollte sich das
Land Österreich von der Subvention der Kammeroper so weit zurückziehen wie
vorgesehen, dann sind nicht nur solche Abende, sondern die Existenz der
mittlerweile schon m besten Sinn „alt ehrwürdigen“ Institution überhaupt in
Frage gestellt. Dennoch auf der Schiene des Anspruchs weiterzuarbeiten, beweist
wirklich Mut. Und dieser sollte honoriert werden. Dass dabei nicht beide
Einakter wirklich überzeugen, das heißt, im Grunde nur jener von Darius Milhaud
und nicht so sehr jener von George Antheil, hat damit nichts zu tun.
Immerhin, der Milhaud ist bemerkenswert. Der Komponist hat
die 35minütige Szene des „Pauvre matelot“ zweimal geschaffen, die Zweitfassung
von 1934 liegt der Wiener Aufführung zugrunde. Inhaltliche Moral von der
Geschichte: Es ist nie gut, seine Mitmenschen über die eigene Identität im
Zweifel zu lassen, weil man irgendetwas prüfen und beweisen will, denn das kann
schrecklich schief gehen. Nicht nur im „Mißverständnis“ von Camus, wo Mutter
und Tochter den nicht erkannten Sohn (bzw. Bruder) des Geldes wegen töten,
sondern auch hier, wo Jean Cocteau als Autor eine ähnliche Situation kreierte:
Der „arme Matrose“ kommt nach 15jähriger Abwesenheit wieder heim, und statt der
Gattin, die treu auf ihn gewartet hat, um den Hals zu fallen, spielt er ein
Spielchen, sich selbst als reichen Bekannten des angeblich verarmten Ehemannes
ausgebend, den die Frau aus seinen Geldnöten retten muss. Sie tut es, indem sie
den Gast erschlägt… und was den Zuschauer am meisten verblüfft, ist die
Tatsache, dass der Vorhang fällt, ohne dass sie die Wahrheit erfährt. (Bei
Verdi wäre sie doch mindestens mit der Erkenntnis „Er war mein Gatte!“
wahnsinnig zusammen gebrochen…)
Trotz strikter Tonalität ist Milhauds Musik so
programmatisch „anders“, wie es die Komponisten im Paris der zwanziger Jahre
(„Los von Wagner!“) beabsichtigt haben. Milhaud ist damals, wie man nachlesen
kann, durch die Straßen und Bars von Marseille gezogen, um sich von der
musikalischen Atmosphäre inspirieren zu lassen und schuf eine Art von
Sprechgesang, der von konventionellem Operngesang ziemlich weit entfernt ist,
aber in schnellem Gewöhnungseffekt das Ohr des Zuhörers erreicht und in seiner
folkloristischen Qualität leicht überzeugt. Regisseur Giorgio Madia hat für dieses
Werk den Weg des Stummfilms gewählt, nicht nur die Hauptdarstellerin mit
Zöpfchen und törichtem Bewegungskanon scheint wie aus einem der alten Filme
entsprungen, auch die denkbar minimale Ausstattung (Cordelia Matthes) mit zwei
Wänden, in die jeweils eine Tür eingeschnitten ist und die einfach nur in
steten Variationen über die Bühne geschoben werden. Das verfremdet das
Geschehen um die Frau im Spannungsfeld zwischen dem Nachbarn, der ein Auge auf
sie geworfen hat, dem Schwiegervater und dem „Matrosen“, in dem sie den
heimgekehrten Gatten nicht erkennt. Die Schuld am Geschehen nun den
ökonomischen Verhältnissen zu geben, geht auch nicht an, denn es ist ja ein
mutwilliges Spiel des Matrosen, den Ehemann als arm auszugeben – ein Spiel, das
er teurer nicht bezahlen könnte… Das düstere Ambiente passt sich der Handlung
so perfekt an wie die Sängerdarsteller.
Dass ein Paar in einer Bar streitet, die Frau wutentbrannt
wegrauscht, der Mann sich eine Venus herbeisehnt, die prompt erscheint, und ein
Happyend, das man nicht recht kapiert (wieso ist das Schwarzgeld eigentlich auf
einmal echt? Ist Venus auch eine Zauberin in der Umwandlung von Geldscheinen?)
– das ist ein bisschen wenig für einen einstündigen Einakter „Venus in Africa“,
den George Antheil nicht in den zwanziger Jahren schrieb, als er sich in Europa
tummelte, sondern in den fünfzigern, als er längst in die USA heimgekehrt war,
Filmmusik schuf und sich mäßig erfolgreich als Opernkomponist versuchte. Wenn
man „Venus in Africa“ sieht, weiß man, trotz einigermaßen witziger
Musiksprache, warum.
Dabei hat Giorgio Madia mit seiner verständlichen Affinität
für Tanz hier die diversen flotten Rhythmen adäquat umgesetzt, wenn die
Handlung plötzlich gewippt und getänzelt wird… Im übrigen aber fand er
keinerlei szenischen Witz für das, was er vorfand, und die Titelrollenträgerin
Nazanin Ezazi konnte auch nicht recht überzeugen. Zwar mögen Herren große Augen
bekommen, wenn sich ihre glutäugige Schönheit (sie ist Iranerin) aus einer
Menge von Stoffbahnen wickelt, aber ihr darstellerisches Repertoire beschränkt
sich darauf, die nackte Schulter aus dem Ärmel zu hängen und herausfordernd mit
dem Busen zu wippen, während das, was sie verführerisch machen sollte, nämlich
ihr Gesang, mitnichten so klingt…
Die anderen vier Darsteller haben schon den ersten Teil des
Abends bestritten: Diana Higbee ist gleich gut als entschlossen wartende
Ehefrau (auf Französisch) und nach Herzenslust zankendes Frauenzimmer (auf
Englisch), zumal die Amerikanerin mit der französischen Staatsbürgerschaft
immer Qualität und Schönheit der Stimme wahrt. Der argentinische Tenor Pablo
Cameselle hat nur als armer Matrose echte Möglichkeiten, die er auch nützt, im
zweiten Teil des Abends fällt er ebenso unter den Tisch der Beachtung wie der
Schwarze Mentu Nubia, der hier als Barkeeper wenigstens hüftwackeln darf, aber
als stimmmächtiger Schwiegervater im ersten Teil stärker wirkte. Schließlich
war Andreas Jankowitsch (der einzige Österreicher im Team) an beiden Teilen des
Abends voll da, vor allem als zankender Liebhaber im zweiten Teil, manchmal
sogar zu durchdringend mit seinem metallischen Bariton. Dirigent Daniel
Hoyem-Cavazza musste am Pult des hauseigenen Orchesters bei beiden Stücken nur
leichtfüßig durch die Tonalität streifen.
Die Zuschauer zeigten sich sehr angetan, aber wie viele
Leuten bezahlen schon ihre Premierenkarten? Das „echte“ Publikum muss den
Erfolg in den Folgevorstellungen sichern.
P.S.
Im Publikum gesichtet: Walter Kobera von der Neuen Oper
Wien, Hugh Rhys-James von der Opernwerkstatt - werden die "Kleinen"
zusammen gehen müssen, um den Großen gegenüber etwas Stärke zeigen zu können?
Renate Wagner
19., 21., 24., 26., 28., 31. Mai, 2., 4., 7., 9., 11. Juni
2011 Beginn: 19.30 Uhr
LE PAUVRE MATELOT
VENUS IN AFRICA
– 17.5.-
Unter dem Motto
„Unerhört Neu Gehört“ stellte die Kammeroper die Opern zweier Komponisten vor,
die hierzulande weniger bekannt sind und bewies mit diesem Abend, dass es auch
hierzulande ein aufgeschlossenes an unbekannten Werken interessiertes Publikum
gibt.
Trotz seiner Kürze von
nur 35 Minuten nennt Darius Milhaud (1892-1974) seine 1926 entstandene Oper „Le
pauvre matelot“ (Der arme Matrose) ein „complainte“ (Klagelied) in drei Akten. Sie
ist bereits sein fünftes Bühnenwerk. Vorangegangen waren „La Brebis égarée“,
die Trilogie „L’Orestie d’Eschyle“, „Les Malheurs d’Orphée“ und „Esther de
Carpentras“.
Das Libretto schuf Jean
Cocteau. Die Uraufführung der 1. Fassung fand am 16. Dezember 1927 an der
Opéra-Comique in Paris statt. Die Uraufführung der 2. Fassung mit
Kammerorchester, die der Aufführung der Wiener Kammeroper zu Grunde liegt, fand
dann am 15. November 1934 in Genf statt. Darius Milhaud hat diese Oper seinem
Freund, dem französischen Komponisten Henri Sauguet (1901–1989), gewidmet.
Zur Handlung: Der arme
Matrose kehrt als ein reicher nach 15 jähriger Absenz zu seiner nunmehr fast
40jährigen Frau, die ihm die Treue bewahrt hat, zurück. Er gibt sich jedoch, um
seine Gattin zu prüfen, gleich Odysseus gegenüber Penelope, nicht zu erkennen,
was ihm schließlich zum Verhängnis wird. Er prahlt mit seinem Reichtum und
erzählt, dass der Gatte gefangen gehalten und gegen ein Lösegeld freikommen
könne. Im Schlaf erschlägt die treue Gattin ihren unerkannt gebliebenen Gast Der
Vorhang fällt, ohne dass sie die Wahrheit erfährt und die Chance für eine
bühnenwirksame Wahnsinnsarie à la Donizetti erhält. Das Motiv der Ermordung
eines Menschen auf Grund eines Missverständnisses hat in der Opernliteratur
eine lange Tradition und ist immer ein Höhepunkt der Katharsis.
Mit dieser Moritat
setzte Milhaud auf eine äußerste Konzentration der Klangmittel und eine
stoffliche Minimalisierung. Seine an ausgeprägter Melodik reiche mediterrane Musik
geht auch deshalb so leicht ins Ohr, weil sie weitgehend auf die strengen
Techniken des Tonsatzes verzichtet. Durch die Einbindung von Polytonalität und
Polyrhythmik in seiner Harmonik wirkt seine Musik auch so überaus kraftvoll und
lebendig.
Der ehemalige Balletttänzer
Giorgio Madia hat seine stimmige, an
den Stummfilm angelehnte Regie präzise durch choreographiert. Ausstatterin Cordelia Matthes hat zwei Wände mit
jeweils einer Türe auf die Bühne gestellt, die wie ein Buch zusammen- und im
nächsten Augenblick wieder aufgeklappt und von den Protagonisten auch gedreht
werden können. Diese minimalistische Ausstattung schärft den Blick des
Betrachters für das brisante Bühnengeschehen, welches von den vier exzellenten
Sängerdarstellern vorgeführt. Die Frau Diana
Higbee im Spannungsfeld dreier Männer. Der Freund Andreas Jankowitsch, der
die Verlassene begehrt, der Schwiegervater Mentu
Nubia, der ihr eine Beziehug zum
Nachbarn einreden möchte, und schließlich der tragisch-komische Matrose Pablo Cameselle, der sein absurdes Spiel mit dem Tod büßt.
Der bizarre Einakter „Venus in Africa“ des US-amerikanischen
Komponisten und Pianisten George Antheil (1900-1959) entstand 1954 als letzte
seiner insgesamt sechs Opern.
Zur Handlung: Ein junges Liebespaar, Yvonne und
Charles, sitzt auf einer Caféterrasse in einem Hotel in Tunesien. Nach einem
heftigen Streit, verlässt Yvonne wutentbrannt Charles. Dieser bittet eine
Venusstatue, ihn die Liebe zu lehren. Yvonne ist wieder zurückgekehrt, da sich
das Geld, welches ihr Charles gab, als Falschgeld herausgestellt hat. Einem
Happy end steht nun nichts mehr im Wege und sogar das vermeintliche Falschgeld
verwandelt sich plötzlich in echtes.
Diese an sich
komische Handlung der Oper wurde jedoch vom Regisseur ziemlich
entstellt. Nichts erinnert entfernt an Tunesien als den Ort der Handlung der
Oper und diese Venus ist auch keine Statue à la Pygmalions schöner Galathée,
sondern eine Traumgestalt. Als solche bleibt sie, trotz ihrer choreographisch
raffiniert vorgeführten Entschleierung, für Charles unantastbar. Als Venus
konnte die Iranerin Nazanin Ezazi in
erster Linie durch ihre glutäugige laszive Schönheit überzeugen. Bei so viel
Sexappeal geriet die gesangliche Komponente eher in den Hintergrund.
Die übrigen Sängerdarsteller bestritten bereits den
ersten Teil des Abends. Andreas
Jankowitsch gefiel als zankender Liebhaber mit seinem kräftigen Bariton.
Ihm zur Seite wartete die US-Amerikanerin mit französischer Staatsbürgerschaft Diana Higbee mit einem gut geführten Sopran und resoluter
Rollengestaltung auf. Dem argentinischen Tenor Pablo Cameselle als Hausierer sowie dem US-amerikanischen schwarzen
Bass Mentu Nubia als Barkeeper kam in dieser Oper gesanglich und
darstellerisch eine nur untergeordnete Rolle zu.
Am Pult des Kammerensembles der Wiener Kammeroper
bewies dessen Leiter seit dem Jahr 2001, Daniel
Hoyem-Cavazza, wie wunderbar sich die musikalischen Elemente aus der Jazz-,
Varieté-, Zirkus- und Dance-Hall-Musik subtil in die reiche Melodik dieser
beiden Kleinodien der Opernliteratur einfügten. Ohne Zweifel hinterließ der
arme Matrose einen stärkeren Eindruck. Spannend war es aber auch, vier der
Sänger zunächst französisch und im zweiten Teil des Abends englisch singen zu
hören.
Dem Premierenpublikum gefielen diese beiden
Raritäten und so bleibt zu hoffen, dass die Subventionen für dieses so
ehrwürdige Theater nicht so bald versiegen werden.
Harald Lacina
The Io Passion
Kammeroper, 10.2.2010
Der
Wiener Kammeroper ist es hoch anzurechnen, dass sie immer wieder Raritäten auf
die Bühne bringt. Seit Kürzung der Subventionen sind es nun leider nur mehr
drei Produktionen, die dem Publikum vorgestellt werden, davon eine Barockoper
(aktuell arbeitet man an einem Haydn-Zyklus) und jede Saison ist auch ein
modernes Werk zu sehen.
Dieses
Mal handelt es sich um eine Oper des Briten Harrison Birtwistle, der eine interessante Vita hat. Vom Arbeiter
der Pharma-Industrie über Asbestvertreter kam er zum Beruf des
Klarinettenlehrers und schlussendlich mutierte er zum Komponisten. Birtwistle,
Jahrgang 1934, zählt heutzutage zu den
anerkanntesten englischen Komponisten und wurde sogar im Jahr 1988 in den
Adelsstand erhoben. Sein Bühnenwerk umfasst 12 Stücke, mit „The Io Passion“
wurde eine Kammeroper ausgewählt, die im Jahr 2004 bei den Bregenzer
Festspielen ihre österreichische Erstaufführung hatte und nun vom Team der
Kammeroper erstmals in Wien gezeigt wurde.
Vorweg
– es ist wirklich ratsam, sich die Begleitbroschüre zu besorgen und noch vor
der Vorstellung zu lesen, da man ansonsten größte Schwierigkeiten haben wird,
dem Gebotenen zu folgen. Da helfen auch die Übertitel nicht (warum man die
englischen Passagen sehr wohl auf deutsch übersetzte, allerdings die
griechischen Passagen des Librettos nicht, dafür aber in griechischer Schrift
projizierte, das bleibt ein Rätsel. Ich denke, dass man in heutigen Zeiten
davon ausgehen kann, dass die Masse der Besucher, die der griechischen Sprache
mächtig ist, verschwindend klein ist), zu verwirrend ist die Aufeinanderfolge
der so genannten sieben Strophen.
Ein
großes Lob ist an das Bassettklarinettenquintett auszusprechen. Es ist wahrlich
eine Kammeroper für diese kleine Besetzung, die allerdings die sehr schwierige
Partitur überzeugend darbringt und das Geschehnis auf der Bühne begleitet. Im
Prinzip trägt dieses Ensemble den Großteil des Werkes, da nicht viel gesungen
und gesprochen wird. Birtwistle, der ja selbst Klarinette lehrte, hat dieses
Instrument in den Mittelpunkt gestellt, es trägt den Großteil der melodischen
Linie, unterstützt vom Cello. Die Viola und die beiden Violinen selbst haben
kaum „Melodien“ zu spielen, sie sind eher für die Rhythmik zuständig. Daniel Hoyem-Cavazza, seines Zeichens
musikalischer Leiter der Kammeroper, koordinierte sein Ensemble hervorragend
und kassierte berechtigt einige „Bravi“ beim Schlussapplaus. Auch die Musiker
sollen hier genannt sein – Silvia
Iberer, Annette Mittendorfer (beide Violine), Rita Cuda (Viola), Christof
Unterberger (Violoncello) und besonders Bernhard Pfaffelmaier (Bassettklarinette).
Die
Geschichte erzählt – mehr oder weniger klar – von einem Mann und einer Frau,
die einen Nachmittag / eine Nacht gemeinsam in Lerna, einem antiken,
mysthischen Ort am Peloponnes verbracht haben. Was dort geschehen ist, bleibt
ungenannt, hat aber auf beide einen großen Einfluss – es dürfte etwas
aufgebrochen sein, mit dem beide, besonders aber der Mann, nicht klarkommen. Es
entwickelt sich ein Briefwechsel – und beide reflektieren auf Basis der
Io-Legende diverse Abarten der Beziehungen zwischen Mann und Frau.. Fünf
verschiedene Träume werden gezeigt, wobei die Protagonisten des Stückes, die
alle Doppelrollen spielen, diverse Arten der gegenseitigen Unterwerfung
praktizieren.
Es
gibt in diesem Stück zwei Sprechrollen und vier Gesangsrollen. Brigitte Pekarek (Woman 1 / Hera) wurde
unter anderem in London ausgebildet und besticht durch ein deutlich
gesprochenes „British English“, ihr Gegenpart in der männlichen Sprechrolle ist
Ben Maddox (Man 2 / Zeus). Eine
kleine Höhenunsicherheit zu Beginn zeigte Bariton Hans Gröning (Man 1 / Inachus), ansonsten war er ein überzeugender
Singschauspieler. Bassbariton Rupert
Bergmann sorgte als Man 3 / Hermes für einige witzige Augenblicke. Seine
Stimme ist schon fast zu groß für das Haus.
Barbara E. Schedel (Woman 3 /
Io) ist höhensicher und war auch ein überzeugendes Objekt der Begierde der
Zeus, während Jennifer Davison
(Woman 2 / Hera) die gesanglich überzeugendste Leistung bieten konnte – was
aber auch damit zu tun hatte, dass sie die „singbarsten“ Stellen des Werkes zu
bewältigen hatte. Allerdings hatte die amerikanische Sängerin auch seinerzeit
schon in den „Pescatrici“ überzeugen können.
Nicola Raab war für die Inszenierung verantwortlich. Wie
schon bei der Produktion von Owen Wingrave im gleichen Haus gelang ihr wieder
eine überzeugende Umsetzung des doch sehr sperrigen Werkes. Für Bühne/Kostüme
beziehungsweise Lichtdesign griff die Kammeroper mit Claudia Doderer und Christian
Weißkircher auf bewährte Kräfte zurück.
Das
Stück dauert ohne Pause um die 90 Minuten, fühlt sich aber länger an, was
dadurch bedingt sein kann, dass seitens der Musik relativ wenig Akzente gesetzt
werden und es seitens der Partitur kaum zu Fortschritten in der Handlung kommt.
Es ist ein Werk, das ohne wirklich dramatische Sequenzen auskommen will – und
bedingt durch die schon oben ausgeführte Tatsache, dass es sich quasi um ein
Streichquartett mit Bassettklarinette handelt, das ab und an durch Rezitieren
und Gesang unterbrochen wird, sind musikdramatische Ausbrüche an einer Hand
abzuzählen.
Trotz
allem ist es ein interessanter Abend für alle Opernfreunde, die einmal etwas
„ganz anderes“ sehen möchten. Ob sich „The Io Passion“ auch in Zukunft im
Spielplan halten wird, das sei einmal dahingestellt.
Kurt Vlach
L’isola disabitata
Premiere am 21.10,
besucht wurde die fünfte
Reprise am 2.11.
Im Vorjahr wurde Haydns Azione teatrale in zwei Teilen (sein
einziges Bühnenwerk dieser Gattung) noch in einer konzertanten Aufführung in
deutscher Sprache im Theater an der Wien gezeigt. Die Wiener Kammeroper brachte
nun die italienische Version dieser „wüsten“ oder besser übersetzt
„unbewohnten“ Insel in einer szenischen Realsierung durch Yona Kim. Musikalisch
wirken die Rezitative in dieser „Kammeroper“, die am 6. Dezember 1779 im
Marionettentheater von Schloss Eszterháza uraufgeführt wurde, viel farbiger,
weil sie „accompagnato“, also vom Orchester begleitet werden.
Das ursprüngliche
Libretto dieser Oper stammte von Pietro Metastasio und wurde schon vor Haydn
mehrfach vertont, unter anderem von Giuseppe Bonno (1711-88), Ignaz Holzbauer
(getauft 1711-83) und Niccolò Jommelli (1714-74). Haydn verwendete aber eine
Bearbeitung dieses Librettos durch Luigi Bologna.
Bühnenbildernerin
Evi Wiedemann stellte ein rosafarbiges Teenagerzimmer auf die Bühne,
dessen Ausstattung in Zusammenwirken mit den Kostümen von Linda Redlin im
Popart-Look gehalten ist. Das „wüste“ an
dieser insel, ist die Langeweile, die die beiden Schwestern in ihren Handlungen
lähmt. Die eine, Constanze, trauert um den vermeintlich ungetreuen Geliebten,
und flößt ihrer Schwester Silvia eine regelrechte Abscheu vor Männern ein. Da
taucht Gernando auf, der entführt worden war, gemeinsam mit seinem resoluten
Fraund Enrico und zu Guter Letzt gibt es zwei glückliche Paare. Yona Kim hat diese Story recht witzig verpackt und den vier jungen
Künstlern machte es sichtlichen Spaß, ihre Rollen bühnenwirksam mit Leben zu
erfüllen. Silvia und Enrico haben freilich die temeperamentvolleren Arien zu
singen, als die schwermütigen und von Verzweiflung getragenen von Constanze und
Gernando. Nach dem Schlussquartett heben sich die rosafarbenen Wände, drei der
Sänger entschwinden, nur Silvia verharrt nachdenklich auf die Bühne…
Die Griechin Eleni Voudouraki als Constanze und die Belgierin Chiara Skerath als ihre
Schwester Silvia verfügen beide über einen exzellenten Sopran mit guter
Linienführung und eine geradezu leidenschaftliche Rollengestaltung.Auch der
lyrische Tenor des mit seiner Lockenpracht ein wenig an den jungen Franz Liszt
erinnernden slowakischen Tenors Juraj Hollý
in der Rolle von Gernando klang geschmeidig und weich. Sebastian Huppmann hatte
es da mit seinem rauen Bariton als Enrico, den die Regie offenbar als einen
unsympathischen Zyniker aufgefasst wissen wollte, viel schwerer. Vielleicht
wäre es besser gewesen, diese Rolle von der komischen Seite her aufzurollen.
Daniel Hoyem-Cavazza leitete das Orchester der Wiener
Kammeroper sehr umsichtig und der Abend endete nach knapp 90 Minuten mit einem
gut gelaunten, applausfreudigen Publikum.
Harald Lacina
Il
Nascimento dell’ Aurora
Wiener
Kammeroper am 6.5.2010
Es
ist den Betreibern der Kammeroper nicht genug anzurechnen, dass diese immer
wieder Werke zur Aufführung bringen, die abseits des Mainstream sind. Als
diesjährige Barockoper wählte man ein Werk des hierzulande eher unbekannten
venezianischen Komponisten Tomaso
Albinoni aus, der ein nicht unbeträchtliches Oeuvre von 80 Opern
hinterlassen hat.
Das
aufgeführte Werk ist eine so genannte „Festa pastorale“. Hier werden
vordergründig die Schönheiten der Göttin des Sonnenaufgangs, der Aurora,
besungen – wer also irgendeine Art von fortlaufender Handlung erwartet, der
wird enttäuscht sein. Im Prinzip kann man jederzeit in das Stück einsteigen und
hat nichts versäumt – das ist aber dem Genre zueigen und soll in keinster Weise
abfällig klingen. Trotzdem hatte dieses Stück auch einen politischen
Hintergrund, der zu Beginn und zu Ende des Abends auch erklärt wird. Es war ein
Geschenk der mit den Habsburgern verbündeten Venezianer an die Königin
Elisabeth. Die Oper wurde in der Zeit des spanischen Erbfolgekriegs geschrieben
und war im Prinzip nichts anderes als die Aufforderung, doch endlich einen
männlichen Thronfolger zu gebären… Daraus wurde nichts, der ersehnte Spross war
weiblich und hörte dann auf den Namen „Maria Theresia“…
Es
war eine nette Idee der Regisseurin Kristine
Tornquist, die im Stück als „Elisa“ der Aurora gleichgestellte Königin auch
einzubeziehen. Diese stumme Rolle verkörperte die bezaubernde Eveline Illés. Sie hatte ihre eigene Loge auf der Bühnenseite und
wurde von den Sängern auch immer wieder ins Geschehen einbezogen.
Man
muss Frau Tornquist überhaupt ein Kompliment machen. Sie hat aus dieser
Nichthandlung sicherlich das Optimale rausgeholt und gleichzeitig darauf
verzichtet, eine Art Handlung über das Stück rüberzustülpen. Sie nahm Bezug auf
die barocke Aufführungspraxis und gestattete den Sängern nur teilweise übertriebene Posen, was aber
dem Konzept entsprach und in Ordnung ist. Allerdings verstand sie es, immer
wieder kleine „Gags“ einzubauen, die die – wie schon oben erwähnt – doch eher
mäßig spannende Handlung auflockerten.
Man
hätte sich gewünscht, dass das Bühnenbild sich nicht so kahl präsentiert hätte
(verantwortlich dafür Duncan Hayler).
Dass es anders geht, sah man nach der Verwandlung der Daphne (die
Rahmenhandlung war eine Version der klassischen Apollo-Daphne-Geschichte). Da
war das Bühnenbild fast schon opulent und passte sehr gut zu den – mit Ausnahme
der Daphne – üppigen und mit viel Charme versehenen Kostümen (Markus Kuscher).
Rene Clemenic und sein Clemencic Consort sorgten dafür, dass
die oft sehr ähnlichen Melodien niemals eintönig wurden. Aus der guten
Sängerriege stachen vor allem Krisztina
Jónás als Dafne und die beiden Countertenöre Armin Gramer (Apollo) und Gerhard
Hafner (Zeffiro) hervor. Hafner beeindruckte durch tadellose Koloraturen,
die er teilweise ein wenig undifferenziert darbrachte. Gramer auf der anderen
Seite bestach mehr in den lyrischeren Passagen. Ebenfalls zufrieden stellend
war die Flora der Solmaaz Adeli.
Nicht ganz so überzeugend wie seine Kollegen war Wilhelm Spuller als Peneo. Insgesamt aber eine durchaus gute,
überzeugende Ensembleleistung der jungen Sängerriege.
Das
Premierenpublikum zeigte sich sehr angetan und ich kann mich der Begeisterung sehr
anschließend. Zusammenfassend ist es eine interessante, etwas „andere“
Produktion, die besonders vor der Pause einige Längen hat (was allerdings durch
das Stück bedingt ist). Eine schöne Inszenierung, die dem Geist des Barock
entspricht und hoffentlich gut besucht wird – sie hätte das auf jeden Fall
verdient.
Kurt Vlach
DIE GESPENSTERSONATE
Wiener Kammeroper, 18.2.2010
Es ist dem Team
der Kammeroper nicht hoch genug anzurechnen, dass es immer wieder unbekannte
und teilweise auch sperrige Werke auf den Spielplan setzt – wie in der vorigen
Saison Britten’s Owen Wingrave.
Dieses Jahr ist
die „Gespenstersonate“ von Aribert Reimann, nach dem Text von August
Strindberg, dran. Ob es reiner Zufall war, dass diese Produktion knapp 2 Wochen
vor der Uraufführung von Reimanns „Medea“ stattfindet und daher die Wiener
Opernszene schon einmal für die Musik dieses Komponisten sensibilisiert ist?
Wie auch immer, der Erfolg gibt den Protagonisten recht. Wer hätte gedacht,
dass auch die dritte Vorstellung der Serie fast ausverkauft sein würde? Das
Risiko hat sich auf jeden Fall gelohnt,
weil es packende und spannende 90 Minuten sind, die in der Inszenierung von Peter
Pawlik dem Publikum vorgesetzt werden.
Eben jenes
Publikum ist allerdings gefordert – man muss sich auf die Klangwelten des
Aribert Reimann einlassen – und durch die Tatsache, dass es sich bei dieser
Gespenstersonate um eine echte Kammeroper handelt (nur 12 Instrumentalisten),
wird man bei aufmerksamen Zuhören reichlich belohnt. Naturgemäß erwartet man
keine ins Ohr gehende Melodien, allerdings bildet der instrumentale Teil eine
perfekte Unterlage für das Libretto. Stimmungen werden perfekt untermalt/gemalt.
Dass Reimann von
den Sängern immer sehr viel verlangt, das ist ja schon bekannt. Den gesanglich
schwierigsten Part hatte Alexander Mayr
zu bewältigen, der den jungen Arkenholz darstellte. Eine teilweise sehr hohe
Tessitura verlangte ihm alles ab – und er schlug sich beachtlich. Das Zentrum
der Oper bildete „der Alte“, Direktor Hummel. Hans Gröning beeindruckte – wie eigentlich alle Sänger – mit
enormer Wortdeutlichkeit und strahlte auch die unerbittliche Strenge aus, die
die Figur mit sich bringt. Alles in allem die sicherlich beste Leistung des
Abends.
Brian Galliford, der auch schon in Owen Wingrave zu gefallen wusste,
gab den Oberst, der – wie doch fast alle Figuren des Stückes – so manch dunkles
Geheimnis zu verbergen hatte. Das Publikum zum Schmunzeln brachte die Mumie /
der Papagei („Kurre, Kurre“), hervorragend dargestellt und gesungen von Karin Goltz. Ted Schimitz und Andreas
Jankowitsch überzeugten als Diener, Annette
Schönmüller zeichnete beängstigend wirklichkeitsnah den Wahnsinn der
dunklen Dame nach und Cornelia Horak
spielte und sang überzeugend den Part des Fräuleins Adele. Wie einem Albtraum
entsprungen war auch die Szene mit der Köchin, die Elisabeth Wolfbauer tadellos sang.
Komplettiert wurde
die Inszenierung von einigen stummen Rollen wie die des Milchmädchens (Fiona Hammerl), der Portiersfrau (Renate Schawitz), des toten Konsuls (Gerhard Dominek) und die des Baron
Skanskorg (Ottwald John) und des
Fräulein Holsteinkrona (Susanne Cycha).
Zusammengehalten
wurde alles durch Daniel Hoyem-Cavazza,
der es schaffte, die Klangwelt Reimanns analytisch zu präsentieren und
Orchester und Sänger zu Höchstleistungen anzuspornen.
Die Produktion
erachte ich für eine der besten, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Peter Pawlik hat in Zusammen arbeit mit
Cordelia Matthes (Ausstattung) und Christian Weißkircher (Lichtdesign) die düstere Atmosphäre des
Strindberg-Stückes perfekt eingefangen, ein einfaches, aber effektvolles
Bühnenbild entworfen und auch die Personenführung entsprach dem Text. Man muss
nicht immer mit aller Gewalt Verfremdungen einbauen, damit man das Publikum
darauf hinweist, dass das Bühnengeschehen nicht unbedingt auf eine
Geschichtsperiode begrenzt ist. Insofern muss man dem Leading Team wirklich
dankbar sein, dass es auf billige Gimmicks verzichtet hat.
Bis Ende Februar
wird die Produktion noch drei Mal zur Aufführung gebracht – wer zeitgenössische
Oper sehen möchte – und sei es auch „nur“ darum, den eigenen Horizont zu
erweitern und nach 50 Wallmann-Toscas etwas ganz anderes zu erleben – dem sei
ein Besuch dieser Produktion ans Herz gelegt!
Kurt Vlach
Michael
Schade und Thomas Quasthoff
im Wiener Musikverein
8. Februar
2010
Das
"Wir" ist wichtig, wenn Michael Schade spricht. Egal ob
Lehrer, Kollegen oder Freunde, sein "Ich" sieht der Deutsch-Kanadier
immer als Teil des Ganzen. So war es auch nicht verwunderlich, dass beim ersten
Konzert des Michael Schade-Zyklus im Wiener Musikverein Thomas Quasthoff
sein Partner war. Ein Abend zu Ehren des 50. Geburtstages seines Freundes
sollte es werden. Doch leider erkrankte Schade zum ursprünglichen
Dezember-Termin, am 8. Februar wurde nun dieses Konzert im Großen
Musikvereinssaal nachgeholt.
Meine
Befürchtungen, dass ein intimes Liederprogramm nicht in so einen großen Saal
passen würden, konnten von den beiden Sängern sofort widerlegt werden. Mit drei
Duetten von Felix Mendelssohn Bartholdy (darunter auch das wunderbare "Ich
wollt, meine Lieb' ergösse sich") sorgten sie sofort für Stille im
Publikum, der auch der eine oder andere Huster (übrigens von Quasthoff
sarkastisch kommentiert) nichts anhaben konnte. Michael Schade ließ dann seinen
lyrischen Mozart-Tenor in vier Stücken des Salzburger Genies zur Geltung
kommen. Begleitet vom stets aufmerksamen Pianisten Justus Zeyen trug er
die Mozart'schen Lieder in dezentem piano vor und charakterisierte mit subtilem
Minenspiel den Text. Wesentlich handfester ging dann Thomas Quasthoff bei vier
Stücken des Wiener Liederfürsten Franz Schubert ans Werk, ehe fünf Duette von
Robert Schumann den ersten Teil beschlossen. Darunter befand sich auch
"Wenn ich ein Vöglein wär", angeblich das Lieblingslied von
Quasthoffs im Saal anwesender Gattin.
Nach der
Pause ging es mit zwei Duetten aus "Cosi fan tutte" weiter, wobei
natürlich die Klavierbegleitung kein vollwertiger Ersatz für das Orchester war.
Welche lyrische Kraft in Schumanns Liedern steckt, bewies Schade in "Mein
schöner Stern", "Dein Angesicht", "Waldesgespräch" und
"Mondnacht". Der nächste Part war wieder dem voluminösen Bariton von
Quasthoff vorbehalten, der vier Lieder von Johannes Brahms sang. Mit
"Unüberwindlich" ging der klassische Teil des Abends zu Ende,
unvergessene Augenblicke grandioser Lied-Gestaltung!
Es folgte
dann noch ein "Wiener-Lieder -Medley" unter dem Titel "Wien, du
Stadt meiner Träume", das der Kanadier John Greer zusammengestellt hatte.
Er benannte es "Fantasiestücke für Tenor und Bariton. For Michael, Thomas & Justus -
Prosit!" Und so
amüsant wie dieser Titel war es auch den beiden um wienerisches Idiom bemühten
Deutschen zuzuhören: "Wien, Wien, nur du allein", das
"Fiakerlied", der Robert Stolz-Hit "Im Prater blühn wieder die
Bäume" und das "Hobellied"! Kein leichtes Unterfangen für die
Gäste, aber als gebürtiger Wiener kann ich bestätigen: Guat is gangn, nix is
gschehn! Berechtigter, aber doch schaumgebremster Applaus des konservativen
Publikums, das offenbar derlei Anbiederung nicht goutierte.
Ernst
Kopica
THE DREAM OF GERONTIUS
RARITÄT ERSTEN RANGES
7. Dezember
2009
Eine Entdeckungsreise zur Musik seiner
Heimat England bot Sir Simon Rattle bei seinem Wien-Gastspiel im
Dezember 2009. Gemeinsam mit den Wiener Philharmonikern und dem Wiener
Singverein brachte er das nicht sonderlich bekannte Oratorium The Dream of
Gerontius von Edward Elgar zur Aufführung. Die Soloparts sangen der
Tenor Toby Spence (als kurzfristiger Einspringer für den erkrankten
Michael Schade), die Mezzosopranistin Magdalena Kozena und der Bariton Thomas
Quasthoff.
Dem 1857 in Worcester geborenen Elgar
gelang erst im Alter von 40 Jahren der große Durchbruch als Komponist. Im Jahr
1900 enstand dann The Dream of Gerontius, wobei Elgar eine zweiteilige
Form wählte. Im ersten Teil erlebt man die letzten Stunden des Gerontius mit
allen Gefühlen des Sterbenden und seine Angst vor dem Tod. Er gipfelt im Kyrie
und in einem sphärischen Priesterchor, der dem Dahinscheidenden beisteht. Der
zweite Abschnitt beginnt mit dem Bericht der Seele des Gerontius, was er seit
der Todesstunde erlebt hat. Dann kämpfen die Seelen der Verstorbenen, denen
sich aber die Engel entgegenstellen. Am Ende verkündet der Engel tröstend:
"Dann komme ich wieder, und wecke dich am Morgen!"
Das Oratorium ist ein meditatives Werk
mit geringer dramatischer Handlung und kann seine musikalische Nähe zu Richard
Wagner nicht verleugnen. Einzigartig verweben sich die Rezitative und Arien der
Solostimmen übergangslos mit dem Chor- und Orchesterklang. Zu entdecken galt es
auch den jungen Briten Toby Spence, der mit lyrischer Färbung den
Titelhelden gestaltete und auch die Kraft besaß, bis zum Schluss die feine
Spannung aufrecht zu erhalten. Thomas Quasthoff setzte seinen warmen
Bariton ideal ein und harmonierte beispielhaft mit den Klängen der
Philharmoniker. Und auch Rattles Ehefrau Magdalena Kozena, deren feines
Vibrato anfangs gewöhnungsbedürftig war, steigerte sich besonders bei den
piano-Passagen und in den sphärischen Klängen des Finales.
Diese waren natürlich ein Fressen für die
Streicherabteilung der Philharmoniker. Aber auch die expressiven Stellen
gelangen vorzüglich, und es ist schon bemerkenswert, dass das Wiener
Vorzeigeorchester an diesem Tag nicht nur im Musikverein engagiert war, sondern
zeitgleich mit der "zweiten" Garnitur in der Staatsoper die Premiere
von Macbeth spielte. Über Simon Rattle braucht man in diesem
Zusammenhang auch nicht viele Worte verlieren. Uneitel, dem Werk Elgars
verpflichtet, verzichtete er auf unnötige Effekthascherei und ließ nur den Text
und die Noten seines Landsmannes sprechen. Uneingeschränkter Jubel im Saal!
Ernst Kopica
STIMMEN - im Wiener Konzerthaus
27. Oktober
2009
Es bedarf
nicht immmer marktschreierischer Ankündigungen und eines Allerweltsprogrammes
mit Eventcharakter um Sänger-Superstars entsprechend in Szene zu setzen. Es geht
auch mit Schumann-Liedern, sogar mit den eher spröden Liederzyklen
"Spanisches Liederspiel" (op. 74), "Minnespiel" (op. 101)
und "Spanische Liebeslieder" (op. 138). Der Beweis gelang Dorothea
Röschmann, Angelika Kirchschlager, Ian Bostridge und Thomas
Quasthoff unter kongenialer Begleitung der Pianisten Julius Drake
und Helmut Deutsch beim ersten Konzert der Reihe "Stimmen" im Wiener
Konzerthaus.
Der für
intime Liederabende nicht gerade prädestinierte Große Saal musste es allerdings
schon sein, denn das Publimusinteresse war gewaltig. Im Foyer hörte ich dazu
den treffenden Kommentar eines Besuchers: "Heute gibt es die
Meistersinger!" Und wie recht der Herr hatte, auch wenn nicht Richard
Wagner angesagt war. Die vier "Meistersinger" bestachen durch ihre charakteristischen
Stimmen: Dorothea Röschmann mit scheinbar endlosen hohen Legato-Phrasen,
Angelika Kirchschlager mit Witz und erotischer Klangfärbung, Ian Bostridge mit
müheloser Höhe und Thomas Quasthoff mit seinem angenehmen Timbre, das oft die
ideale Basis in den mehrstimmigen Liedern bildete.
Die drei
Lied-Zyklen aus dem Jahr 1849 beinhalten Solostücke, Duette und Quartette, für
die Schumann Gedichte von Emanuel Geibel und Friedrich Rückert als Grundlage
heranzog und zum Teil umschrieb. Obwohl der deutsche Liederfürst nie in Spanien
war, gelang es ihm das landestypische Temperament durch den Auswahl
entsprechender Rhythmen (vor allem des Bolero) auszudrücken. Die vier Sänger
gewannen besondere Freude daran, das Konzert als halb-szenische Darbietung anzulegen.
Mit kleinen Gesten und oft nur mit einem koketten Augenaufschlag unterstützten
sie die Aussage des Wortes. Und in musikalischer Hinsicht gab es sowieso keinen
Makel. Wobei mich besonders die Stimme Dorothea Röschmanns gefangen nahm.
Glasklar und tremolofrei erzählte sie die Geschichten der erfüllten und
enttäuschten Liebe, während Angelika Kirchschlager schon allein aufgrund ihres
Heimvorteils beim Publikum von Beginn an gewonnenes Spiel hatte. Ian Bostridge
und Thomas Quasthoff hatten ihre stärksten Momente im Duett "Blaue Augen
hat das Mädchen" und die beiden Begleiter Julius Drake und Helmut Deutsch
begeisterten in den Spanischen Liedesliedern besonders durch ihre vierhändige
Begleitung. Ungeteilter Jubel, fünf Zugaben sprechen für sich!
Ernst Kopica
Wiener Kammeroper
L'ile de Tulipatan & Ba-ta-clan
6. Oktober 2009
Zwei unbekannte Werke von Jaques Offenbach
präsentierte die Wiener Kammeroper zur Eröffnung ihrer Spielzeit 2009/2010: Zum
einen die Opera-bouffe L'ile de Tulipatan (1867 komponiert) und zum
anderen die Chinoiserie musicale Ba-ta-clan (1855). Im Mittelpunkt der
beiden Einakter stehen dabei die Fragen der menschlichen Identitäten,
eingebettet in absurdes Theater und witzige Dialoge. Vor der Pause gab es ein
köstliches Verwirrspiel über das Liebespaar Alexis und Hermosa auf der fiktiven
Insel Tulipatan, in Anlehnung zum Rosenkavalier fällt einem dazu ein: „Eine
Farce, und weiter nichts!“ Ba-ta-clan entwickelte sich dann zur beissenden
politischen Satire. Oben und unten, vorne und hinten, links und rechts, alles
steht Kopf, so auch das Bühnenbild von Duncan Hayler, welches den
Zuschauerraum der Kammeroper, um 180 Grad gedreht, darstellt.
Die Inszenierung Waut
Koekens verzauberte den Besucher von der ersten Sekunde an. Die
Meisterwerke von Jerome Savary oder auch die köstlichen Monty Python-Filme
ließen grüßen, die Übertitel (gesungen wurde im französischen Original) waren
geschickt in die Handlung eingebunden, Wortwitz und Gags am laufenden Band
forderten die Beobachtungsgabe und den Intellekt der Zuschauer.
Unter der musikalischen Leitung von Daniel
Hoyem-Cavazza ertönten dazu die wie immer zündenden Melodien Offenbachs,
gespickt mit musikalischen Zitaten und Parodien. Besonders köstlich die
Persiflage auf die dramatischen Duelle in italienischen Opern, da blieb kein
Auge trocken. Als Erzähler erfreute Benjamin Prins mit zündender Ironie
und glasklarer französischer Diktion. Ihm konnte man auch bei mangelnder
Sprachkenntnis begeistert folgen. Von den Solisten, die in den beiden Stücken
allein durch ihre ständigen Umkleideszenen körperlich gefordert waren, ragten
die bulgarische Sopranistin Milena Gurova und der niederländische Tenor Jeroen
de Vaal durch ihre Spielfreude heraus, aber auch Andreas Jankowitsch,
Dan Chamandy und Lisa-Maria Jank zeigten Einsatz total und
überzeugten auch stimmlich.
Leider bleibt auch die Wiener Kammeroper von den
finanziellen Schwierigkeiten nicht verschont und die von mir besuchte 1.
Reprise war bei weitem nicht ausverkauft (die Serie läuft bis 7. November),
allerdings stimmte der Schluss des Abends versöhnlich, als es vor dem finalen
Cancan in Anlehnung an die positive Botschaft Barack Obamas hieß: „Yes, we
can-can!“
Ernst Kopica
Sommertournee des Gustav Mahler Jugendorchesters (GMJO) im
Wiener Musikverein
Wenn Spielfreude, Engagement und Enthusiasmus gepaart werden
mit Können, Routine und hochkarätigem Wissen sind Sternstunden im Konzertsaal
eine fast logische Folge: So geschehen am 19. September beim Konzert des Gustav
Mahler Jugendorchesters unter Franz Welser-Möst in Wien! Dreimal spielte die
1986 von Claudio Abbado gegründete Talenteschmiede europäischer
Orchestermusiker ein Programm vom Feinsten: In der Linzer Grobblechhalle der „voestalpine
AG“ (die Stahlfirma ist ein Hauptsponsor des Orchesters), im Großen
Musikvereinssaal von Wien und im Mailänder Teatro alla Scala.
Vor laufenden Kameras ging es in Wien bereits mit Jean Sibelius’
Freiheitshymne Finlandia so richtig zur Sache. Der satte Klang der auch
zahlenmäßig sehr präsenten Streicherabteilung legte den Teppich zu einer
fesselnden Interpretation dieses Dauerbrenners der Spätromantik. Dann reihte
sich Lisa Batiashvili in die Reihe jener hochkarätigen Solistinnen, die mit dem
GMJO auf dem Podium standen. Ihre Interpretation des Konzertes für Violine und
Orchester Nr. 1 in D-Dur von Sergej Prokofjew ließ vergessen, welche technische
Schwierigkeit dieses Werk – besonders im zweiten Satz – aufweist. Die in
München lebende Georgierin fand besonders in der Mittellage den Tonfall des
revolutionären Russlands der Entstehungszeit von 1915. Welser–Möst und das GMJO
korrespondierten exakt mit der Star-Violinistin.
Als Höhepunkt hörte das Wiener Publikum (der
Musikvereinssaal war trotz des Schildes „Ausverkauft“ nicht zur Gänze gefüllt!)
dann das ganze Spektrum der Schaffenskraft von Peter Iljitsch Tschaikowskij.
Seine Symphonie Nr. 5 in e-Moll bietet ja ein reiches Spektrum dafür. Wie sich
das Schicksalsmotiv durch die vier Sätze veränderte und schließlich durch den
triumphalen Siegesmarsch des Finales verdrängt wurde, war hörens- und auch
sehenswert. Denn der deutlich zu sehende Einsatz und die Begeisterung der
jungen Musiker ließ den berühmten Funken auch auf das Publikum überspringen.
Riesiger Schlussapplaus, sowohl für Franz Welser–Möst, auf dessen
Staatsopernzeit sich das Publikum bereits heute freuen darf, und natürlich auch
für die Hundertschaft des Orchesters, bei denen auch die Bläsergruppe ohne viel
Nervenflattern auch die heikelsten Stellen meisterte.
Ernst Kopica
Roßauer Kaserne Wien
MARIA DI ROHAN
– 13.7.
Die opernwerkstatt wien feiert heuer ein kleines Jubiläum, denn
bereits zum fünften Mal belebt sie die musikalische Tristesse des Sommers mit
einer musikalischen Rarität. Dieses Mal fiel die Wahl auf die 1843 am
Kärntnertortheater in Wien uraufgeführte und seit dieser Zeit äußerst selten
gespielte vorletzte Oper Donizettis. Wiederbelebungsversuche dieser dem Inhalt
nach Verdis Maskenball nicht unähnlichen Oper fanden nach dem zweiten Weltkrieg
übrigens 1957 in Bergamo, 1967 in Neapel, 1988 in Martina Franca, 2000 in
Aachen und 2005 schließlich in Wexford statt. Das Libretto verfasste Salvatore Cammarano (1801-1852), basierend auf dem französischen Theaterstück
„Un duel sous le Cardinal de Richelieu“ von Joseph-Philippe Simon (1803–1891) und Edmond Badon (1808-1849)
aus dem Jahr 1832.
Die Leistungen der drei Protagonisten waren durchwegs
zufriedenstellend. Ingrid Kaiserfeld bewältigte als Maria,
Contessa di Rohan, mühelos alle Koloraturen mit ihrem eher dramatischen Sopran.
Darstellerisch blieb sie der Rolle jedoch einiges schuldig und so blieb ihr
Konflikt zwischen ihrem Geliebten Riccardo und ihrem Gatten Enrico nicht mehr
als eine inhaltsleere Hülle. Lediglich ihre Wahnsinnsarie am Ende gestaltete
sie einigermaßen spannend, durfte sie doch schließlich entseelt zu Boden
sinken. Als ihr Gatte Enrico überzeugte der rein optisch gegenüber seinem
Widersacher eleganter aussehende Spanier Javier
Franco, Finalist des Belvedere
Gesangswettbewerbes 2001. Sein kräftiger Bariton hatte ein angenehmes Timbre,
mit dem er auch die Spitzentöne exzellent sang. Der türkische Tenor Tayan Memioglu, seit der Saison 2006/7 festes Ensemblemitglied der Grazer
Oper, hatte zu Beginn hörbare Anlaufschwierigkeiten mit den Spitzentönen. Erst
im zweiten Akt entfaltete sich seine schlanke bewegliche Stimme und er bewies
nunmehr eine gute Phrasierung und Diktion. Leider haftete ihm ebenso wie der
Titelheldin eine gewisse Einförmigkeit des Singens an. Er gestaltete seine
Arien viel zu wenig und lieferte eigentlich nur schöne Töne ab. Keine Spur von
ungezügelter Leidenschaft oder wehmütigem Schmachten! Stefan Tanzer,
Chormitglied der Volksoper Wien, sang die kleinere Rolle des Visconte di Suze
mit erdigem Bass besonders textverständlich, ebenso Martin Zoglmann den De
Fiesque. Gesanglich eher unauffällig hörte sich der US-amerikanische Tenor Seth Hobson in der Doppelrolle als
junger Adeliger Armando di Gondi, der Maria ob ihres anrüchigen Lebenswandels
verspottet, und als Sekretär Aubry an. Tiziano
Duca leitete wiederum das Orchester der opernwerkstatt wien. Nach
anfänglichen Misstönen bei den Holzbläsern gelang ihm doch ein in musikalischer
Hinsicht zufriedenstellender Abend. Auch der von Marian Vach geleitete Chor sang mit Emphase.
Eine Inszenierung im
eigentlichen Sinn gab es nicht. Die Sänger traten auf, lieferten ihren
Gesangstext ab und verschwanden wieder. Interaktion fehlte leider völlig.
Regisseur Wolfgang Schilly dürfte sich auf Grund der
begrenzten Möglichkeiten der Bühne (Gestaltung: Manfred Kronbichler und Konstantin Talbi) mehr auf das
Arrangieren der Auf- und Abtritte konzentriert haben und dramaturgische
Spannung in erster Linie den von Hans
Otto Richter entworfenen Projektionen anvertraut haben, die allerdings auch
nicht besonders sinnvoll waren. Etwa ein Blutfleck, eine Bibliothek, die
sterbende Mutter Riccardos oder eine Guillotine. Vielmehr bot die spröde
Handlung, die sich im Wesentlichen auf das Überreichen von Briefen und dem
Austausch von Botschaften beschränkt, auch nicht. Rebecca Bilger kleidete die Mitwirkenden mit sparsamsten Mitteln
unauffällig ein. Nur die Titelheldin darf zunächst in tiefschwarzer Robe
auftreten, um am Ende in flammendem Rot ihr Leben auszuhauchen.
Das
Premierenpublikum und ebenso der Rezensent waren jedoch hoch erfreut, der
Aufführung einer verhältnismäßig unbekannten Donizettioper beigewohnt zu haben.
Harald Lacina
LE PESCATRICI
am 5.3.2009
Die
vom legendären Hans Gabor gegründete Kammeroper brachte zum Haydn-Jahr eine
Rarität raus, die im Jahre 1770 im Schloss Eszterháza uraufgeführten
„Fischerinnen“. Nun ging seinerzeit bei einem Brand ein Viertel der Partitur
verloren, allerdings war das Libretto erhalten und im Jahre 1965 wurde eine von
H.C. Robbins Landon und Karl Heinz Füssl ergänzte Rekonstruktion aufgeführt.
Diese Fassung ist auch die, die in der Kammeroper gespielt wird.
Das
Originallibretto ist rasch erzählt – es handelt sich da, salopp ausgedrückt, um
eine Mischung von Cenerentola und Cosi Fan Tutte. Ein Prinz kommt auf eine
Insel, auf der sich die Tochter eines ermordeten Fürsten aufhalten soll. Diese
wurde seinerzeit ausgesetzt und von einem Fischer groß gezogen. Der Prinz
verspricht demjenigen, der ihm hilft die Prinzessin zu finden eine Belohnung.
Zwei Freundinnen, die mit ihrem Los als Fischerinnen unzufrieden sind, fühlen
sich auch als Adelige berufen, sodass der Prinz mit Hilfe einer Prüfung
herausfinden muss, wer von den Mädels tatsächlich die Gesuchte ist. Soweit zum
Cenerentola-Plot. Die Freunde der beiden „echten“ Fischerinnen stellen dann
verkleidet die Treue ihrer Gefährtinnen auf die Probe, was natürlich in bester
Cosi-Manier schief geht. Der alte Fischer kann dann aber doch noch bewirken,
dass sich alle Liebespaare zum Schluss finden (der Prinz heiratet natürlich
auch die wiedergefundene Prinzessin) und alles geht gut aus.
Die
Bühnenhandlung ist dem Libretto angelehnt, doch hat sich Regisseur Peter Pawlik einige Freiheiten genommen
und das stellt sich dann wie folgt dar –
Während
der Overtüre gibt es quasi als Einführung in die Handlung ein Video, das auf
die aktuelle Wirtschaftskrise und Inflation Bezug nimmt und zum Ort der Handlung,
einer Fischverarbeitungsfabrik, führt. Es dürfte dort Hungersnot herrschen und
die beiden Fischerpaare versuchen auf ihre Art und Weise, der Notlage zu
entfliehen. Ein Jüngling wird von seiner Freundin gezwungen, mit einem Schild,
auf dem steht, dass er nur für Nahrung zum Arbeiten gewillt ist, sich eine
Beschäftigung zu suchen. Der andere Mann ist weniger zart besaitet und verlangt
von seiner Freundin, sich als Domina zu prostituieren. Als sich diese zuerst
weigert, fügt er ihr an der Hand Verbrennungen zu… Die wahre Prinzessin, obwohl
auch in diesem Betrieb tätig, wird als ziemliche Neurotikerin dargestellt, die
große Berührungsängste a la Monk hat und ihren Ziehvater ziemlich herablassend
behandelt.
Dann
Auftritt des Prinzen Lindoro, der in dieser Produktion ein Mitgiftjäger zu sein
scheint. Während im Originaltext die Prüfung darin besteht, dass er Gold,
Geschmeide und den blutverschmierten Dolch, mit dem dereinst der Vater der
Prinzessin ermordet wurde, den drei Frauen zur Auswahl gibt (und naturgemäß die
wirkliche Prinzessin sofort im wahrsten Sinne des Wortes die Stimme des Blutes
erkennt und zum Dolch greift) gibt es auf der Bühne sehr wohl den Dolch,
allerdings anstatt von Schmuck nur Bananen.. Nun, wie schon oben beschrieben
scheint ja Hungersnot zu herrschen und so werden von den „einfachen“
Fischerinnen einmal Grundbedürfnisse gestillt, was sie aus dem Rennen wirft.
Zum Abschluss der Oper wird dann die Prinzessin von einem Handlanger des
Prinzen umgebracht und er vergnügt sich – nun wohlhabend geworden – mit den
beiden anderen Mädels während deren Freunde auch weiterhin darben müssen – nun
auch unbeweibt.
Dass
es trotz dieser Auslegung der Geschichte ein niemals wirklich verstörender
Abend wurde, liegt an vielen kleinen witzigen Details, die sehr gut
herausgearbeitet worden sind. Immer wieder wurde herzlich gelacht und die
Darsteller gaben sich alle Mühe, um für eine wirklich gute Unterhaltung zu
sorgen.
Die
musikalische Leitung hatte Daniel
Hoyem-Cavazza über, der das Orchester der Wiener Kammeroper mit viel
Schwung, aber auch, wenn notwendig, mit viel Gefühl leitete. Es war eigentlich
kaum erkennbar, welche Piecen rekonstruiert und somit nicht Original-Haydn
waren.
Sängerisch
war an diesem Abend besonders Jennifer
Davison in der Rolle der Lesbina hervorzuheben, die eine schöne Stimme hat
und bei den Koloraturen glänzen konnte. Die zweite Fischerin, Auxiliadora Toledano, ließ sich
ansagen, allerdings hielt sie gut durch und ihr schön timbrierter Mezzo
kombinierte sehr gut in den Ensembleszenen. Da ich das Stück zum ersten Mal
gesehen habe kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ob eine Arie von ihr
gestrichen wurde, allerdings gab es da im Handlungsstrang einen Bruch, der
diese Vermutung nahe legt. Die
Prinzessin Eurilda wurde von der Neuseeländerin Anna Pierard unspektakulär gesungen, vielleicht hatte auch das
Regiekonzept, die „Heldin“ doch recht unsympathisch erscheinen zu lassen (wie
eigentlich jede Person der Handlung), damit zu tun. Leif Aruhn-Solén besitzt eine
interessant timbrierte, aber relativ kleine Stimme – die Größe der Kammeroper
ist ihr angemessen. So konnte sein Burlotto nicht wirklich überzeugen. Dessen
Freund Frisellino wurde von José
Aparicio bei weitem stimmkräftiger und auch von technisch besser gesungen. Als
alter Fischer Mastricco fiel Alfred
Werner etwas ab – auch in den Rezitativen blieb er relativ textundeutlich.
Schlussendlich sei noch Sebastian
Huppmann erwähnt, der den Lindoro darstellte – auch da war die Figur, die
auf der Bühne stand, anders gezeichnet als es das Libretto vorgab. Ob seine
Stimme wirklich für Haydn geeignet ist, sei dahingestellt, er erhielt aber viel
Zuspruch vom Publikum.
Es
wäre schön, wenn sich die „Pescatrici“ öfter auf Spielplänen finden würden, es
war eine wirklich interessante Neuentdeckung, für die man der Kammeroper
dankbar sein muss. Zweieinhalb unterhaltsame Stunden werden da geboten und die
Produktion ist ein großer Erfolg für das Haus – es wurde sogar bereits eine
Zusatzvorstellung angesetzt, da schon fast jeder Abend ausverkauft ist (was ich
persönlich sehr bedaure, da ich mir diese Produktion noch gerne einmal
angeschaut hätte).
Die
Kammeroper, die immer wieder Raritäten bringt, ist eine wirklich gute Ergänzung
für die Wiener Opernszene und es bleibt nur zu wünschen, dass die Britten-Oper
„Owen Wingrave“ ein ähnlich großer Erfolg wird!
Kurt Vlach