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Markus Lehmann-Horn
Woyzeck 2.0 – Traumfalle
22.4.
Die Neue Oper Wien gastiert derzeit mit vier Aufführungen in der von der Schließung infolge rigoroser Sparmaßnahmen bedrohten Wiener Kammeroper. Die Oper „Woyzeck 2.0 – Traumfalle“ des 1977 in München geborenen Filmkomponisten Markus Lehmann-Horn, Empfänger des mit 20.000 Euro dotierten Paul Hindemith Preises des Schleswig-Holstein Musik Festivals am 21.8.2011, wurde von der Jury des Gerhard Schedl Musiktheaterwettbewerbes unter den zahlreichen Einsendungen einstimmig als Gewinnerwerk ermittelt. Die dreiaktige Oper beruht auf der 1987 im Büchner-Jahr veröffentlichten Novelle „Suchbild Woyzeck“ des 1943 geborenen deutschen Schriftstellers Michael Schneider.

Zur Handlung: Klara Sismondi, gefeierte Schauspielerin, hat gerade die Marie in Büchners Woyzeck gespielt. Das sektschlürfende Premierenpublikum applaudiert der gefeierten Diva. Die Rolle der Marie hat von ihr völlig Besitz ergriffen. Sie steht in Briefkontakt mit dem Häftling Georg Mühl, der wegen Todschlags seiner Frau im Affekt eine Strafhaft verbüßt. Für sie stellt er ein Abbild ihres Theaterwoyzecks dar und bereitwillig schickt sie ihm ein Exemplar des Dramas, da die Gefängnisbibliothek über keines verfügt. Klara verliebt sich in das Traumbild dieses Frauenmörders und die reale – oder doch nur imaginäre – Begegnung der beiden endet desaströs. Die in der räumlichen Distanz zwischen den beiden gewachsene und gefestigte Beziehung verträgt keine Nähe. Klara ergreift vor dem auf Bewährung entlassenen Georg in Panik die Flucht und kehrt in ihre scheinbar heile Welt des Theaters zurück. Doch diese Welt ist längst nicht mehr eine heile, denn der besessene Regisseur Grünberg (für den wohl Hans Neuenfels Pate gestanden haben mag?), hofiert zunächst den „Jungstar“ seiner neuen Produktion von Tennessee Williams Glasmenagerie, in der Bekker die Rolle von Tom Wingfield spielen soll, um ihn im nächsten Moment in einem aufwühlenden seelischen Wechselbad zu vernichten und wenige Tage vor der Premiere noch in den Selbstmord zu treiben. Diese Welt des Theaters bildet die Rahmenhandlung für die eigentliche Oper. Zeitlich verlaufen diese beiden Handlungsebenen, die Liebesbeziehung und die Erarbeitung des neuen Stückes, parallel in 13 Bildern.
Das sind die Ingredienzien, aus denen der Komponist einen spannenden, knapp 100 minütigen Psychokrimi zaubert. Wichtige Zitate aus Alban Bergs Oper sind dabei gewollt. Die gleichermaßen packende wie abwechslungsreiche Handlung unterlegte der Komponist mit einer ebenso brillanten wie ausdrucksstarken und an Farben und Schattierungen reichen Musik, die einer freien Tonalität verhaftet ist.

Der erst 30 Jahre alte Regisseur Alexander Medem muss schon als ein ganz Großer seiner Zunft angesehen werden. Mit großem Feingefühl zeichnet er in Klara die Sehnsüchte einer zerrissenen, sich vor ungestillter Leidenschaft verzehrenden Frau nach, die sich mit ihrer ausufernden Fantasie zwischen zwei Welten bewegt, in denen sie sich verstrickt und unterzugehen droht. Opfer und Täter sind die austauschbaren Schablonen der beiden Protagonisten Klara und Georg. Sie bewegen sich in einer sich nach dem Bühnenhintergrund zu verjüngenden weißen Rahmengalerie, die sich nach der steigernden Intensität ihrer Beziehung mehr oder weniger stark neigt (Ausstattung: Gilles Gubelmann). Der Rahmen ist aber auch Symbol ihres jeweiligen Gefängnisses, des realen von Georg und des imaginären der Schauspielerin Klara.

Ein besonders großes Verdienst an dem großen Erfolg der Uraufführung dieser Kammeroper gebührt, neben den Protagonisten und dem Regieteam, vor allem dem engagiert musizierenden Amadeus Ensemble unter seinem Leiter Walter Kobéra, das immer wieder unter Beweis stellt, wie spannend für den Zuschauer das Erlebnis modernes Musiktheater sein kann. Auch das Sängerensemble war geradezu erlesen. Allen voran natürlich Jennifer Davison als Klara mit ihrem lupenreinen warm timbrierten Sopran. Johann Leutgeb als Georg kontrastierte schon rein optisch durch seine bedrohlich wirkende Körpergröße, zu der sich ein dunkler Bariton paarte. Der Wiener Bariton Sebastian Huppmann glänzte neben der kleinen Rolle des Kritikers Dr. Raaben besonders durch die Interpretation des sensiblen jungen Schauspielers Bekker. Die Puertoricanerin Celia Sotomayor ließ es als vollbusige Veith und Dame in Lila richtiggehend orgeln. Der polnische Bariton Tomasz Piętak als Schauspieler Ziegler und als Baudezernent, sowie Michael J. Schwendiger als Stadtrat und als Schauspieler Kunze und Wilhelm Spuller als despotischer Regisseur Grünberg trugen in den kleineren aber ebenso wichtigen Rollen maßgeblich zum großen Erfolg dieses Abends bei. In „stummen“ Rollen wirkten noch Benjamin McQuade als Barpianist und Anna-Christina Hanousek als Serviererin und Maskenbildnerin mit.
Die mitunter richtig gespenstische Lichtregie entwarf Nobert Chmel, die Choreographie Liane Zaharia. Die Kammeroper war sehr gut besucht und das Publikum zeigte sich von dieser neuen Oper des jungen Bayern ohne Ausnahme begeistert.
Harald Lacina
Copyright aller Bilder: Neue Oper Wien
BAAL
29. September 2011
Sehr zwiespältig verlief die Premiere des Bühnenwerkes Baal, zu dem der österreichische Komponist Friedrich Cerha die Musik schuf und (nach der Vorlage des Dramas von Bertolt Brecht) auch das Libretto schrieb. Die Uraufführung 1981 war ein rauschender Erfolg gewesen, 30 Jahre später kommt diese Szenenfolge Brechts (mit dessen autobiografischen Zügen und Vorlagen von Francois Villon) besonders in musikalischer Hinsicht etwas altbacken daher. Ein hartes Urteil, das einem auch nicht wirklich leicht fällt, da der mittlerweile 85-jährige Cerha persönlich anwesend war, ein "Vor-den-Vorhang-holen" des sympathischen Professors aber auch nicht mehr Schluss-Applaus des Publikums initiierte. Handwerklich ist kaum was auszusetzen an der zeitgenössischen Melange von verschiedenen Stilrichtungen (bis hin zu Schlagerzitaten der Zwischenkriegszeit und Jazzharmonien), manchesmal beschränkte sich die Partitur auch nur auf filmmusikalische Untermalung, dann wieder wechselt Cerha in reines Sprechtheater. Aber wirklich gefangen nimmt einen heute dieses Werk trotz, oder gerade wegen der Dauer von über drei Stunden nicht mehr.

Copyrigt alle Bilder: Armin Bardel / Wiener Staatsoper
Die Neue Oper Wien unter ihrem Intendanten Walter Kobera gibt es seit 1990 und hat sich auf modernes Musiktheater spezialisiert. Neuentdeckungen und österreichische Erstaufführungen bilden das Zentrum ihrer Arbeit. Daneben will man auch jene moderne Opernliteratur wieder erwecken, die durch die Zeitläufe aus dem Repertoire verschwunden sind. Historische Verdienste erwarb sich das Ensemble 1996, als man erstmals Benjamin Brittens Billy Budd in Österreich aufführte, mit Baal hat man da vielleicht diesmal einen Fehlgriff getan. Die Neue Oper Wien hat auch keine eigene Spielstätte und kein fixes Ensemble, als Aufführungsort wählte man für diese Produktion die ehemalige Expedithalle der Ankerbrotfabrik in Wien-Favoriten, einem Randbezirk mit hohem Ausländeranteil. In dieser Industriearchitektur sorgte Gilles Gubelmann für Bühne und Kostüme. Er stellte eine ziemlich steile Rampe in die Mitte der Halle, das amadeus ensemble-wien (mit über 70 Musikern) spielt genau vor dieser Szene, sodass die Publikumsreihen auf die Tribünen links und rechts außen beschränkt werden mussten, was in akustischer Hinsicht nicht besonders befriedigte, da die Textdeutlichkeit (die von den Sängern vorbildlich eingehalten wurde) dadurch zum Teil verloren ging. Auch Dirigent Walter Kobera musste mit dem Rücken zu den Sängern ans Werke gehen. Originell fand ich die Idee, mit Falltüren und Bodenluken zu arbeiten, so entstanden immer wieder witzige Schauplatzgestaltungen, die sich allerdings mit zunehmender Spieldauer monoton wiederholten, daran konnte auch das tolle Lichtdesign Norbert Chmels nichts ändern. Regisseur Leo Krischke lieferte eine konventionelle Personenführung, nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Kurz zur Handlung: Baal will nicht so leben, wie man leben muss. Er ist erfolgreicher Dichter, der aber der vornehmen Gesellschaft für ihr Lob nur Hohn entgegenbringt. Sein weiteres Leben ist geprägt von Alkohol und Sex, ein Macho der üblen Sorte, ein Zyniker und Hitzkopf, der auch mit seinem Freund Ekart, den er liebt, aneinander gerät. Nach dem Tod seiner Mutter ersticht er aus Eifersucht gar diesen Freund, er kehrt zu den Holzfällern zurück und stirbt. Bei all dem ist Baal aber kein Aussteiger oder Revolutionär, zeigt auch lyrische und weiche Momente, eine ideale Rolle, welche dem Franzosen Sebastien Soules anvertraut wurde. Und es ist beeindruckend wie der 38-jährige, der von 2003 bis 2010 am Tiroler Landestheater engagiert war und in der laufenden Spielzeit an der Volksoper in Gianni Schicchi und Figaros Hochzeit zu sehen sein wird, diese Monsterpartie bewältigt. Vielleicht ein wenig zu brav und zu sympathisch, jedenfalls mit einer Bomben-Bariton-Stimme und viel körperlichem Einsatz. Ebenso große Bühnenpräsenz beweisen der stimmgewaltige Michael Wagner als Ekart und die mit flirrender Höhe betörende Belinda Loukita als Sophie, weniger Gelegenheit sich zu profilieren hatte Gernot Heinrich als Johannes. Die übrigen Sänger mussten in eine Vielzahl von Rollen schlüpfen, ausdrücklich herauszuheben sind in erster Linie Elisabeth Lang, Daniel Serafin und Michael Schwendinger.

Beim Publikum spürte man zu später Stunde die Müdigkeit und ein klein wenig auch die Enttäuschung, die Erwartungshaltung war wohl zu groß gewesen, Premierenjubel sieht anders aus. Aber dennoch, besser ein nicht ganz so geglückter Baal als langweilige Routine im Mainstream-Repertoirebetrieb!
Ernst Kopica