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   Rossini in Wildbad

    Belcanto Opera Festival

      http://www.rossini-in-wildbad.de/

 

 

 

 

Festival  2012

Das Belcanto Festival Rossini in Wildbad wurde 1989 ins Leben gerufen und findet alljährlich im Juli im finsteren Nordschwarzwald statt und ist sicher das Glanzlicht unter den vielen kulturellen Veranstaltungen im Staatsbad. Wie auch ein Bronzeguss im Ortszentrum erinnert das Festival daran, dass sich 1856  Rossini einst auch hier durch eine Kur Linderung seiner durch Wohlleben erzeugten Gesundheitsprobleme erhoffte. Das Festival führt an verschiedenen Spielstätten im Ort Opern und Konzerte von Rossini und aus dem Dunstkreis der Belcanto-Epoche auf, wobei der Schwerpunkt aus selten gespielten Stücken des Meisters und seiner Zeitgenossen besteht. Dazu bietet das Festival jungen Künstlern eine viel beachtete Plattform zur Entwicklung. Neben einem Konzertprogramm gibt es dieses Jahr im Großen Saal der Trinkhalle drei Opern, die fast nie gespielte Farsa semiseria „Adina“ und die Oper „Semiramide“ von Rossini sowie die Oper „I briganti“ von Saverio Mercadante. Wir berichten von drei Veranstaltungen. Für Kammeropern steht in Bad Wildbad das ehemalige königliche Kurtheater zur Verfügung (Siehe Bericht von 2011). Ansonsten werden die Opern in dem nüchternen Zweckbau der Neuen Trinkhalle aufgeführt, dessen großer Saal mit ziemlich kleiner Bühne etwa 500 Zuschauer fasst, für die aufsteigende Sitzreihen aufgebaut sind. Bühnentechnik gibt es nicht. Die Sponsoren- und Unterstützerliste des Festivals ist weder lang noch umfasst sie schwergewichtige Namen. Dass es den Festspielen immer wieder gelingt, ein interessantes Programm bei hohe Qualität zu gestalten, erscheint wie ein Rätsel, da nach eigenem Diktum der Festspielleitung das Budget etwa so groß ist wie die Portokasse eines der Großspektakel. Hut ab! Nicht zu vernachlässigen ist der Anteil internationaler Gäste in Bad Wildbad: Englisch, Italienisch und Französisch hört man bei den Festspielgästen allerorten.

 

 

Neue Trinkhalle, Großer Saal, 13.07.2012

Adina ossia il califfo di Bagdad

(Gioachino Rossini)

Gute Unterhaltung für Opernsammler

Der Nebentitel hat sich erst nach Rossinis Tod in den Namen eingeschlichen. Eer könnte suggerieren, dass die Oper etwas mit Boieldieus „Kailf von Bagdad“ zu tun hat, der der Stoffsammlung  aus 1000 und einer Nacht entnommen war. Dem ist aber nicht so. „Adina“ kommt“ als Opernstoff aus der verniedlichenden „Türkenmode“, die sich in Europa ab Beginn des 18. Jhdts. entwickelte und deren bekanntestes Opernwerk Mozarts „Entführung aus dem Serail“ ist. Und auch Rossini hat weitere Stücke in diese Modewelt gestellt. Die Handlung von Adina liest sich wie aus dem Leibe der „Entführung“ geschnitten: Der Kalif hat Adina von Menschenäubern erworben, sie als bevorzugte Dame im Serail untergebracht und möchte sie heiraten. Sie stimmt dem aus Dankbarkeit und Anerkennung zu, bis plötzlich Selimo auf der Suche nach seiner Jugendgeliebten auftaucht, eben dieser Adina, sich als Gehilfe des Gärtners Mustafà in den Palast einschleicht und mit dessen Hilfe Adina nachts entführen will. Alì, der niederträchtige Schleicher bekommt das heraus und hinterträgt es dem Kalifen. Der will erst alle umbringen lassen, erkennt dann aber in Adina seine Tochter: alle werden glücklich. Das Libretto hat Gherardo Bevilacqua-Aldobrandini geschrieben: besser gesagt abgeschrieben aus Felice Romanis „Il califo e la schiava“. Rossini hatte 1818 einen privaten Kompositionsauftrag eines reichen Kaufmanns aus Lissabon, der seiner Angebeteten, selber eine Opernsängerin, eine Oper schenken wollte. Rossini musste den Stoff in wenigen Wochen komponieren, rezyklierte einige seiner früheren Melodien, ließ seinen Vater, dem Stadttrompeter von Pesaro, gar eine Trompeteneinlage schreiben und die Rezitative von Mitarbeitern fertigen: Rossinis Musikfabrik eben, Schwung und Inspiration wie von der Stange. Das Stück wurde aber erst 1826 in Lissabon am São Carlos uraufgeführt, geriet alsbald in Vergessenheit und erfährt nun in Wildbad seine zweite Ausgrabung der „Neuzeit“.Antonio Petris hat die Farsa für die vier Aufführungen des Festivals in Bad Wildbad mit einfachen Mitteln wirksam in Szene gesetzt. Dazu hat er sich auch die einfachen Bühnenaufbauten ausgedacht: geometrische Körper, welche an Konturen einer orientalischen Stadt erinnern, flankiert von zwei konkav-halbrunden Plakatwänden, auf denen Fotos aus der modernen Kulturwelt zusammengepflastert sind. Den Bühnenhintergrund bildet ein großer weißer Schirm, der mit verschiedenen Farben angestrahlt wird und so die Bühne variabel hinterleuchtet. (Licht: Kai Luczak). Die Kostüme sind einfach, durchweg in Schwarzweiß gehalten und leicht orientalisch assoziiert; vor allem beim Herrenchor, der mal als Handwerkerkolonne, mal als Serailwächterstaffel in Schwarz mit kämpferischen bunten Wasserpistolen auftritt. (Kostüme: Claudia Möbius) Orientalische Pracht wird ansonsten nicht geboten. Bei der Bewegungsregie wird der Chor herausgehoben. Die Hauptakteure bleiben ziemlich statisch.

Das klassische Personentableau der italienischen Oper Liebhaber (Tenor), Geliebte (Sopran/Mezzo) und Gegenspieler (Baritin/Bass) sowie in den Buffen meist eine weitere tiefe Stimme, ist im Prinzip in dieser Farsa auch vorhanden. Aber die Gewichtungen sind verschoben: der Tenor (Selimo) ist nicht die treibende, schmachtende Kraft, sondern bleibt im Hintergrund. Dramaturgisch besteht das Werk überwiegend aus Exposition, Retardierung, kleiner Verwicklung und schnellem glücklichem Ende. Insgesamt entsteht ein gut verständliches bewegt-heiteres Spiel, das nahe am Konventionellen bleibt bis auf die Figur des Alì, die wie ein Klon des Kalifen mit gleicher Gestik hinter ihm her gleitet: er will sicher auch mal Kalif werden. Sein Auftreten im Frack über nacktem Oberkörper hat etwas Diabolisches. Aus dem lieto fine geht er mit blutendem Haupt denn auch als einziger beschädigt aus der Farsa hervor.

Vorn auf dem Parkett hatte das Orchester Platz genommen: die Virtuosi Brunensis, ein Ensemble aus handverlesenen Musikern der Janáček-Oper des Nationaltheaters Brünn und der Philharmonie Brünn. Es wurde im Sechser-Satz der Streicher mit doppelten Bläsern gespielt, wodurch der Klang die Aufnahmefähigkeit des Raums mit seiner etwas trockenen Akustik erreichte und streckenweise für Rossini etwas schwer wirkte. Die musikalische Leitung oblag Antonino Fogliani, der auch musikalischer Gesamtleiter des Festivals ist und sehr präzise und konzentriert aufspielen ließ, nachdem es in den ersten Takten noch etwas gerumpelt hatte. Da kamen u.a. zwei herrliche Chorstretten schön heraus, wie überhaupt der zwölfköpfige Herrenchor einen entscheidenden Anteil an dem kurzen Stück hat. Er bestand aus Chorsolisten der Camerata Bach Chor Posen und strahlte Präzision und Sicherheit ebenso wie prächtige Stimmgewalt aus. Nebenher erledigten die Choristen auch die Arbeit der Statisten.

Bei den Sängern fiel ganz zuvörderst die durchgängig gute Textverständlichkeit auf. Es waren ja auch überwiegend italienische Muttersprachler am Werk. Sängerisch war das zu jeder Zeit gekonnt, schauspielerisch dagegen manchmal etwas dünn. Rosita Fiocco gab die Titelrolle mit warmem runden Mezzo, aus welchem sie ihre leichtgängigen Koloraturen entwickelte. Raffaele Facciolà hatte den Part des Califfo übernommen und sang ihn mit kernig tiefem Bariton von bester Belcanto-Beweglichkeit. Die Figur des Gärtners Mustafà gab der Bass-Buffo Bruno Praticò mit souveränem komödiantischen Spiel und solide-routinierter stimmlicher Gestaltung. Ihm war in der Farsa auch noch eine Extraeinlage zugedacht worden (auf italienich- ohne Übertitel); aber man verstand. Mit Vassilis Kavayas wurde für den Selimo ein vielversprechender sehr junger höhen- und koloratursicherer Spintotenor gewonnen. Der deutsche Tenor Christopher Kaplan zeigte bei seinen kurzen Einsätzen ebenfalls schönes helles Stimmmaterial, nutzte in der Rolle des Alì allerdings die deutlich bessere Möglichkeit, sich schauspielerisch in Szene zu setzen.

Das Stück wurde vor sehr gut besuchtem Hause in eineinhalb Stunden reiner Spielzeit bei einer Pause gegeben. Das Publikum verabschiedete di Künstler mit herzlichem Beifall. Adina kommt nun nur noch einmal am 20. Juni. Die Aufführung wurde vom SWR-Radio aufgezeichnet. (Sendetermin nicht bekannt gegeben)

Manfred Langer, 16.07.2012

 

 

 

Neue Trinkhalle, Großer Saal, 14.07.2012  (Premiere)

I Briganti     

Melodramma serio in tre atti von Saverio Mercadante

Umjubelte Wiederentdeckung: überzeugendes Regiekonzept, gesangliche Spitzenleistungen

Neben der Belcanto-Trias Rossini, Donizetti, Bellini gab es natürlich noch eine ganze weiterer Konponisten, deren Opern zu ihrer Zeit Anklang fanden. Aber in die heutige Zeit gerettet haben sich mit Mühe gerade noch Pacini und Mercadante, wobei letzterer auch durch seine Sakral- und Instrumentalmusik noch eine gewisse Präsenz in der Gegenwart hat. Rossini als Direktoriumsmitglied des Pariser Théâtre italien hatte sich auch um Opernnachschub für das Haus zu kümmern und daher - da er selbst keine Opern mehr schrieb - neben seinen jüngeren Kollegen Donizetti und Bellini 1836 auch den etwa gleichaltrigen Mercadante nach Paris geholt, der für das Theater „I Briganti“ schrieb, eine Oper für die Jacopo Crescini nach Schillers Räuber das Libretto verfasst hatte. Die Uraufführung der Oper wurde kein durchschlagender Erfolg, weil Paris gerade im Erfolgsrausch von Meyerbeers „Les Huguenots“ lebte und man dem Werk von Mercadante nur wenig Aufmerksamkeit entgegenbrachte. Die Briganti wurden aber bis zur Jahrhundertmitte noch ein Dutzend Mal nachgespielt. Mercadante schuf sogar noch eine weitere („Mailänder“) Fassung. Aber ab der Jahrhundertmitte fiel das Stück in Vergessenheit und wurde erst nun wieder für Bad Wildbad ausgegraben und aufgearbeitet. Text und Musik weisen schon auf einen gewissen Einfluss der französischen Grand Opéra hin. Die Handlung ist auf die zweite Hälfte des Dramas komprimiert. Wie bei Verdis zehn Jahre später herausgekommenen Masnadieri sind alle Nebenhandlungen (z. B. Spiegelberg) eliminiert. Die zeitliche Verdichtung gibt dem ganzen einen guten dramaturgischen Fluss. Am Ende sind – wie bei Schiller – alle Hauptakteure tot.

Regie und Bühne der Produktion liegen in der Verantwortung von Jochen Schönleber, der auch Intendant und künstlerischer Leiter des Festivals ist. Er siedelt die Handlung in einer lateinamerikanischen Diktatur an. In Video-Rückblenden sieht man die Jugend von Ermano (Karl) und Corrado (Franz) Moor. Dazwischen immer wieder den alten Massimiliano Moor in weißer Diktator-Galauniform mit herrischer Geste. Dann erscheint auch Che Guevara als Projektion. So wird gewissermaßen aus dem Hintergrund beleuchtet, welchen Weg Ermano genommen hat und warum er sich gegen das Sytem wendet, das ihn hervorgebracht hat. Corrado hingegen hat den alten Moor aus dem Weg geräumt und will nun noch die widerspenstige Amelia zwingen, seine Frau zu werden. Mit diesen vier Personen kommt die Oper im Wesentlichen aus. Hauptversatzstück der Bühne ist ein riesiger schiefer weißer Tisch, auf welchem im ersten Akt für Corrado und Amelia zwei Thronstühle aufgestellt sind. Auch Buffet und Getränke sind vorhanden. Aber die Feier findet nicht statt. Die Hauptakteure spielen auf dem Tisch, der Chor darum herum. Langsam wird der Tisch von allen Gegenständen befreit. Ermano sieht in einem gespenstischen Traumbild den Sarg seines Vaters die schiefe Ebene hinuntergleiten und vor der trauernden Amelia anhalten. Im zweiten Akt ist aus dem Tisch ein mit Tarnplanen bedecktes Podest geworden – in der Mitte zerbrochen. Links in einem Verschlage wird der alte Moor gefangen gehalten. Im dritten Akt hat Corrado auf der schiefen Ebene ein Ehebett aufgestellt, in das er Amelia zwingt; am Ende der Oper wird das schiefe Podest nur noch als nackte Stellage gezeigt, um die herum alle Akteure ihrem Schicksal erliegen. Die große Projektionsfläche im Bühnenhintergrund dient auch durch verschiedenfarbige Bestrahlung zu farbigen Hinterleuchtungseffekten. Die jederzeit passenden Kostüme für die Produktion hat Claudia Möbius entworfen. Während das gut durchdachte Regiekonzept bruchlos aufging und das Stück gut transportierte, verblieb die Personenführung manchmal etwas im Unverbindlichen; die Darsteller wurden allein gelassen.

Das Werk ist in vier Szenen geteilt, in welchen die Nummern jeweils ineinander übergehen, so dass der Eindruck einer durchkomponierten Oper entsteht. Mercadante hat seine Oper dicht und gekonnt orchestriert. Besonders stark war das Blech besetzt; gegenüber den vier Hörnern sind zwei Trompeten, drei Posaunen und ein Cimbasso angeordnet. Klarinetten, Hörner, Celli und Harfe werden zur Gesangsbegleitung auch solistisch eingesetzt. Im Orchesterpart sind die einfachen orchestralen Begleitfloskeln nicht mehr vorherrschend, und wenn sie noch eingesetzt werden, dann mit einer viel reichhaltigeren Instrumentierung. Über weite Strecken sind im Orchester auch bei der Begleitung zum Tutti eigene Linien gesetzt. Bis auf einige Verblaser aus der Horn-Ecke spielte das Orchester sehr konzentriert auf und entwickelte sehr nuancierte Klangfärbungen, die zusammen mit etlichen dramatischen Gesangspassagen das Werk schon fast dem Belcanto entheben. Die dramatisch, teilweise im Unisono eingesetzten Chöre weisen schon auf Verdi hin und spielen eine große Rolle in dieser Oper. Durch die Anlage der meisten Arien in Szene, Chor und Kabaletta mussten die Choristen, die mal als Räuber mal als Leibwachen des Usurpators, mal als Volk, mal alle zusammen auftreten, dauernd bewegt werden. Der stimmkräftige, bestens einstudierte Chor wurde von der Camerata Bach Chor Posen gestellt.

Für die vier Hauptrollen war ein hochkarätiges Ensemble engagiert worden. Herausragend war die Interpretation des Corrado durch den jungen Bariton Vittorio Prato. Er gestaltete die Rolle des Bösewichts schauspielerisch und gesanglich prächtig, Statur und Stimme passten. Seine scheinbar mühelose Durchschlagskraft, stimmliche Beweglichkeit und Ausdrucksstärke zusammen mit einer erstaunlichen Kraftentfaltung bei seinen vielen Koloraturen machten ihn zu einem faszinierenden Sängerdarsteller in dieser Rolle. Die sehr hoch liegende Partie seines Räuberbruders Ernano wurde von Maxim Mironov gegeben, einem ebenfalls noch sehr jungen russischen Spintotenor. Klang er bei seinem ersten Auftreten noch zu weich und in der Höhe fast effeminiert, gewann er zusehends an Kontur und begeisterte dann mit Höhen- und, Koloraturfestigkeit sowie mühelosen Registerwechseln. Eine begeisternde Partie sang auch Petya Ivanova, der die Rolle der Amelia in die Kehle geschrieben schien. Ihre Intonationssicherheit bei ihren klaren Spitzentönen und ihre leuchtenden Höhen komplettierte eine weiche nuancierende klangschöne Mittellage. Zu Recht galt auch ihr begeisterter Beifall. Bruno Praticò gab mit strömend sonorem Bass den Massimiliano von Moor. Mit seinem statischen ruhigen Spiel ließ er die Rolle an die des Komturs gemahnen. Durch die Streichungen der Kabaletten-Wiederholungen wurden die Stimmen geschont und die Oper auf eine noch gut verdauliche reine Spielzeit von etwas zweieinhalb Stunden gebracht. In den Nebenrollen sah und hörte man den Jesú Ayllón mit hellem Tenor als Räuber Rollero, Atanas Mladenov mit warmem Bass als Eremit Bertrando und Rosita Fiocco mit rundem Mezzo als Teresa. Ihr war von der Regie eine zweideutige Rolle zugedacht worden. Möglicherweise hatte sie ein Auge auf Corrado geworfen und schlich immer lauernd über die Bühne. Das finale Gemetzel schien ihr Genugtuung zu bereiten.

Das Publikum im ausverkauften Haus zeigte sich schier begeistert über diese kraftvolle Opernaufführung. Die Aufführung wurde vom SWR für Deutschlandradio Kultur aufgezeichnet und soll am 28.07.12 um 19h05 gesendet werden. Weitere Aufführungen in Bald Wildbad gibt es noch am 18. und am 21. Juli

Manfred Langer, 16.07.12

 

 

 

Kurhaus Bad Wildbad, 15.07.2012

Anna Bonitatibus

Un petit Rendez-vous    

Ariette e canzoni – soupirs e sorrisi

Die italienische Mezzosopranistin Anna Bonitatibus lässt sich bei den Münchner Opernfestspielen gerade wieder als Sifare in Mozarts Mitridate feiern und konnte zwischendurch für einen Tag zu einem Konzert in Bad Wildbad kommen. Sie gab hier eine vom Klavier begleitete Matinée mit musikalischen Miniaturen, die Rossini nach seiner Abdankung als Opernkomponist zu verschiedenen Gelegenheiten geschrieben hatte, überwiegend für Bekannte und Freunde oder für seinen Salon, wo sich „tout Paris“ traf. Über die Qualität der kleinen Stücke mögen Musikwissenschaftler und -kritiker urteilen. Aber allein die Zusammenstellung der italienischen und französischen Stücke, unterbrochen von Solodarbietungen des Pianisten Marco Marzocchi und die Interpretation durch die charismatische Sängerin versprachen ein ungewöhnliches musikalisches Erlebnis: Und es wurde tatsächlich ein musikalischer Leckerbissen der besonderen Art und entsprechend bejubelt. Die Klavierpiècen reichten von einem kleinen Capriccio mit zwei ironischen Spitzen (2 und 5) gegen Offenbach bis zu einem dramatischen Prélude, in welchem sich Rossini als Komponist der Romantik mit einem Amalgam aus Schubert und Chopin zeigt.

Die Bonitatibus bezauberte ihr Publikum mit einer enormen interpretatorischen Vielseitigkeit zwischen einem kleinen erschütternden Requiem zum Tode von Rossinis Schwiegermutter, über das ergreifende Ave Maria (nur auf einem Halbtonintervall gesungen), über Humor und Ironie einer Chansonette de cabaret hin bis zur dramatischen Konzertarie. Ihre klare und schlanke Stimmführung zusammen mit Ihrer deutlichen akzentfreien Diktion im Französischen passten idealtypisch zu dem ausgesuchten Programm, das mit einer Humoreske als Zugabe beendet wurde. Marco Marzochi spielte eine einfühlsame Begleitung und freute sich selbst am meisten an den Humoresken.

Ein ähnliches Programm ist unter dem Titel Rossini – Rendez-vous /Ariette e Canzoni  bei RCA Red Seal erschienen – ebenfalls mit dem Pianisten Marco Marzochi.

Manfred Langer, 16.07.2012

 

 

 

 

Festival 2011

 

Il Noce di Benevento   (Der Hexenbaum von Benevent)

Giuseppe Balducci (1796 – 1845)

Königliches Kurtheater 08.07.2011 (Premiere)

Belcanto-Schmankerl zur gehobenen Unterhaltung

Steigt man in Bad Wildbad im Nordschwarzwald aus dem Zug oder dem Auto, bietet sich erst einmal ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Alles gepflegt kühl und kühl gepflegt, dabei ziemlich menschenleer; zwischen einigen schönen alten Badehotels der Belle Epoque stehen aber ebenso wie hoch an die Hänge des engen Tals hinauf Betonkästen, die beim Betrachter sofort die gedankliche Assoziation an Dynamit hervorrufen. Hier werden seit dreiundzwanzig Jahren Rossini-Tage veranstaltet. 1856 war Bad Wildbad ein mondäner Kurort und schön mit reichen Gebäuden des Klassizismus ausgestattet. Damals versuchte Rossini hier Gebreste zu lindern, die sein Wohlleben im Alter noch verstärkt hatten. Warum also nicht in Wildbad ein Rossini-Festival veranstalten? Dazu gibt es einen ansprechenden Theatersaal in der historischen Trinkhalle, weitere geeignete Spielstätten, die derzeit renoviert werden und das ganz reizende kleine Königliche Kurtheater aus dem 19. Jhdt., das mit seinem gerade 200 Zuschauer fassenden Saal gerade frisch saniert worden ist. Vor diesem Theaterchen kam auch tatsächlich Festspielatmosphäre auf, als sich das internationale Publikum an dem sonnigen Sommerabend zwischen Theatereingang und Ü-Wagen des SWR zum Plausch versammelte.

Neben Rossini werden beim Festival auch Belcanto-Werke seiner Zeitgenossen aufgeführt; 2011 die Salonoper in zwei Akten „Il Noce di Benevento“ des italienischen Komponisten Giuseppe Balducci (1796 – 1845).  Balducci hatte sie für eine bekannte wohlhabende Familie in Neapel geschrieben, in deren Salon sie 1837 von sechs Frauen und Mädchen der Familie mit Begleitung durch zwei Klaviere und drei Pianisten uraufgeführt wurde. Bei der Handlung geht es um Verehelichungsambitionen, unstandesgemäße Verbindungen, vermeintliche Untreue und um eine grotesk ironisierte Intrige mit vorgetäuschtem Hexenspuk um Mitternacht, ehe sich alles schnell zum lieto fine auflöst. In diesem „schnell“ liegt dann auch die einzige nennenswerte Schwäche der Inszenierung bzw. ihrer Dramaturgie. Steht im Programm, dass die Dramaturgie (des unbekannten Librettisten) unausgewogen sei, weil der erste Akt zu kurz und der zweite zu lang sei, so wird das Stück in Wildbad „in etwas gekürzter Form“ zur Aufführung gebracht: der erste Akt dauert eine Stunde und der zweite nurmehr dreißig Minuten. Da geht die Auflösung der Geschichte doch mit allzu schnellen Schlägen voran, von Ausgewogenheit keine Spur! – und man hätte auch ganz gern noch ein Viertelstündchen Musik gehört…

Ansonsten stimmte an diesem Abend alles. Auf der winzigen Spielfläche, die noch von den beiden Flügeln eingeengt wurde, veranstaltete der Regisseur Nicola Berloffa ein munteres Spiel von fünf Frauen und einem umschwärmten Herrn, der auch noch von einer Frau gesungen wurde. Die Bühne von Sybille Jagdfeld hatte hinter ein paar Stühlen im Louis XVI noch einen dunkel beleuchteten Prospekt mit drei Vorhangschleiern, die später den „Hexenbaum“ freigaben: eine Art Baugerüst. Zur Auflockerung des Geschehens wurden noch abwechselnd von links und rechts große weiße Treppenstufen hereingeschoben, um noch ein paar Bewegungsmöglichkeiten mehr zu eröffnen. Wenn alle sechs Protagonistinnen auf der Bühne standen, wurde es schon etwas eng. Dafür erfreute man sich an den schönen, einfach funktional geschnittenen Kostümen der Modeschneiderin Claudia Möbius, die die beiden Sopranistinnen in leuchtendes Rot gewandet hatte und die anderen in umso dunklere Kleider, je tiefer ihre Stimmen waren; die Hosenrolle in einen schwarzen Anzug.

Eliseo Castrignanò hatte die musikalische Einstudierung aus dem Autograph übernommen und leitete vom Soloklavier aus die musizierfreudigen präzise aufspielenden Pianisten, die in der Musik einen deutlichen Einschlag der deutschen Romantik hervorhören ließen. Zwischen den einzelnen Nummern gab es sowohl kurze Rezitative als auch Sprecheinlagen (auf Italienisch) Übertitelt wurde in Deutsch und Italienisch! Bei den Solistinnen handelte es sich je zur Hälfte um handverlesene Hochschulabsolventinnen und um gestandene Sängerinnen. Im ersten Angesang schienen alle Stimmen ziemlich groß für den kleinen Saal, aber bei den durchwegs schönen Stimmen bei sehr ansprechendem homogenen Niveau ließ man sich das gern gefallen. Isabel Rodríguez García gab die Lauretta ganz entsprechend ihrer schlanken adretten Erscheinung mit ansprechendem schlankem tadellos geführtem Sopran, wobei sie – die halbseidene Figur der Oper – immer ihr allerliebstes echtes Hündchen im Arm halten musste. Dusica Bijelic als Clodina, gewissermaßen die Tragödin des Stoffes, punktete mit ihrer schönen lyrischen Mittellage. Tante und Mutter, die beiden Matronen des Stücks in langen dunklen, violett bzw. blau changierenden Röcken und entsprechend angepasstem Haarschleier wurden überzeugend gegeben von Svetlana Smolentseva (Margherita) und Silvia Beltrami (Geltrude) mit jeweils rundem reif klingendem Mezzo. Erstaunlich das tiefe Timbre der kleinen Japanerin Niriko Kaneko, die als Giulia ihr Eheziel nicht erreichte und daher mit ihrer prächtigen vollen wie ein Alt klingenden Stimme etwas traurig wirkte. Alberto, den Hahn im Korb, verkörperte Diana Haller mit voluminösem Mezzo. Alle überzeugten durch ihre Spielfreude und Bühnenpräsenz.

Die Vorstellung war ausverkauft; das konzentrierte Publikum spendete herzlichen und langanhaltenden Beifall. Solche Ausgrabungen bieten sich vor allem für die vielen Kammeropern an, eine wunderbare Alternative zum Miniaturisieren von Opern des großen Repertoires.

 

Manfred Langer

 

 

 

 

 

 

 

 

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