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   Rossini in Wildbad

    Belcanto Opera Festival

     

http://www.rossini-in-wildbad.de/

 

 

Festival  2013 - 25-jähriges Jubiläum - Zusammenfassung

Das Belcanto Festival Rossini in Wildbad wurde 1989 ins Leben gerufen, findet alljährlich im Juli im finsteren Nordschwarzwald statt und ist sicher das Glanzlicht unter den vielen kulturellen Veranstaltungen im Staatsbad. Wie auch ein Bronzeguss im Ortszentrum erinnert das Festival daran, dass sich 1856  Rossini einst auch hier durch eine Kur Linderung seiner durch Wohlleben erzeugten Gesundheitsprobleme erhoffte. Anschließend an Wildbad fuhr Rossini nach Bad Kissingen, um (nach vergeblichen Kuren in Lucca, Montecatini und Gastein) den Anordnungen seines Arztes de Granville folgend weitere zwanzig Applikationen mit deutschen Badewässern zu erdulden ("patiens"/lat. "duldend"). Das Weitere ist bekannt: Rossini begab sich danach voller Freude an das Komponieren seines Spätwerks. Wildbad mag unter den ehemalig fürstlichen deutschen Badeorten etwas ins Hintertreffen geraten sein. Aber hat Bad Kissingen ein Rossini-Festival? Nein, neben einem Bismarck-Museum nur eine, wenn auch renommierte Sommerkonzertreihe. Wir aber sind Opernfreunde...

Das Festival führt an verschiedenen Spielstätten im Ort Opern und Konzerte von Rossini und aus dem Dunstkreis der Belcanto-Epoche auf, wobei der Schwerpunkt aus selten gespielten Stücken des Meisters und seiner Zeitgenossen besteht. Dazu bietet das Festival jungen Künstlern eine viel beachtete Plattform zur Entwicklung. Neben einem Konzertprogramm gab es dieses Jahr im Großen Saal der Trinkhalle wieder drei Opern, die fast nie gespielte seria „Ricciardo e Zoraide“ (konzertant) und  „Guillaume Tell“ (in Originallänge von Wagnerscher Dimension) von Rossini sowie "Le Chalet" von Adolphe Adam. Dazu bietet das Festival jungen Künstlern eine viel beachtete Plattform zur Entwicklung. Das Festival unter fachkundiger Leitung war schon früh daran beteiligt, Belcanto-Sänger "herauszubringen" oder zu fördern, die mittlerweile an den großen Musentempeln aufgetreten sind, um dennoch wieder an das Festival im Schwarzwald zurückzukehren. Joyce di Donato, Pavol Breslik, Olga Peretyatko uam haben in  Bad Wildbad ihre ersten CD-Aufnahmen gemacht oder hier sogar debütiert. Alle Opern wurden heuer vom SWR bzw. DR-Kultur für CDs mitgenschnitten, die szenischen Opern darüber hinaus für DVDs gefilmt. Wie jedes Jahr kam auch ein Beitrag zur zeitgenössischen Musik, diesmal ein Portrait Helmut Lachenmanns, der sich persönlich mit Teilen seines Werks vorstellte. Wenn eines das Festival nicht ist, dann eine Plattform für modernes Dekonstruktionstheater, das sich auf freudianische oder andere Bezüge beruft.

Wir berichten von allen Opernaufführungen und aus dem Beiprogramm. Die Opern werden in dem nüchternen Zweckbau der Neuen Trinkhalle aufgeführt, dessen großer Saal mit ziemlich kleiner Bühne etwa 500 Zuschauer fasst. Bühnentechnik gibt es nicht. Die Sponsoren- und Unterstützerliste des Festivals ist weder lang noch umfasst sie schwergewichtige Namen. Dass es den Festspielen immer wieder gelingt, ein interessantes Programm bei hohe Qualität zu gestalten, erscheint wie ein Rätsel, da nach eigenem Diktum der Festspielleitung das Budget etwa so groß ist wie die Portokasse eines der Großspektakel. Hut ab!

Nicht zu vernachlässigen ist der Anteil internationaler Gäste in Bad Wildbad: Neben Deutsch und anderen germanischen Dialekten hört man auf Bad Wildbads Straßen allerorts Italienisch und Französisch. Diese Gäste sind nicht wie Rossini wegen des schwach salzigen "Heilwassers" gekommen! Nein, wegen des musikalischen Stellenwerts des „deutschen Pesaro“, der Qualität der Darbietungen sowie der gemütlichen, fast intimen Atmosphäre in Wildbad, wo man sich kennt und fast jederzeit Zugang zu den Verantwortlichen der Spiele hat. Ganz locker mischt sich in den Pausen sogar der ein oder andere Künstler in Publikum. Insgesamt eine kleine große Familie ohne Smoking-Zwang: die Fachkenntnis der eingefleischten Festivalbesucher übersteigt bei weitem deren Glitter. 

Ein lesenswerter Beitrag zur Opernfestival-Welt in Deutschland steht bei faz-net. Ein nettes Votum für die kleineren Feste:

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/bayreuth-salzburg-die-festspielausfransung-12280571.html

Das diesjährige Rossini-Festival wurde von traumhaftem Urlaubswetter begleitet, wobei die Temperaturen im bis ins Urgestein eingeschnittenen, sonst so kühlen Tal der kleinen Enz sogar über traumhafte Höhen hinaus stiegen. Lesen Sie in der Folge alle Opernbesprechungen

Manfred Langer, 21.07.2013

 

 

Le Chalet (Adolphe Adam)

Vorstellung im Saal der Trinkhalle am 19.07.13            (Premiere am 11.7.13)

Älplerisch angehaucht: eine musikalische Komödie mit Temperament und Esprit ossia „Wer zuletzt lacht, lacht am besten“ 

Beim italienischen Belcanto Festival eine französische Opéra comique, beißt sich das nicht? Nein, sagt Chefdramaturg Reto Müller, alles hängt mit allem zusammen. Da Guillaume Tell nicht nur das opus magnum von Rossini, sondern auch das Hauptwerk des diesjährigen Wildbader Festivals ist, ist man ja schon auf Besuch in der Schweiz, bei Le Chalet im Kanton Appenzell, bei Tell in der Urschweiz. Der französischsprachige Tell erfordere schon Sänger mit entsprechenden Sprachkenntnissen; die müssen dann in „Le Chalet“ auch gleich richtig ausgebeutet werden. Auch Teile des bergigen Bühnenbilds können übernommen werden. Dann hätte „Le Chalet“ Gattungsähnlichkeiten mit den Rossinischen farse - bis auf die Tatsache, dass man ein großes Orchester und auch noch einen gemischten Chor braucht. – Soweit die Sinnverwandtschaft... Noch eine Synergie bleibt zu erwähnen: der Liebhaber steckt im gleichen schicken weißen Anzug wie der Fischer Ruodi aus dem Tell. Und nicht zu vergessen: im Gegensatz zur akademischen Arroganzia in Frankreich waren Adolphe Adam und sein Lehrer Boildieu bekennender Rossini-Liebhaber. Alles hängt eben mit allem zusammen. 

Artavazd Sargyan (Daniel); Diana Mian (Betly)

Der Stoff der Oper geht auf J. W. v. Goethe zurück, der den Text für das Singspiel „Jery und Bäteli“ (1780) verfasst hatte, das - von Johann Friedrich Reichhardt vertont – 1801 in Berlin uraufgeführt und dort zwanzig Jahre lang gespielt wurde. Goethe hatte, da die Herzogin Anna Amalia die Schaffung einer deutschen Oper forderte und förderte, sich dem Singspiel zugewandt und förderte selber mehrere Vertonungen von „Jery und Bäteli“. Einem on-dit zufolge hat Goethe sein Engagement für das Singspiel nach dem Bekanntwerden der „Entführung“ ehrfurchtsvoll eingestellt... Und bei einem späteren weiteren Gedanken in dieser Richtung, einen zweyten Teil der Zauberflöte zu schaffen, würden ihm später der geschäftige Schikaneder und der Komponist von Winter mit „Das Labyrinth“ zuvorkommen. – Das kurz zum Thema Goethe und das Singspiel.

Artavazd Sargyan (Daniel); Chor

„Jery und Bätely“ handelt von einer selbstbewussten jungen Frau. Um Schutz vor männlicher Gewalt zu bekommen, aber nicht aus Überzeugung, ist Bätely schließlich bereit, ihre Freiheit aufzugeben und den sie umwerbenden Jery zu heiraten. Heutigen Emanzen würden die Haare zu Berge stehen: Frauen brauchen keinen Schutz durch Männer, nur vor Männern, am besten durch Vorrechte...  Scribe, „bottom line oriented“, suchte einen neuen Erfolgsstoff, griff den damals bekannten Goethe-Text auf und nahm sich dessen zusammen mit Anne-Honoré-Joseph Duveyrier, genannt Mélesville an. Wenn auch mit der einen oder anderen Scribeschen Dutzendplattitüde versehen, schufen sie ein heiter-espritiöses Libretto mit feinen Zweideutigkeiten für eine comique von Adolphe Adam, von dessen Riesenwerk heute auf der Bühne nur noch sein Ballett Giselle  und im Wunschkonzert die Postillon-Romanze von Longjumeau übrig geblieben ist. Scribe und Auber verzeichneten zu dieser Zeit gerade einen großen Erfolg mit ihrer Oper „Le philtre“ („Der Liebestrank“), die kurze Zeit später Felice Romani und Gaetano Donizetti als Vorlage für den zum bis heute anhaltenden Welterfolg ihres elisirs wurde. Von diesem Stoff ließ Scribe auch Etliches in das neue Werk einfließen. Die neue Oper hieß „Le Chalet“, wurde 1834 an der Opéra comique uraufgeführt und hatte mit über 1500 Aufführungen bis 1922 durchschlagenden Erfolg; vergleichbar mit heutigen „Musicals“, der amerikanischen Version der Hochkultur. Die Verantwortlichen des Wildbad-Festivals mussten tief in den  Bibliotheken graben, um diese absolute Rarität wieder einmal vorstellen zu können. Der Schweiß der Edlen hat sich gelohnt.

Marco Filippo Romano (Max); Artavazd Sargyan (Daniel)

Die Handlung des Stücks ist genau ins Jahr 1799 verzeitbar und spielt während des zweiten Koalitionskriegs im Kanton Appenzell, drei Wegstunden von Herisau. In Daniel, dem jungen Bauern, in Max, dem Sergeanten mit einem Zug Soldaten, und in Betly, der Bewirtschafterin des Chalets, erkennt man unschwer die Personen Nemorino, Belcore und Adina aus dem Elisir d’amore. Heute nennt man so etwas „Zweitverwertung“. In Bad Wildbad kommt das Stück mit stark gekürzten Dialogen auf die Bühne: ein konzentriertes geistreiches  Feuerwerk in einer fulminanten Musikkomödie, exzellent inszeniert und gesungen: Betly bewirtschaftet ein Chalet in den Bergen, will ihre Unabhängigkeit bewahren und weist die Werbung des reichen Bauern Daniel zurück. Das Volk macht sich über ihn lustig. Vor Verzweiflung lässt er sich zum Militär anwerben, in eine Kompanie österreichischer Soldaten, die gerade unter dem Kommando des Sergeanten Max das Schweizer Dorf  und das Chalet aufmischt. Max ist niemand anders als der vor Jahren in die Ferne gezogenen Bruder Betlys, der seine Schwester gern verheiratet und mit einem Regiment Kinder sehen würde. Mit einer ganzen Reihe von nicht allzu subtilen komödiantischen Tricks bringt er sie zur Ehe mit dem Knalleffekt der Erkennung am Schluss: nun kann Daniel über das Dorfvolk lachend triumphieren; und der lacht bekanntlich am besten, der am letzten lacht…

Marco Filippo Romano (Max); Chor

Nicola Berloffa legt eine ebenso einfache wie glänzende Inszenierung vor, die sehr konzentriert wirkt und auf nicht mehr als 75 Minuten kommt. Das Bühnenbild für den Einakter ist von Caroline Stauch und zeigt nicht mehr als einen Einheitsraum mit einem Tisch und einer Kuckucksuhr an der Wand vor einer großen zweiflügligen Tür; man befindet sich in Betlys Chalet. Wird die Flügeltür geöffnet (ziemlich häufig, weil durch diese der Chor auf- und abtritt), erblickt man eine Berglandschaft mit Gletschern, die in Wirklichkeit allerdings im Kanton Appenzell schon seit der Eiszeit abgeschmolzen sind. Claudia Möbius hat wieder die Kostüme entworfen. Der Zug Soldaten des Max erscheint natürlich in Uniform, die Männer der Volksgemeinschaft sind ebenfalls uniformiert: im Smoking! Stilbrüchig dazu schwenken sie riesige Bierkrüge, aus denen sie – nimmt man Text ernst – Wein trinken. Die Maidli des Dorfes sind schön bunt eingekleidet, aber nicht in Appenzeller Tracht, sondern in moderner schicker Abendrobe, deren Farben das Bild beleben! Wenn man im Kanton Appenzell gereist ist, weiß man, dass es dort überall nach Kühen und Käse riecht; eine Zahl von 30 Schweizerbürgern in Abendrobe kann man sich dort weniger vorstellen! Als einziges altes Volksgut wird eine Kuckucksuhr gezeigt. Dass die Regiearbeit fast in der Gegenwart angekommen ist, zeigt auch die Tatsache dass sich der gut genährte Sergeant Max beim Aufstieg zum Chalet an Nordic Walking Stöcken (aber älteres Modell, noch keine Carbon-Fasern!) fortbewegt. Viel Kleinkomödiantisches und satirische Personenzeichnung! Selbst den Texteinwurf „der Krieg nährt den Krieg“, als die Soldaten Betlys Weinkeller plündern (erst in späteren französischen Opern mit germanischem Sujet finden die Saufgelage mit Bier statt: Madame de Staël lässt grüßen!) lässt der Regisseur beiseite; jeder junge deutsche Starjungregisseur hätte zu diesem propos das ganze reizende Stück völlig dekonstruiert

Federico Longo hatte die musikalische Leitung des turbulenten Kurzabends inne; es spielten wieder die Virtuosi Brunensis engagiert und schwungvoll: Den turbulenten Tempi musste sich zeitweilig die Präzision unterordnen. Mit Intonationsproblemen meldeten sich die üblichen Verdächtigen zu Gehör. Wenn auch hier die Leichtigkeit des Dirigats fehlte, ließ doch in der einfachen, aber inspirierten Musik Rossini grüßen: die Begleitformeln sind teilweise noch einfacher; anders als bei Rossini ist aber folkloristische älplerische Musik eingewoben. Später findet man Ähnliches bei Offenbach. Gesanglich prächtig einstudiert von Ania Michalak und der Regie mit großer Spielfreude folgend zeigte sich der Camerata Bach Chor aus Posen, gekonnt choreographiert von Matteo Graziano

Marco Filippo Romano (Max); Diana Mian (Betly)

Die Sänger traten in der einfach möglichsten Dreierkonstellation auf: das Paar und dazu eine tiefe Stimme, die aber hier das Paaren nicht verhindert, sondern listig betreibt. Als Sergeant Max beherrschte der in jeder Hinsicht wendige Marco Filippo Romano die Szene: ein Erzkomödiant mit einem vollen, sonoren und gleichzeitig beweglichen Bassbariton. Eine Idealbesetzung! Neben ihm wirkte im Duett der gut geführte, schlanke und helle Tenor von Artavazd Sargyanals als Daniel trotz ansprechender Kraft von zarter Leichtigkeit: man wusste nicht so recht, was da mehr schlotterte, seine etwas zu große Uniformhose, die er gegen seinen schicken weißen  Ausgehanzug eingetauscht hatte oder seine Knie wegen des von Max angedrohten Duells. Überzeugendes Spiel auch des Tenors. Diana Mian legte die Betly mit resoluter Naivität an, ehe sie zum lieto fine eingewickelt wurde. Ihre ansprechende Bühnenerscheinung und ihr kräftiger Sopran  überzeugten.  Die kräftig eingekürzten Dialoge wurden elegant und gut verständlich auf Französisch gebracht, obwohl letztlich mit Sargyan nur ein Muttersprachler agierte.

Das war ein kurzer fröhlicher Musikabend geballten Humors, gefeiert aus dem ausverkauften Haus. dr Kultur hat den Abend mitgeschnitten und wird damit am 27.07.13 um 19h05 auf Sendung gehen. Zusätzlich wird diese Rarität auf CD und DVD erscheinen.  

Manfred Langer, 22.07.2013                                        Fotos: Patrick Pfeifer

 

 

Ricciardo e Zoraide (Rossini)

konzertant im Saal der Trinkhalle am 20.07.13    (Premiere am 17.07.13)

Die Fortsetzung der Barockoper mit anderen Mitteln

Aus dem rasenden Roland von Ariost sind viele barocke Opern entstanden: sie handeln alle von der Vertreibung der Araber aus Europa unter den Karolingern. Nach heutigem Standpunkt scheint es merkwürdig, dass in keiner dieser Opern Rasse, Religion oder Politik eine entscheidende Rolle spielt; vielmehr geht es immer vorrangig um die persönlichen Beziehungen der Handelnden quer durch die Fronten. So auch bei diesem Stoff der 1818 in Neapel uraufgeführten Oper Rossinis, in der Personal aus zwei Kontinenten und verschiedenen Religionen spielt, in der bei sechs Handelnden und etwas Nebenpersonal eine Dreierkonstellation aus zwei rivalisierenden Tenören (Ricciardo/Frankenheld und Agorante/ Nubierfürst) und der begehrten Sopranistin (Zoraide) den Mittelpunkt bildet. Verwicklungen, Intrigen und lieto fine durch deus ex machina wie in der Barockoper! Am Teatro San Carlo in Neapel wollte man eine seria haben. Francesco Berio di Salsa schrieb das Libretto im metastasianischen Faltenwurf, aber ohne dessen Feinheit. Recitativo, aria, recitativo, Ensemble usf. Die Handlung wird in den Rezitativen erzählt, Befindlichkeiten und Gefühle in den Arien und Ensembles ausgedrückt – fast wie die Affektenbehandlung im Barock. Immerhin hat Rossini keine da capo Arien mehr geschrieben, aber alles wird mehrfach gesungen. Die Neapolitaner hatten ihre seria. Sie wurde recht erfolgreich auf die Bühne gebracht Mal, verschwand dann in der Versenkung; vielleicht weil es dem Librettisten nicht gelang, den Figuren Fleisch und Blut zu verleihen. Trotz der komplizierten Intrigen,  welche von den weiteren drei Handelnden Personen angezettelt werden (Zomira/Agorantes rechtmäßige Ehefrau, Ernesto/Ricciardos Freund und Ircano/Zoraides Vater) trotz oder wegen der Verkleidungsszenen, Duelle, Kerkerszenen – alles topoi der (damals zwischenzeitlich untergegangenen) Barockoper - bleibt das textlich matt und an der Oberfläche; Mitgefühl für die handelnden Personen will sich nicht einstellen.

Das Rossini Opera Festival Pesaro hat in den letzten Jahren zwei Wiederbelebungsversuche veranstaltet, die nicht ganz folgenlos blieben; denn nun hat man in Bad Wildbad das Werk konzertant angepackt. Da können allerdings die musikdramaturgischen Neuerungen für die Oper, wie Rossini sie durchaus gebracht hat, nur teilweise zur Geltung kommen. Das gilt für das dramatische Auftreten eines großen gemischten Chores, darunter auch Fern- und Echochoreinsätze sowie einer (Hinter)Bühnenmusik. Das ist neu; aber gerade das wurde in Bad Wildbad nur eingespielt, so dass die Echo-Effekte und die Wechselsprache nicht so gut zur Geltung kamen. Neu im Vergleich zur Barockoper ist auch die Tatsache, dass es in den 15 Nummern nur drei Arien gibt, dagegen sehr viele Ensembles und die beiden großen Akt-Finali. So galt auch an diesem Abend, was man allgemein gern zu konzertanten Opernaufführungen sagt: Durch die Konzentration der Sänger auf den Gesang wird die musikalische Qualität angehoben; als Zuschauer kann man das wie in einem Handlungsoratorium genießen.

Leider kommt Ihr Kritiker nicht umhin, etwas Wasser in den Wein der Musizierkunst zu schütten, was das Orchester anbelangt. Abgesehen von etlichen auch schmerzhaften Stockfehlern der Intonation der Hörner und bei den Tutti-Einsätzen (da hätte Beckmesser  schon vor der Pause alle sieben angekreidet!) hätte man sich das Orchester, die Virtuosi Brunesis aus Brünn, unter der Leitung von José Miguel Pérez-Sierra mit einem leichteren, filigranen trockneren und federnden Rossini-Klang gewünscht. Hier wurde ja kein Dvořak gespielt. Mit weniger forte könnte man auch besser nuancieren. Aber man konnte dem Orchesterklang auch eine guten Seiten abgewinnen: die schöne, satte Streichergrundierung und feine Färbungen aus dem Holz einerseits und respektheischende militärische Einsätze des Schlagwerks, der Trompeten, Posaunen und des markanten Cimbasso. Dann hatte man den Eindruck, dass bei den Stretten das Orchester in voller Spiellaune mitzog und die Präzision sich umso mehr steigerte, je mehr der Dirigent das Tempo anzog. So klang das durchaus inspiriert. Dazu kam der klangschöne Camerata Bach Chor Posen, bestens vorbereitet von Ania Michalak. Das ist ein professioneller Chor, der sich aus Mitgliedern des Opernchors Posen, dem Philharmonischen Chören Krakau und Breslau zusammensetzt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Viele der  eingesetzten Sänger hatte man schon in Vorjahren in Bad Wildbad bzw. in den Parallelproduktionen dieses Jahres gehört. Einen restlos überzeugenden Eindruck hinterließ Maxim Mironov als Ricciardo. Schon letztes Jahr hatte er als Hermann Moor in den Briganti zu begeistern gewusst, nun klang er noch geschliffener. Perfekte Registerwechsel mit seiner durchweg hellen Stimme, Höhensicherheit, mühelose Kraftentfaltung und schlanke leichtgängige Koloraturen zeichneten seinen Gesang aus.  Ihm galt am Schluss der meiste Jubel. Für seinen Gegenspieler Agorante  war Randall Bills besetzt, der zuletzt im Belcantofach am Staatstheater Darmstadt auf sich aufmerksam gemacht hat. Er sang die Rolle, die einen sehr großen Tonumfang erfordert, quasi mit zwei Stimmen: seinem tiefen und mittleren eingedunkelten Register von großer Geschmeidigkeit, auf das er hell und kraftvoll mit punktgenauer Intonation seine Spitzentöne aufsetzte. Mit dem Ernesto gab es noch einen Tenor, dem Artavazd Sargsyan mit seinem hellen, sauber ausgesungenen Tenor lyrische Seiten verlieh. Es gab noch einen vierten Tenor: Bartek Zolubek als Zamorre, der sang aber nur einen Satz und kam zu dieser Gelegenheit aus dem Chor nach vorne. Als Ircano fungierte Nahuel Di Pierro, der seinen durchschlagkräftigen klaren Bass sowohl in den Gesangslinien schön strömen ließ als auch in den Bass-Koloraturen elegante Beweglichkeit bewies.

Bei den Damen begeisterten sowohl Alessandra Marianelli in der Titelrolle der Zoraide als auch Silvia Beltrami als intrigierende „Rivalin“. Sie hatte eine der wenigen Arien und brillierte mit gekonnten Verzierungen und brillanten Koloraturen ihrer für erstaunlich fokussierten klaren  Altstimme. Frau Marinelli verfügt über eine zauberhafte, kristallklare und schlanke Sopranstimme mit schöner Leuchtkraft, die in ihren Höhen fast vibratolos klingt und auch dramatische Kraft freisetzen kann. Gestisch wirkte sie etwas angespannt. Von ihr kann man noch viel erwarten. Vom Publikum wurde sie weniger gefeiert als die anderen Hauptdarsteller. In den beiden weiblichen Nebenrollen waren noch Anna Brull mit fast viril kräftigem Mezzo und Diana Mian mit etwas hartem Mezzo zu hören. Allen Solisten gelang eine schöne Textverständlichkeit.

Die zweimal achtzig Minuten des Werks vergingen wie im Fluge. Die Qualität des Gesangs erhob die Veranstaltung über ein „Festival“ hinaus zu einem wahren Belcanto-Fest. Das Publikum im ausverkauften Saal zeigte seine Begeisterung schon bei dem vielen und teilweise lang anhaltendem Zwischenapplaus. Man sah viele glückliche Gesichter. Es war die zweite der beiden Aufführungen im Programm

Manfred Langer, 22.07.2013

 

 

Guillaume Tell

Besuchte Vorstellung: 18.07.13               (Premiere 13.07.13)

Überzeugende Erstaufführung der Revolutionsoper in Originallänge

Nun wird auch große Oper gezeigt im Saal der Trinkhalle in Bad Wildbad, Rossinis letztes und längstes, ziemlich sperriges Werk für die Opernbühne im Stile der französischen Grand Opéra, wenn auch in nur vier Akten. Zum 25-jährigen Jubiläum muss es ja etwas Besonderes geben! Nicht nur, dass man sich an dieses Werk wagt, es wird auch noch in der vollen Länge der Version gezeigt, die zur Einstudierung der Oper in Paris 1828 vorlag, und von da an immer weiter gekürzt wurde. Eine echte Erstaufführung inklusiver der Ballettszenen, die es auf eine reine Spielzeit von viereinviertel Stunden bringt. In dieser Gestalt kommt der Wilhelm Tell zu einer spürbar anderen Wirkung als in den verschiedenen üblichen gekürzten Versionen. Vorab ist zu bemerken, dass von allen Werken im Stil der Grand Opéra Guillaume Tell sicher heute die meistgespielte ist, wenn man einmal von dem anders gelagerten Fall von Verdis Don Carlos absieht.

Alessandra Volpe (Hedwige), Andrew Foster-Williams (Tell), Tara Stafford (Jemmy), Nahuel Di Oierro (Melctal)

Schiller hat seinen Tell-Stoff (1804) aus französischen Vorlagen geschöpft. Dort war das Sujet schon vor der Revolution sehr beliebt und wurde 1791 als Revolutionsstück von Grétry veropert. (Der hatte die Kurve vom Compositeur von Buffoopern für die Hofgesellschaft zum Komponisten von Revolutionsopern sehr schnell gekratzt...) Das Libretto von Rossinis Tell hat Étienne de Jouy zusammen mit Hippolyte Bis aus Schillers Dramen und verschiedenen französischen Vorlagen entwickelt. Tell erfährt hier eine andere Charakterisierung als bei Schiller. Er ist nicht der gutmütige Hausvater, der mit der Axt im Haus, die den Zimmermann erspart und der nur gedankenlos oder fahrlässig in die Geschichte mit Gesler hineingezogen wird, sondern hier agiert Tell als fanatischer Berufsrevolutionär. Er ruft gar die Frauen auf, ihre Männer von der Bettkante zu stoßen und zum Aufstand zu schicken. Ehe und Familie sind für diesen Tell sekundär, der von Jochen Schönleber, der auch der Intendant des Festivals ist, in seiner Inszenierung der Oper als Fundi des zivilen Ungehorsams und Kampfes gezeigt wird.

Die Oper kann natürlich überall, sogar in der Schweiz spielen, was von den meisten Deutschen und Helvetiern immer noch zwingend vorausgesetzt wird. Schönleber bestreitet das in seiner Inszenierung auch nicht, versetzt aber fast jeden Hinweis auf das Kolorit der Schweiz mit einem etwas distanzierenden Verfremdungseffekt und entgeht somit typischer Folklorelei von Sommeraufführungen: vor allem keine Trachten! Auch keine grüne Wiese, kein grüner Baum, kein blauer See. Das passende Bühnenbild stammt von Robert Schrag. Den Gegebenheiten des Saals (Bühne ohne Technik!) Rechnung tragend handelt es sich um ein Einheitsbühnenbild, dessen zentrale Spielfläche hier und da mit handlungstypischen Requisiten angereichert wird. Umgeben ist es von einem Zackenmuster grauer graphischer Elemente, welche sowohl Häuser und Dächer als auch spitze Berge imaginieren lassen. Meist ist die Bühne nach hinten abgeschlossen, so dass keine für die Sänger ungünstige tiefe Hinterbühne offen steht. Durch einige wenige Projektionen wird etwas Realismus hinzugefügt. - Wilhelm Tell kann auch in jede geschichtliche Epoche verlegt werden. Hier legt sich die Regie nicht fest, zeigt aber eher moderne Elemente. Das Volk (den Chor) hat Claudia Möbius in schöne bunte Kostüme gekleidet, die Milizen und Soldaten natürlich in Oliv und den steifen Gesler in eine Paradeuniform. Tell tritt nur im Drillich auf. Warum Schönleber das geschundene Volk in Touri-Schlabberkluft auftreten lässt wie eine deutsche Urlaubsgesellschaft in Tirol, darüber kann man sich Gedanken machen; vielleicht nicht mit einem positiven Befund für das Volk...

Michael Spyres (Arnold); Judith Howarth (Mathilde)

Hochzeitszeremonie und Exposition im ersten Akt. Entsprechend einem noch heute in einigen Gegenden der Schweiz geübten Brauch, trägt die Dorfbevölkerung zur Aussteuer der Hochzeitspaare bei, indem jedem drei wichtige Tücher geschenkt werden; dort hinein kommt dann auch noch ‘s Vreneli…  nur wenig Ironie. Solche heiteren Szenen sind in die Aufruhrgeschichte hineingewoben. Im zweiten Akt wird es ernst. Mathilde will ihren Arnold für die herrschenden Kräfte in den Kampf schicken, damit er, heldenhaft bewährt und dekoriert, ihres Standes würdig werde; es kommt aber anders, als Furst und Tell ihm von der Ermordung seines Vaters berichten: zum Pakt zwischen den Dreien und zum Rütlischwur. Mathilde erst in Luxus, dann in Militärhose wird so umgekehrt für Furst und den jungen Melctal standeswürdig. Zum Rütlischwur treffen die Mannen in drei Gruppen ein. Die aus Unterwalden beklagen den langen beschwerlichen Weg, obwohl sie nur über die Kupp zu laufen brauchten. Die Schwyzer von jenseits des Sees sind einfach da, die Urner lassen auf sich warten, denn um ihre Spuren zu verwischen sind sie langsam übers Wasser gekommen. Diese Ironie (oder Ortsunkenntnis) des Librettisten setzt der Regisseur dann weiter um: alle gemeinsam (immerhin dreißig Choristen) zahlen einen Obulus am Kassentisch als Eintritt fürs Rütli und setzen sich dann auf Stapelstühle aus Plastik (stehen die eigentlich auf jeder Bergwiese herum? Auf dem Schloss nimmt man hingegen auf plüschbezogenen Polsterstühlen Platz...) Die Landleute bekommen im Gegenzug etwas ausgehändigt: eine rote Stimmkarte? Den Pass der zukünftigen helvetischen Republik? Oder ein Sparbuch oder ein Partizipationsschein für den Fall des wirtschaftlichen Gelingens? Das Pult, an welchem Tell mit seiner Rede zum Aufstand treibt, ist mit dem weißen Kreuz auf rotem Grund drapiert, allerdings etwas verquer als Andreaskreuz. Schönleber ist wohl kein Schweizer, sonst hätte er das so kurz vorm 1. August nicht gewagt. Aus den drei Chören der Urschweizer entsteht im Finale des zweiten Akts ein grandioses Unisono: das ist natürlich Programm! So eingeschworen dürfen die Zuschauer in die über zweistündige Mittelpause gehen; entsprechend des Sujets stehen gegenüber am Kurhaus drei Alphornbläser und spielen Kuhreigen-Dreiklänge. An anderer Stelle wird eine Armbrust-Demonstration durchgeführt.

Eidgenossen: Nahuel di Pierro (Furst), Michael Spyres (Arnold), Andrew Foster-Williams (Tell)

Im dritten Akt kommt die Wende. Die Regie lässt sich hier zur Zwangsjubelfeier mit Demütigung des Volkes, vor allem der Mädchen, vor den Augen Mathildes und Geslers sehr viel einfallen. Das muss sie auch, denn musikalisch ist die Szene mit Ballett-Einlagen lang. Da wird es in der Bewegung des Chors der Landleute und dessen Sticheleien und kleinen Nickligkeiten und Übergriffen der Soldateska nie langweilig. Alles mit dem feinen Pinsel gezeichnet und nicht mit dem Farbbeutel des Regietheaters. Im Hintergrund hängt Geslers Hut in einer Nische, die als umgedrehtes WC mit zwei Klopapierrollen und einem roten Klodeckel wie die Fratze des Tyrannen wirkt. Auch die Apfelschuss-Szene ist lang, bleibt dabei aber zu statisch. Wieder ein großes Finale mit Chor, während dessen Tell weggeschleppt wird und Mathilde Jemmy aus der Gefahrenzone schafft. Im vierten Akt vereinigen sich die Leute mit den notorischen Mistgabeln und Äxten „bewaffnet“ im Haus von Melctals Vorfahren. Aber der Alte hatte schon vorgesorgt; in seinem Sideboard im Stil der fünfziger Jahre sind jede Menge Karabiner versteckt. Der Kampf kann beginnen. Die letzte entscheidende Szene spielt wie im Kino. Die Frauen schauen sich auf einer halbtransparenten Leinwand eine immer wiederkehrende Szene aus „Panzerkreuzer Potjemkin“ an „All Hands on deck!“. Durch Beleuchtungswechsel wird dahinter auf stürmischem(r) See das Boot mit Gesler und Tell sichtbar. Tell kommt als ersten an Land, dann Gesler mit seinen Schergen, die Tell wieder einfangen sollen. Tell erschießt Gesler mit der Armbrust; er hat in Notwehr gehandelt. - Schönleber liefert eine einfache, aber abwechslungsreiche und dabei stringente Regiearbeit ab.

Michael Spyres (Arnold), Andrew Foster-Williams (Tell): das Vok wird eingeschworen (später wird ein anderes Kreuz entwickelt!)

Die musikalische Leitung des Abends hatte der Musikchef des Festivals, Antonino Fogliani, im Graben spielten die Virtuosi Brunensis aus Brünn, ein volles Beethoven-Orchester, das eine eindrucksvolle Klangfülle in dem recht kleinen Saal erzeugte. Im Tell klingt Rossini nicht trocken neoklassizistisch, sondern voll und saftig. Nicht nur die Sprache der Oper ist Französisch, auch die Musik. Leider muss man dem Orchester auch eine ganze Reihe unsauberer Einsätze und anderer Ungenauigkeiten attestieren. Das können die sicher besser. Aber die Steigerungen in Partitur und Handlung wurden vom „Graben“ (der ist in der Trinkhalle ebenerdig) mit enormen Aufschwüngen gestaltet – in den großen Finali mit Chor und Solisten bis an die Grenze der räumlichen Möglichkeiten des Saals. Dabei blieben aber die Sänger immer noch durchhörbar. Wilhelm Tell ist eine Oper, in der auch das Volk eine große Rolle spielt, eine große Choroper. Alle vier Akte enden in großen Chorszenen; die letzte in siegendem C-dur schließt mit dem zum Grundton absteigenden Dreiklang. (Ob Rossini mit seinem opus magnum auf die Zeit der großen Revolution abzielte oder aber den Aufstand des Juli-Aufstands von 1830 vorausahnte, bleibt Spekulationen vorbehalten.) Sowohl stimmlich (das ist normal) als auch überwiegend darstellerisch wurde dem Chor viel abverlangt, und in beiden Kategorien wusste die Camarata Bach aus Posen (präzise Einstudierung: Ania Michalak)) zu begeistern. Einen besonders erhabenen Eindruck hinterließ der große unisono-Chor der Rütliszene mit seiner gewaltigen Dynamik. Was heute in der Theatertradition im deutschsprachigen Raum fast ausgestorben ist: das Ballett. Es wird im „normalen“ Theaterbetrieb fast immer gestrichen: zu lang, zu teuer. Daher war man gespannt, wie die Ballettmusik in der vollständigen Fassung szenisch gestaltet würde. Kurz: Es gab ein Ballett, eine sechsköpfige Tänzergruppe als Corps de ballet (Foto), die einen schönen „pas de six“ aufführte und bei weiteren Einlagen die Bewegungen und Schreitübungen des Chors begleitete. Die Choreographie besorgte Matteo Graziano.

in der Mitte: Michael Spyres (Arnold), Chor

Zehn Gesangssolisten wurden für die zwölf Gesangsrollen der Besetzungsliste eingesetzt, davon nur wenige ausgesprochene Nebenrollen. Glänzend war die Titelrolle besetzt. Andrew Foster William schien die ihm zugedachte Rollenauslegung des Tell auf den Leib geschrieben: kein unbedingt angenehmer Zeitgenosse, dieser Kämpfer! Überaus kernig und kräftig sein Bassbariton. Ebenso kraftvoll mit sonorem Bass gestaltete Nahuel Di Pierro die beiden Rollen des Walter Furst und des alten Melctal. Michael Spyres konnte als Rossini-Tenor in der Rolle des Arnold Melctal überzeugen; es ist dramaturgisch nicht die typische schmachtende Liebhaber-Tenorrolle der italienischen Oper; aber sie erfordert mindestens deren Fähigkeiten. Spyres sang als baritenore aus einer dunkel timbrierten Mittellage heraus gut getroffene helle Spitzentöne; man sah ihm dabei die Konzentration an. Mit Artavazd Sargsyan, dem einzigen Muttersprachler, war ein heller, kraftvoller und gut fokussierter Tenor als Ruodi besetzt; er erhielt für sein Schmachtlied zu Anfang gleich viel Beifall. Wie ein Fischer am Urner See wirkte er nicht gerade, vielmehr so, als ob man ihn für eine Belcanto-Oper von einer Gondel in Venedig wegengagiert hätte. Aus seiner Aufmachung geht zwingend hervor, dass er nicht den Mut hat, den von Geslers Schergen verfolgten Schäfer Leuthold über den See zu rudern. Den sang Marco Filippo Romano mit finster-kernigem Bariton. Der dritte Tenor, Giulio Pelligra, ein  giftiger Charaktertenor mit Schärfen fiel dagegen als Rodolphe ab. Ebenso Raffaele Facciolà, dessen Bariton als Gesler die nötige Schwärze und dazu auch Festigkeit und Durchschlagskraft fehlten, der zudem mit der französischen Sprache zu kämpfen hatte und darstellerisch hölzern wirkte. Einer der musikalischen Höhepunkte: das Terzett Tell/Arnold/Furst vor der Rütliszene.

Ballett

In den verschiedenen dramatischen Tell-Versionen gibt es keine Liebesgeschichte, wie sie seit jeher die Oper verlangte. Die Rolle der habsburgischen Prinzessin Mathilde ist daher eingefügt worden, damit sie mit Arnold ein Liebespaar bilde und damit es eine große Sopran-Partie gebe. Dramaturgisch ist das nicht zu Ende geführt: Denn dass Arnold und Mathilde sich zum Schluss „haben“ dürfen, geht im Freiheitsjubel unter. Die Mathilde wurde von Judith Howard gegeben, die mit einem fülligen Sopran und angenehmem Vibrato gefiel. Ob sie, des Französischen unbedarft, wusste, was sie da eigentlich sang? In den weiteren Frauenrollen Tara Stafford als Jemmy mit silbrigem, jugendlichen Sopran und schöner Stimmführung sowie Alessandra Volpe als Hedwige mit schlankem, klarem Mezzo. Dramaturgisch wichtige Personen, aber gesanglich kommen sie auch in der ungekürzten Version deutlich zu kurz. Mit ihrem Duett im vierten Akt konnten Mutter und Sohn gut gefallen.

Diese Tellversion, die es auf eine Nettospielzeit wie der Parsifal oder die Götterdämmerung bringt, wurde beim Festival viermal gegeben; dreimal vor ausverkauftem, aber  diesem Donnerstagnachmittag/Abend nicht besonders gut besuchtem Haus. Immerhin erforderte der Besuch des Stücks inklusive Einführung acht Stunden Präsenz in Bad Wildbad.  Die Produktion wurde vom SWR aufgezeichnet und auch für eine DVD gefilmt. Vor dem Pantoffelkino braucht man dann dafür „nur“ gut vier Stunden. Aber auch die über acht Stunden mit Pausen und Begleitprogramm an diesem Abend haben niemanden gereut. Denn die Begeisterung zum Abschluss war groß.

Manfred Langer, 21.7.2013                           Produktionsfotos: Patrick Pfeifer

 

Addendum

Der Festvortrag zum 25-jährigen Jubiläum des Festivals wurde im Forum des König-Karls-Bads von Anselm Gerhard gehalten, Professor für historische Musikwissenschaft an der Universität Bern, einem Spezialisten für die Pariser Oper zu Rossinis Zeit. Ein fesselnder Vortrag über Rossini in seiner Zeit, sein Opernschaffen und die musikalischen Neuerungen seines Guillaume Tell: Neuerungen musikalischer und musikdramaturgischer Art, mit denen er anderen den Weg gewiesen hat, während er selbst danach keine Oper mehr geschrieben hat. Von den fundierten Ausführungen zum Tell ist in die obige Besprechung nichts mehr eingeflossen, sonst wäre die noch länger geworden...

Da es noch nicht reichte, den Guillaume Tell in seiner integralen Fassung aufzuführen, gab es noch ein Konzert, in welchem u.a. weitere Musikstücke, die Rossini im Nachherein für weitere Fassungen der Oper komponiert hatte, gespielt wurden.

 

 

„Rossini&Co“,  Konzert der Meisterklasse Teil II am 20.07.2013

Der argentinische Tenor Raúl Gimenez hielt zum Rossini Festival eine Meisterklasse ab, deren Teilnehmer sich zu Klavierbegleitung in zwei Konzerten vorstellten. Zahlenmäßig dominant waren dabei die Teilnehmer einer Delegation aus China, bei denen neben der Anspannung und den gesanglichen Anforderungen natürlich teilweise auch die Schwierigkeiten mit der Sprache, selbst mit Italienischbemerkbar machten. Andere Feststellung: es gibt beim Nachwuchs keine korpulenten Sänger mehr.

Hu Shanshan begann das Konzert mit dem Aleluja aus „Exsultate, jubilate“ von Mozart. Nicht ohne Schärfe und manchmal etwas angespannt klang ihr leuchtend heller und gut fokussierter Sopran. He Zz Jian sang aus der Zauberflöte „Aus diesen heiligen Hallen“. Er verfügte über eine sonore Tiefe, hatte aber deutlich mit der Sprache zu kämpfen. Jia Ru gab aus dem ersten Akt der Lucia di Lammermoor „Regnava nel silenzio“ der Lucia. Von reizender Erscheinung konnte sie ihre Anspannung schnell überwinden und ließ ihre Stimme bei gelöst fließenden Koloraturen leuchten: großer Beifall! Dazu gab es die kurze, kraftvolle Intervention der Mezzosopranistin Anna Brull  als Alisa. Die italienische Sopranistin Federica Vinci kam mit der Gräfin-Kavatine „Porgi amor“ aus den Nozze nicht zurecht: zu schwer die Stimme und flackernd. Das war zu hoch gegriffen. Kaum besser machte es Zhao Yue mit D. Scarlattis „Qual farfalletta amante“ – nicht frei und monochrom. Guo Long indes brachte aus Donizettis Don Pasquale „Bella siccome un angelo“ (Malatesta) mit kraftvollem geschmeidigem Bariton bei bester Aussprache. Noch einmal Federica Vinci als Gräfin, diesmal mit dem Duettino „Canzonetta sull’aria“ im Duett mit Sarah Kate Walston (Susanna), die leicht und gefällig den richtigen Ton traf.

Yasuhi Watanabe sang aus Cimarosas Il matrimonio segreto (warum nur wird diese Oper so selten gegeben?) „Pria che spunti in ciel l’aurora“ (Paolino) und zeigte schönes Tenor-Material für einen Mozarttenor. Trotz eines Registerausrutschers sang Li Ze mit edlem lyrischen Bariton Bellinis „Ah per sempre!“ (Riccardo) und erhielt wohl dafür den größten Applaus. „Tu sola ah mia Giulietta“ (Romeo) aus I Capuleti e i Montecchi gestaltete Anna Brull mit kraftvollem Mezzo; ihr Tremolo im hohen Register sollte sie noch etwas zu begrenzen wissen. Koichi Okugawa gab dann „Nell teatro del gran mondo“ (Gaudenzio) aus Rossinis Il signor Bruschino mit mächtigrm, aber dennoch schön beweglichem Bassbariton bestens artikuliert. Bis hierher begleitete Achille Lampro die Sänger zuverlässig und virtuos am Flügel.

Nun wurde verstärkt mit Opernsängern des Festivals aus Rossinis Il viaggio a Reims das Sextett „Non pavento alcun periglio“ zu einem besonderen Ohrenschmaus, ehe Silvano Zabeo „Une caresse a ma femme“, ein romantisches Klavierstück aus Rossinis „Pechés de vieillesse vortrug, zu dessen Ende vierzehn Sänger aufzogen, um aus dem großen pezzo concertato aus dem Finale des zweiten Akts der Reise nach Reims eines der großartigsten Stücke Rossinis anzubieten. Großer Beifall im Saal auch für maestro Raúl Giménez, ehe ein fröhliches Rossini-Potpourri überwiegend aus dem barbiere jedem Sänger noch die Gelegenheit zu einem kleinen Lieblingsstück bot.

Bei der Verleihung des internationalen Belcanto-Preises, der auch mit einem symbolischen Geldbetrag dotiert ist, wurden Jia Rue und Anna Brull Belobigungen mit Ausrufungszeichen überreicht. Der erste Preis ging an den französischen Tenor Artavazd Sargsyan, der bei diesem Konzert an den beiden Ensembles teilnahm und darüber hinaus an allen drei Opern des Festivals 2013 mitwirkte.

Manfred Langer, 21.07.2013

 

Produktions- und Künstlerfotos:      © Patrick Pfeifer

Patrick Pfeifer, Oberlohnstraße 3, D-78467 Konstanz;  Tel. 0049 7531 67438               theater@PfeiferPhotodesign.de

 

 

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