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Fotos: Patrick Pfeiffer

Rossini in Wildbad – Belcanto Opera Festival 2011

Königliches Kurtheater 08.07.2011 (Premiere)

Il Noce di Benevento  

(Der Hexenbaum von Benevent)

Giuseppe Balducci (1796 – 1845)

Belcanto-Schmankerl zur gehobenen Unterhaltung

Steigt man in Bad Wildbad im Nordschwarzwald aus dem Zug oder dem Auto, bietet sich erst einmal ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. Alles gepflegt kühl und kühl gepflegt, dabei ziemlich menschenleer;  zwischen einigen schönen alten Badehotels der Belle Epoque stehen aber ebenso wie hoch an die Hänge des engen Tals hinauf Betonkästen, die beim Betrachter sofort die gedankliche Assoziation an Dynamit hervorrufen. Hier werden seit dreiundzwanzig Jahren Rossini-Tage veranstaltet. 1856 war Bad Wildbad ein mondäner Kurort und schön mit reichen Gebäuden des Klassizismus ausgestattet. Damals versuchte Rossini hier Gebreste zu lindern, die sein Wohlleben im Alter noch verstärkt hatte. Warum also nicht in Wildbad ein Rossini-Festival veranstalten? Dazu gibt es einen ansprechenden Theatersaal in der historischen Trinkhalle, weitere geeignete Spielstätten, die derzeit renoviert werden und das ganz reizende kleine Königliche Kurtheater aus dem 19. Jhdt., das mit seinem gerade 200 Zuschauer fassenden Saal gerade frisch saniert worden ist. Vor diesem Theaterchen kam auch tatsächlich Festspielatmosphäre auf, als sich das internationale Publikum an dem sonnigen Sommerabend zwischen Theatereingang und Ü-Wagen des SWR zum Plausch versammelte.

Neben Rossini werden beim Festival auch Belcanto-Werke seiner Zeitgenossen aufgeführt; 2011 die Salonoper in zwei Akten „Il Noce di Benevento“  des italienischen Komponisten Giuseppe Balducci (1796 – 1845).  Balducci hatte sie für eine bekannte wohlhabende Familie in Neapel geschrieben, in deren Salon sie 1837 von sechs Frauen und Mädchen der Familie mit Begleitung durch  drei Pianisten an zwei Klavieren uraufgeführt wurde. Bei der Handlung geht es um Verehelichungsambitionen, unstandesgemäße Verbindungen, vermeintliche Untreue und um eine grotesk ironisierte Intrige mit vorgetäuschtem Hexenspuk um Mitternacht, ehe sich alles schnell zum lieto fine auflöst. In diesem „schnell“ liegt dann auch die einzige nennenswerte Schwäche der Inszenierung bzw. ihrer Dramaturgie. Steht im Programm, dass die Dramaturgie (des unbekannten Librettisten) unausgewogen sei, weil der erste Akt zu kurz und der zweite zu lang sei, so wird das Stück in Wildbad  „in etwas gekürzter Form“ zur Aufführung gebracht: der erste Akt dauert eine Stunde und der zweite nurmehr dreißig Minuten. Da geht die Auflösung der Geschichte doch mit allzu schnellen Schlägen voran, von Ausgewogenheit keine Spur! – und man hätte auch ganz gern noch ein Viertelstündchen Musik gehört…

Ansonsten stimmte an diesem Abend alles. Auf der winzigen Spielfläche, die noch von den beiden Flügeln eingeengt wurde, veranstaltete der Regisseur Nicola Berloffa ein munteres Spiel von fünf Frauen und einem umschwärmten Herrn, der auch noch von einer Frau gesungen wurde. Die Bühne von Sybille Jagdfeld hatte hinter ein paar Stühlen im Louis XVI noch einen dunkel beleuchteten Prospekt mit drei Vorhangschleiern, die später den „Hexenbaum“ freigaben: eine Art Baugerüst. Zur Auflockerung des Geschehens wurden noch abwechselnd von links und rechts große weiße Treppenstufen hereingeschoben, um noch ein paar Bewegungsmöglichkeiten mehr zu eröffnen. Wenn alle sechs Protagonistinnen auf der Bühne standen, wurde es schon etwas eng. Dafür erfreute man sich an den schönen, einfach funktional geschnittenen  Kostümen der Modeschneiderin Claudia Möbius, die die beiden Sopranistinnen in leuchtendes Rot gewandet hatte und die anderen in umso dunklere Kleider, je tiefer ihre Stimmen waren; die Hosenrolle in einen schwarzen Anzug.

Eliseo Castrignanò hatte die musikalische Einstudierung aus dem Autograph übernommen und leitete vom Soloklavier aus die musizierfreudigen präzise aufspielenden Pianisten, die in der Musik einen deutlichen Einschlag der deutschen Romantik hervorhören ließen. Zwischen den einzelnen Nummern gab es sowohl kurze Rezitative als auch Sprecheinlagen (auf Italienisch) Übertitelt wurde in Deutsch und Italienisch! Bei den Solistinnen handelte es sich je zur Hälfte um handverlesene Hochschulabsolventinnen und um gestandene Sängerinnen. Im ersten Angesang schienen alle Stimmen ziemlich groß für den kleinen Saal, aber bei den durchwegs schönen Stimmen bei sehr ansprechendem homogenen Niveau ließ man sich das gern gefallen. Isabel Rodríguez García gab die Lauretta ganz entsprechend ihrer schlanken adretten Erscheinung mit ansprechendem schlankem tadellos geführtem Sopran, wobei sie – die halbseidene Figur der Oper – immer ihr allerliebstes echtes Hündchen im Arm halten musste. Dusica Bijelic als Clodina, gewissermaßen die Tragödin des Stoffes, punktete mit ihrer schönen lyrischen Mittellage. Tante und Mutter, die beiden Matronen des Stücks in langen dunklen, violett bzw. blau changierenden Röcken und entsprechend angepasstem Haarschleier wurden überzeugend gegeben von Svetlana Smolentseva (Margherita) und Silvia Beltrami (Geltrude) mit jeweils rundem reif klingendem Mezzo. Erstaunlich das tiefe Timbre der kleinen Japanerin Niriko Kaneko, die als Giulia ihr Eheziel nicht erreichte und daher mit ihrer prächtigen vollen wie ein Alt klingenden Stimme etwas traurig wirkte. Alberto, den Hahn im Korb, verkörperte Diana Haller mit voluminösem Mezzo. Alle überzeugten durch ihre Spielfreude und Bühnenpräsenz.

Die Vorstellung war ausverkauft; das konzentrierte Publikum spendete herzlichen und langanhaltenden Beifall. Solche Ausgrabungen bieten sich vor allem für die vielen Kammeropern an, eine wunderbare Alternative zum Miniaturisieren von Opern des großen Repertoires. Dieses Stück ist genausogut wie die frühen Farcen von Rossini.

Manfred Langer

 

 


 

 

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