DER OPERNFREUND - 42.Jahrgang
Startseite Aktuelles
---
Urheberrecht OF
KONTRAPUNKT
Oper im TV
Bilsing in Gefahr
Glosse
Interessantes
---
OF Sterne-Tipps ****
OF Warnungen ####
OF Hardware-Tipps
OF Bücher-Tipps
OF Musical-Tipps
---
Interviews:
Thorsten Büttner
Mikael Babajanyan
Bodo Busse
Miriam Clark
Tatjana Gürbaca
Tilman Knabe
Lucian Krasznek
Leila Pfister
Lothar Krause
Harie van der Plas
Vera Nemirova
Katharina Wagner
Yen Han
-----
DVD Sternetipp NEU
DVD NEU
DVD Collections
DVD Wagners RING
-----
CD Sterne Tipp
CD NEU
Hörbücher
CD Collections NEU
---
Bezolds Platten-Ecke
Wanjas Bücher Corner
Kauftipp aktuell
----
Opernhäuser:
Neu = neue Software
Aachen NEU
Altenburg
Amsterdam
AnnabergBuchholz NEU
Annaberg Buchholz
Ansbach
Augsburg NEU
Baden Baden NEU
Baden Baden
Basel NEU
Bayreuth 2011 NEU
Berlin KO NEU
Berlin DO neu
Berlin DO alt
Berli StOp NEU
Berlin R S V
BerlinHauptstadtoper
Berlin Ballette
Berlin Konzerte NEU
Biel
Bielefeld NEU
Bochum Ruhrtriennale
Bonn NEU
Bonn aktuell
Bonn Archiv
Bratislava
Braunschweig NEU
Bregenz 2011 NEU
Bremen
Brünn
Brüssel NEU
Brüssel
Budapest NEU
Bukarest
Chemnitz
Chicago
Coburg NEU
Darmstadt NEU
Dessau NEU
Dessau
Detmold NEU
Dortmund NEU
Dortmund Konzerthaus
Dreiländereck
Düsseldorf DOR NEU
DOR Wiederaufnahmen
Duisburg DOR NEU
Düsseldorf Tonhalle
Dresden NEU
Eindhoven
Erl 2011 NEU
Essen Aalto NEU
Essen Phil NEU
Aalto WA NEU
Erfurt
Eutin 2012
Flensburg
Frankfurt NEU
Frankfurt alte Oper
Freiberg NEU
Freiburg NEU
Gelsenkirchen NEU
Genf NEU
Gent NEU
Gera
Giessen NEU
Göttingen
Graz NEU
Hagen NEU
Halle NEU
Hamburg NEU
Hamm
Hannover NEU
Heidelberg NEU
Heldritt
Hildesheim
Hombrechtikon
Hof NEU
Gut Immling
Innsbruck
(Bad) Ischl NEU
Kaiserslautern NEU
Karlsruhe NEU
Kassel NEU
Kiel NEU
Kirchstetten,Schloss
Kissingen (Bad)
Klagenfurt NEU
Klosterneuburg
Koblenz NEU
Oper Köln NEU
Kopenhagen
Krefeld NEU
Landshut NEU
Linz NEU
Leipzig
Leverkusen
Liège
Lille NEU
Ljubljana NEU
London
Ludwigshafen
Lübeck NEU
Lüneburg NEU
Luxemburg
Lyon NEU
Maastricht
Macerata
Madrid
Magdeburg NEU
Mailand Scala
Mainz NEU
Mannheim NEU
Meiningen
Möchengladbach NEU
Monte Carlo
München NT NEU
München NT alt
München GP NEU
Münster NEU
Mulhouse
New York
Neumarkt
Nizza
Nürnberg NEU
Nürnberg Konzerte
Ölbronn
Ölbronn Interviews
Osnabrück
Paris Garnier
Paris Bastille NEU
Pforzheim NEU
Plauen
Plön
Potsdam
Prag
Bad Reichenhall NEU
Remscheid NEU
Rendsburg
Rom
Saarbrücken NEU
Salzburg Osterfestsp
Schwerin
Schwetzingen NEU
Stockholm
Stralsund
Straßburg
Stuttgart NEU
Tel Aviv
Ternitz
Triest NEU
Trier NEU
Ulm
Valencia
Verona
Vorarlberg
Weilheim
Weimar
Wien Staatsoper NEU
Wien TadW NEU
Wien VOp NEU
Wien Ballett NEU
Wien Kinderoper
Wien KammerOp
Wien Burgenland
Wien Neue Oper
Wiesbaden NEU
Wildbad
Wunsiedel NEU
Wuppertal NEU
Würzburg
Zagreb
Zürich NEU
-----
Johann Strauss...
Reiseberichte
Unsitten i.d. Oper
Musikerwitze
Impressum

PARSIFAL

Mächtige Bilderwirkungen - Zum ersten Mal war am Mainfranken Theater Würzburg Wagners Bühnenweihfestspiel „Parsifal“ zu sehen. Die Würzburger Aufführung entstand in Koproduktion mit dem Kroatischen Nationaltheater in Zagreb. Einmal mehr erwies sich, dass auch kleinere Häuser den „Parsifal“ auf höchst eindrucksvolle Weise auf die Bühne zu bringen vermögen. Die Vorstellung wies ein derart hohes Niveau auf, dass man nur staunen konnte. Das begann schon bei der Inszenierung von Kurt Josef Schildknecht, für die Rudolf Rischer das ästhetische Bühnenbild und Gera Graf die gelungenen Kostüme beisteuerten. Der Regisseur näherte sich Wagners Weltabschiedswerk von der traditionell-klassischen Seite her, was in dem eher moderne Deutungen bevorzugenden Rezensenten zuerst Bedenken hervorrief. Diese waren indes bald wie weggeblasen. An diesem Nachmittag wurde klar, dass auch romantische Produktionen überaus beachtlich sein können, wenn der Regisseur sein Handwerk versteht. Und das war bei Schildknecht der Fall. Technisch-handwerklich sehr versiert erfüllte er die Bühne mit Leben und wartete auch  mit zahlreichen guten Regieeinfällen auf. Daneben verstanden er und Rischer sich ausgezeichnet darauf, mächtige Bilderwirkungen zu erzeugen. Einen nachhaltigen Eindruck hinterließen schon die bereits während des Vorspiels hinter einem transparenten Gaze-Vorhang allmählich sichtbar werdenden zahlreichen Monolithen, die in ihrer kreisförmigen Anordnung der keltischen Kultstätte Stonhenge ähnelten - eine sehr gelungene bühnenbildnerische Lösung. Mit Hilfe der Drehbühne konnten die Monolithen in die verschiedensten Stellungen gebracht werden. Oftmals wurden sie auch im Hintergrund nebeneinander aufgereiht, um den logisch und unaufgesetzt agierenden Sängern auf der Spielfläche den nötigen Platz einzuräumen. Daneben ließ Schildknecht einen gehörigen Schuss Symbolik in seine Interpretation einfließen, wobei er sich auch Projektionen bediente. Das auf einmal unvermittelt auf dem vorderen mittleren Monolithen herabfließende Blut sowie ein später an derselben Stelle erscheinendes Kreuzzeichen waren von enormer sinnbildlicher Kraft - ebenso das über dem Gralstempel schwebende riesige Kreuz, unter dem die Gralsgemeinschaft das Abendmahl feiert, und das im zweiten Aufzug zu einem Kommandosteg mutiert, auf dem der in teuflisches Rot gekleidete Klingsor an einem Rednerpult die Cosima Wagner nachempfundene Kundry aus dem Schlaf weckt. Christliche Werte werden ganz groß geschrieben. Die Gralsritter tragen fast ständig Kreuze auf dem Rücken. Als sie diese einmal ablegen und in den Boden rammen, entsteht die Impression eines riesigen Gräberfeldes, zu der die am rechten Bühnenrand aufgestapelten Totenschädel ihren Teil beitragen - ein starkes Bild! Wollte der Regisseur damit zeigen, dass an ihren Händen Blut klebt? Schließlich werden sie ja häufig zu „heil’gen Kämpfen in die Ferne“ gerufen. Nachhaltig unter die Haut ging im dritten Aufzug auch die Szene, in der die Ritter ihre Kreuze zu Schwertern umfunktionieren und mit diesen drohend auf Amfortas eindringen. Ungemein impressiv wurden hier geistliche in todbringende weltliche Symbole verwandelt. Das hatte durchaus seine Berechtigung, gingen beide doch v. a. während der Kreuzzüge eine fragwürdige, unheilvolle Verbindung ein. Auch der wissenschaftliche Aspekt wird von Schildknecht nicht vernachlässigt und anhand des Bibliothekars Gurnemanz, der mit Hilfe seiner schwarz gekleideten Knappen-Schüler anhand alter Folianten die Geschichte des Gralsordens aufarbeitet, eindrucksvoll vorgeführt. Um psychologische Aspekte ist der Regisseur ebenfalls nicht verlegen. Der von Parsifal getötete Schwan ist ein kleiner Junge in einem Schwanenkostüm. Der Sinn dieser nicht mehr ganz neuen, aber dennoch sehr wirkungsvollen Idee ist klar: Mit dem Kind hat Parsifal gleichzeitig auch die Jugend in sich abgetötet und damit die Schwelle zum Erwachsensein überschritten. Hier beginnt seine Reife, die ihn im dritten Aufzug im bereits stark vorgerückten Alter - er trägt jetzt weiße Haare - zum Amt des Gralskönigs befähigt. Enorm werden in dieser Inszenierung die Blumenmädchen aufgewertet, die zuerst in ihren hellen Trachten ein wenig wie weiß gekleidete Ordensschwestern wirken, bevor sie diese Symbole der Reinheit schließlich ablegen und sich dem reinen Toren in sündig anmutenden knallbunten Gewändern präsentieren. Sie gehören weder der guten noch der bösen Seite ausschließlich an, sondern sind offen für alles. Diese Interpretation Schildknechts wird durch die Musik bestätigt: In der Blumenszene ertönt ständig das Motiv der ethischen Frage, wodurch schon durch Wagner selbst klargestellt wird, dass die Zaubermädchen jenseits von Gut und Böse stehen. Einprägsam war auch der Schluss des zweiten Aufzuges: Der Speerwurf wird nicht von Klingsor ausgeführt. Zwei der Blumenmädchen sind es, die mit der heiligen Lanze auf Parsifal eindringen und ihm letztlich unterliegen. So phantastisch dieser Regieeinfall auch war, neu war er nicht mehr. Diese Szene hat man in Sebastian Baumgartens Kasseler Produktion von 2002 ähnlich gesehen. Überraschend geriet dem Regisseur das Ende, bei dem er auf beeindruckende Art und Weise buddhistisches Gedankengut, dem ja auch Wagner stark verhaftet war, in seine Deutung einfließen lässt. Insbesondere sind hier Anklänge an Wagners in den 1850er Jahren zwar geplantem, aber letztlich nie ausgeführtem und nur als Entwurf überliefertem Werk „Die Sieger“ offensichtlich. Wie die pardonierte Prakriti am Schluss der „Sieger“ als erste Frau in die buddhistische Gemeinschaft integriert wird, werden auch Kundry und die Zaubermädchen - ihr erneutes Auftreten am Ende beweist, dass Schildknecht mit Tschechow’schen Elementen umzugehen versteht - in die ursprünglich patriarchalisch organisierte Welt der Gralsritter aufgenommen. Das war alles sehr überzeugend. Fremdkörper in dem romantischen Ambiente bildeten lediglich die moderne Krankenliege mit aufgerichteter Lehne, auf der Amfortas an Tröpfen hängt sowie die beiden Gehhilfen des verwundeten Gralskönigs. Der Regisseur macht hier augenzwinkernd deutlich, dass seine in der Vergangenheit spielende Sicht des Werkes auch auf die Gegenwart übertragen werden könnte.

Gesanglich kann man von einer Sternstunde sprechen. Das begann schon bei der Titelpartie. Man hat schon lange keinen so phänomenalen Parsifal mehr gehört wie Paul McNamara, der sich beim Schlussapplaus zu Recht regelrechten Begeisterungsstürmen des Publikums ausgesetzt sah. Hier wächst ein ausgezeichneter Vertreter des so rar gesäten Heldentenorfachs nach, der es bei verantwortungsbewusstem Umgang mit seiner Prachtstimme ohne weiteres bis an die Spitze schaffen kann. Das Zeug dazu hat er. Bereits jetzt ist er so manchem seiner Fach-Kollegen weit überlegen. Was er an diesem Nachmittag zu bieten hatte, war einfach überwältigend. Über einer stark baritonal timbrierten, kräftigen Mittellage baut sich eine glänzende Tenorhöhe von großer Strahlkraft auf, mit der der Sänger insbesondere im zweiten und im dritten Aufzug begeisterte. Sowohl dramatische Ausbrüche als auch lyrische Empfindsamkeit wurden von ihm mit derselben großen Eleganz zum Ausdruck gebracht. Dabei ist sein Prachttenor hervorragend focussiert. Hier haben wir es endlich einmal wieder mit einem Heldentenor zu tun, der sich hervorragend der italienischen Technik zu bedienen weiß; seine Stimme sitzt trefflich im Körper und weist auch ein vorbildliches appoggiare la voce auf. Legato und Linienführung waren perfekt. Darüber hinaus wartete er mit einem Höchstmaß an Ausdrucksintensität auf. Wenn man ihn hörte, musste man unwillkürlich an den grandiosen Hans Hopf denken. So und nicht anders muss Wagner gesungen werden! Obwohl MacNamara, der der Bayreuther Festspielleitung dringendst ans Herz gelegt sei, an diesem überaus gelungenen Nachmittag eindeutig im Mittelpunkt stand, ist auch den anderen Protagonisten ein hohes vokales Niveau zu bescheinigen. Karen Leiber, die auch als Stimme aus der Höhe zu vernehmen war, sang die Kundry mit bestens gestützter, intensiver, sinnlicher Mittellage und perfekten Spitzentönen. Die hohen ‚h’ s im zweiten Aufzug bereiteten ihr nicht die geringsten Schwierigkeiten, entströmten voll und rund ihrer goldenen Kehle. Dass sie äußerlich nicht sehr erotisch wirkte und auch bei der Verführungsszene im zweiten Aufzug ihr an Cosima erinnerndes, streng wirkendes schwarzes Kleid nicht ablegte, war von der Regie beabsichtigt. Dem Gurnemanz verlieh Claudius Muth mit sonorer, fülliger Bassstimme große Autorität. Mit hellem, gut gestütztem Bariton sang Joachim Goltz einwandfrei den Amfortas. Kräftig und prägnant gab der noch junge Johan F. Kirsten einen grandiosen Klingsor. Puren Wohlklang verbreitete Vidar Gunnarsson in der kleinen Rolle des Titurel. Mit soliden Stimmen statteten Yong Bae Shin und Herbert Brand den ersten und den zweiten Gralsritter aus. Von den Knappen überzeugten die über füllige Stimmen verfügenden Damen Anna Nesyba und Sonja Koppelhuber mehr als die flach und bar jeder soliden Körperstütze singenden  Herren Maximilian Argmann und Nicholas Shannon. Frau Nesyba und Frau Koppelhuber waren neben Silke Evers, Anja Gutgesell, Barbara Schöller und Jinsook Lee auch in dem bis auf eine Ausnahme hochkarätigen Ensemble der Blumenmädchen vertreten.

Durchweg als große Oper fasste der scheidende GMD Jonathan Seers Wagners Werk auf. V. a. im ersten und im zweiten Aufzug hatte er es viel zu eilig. Aufgrund der von ihm fast durchweg angeschlagenen extrem schnellen Tempi vermochte sich ein weihevoller Charakter an keiner Stelle zu entfalten. Im zweiten Aufzug hatte diese Raserei des Dirigenten schon eher ihre Berechtigung. Da berstete es im Graben nur so von explosiver Spannung. Auch sonst legten sich die gut aufgelegten Musiker des Philharmonischen Orchesters Würzburg mächtig ins Zeug, wobei sich v. a. die prägnant aufspielenden Streicher und die gefühlvollen Holzbläser hervortaten. Leider kam es im Vorspiel beim ersten Auftreten des Gralsmotivs bei den Blechbläsern, die ansonsten mit großer Vehemenz spielten, einmal zu einem kleinen Patzer. Schade. Etwas mehr Fulminanz hätte man sich beim Zwischenspiel im dritten Aufzug gewünscht.

Fazit zum Schluss: Eine Wagner-Aufführung, die in fast jeder Beziehung Festspielniveau hatte und deren Besuch jedem Opernfreund dringendst empfohlen wird! Ein allerherzlichstes Dankeschön an die Würzburger Theaterleitung für diesen wunderbaren „Parsifal“, an den man sich noch lange erinnern wird.

Ludwig Steinbach



TANNHÄUSER

Es sieht düster aus für Tannhäuser, nein nicht düster, seine Welt ist schwarz.

Auch seine Episode bei Frau Venus, sehr erotisch Karen Leiber, wunderbar in ihrer Stimmführung, gerät zu einem Trauerspiel. Das Bacchanal aus der Pariser Fassung wird sehr schön vom Ballett des Hauses bebildert, exakt getanzt und hervorragend choreographiert von Anna Vita, aber trotz Pseudonackttanz, oder vielleicht  gerade deswegen, verkommt eben dieses Bacchanal zur rhythmischen Sportgymnastik, einzig die projizierten Videos von Unterwasseraufnahmen, im Stile der frühen James Bond Filme unterstreichen den natürlichen Sexappeal von Frau Venus. Der ständigen Verführung überdrüssig wünscht sich Tannhäuser zurück in die reale Welt. Aber auch die reale Welt ist trotz Maigesang des Hirtenknaben, am Anfang einer Karriere  stehend, Anna Nesyba, ist schwarz. Auf einer bühnenbreiten Schräge erklimmt eine Seilschaft modisch gekleideter Herren der besseren Gesellschaft  die Höhen des „Thüringer Waldes“. In dieser Szene auch die einzige Albernheit von Hausherrn Herrmann Schneiders, die Hofgesellschaft wird durch einen Hundeführer und drei Schäferhunden, wohl dressiert, kein Laut gaben die Hunderl, begleitet. Tannhäuser, ein beeindruckendes Rollendebüt von Paul McNamara, wird von seinen ehemaligen Kumpels wieder auf die Wartburg eingeladen. Der zweite Akt, die berühmte Halle, eine leer geräumte Bühne, den Boden versenkt, und die Grundstimmung düster. Elisabeth, Anja Eichhorn, eine versierte Sopranistin, speziell im deutschen Fach, erscheint in einem höfischen, der Rolle entsprechenden Kostüm, dass die Persönlichkeit Elisabeths quasi in eine Zwangsjacke fesselt.

Zum Sängerstreit fährt dann der Chor auf einer Tribüne aus dem Bühnenboden hervor. Einige Unsicherheiten bei dieser Fahrt führte zu unreifen Gekichere bei Teilen des Premierenpublikums, die diesen technischen Gag nicht zu würdigen wussten. Die Sänger selbst, alle gewandet in Variationen von roten metallisierten Fräcken, nur Tannhäuser der Rebell, bricht den modischen Zwang, verweigert den Schulterschluss mit den Zwängen des Hofes. Nach seinem Hohelied über die erotische Liebe, wird er vom Hof verbannt, muss nach Rom um Vergebung vom Papst zu erflehen. Elisabeths Hoffnung auf eine Zukunft mit Tannhäuser wird im Keim erstickt. Anja Eichhorn gibt dieser Frau eine tiefe Tragik.

Der dritte Akt spielt wieder im Thüringenbild. Elisabeth, gänzlich in der Auflösung befindlich stirbt. Wolfram kann mit seiner heimlichen Liebe zu ihr nicht helfen. Ihm bleibt einzig Trauer und Resignation. Heiko Trinsinger als Wolfram ersang sich Ohren und Herzen des Premierenpublikums. Sein Abendsternlied, sauber in der Diktion und Stimmführung, gerät zum fulminanten Krönung der Oper. Dem aus Rom zurückgekehrten Tannhäuser wird die Erlösung und Vergebung durch die Menschen verwehrt. Resigniert zieht er weiter.

Jonathan Seer leitet diesen Abend mit sicherer Hand, voller Verständnis für die Partitur und die Befindlichkeiten seiner Sänger. Er unterstützt sein Ensemble, fordert es heraus, ohne es zu überfordern. Das Philharmonische Orchester Würzburg spielt auf gewohnt hohem Niveau, der aufgestockte Chor ist dem Haus und der Oper würdig. Unter der insgesamt hervorragenden Sängerriege seien noch Stefan Klemm als Herrmann genannt, der ebenso überzeugte wie Randall Bills als Walther von der Vogelweide.

Herrmann Schneider inszeniert im beeindruckenden Nicht- Bühnenbild von Falko Herold. Götz Lanzelot Fischer unterstützt mit seiner Kostümdramaturgie die Charaktere der Oper.

Dieser Tannhäuser könnte zum Meilenstein der modern-traditionellen Deutung werden.

Gratulation an alle Beteiligten.


Alexander Hauer

TOSCA

31.05.08

Ein paar holzverkleidete Säulen, ein paar Baugerüste, ein Plastikvorhang im Hintergrund, reicht das für eine adäquate Toscainszenierung?

Stephan Märki, Hausherr der Weimarer Traditionsbühne kommt vom Schauspiel, und genauso behandelt er Puccinis Meisterwerk, als ein Kammerspiel mit Chor. In der tristen Bühne von Karoly Risz und in Kostümen von Andrea Schelling, die aus einer nicht zu sehr weit entfernte Zukunft stammen könnten, traditionell im Schnitt, das Material scheint beschichtetes Papier zu sein, spielt sich hier die Deutung des Dreiecksspiels um Liebe ,Hass und Eifersucht. Dennoch gelingt ihm eine traditionelle Regie, die die Geschichte der Tosca weder verändert noch umdeutet. Die Handlung bleibt die gleiche, egal ob es 1800, 1940 oder die Jetztzeit ist. Unterdrückerstaaten kennen keine Jahreszahlen. Gleich zu Beginn rammt ein heranwachsender Engel ein Messer in den Bühnenboden, das Startzeichen für die Staatskapelle, wunderbar im veristischen Schwelgen, unter der gefühlvollen musikalischen Leitung von Patrik Ringborn, zu beginnen. Merki zieht das Augenmerk auf seine drei Hauptprotagonisten. Einerseits steht dort Scarpia (Alexander Günther) in viel zu steifer Uniform, andererseits Cavaradossi (Erin Caves), ein Schönling, der sich selbst immer im Mittelpunkt sehen möchte, und als Objekt der Begierde von Beiden Tosca (Catherine Foster), stimmlich ein Hochgenuss. Cavaradossi der Bonvivant malt in einer Kirche, schwärmt sowohl von Tosca als auch von einer unbekannten Schönen. Tosca erkennt in seinem Bild das Portrait der Gräfin Attavanti und verfällt sofort dem Dämon Eifersucht. Sie liebt Cavaradossi wirklich, aber sie kommt nicht mehr aus ihrer Rolle der Sängerin Tosca Floria heraus. Und hier greift das geniale Regiekonzept zum ersten Mal. Im absoluten Mittelpunkt des Geschehens steht Tosca, die Person. Von Erwartungen ihrer Umwelt gesteuert, gelingt ihr nicht mehr das Ausbrechen aus der Rolle, die sie gezwungen ist zu spielen: Niemand will Tosca die Frau, alle erwarten Tosca, die Diva. So nimmt sie auch in den intimen Szenen mir Cavaradossi stets überkommene Divenposen ein, die gleichsam von Cavaradossi übernommen oder konterkariert werden. Scarpia selbst inszeniert sich als strenger Moralhüter, mit stets unerfülltem, sadistisch geprägtem, sexuellem Appetit. Seit langen begehrt er Tosca, die Diva, und ist bereit, sie sich mit allen Mitteln gefügig zu machen. Beim Anblick des gemarterten Cavaradossi setzt der Wahn Toscas langsam ein. Zunächst kaum merklich, dann immer stärker. Zeitweise scheint sie sogar Scarpia zu begehren. Und dann kommt der Höhepunkt des zweiten Aktes, die Ermordung Scarpias. Merkis Inszenierung lässt an dieser Stelle den Zuschauer allein mit seiner Fantasie. Hat Scarpia Tosca vor der „Visi d’arte“ Arie vergewaltigt, geschah es nur in der Vorstellung Toscas? Er gibt keine konkrete Antwort. Die Ermordung Scarpias geschieht eigentlich erst dann, als sie in der Partitur vorüber ist. Während des finalen Schlussdialogs, Tosca und Scarpia stehen rund drei Meter entfernt an zwei Säulen, blicken starr ins Publikum, zu Beginn des Orchesternachspiels führt sie mit fast zärtlicher Geste das Messer in seinen Körper ein.


Im dritten Akt, auf der „Engelsburg“, ist sie dann dem Wahn vollständig verfallen. Auch hier spielt sie wieder die Rolle der Sängerin Tosca, die Erschießung Cavaradossis findet nur in ihrer Fantasie statt, der Zuschauer sieht kein Erschießungskommando, die Sänger und der Chor tönen unsichtbar aus den Seitengassen, die Schuld einen Mord auf sich geladen zu haben, wird zu groß, sie ersticht sich selbst.

Merki bricht mit gängigen Klischees, erstellt aber eine kluge Deutung. Seine Tosca hat sehr wenig mit einer gängigen Vorstellung zu tun, seine Protagonisten, hervorragend bis in die Nebenrollen (Hidekazu Tsumaya- Angelotti, Renatus Mészár- Messner, Frieder Aurich-Spoletta und Oliver Luhn – Scarrione), besonders der kleine Todesengel Constantin Callies von den Aurelius Sängerknaben Calw, der auch die Partie des Hirten und des Kerkermeister gab, lassen sich aber voll und ganz auf sein Konzept ein und geben Puccinis Meisterwerk einen neuen Aspekt.

Um die anfänglich gestellte Frage zu beantworten: Ja es reicht, wenn eine so kluge Neudeutung, ein solch gut gestimmtes Orchester, ein hervorragend singender und agierender Chor und ein so hervorragend getrimmtes Sängerensemble zu Grunde liegt.                        

Alexander
Hauer

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com