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 http://www.wuppertaler-buehnen.de/

 

 

 

 

Produktion der Wuppertaler Bühnen

GLÜCKLICHE REISE

Die Operette lebt! (… und der Chor tanzt – o je!)

02.11.12 

Mit einer gelungenen Operetteninszenierung aus der Hand ihres Opernintendanten Johannes Weigand zeigten die Wuppertaler Bühnen in Sachen Bergische Theater-Kooperation am Mittwochabend im Remscheider Teo Otto Theater Flagge. Das wurde nicht zuletzt auch durch die starken Bekenntnisse von Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung und des Remscheider Kulturdezernenten Dr. Christian Henkelmann zu eben dieser Zusammenarbeit im Rahmen der Premierenfeier unterstrichen. Beschworen wurde auch mit Nachdruck der Bestand der Bergischen Symphoniker, die unter Eva Caspari das Wuppertaler Ensemble glänzend begleiteten. Die Remscheider Oberbürgermeisterin glänzte ebenfalls – allerdings lediglich durch Abwesenheit.

Eduard Künnekes Operette „Glückliche Reise“ aus dem Jahr 1932 öffnete, und schnell war das Publikum im Bann der mit Ohrwürmern („Drüben in der Heimat, da blüht ein Rosengarten“, „Das Leben ist ein Karussell“, „Warum? Weshalb? Wieso?“, „Nacht muß es sein“, „Am Amazonas“, „Liebe kennt keine Grenzen“, „Schatz, der erste Satz“, „Glückliche Reise“) gespickten liebenswerten Handlung. Paßgenau mit in die Inszenierung war Nico Dostals „Man muß mal ab und zu verreisen“ aus „Clivia“ übernommen. Hier zeigte Gregor Henze sich in Bestform - dazu aber später mehr. Durch heute historische Schlagworte wie „Notverordnung“, „Heil“ und „Sieg“ und den von Künneke beinahe prophetisch vorausgesehenen Fluchtort Argentinien für NS-Täter nach 1945 dabei nicht ganz unpolitisch, sprach der schwungvolle Stoff Sentiment und Verstand an. Die eingängige Musik, zu der die Symphoniker nach kurzer Aufwärmphase und Deckelung des Schlagzeugs den Ton der „Roaring Twenties“ perfekt trafen (wer saß wohl am Klavier?), nahm im betörend schönen Art-Deco-Bühnen- und Kostümbild von Markus Pysall schwungvoll mit. Das Reisebüro Homann und die Kasino-Bar am Wannsee boten neben der Garderobe für Annika Boos auch einen Genuß fürs Auge.

Es geht, so gehört sich das in einer Operette, um Liebeswirren, turbulente Verwechslungen - mit ruhig auch ein wenig Klamauk (Johnny Weissmuellers Tarzan-Schrei) und Kitsch (Blumengirlanden tragende teutsche Mädel im argentinischen Dschungel) - und am Ende um glückliche Paare. Die finden sich in Gestalt der Reisebüroangestellten Lona Vonderhoff (Elena Fink, Sopran) und des nach dem 1. Weltkrieg nach Argentinien ausgewanderten Ex-Offiziers von Hartenau (Boris Leisenheimer, Tenor) sowie der Tippse Monika Brink (Annika Boos, Sopran) und Hartenaus Freund Schwarzenberg (Olaf Haye, Bariton). Klischees erfüllt. Daß Argentinien nichts mit dem Amazonas zu tun hat, sei Künneke am Rande verziehen. Schlager verlangen nicht nach geographischer Genauigkeit. Durch eine von Monika unter zwei Namen geführte Fern-Korrespondenz haben sie sich kennengelernt, nun wollen die Jungs ihre „Bräute“ in Berlin überraschen. Die Überraschung gelingt, denn es ist auf beiden Seiten alles ein wenig anders als es scheint.

Ein schönes Paar und ein veritabler Star feinem Sopran, laut Buch eigentlich das nachgeordnete Buffo-Paar, rückten durch die stimmliche und darstellerische Umsetzung wie auch durch ihre Tanzeinlagen schnell und sympathisch in die erste Reihe. Beim Paar Fink/Leisenheimer konnte nur die glänzende Elena Fink überzeugen, was sich auch durch ihren Szenen-Applaus bewies. Leisenheimers Tenor hingegen wirkte unsicher und abgesungen, was einzig in Ensemblenummern subsummiert werden konnte. Ihn im Eingangsbild als schweren Alkoholiker zu inszenieren war sicher auch nicht besonders geschickt und kaum geeignet, ihn als Sympathieträger aufzubauen.Sympathisch hingegen Stephan Ullrich in seiner Doppelrolle als Kapitän Brangersen und Regierungsrat Hübner.

Heimlicher Star des Abends aber wurde der Schauspieler Gregor Henze in der Charakter-Rolle des Reisebürobesitzers Homann, als der er komödiantisch brillierte, ja sogar sanglich Beachtliches aufbot („Man muß mal ab und zu verreisen“, „Das Leben ist ein Karussell“) und sich mit der minutenlangen stummen Suche nach dem Feuerzeug als Komiker von Rang empfahl. Die burleske, fast artistische Nummer „Schatz, der erste Satz“, mit Henze, Haye, Boos und Keilerei gehörte zum Besten des Abends.

Jubelnder Applaus für alle Beteiligten und mehr Vorhänge, als die Applausordnung vorsah, lohnten die Künstler, doch eine vom begeisterten Publikum stürmisch geforderte Reprise des Titel-Marsch-Liedes „Glückliche Reise“ gab es bedauerlicherweise nicht. Daß bei der Premierenfeier Johannes Weigand minutenlang applaudiert wurde, ist sowohl auch als Sympathiekundgebung für den langfristig durch Toshiyuki Kamioka abzulösenden Opern-Intendanten wie für die bedrohte Schauspielsparte Wuppertals zu betrachten. Für letztere fanden Geschäftsführer Enno Schaarwächter und OB Peter Jung beruhigende Worte – man gebe eine Bestandsgarantie für das (mit einschneidend verkleinertem Ensemble, Anm. d. Red.) geplante „Kleine Haus“, es sei durch Sponsoren aus Wirtschaft, Banken und Stiftungen „in trockenen Tüchern“.

Frank Becker

(Dank an www.musenblaetter.de)

 

 

GLÜCKLICHE REISE

Glücklicher Operettenabend

ab 18.11.2012 in Wuppertal

Im Juni 2011 hatte der WDR Eduard Künnekes Operette „Glückliche Reise“ in der Kölner und der Essener Philharmonie vorgestellt und der Funke der musikalischen Begeisterung für dieses Stück muss auf die Leitung der Wuppertaler Bühnen übergesprungen sein. Das kurzweilige und schwungvolle Werk hatte jetzt vom Wuppertaler Opern-Intendant Johannes Weigand inszeniert im Remscheider Teo-Otto-Theater Premiere, bevor es ab 18. November auch im Wuppertaler Opernhaus zu sehen sein wird.

Künnekes „Glückliche Reise“ findet heutzutage nur noch selten den Weg auf die Bühne, dafür aber direkt den Weg in die Herzen des Publikums. Erzählt wird eine Auswanderer-Geschichte, die jedoch weitgehend in Berlin spielt: Auf ihrer brasilianischen Farm haben die beiden Deutschen Robert von Hartenau und Stefan Schwarzenberg eine Brieffreundschaft zu zwei Berlinerinnen aufgebaut. Als Kapitän Brangersen ihnen eine Passage nach Deutschland anbietet, beschließen die Männer die Damen persönlich kennen zu lernen.

Für die übliche Operetten-Komik sorgt, dass in Wirklichkeit nur eine der beiden Damen, Monika Brink, die Briefe geschrieben hat, sie hat nämlich gleich noch ihre Freundin und Kollegin Lona Vonderhoff als Pseudonym eingespannt. Außerdem hat sich Monika in ihren Briefen als reisefreudige Millionärin ausgegeben, arbeitet aber bloß als Stenotypistin in einem Reisebüro, während Stefan nicht der Großfarmer ist, den er vorgegaukelt hat. Hinzu kommen mit Reisebüroleiter Homann und dem ältlichen Regierungsrat Hübner den Männern noch zwei nicht ganz ernst zu nehmende Rivalen in die Quere, bevor es ein Happy End gibt: Aus der Brieffreundschaft wird Liebe und die zwei Paare beschließen nach Brasilien auszuwandern.

In Remscheid gibt es für jedes Lied viel Beifall und am Ende großen Jubel für die Sänger. Eigentlich ist das bei dieser Musik kein Wunder: Als rhythmische Modelle benutzt Künneke für seine 1932 uraufgeführte Operette beliebte Tänze seiner Zeit wie Rumba, Tango sowie Foxtrott und schreibt dazu beschwingte Ohrwurm-Melodien. Als Hörer fühlt man sich vom Schwung und Pfiff dieser Musik geradezu überrumpelt: Beginnt ein Lied, wiegt man schon den Kopf oder wippt mit den Füßen.

Die Bergischen Symphoniker unter der Leitung von Eva Caspari lassen die alte Berliner Operettenherrlichkeit auferstehen. Künneke hat hier seinen ganz eigenen Klang, die Streicher treten hinter den Bläsern zurück, hinzu kommen noch Banjo, Xylophon, Klavier und auch das Saxophon spielt eine große Rolle. Für die Sänger ist diese bläserlastige Besetzung nicht ganz einfach, weshalb sie in den Gesangsszenen verstärkt werden. Das ist vollkommen legitim, denn so können sie ganz unangestrengt singen und die Leichtigkeit der Rollen überzeugend verkörpern.

Schön, dass die Wuppertaler Bühnen mit der gebürtige Wuppertalerin Annika Boos die Rolle der Monika Brink besetzt haben. Nach einem Praktikum an den Wuppertaler Bühnen, Auftritten mit dem Extra-Chor und einer Gast-Regie-Assistenz gehört die 25-jährige Sopranistin jetzt zum Opernensemble ihrer Heimatstadt und überzeugt gleich in einer Hauptrolle. Die Leichtigkeit, gute Laune und Gewitztheit der Figur spielt sie perfekt, trifft den Tonfall von Künnekes Musik bestens und kann dazu auch noch in diversen Tanzeinlagen glänzen. Meistens darf sie mit Olaf Haye das Tanzbein schwingen, der schwärmerisch und mit viel Feuer ihren Verehrer Stefan singt und spielt.

Als sein Freund Robert von Hartenau kämpft Boris Leisenheimer gelegentlich mit Registerbrüchen und den hohen Tönen. Seine Herzdame Lona wird von Elena Fink verkörpert, welche ihre Partie etwas melancholischer und opernhafter anlegt. Für die komischen Momente sorgen Gregor Henze als hektischer Reisebüroleiter Homann und Stephan Ulrich als ältlicher Regierungsrat Brangersen und kauziger Kapitän.

Johannes Weigand versucht in seiner Regie die „Glückliche Reise“ nicht mit irgendwelchen Konzepten, Brüchen oder Aktualisierungen zu bearbeiten, sondern er bietet einen gut gelaunten zweieinhalbstündigen Abend. Dass ihm Markus Pysall in Zeiten, in denen man landauf und landab fast nur noch Einheitsbühnenbilder zu sehen bekommt, gleich vier verschiedenen Szenarien entworfen hat, ist eine erfreuliche Überraschung. Pysalls Kostüme treffen zudem die 20er Jahre genau und Götz Hellriegels Choreografien lassen die Opernsänger  das Tanzbein schwingen, dass es eine Freude ist. Sogar ein Kampf zwischen den Rivalen um Monikas Gunst, der von Künneke als Fandango komponiert ist, wird so virtuos getanzt, dass Olaf Haye Rad schlägt.

Rudolf Hermes

 

 

 

 

DER BARBIER VON SEVILLA

Wuppertaler Premiere am 20.10.12, besuchte Aufführung am 08.11.12

Sinnvolles Recycling

Johannes Weigand ist als Operndirektor an den Wuppertaler Bühnen ein echter Ausbund an gutem Umgang mit den finanziellen Recourcen des Hauses, so macht es Sinn, wenn er seine erfolgreiche Produktion von Gioacchino Rossinis "Der Barbier von Sevilla" aus dem Jahre 2003 wiederbelebt hat. Weigands Regie ist vielleicht kein "großer Wurf", doch will auch gar nicht mehr sein, als das Werk hergibt: eine wunderbare Opera Buffa. Moritz Nitsche kommt mit vier klappbaren Wänden und wenigen Möbelchen aus, schnell sieht man ein "Außen" oder "Innen" vor der weißen Bühne mit ihrem schlichten Rundhorizont, Fredy Deisenroth zaubert sich immer wieder verändernde Lichteffekte auf diese Folie, ein Sternenhimmel ist das äußerste der Gefühle. Doch das reicht auch, denn in den historisierenden Kostümen von Judith Fischer mit ihrer klaren Farbgebung inszeniert Weigand mit lockerer Hand die Beaumarchaische Komödie ganz im Sinne der Commedia dell`arte. Das ist alles und es reicht auch für einen munteren Opernabend.

Florian Frannek musiziert dazu sorgsam, fast möchte man kammermusikalisch sagen, mit dem Sinfonieorchester Wuppertal einen durchsichtigen, luziden Rossini ganz im Sinne der Mozart-Tradition. Das Crescendo wird schon mal lauter, doch bleibt alles im fein austarierten Rahmen dieser Interpretation, die vom Gesangsensemble stets mitgetragen wird. Das ist schon eine Seltenheit in unserer lauter und lauter werdenden Welt und verdient beträchtliche Würdigung.

Wie geschrieben die Sänger bleiben als Ensemble dabei immer kompetent, wenn auch einzelne Leistungen durchaus der Kritik bedürfen. Da wäre an erster Stelle der Graf Almaviva von Christian Sturm, zwar gefällt der Sänger mit schönem Tenortimbre und sympathischer Bühnenerscheinung, doch kann ich mich erneut des Eindrucks nicht erwehren, daß der junge Tenor mehr mit seiner Naturstimme singt, als daß die technische Ausbildung wirklich genügend wäre, die Höhe gelingt mal, mal nicht, dann kommt es zu kleinen Kieksern. Das fällt natürlich besonders im artifiziellen Gesang des Belcanto auf, deswegen wird einiges oktaviert, auch die schnellen Koloraturen sind nicht die eigentliche Sache Sturms, dennoch wird die Stimme stets stilistisch im Feinen behalten. Elena Fink war bereits 2003 die Rosina und singt natürlich die Koloratursopranfassung, als gestandene Bühnenpersönlichkeit überzeugt sie szenisch wie musikalisch, wenn sie sich auch eine sehr eigene Version dieser Partie zurechtgerückt hat. Wunderbar als Rollenvertreter des Figaro ist Thomas Laske, der mit Geschmeidigkeit und leuchtender Höhe schon in seiner Auftrittsarie berechtigte Ovationen bekommt. Dariusz Machej erinnert mit herrlich fieser Fünfziger-Jahre-Brille optisch an den Kabarettisten Georg Kreisler, sein Bartolo erfreut mit treffsicherem Spießertum und geschwindem Bassbaritonparlando. Martin Js. Ohu liefert als Basilio erneut eine überzeugende Bassleistung ab, ein junger Sänger, der mit der richtigen Rollenauswahl sicher noch einen guten Weg vor sich hat. Joslyn Rechter ist mit indisponiertem Mezzo immer noch eine treffliche Berta und zieht in ihrer "Sorbetto"-Arie ordentlich vom Leder. Die kleinen Partien und der Chor agieren und musizieren auf Augenhöhe.

Ein schöner Opernabend, der auch die Schulklasse in den Reihen hinter mir amüsierte und faszinierte. Großer Applaus für eine einfach gut abschnurrende Repertoireaufführung.

Martin Freitag

 

 
 

DER FREISCHÜTZ 

Besuchte Premiere am 14.09.12

Singen gegen das Böse

Auf einem Stuhl sitzt ein adrettes Männlein mit Aktentasche und macht mit Thermoskanne und Pausenbrot eine behäbige Jause, um ihn herum eine Fünfziger-Jahre Dorfgemeinschaft samt Braut und Bräutigam und Schützenverein, so sieht das Eröffnungsbild zu Andrea Schwalbachs Freischütz-Inszenierung am Wuppertaler Opernhaus aus, der Wald ist nur noch eine Lattenwand, die Nanette Zimmermanns Ausstattung in der Wolfsschlucht zerbersten läßt, übrig bleiben nur noch Plankenreste, auf denen der zweite Akt stattfindet, ein Ort der Menschen, nicht der Natur.

Doch zurück zu dem "adretten Männlein", so harmlos banal aussehend beginnt er die Menschen in seinem Sinne zu manipulieren: Samiel verführt, hetzt, stachelt an, verhöhnt, reißt die Individuen an ihrem Schulbewußtsein und treibt sie zu Selbstopfern, wie Menschenopfern an. Schwalbach hält alles schön in der Schwebe, zeigt nie mit dem Finger auf ganz bestimmte Begebenheiten, so kann es einen jeden auf der Bühne, wie im identifizierenden Publikum treffen. Samiel knutscht die Menschen blutig, reißt ihnen die Kehle heraus, läßt sie verbluten, wenn er sie nicht braucht, das Böse kommt harmlos daher; der Schauspieler Marco Wohlwend brilliert mit hoher Konzentration in dieser Hauptrolle des Abends.

Selten habe ich einen so spannenden "Freischütz" erlebt. Doch er hat auch eine Gegenspielerin: Ännchen, die ansonsten harmlose Soubrette hat sein Spiel durchschaut und nimmt den Kampf gegen seine Angstmanipulationen auf, Dorothea Brandt weiß mit Charme und feinem Sopran für sich einzunehmen, auch wenn die Fiorituren nicht ganz so geläufig daherkommen, in der Erzählung von der "sel`gen Base" vermag sie die Situation umzukehren und das Ende zum finalen C-Dur zu zwingen, doch Samiel sitzt wieder auf seinem Stuhl und wartet harmlos auf seine nächste Gelegenheit .

Florian Frannek beginnt die Ouvertüre mit langem Atem und läßt die wunderbaren, melodischen Bögen weit ausschwingen, das Sinfonieorchester Wuppertal folgt sicher und konzentriert, freilich mit den oft üblichen Nervositäten in der Hörnergruppe. Doch zieht Frannek in den Spannungsmomenten den Ton dramatisch aufgerauht an, folgt seinen Sängern auf ihrem Niveau, vielleicht nicht immer seiner eigenen interpretatorischen Absicht entlang. Der von Jens Bingert sehr sicher einstudierte Chor ist gut auf Ausdruck und Intention getrimmt und arbeitet sinnvoll mit leichten Klangverschärfungen. Banu Böke, die ich eigentlich sehr schätze, hat zumindest am Premierenabend nicht ihre sonstige Form, gerade die große Arie "Leise, leise fromme Weise" gerät ihr etwas kurzatmig und läßt leichte Höhenprobleme erkennen, im Verlauf des Abends fängt sich die Sängerin wieder zu ihrer gewohnten Form hin.

Ausgezeichnet gefällt Niclas Oettermann als Max, denn er vermag die lyrischen Phrasen der Partie mit den dramatischen Aufschwüngen gut zu verbinden und überzeugt durch intensive Charakterisierung. Etwas enttäuschend dagegen John In Eichen als Kaspar, zwar beeindruckt die brunnenvergiftende Tiefe, die er weidlich auszureizen vermag, doch die Höhe seines eher basslastigen Baritons wird fahl und öfters lediglich angestreift. Mit Thomas Laske als Fürst Ottokar und Olaf Haye als Erbförster Kuno hat Wuppertal zwei wunderbare Baritöne seines Ensembles für die Partien zur Verfügung. Martin Js.Ohu als Eremit arbeitet sehr bewußt an seiner deutschen Aussprache, stimmlich fehlt ein bißchen das Balsamische für diese Rolle. Boris Leisenheimer liefert als Kilian einen stimmlich etwas verfehlten Saisoneinstand, gefällt jedoch durch eindringliches Spiel.

Am Ende großer Jubel für die musikalisch Agierenden und viel Widerspruch für das szenische Team, wobei da wohl unterschiedliche Erwartungshaltungen aufeinander gestoßen sind. Für meine Begriffe ein sehr spannender, gelungener und intelligenter "Freischütz", freilich nichts für Romantiker oder die erste Oper für Kinder. 

Martin Freitag                                            

 

 

 

DAS SCHLAUE FÜCHSLEIN

besuchte Aufführung am 02.06.12;     Premiere am 12.05.12,

Das Theater ist ein vorübergehender Zustand

Im Ruhrgebiet sind die Opern von Leos Janacek zur Zeit etwas unterrepräsentiert, so freut man sich außerordentlich über die Neuproduktion "Das schlaue Füchslein" an den Wuppertaler Bühnen. Aurelia Eggers läßt ihre Inszenierung nicht im Wald spielen, sondern in einer verfallenden Theaterruine, Schimmel und Flechten erobern den Bühnenraum von Stephan Mannteuffel der Natur zurück, ein schönes Bild für das menschliche Streben, welches nur eine zeitliche Duldung auf unserem Planeten erfährt (,solange wir ihn nicht kaputtkriegen). Die Tiere sind auch nicht putzige Parodien, sondern mehr menschliche Charaktere, die zufällig animalische Züge tragen, wie das auch bei einigen Menschen der Fall sein soll.

Wenige ballettistische Bilder prägen die tanzbare Musik, sondern oft bleibt die Szene stehen, um dem genialen Melos Janaceks mehr Zuwendung zukommen zu lassen, lediglich die Libelle bebildert am Trapez mit Bändern und Reifen tanzähnlich den Raum, ansonsten finden sich fahrendes Volk und Varietèkünstler in den Charakteren, keine Doppelung des Füchsleins mit der zigeunerhaften Terynka, sondern eine Vermischung innerhalb der Person. Letztere durchaus eine Revolutonärin, mischt den Dompteurhahn mit seinen Revuehennen auf, wie den Dachs, der eine dicke Zigarre paffend, den Unternehmer geriert, der den Damenchor für sich arbeiten läßt, da werden Theatervorhänge spielerisch zu roten Fahnen (gegenüber dem Theater steht in Wuppertal das Friedrich-Engels-Haus !), alles ganz aphoristisch verspielt ohne Zwang sichtbar oder auch nicht, es sind die Zwischentöne, die die Aufführung prägen. Ab und zu bricht ein Sonnenstrahl durch das brüchige Dach des Theaters oder der Regen besucht die Bühne. Poesie und Theater mischen sich auf´s Schönste, die Kostüme von Veronika Lindner geben ihr Teil dazu.

Es ist natürlich schwierig, wenn zwischen Premiere und zweiter Vorstellung fast drei Wochen liegen, solch ein diffiziles Werk mit seinem haargenauen Timing in der Kurve zu halten. Hilary Griffiths bevorzugt eine lyrische Interpretation der Partitur, mit etwas trockenem Ton stets auf Durchhörbarkeit ausgerichtet, was der deutschen Übersetzung von Peter Brenner hörbar nutzt, denn die Textverständlichkeit ist immens; freilich unterschlägt Griffiths die rauschhaften, extatischen Aufschwünge, trotzdem gerät das (Hochzeits-)Finale des zweiten Aktes ein wenig außer Kontrolle, was wohl der Aufführungspause geschuldet ist; läßt die Konzentration des Sinfonieorchesters gegen Ende hin etwas nach.

Sehr schön der Silberton von Dorothea Brandts Sopran als Füchsin Schlaukopf, mit sympathischer Persönlichkeit eine echte Identifikationsfigur, sehr schön dazu der burschikose Ton von Joslyn Rechters maskulinem Goldfuchs. Viriler Klang prägt den Bariton Derrick Ballards als Förster, lediglich in den hohen Passagen streift der charismatische Sänger seine vokale Grenze, gleichwertig Olaf Hayes Wilderer Haraschta mit noch tieferem Timbre, durchaus auch eine Alternative als Förster. Boris Leisenheimer liefert mit ausstrahlungsstarkem Tenor ein Kabinettstück als melancholischer Dackel, wie als unglücklicher Schulmeister. Ein Wiedersehen gab es mit Ulrich Hielscher, einst eine der Stützen des Kölner Ensembles, mit immer noch intaktem Bass und sehr differentierter Modulation ein Beispiel als Pfarrer/Dachs. Die vielen kleinen Partien wurden mit viel Engagement und meistens gutem Niveau von Mitgliedern des Ensembles und des Chores gegeben, der Chor daselbst könnte dagegen noch etwas Feinschliff brauchen (Finale Zweiter Akt !)

Nach eineinhalb Stunden ohne Pause war der zauberhafte Spuk leider schon vorbei, das Publikum samt einigen Kindern begeistert.

Martin Freitag

 

 

ALI BABA

Premiere am 25.03.12, besuchte Aufführung am 11.04.12.

Wuppertaler Märchenstunde

Jeder kennt die Märchen aus Tausendundeinernacht wie zum Beispiel "Ali Baba und die vierzig Räuber", doch kaum jemand kennt die Musik aus Tausendundeinernacht, dabei habe sich mittlerweile einige orientalische Komponisten mit der westlichen Klassik auseinandergesetzt. Seit zwei Spielzeiten ist die türkische Musik an den Wuppertaler Bühnen Thema, nach zwei Uraufführungen; "Der Aufstand" sogar mit einem absolut lokalem Thema, und einem türkischen Oratorium, gibt es jetzt eine Märchenoper über Ali Baba am Opernhaus zu erleben. Selman Ada hat dieses Werk (UA1991) eigens komponiert, um junge Menschen an die klassische Musik heranzuführen. In der Türkei nimmt der "Ali Baba" den Rang von "Hänsel und Gretel" bei uns ein und ist ständig ausverkauft. Adas Musik klingt überraschend einfach und ist dabei doch durchaus raffiniert komponiert, in schlichter Nummernfolge reihen sich Arien und Ensembles mit türkischen Musikeinschlag aneinander. Oft wirkt die Musik durch die, für uns, exotische Rhythmik sehr tänzerisch.

Johannes Weigand, der Wuppertaler Operndirektor, hat die Oper selbst inszeniert und, als gelernter Orientalist, selbst übersetzt, was gut gelungen ist und dem Verständnis des deutschen Publikums förderlich ist, lediglich ein paar Liebeslieder werden auf Türkisch gesungen, was zugegebenermaßen doch einen schöneren Klang mit der Musik bildet. Weigand will nicht mehr als eine Märchenoper inszenieren, so finden wir uns in der Ausstattung von Markus Pysall in einer farbenfrohen Märchenbuchwelt wieder, das Bühnenbild in klaren Farben und Formen und schneller Verwandlung, da darf es in der Schatzhöhle nur so blinken und funkeln, einige Beleuchtungseffekte, sehr schöne Stimmungen von Fredy Deisenroth, erinnern durchaus an die bunte Quirligkeit heutiger Tanztempel, die Kostüme in üppigen Stoffen und bunten Farben sorgen für Ahs und Ohs bei den Zuschauern. Wundervoll werden die komödiantischen Talente der Darsteller zu nutzen gewusst, der Dreier-Bauchtanz ein absolut mitreißender Showstopper, obwohl die Spieldynamik im zweiten Teil dann doch ein wenig durchhängt, was der Gänze indes keinen Abbruch macht.

Florian Frannek feuert das Sinfonieorchester zu einer freudigen Wiedergabe an, sowie den spielfreudigen Opernchor, der durch eine Tänzergruppe bei den Räubern noch aufgestockt und belebt wurde. Mit Ünüsan Kuloglu hatte man sich einen in der Türkei sehr beliebten Operntenor in der Titelpartie gesichert, der die Bonhomie und Lebensfreude des Ali Baba bestens auf die Bühne brachte, stimmlich ein gestandener Tannhäuser, ist er auch zu feineren Tönen fähig, doch ein Wiederhören im schwereren Fach wäre trotzdem durchaus auch wünschenswert. Arantza Ezenarro als seine Frau Ayse führt die Riege der sehr sebstbewußten, durchaus scharfzüngigen Frauen an. Olaf Haye als gieriger Bruder Kasim wird mit üppigem Bariton hingemetzelt, was zu durchaus etwas schwarzhumorigen Szenen führt, seine Frau Zeynep wandelt sich von einer Xanthippe zu einer menschlich attraktiven Frau, was Joslyn Rechter mit unbändigem Bühnentemperament gelingt, dafür kriegt sie zum Schluss auch den Räuberhauptmann; Michael Tews mit schwarzem Bass gibt Augen rollend einen orientalischen Hotzenplotz. Das jugendliche Paar wird von Miljan Milovic als sympathischem Abdullah, durchaus nicht ohne Schwierigkeiten in der orientalischen Intonation, und vor allem durch Banu Böke als listiger Sklavin Nurcihan, trotz erheblicher Indisposition sorgt sie mit lieblichem, ausgezeichnet durchgeformten Sopran für musikalische Höhepunkte, gegeben. Die kleineren Partien sind vokal , wie darstellerisch erfüllt, die Chöre und Tänzer, und, ach ja, auch die Puppenspieler machen ihre Aufgaben mit spürbarer Freude. Das Wuppertaler Publikum läßt sich willig und begeistert auf den Ausflug in die orientalische Märchenwelt mitnehmen. Standing Ovations!

Martin Freitag

 

 

 

LA FINTA GIARDINIERA

Besuchte Premiere am 14.01.12

In den Schlingen der Meta-Ebene

Um den ewigen Wiederholungen der sieben Mozart-Hauptopern zu entrinnen, rutscht die Münchner Karnevalsoper "La finta giardiniera" des genialen Salzburgers langsam aber sicher in das Opernrepertoire. Musikalisch reiht sich ein Juwel an das andere, wenn auch nicht alle Nummern die Tiefe der späteren Meisterwerke besitzen, so erweitert Mozart die reine Buffa zu einer Semiseria, die Handlung schlingert zwischen Heiterkeit und sehr verletzten Seelenbefindlichkeiten und benötigt eine entschiedene Regie. An den Wuppertaler Bühnen setzte man auf den jungen Regisseur Tilman Hecker, der aus lauter Ambition seine Arbeit prompt versenkte. Schon im pseudofröhlichen Anfangssextett traten wesentliche Dramaturgiestörungen auf; statt dem Publikum das nicht so bekannte Werk in seiner Personenkonstellation zu erläutern, beschränkte sich die Regie auf ein veräußerlichtes Spiel von Kulissenelementen und abstrahierter Personenführung. Auf einer schwarzen Bühne befinden sich von Moritz Nitsche entworfene Wohnelemente eines Landhauses, wie eine Tür, ein Kamin und eine geschwungene Treppe, die im Laufe des Abends immer wieder verschoben und gedreht werden, angereichert mit einer Menge von Möbeln und einer enormen Requisitenorgie. Lisa Kentner entwarf dazu schön anzusehende Kostüme, die die gesellschaftlichePosition der Protagonisten stets auf den Punkt bringen. Gegen Ende des ersten Aktes senkt sich noch eine Leinwand auf der die Inszenierung zeitversetzt und teilweise vierfach übereinander gelagert von Beginn an noch einmal projeziert wird, Hecker will damit die Zeitebenen durchsichtig machen, Vergangenes mit Gegenwärtigem verschränken. Leider gelingt dem Regisseur oft nicht das Essentielle, nämlich für die Personen zu interessieren, seine Ideen sind zwar verständlich, doch der Abend gerinnt zur langweiligen Vorführung von Gedankenvorgängen, unter größtmöglicher Ausblendung des Buffonesken, was die Oper ja schließlich auch in sich trägt, Henning Priemers recht merkwürdige partielle Beleuchtungseinrichtung mit ihren vielen Dunkelzonen trägt zu dem indifferentem Eindruck bei.

Musikalisch dagegen ist alles im grünen Bereich: Florian Frannek dirigiert den auf drei Stunden eingedampften Mozart auf sehr konsequente, solid klassische Weise, durchaus den Emotionen gerecht, mit dem aufmerksamen, sauber aufspielendem Sinfonieorchester Wuppertal. Banu Böke in der Titelpartie der Sandrina/Violante lotet die vielfältigen Befindlichkeiten der psychotisierten Persönlichkeit mit stupender Musikalität aus, die Tongebung fällt ihr nicht mehr ganz so leicht wie einst in Kölner Zeiten, doch durch die dramatischeren Partien gewinnt der Ausdruck an Tiefe. Christian Sturm ist nicht nur als Belfiore ein Wuppertaler Publikumsliebling, sein manchmal etwas unfertig wirkender Tenor, liegt bei Mozart jedoch ganz auf Linie, was jedoch auch zur Verhärtung des Stimmmaterials führt, klanglich etwas monochrom in einen Mezzofortebereich, doch merkt man positiv, daß der junge Sänger an sich arbeitet. Arantza Ezenarro gibt mit Attacke und Geläufigkeit den schwierigen Charakter der Arminda mit leichtem Vitriol in ihrem Sopran, was der Partie gut ansteht. Susanne Blattert wiederholt in der zweiten Seria-Rolle, nach Arminda, als Ramiro den beherzten Gesangston wie in der Bonner Aufführung dessselben Werkes. Julia Klein zwitschert als waschechte Soubrette effektvoll die Zofe Serpetta. Miljan Milovic rettet mit gesundem Bariton, was die Regie von seiner Buffo-Rolle als Nardo übriggelassen hat, die Streichung der wundervollen Arie mit den Nationalitätenwerbungen ist hier eigentlich unverzeihlich. Boris Leisenheimer singt den Podesta mit sicherem Tenor, wenn auch seine Stimme in den Höhenbereichen eine recht uncharmante Farbgebung annimmt.

Am Ende wird das musikalische Ensemble mit reichlich Jubel belohnt, während das Inszenierungsteam einige Unmutsäußerungen, zu recht, über sich ergehen lassen muß.

Martin Freitag

 

FALSTAFF

Premiere am 27.11.11.

Italienischer Spaß im englischen Strandbad

Einen besonders schönen heiteren Abend gibt es im Wuppertaler Opernhaus mit Giuseppe Verdis "Falstaff" zu erleben. Johannes Weigand, der Wuppertaler Operndirektor, erwies sich schon in der Vergangenheit als ausgewiesener Spezialist für das heitere Genre, er schafft es auch aus finanzieller Not eine Tugend zu machen, so verlegt es Boitos Libretto in eine Dauerrbühnenbild, Moritz Nitsche entwarf mit lockerer Hand und viel Gespür für Farbwirkung den Strand eines englischen Seebades, von Henning Priemer in wunderschöne Tagesstimmungen beleuchtet, bis, bei der witzigen Lösung von Hernes Eiche, im Nachtbild der Elfenzauber durch einen entfernt blinkenden Vergnügungspark unterstützt werden. Judith Fischers wunderschöne Zwanziger-Jahre-Kostüme schmeicheln den Sängern und gipfeln in einem traumhaften Verkleidungsspuk des Finales. In diesem Rahmen läßt Weigand mit viel Gespür für Details, manchmal durchaus etwas klamaukig, Opera Buffa spielen. Dem Publikum sorgt es für gute Laune und viele Lacher.

Daran kann das etwas konzeptionslose Dirigat von Hilary Griffith nichts ändern, denn um schönen Orchesterklang mit dem gut aufspielenden Sinfonieorchester Wuppertal bemüht, entgeht ihm manche musikalische Pointe, wird mancher melodische Bogen nicht so genutzt, wie man könnte. Verdis Partitur kommt trockener und spröder daher, als sie müsste.

Mit Kiril Manilov hat man in der Titelpartie einen ungewohnt jungen Falstaff an Bord, dem man den "Don Juan" bei aller Gefrässigkeit gut abnimmt. Stimmlich haut der junge Bass mit leuchtender Bombenhöhe um sich, neigt dazu dem Affen ordentlich Zucker zu geben, weniger wäre da manchmal sogar mehr. Banu Bökes liebenswerte Alice nimmt ihm gekonnt mit zivilisiertem Sopran den Wind aus den Segeln, Thomas Laske ist mit seinem Klasse Bariton ein im besten Sinne perfekter Gatte. Auch Töchterchen Nannetta prunkt vokal mit silbrigem Sopran, Dorothea Brandt steht das lyrische, italienische Fach außerordentlich gut. Christian Sturms Tenor entspricht immer noch nicht dem jugendlichen Liebhaber, seinem Fenton fehlen einfach ein paar nötige Höhen. Joslyn Rechters Meg Page wird mit prächtigem Mezzo der Freundin eine gleichwertige Verbündete. Diane Pilchers Quickly ist eine herrlich charaktervolle Suffragette, die sich den Männern nicht völlig entzieht. Stephan Bovings Dr Cajus weiß, nach einem etwas dünnen Start, dann doch als Tenor zu überzeugen, klanglich der beste Tenor jedoch ist Ralf Rachbauers unglaubliche Type von Bardolfo, dem Thomas Schobert als baritonaler Pistola nur wenig nachsteht. Der Chor gefällt vor allem im mitreißenden Finale, gespielt und gesungen wird hervorragend.

Ein vergnüglicher Premierenabend mit Verdis genialem Schlußstein, reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.

Martin Freitag

 

 

 

Premiere im Teo Otto Theater in Remscheid

Verdi unter dem Union Jack

FALSTAFF

feiert Premiere – und kaum einer tut mit

Remscheid/Wuppertal. Man muß William Shakespeare gelegentlich seine mitunter völlig hirnverbrannten Komödien nachsehen. „Die lustigen Weiber von Windsor“ ist allerdings eine, in der man neben allem üblichen Unfug gelegentlich beinahe Molieresche Qualitäten erlebt. Sie nun aber zu einer italienischen Oper umzuschreiben kommt einem Hazard gefährlich nahe. Arrigo Boito und Giuseppe Verdi haben es gewagt. Ergebnis: „Falstaff“, die einzige Opera buffa Verdis, die Gnade vor der Kritik fand – und sein letztes Werk.

Wuppertals Opernintendant Johannes Weigand hat sich dieses Sonderfalls angenommen und ihn in Szene gesetzt. Premiere im Rahmen der Zusammenarbeit der Theater Wuppertal und Remscheid am vergangenen Mittwoch im Teo Otto Theater. Auf der Bühne: ein beachtliches Ensemble plus klangvollem Chor (Jens Bingert), im Graben: die hervorragend aufgestellten Bergischen Symphoniker unter Peter Kuhn, im Saal: knapp über 100 Zuschauer, darunter als kulturpolitische Spitzen Remscheids Kulturdezernent Dr. Christian Henkelmann und Enno Schaarwächter, Geschäftsführer der Wuppertaler Bühnen, der für das schöne Haus deutliche Worte fand: „Ein wunderschönes Theater. Eine Perle.“ Nur eben gemessen am großen Anlaß bedrückend leer. Man kann Herrn Schaarwächters Seufzer verstehen, wenn man weiß, was die Renovierung des dortigen Opernhauses gekostet hat und spürt, daß in Wuppertal die goldenen Zeiten des Sprechtheaters vorbei zu sein scheinen. In Sichtweite des einst zu den besten Häusern der Republik zählenden denkmalgeschützten Theaters scharren Abrißunternehmen bereits mit den Füßen, was die Politik natürlich nicht zugeben möchte.

Aber zurück zu Verdi/Boito/Shakespeare. Der englische Edelmann Sir John Falstaff (Kiril Manolov), ein ebenso versoffener wie verfetteter Gourmand plant in grenzenloser Selbstüberschätzung einen Coup, der seinen leeren Beutel wieder füllen soll. Zwei Damen der Gesellschaft will er unter glühenden Liebesschwüren ausnehmen, Alice Ford (Banu Böke mit gehaltvollem Sopran) und Meg Page (Joslyn Rechter), dabei den schrecklich  eifersüchtigen Mr. Ford (Thomas Laske) zum Hahnrei machen. Seine Komplizen sollen die Diener Bardolfo (Ralf Rachbauer) und Pistola (Thomas Schobert) sein, die sich aus Gewinnsucht aber lieber auf die Gegenseite schlagen. Man sieht: ein Haufen übler Vertreter des männlichen Geschlechts. Arrigo Boito lässt wirklich kein gutes Haar an der Spezies Mann, sieht man einmal von Fenton (Boris Leisenheimer) ab, der am Ende die süße Nannetta heimführen kann, wodurch wiederum Dr. Cajus (Stephan Boving mit akzentuiertem Tenor) das Nachsehen hat. Die Damen verbünden sich klug und lassen die Kerls zu den Geprellten werden. Das Shakespeare-übliche Durcheinander eben.

Johannes Weigand hat die Handlung ins Jahr 1911 und in einen englischen Badeort mit Boot, Strandcafé und Badehäuschen verlegt, könnte Brighton oder Blackpool sein. Das erschließt sich ebenso wenig wie Falstaffs Aufzug im Boy-Scout-Kostüm mit kurzen Hosen, als er zum heißen Rendezvous aufbricht. Wozu bitte das, außer um seine Lächerlichkeit mit dem Holzhammer zu unterstreichen? Der mitternächtliche Mummenschanz, mit dem Falstaff zum Eingeständnis seiner Betrügereien gebracht werden soll, hat eine Menge vom Auftrieb des Shakespeareschen Sommernachtstraums. Aber entweder - oder: der ansehnlichen Nannetta im Nixen-Kostüm ein hautfarbenes Trikot anzuziehen und täuschend echt wirkende Brüste auf den echten Busen zu malen ist irgendwie halbherzig. Dann lieber gar nicht. Dem wortreichen italienischen Libretto kann man flinken Auges mit Hilfe von Übertiteln folgen, wenn die denn funktionieren. Im 2. und 3. Akt – apropos, wieso braucht man nach jedem Akt eine Pause? – fiel die Technik aus und man lauschte zwangsläufig einfach nur den schönen Stimmen und der Musik.

Da hatten beide hatten einiges zu bieten, Ensemble wie Orchester. Allen voran gewaltig in Statur und Klangfülle der Bariton Kiril Manolov, eine Idealbesetzung für den Falstaff und seiner auf ungezählten Bühnen im In- und Ausland vielfach erprobte Paraderolle, in der er auch komödiantische Qualitäten zeigen kann. Thomas Laske steht ihm schlank in Figur und kraftvoll an Stimme als sein Gegenspieler Ford nicht nach. Dorothea Brandt glänzt als Nannetta, ihr geschmeidiger Sopran und ihr natürlicher Charme passen in die vom Wechsel der Temperamente und Tempi lebende Oper, die zwar keine großen Arien hat, aber durchgängig schöne Melodien bietet. Die wiederum wurden von den brillanten Bergischen Symphonikern, die den Vergleich mit dem Wuppertaler Opernorchester nicht zu scheuen brauchen, mit dem richtigen Gefühl für Stimmungen und Charaktere ganz ausgezeichnet umgesetzt.

Eine unterhaltsame Inszenierung mit einigen skurrilen Einfällen, die zwar keine Sensationen bot, aber vom überschaubaren Publikum mit freundlichem (Manolov und Laske mit stürmischem) Applaus bedacht wurde. Und Weigand trug nicht seine gelben Schuhe. Eine Botschaft?

Frank Becker, November 2011

 

 

 

Da geh´ ich zu Maxim...

Auch walzerlos kann man glücklich sein...

LUSTIGE WITWE

hat Stil, Format sowie Charme - und hervorragende Operetten-Sänger!

Besuchte dritte Vorstellung am 30. Oktober 2011

Nota bene: Operetten-König Lehar hatte seine musikalische Laufbahn 1888 als Orchestermusiker in Barmen und Elberfeld begonnen; Zeit seiner mit einer richtig guten Produktion zu gedenken!

Zwar reizen jene gefürchteten 40 Presstissimo-Takte des Vorspiels die Zuschauer der gestrigen Vorstellung nicht gerade zu einer nachvollziehbaren Galopp-Attacke an, auch sprudelt der Champagner anfangs eher im Gusto eines etwas schal gewordnen Rüttgers-Club-Wässerchens, aber im Laufe des Abends sollte das Orchester sich einspielen; und im zweiten Akt spielen sie schon wunderschön und heimelig ganz im Stile eines richtig zu Herzen gehenden Wiener Schrammel-Orchesters. Großer Prunk und wuchtige Orchesterklänge waren auch nicht unbedingt angesagt in dieser netten, schon fast kammermusikalischen, intelligenten und aufs Feinste ausziselierten Produktion.

Wie aktuell ist doch die Geschichte und doch ein schöner Schmarrn: Bankrotter Kleinstaat sucht reiche Erbin zur Staatssanierung. Fällt uns da nicht gleich Griechenland ein? Und da braucht es erst gar keine Frau zu sein, denn wenn die drei größten Reeder des Landes ihre hinterzogenen Steuer-Milliarden nicht im Schurkenstaat Schweiz anlegen würden, wären unsere griechischen Freunde längst saniert. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre... Doch bei Lehar läuft alles ohne "wenn" und "aber" ab: Unsere millionenschwere Witwe Glawari - das ist das Gute an solchen Märchen - saniert am Ende durch Liebes-Heirat doch noch den bankrotten Staat, obwohl sie eigentlich alles verlieren sollte, wenn sie noch einmal heiratet, denn die Moral von der Geschichte ist, daß sie das Geld eben nur dadurch verliert, indem es an ihren neuen Gatten, den Grafen Danilo, übergeht. Eine sehr männerfreundliche Regelung! Dieser ist ein treuer Landsmann und wird es bestimmt nicht in der Schweiz anlegen; oder?

Pascale-Sabine Chevroton ist eine versierte und hochintelligente Musiktheater-Regisseurin mit umfangreicher internationaler Tanzvorbildung. Sie weiß genau, daß Lehars Witwe schnell in allzu viel Walzerseligkeit ertrinkt und reduziert eben diesen klassischen in der Musik immer wieder aufklingen Dreivierteltakt zumindest in der Handlung. Dabei findet sie Bewegungsformen abseits von Tanzstunde und Wiener Opernball, die absolut faszinieren. Die Grisetten - was für fabelhafte und mutige Damen aus dem Chor, Bravi! - umgehen mit allen möglichen ausgesprochen voyeuristisch angeturnten Bewegungsnummern den zu erwartenden Cancan, bis sie am Ende, untergehakt von 6 richtigen Tänzerinnen, dann doch die Erwartungen bezüglich der bekannten Beinakrobatik erfüllen. Überhaupt überzeugt die Regisseurin durch unerwartet Erwartetes; sie karikiert prächtig in den vielen Bewegungstanzszenen eben jenen frivolen Krieg der Geschlechter, um den es letzten Endes geht. Furios ist das Männerballett ("Weiber, Weiber, Weiber...") arrangiert - dermaßen überzeugend, daß das Publikum ("Zugabe, Zugabe...!") eine Wiederholung einfordert, worauf der Kapellmeister auch freundlich eingeht. Mein spontanes "Da Capo!" erzielt zwar einen enormen Lacherfolg bei Bühne und Auditorium - wird aber nicht zur dritten Wiederholung genutzt. Schade eigentlich...

Insgesamt eine wunderschöne Inszenierung, die genau auf das Haus zugeschnitten ist. Die wenigen Requisiten im sparsamen Bühnenbild von Jürgen Kirner überzeugen und lassen den Künstlern genug Bewegungs-Raum. Die Kostüme von Tanja Liebermann sind einfach fabelhaft und entsprechen in wunderbarer Weise auch den unterschiedlichen Räumlichkeiten und Stimmungsbildern der drei Akte.

A la bonheur meistert Susanne Geb (Glawari) nicht nur ihre Rolle, sondern besonders das Vilja-Lied. Phantastisch! Ich gebe zu, daß ich bis zu diesem Zeitpunkt ob des Musikalischen noch relativ unschlüssig war, aber so eine tolle Interpretation brachte auch das Publikum endlich in die nötige Champagner-Laune, um bis zum Finale auch stimmungsmäßig in den unumgänglichen Klatschmärschen die innere Freude nach außen zu expandieren. Thomas Laske war ein vorzüglicher Danilo, der den Charme des frühen Jopi Heesters ganz unprätentiös herüber brachte. Grandios, hier erwächst eine Lehar-Ideal-Stimme: Corby Welch als Gast (Rosillon). Und auch die anderen Partien waren überzeugend besetzt.

In vorbildlicher Qualität präsentierten sich die Chöre (Choreinstudierung Jens Bingert) und ich muß hier noch einmal ausdrücklich die Beweglichkeit der Damen loben, welche die einstudierten Tanznummern toll umsetzten. Mein Hochachtung und Respekt! Florian Frannek schaffte es letztlich auch ohne Champagner, aber mit Zuschauerunterstützung, seine Musiker zum  richtigen Pepp und Feuerwerk anzuspornen.

Fazit: Für mich die eigentliche Saisoneröffnung. Bestens unterhaltende Operette auf hohem Niveau. Auch eine gelungene Alternative zu diesem fürchterlichen Harald-Schmidt-Sch... an der Rheinoper. Hier wird Lehar ernst genommen und jeder im Publikum geht summend und fröhlich nach Hause. Auch der ansonsten griesgrämige Opernkritiker summt: "Bald geh ich zum..." ;-)

Peter Bilsing

 

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Kein großer Wurf

Besuchte Premiere am 18.09.11

Nicht jede Spielzeiteröffnung 11/12 ist ein Triumph wie die Kölner, am Wuppertaler Opernhaus ist dem renommierten Regisseur Jakob Peters-Messer mit "Der fliegende Holländer" kein großer Wurf gelungen, schade, zumal Peters-Messer im Pressevorfeld schon viel über seine Interpretation verlauten ließ; nichts spricht gegen eine redizierte Bühne, das Holländerbild als Projektionsfläche nur als weißes Lichtrechteck auf einen Plafond erscheinen zu lassen, geht auch noch an. Doch zeitgeistig haben wir mal wieder eine schwarze, bis auf die Brandmauer leergräumte Bühne (Guido Petzold) vor uns, schwarze Hocker, gespannte Taue sollen die Optik beleben, erst zum Finale wird das Auge durch ein schönes Lichtspiel erquickt. Schlimmer jedoch ist die Tatsache, daß man das Gefühl bekommt, sämtliche Interpretationsabsichten schon aus anderen Inszenierungen zusammengeklaubt zu erleben, gepaart mit einer stümperhaften Personenregie, die zwischen mythologischem Pathos und zwergenhaftigem Komödienstadel unentschlossen pendelt. Den Darstellern auf der Bühne nehme ich vom Spiel einfach nichts ab, die holzschnittartigen Opernposen des 19. Jahrhunderts halten Einzug. Sven Bindseils schöne Kostüme verankern die Aufführung irgendwie in der Entstehungszeit.

Musikalisch hat man die kleine Orchesterbesetzung im Graben, was etwas dürr vom Klang daherkommt. Das Sinfonieorchester Wuppertal klingt zwar recht sauber und man bekommt viel Details der Partitur zu hören, doch Hilary Griffiths am Pult erfreut nur bei den spätromantisch aufrauschenden Stellen, sowie die Musik an Lortzingsche Romantik anknüpft bekommt man interpretatorische Leerstellen zu hören. Die geringe Orchesterbesetzung ist natürlich vorteilhaft für die Sänger. Kay Stiefermann beeindruckt in der Titelpartie durch gesangliche Akuratesse, belkantistische Kantilene und Stilwillen, doch die Frage sei gestellt, ob der wunderbare Bariton wirklich für dieses Rollenfach geeignet ist, er klingt für meine Begriffe mehr wie ein Kavaliersbariton, denn im Heldenfach. Allison Oakes dagegen ist eine echte Senta, der sowohl der mädchenhafte Ton für die Ballade gelingt, wie sie Reserven für die nötige Dramatik aufbringt, zumal die Künstlerin sehr gegen die fade Darstellungsart und ihre scheußliche Pipilotta-Perücke ankämpft. Michael Tews Bass klingt als Daland etwas fahler als sonst gewohnt, doch gesanglich, wie texrverständlich ist er eine sichere Bank.

Miriam Ritter ist eine jugendlich aussehende und klingende Mary, exzellent ! Das Problem dagegen sind beide Tenöre, die oberflächlich schönes Timbre und auch nötigen Strahl besitzen, doch technische Mängel aufweisen: Christian Sturms Höhe erweist sich ohne präzisen Sitz, da gibt es Glückstreffer, die beeindrucken, doch auch flackerige Ungediegenheiten. Johan Weigel als Erik singt sehr viel unter ungesundem Druck, was die Stimme zwar volltönend macht, doch das Passagio wird unsicher genommen, da liegt dann mancher Ton einfach daneben. Beide Sänger wurden jedoch vom Publikum sehr akklamiert.

Wirklich hervorragend dagegen und berechtigt gefeiert die Chöre und Extrachöre unter Jens Bingert. Überhaupt erwies sich das Wuppertaler Premierenpublikum als äußerst begeisterungsfähig und schloss nach pausenlosen zweieinviertel Stunden die künstlerische Leitung in den berauschenden Premierenjubel mit ein.

Martin Freitag

 

 

 

Umjubelte Premiere  im Wuppertaler Opernhaus

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Premiere 18.9.2011

Himmel öffne dich!

Ein magischer Moment. Wenn der Holländer und Senta sich das erste Mal begegnen, öffnet sich der Himmel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Wuppertaler Opernbühne verwandelt sich von einer Fabrikhalle, in deren grellem Neonlicht eben noch Senta den anderen Mädchen die Ballade vom fliegenden Holländer vorgetragen hat, in einen blinkenden Sternenhimmel. Das Orchester schlägt idyllische Töne an. Daß diese Schlüsselszene – die Begegnung zwischen dem Seemann, der ewig rastlos über die Weltmeere ziehen muß, und der Jungfrau, die ihn von diesem Fluch erlösen wird – gar nicht erst in die Nähe des Kitsches gerät, ist das Verdienst von Sängerpaar Kay Stiefermann und Allison Oakes.

Mit seinen beiden Hauptdarstellern hat Regisseur Jakob Peters-Messer die richtige Wahl getroffen. In seinem „Fliegenden Holländer“, der am vergangenen Sonntag die neue Wuppertaler Spielzeit eröffnete, füllen Stiefermann und Oakes ihre Rollen ganz und gar aus. Nicht nur stimmlich sind sie auf der Höhe. In ihrer ernsten und sensiblen Darstellung nähern sich der Holländer und Senta ebenso vorsichtig wie zärtlich einander ein. Die Vorsicht ist verständlich, denn in Sentas Biedermeierwelt ist der Holländer eine Gestalt aus einer anderen Welt. Mit Glitzermantel, Irokesenfrisur und getönter Brille scheint er gar direkt einem der „Matrix“-Filme entstiegen zu sein. Ein größerer Kontrast zu Senta mit ihren langen Zöpfen und der biederen Ponyfrisur ist kaum denkbar. Dennoch kommt es dem Holländer so vor, als habe er von diesem Mädchen „seit bangen Ewigkeiten“ geträumt. Tatsächlich haben beide lange vor ihrer ersten Begegnung miteinander kommuniziert, und zwar über das Bild des Holländers, das Senta geradezu körperlich anzieht. In Peters-Messers Inszenierung ist das Bild nicht mehr als ein leeres Lichtfeld im Bühnenboden – eine ideale Projektionsfläche für Sentas Sehnsüchte. Am Bild übt sie den Liebesbund ein, der in einer beeindruckenden Kreuzigungsszene gipfelt: Senta, vom Holländer zu seinem rettenden Engel erklärt, bildet das Kreuz für den von seinem Fluch gemarterten Schmerzensmann. Um ihn zu erlösen, wird sie auch noch die letzte Grenze überschreiten. Dann nämlich wenn sich der Himmel ein zweites Mal öffnet.

In idealer Weise arbeiten das übrige Ensemble und der Chor dem Traumpaar Stiefermann und Oakes zu. Johan Weigel als Erik ist Stiefermanns ebenbürtiger Gegenspieler. Michael Tews nimmt man den Seebär Daland, der ohne Bedenken seine Tochter Senta für Schmuck und Geld an den Holländer verhökert, von der ersten Sekunde an ab. Im ersten Akt sorgt er zusammen mit Steuermann Christian Sturm für heiteres Geplänkel – bis der Holländer und seine Mannschaft von Untoten in die harmlose Biedermeierwelt einbrechen. Selbst noch die kleinste Partie gelingt – als komische Matrone Mary bleibt Miriam Ritter in guter Erinnerung. Für viele magische Momente sorgen die Wuppertaler Sinfoniker unter Hilary Griffiths, der den gut zweistündigen Erlösungsthriller bis in die letzten Nuancen hörbar macht. Hörbar begeistert ist denn auch das Publikum, das langanhaltend diesen gelungenen Einstand in die neue Spielzeit bejubelt.

Daniel Diekhans

(mit freundlicher Genehmigung von www.musenblaetter.de)

 

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