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heute geht es in die Oper!
ALI BABA
Premiere am 25.03.12, besuchte Aufführung am 11.04.12.
Wuppertaler Märchenstunde

Jeder kennt die Märchen aus Tausendundeinernacht wie zum Beispiel "Ali Baba und die vierzig Räuber", doch kaum jemand kennt die Musik aus Tausendundeinernacht, dabei habe sich mittlerweile einige orientalische Komponisten mit der westlichen Klassik auseinandergesetzt. Seit zwei Spielzeiten ist die türkische Musik an den Wuppertaler Bühnen Thema, nach zwei Uraufführungen; "Der Aufstand" sogar mit einem absolut lokalem Thema, und einem türkischen Oratorium, gibt es jetzt eine Märchenoper über Ali Baba am Opernhaus zu erleben. Selman Ada hat dieses Werk (UA1991) eigens komponiert, um junge Menschen an die klassische Musik heranzuführen. In der Türkei nimmt der "Ali Baba" den Rang von "Hänsel und Gretel" bei uns ein und ist ständig ausverkauft. Adas Musik klingt überraschend einfach und ist dabei doch durchaus raffiniert komponiert, in schlichter Nummernfolge reihen sich Arien und Ensembles mit türkischen Musikeinschlag aneinander. Oft wirkt die Musik durch die, für uns, exotische Rhythmik sehr tänzerisch.

Johannes Weigand, der Wuppertaler Operndirektor, hat die Oper selbst inszeniert und, als gelernter Orientalist, selbst übersetzt, was gut gelungen ist und dem Verständnis des deutschen Publikums förderlich ist, lediglich ein paar Liebeslieder werden auf Türkisch gesungen, was zugegebenermaßen doch einen schöneren Klang mit der Musik bildet. Weigand will nicht mehr als eine Märchenoper inszenieren, so finden wir uns in der Ausstattung von Markus Pysall in einer farbenfrohen Märchenbuchwelt wieder, das Bühnenbild in klaren Farben und Formen und schneller Verwandlung, da darf es in der Schatzhöhle nur so blinken und funkeln, einige Beleuchtungseffekte, sehr schöne Stimmungen von Fredy Deisenroth, erinnern durchaus an die bunte Quirligkeit heutiger Tanztempel, die Kostüme in üppigen Stoffen und bunten Farben sorgen für Ahs und Ohs bei den Zuschauern. Wundervoll werden die komödiantischen Talente der Darsteller zu nutzen gewusst, der Dreier-Bauchtanz ein absolut mitreißender Showstopper, obwohl die Spieldynamik im zweiten Teil dann doch ein wenig durchhängt, was der Gänze indes keinen Abbruch macht.

Florian Frannek feuert das Sinfonieorchester zu einer freudigen Wiedergabe an, sowie den spielfreudigen Opernchor, der durch eine Tänzergruppe bei den Räubern noch aufgestockt und belebt wurde. Mit Ünüsan Kuloglu hatte man sich einen in der Türkei sehr beliebten Operntenor in der Titelpartie gesichert, der die Bonhomie und Lebensfreude des Ali Baba bestens auf die Bühne brachte, stimmlich ein gestandener Tannhäuser, ist er auch zu feineren Tönen fähig, doch ein Wiederhören im schwereren Fach wäre trotzdem durchaus auch wünschenswert. Arantza Ezenarro als seine Frau Ayse führt die Riege der sehr sebstbewußten, durchaus scharfzüngigen Frauen an. Olaf Haye als gieriger Bruder Kasim wird mit üppigem Bariton hingemetzelt, was zu durchaus etwas schwarzhumorigen Szenen führt, seine Frau Zeynep wandelt sich von einer Xanthippe zu einer menschlich attraktiven Frau, was Joslyn Rechter mit unbändigem Bühnentemperament gelingt, dafür kriegt sie zum Schluss auch den Räuberhauptmann; Michael Tews mit schwarzem Bass gibt Augen rollend einen orientalischen Hotzenplotz. Das jugendliche Paar wird von Miljan Milovic als sympathischem Abdullah, durchaus nicht ohne Schwierigkeiten in der orientalischen Intonation, und vor allem durch Banu Böke als listiger Sklavin Nurcihan, trotz erheblicher Indisposition sorgt sie mit lieblichem, ausgezeichnet durchgeformten Sopran für musikalische Höhepunkte, gegeben. Die kleineren Partien sind vokal , wie darstellerisch erfüllt, die Chöre und Tänzer, und, ach ja, auch die Puppenspieler machen ihre Aufgaben mit spürbarer Freude. Das Wuppertaler Publikum läßt sich willig und begeistert auf den Ausflug in die orientalische Märchenwelt mitnehmen. Standing Ovations!
Martin Freitag
LA FINTA GIARDINIERI
Besuchte Premiere am 14.01.12
In den Schlingen der Meta-Ebene
Um den ewigen Wiederholungen der sieben Mozart-Hauptopern zu entrinnen, rutscht die Münchner Karnevalsoper "La finta giardiniera" des genialen Salzburgers langsam aber sicher in das Opernrepertoire. Musikalisch reiht sich ein Juwel an das andere, wenn auch nicht alle Nummern die Tiefe der säteren Meisterwerke besitzen, so erweitert Mozart die reine Buffa zu einer Semiseria, die Handlung schlingert zwischen Heiterkeit und sehr verletzten Seelenbefindlichkeiten und benötigt eine entschiedene Regie. An den Wuppertaler Bühnen setzte man auf den jungen Regisseur Tilman Hecker, der aus lauter Ambition seine Arbeit prompt versenkte. Schon im pseudofröhlichen Anfangssextett traten wesentliche Dramaturgiestörungen auf; statt dem Publikum das nicht so bekannte Werk in seiner Personenkonstellation zu erläutern, beschränkte sich die Regie auf ein veräußerlichtes Spiel von Kulissenelementen und abstrahierter Personenführung. Auf einer schwarzen Bühne befinden sich von Moritz Nitsche entworfene Wohnelemente eines Landhauses, wie eine Tür, ein Kamin und eine geschwungene Treppe, die im Laufe des Abends immer wieder verschoben und gedreht werden, angereichert mit einer Menge von Möbeln und einer enormen Requisitenorgie. Lisa Kentner entwarf dazu schön anzusehende Kostüme, die die gesellschaftlichePosition der Protagonisten stets auf den Punkt bringen. Gegen Ende des ersten Aktes senkt sich noch eine Leinwand auf der die Inszenierung zeitversetzt und teilweise vierfach übereinander gelagert von Beginn an noch einmal projeziert wird, Hecker will damit die Zeitebenen durchsichtig machen, Vergangenes mit Gegenwärtigem verschränken. Leider gelingt dem Regisseur oft nicht das Essentielle, nämlich für die Personen zu interessieren, seine Ideen sind zwar verständlich, doch der Abend gerinnt zur langweiligen Vorführung von Gedankenvorgängen, unter größtmöglicher Ausblendung des Buffonesken, was die Oper ja schließlich auch in sich trägt, Henning Priemers recht merkwürdige partielle Beleuchtungseinrichtung mit ihren vielen Dunkelzonen trägt zu dem indifferentem Eindruck bei.
Musikalisch dagegen ist alles im grünen Bereich: Florian Frannek dirigiert den auf drei Stunden eingedampften Mozart auf sehr konsequente, solid klassische Weise, durchaus den Emotionen gerecht, mit dem aufmerksamen, sauber aufspielendem Sinfonieorchester Wuppertal. Banu Böke in der Titelpartie der Sandrina/Violante lotet die vielfältigen Befindlichkeiten der psychotisierten Persönlichkeit mit stupender Musikalität aus, die Tongebung fällt ihr nicht mehr ganz so leicht wie einst in Kölner Zeiten, doch durch die dramatischeren Partien gewinnt der Ausdruck an Tiefe. Christian Sturm ist nicht nur als Belfiore ein Wuppertaler Publikumsliebling, sein manchmal etwas unfertig wirkender Tenor, liegt bei Mozart jedoch ganz auf Linie, was jedoch auch zur Verhärtung des Stimmmaterials führt, klanglich etwas monochrom in einen Mezzofortebereich, doch merkt man positiv, daß der junge Sänger an sich arbeitet. Arantza Ezenarro gibt mit Attacke und Geläufigkeit den schwierigen Charakter der Arminda mit leichtem Vitriol in ihrem Sopran, was der Partie gut ansteht. Susanne Blattert wiederholt in der zweiten Seria-Rolle, nach Arminda, als Ramiro den beherzten Gesangston wie in der Bonner Aufführung dessselben Werkes. Julia Klein zwitschert als waschechte Soubrette effektvoll die Zofe Serpetta. Miljan Milovic rettet mit gesundem Bariton, was die Regie von seiner Buffo-Rolle als Nardo übriggelassen hat, die Streichung der wundervollen Arie mit den Nationalitätenwerbungen ist hier eigentlich unverzeihlich. Boris Leisenheimer singt den Podesta mit sicherem Tenor, wenn auch seine Stimme in den Höhenbereichen eine recht uncharmante Farbgebung annimmt.
Am Ende wird das musikalische Ensemble mit reichlich Jubel belohnt, während das Inszenierungsteam einige Unmutsäußerungen, zu recht, über sich ergehen lassen muß.
Martin Freitag
FALSTAFF
Premiere am 27.11.11.
Italienischer Spaß im englischen Strandbad
Einen besonders schönen heiteren Abend gibt es im Wuppertaler Opernhaus mit Giuseppe Verdis "Falstaff" zu erleben. Johannes Weigand, der Wuppertaler Operndirektor, erwies sich schon in der Vergangenheit als ausgewiesener Spezialist für das heitere Genre, er schafft es auch aus finanzieller Not eine Tugend zu machen, so verlegt es Boitos Libretto in eine Dauerrbühnenbild, Moritz Nitsche entwarf mit lockerer Hand und viel Gespür für Farbwirkung den Strand eines englischen Seebades, von Henning Priemer in wunderschöne Tagesstimmungen beleuchtet, bis, bei der witzigen Lösung von Hernes Eiche, im Nachtbild der Elfenzauber durch einen entfernt blinkenden Vergnügungspark unterstützt werden. Judith Fischers wunderschöne Zwanziger-Jahre-Kostüme schmeicheln den Sängern und gipfeln in einem traumhaften Verkleidungsspuk des Finales. In diesem Rahmen läßt Weigand mit viel Gespür für Details, manchmal durchaus etwas klamaukig, Opera Buffa spielen. Dem Publikum sorgt es für gute Laune und viele Lacher.
Daran kann das etwas konzeptionslose Dirigat von Hilary Griffith nichts ändern, denn um schönen Orchesterklang mit dem gut aufspielenden Sinfonieorchester Wuppertal bemüht, entgeht ihm manche musikalische Pointe, wird mancher melodische Bogen nicht so genutzt, wie man könnte. Verdis Partitur kommt trockener und spröder daher, als sie müsste.
Mit Kiril Manilov hat man in der Titelpartie einen ungewohnt jungen Falstaff an Bord, dem man den "Don Juan" bei aller Gefrässigkeit gut abnimmt. Stimmlich haut der junge Bass mit leuchtender Bombenhöhe um sich, neigt dazu dem Affen ordentlich Zucker zu geben, weniger wäre da manchmal sogar mehr. Banu Bökes liebenswerte Alice nimmt ihm gekonnt mit zivilisiertem Sopran den Wind aus den Segeln, Thomas Laske ist mit seinem Klasse Bariton ein im besten Sinne perfekter Gatte. Auch Töchterchen Nannetta prunkt vokal mit silbrigem Sopran, Dorothea Brandt steht das lyrische, italienische Fach außerordentlich gut. Christian Sturms Tenor entspricht immer noch nicht dem jugendlichen Liebhaber, seinem Fenton fehlen einfach ein paar nötige Höhen. Joslyn Rechters Meg Page wird mit prächtigem Mezzo der Freundin eine gleichwertige Verbündete. Diane Pilchers Quickly ist eine herrlich charaktervolle Suffragette, die sich den Männern nicht völlig entzieht. Stephan Bovings Dr Cajus weiß, nach einem etwas dünnen Start, dann doch als Tenor zu überzeugen, klanglich der beste Tenor jedoch ist Ralf Rachbauers unglaubliche Type von Bardolfo, dem Thomas Schobert als baritonaler Pistola nur wenig nachsteht. Der Chor gefällt vor allem im mitreißenden Finale, gespielt und gesungen wird hervorragend.
Ein vergnüglicher Premierenabend mit Verdis genialem Schlußstein, reißt das Publikum zu Begeisterungsstürmen hin.
Martin Freitag
Da geh´ ich zu Maxim...
Auch walzerlos kann man glücklich sein...
Wuppertals LUSTIGE WITWE hat Stil, Format sowie Charme - und hervorragende Operetten-Sänger!
Besuchte dritte Vorstellung am 30.Oktober 2011
Nota bene: Operetten-König Lehar hatte seine musikalische Laufbahn 1888 als Orchestermusiker in Barmen und Elberfeld begonnen; Zeit seiner mit einer richtig guten Produktion zu gedenken!

Copyright: Die Produktionsbilder sind von Andreas Fischer
Zwar reizen jene gefürchteten 40 Presstissimo-Takte des Vorspiels die Zuschauer der gestrigen Vorstellung nicht gerade zu einer nachvollziehbaren Galopp-Attacke an, auch sprudelt der Champagner anfangs eher im Gusto eines etwas schal gewordnen Rüttgers-Club-Wässerchens, aber im Laufe des Abends sollte das Orchester sich einspielen; und im zweiten Akt spielen sie schon wunderschön und heimelig ganz im Stile eines richtig zu Herzen gehenden Wiener Schrammel-Orchesters. Großer Prunk und wuchtige Orchesterklänge waren auch nicht unbedingt angesagt in dieser netten, schon fast kammermusikalischen, intelligenten und aufs Feinste ausziselierten Produktion.

Wie aktuell ist doch die Geschichte und doch ein schöner Schmarrn: Bankrotter Kleinstaat sucht reiche Erbin zur Staatssanierung. Fällt uns da nicht gleich Griechenland ein? Und da braucht es erst gar keine Frau zu sein, denn wenn die drei größten Reeder des Landes ihre hinterzogenen Steuer-Milliarden nicht im Schurkenstaat Schweiz anlegen würden, wären unsere griechischen Freunde längst saniert. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre... Doch bei Lehar läuft alles ohne "wenn" und "aber" ab: Unsere millionenschwere Witwe Glawari - das ist das Gute an solchen Märchen - saniert am Ende durch Liebes-Heirat doch noch den bankrotten Staat, obwohl sie eigentlich alles verlieren sollte, wenn sie noch einmal heiratet, denn die Moral von der Geschichte ist, daß sie das Geld eben nur dadurch verliert, indem es an ihren neuen Gatten, den Grafen Danilo, übergeht. Eine sehr männerfreundliche Regelung! Dieser ist ein treuer Landsmann und wird es bestimmt nicht in der Schweiz anlegen; oder?

http://www.hellepart.com/index.php?article_id=53
Pascale-Sabine Chevroton ist eine versierte und hochintelligente Musiktheater-Regisseurin mit umfangreicher internationaler Tanzvorbildung. Sie weiß genau, daß Lehars Witwe schnell in allzu viel Walzerseligkeit ertrinkt und reduziert eben diesen klassischen in der Musik immer wieder aufklingen Dreivierteltakt zumindest in der Handlung. Dabei findet sie Bewegungsformen abseits von Tanzstunde und Wiener Opernball, die absolut faszinieren. Die Grisetten - was für fabelhafte und mutige Damen aus dem Chor, Bravi! - umgehen mit allen möglichen ausgesprochen voyeuristisch angeturnten Bewegungsnummern den zu erwartenden Cancan, bis sie am Ende, untergehakt von 6 richtigen Tänzerinnen, dann doch die Erwartungen bezüglich der bekannten Beinakrobatik erfüllen. Überhaupt überzeugt die Regisseurin durch unerwartet Erwartetes; sie karikiert prächtig in den vielen Bewegungstanzszenen eben jenen frivolen Krieg der Geschlechter, um den es letzten Endes geht. Furios ist das Männerballett ("Weiber, Weiber, Weiber...") arrangiert - dermaßen überzeugend, daß das Publikum ("Zugabe, Zugabe...!") eine Wiederholung einfordert, worauf der Kapellmeister auch freundlich eingeht. Mein spontanes "Da Capo!" erzielt zwar einen enormen Lacherfolg bei Bühne und Auditorium - wird aber nicht zur dritten Wiederholung genutzt. Schade eigentlich...

Insgesamt eine wunderschöne Inszenierung, die genau auf das Haus zugeschnitten ist. Die wenigen Requisiten im sparsamen Bühnenbild von Jürgen Kirner überzeugen und lassen den Künstlern genug Bewegungs-Raum. Die Kostüme von Tanja Liebermann sind einfach fabelhaft und entsprechen in wunderbarer Weise auch den unterschiedlichen Räumlichkeiten und Stimmungsbildern der drei Akte.

A la bonheur meistert Susanne Geb (Glawari) nicht nur ihre Rolle, sondern besonders das Vilja-Lied. Phantastisch! Ich gebe zu, daß ich bis zu diesem Zeitpunkt ob des Musikalischen noch relativ unschlüssig war, aber so eine tolle Interpretation brachte auch das Publikum endlich in die nötige Champagner-Laune, um bis zum Finale auch stimmungsmäßig in den unumgänglichen Klatschmärschen die innere Freude nach außen zu expandieren. Thomas Laske war ein vorzüglicher Danilo, der den Charme des frühen Jopi Heesters ganz unprätentiös herüber brachte. Grandios, hier erwächst eine Lehar-Ideal-Stimme: Corby Welch als Gast (Rosillon). Und auch die anderen Partien waren überzeugend besetzt.

In vorbildlicher Qualität präsentierten sich die Chöre (Choreinstudierung Jens Bingert) und ich muß hier noch einmal ausdrücklich die Beweglichkeit der Damen loben, welche die einstudierten Tanznummern toll umsetzten. Mein Hochachtung und Respekt! Florian Frannek schaffte es letztlich auch ohne Champagner, aber mit Zuschauerunterstützung, seine Musiker zum richtigen Pepp und Feuerwerk anzuspornen.
Fazit: Für mich die eigentliche Saisoneröffnung. Bestens unterhaltende Operette auf hohem Niveau. Auch eine gelungene Alternative zu diesem fürchterlichen Harald-Schmidt-Sch... an der Rheinoper. Hier wird Lehar ernst genommen und jeder im Publikum geht summend und fröhlich nach Hause. Auch der ansonsten griesgrämige Opernkritiker summt: "Bald geh ich zum..." ;-)
Peter Bilsing

Copyright: DER OPERNFREUND - Peter Klier
DER FLIEGENDE HOLLÄNDER
Kein großer Wurf
Besuchte Premiere am 18.09.11
Nicht jede Spielzeiteröffnung 11/12 ist ein Triumph wie die Kölner, am Wuppertaler Opernhaus ist dem renommierten Regisseur Jakob Peters-Messer mit "Der fliegende Holländer" kein großer Wurf gelungen, schade, zumal Peters-Messer im Pressevorfeld schon viel über seine Interpretation verlauten ließ; nichts spricht gegen eine redizierte Bühne, das Holländerbild als Projektionsfläche nur als weißes Lichtrechteck auf einen Plafond erscheinen zu lassen, geht auch noch an. Doch zeitgeistig haben wir mal wieder eine schwarze, bis auf die Brandmauer leergräumte Bühne (Guido Petzold) vor uns, schwarze Hocker, gespannte Taue sollen die Optik beleben, erst zum Finale wird das Auge durch ein schönes Lichtspiel erquickt. Schlimmer jedoch ist die Tatsache, daß man das Gefühl bekommt, sämtliche Interpretationsabsichten schon aus anderen Inszenierungen zusammengeklaubt zu erleben, gepaart mit einer stümperhaften Personenregie, die zwischen mythologischem Pathos und zwergenhaftigem Komödienstadel unentschlossen pendelt. Den Darstellern auf der Bühne nehme ich vom Spiel einfach nichts ab, die holzschnittartigen Opernposen des 19. Jahrhunderts halten Einzug. Sven Bindseils schöne Kostüme verankern die Aufführung irgendwie in der Entstehungszeit.
Musikalisch hat man die kleine Orchesterbesetzung im Graben, was etwas dürr vom Klang daherkommt. Das Sinfonieorchester Wuppertal klingt zwar recht sauber und man bekommt viel Details der Partitur zu hören, doch Hilary Griffiths am Pult erfreut nur bei den spätromantisch aufrauschenden Stellen, sowie die Musik an Lortzingsche Romantik anknüpft bekommt man interpretatorische Leerstellen zu hören. Die geringe Orchesterbesetzung ist natürlich vorteilhaft für die Sänger. Kay Stiefermann beeindruckt in der Titelpartie durch gesangliche Akuratesse, belkantistische Kantilene und Stilwillen, doch die Frage sei gestellt, ob der wunderbare Bariton wirklich für dieses Rollenfach geeignet ist, er klingt für meine Begriffe mehr wie ein Kavaliersbariton, denn im Heldenfach. Allison Oakes dagegen ist eine echte Senta, der sowohl der mädchenhafte Ton für die Ballade gelingt, wie sie Reserven für die nötige Dramatik aufbringt, zumal die Künstlerin sehr gegen die fade Darstellungsart und ihre scheußliche Pipilotta-Perücke ankämpft. Michael Tews Bass klingt als Daland etwas fahler als sonst gewohnt, doch gesanglich, wie texrverständlich ist er eine sichere Bank.
Miriam Ritter ist eine jugendlich aussehende und klingende Mary, exzellent ! Das Problem dagegen sind beide Tenöre, die oberflächlich schönes Timbre und auch nötigen Strahl besitzen, doch technische Mängel aufweisen: Christian Sturms Höhe erweist sich ohne präzisen Sitz, da gibt es Glückstreffer, die beeindrucken, doch auch flackerige Ungediegenheiten. Johan Weigel als Erik singt sehr viel unter ungesundem Druck, was die Stimme zwar volltönend macht, doch das Passagio wird unsicher genommen, da liegt dann mancher Ton einfach daneben. Beide Sänger wurden jedoch vom Publikum sehr akklamiert.
Wirklich hervorragend dagegen und berechtigt gefeiert die Chöre und Extrachöre unter Jens Bingert. Überhaupt erwies sich das Wuppertaler Premierenpublikum als äußerst begeisterungsfähig und schloss nach pausenlosen zweieinviertel Stunden die künstlerische Leitung in den berauschenden Premierenjubel mit ein.
Martin Freitag
Große Opernfreunde unerwünscht!
Über das Leiden im Allgemeinen…
Und über das Leiden im Wuppertaler Opernhaus im Besonderen
Und auf dem Weg zum eigenen Licht, Komm sag, was wünschst du mir. Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden. Und eine Hand die deine hält. Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden. Und dass dir nie die Hoffnung fehlt.Und dass dir deine Träume bleiben (…) Dubidubididuh… (Udo Jürgens)
Ein Opernhaus ist etwas Wunderbares. Üblicherweise bereitet es den Bürgern Freude. Soll es ja auch. Sie können stolz sein, wenn sich ihre Stadt heutzutage noch solchen Luxus leisten kann. Immerhin wird jeder Platz mit durchschnittlich mindestens 150 Euro Steuergeldern bezuschusst. Das ist erheblich mehr als das Städtische Hallenbad benötig oder alle Museen zusammen. Viele kulturinteressierte Bürger leiden darunter, daß ihre Stadt eben kein Opernhaus hat. Dieses Leiden ist jedoch nicht vergleichbar dem Leiden der Bürger in der Nachbarstadt, die zwar ein Opernhaus haben, aber nicht hingehen, weil man dort alles so schrecklich modernisiert und man die guten alten Opern einfach nicht wieder erkennt.
Merke: Auch Opernverhunzung fördert Leiden. Seelisches Leiden.
Nichts von alledem in der wunderbaren Stadt Wuppertal, denn man hat ein schönes altes Opernhaus. Auch werden hier im Allgemeinen keine Opern verhunzt. Und hier wird vom artigen Publikum selbst eine missglückte, langweilige und stellenweise wirklich dilettantische Regiearbeit (wie aktuell beim „Fliegenden Holländer“) noch lauthals, dankbar und stolz bejubelt. Auch dem bei der Holländer-Premiere wirklich indiskutabel schlecht vorbereiteten Orchester, welches klang, als habe man mehr gemuckt als geprobt, wird vom zahlenden Vox Populi applaudiert. Motto: Wenn wir die Melodien noch erkennen können, kann es so schlecht nicht gewesen sein! Selbst ein einzelner Trompeter (ich konnte es prima sehen aus dem ersten Rang!) fand alles so grausig, daß er sich im zweiten Akt klammheimlich für gut zwanzig Minuten aus dem Orchestergraben entfernte; wahrscheinlich hatte er in dieser Zeit auch nichts zu spielen, sonst hätte es wohl Ärger mit dem Dirigenten gegeben…
Doch zurück zum körperlichen Leiden.
Hier sei mir ein kurzer Exkurs über die Baulichkeit des Wuppertaler Opernhauses erlaubt. Das gute alte traditionelle Haus, ehemals Theater Barmen (erbaut 1905) war ein Jugendstil-Prachtbau, denn damals hatte die Stadt Wuppertal noch Geld bzw. edle und freigiebige Sponsoren - alles lief über eine Stadttheater-Aktiengesellschaft.

Dieser schöne Bau wurde im Krieg 1943 leider zerstört. Der Neubau (1955 eröffnet) machte von außen leider wenig her und beinhaltete von Urbeginn an eine völlig missglückte, weil Klaustrophobie erzeugende Sitzgestaltung. Die Erbauer hatten wohl die Vorstellung, daß der Mensch (Anno 1905) durchschnittlich nur 1,75 Meter groß war und seinen Rücken immer preußisch steif ist. So gehörte es sich, Ausnahmen waren nicht vorgesehen. Also baute man schmale Sitze mit im Rang extrem steilen Rücklehnen und gerade mal genug Raum für kurze Beine. Das hatte die Bequemlichkeit eines Militärtransporters. Nach 50 Jahren würden die Planer, so durfte man annehmen, diesen Fehler beim Wiederaufbau erkannt haben. Irrtum! Auch ab 1956 bedeutet Oper in Wuppertal weiterhin Sitzqualen für Normalwüchsige.
Bei der Neugestaltung ab 2009 (in deren Rahmen mit viel Trara für teuer Geld diesmal keine Aktien, sondern „Sitzpatenschaften“ an zahlungswillige Spender verkauft wurden) waren wir Großgewachsenen nun endgültig sicher, daß man der kräftig angestiegenen Durchschnittsgröße des Homo Neanderthaliensis Rechnung tragen würde. Selten hörte man mehr Selbstlob als bei der Neueröffnung des Wuppertaler Opernhauses. Und tatsächlich: Nach zwei Jahren erstrahlte das Gestühl in neuen Farben. Bei näheren Hinsehen und Probesitzen kam das böse Erwachen...
Oh Graus! Statt daß man, wie in der Düsseldorfer Oper 2-3 Reihen entfernt hätte, um den Sitz- und Bein-Komfort der Parkettbesucher zu verbessern, hatte man sogar die letzte einigermaßen „humane“ Reihe (bisher einziges Refugium für Langbeiner – aber auch das nur auf den beiden Außenplätzen) egalisiert – verschlimmbessert! Die Rücklehnen hingegen waren so steil wie eh und je - hatte man sie evtl. nur neu bezogen? Die Sitze mit Maß für die maximale Gesäßgröße 38 wurden behalten und die Armlehnen zwischen den Sitzen hatte man praktischerweise auf die Größe einer Zigarettenschachtel verkleinert. Vorbild Bayreuth?
Von der nach einigen Wochen bereits abblätternden Farbe des Foyers und den sich in Windeseile zerlegenden Sisal-Teppichen im Eingangsbereich wollen wir lieber schweigen. Es sind ja nur Steuergelder verschwendet worden…
Was sind das bitte nur für Ignoranten, die für ein Heidengeld solchen Mist planen, genehmigen, realisieren und abnehmen? Ich vermute, daß diese gestalterischen Genies niemals selbst ein Opernhaus oder eine Kulturstätte besuchen, geschweige denn die Absicht haben, in solchen Sitzen eine Wagner-Oper anzuhören. Dieses wird nun für uns XXL- Menschen und alle Nachwachsenden zum Horrortorio.
Da man nun im Wuppertaler Opernhaus als 2-Meter-Mensch außer auf zwei Plätzen (die ich natürlich nicht verraten werde, weil ich da meistens selber sitze!) nirgends in körperlichem Wohlbefinden die Oper genießen kann, sollte man an der Kasse ein Schild mit folgendem Inhalt aufstellen:
KEIN KARTENVERKAUF AN PERSONEN ÜBER 175 ZENTIMETER GRÖSSE!
Anmerkung: Wegen der falsch konstruierten Sitze, besonders auf dem Rang (die Lehnen dort drücken den Oberkörper nach vorne, anstatt ein entspanntes Zurücklehnen zuzulassen), und des mangelhaften Fußfreiraums zwischen den Reihen, können wir leider nur Karten an Personen verkaufen, die nicht größer als 175 Zentimeter sind. Wir bitten um Verständnis und müssen uns dahingehend vor Schadenersatzforderungen schützen. Wenn Sie sich darüber ärgern, dann verprügeln Sie bitte den Bauherrn, den Architekten, den Designer, der für diesen baulichen Unsinn verantwortlich ist bzw. die Stadtverordneten, die verantwortlichen Ignoranten im Bauamt und den Intendanten, der so etwas genehmigt hat. (Letzterer hat sich übrigens unmittelbar nach der Tat der Bestrafung durch die Pensionierung entzogen.)
Im Wuppertaler Opernhaus werden also großgewachsene Menschen ständig diskriminiert und misshandelt. Oder wie würden Sie zweieinhalb Stunden Sitzfolter nennen? Für mich ein eindeutiger Fall für die Gleichstellungsbeauftragten der Stadt Wuppertal.
Nebenbei: so lockt man keine Besucher aus anderen Städten an und so vertreibt man lokale Opernfreunde nach Düsseldorf, Essen, Gelsenkirchen oder Dortmund (wobei auch dort nur das Parkett genießbar ist). Unter uns: Wenn also der Rezensent geschlagene zweieinhalb Stunden dermaßen leiden muß, dauernd konzentriert seine Muskel-Krämpfe nicht heraus zu schreien, was soll da noch für eine gute Kritik rauskommen? Sorry, liebe Sängerschaft! Deswegen schreibe ich jetzt auch nichts mehr über diese grausige Produktion.
Peter Bilsing

Alle Produktionsbilder U. Strathmann (wenn nicht anders erwähnt)

"Summ und brumm du gutes Rädchen (!), munter munter dreh dich rum
Spinne, spinne tausend Fädchen gutes Rädchen (!), summ und brumm."
Himmel öffne dich!
Umjubelte Premiere des „Fliegenden Holländers“ im Wuppertaler Opernhaus
Premiere 18.9.2011
Ein magischer Moment. Wenn der Holländer und Senta sich das erste Mal begegnen, öffnet sich der Himmel. Im wahrsten Sinne des Wortes. Die Wuppertaler Opernbühne verwandelt sich von einer Fabrikhalle, in deren grellem Neonlicht eben noch Senta den anderen Mädchen die Ballade vom fliegenden Holländer vorgetragen hat, in einen blinkenden Sternenhimmel. Das Orchester schlägt idyllische Töne an. Daß diese Schlüsselszene – die Begegnung zwischen dem Seemann, der ewig rastlos über die Weltmeere ziehen muß, und der Jungfrau, die ihn von diesem Fluch erlösen wird – gar nicht erst in die Nähe des Kitsches gerät, ist das Verdienst von Sängerpaar Kay Stiefermann und Allison Oakes.
Mit seinen beiden Hauptdarstellern hat Regisseur Jakob Peters-Messer die richtige Wahl getroffen. In seinem „Fliegenden Holländer“, der am vergangenen Sonntag die neue Wuppertaler Spielzeit eröffnete, füllen Stiefermann und Oakes ihre Rollen ganz und gar aus. Nicht nur stimmlich sind sie auf der Höhe. In ihrer ernsten und sensiblen Darstellung nähern sich der Holländer und Senta ebenso vorsichtig wie zärtlich einander ein. Die Vorsicht ist verständlich, denn in Sentas Biedermeierwelt ist der Holländer eine Gestalt aus einer anderen Welt. Mit Glitzermantel, Irokesenfrisur und getönter Brille scheint er gar direkt einem der „Matrix“-Filme entstiegen zu sein. Ein größerer Kontrast zu Senta mit ihren langen Zöpfen und der biederen Ponyfrisur ist kaum denkbar. Dennoch kommt es dem Holländer so vor, als habe er von diesem Mädchen „seit bangen Ewigkeiten“ geträumt. Tatsächlich haben beide lange vor ihrer ersten Begegnung miteinander kommuniziert, und zwar über das Bild des Holländers, das Senta geradezu körperlich anzieht. In Peters-Messers Inszenierung ist das Bild nicht mehr als ein leeres Lichtfeld im Bühnenboden – eine ideale Projektionsfläche für Sentas Sehnsüchte. Am Bild übt sie den Liebesbund ein, der in einer beeindruckenden Kreuzigungsszene gipfelt: Senta, vom Holländer zu seinem rettenden Engel erklärt, bildet das Kreuz für den von seinem Fluch gemarterten Schmerzensmann. Um ihn zu erlösen, wird sie auch noch die letzte Grenze überschreiten. Dann nämlich wenn sich der Himmel ein zweites Mal öffnet.
In idealer Weise arbeiten das übrige Ensemble und der Chor dem Traumpaar Stiefermann und Oakes zu. Johan Weigel als Erik ist Stiefermanns ebenbürtiger Gegenspieler. Michael Tews nimmt man den Seebär Daland, der ohne Bedenken seine Tochter Senta für Schmuck und Geld an den Holländer verhökert, von der ersten Sekunde an ab. Im ersten Akt sorgt er zusammen mit Steuermann Christian Sturm für heiteres Geplänkel – bis der Holländer und seine Mannschaft von Untoten in die harmlose Biedermeierwelt einbrechen. Selbst noch die kleinste Partie gelingt – als komische Matrone Mary bleibt Miriam Ritter in guter Erinnerung. Für viele magische Momente sorgen die Wuppertaler Sinfoniker unter Hilary Griffiths, der den gut zweistündigen Erlösungsthriller bis in die letzten Nuancen hörbar macht. Hörbar begeistert ist denn auch das Publikum, das langanhaltend diesen gelungenen Einstand in die neue Spielzeit bejubelt.
Daniel Diekhans
(mit freundlicher Genehmigung von www.musenblaetter.de)