DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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DER UNIVERSUMSSTULP

Besuchte Aufführung am 07.03.14

(Premiere der UA am 07.02.14)

Traugott im Wunderland

In seiner letzten Spielzeit geht Operndirektor Johannes Weigand aber wirklich aufs Ganze und wagt , neben den Veranstaltungen, die über die ganze Stadt verteilt werden, auch noch eine echte Uraufführung: "Der Universumsstulp" eine musikalische Bildergeschichte in drei Heften nach  dem gleichnamigen Roman des in Wuppertal ansessigen Eugen Egner, auf dessen Libretto mit der Musik von Stephan Winkler. Egner selbst zählt zu den führenden Vertretern der Groteske der deutschen Literatur und ist ebenso als Maler, wie vor allem Karikaturist und Zeichner für das berüchtigte Satire-Magazin "Titanic" bekannt.

Universumsstulp, das ist ein Fachbegriff aus dem Bereich der Urknall-Theoretiker, dient also für eine Bezeichnung des "Woher kommen wir", eine These die nicht bewiesen, doch von durchaus ernstzunehmenden Wissenschaftlern durchdacht wird. Die lange Handlung in wenigen Worten zu beschreiben, wird unmöglich sein, doch hier eine Andeutung der mehrfach mäandernden Geschehnisse: der Schriftsteller Traugott Neimann wird durch eine höhere Entität dem Tode entrissen, er durchlebt daraufhin eine skurrilere Situation nach der nächsten, begegnet Agenten des Innenministeriums, dem Papst Probstenloch (Erfinder des Prälatengummis), wechselt Körperzustände, wird unter anderem als Brotaufstrich verzehrt, um die überbordende Fantasie anzudeuten, um als virtuelle Kunstgestalt wiederauferstehen zu dürfen. Bis zur Pause denkt man noch, was es soll, doch nach der Pause bekommt die Handlung in ihrem kafkaesken Strudeln Sinn. Gerade für die Generationen, die sich durch den Umgang mit virtuellen Medien immer mehr in der Frage, nach der eigenen Identität, dem Kommunizieren mit echten (?) Menschen, verunsichert fühlen, werden den tieferen oder höheren Sinn dieser Groteske nachvollziehen können.


Stephan Winkler hat die Musik komponiert, nicht unbedingt einem "schönen" Klang untergeordnet, doch immer am Puls der Handlung und des Librettos. Verglichen mit den letzten Uraufführungen meine ich hier, eine echte Vertonung zu spüren, denn ein, wie kann ich meine Musik verkaufen, wie soll sie klingen, der letzten erlebten Novitäten. Ee entsteht eine dramatisch sehr gestische Tonsprache und wird mit vorher aufgenommenen und elektronischen Elementen gemischt. Die Gesangslinie folgt eher der gesprochenen Linie in etwas übersteigert theatralischem Duktus, die Sänger haben weniger Schöngesang abzuliefern, als dramatischen Aplomb und gute Verständlichkeit; Letzteres gelingt nicht immer.


Eine weitere Besonderheit dieser Uraufführung ist die Zusammenarbeit mit der Kunststiftung NRW , die mit dieser Uraufführung ihr fünfundzwanzigstes Jahr feiert. So wird die komplizierte Partitur mit dem Ensemble musikFabrik aufgeführt, dem mittlerweile, man kann sagen, weltbekannten Spezialensmble für moderne Musik mit einem ihrer treuesten Dirigenten an Pult: Peter Rundel ist ein Garant für die sichere Umsetzung und den adäquaten Umgang dieser Art Tonsprache. Thierry Bruehl setzt deutlich die vielen skurrilen Geschehnisse um und bedient sich dabei mit den Filmen von Philippe Bruehl und der einfachen, wie überzeugenden Bühnenlösung von Bart Wigger und Tal Shacham mit ihren schnellen Szenenwechseln, absolut sinnvoll der modernen Techniken und zitiert sogar die comicähnliche Zeichensprache des Autors Egner. Vielleicht gerät manche Umsetzung nicht ideal, doch Szenen wie die Computerwelt eines Verlagsprogrammes beeindrucken sehr. Manchmal erinnert der Abend sogar an große technisch-filmische Meisterleistungen wie die Matrix-Trilogie.

Der Bariton Olaf Haye und der Schauspieler Andreas Jankowitsch teilen sich die riesige Aufgabe des Traugott Neimann, beide gleich intensiv im Ausdruck und hervorragend in der Gestaltung, wie eigentlich auch das ganze Ensemble des Abends. Die Gesangsaufgaben in ihrer Eigenartigkeit legt vieleicht gar nicht so großen Wert auf die übliche Gesangsschönheit eines "normalen" Opernabends, daher möchte ich die einzelnen Protagonisten gar nicht extra herausheben , sondern mit einer Aufzählung der beteiligten Künstler einfach zum Ausdruck bringen, daß hier die Gesamtleistung zählt und vom Rezensenten als recht hoch eingestuft wird. Ein gesammeltes Danke an Uta Christina Georg, Michaela Mehring, Dorothea Brandt, Annika Boos, Joslyn Rechter, Katharina Greiß, Hendrik Vogt, Christian Sturm und Martin Js. Ohu.


Der Beweis für die Qualität, wie auch Unterhaltsamkeit des Werkes wie der Aufführung, sind die gute Auslastung des Wuppertaler Hauses, wie wenige Zuschauer bei dieser modernen Musik in der Pause gegangen sind, und natürlich der mehr als verdiente, äußerst herzliche, wie lang anhaltende Applaus. "Der Universumsstulp" ist eine Oper, der man gerne wieder auf den Spielplänen begegnen möchte; eine Oper, die auch gerade ein junges und jung gebliebenes Publikum mit ihrer Thematik erreichen kann.

Martin Freitag 12.3.14                                     Bilder: Wuppertaler Bühnen

 

 

 

DER TOREADOR

Besuchte Premiere am 19.01.14

Das Wandern ist des Sängers Lust

In seinem letzten Jahr als Wuppertaler Operndirektor erfüllt sich Johannes Weigand den Wunsch, mit mobilen Produktionen durch das "Tal" zu reisen, was  Sinn hat, denn im Opernhaus stehen sich Oper, Tanztheater und Schauspiel gegenseitig auf den Hacken, so daß noch Kapazitäten bleiben, mit Wanderproduktionen Werbung für die Oper zu machen. Mit der Odysseus-Oper von Terzakis ging es reihum in verschiedene Schulen, die Kirchenoper "Maria Egiziaca" tourt durch einige Kirchen des Städteverbunds, mit der dritten Produktionen zieht es die Oper in Betriebe, die mit entsprechenden Hallen Aufführungsorte stellen können, die Nachfrage scheint groß zu sein.

Objekt der Aufführung ist Adolphe Adams kleine Trouvaille "Der Torero oder Liebe im Akkord", zwei Akte, circa achtzig Minuten Spieldauer voller amüsant beschwingter Musik. Die Handlung ist fast bedeutungslos der Ex-Torero Don Belfor hat Coraline aus Gelddingen geheiratet. Diese unglückliche Ehe wird durch den Flötisten Tracolin bereichert, einen früheren Schwarm der ehemaligen Opernsängerin. Man einigt sich schließlich zu einem, für diese Zeit recht frivolen, Qui-pro-Quo. Die Musik zu diesem szenischen Nichts birst vor melodiösen Einfällen, geistreichen musikalischen Anspielungen voll schöner Aufgaben für die drei Sänger.

Tobias Deutschmann leitet das gar nicht klein besetzte Orchester mit der nötigen Leichtigkeit und bringt Adams Einfälle in ihrer Grazie zum Leuchten, dabei wird sehr auf die Durchhörbarkeit des spezifischen Raumes, hier die Alte Schmiede der Firma Knipex in Wuppertal-Kronenberg, geachtet. Björn Reinke findet in seiner Inszenierung den leichten, rechten Tonfall für diese musikalische Commedia dell `arte und garniert das Gestern mit ein paar zeitgenössischen Kalauern, wie dem Entzücken auslösenden Paketboten, was beim Publikum bestens ankommt. Ein kleiner, grüner Wohnbunker und ein paar Requisiten, schnell an andere Orte zu transportieren, reicht an Bühnenbild. Ausstatterin Monika Frenz läßt es dafür auf drei hübsch bunte Kostüme ankommen, um für den Bühnenzauber zu sorgen, was ausreicht. Denn die drei Sänger spielen ihre Partien überbordend und raumfüllend, zwar ist Dariusz Machej mit etwas ausladendem Bassbariton gesegnet, was zu dem polternden Ex-Torero gut passt; Nathan Northrup nicht mit dem schönsten aller Tenorstimmen ausgestattet, was er durch gutes Stilgefühl und szenische Präsenz ausgleicht, doch kommt es in erster Linie auf die vokale Anwesenheit von Elena Fink an. Die Coraline ist die Primadonna des Stückes, was die Sopranistin mit stupenden Koloraturgirlanden gekonnt unterstreicht, man meint, je höher, je besser klingt ihre Stimme. Ein leicht maliziöser Gestus toppt den Effekt dieser Partie ebenso.

Nach gut gelaunten achtzig Minuten ist der Spaß schon zu Ende und das beschwingte Publikum zahlt mit den Händen reichlichen Applaus. Jede der folgenden Aufführungen wird an einem anderen Ort stattfinden, also rechtzeitig informieren und buchen, denn der Vorverkauf läuft gut. Eine Empfehlung für alle Opernfreunde diese Rarität einmal zu erleben, denn Adolphe Adam kennt man doch eigentlich nur noch durch das Ballett "Giselle", selbst "Der Postillion von Lonjumeau" ist nur noch lediglich durch Titel und Arie bekannt. Mit dieser reizenden Aufführung setzen die Wuppertaler Bühnen ein eindeutiges Zeichen für die schmählich vernachlässigte Opera Comique. Wer traut sich noch?

Martin Freitag 27.01.14                                          Bilder: Wuppertaler Bühnen

 

 

 

EVITA

Besuchte Wuppertaler Premiere am 05.10.13        -         2.Kritik

Popikonendrama

Schon eine Woche nach der gefeierten "Fledermaus" warteten die Wuppertaler Bühnen mit der nächsten Premiere auf: Andrew Lloyd Webbers "Evita" war zwar schon Ende letzter Spielzeit in Solingen und Remscheid gezeigt worden, doch fand erst jetzt den Weg an die Schwebebahn. Es gibt Stücke , die muß ein Kritiker nicht liebhaben, was zugegebenerweise für Webbers "Evita" auf mich zutrifft, denn ich halte dieses "One-Hit-Wonder", trotz seines zugegeben sehr schönen Hits "Don´t cry for me Argentina", maßlos überschätzt. Dieser Schlager wird dann in fast der Hälfte der Musik motivisch eingewebt, den Rest halte ich für Kunstgewerbe. Dramaturgisch befriedigt mich das Musical auch nicht: die Lebensstationen der schillernden Gestalt von Evita Peron werden zwar abgegangen, doch die pseudokritischen Kommentare der Figur des Che Guevara gerieren eine Kritik, die irgendwie nicht zustande kommt, man wartet auf eine Art Moral oder Aha-Erlebnis, das keine erlösung findet. Wie gesagt, eine persönliche Meinung zu diesem Werk, das doch vielen Menschen trotzdem Freude bereitet.

Wenn man es also auffführt, dann bitteschön auch so gekonnt, wie in Wuppertal: Aurelia Eggers muß sich als Regisseurin ganz eng an die Originalproduktion von Harold Prince halten, das wird in der Vergabe der Aufführungsrechte vom Verlag verlangt, trotzdem gelingt eine sehr feine, irgendwie persönliche Inszenierung. Jürgen Lier baut ihr dazu einen Kinosaal der Mitte letzten Jahrhunderts im Blau der argentinischen Flagge und warmen Brauntönen, Veronika Lindner steuert die passenden historischen Kostüme der Zeit und natürlich die schönen Roben der Polit-Diva dazu bei. Schnell werden die Lebensstationen durch Veränderungen der Bühne und Henning Priemers atmosphärische Beleuchtung durchgeführt. Die Figuren werden menschlich an uns herangeholt und der großartige Wuppertaler Opernchor ohne spezielle Musicalausbildung singt, spielt und tanzt die Massenszenen einfach hinreißend. Die Choreographie schöpft mit relativ einfachen Mitteln die optimale Wirkung aus, es ist Eggers erste Choreographie, die sie mit Hilfe Dona Piedras und Stefan Brauers erarbeitet hat, sehr gelungen!

Die Aufführung steht und fällt natürlich mit der Besetzung der Titelpartie: Banu Böke hatte vor einer Woche als Rosalinde in der "Fledermaus" begeistert, jetzt haben wir fast eine andere Sängerin vor uns. Denn mit Mikroport verstärkter Musicalgesang fordert eine ganz andere Gesangstechnik als "normaler", klassischer Gesang. Die Sopranistin erledigt das mit einer Natürlichkeit, als hätte sie ihr Leben lang nichts anderes gemacht. Dazu kommt das Erlebnis einer unheimlig starken Darstellerin, die den Lebensweg des einfachen Frau aus dem Volk in die Höhen des Starkults mit vielen Facetten ausfüllt, seien es die sympathischen oder auch nicht so netten Wesenszüge einer solchen Persönlichkeit. Banu Böke bewegt sich realistisch, gleitet ohne Übergang in getanzte Anmut und schafft es die gesundheitliche Tragödie ohne Rührseligkeit doch auch zu Herzen gehend bis zum Schluss zu spielen.                                                              

Mit Patrick Stanke als Che steht der einzige, eingekaufte Musical-Spezialist auf der Bühne, er hat seinen Erfolg nicht nur, weil ein Wuppertaler Gewächs ist, sondern mit seiner sicheren Ausstrahlung, der hellen Tenor(?)-stimme mit schönem, dem Genre angemessenen Klang. Eggers entlarvt die "Che Guevara" genannte Rolle, indem sie Stanke nicht als historisch zottelbärtigen Revoluzzer auf die Bühne schickt, sondern ihn einen smarten "All American Boy" sein läßt. Olaf Haye schlägt sich als Peròn mit der musikalisch heiklen, zwischen Bariton und Tenor changierenden Tessitur mehr als wacker, vor allem gelingt es ihm, aus der oft etwas nebensächlich wirkenden Rolle, eine echte Hauptpartie zu gestalten. Boris Leisenheimer singt mit passenden Schmalz den Tango-Tenor Augustin Magaldi. Annika Boos wird als Gegenspielerin um Peròns Gunst gnadenlos schnell ausgeschaltet, gefällt aber in ihrer Solonummer ungemein. Den Chor hatte ich schon erwähnt, doch noch nicht, das die Chorsolisten die vielen kleinen Rollen so wundervoll zu gestalten wußten. Der Extra- und der Kinderchor sind natürlich auch noch mit bei der Partie und unterstützen die Bühnengeschehnisse bestens, dazu kommen noch einige TänzerInnen des Estudio de Tango Wuppertal.

Tobias Deutschmann am Pult des Sinfonieorchesters Wuppertal mit seinen Gästen sorgt für den richtigen Schwung und Swing, den diese Art Musiktheater braucht. Auch die Tonverstärkung klappt hervorragend und läßt Gesang und Dialog natürlich herüberkommen, keine Selbstverständlichkeit an den deutschen Theater. Also: Wenn schon "Evita", dann bitte auch so ! Deswegen langer Premierenjubel und wieder stehende Ovationen, die auch absolut verdient waren.

Martin Freitag

Bilder siehe unten!

 

 

 

EVITA

Premiere am 5.10.13

Evita lebt!

Evita lebt. Wer einmal in Buenos Aires war, kennt ihr Gesicht. Noch Jahrzehnte nach ihrem frühen Tod ist Evita, Ehefrau des Präsidenten Juan Perón, allgegenwärtig. Sie prangt auf Postkarten, T-Shirts und Buchumschlägen. Wer die „Straße des 9. Juli“ – den prächtigsten Boulevard der argentinischen Hauptstadt – hinunterblickt, sieht ein überlebensgroßes Bild von ihr. Es zeigt Evita in der Rolle ihres Lebens. Als Rednerin am Mikrophon, die die Massen für die Sache ihres Mannes begeistern konnte. Bühnenautor Tim Rice war von der südamerikanischen Ikone so fasziniert, daß er aus ihrem kurzen, intensiven Leben ein Musical machte. Mit der Musik von Andrew Lloyd Webber entwickelte sich „Evita“ seit der Londoner Premiere 1978 zum Welthit. Inzwischen sind 35 Jahre vergangen. Längst ist Juan Perón als skrupelloser Diktator überführt, der seine Frau als politisches Werkzeug benutzte. Interessiert ein Musical über eine Diktatorengattin heute noch? Hat sich das Thema nicht spätestens mit dem „Evita“-Film, der Pop-Ikone Madonna in der Hauptrolle präsentierte, erledigt?

Aurelia Eggers sieht das anders. Für die Regisseurin gehört „Evita“ zurück auf die Bühne. Ihre Inszenierung, die vergangenen Samstag im Wuppertaler Opernhaus Premiere hatte, will gar nicht erst mit der Verfilmung konkurrieren. Das Bühnenbild von Jürgen Lier zeigt zwar einen alten Kinosaal. Doch die von Jakob Creutzburg gelieferten Bilder entlarven sich selbst. Ob nun Evita (Banu Böke) als Schauspielerin oder als Präsidentengattin auf der Leinwand erscheint – ihre Images sind nichts weiter als glattpolierte Illusion. Nur in dem Moment, wo die Titelheldin von ihrem Krebs erfährt, zeigt die Kamera sie in schonungsloser Nahaufnahme. Statt auf Video verläßt sich Eggers lieber auf klassische Theatermittel. Mit Hilfe von Gesang, Musik, Tanz und Kostümen – liebevoll gestaltet von Veronika Lindner – erzählt sie von der Entstehung der Legende Evita. Ein moderner Mythos, der viele Schöpfer hat. Da ist die junge ehrgeizige Eva Duarte, die sich zur Nationalheiligen stilisiert: „Ich bin Argentinien!“ Da ist der machthungrige General Perón (Olaf Haye), der seine Ehefrau als „eine gelungene Mischung aus Hure und Heiliger“ definiert. Da ist schließlich das Volk, dargestellt vom Chor, das seine Träume und Sehnsüchte auf „Santa Evita“ projiziert. Kritiker des Mythos ist der Student Che (Patrick Stanke), der als Erzähler durch die rasante Handlung führt. Am Ende friert Evitas Leinwandlächeln ein, und die Gesichter des Chors treten an ihre Stelle. Che kommentiert: „Die beste Show gab das Volk.“

Im Wuppertaler Opernhaus gibt das ganze Ensemble sein Bestes. Der Chor ist gut präpariert und wird von Choreografin Aurelia Eggers überzeugend in Szene gesetzt. Tobias Deutschmann führt sein Orchester sicher durch die rasch wechselnden Musiknummern. Für argentinisches Flair stehen Akkordeon und Perkussion, während Gitarren und Keyboards für packende Rock’n’Roll-Einlagen sorgen. Viel Lob auch für die Solisten. Boris Leisenheimer spielt den Tangosänger Augustin Magaldi, der das Mädchen Evita mit nach Buenos Aires nimmt, wunderbar schmierig. Sein Tenor ist weich genug bis hinauf in die Höhen. Auf Olaf Hayes Bariton ist ebenfalls Verlaß. Er verleiht dem Politiker Perón Statur. Seine Zwischentöne lassen hinter der Maske des kühlen Strategen einen Anflug von Empathie für die kranke Evita ahnen.

Große Gefühle bringt Sopranistin Annika Boos ein. In der Rolle von Peróns Geliebter, die gnadenlos von Evita ausgebootet wird, hat sie die Sympathien des Publikums auf ihrer Seite. Selbst Che, der Ironiker, reicht ihr ein Taschentuch. Musicalstar Patrick Stanke glänzt in der Rolle des jungen Studenten, der anfangs noch mit Evita flirtet, sich dann aber zu ihrem Gegenspieler mausert. Sein Tenor ist voluminös und doch flexibel genug für die Balladentöne. Als Tänzer führt er das Ensemble an. Der große Star des Abends aber ist selbstverständlich Evita. Banu Böke ist Evita. In diesen zweieinhalb Stunden zeigt sie, was sie kann. Mit größter Leichtigkeit bewegt sie sich über die Bühne. Jede noch so kleine Regung Evitas ist ihrem Gesicht abzulesen: Hoffnung, Angst, Freude, Hass, Triumph. Ihre Sopranpartie füllt sie voll und ganz aus. Mühelos trifft sie noch den höchsten Ton. Wer sie sieht und hört, weiß: Evita lebt. Auf der Bühne. Für eine viel zu kurze Zeit.

Daniel Diekhans 

Musenblaetter.de                        Bilder: Wuppertaler Bühnen / Uwe Stratmann

 

 

 

 

DIE FLEDERMAUS

Premiere am 27.09.13

Die gute, alte, böse Operette

Johann Strauß` Sohn Meisterwerk "Die Fledermaus" darf sicherlich als "piece de resistance" gelten, selbst wenn die Operette endgültig von den Spielplänen getilgt würde, gäbe es sie immer noch. Als wohl meistgespieltestes Werk dieses Genres hat man als Kritiker auch schon einige Mordversuche, oder sagen wir freundlicher, Experimente damit erlebt, meistens eher misslungen. An den Wuppertaler Bühnen ist jetzt einmal eine ganz klassische, blitzsaubere Inszenierung von Operndirektor Johannes Weigand zu erleben, da schnurrt das Räderwerk der Komödie nur so ab, ohne sich groß in den Gefilden des Dauerkalauers zu bewegen. Freilich darf auch viel gelacht werden, denn Weigand hat ein ganz hervorragendes Hausensemble bei der Hand. Künstler, die ihr Handwerk beherrschen, mit der Befähigung eine Pointe gekonnt auszuspielen . Moritz Nitsche hat sichtlich nicht allzuviel Geld gehabt, die Bühne auszustatten, doch es reicht, den kleinbürgerlich beengten Salon Eisenstein, das Gartenfest bei Prinz Orlofsky und die liebevolle Tristesse des Gefängnisses auszustatten, das Spiel ist in dieser Aufführung eh das Wichtigste. Judith Fischers farbenfrohe Kostüme schmeicheln dem Auge und passen zum Metier.

Schon bei der Ouvertüre merkt man den sorgfältigen Ernst, den Florian Frannek den Straußschen Melodien angedeihen läßt. Da werden die musikalischen Pointen gut ausgereizt, perlen die filigranen Streichertriolen beim Sinfonieorchester Wuppertal, Stimmung und gute Laune kommen schon auf, bevor sich der Vorhang hebt. Ein einziger Wunsch wäre lediglich das zusätzliche Ausreizen eines "Wienerischen Rubatos". Mit Kay Stiefermanns Eisenstein hat man einen echten Bonvivant in der Hauptrolle, da sitzt die Stimme, blitzt die Spielfreude, ihm gleichwertig zur Seite der Gefängnisdirektor Frank von Olaf Haye, der in späteren Vorstellungen sicherlich ebenfalls einen guten Eisenstein abgeben dürfte. Banu Böke mit schmollend divenhaftem Ton eine Rosalinde, wie sie pikant maliziöser nicht sein könnte, der schwierige Csardas "Klänge der Heimat" ist einer der Höhepunkte des Abends. Einer der anderen die "Unschuld vom Lande" von Elena Fink als Adele komödiantisch überbordendend, mit Annika Boos als Schwester Ida und Olaf Hayes Frank sekundierend, grandios serviert. Joslyn Rechters Prinz Orlofsky ist nicht nur von der Makenabteilung herrlich "ausgestopft", sondern gefällt ebenso mit klarem Mezzo. Miljan Milovic zieht als Dr. Falke geschickt die Fäden der Intrige und erfreut mit kernigem Bariton. Sehr menschlich der "Frosch" von Gregor Henze mit leichtem Böhmakeln gespielt, die Witze sind mal nicht die alten, sondern erfrischend aktuell. Schwachpunkt des Wuppertaler Ensembles sind derzeit die Tenöre: Boris Leisenheimer spielt unauffällig, doch auch geschickt den Advokaten Dr. Blind. Christian Sturm punktet als Sänger Alfred mit charmantem Aussehen und überzeugender Ausstrahlung, punktet auch mit passenden Tenor-Extempores im Gefängnis, doch rein gesangstechnisch bleibt er seit zwei Jahren auf dem gleichen Stand, die Höhe entwickelt sich nicht aus der Enge und der Stimmsitz klingt flackerig, damit kann man zwar leben, doch man würde dem jungen Sänger ein "Mehr" wünschen, da die Stimme an sich eine schöne Farbe besitzt.

Der Opernchor unter Jens Bingerts Leitung singt, wie eigentlich immer, prächtig und spielt engagiert, die Statisten machen ihre Aufgaben hervorragend. Insgesamt eine sehr runde, schöne Aufführung, die vom Premierenpublikum mit sehr langem, herzlichen Beifall, vielen Bravos für alle Beteiligten und stehenden Ovationen gefeiert wird. So schön kann Theater sein, so viel Spaß kann Operette machen, großen Dank an alle Künstler.

Martin Freitag                                       Bilder: Wuppertaler Bühnen

 


 

DON QUICHOTTE

Besuchte Premiere am 13.04.13

Poesie der Literaturoper

Um Jules Massenet war es in den vergangenen Jahren etwas still geworden, was sich zu ändern scheint, so haben die Wuppertaler Bühnen sein abschiedstrunkenes Spätwerk "Don Quichotte" in das Programm genommen. Die Oper um den Ritter von der traurigen Gestalt bietet mit ihrer hispanisierenden Musik, den kurzweiligen Episoden, der anrührenden, unerwiderten Liebe zwischen Quichotte und der Kurtisane Dulcinea und der ungewöhnlichen Besetzung der Hauptpartien, Don Quichotte und Sancho Pansa sind beide Bässe und Dulcinea Mezzosopran, ganz hohes Publikumspotential.

Jakob Peters-Messer inszeniert ganz an der Vorlage entlang, dabei wird das Stück "gut bedient", zwar könnte man noch aus einigen Szenen mehr Funken schlagen, eine bessere choreographische Auflösung der tänzerischen Chorszenen, ein effektvollerer Kampf gegen die Windmühlen, mehr Spannung innerhalb der Räuberszene, doch insgesamt funktioniert die Regie. Was sicherlich auch an der geschmackvollen Ausstattung von Markus Meyer liegt, die in ihrer leicht monochromen silbergrauen Färbung mit wunderschönen Beleuchtungseffekten (Henning Priemer und Fredy Deisenroth) aufwartet. Der Bühnenraum sorgt mit surreal-poetischen Akzenten für optische Gedanklichkeit, während es die Regie nicht wirklich schafft unter die vermeintliche Oberfläche der tiefen, emotionalen Musik Massenets zu dringen. Die Kostüme sind eine echte Augenweide, vor allem Joslyn Rechter wirkt mehr königlich, denn als Kurtisane. Mit fein eingefärbten Mezzo gibt sie das Portrait einer lebensklugen Frau, die sich resigniert in ihr Schicksal findet. Ebenso stark die beiden Bässe: John In Eichen meistert die schwierige Partie des Quichotte, die Massenet dem damals sicher weltbesten Bassisten, Fjodor Schaljapin, in die Kehle geschrieben hatte. Mir viel Wärme setzt er sein nuanciertes Singen von den Tiefen bis in die recht häufigen, hohen Bögen der Partie nuanciert ein. Ihm zur Seite mit prall ausgestopftem Bauch der junge Ensemblebass Martin Js. Ohu, der mit dem Sancho Pansa erneut eine hervorragende Visitenkarte abgibt, sehr schön die deutlich abgestufte Unterscheidung zwischen der komischen und der gefühlvollen Seite dieser Rolle. Annika Boos, Miriam Ritter und Boris Leisenheimer, dabei besonders positiv der Bariton Miljan Milovic hervorstechend, geben das Solistenquartett der spanischen Freier. Gleich nach der gesprochenen Ouvertüre von Cervantes, die uns in den Abend einstimmt, läßt Tobias Deutschmann am Pult des engagierten Sinfonieorchesters Wuppertal keinen Zweifel, daß er der rechte Mann für die heiklen Temporückungen von Massenets sensibler Tonsprache ist. Deutschmann setzt die knalligen, spanischen Tänze deutlich gegen das feine Gefühlsspiel der Hauptpartien ab. Die Chöre der Wuppertaler Bühnen und die kleineren Solopartien zeigen erneut die großen Ensemblestärken der "kleinen" Häuser.

Der Premierenapplaus bei diesen kurzweiligen Abend mit einer dem großen Publikum unbekannten Oper kann schlichtweg nur triumphal genannt werden. Die nächsten Vorstellungen finden , wohl aus Dispositionsgründen, leider erst im Mai statt, hoffentlich bleibt die gute Qualität der Aufführung bis dahin erhalten, um die Zuschauer weiterhin für dieses schöne Werk, den Komponisten und natürlich die Wuppertaler Bühnen mit ihren großartigen Künstlern zu begeistern.

Martin Freitag                                              Fotos: Uwe Stratmann

 

 

 

EIN MASKENBALL

Besuchte Premiere am 24.02.13

Oper nach Libretto 

Der Wuppertaler Beitrag zum Verdi-Jahr ist Johannes Weigands Inszenierung von "Ein Maskenball", vielleicht ist es nicht sonderlich originell eine Operninszenierung gänzlich ohne Deutung nach Antonio Sommas Libretto durchzustellen, doch beim Publikum kam die konventionelle Zurschaustellung sehr gut an. Dabei gab es eigentlich so gut wie kein Bühnenbild, jedenfalls nach "normalen" Vorstellungen, doch gerade das erweist sich als Stärke dieser Aufführung, denn Moritz Nitsche nutzt zusammen mit Operndirektor Weigand nur die leere Bühne samt ihren Maschinerie-Möglichkeiten: da wird die Unterbühne hochgefahren, eine schwarze Treppe, vielleicht ein gerafftes Tuch, wenige Möbel, doch immer sehr schön beleuchtet (Licht Fredy Deisenroth) und die konkrete Atmosphäre der jeweiligen Szene gut eingefangen. Den meisten Eindruck geben dabei Judith Fischers historisch adäquate Kostüme, mit den phantasievollen Perücken im Ballakt. Vielleicht hätte die Personenführung etwas unopernhafter ausfallen können.
Der Haupteindruck jedoch ist die gediegene Musikalität der Aufführung: Florian Frannek gelingt es den Melos Verdis mit dem Sinfonieorchester Wuppertal glänzend einzufangen, er verbindet die romantisch ausschwingenden Melodiebögen voller Emphase mit den spitzigen Rhythmen der doppelbödigen Komik des Sujets. Verdis leidenschaftliche Melodien quasi durch die Brille der französischen Opera Comique betrachtet; die Sänger dabei sicher geleitend. Einen großen persönlichen Erfolg ersingt sich Melba Ramos als Amelia, den Wuppertalern über die Jahre immer wieder die Treue haltend, ist sie von den Koloraturpartien der Mozartopern jetzt zur Verdi-Heroine gereift, singt die Phrasierungen mit starker emotionaler Beteiligung, hat den Ton für die glutvollen Leidenschaften der Mittellage fast ohne Anstrengung bis in die pointierten Spitzentöne. Felipe Rojas Velozo ist als indisponiert angesagt, beeindruckt dabei trotzdem mit strahlenden Stentorklängen, erst gegen Schluss zeigt der Tenor krankheitsbedingte Ermüdungen, die mit Schluchzern garnierte Interpretation a la Gigli passt gut zu dem sentimentalen Charakter des Riccardo, eine mehr als überzeugende Leistung. Ob Kay Stiefermanns Bariton für das dramatische Verdi- (und Wagner) Fach wie den Renato wirklich geeignet ist ? Die ersten zwei Akte überzeugt der Bariton mit chevaleskem Ton, beim "Eri tu" jedoch wird die Stimme mit Druck eingesetzt, kommt der Sänger doch an seine Grenze, wobei er in der Schlusskadenz mit gefühlvollem Piano und betörendem Akuti wieder einzunehmen weiß. Zdravka Ambric überzeugt mich als Ulrica nicht wirklich, zwar sind alle Töne da, doch die Höhe kommt mit recht dramatischem Vibrato, für die tiefen Lagen fehlt die vulkanische Glut eines echten Altes. Elena Finks Oskar kommt szenisch wie vokal funkenschlagend daher. Miljan Milovic singt den Matrosen Silvano mit üppigem Bariton. Von den Verschwörern gefällt mit Olaf Haye mit maskulinem Bariton als Samuel besser, als der etwas mulmig eingesetzte Bass von Martin Js. Ohu als Tom. Die Chöre sind unter Jens Bingert einfach eine Pracht von aufbrausenden Tutti-Stellen bis in die piano gesungenen Verschwörerchöre.
Szenisch kommt der Abend zwar etwas bieder daher, musikalisch überzeugt die Aufführung in ihrer qualitätsvollen Geschlossenheit. Das Wuppertaler Haus hat jedoch einen großen Erfolg, bei dem alle Beteiligten sehr gefeiert werden.

Martin Freitag

 

DER BARBIER VOB BARMEN

Zarzuela von Manuel Nieto

Besuchte Aufführung am 16.02.13 (Premiere am 27.01.13)

Ein Traum von Malle

Kennen Sie den "Barbier von Barmen" ? An den Wuppertaler Bühnen kann man ihn jetzt im Foyer des Schauspielhauses kennenlernen! Dahinter verbirgt sich eine der bekanntesten Zarzuelas (die spanische Form der Operette) von Manuel Nieto und Gerònimo Gimènez mit dem Originaltitel "El barbero di Sevilla". Wie man dem Titel entnehmen kann, eine Operette, die hinter dem Theater spielt und auf die Rossini-Oper anspielt. An der Wupper in einer Eigenfassung: Die "Malle-liebende" Garderobiere Christa Hagenkötter, Rufnahme Donna Casimira, versucht ihre begabte Tochter als Sängerin zu lancieren, gegen den Wunsch des Ehemanns, der rein zufällig auch der Galan der alternden Hausdiva ist; .... also die bunten Intrigen des Theatervölkchens mit liebenswerter, spanischer Unterhaltungsmusik kombiniert. Die Musik zitiert nebenbei auch damals beliebte Repertoirestücke von Meyerbeer, Gounod, Bizet und natürlich Rossini. Und weil eine Zarzuela meistens gerade mal eine knappe Stunde dauert, wird das Werk mit "Tosca", "Carmen" und "Barbier"-Einlagen auf eineinhalb Stunden Spieldauer gestreckt.

Miljan Milovic (Martin); Elena Fink (Elena); Oliver Picker (Carlos Rodriguez)

Björn Reinke inszenierte den bunten Reigen mit viel Witz und Spielfreude der beteiligten Akteure in der farbigen Ausstattung von Monika Frenz, da wird mit einem tiefen Griff in den Fundus ordentlich Bühnenzauber entfacht, der Rheinische Karneval lugt ständig um die Ecke. Dabei kokettiert die Aufführung immer mit dem Charme eines Käseigels, den man verschämt doch von Herzen liebt. Elena Hagenkötter ist die junge Sängerin, die von Elena Fink mit blitzenden Soprankoloraturen und jugendlicher Erscheinung ausgestattet wird; Michaela Mehring der leicht angewitterte Hausstar "La Roldàn". Milijan Milovic mit warm timbriertem Bariton der Liebhaber und Jungsänger Martin, Oliver Picker mit sonorem Bass der sich exotisch gerierende Gesangslehrer Carlos Rodriguez, während Boris Leisenheimer als Faktotum Sanchez dem Affen ordentlich Futter gibt. Das Zentrum der Vorstellung sind die beiden Darsteller der Eltern Hagenkötter, beides Schauspieler, die aus ihren Stimmen samt Defiziten Funken zu schlagen wissen: Peter K.Hoffmann als spießig-knarziger Möchtegernliebhaber Walter H. und natürlich als Ruhrgebiet-Hausfrauen-urgestein Dora Brockmann als Christa H. alias Donna Kasimiera. Der Höhepunkt der Aufführung ist ihr im Diskant vorgetragenes Zigeunerlied ("Carmen" 2. Akt) mit drei göttlich tanzenden Putzfrauen-Kolleginnen quasi in der Reinemach-Version, die Gehörgänge sind danach frisch gespült, während die Sicht mit Lachtränen verschleiert ist, gnadenlos grandios!

Boris Brinkmann dirigiert das tadellos aufspielende und mitspielende Sinfonieorchester Wuppertal durch die Kammerversion der Partitur, korrepetiert vom Klavier und beweist darstellerische Präsenz.

Das Publikum kommt absolut auf seine Unterhaltungskosten und will gar nicht aufhören, zu applaudieren. So schön, soviel Spaß macht kreativ gestaltetes Unterhaltungstheater, die Fahrt nach Wuppertal hat wieder einmal gelohnt.

Martin Freitag                                                                   Foto: Tom Buber

 

 

BLUTHOCHZEIT

(Wolfgang Fortner)

Besuchte Premiere am 13.01.13

Lorca und Fortner

Wolfgang Fortner galt einst als einer der wichtigen deutschen Komponisten seiner Zeit, seine Oper "Bluthochzeit" nach der gleichnamigen Tragödie von Federico Garcia Lorca (UA 1957 in Köln) war eine der meistgespielten zeitgenössischen Werke der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts in deutschsprachigen Ländern. Seither ist es still geworden um Komponist und Werk (die letzte Premiere war 1984 in Düsseldorf). Wenn jetzt die Wuppertaler Bühnen die Oper auf den Prüfstand stellen, so belegt das wieder einmal die These, daß das wichtige und spannendste Theater mitunter in der sogenannten Provinz stattfindet.

1950 komponierte Fortner für Karl Heinz Stroux in Düsseldorf die Schauspielmusik zu Lorcas nach Vertonung schreiendem Schauspiel und entwickelte quasi aus dieser Keimzelle die Oper für Köln (es gibt eine CD-Aufnahme unter Günter Wand davon). Der Oper merkt man diese Herkunft zweifelsohne an, denn wichtige Solopartien werden von Schauspielern besetzt, die auch ein wenig singen, während die Sänger auch zwischen Gesprochenem und Gesungenem wechseln müssen. Den Vorbildern Schönberg und Berg in die Atonalität folgend, gibt Fortner Text und Musik gleiches Gewicht, wie beim großen "Wozzeck", vielleicht zwar ohne die Genialität Bergs zu erreichen, doch das Ergebnis ist echtes, spannendes Musiktheater. Leichtes, spanisches Kolorit wird in die Musik projiziert.

Das Bühnenkonzept und die Inszenierung von Christian von Götz sind schlicht und werkdienlich: das Theater findet nach vorne gezogen auf dem Orchestergraben statt, während das Orchester erhöht auf einem Podium von der Bühne den „Soundtrack“ liefert, was für die wichtige Wortverständlichkeit absolut richtig ist. Hilary Griffiths leistet mit dem Sinfonieorchester Wuppertal wirklich Großes, die Verbindung zwischen Orchester und Darstellern bleiben stets eng ineinander verzahnt, die schwierigen Einsätze zwischen Sprechtheater und Musikdrama werden fließend beachtet, die Ausgewogenheit zwischen Textverständlichkeit und aufwallender Sinfonik hervorragend austariert. Götz inszeniert den Lorca/Fortner schlicht vom Blatt weg und bedient sich dabei der starken Persönlichkeiten der Darsteller. Ein Trennvorhang mit der Fassade einer Hochhaussiedlung und Ulrich Schulz` zeitgenössische Kostüme suggerieren Aktualität, in der lyrisch-symbolischen Flucht- und Todesszene wird alles noch einmal passend reduziert und das Augenmerk ganz auf die Darstellung, die Musik der Sprache und die Sprache der Musik gerichtet. Die Szene macht einen einfachen und konzentrierten Eindruck. Indes wäre der Abend nichts ohne seine Darsteller - man möchte zwar sagen, es ist Dalia Schaechters Vorstellung, doch eigentlich hinkt niemand hinter ihr zurück. Schon das erste, verhärmte Wiegen der dominierenden Rolle der Mutter macht klar, wer das Zentrum auf der Bühne darstellt. Von den schlichten, zarten Tönen bis zum hochdramatischen Schmerzensschrei schöpft die Sängerin ihre Möglichkeiten aus, um das ergreifende bis erschütternde Portrait dieser traumatisierten Frau darzustellen.

Vom Wuppertaler Schauspiel liefert Ingeborg Wolff mit nahezu gespenstischer Intensität und hervorragender Sprechtechnik als Nachbarin/Bettlerin/Tod den szenischen Gegenpol, diese Frau verursacht mir echte Gänsehaut mit ganz wenigen Mitteln. Sehr stark die Damen des Wuppertaler Musiktheaters: Banu Böke mit teilweise somnambulem Gestus und leuchtendem Sopran als Braut, Joslyn Rechter mit präsentem Mezzo als erdige Magd und Miriam Ritter mit fast zurückgehaltener Tongebung als ahnende Frau Leonardos, der von Thomas Laske mit strahlendem Bariton von gar nicht immer unsympathischem Machismo gezeichnet wird. Gregor Henze nutzt den schwierigen Sprechpart des Bräutigams, um den menschlichen Antipoden auf starke Weise als schwachen Charakter zu geben. Martin Koch singt den wundervollen Part des Mondes mit durchaus auch einmal fahlen Farben. Annika Boos gefällt mit prägnanter Soubrettenstimme als Kind, während Cornelia Bergers Alt Leonardos Schwiegermutter rollengerecht auch alt klingen läßt. Das Ensemble mit den vielen Solopartien aus Schauspiel, Chorsolisten und natürlich dem wirklich großartigen Wuppertaler Chor füllt sämtliche Rollen prägnant und mit farblicher Akkuratesse. Szenisch schultert die Tänzerin Verena Hierholzer in der Partie des Dämon, der die mitgeschleppte Vergangenheit der Handelnden darstellt, den Abend mit ihrer Intensität wesentlich.

Wirklich ein Musiktheaterabend aus einem Guß, der manchen Zuschauer vielleicht noch bis in die Träume verfolgt. Das gut besuchte Haus feierte einen echten, verdienten Premierentriumph. Eine Vorstellung, die man sich durchaus noch ein zweites Mal anschauen sollte, ich jedenfalls werde versuchen, einen weiteren Termin für mich zu finden.

Weitere Informationen und Termine: www.wuppertaler-buehnen.de

Martin Freitag

Redaktion: Frank Becker

Bilder siehe unten

 

BLUTHOCHZEIT

Premiere 13.1.2013

Spanische Folklore und Zwölftonmusik sind eigentlich zwei Stile, zwischen denen Welten liegen. In seiner Oper „Bluthochzeit“ verbindett Wolfgang Fortner beide musikalischen Idiome zu einer schlüssigen Tonsprache. An den Wuppertaler Bühnen kann man diese selten gespielte Oper, die 1957 in Köln uraufgeführt wurde und zuletzt 1986 in Düsseldorf inszeniert wurde, wiederentdecken.

Man hört Fortners Musik an vielen Stellen an, dass sie aus einer Schauspielmusik entwickelt wurde, zumal in dieser Oper reine Sprechrollen wie der Bräutigam verblieben sind. Auch die Gesangspartien werden immer wieder in gesprochene Dialoge zurückgeführt, was den musikalischen Fluss des Werkes etwas hemmt. Gleichzeitig staunt man über die schwermütige Schönheit von Fortners Musik.

Hillary Griffiths betonnt am Pult der Sinfonieorchesters Wuppertaler den Farbenreichtum und die Leuchtkraft dieser Zwölftonmusik. Da die Musiker auf einem erhöhten Podest auf der Bühne platziert sind und das szenische Geschehen auf der Vorderbühne stattfindet, kann das Orchester in so großer Besetzung aufspielen, wie sie im Graben kaum Platz gefunden hätte. Gleichzeitig rückt das szenische Geschehen hautnah an das Parkett und die Stimmen der Sänger werden nie von der Musik zugedeckt.

Regisseur Christian von Götz hat auch diese Raumlösung entworfen, die schlüssiger ist als sein Aktualisierungsversuch. Von Götz und sein Kostümbildner Ulrich Schulz siedeln den Streit zweier Familien, der von Generation zu Generation weiter getragen wird, im Prekariat unserer Gegenwart an. Dominierend ist ein großer Zwischenvorhang, der Spielfläche und Orchester voneinander abtrennt und die Hochhausfassade eines sozialen Brennpunktes zeigt. Ulrich Schulz greift besonders gern auf Militärhosen und die Adidas-Kollektion zurück, was den Eindruck erweckt, dass die Sportbekleidungsfirma Hauptsponsor dieser Produktion sei.

Die starren Gesellschaftsnormen, die Frederico Garcia Lorca in seiner Schauspielvorlage thematisiert, würden eher eine Ansiedlung im Mafia-Milieu oder bei religiösen Fundamentalisten nahelegen. Auch der bemerkenswerte Hinweis von Dramaturg Johannes Blum in seinem Einführungsvortrag, dass sich die Besucherinnen der Kölner Uraufführung in den Frauen der Oper wiedererkannt haben dürften, wird von der Regie nicht aufgegriffen.

Rätselhaft bleibt auch, warum die Braut ihren gerade angetrauten Ehemann bei der Hochzeit verlässt, um mit ihrem ehemaligen Verlobten Leonardo durchzubrennen. Zwischen Banu Bökes Braut und dem Leonardo Thomas Laskes knistert es zu wenig. Die Faszination, die von Leonardo ausgeht, wird lediglich durch Miriam Ritters Spiel und Gesang beglaubigt, die Leonardos Frau verkörpert und sich jede Demütigung gefallen lässt.

Zentrum der Aufführung ist die großartige Dalia Schaechter, die als Gast von der Oper Köln die Rolle der Mutter verkörpert und sich dieser Figur mit Haut und Haaren ausliefert. Schaechter macht deutlich, welche Traumatisierungen diese Figur erlebt hat und wie sie ihr Trauma gleichzeitig an die nächste Generation weitergibt. Des Dämons in Gestalt einer Braut, den Regisseur Christian von Götz ihr als Peiniger zur Seite stellt, bedarf es gar nicht, so plastisch singt und spielt Schaechter ihre Rolle. Kein Wunder, dass sie vom Premierenpublikum wie ein Weltstar gefeiert wurde.

Diese Wuppertaler „Bluthochzeit“ hat ihre szenischen Schwächen, ist aber ein starkes Plädoyer für ein Werk, das viel zu lange nicht gespielt wurde. 

Rudolf Hermes                                             Bilder Uwe Stratmann

 

 

 

GLÜCKLICHE REISE

Wuppertaler Premiere am 18.11.12, besuchte Aufführung am 24.11.12

Musik ihrer Zeit

Wie schön, wenn die spärlich gesäeten Operettenaufführungen einmal nicht die ewigen fünfzehn Hits spielen, sondern sich dem "Randrepertoire" widmen, so an den Wuppertaler Bühnen Eduard Künneckes "Glückliche Reise" von 1932 gespielt wird. Eine Operette ganz ohne Adel, sondern aus ihrer Zeit heraus: Brasilienauswanderer, die sich mit Reisebüromädels aus Deutschland schreiben. Nach dem kurzen, exotischen Vorspiel geht es in ein Berlin der Weimarer Republik, wo die recht harmlose Komödienintrige allein durch die putzigen Menschen und Künneckes mitreißende Musik lebt; Rumba, Foxtrott, Paso Doble und die damalige, schmissige Tanzmusik, viel Komik, etwas Sentiment, da ist jede musikalische Nummer ein echter Treffer.

Johannes Weigand gehört zu den Regisseuren, die mit leichter Hand das schwierige Operettengenre beherrschen, Markus Pysall liefert mit dem sparsamen, doch dekorativen Bühnenbild zwischen Neuer Sachlichkeit und exotischer Tourismusromantik und seinen farbig gelungenen, geschmackvollen Zeitkostümen den passenden Rahmen, Götz Hellriegels Choreographie, weiß wem sie was tänzerisch abverlangen kann und erfreut durch Abwechslungreichtum und witzige Ideen das Herz. Tobias Deutschmann spielt ausgefeilt und sorgfältig mit dem Sinfonieorchester Wuppertal auf der Klaviatur der Tanzrhythmen und bringt Künneckes grandiose Orchestrierung zum Leuchten.

Doch ein Manko hat der Abend, denn die Darsteller werden akustisch verstärkt, was in den Dialogen durchaus Sinn macht, da es die Sprechstimme schont, empfinde ich musikalisch störend, zumal es die eigentliche vokale Leistung schwieriger zu beurteilen erschwert. So scheint das seriöse Paar für mich nicht zufriedenstellend, denn Elena Fink als Lona Vonderhoff hat Schwierigkeiten ihre Sopranstimme in den Höhen mikroporttauglich zu verschmälern, da wäre "ohne" sicherlich vorteilhafter. Boris Leisenheimers Tenor als Robert von Hartenau kommt die Verstärkung eher entgegen, da seine Stimme im Höhenvolumen leider zunehmend unkontrolliert klingt. Beide gestalten ihre Partien sonst akkurat. Richtig gut ist das "leichte" Paar, denn Olaf Haye und Annika Boos als maskuliner Stefan Schwarzenberg und sich durch das Leben flunkernde Monika Brink haben sichtlich und hörbar Spaß an den spritzigen Duetten und tanzen sich schlichteweg einen Wolf vor Vergnügen. Gregor Henze, zwar verletzt und mit Krücke, mimt einen herrlich kodderigen Reisebürobesitzer Homann und Stefan Ullrich ergänzt stilsicher als Kapitän Brangersen/Regierungsrat Hübner.

Dei Chorsolisten und der Damenchor sind ebenfalls recht gutgelaunt mit von der Partie. Insgesamt ein unterhaltsamer, vergnüglicher Abend, bei dem Titelmarsch "Glückliche Reise" wird natürlich ordentlich mitgeklatscht, mit leichten, akustischen Einschränkungen. Trotzdem ein "Muß" für die Freunde der heiteren Muse.

Auf nach Wuppertal und "Glückliche Reise" !

Martin Freitag                                                     Bilder: Uwe Stratmann

 

 

 

 

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