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Photos: Nationaltheater Zagreb

  NORMA

12.2. – Auf einem Hügel im Zentrum der heutigen Hauptstadt Zagreb errichteten die beiden genialen Theaterarchitekten Ferdinand Fellner und Hermann Helmer 1895 das Königlich Kroatische Landes- und Nationaltheater, heute das kroatische Nationaltheater (Hrvatsko Narodno Kazalište).

In einer Zeit großer Einsparungen an öffentlichen Geldern für kulturelle Belange vertraute man in Zagreb die Intendanz des Theaters einer Wirtschaftswissenschafterin, Frau Dr. Ana Lederer, an. Ihrer Verantwortung obliegt nun die Zukunft des Nationaltheaters.

Zu Ehren der verstorbenen kroatischen Sängerin Ljiljana Molnar-Talajic (1938-2007) wurde nun die Norma, eine ihrer Glanzpartien, auf den Spielplan gesetzt. Die Premiere dieser Neuinszenierung war restlos ausverkauft.

Die aus Tashkent stammende Wahlwienerin Natalia Ushakova, die in Wien bereits als Violetta, Lisa (Pique Dame) und Hanna Glawari zu erleben war, gab ihr fulminantes Rollendebüt als Norma. Und das um so mehr, als sie an diesem Abend von dem über weite Strecken zu laut spielenden Orchester des Kroatischen Nationaltheaters unter dem stimmunterdrückenden Dirigat von Antonello Allemandi und der für Sänger äußerst problematischen Personenführung von Philipp Himmelmann wenig Unterstützung erhielt. Erstaunlich wie diese junge sympathische Sängerin diese wohl anspruchsvollste Partie des Belcanto-Faches innerhalb von nur drei Monaten einstudiert hat! Auf einer fast bis zur Bühnendecke hinauf reichenden breiten Treppe musste sie aus einiger Entfernung zum Publikum die berühmte Cavatina „Casta Diva, che inargenti“ singen, bei der viele große Vorgängerinnen eher eine verharrende starre Pose einnahmen.

Bei Himmelmann galt es jedoch das anwesende Volk, wie in Zeiten kommunistischer Diktaturen, zu manipulieren. In dieser Inszenierung geschah dies durch ein vorgetäuschtes Menschenopfer. Norma erwählt ein Opfer, streichelt zärtlich den Kopf dieser jungen Frau, die in Pietà-Stellung zwischen ihren Beinen liegt, und schneidet ihr sodann mit einem Opfermesser die Kehle durch. Effektvoll fließt dann viel Theaterblut die weißen Stiegen hinunter. Was zunächst als starkes Bild einer Version der christlichen Wandlung beim Abendmahlsakrament aufgefasst werden könnte, entpuppte sich dann wenig später als billiger Trick, denn das „Blutopfer“ steht, nachdem das Volk abgetreten war, wieder unverletzt auf und die herbeigeeilten Dienerinnen müssen nur mehr die blutverschmierten Stiegen, ähnlich den Mägden in Elektra, allerdings ohne „immer frisches Wasser“ reinigen.

Erstaunlich war aber auch die vokale Bandbreite von Ushakovas dunkel timbrierten, satten Soprans, der vor allem in der hohen Lage noch mehr aufblühte: die zahlreichen hohen C's dieser Mörderpartie kamen mühelos und, als wäre es das Natürlichste der Welt, legte sie auch zwei glanzvolle Spitzentöne ein, ein hohes D im Finale des 1. Akts sowie ein hohes Es am Ende des Duetts mit Pollione "In mia man alfin tu sei" ein, die vom Publikum mit hysterischen Brava-Rufen akklamiert wurden.

Mit dem erwähnten, schwergewichtigen Dirigat von Allemandi hatte an diesem Abend auch der mexikanische Tenor Rafael Rojas als Pollione zu kämpfen. Er forcierte dermaßen, dass einige Spitzentöne in Folge misslangen. Darüber hinaus hatte er leider im Terzett mit Norma und Adalgisa „Oh! Di qual sei tu vittima / Norma! De‘ tuoi rimproveri / Oh! qualtraspare orribile“ am Ende des ersten Aufzugs auch einen unüberhörbaren Texthänger. Szenisch interessant gestaltete Himmelmann den Auftritt von Pollione und Flavius. Während Pollione in aufrechter Haltung die steile Treppe hinunter schreitet, rutscht sein Begleiter Flavius/Tvrtko Stipić ängstlich die Stufen sitzend hinab. Ihm ist die Szenerie nicht geheuer und er ahnt wohl, was geschehen wird.

Der aus Split stammende Bassist Ivica Čikeš repräsentierte einen allzu jungen Vater Normas, verlieh diesem aber eine wohltimbrierte, satte Stimmlage, die als sehr gute Leistung an diesem Abend vermerkt werden muss. Die Adalgisa des Abends, die aus Dubrovnik stammende Dubravka Šeparović-Mušović, kennt man bereits als Ježibaba in Stefan Herheims vielbeachteter Inszenierung der Rusalka in Graz. Demnächst wird sie auch am Landestheater in Klagenfurt als Amneris gastieren. Ihr warmes Timbre mit satter Mittellage und ausgezeichneter Tiefe strahlt eine faszinierende Sinnlichkeit aus, die den Zuhörer sofort einnimmt. Allerdings fielen ein paar Spitzentöne ebenfalls dem zu laut spielenden Orchester zum Opfer. Wunderschön aber war ihr Duett mit Norma, die beiden Stimmen ergänzten einander vortrefflich, und manch Zuhörer dachte wohl insgeheim an legendäre Zeiten von Joan Sutherland und Marilyn Horne.

Solide war der Sopran von Kristina Anbelka Bopar, einer Stipendiatin des Nationaltheaters, in der Rolle der Klothilda. Leider hatte ihr die Kostümbildnerin Gesine Völlm lediglich einen unpassenden himmelblauen Pullover und Leggins verpasst, die als besondere Hässlichkeit an diesem Abend schon optisch herausstachen. Hermann Feuchter stellte eine riesige Treppe auf die Bühne, unter der Norma ihre beiden Söhne, dargestellt von Božidar Juriš und Karlo Požgaj, ähnlich dem Josef Fritzl’schen Verließ in Amstetten, vor der Außenwelt verborgen heimlich aufzieht. Ob diese traurige Assoziation vom Regisseur gewollt war oder nicht, vermag ich jedoch nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Allerdings gebe ich zu bedenken, dass die Norma eigentlich keine sympathische Figur darstellt, denn wie Medea denkt sie daran, ihre eigenen Kinder zu töten. Zudem gaben die geöffneten Türen, die nun wie Säulen wirkten, nicht von allen Plätzen aus eine ausreichende Sicht auf das Geschehen im Inneren des von einem Stockbett für die Kinder und einem TV-Apparat beherrschten Raumes.

Die Kostüme für den von Ivan Josip Skender gut geführten Chor erinnern an Raumschiff Enterprise und ähnliche Filme dieses Genres. Da leuchten stahlblaue Augen aus behelmten Häuptern auf, andere wiederum tragen widderbehörnte Kappen und programmieren sich mittels einer Schalttafel, die sie vor sich hertragen, selbstständig.

Eine solche Inszenierung wäre wohl in Wien nicht ohne negative Beifallskundgebungen der Zuschauer über die Rampe gegangen. In Zagreb hielt sich das Premierenpublikum aber in noblem Schweigen zurück und beschränkte sich darauf, die Solisten und den Chor wohlwollend zu beklatschen. Bravirufe gab es für Norma und Adalgisa, denen sich der Rezensent durchaus anschließen konnte.      

Harald Lacina

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