DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Sprechtheater

 

Friedrich Dürrenmatt

DAS VERSPRECHEN

Premiere: 16. November 2018 

Besuchte Vorstellung: 22. November 201

Requiem auf den Kriminalroman

Was verspricht ein Abend mit Dürrenmatts Versprechen? Gähnende Langeweile oder ein spannendes Erlebnis - das ist hier die Frage? Nach dem Film Es geschah am hellichten Tag  mit einem Staraufgebot wie Heinz Rühmann, Gerd Fröbe, Siegfried Lowitz und vielen anderen ist diese Frage durchaus berechtigt.

Die Antwort jedoch ist schnell gegeben: Die Regiearbeit von Nora Schlocker ist absolute Spitze. Die Regisseurin schafft es, den Roman auf der Bühne lebendig zu machen, das Werk Dürrenmatts zwingend zu visualisieren und die Geschichte verständlich zu erzählen. Ihre Sichtweise auf die Problematik der Gewalt, ob gegen Kinderoder die Gewalt der Polizei, aber auch die Ohnmacht der Justiz gegenüber ebendieser Gewalt, wird vom gesamten Team überzeugend interpretiert.

Diese Personenführung hat es in sich: Neben den Schauspielern des Theater Basel tummeln sich auf der Bühne auch Mitglieder der Basler Mädchenkantorei und der Basler Knabenkantorei. Diese sind nicht nur Statisten, sondern wesentlich Mitspieler im ganzen Stück. Beide Chöre sind auch für die gesamte Musik verantwortlich. Sie singen, respektive vokalisieren live und als Einspielung den Soundtrack zum Versprechen. Dies tun sie mit einer bewundernswerten Professionalität. Die Musik wurde von Marcel Blatti geschrieben. Die Einstudierung der Mädchenkantorei besorgte Marina Niedel und Oliver Rudin jene der Knabenkantorei.

Warum die permanente Anwesenheit der Kinder auf der Bühne? Dazu die Regisseurin: Ich hatte von Anfang an eine grosse Sehnsucht, mit dem Stoff unmittelbar, schrankenlos die Zuschauer zu tangieren, zu berühren. Und den Fokus auf die Angst zu legen. Da war klar, dass wir, damit die Fallhöhe des Abends stimmt, echte Kinder auf der Bühne brauchen. Was ist, wenn in einem Wimmelbild von zwanzig Kindern auf dem Spielplatz mein eigenes plötzlich fehlt?
Dann haben wir die Dimension der Kinder noch insofern erweitert, als wir uns für eine Zusammenarbeit mit der Mädchen- und Knabenkantorei Basel entschieden haben. Einerseits, um dadurch eine wundervoll komplexe musikalische Ebene schaffen zu können – die Kinder tragen diesen Abend musikalisch allein. Zudem steht ihr Klang aber auch für die Stimme der Kinder im Allgemeinen, das heisst, immer wenn wir die Musik hören, haben wir auf eine Art auch den Blick der Kinder auf das Geschehen, ihre Perspektive, ihre Zeugenschaft mit dabei.

Für das Bühnenbild und die Kostüme verantwortlich zeichnet Marie Roth. Bühnentechnisch stellt sich für die Frage, ob die Glasscheiben wirklich nötig sind. Diese bedingen nämlich wiederum den Einsatz von Mikrophonen. Gab es keine andere Möglichkeit die Ideen der Regisseurin zu verwirklichen?

Da sehr viele Szenen vor der Bühnentrennung spielen, fällt der qualitative Unterschied in der sprachlich schauspielerischen Leistung der ProtagonistInnen auf. Die Subtilität der Expression geht über die Mikroportanlage zu einem grossen Teil verloren. Dazu kommt, dass die Ortung des Schauspielers nicht mehr möglich ist. Alles kommt aus einem fest montiertem Lautsprecher.

Eine kurze Szene ist für dieses Phänomen typisch: Matthäi und Ursula unterhalten sich extrem links auf der Bühne, ihr Gespräch jedoch kommt hoch oben aus der Mitte. Das stört. Für mich ist es wichtig, dass der optische Eindruck mit der akustischen Ortung übereinstimmt, nicht nur im Sprechtheater! Wobei ich betonen muss, dass Frau Schlocker den Einsatz der Mikrophone auf das durch den Bühnenaufbau bedingte Minimum beschränkt hatte,

Ein Höhepunkt des Abends war der Abschluss, die Auflösung des Requiems, hervorragend gespielt von Carina Braunschmidt; hr Monolog gehört zum  Besten, was ich in letzter Zeit im Sprechtheater erleben konnte. Dazu kommt, dass Frau Braunschmidt neben dieser Rolle noch vier andere Parts spielt: Gritlis Mutter, die Lehrerin, eine Reinigungsfachkraft und Frau Heller.
Eine spezielle Erwähnung verdienen die Kinderrollen Das ermordete Gritli wird gespielt von Ellen Reichen. Diese Rolle verlangt eine grosse Körperbeherrschung. Ellen meisterte diese Schwierigkeit hervorragend. Die Partie der Ursula, als Anführerin und Gritlis beste Freundin, gab Muriel Becher.

Hervorragend die kindliche Schauspielkunst von Annemarie, Frau Hellers Tochter. Auf der Bühne zu sehen war Livia Jost. Ihre Mimik, ihre Körpersprache, ihre Sprache und ihr Verständnis für die Dramaturgie können nur als professionell bezeichnet werden. Frau Schlockers Personenführung dieser Rolle, der Rolle des Köders für den Mörder, gehört in die absolute Spitzenklasse.

Michael Wächter als Kommissär Matthäi interpretiert seine Rolle extrem introvertiert und eher diskret, aber sehr intensiv, mit viel Emotion und Körpereinsatz.
Als Kommandantin der Kapo Zürich sehen wir Cathrin Störmer mit hervorragender Diktion, einer Sprachverständlichkeit welche im modernen Sprechtheater leider nicht mehr immer zu finden ist. Etwas farblos erscheint Urs Jucker als Wachtmeister Henzi in seinem ersten Kriminalfall.

Diese Farblosigkeit besser Unsicherheit muss man dem auf der Bühne starken Eindruck der Polizeikommandantin und des Kommissars Mathei zuschreiben. Dies wiederum bedeutet, dass Jucker den Henzi richtig interpretiert. Überzeugend spielt Steffen Höld den Hausierer von Gunten; seine Reaktion auf das zwanzigstündige Verhör ohne Anwalt, das aus der Hilflosigkeit entstandenes Geständnis und sein Selbstmord wirken politisch doch sehr aktuell.
Erwähnensert noch die ausgezeichnete Dramaturgie von Carmen Bach und das Lichtdesign von Cornelius Hunziker. Das zahlreich erschienene, zum grossen Teil junge Publikum, sorgte für ein fast ausverkauftes Schauspielhaus. Alle bedankten sich für die tolle Leistung des gesamten Teams mit langanhaltendem, stürmischem Applaus. Ein mehr als gelungender Abend.

Peter Heuberger Basel

Fotos © Sandra Then

 

Unser OPERNFREUND Filmtipp dazu

 

 

 

Eine wirkliche High-End Besetzung bieten beide Filme - wobei mir persönlich die aktuellere (Farbe) Version von Sean Penn aus dem Jahre 2001 auch sehr gut gefällt. Wer Dürrenmatt mag, sollte sich unbedingt beide Filme anschauen.           P.B.

 

 

Ballett von Johan Inger

CARMEN

Premiere: 15. November 2018

Don José getrieben von Eifersucht, Leidenschaft und Rachegelüsten!

Dazu der schwedische Choreograph Johan Inger: In meinem Ballett steht nicht allein die weibliche Hauptfigur Carmen im Mittelpunkt der Geschichte. Wie in Prosper Mérimées Original konzentriert sich das Stück auf Don Josés Liebeskummer. Er ist unfähig, den Freiheitsdrang seiner Geliebten zu ertragen und wird getrieben von blinder Leidenschaft und zermürbenden Rachegelüsten.

Interessant für mich waren die dramaturgischen Anspielungen Ingers auf Amor Brujo. Vor allem die Todesboten in schwarz aus der Geisterwelt weisen auf das Ballett von Manuel de Falla hin. Sie erscheinen immer wenn das schlechte Gewissen und die Eifersucht bei Don José überhand nehmen. Dieses Element fehlt im Original von Bizet, da dort vor allem die starke Frau, Carmen, dargestellt wird. Dazu kommt, dass Johan Inger die Wichtigkeit der kurzen Pausen kennt und diese in seiner Choreografie gekonnt einsetzt.

Immer wieder gibt es einen kurzen Stillstand in der Handlung, um die dramaturgischen Effekte zu verstärken. Diese dramaturgischen Verstärkungen hat der Cho-reograf schon in seiner letzten Basler Inszenierung Per Gynt eingesetzt. Auch die Rolle des Beobachters, dargestellt durch ein Kind, vor dem Mord an Zuñiga in weissem Kostüm, nach dem Verbrechen ganz in Schwarz, fehlt im Original von Bizet.

Dazu Inger: Eine Annäherung an das Thema wollte ich mithilfe einer reinen, unberührten Sichtweise zugänglich machen: der eines Kindes. Es ist eine Figur, die uns dazu bringen soll, einer-seits das Geschehen mit unschuldigem Blick zu beobachten, die uns andererseits aber auch dazu zwingt, Zeuge davon zu werden, was die Gewalt wiederum mit diesem Kind macht.

 

Johan Inger versteht es, in seinen Choreografien Geschichten verständlich und überzeugend zu visualisieren.

Die Musik zum Ballett Carmen, schrieb der russische Komponist Rodion K. Schtschedrin, wobei Anspielungen auf Bizets Original nicht fehlen. Weitere wichtige Musik wurde vom Spanier Marc Alvarez komponiert. Unter der Stabführung von Thomas Herzog läuft das Sinfonieorchester Basel zur Hochform auf und interpretiert die Ballett-Musik emotionell und musikalisch hervorragend.

Eine spezielle Erwähnung im musikalischen Geschehen verdient die Arbeit des Basler Tonmeisters Jan Fitschen. Seine Einspielungen über Lautsprecher waren derart gut gesetzt, so professionell abgeglichen, dass der Unterschied zur Life-Musik des SOB kaum wahrzunehmen war.

Don José, dargestellt/getanzt von Max Zachrisson, überzeugt auf der ganzen Linie. Seine Eifersucht und seine emotionale Unbeherrschtheit werden mit seinem tänzerischen Können für die Zuschaue-rInnen/Zuhörerinnen körperlich spürbar.

Die Rolle von Carmen tanzte Debora Maiques Marin mit überzeugender Emotion, ausgezeichneter Körpersprache, welche ihre Bühnenpräsenz optimal unterstrich. Ihr Wunsch nach Eigenständigkeit, ihr unbändiger Drang nach Freiheit ist zu fühlen und nachzuvollziehen.

Das Kind, eine kleine aber wichtige Rolle in dieser Choreografie, gibt Alba Carbonell Castillo. Sie überzeugt, trotz Lockerheit, mit präziser Tanzkunst.

Als Zuñiga wird Piran Scott von Don José ermordet und den Torero tanzt Javier Rodriguez Cobos. Auch die Leistungen dieser beiden Solo-Tänzer sind über jeden Zweifel erhaben und gefallen gut.

Dramaturgisch hervorragen eingesetzt sind die Arbeiterinnen, dann auch die vier jungen Männer und die Wärter. Alle sind Mitglieder des "Ballett Theater Basel", genau wie die Solotänzer und -Tänzerinnen.

Die Arbeiterinnen: Paige Borowski, Lydia Caruso, Gaia Mentoglio, Annabelle Peintre, Raquel Rey Ramos, Marina Sanchez Garrigós, Dévi-Azélia Selly

Vier junge Männer: Diego Benito Gutierrez, Mirko Campigotto, Jorge García Pérez, Anthony Ramiandrisoa

Wärter: Giacomo Altovino, Florent Mollet

Der lautstarke, langanhaltende Schlussapplaus des zahlreich erschienenen Premierenpublikums belohnt die Tänzerinnen und Tänzer auf der Bühne, die hervorragende musikalische Interpretation des SOB im Dirigat von Thomas Herzog und die Arbeit des ganzen Teams dieser Produktion.

Peter Heuberger 18.11.2018

Fotos © Lucian Hunziker

 

 

Othello X

Uraufführung Premiere 26. Oktober 2018

 

 

Othello X ist ein Auftragswerk, welches der Regisseur Nuran David Calis für das Theater Basel schrieb. Dramaturgie und Handlung lehnen sich stark an das Original an. Seine Personen haben dieselben Namen wie bei Shakespeare. Der neu verfasste Text jedoch trägt die Shakespearsche Handlung nur zu einem Teil. Zu gesucht, künstlich ist die Sprache, welche der Strassensprache von heute angepasst sein soll. Im Original ist gerade Othello eigentlich ein einfacher, gradliniger Mensch, welcher als das was er ist, akzeptiert werden möchte: Sprecht von mir, wie ich bin, verkleinert nichts, noch setzt in Bosheit zu. Dann müsst Ihr melden von einem, der nicht klug, doch zu sehr liebte, Nicht leicht argwöhnte, doch einmal erregt….

Dazu kommt, dass die Ausgrenzung Othellos, seine Stigmatisierung mit einer Maske (Gigers Aliens lassen grüssen) aufgepfropft wirkt. Die Regie begründet dies mit dem fehlenden, schwarzen Schauspieler. Auch die Beschriftung Othellos im Prolog mit rassistischen Ausdrücken ändert nichts.

So vordergründig, so primitiv ist der Rassismus nur auf der Strasse. Wenn die Regie Rassismus anprangern will, dann muss dies subtiler geschehen. Keine Zuschauerin, kein Zuschauer wird sich so betroffen fühlen. Diese vordergründige, primitive Zurschaustellung von Ausgrenzung geschieht nur in der anonymen Masse, am Stammtisch unter seinesgleichen, im sozio-ökonomischen Bereich der unterprivilegierten, bildungsfernen Schichten. Wobei anzumerken ist, dass die unterschwellige Art der Beeinflussung durch Jago im Text hervorragend zum Ausdruck kommt. Gesamthaft gesehen habe ich das Gefühl, dass dieselbe Inszenierung mit dem Originaltext wirkungsvoller gewesen wäre, sofern Othello anders präsentiert wird.

Die Interpretation Othellos durch Simon Zagermann ist innerhalb dieser Inszenierung hervorragend. Leider geht viele seiner Emotionen durch die erwähnte Maske verloren. Thiemo Strutzenberger spielt den perfiden Jago mit Bravour, seine bösartigen Einflüsterungen, seine Verleumdungen überzeugen über weite Strecken. Liliane Amuat interpretiert stringent und wortgewaltig die sehr selbstbewusste Desdemona.

Ihre Zuneigung, ihre Liebe zu Othello jedoch ist allgegenwärtig.
Die Rolle der Emilia, gegeben von Pia Händler wirkt in dieser Inszenierung nebensächlich, obgleich von Händler sehr gut dargeboten. Dasselbe gilt für Cassio, auf der Bühne sahen wir Florian Jahr. Als Bianca, bei Calis eine Reporterin, überzeugte Steffi Friis ebenso wie Urs Peter Halter als Rodrigo. Den Senator gab Thomas Reisinger.
Es ist im gesamten gesehen schwierig, die Leistung der Schauspielerinnen und Schauspieler abschliessend zu beurteilen. Jeder der Darsteller, jeder Darstellerin wurde, anscheinend einem modernen Trend folgend, verstärkt, das heisst der gesamte Text war über Lautsprecher zu hören. Dies ist dramaturgisch unnötig und verunmöglicht stark die Beurteilung der darstellerischen Leistung. Gute SchauspielerInnen, und in Basel haben wir hervorragende Künstler, können laut flüstern und leise schreien, sind nicht auf Mikrophone angewiesen. Die Scheiben im Direktionsbüro und im Othello-Kasten haben dramaturgische keinen Sinn und sind daher unnötig, erzwingen aber den Einsatz von Mikrophonen. Diese sollten nur eingesetzt werden, wenn dies innerhalb der Handlung Sinn macht, so zum Beispiel im Musical/ in der Operette bei Gesangseinlagen!

Gesamthaft gesehen hinterlässt Othello X einen zwiespältigen Eindruck: Die schauspielerische Leistung ist sehr gut, mit der obenerwähnten Einschränkung. Regie und Personenführung lassen einige Wünsche offen. Die Sichtweise des Regisseurs auf das Werk wird nicht von Dauer sein. Wenn ein Regisseur seine Ideen, aus welchen Gründen auch immer, nicht verwirklichen kann, wäre es mutiger, den Auftrag zurückzugeben.

Das Premierenpublikum belohnte diese Uraufführung mit verdientem Applaus, dies vor allem für die Schauspielerinnen und Schauspieler auf der Bühne.

Bilder (c) Theater basel

Peter Heuberger 28.10.2018

 

 

 

Theater Basel

DER MENSCH ERSCHEINT IM HOLOZÄN

Premiere am 27.9.2018

 

Kooperation mit dem Deutschen Theater Berlin

 

Mit leisen Tönen, subtil und emotional, erzählt Thom Luz, Hausregisseur am Theater Basel, die Geschichte von Herr Geiser. Die Novelle Der Mensch erscheint im Holozän  schrieb Max Frisch im Jahr 1979. Luz visualisiert das Werk hervorragend und erzählt die Geschichte, wie schon in seiner Arbeit Inferno nach Dante Alighieri, allgemein verständlich. Seine Regie imponiert durch klare Personenführung ohne von den ProtagonistInnen auf der Bühne unnötigen Hochdruck zu verlangen.

Dazu integriert Thom Luz, zusammen mit dem musikalischen Leiter Mathias Weibel, Musik gekonnt, ohne dass der Handlungsfluss gestört wird. Im Gegenteil, die gewählte Musik unterstützt, ja verstärkt optisch/akustisch, die Dramaturgie. Die Bühne wurde von Wolfgang Menardi und Thom Luz entworfen. Für die hervorragende Lichtführung zeichnen Matthias Vogel und Tobias Voegelin verantwortlich. Die Kostüme kreiert hat Sophie Leypold.

Max Frisch: Katastrophen kennt der allein der Mensch, sofern er sie überlebt; die Natur kennt keine Katastrophe. Herr Geisers Naturkatastrophe. Erst einmal ist das eine ganz einfache, gerade Geschichte. Denkbar gelassen und unaufwendig erzählt, fast nur skizziert mit knappsten Konturen, doch reich im Detail: Die Geschichte von den letzten Tagen, den letzten Handlungen, Überlegungen, Flucht- und Rückzugsbewegungen eines einsamen alten Mannes, der das nahende Ende ahnt und nicht ahnen will.

Der 74-jährige Witwer Geiser sitzt in einem Tessiner Bergdorf fest. Geiser vermutet, sieht Vorzeichen von Naturkatastrophen, Sintflut, Weltuntergang. Geiser sitzt nicht wirklich fest, er unternimmt einen waghalsigen Ausflug ins andere Tal und kommt zurück. Er bildet sich die Naturkatastrophe nur als Möglichkeit ein. Auskünfte im Dorf sind widersprüchlich, einige behaupten, es sei gar kein Hang gerutscht. Was stimmt? Wie so vieles, bleibt auch dies offen. Dazu muss man feststellen: Geiser bleibt, da er nicht im Dorf geboren, ein Aussenseiter, auch wenn er schon jahrelang hier lebt.
Herr Geiser wird hervorragend gespielt von Ulrich Matthes. Als die verstorbene Frau von Geiser erscheint Judith Hofmann. Franziska Machens verkörpert die abwesende Tochter Corinne. Der Schwiegersohn aus Basel, der immer alles besser weiss, wird von Leonhard Dering gegeben. Als deutscher Sonnenforscher steht Wolfgang Menardi auf der Bühne. Menardi, Hofmann und Dering führen als Kommentatoren durch das Werk und dienen so als roter Faden.

Ein spezieller Applaus gehört dem Musiker und Sänger Daniele Pintaudi, welcher als Armand Schulthess seine speziellen Kommentare abgibt, dazu singt er und spielt. im Duett mit dem Sonnenforscher und zweiten Klavierspieler, Wolfgang Menardi, Klavier
Ein Höhepunkt in der Regie ist meiner Meinung nach die Schlussszene: Herr Geiser verliert sein Gedächtnis und seine Erinnerungen immer mehr. Luz visualisiert dies mit dem Fallen von verschiedenen Tüllvorhängen, so dass Geiser immer unschärfer, weniger sichtbar wird. Zuletzt fäll der schwarze, dann der Hauptvorhang. Ende!
Der Applaus, der mehr als verdiente Applaus bleibt fast eine Minute aus, so ergriffen sind die zahlreich erschienen Premieren-BesucherInnen! Der stürmische Beifall, die Bravi Rufe, folgen und sind fast endlos! Der Besuch dieser Produktion des Theater Basel lohnt sich, wie immer!

Peter Heuberger 30.9.2018

Bilder (c) Sandra Then


Musiknachweise für diese Produktion:

Ludwig van Beethoven       Symphonie Nr. 6 Pastorale für 2 Klaviere arr. Singer
Bela Bartok                          Aus >Mikrokosmos IV Nr.144< Thema und Umkehrung
Tessiner Volkslieder            O cielo cielo / La bella vita va al fosso / Girumetta
Josquin des Préz                  Aus >Missa Pange Lingua< Sanctus / Pleni sunt Coeli
Jakob Arcadelt                     Dormendo un giorno
Johan Sebastian Bach          >Kunst der Fuge< 14a Canon in Hypodiates Canon zu sieben Stimmen     

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de