DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Unaufgeregt als handle es sich um eine gemütliche Plauderei beim Wiener Heurigen liest sich das neue Buch des nunmehr 88jährige Otto Schenk, das er sicherlich zur Freude aller seiner vielen Anhänger zwei Jahre nach dem bereits nach Abschied klingenden „Ich kann‘s nicht lassen“ und vier Jahre nach dem ebenfalls sich nach Epilog anhörenden „Ich bleib noch ein bissl“ unter dem Titel „Wer’s hört, wird selig“ geschrieben hat. Und natürlich erhofft man nach so häufigem im Geiste Abschiednehmen auch noch mindestens ein weiteres Buch zum Neunzigsten im Jahre 2020. 

Was macht die Werke Otto Schenks zu einem so angenehmen Lesevergnügen, dass man seine Bücher meistens in einem Zug hintereinander weg liest? Zu ihren Tugenden gehören ganz sicherlich die Untertreibung, der Humor, die grenzenlose Gelassenheit. Da stutzt man, wenn man über das Jahr 38 liest, dass man von da an „nicht mehr in die Oper durfte“, sieht bei Wikipedia nach und stellt fest, dass der Verfasser Halbjude und deshalb den antisemitischen Schikanen der Hitlerzeit unterworfen war. Da möchte man nicht glauben, dass, wie es ein wiederholtes Bekenntnis glauben machen soll, Otto Schenk unmusikalisch sein soll, da staunt man über den Mut desjenigen, der Opern mit antiken Bauwerken gleichsetzt, die man ja auch nicht plötzlich farbig verrückt anstreicht, sondern so bewundert, wie sie der Nachwelt hinterlassen wurden. Er, dem das ganze moderne Regietheater ein Graus sein muss, ist die personifizierte Dezenz und enthält sich jeder negativen Kritik, lässt Kritisches nur im Lob für das, was dem Regietheater die Stirn bietet, anklingen. Das Lob für die „Glaubhaftigkeitsgierigen“ unter den Sängern und Sätze wie „Ich bin kein hypochondrischer Langprobierer“ lassen ihn durchaus Position beziehen, ihn, der vom Publikum geliebt und vom Feuilleton eher belächelt wird für seine ewig lebendig bleibenden Inszenierungen. Von denen gibt es auch einige Eindrücke durch die zahlreichen Fotos.

Otto Schenk liebt die Sänger und das beruht offensichtlich auf Gegenseitigkeit und verwundert nicht. Eher schon, aber nur für einen Moment, dass Wieland Wagner ihm Anja Silja anvertraute für die Partien, die sie nicht mit ihm selbst einstudieren konnte. Keine ideologisch befrachteten Regiekonzepte sind seine Stärke, sondern das Bestreben, Sänger vor dem „Hausmeisterschmerz“, der falschen, auf tragisch machenden Pose zu bewahren, was sogar einen sonst gern Proben schwänzenden Corelli zum Probenfanatiker machte. Lang ist die Liste der Sänger, mit Anekdoten gewürzt, die sich auf seine Hilfestellung als Regisseur verlassen konnten, und sei es die mit der Bratpfanne zuschlagende Norina Netrebko an der Met.

 Auch über sinfonische Musik hat sich Schenk Gedanken gemacht, über die Eigenarten von Dirigenten, mit denen er zusammen gearbeitet hat oder von denen er bedauert, dass es nie zu einer Zusammenarbeit kam, so wie er es sich nach Thielemanns Götterdämmerung wegen dessen „überströmender Suggestionskraft“ gewünscht hätte. Zur künstlerischen Freundschaft, die ihn mit Levine verbindet, bekennt sich der Autor auch heute noch, wo viele Ex-Freunde um den Namen lieber einen Bogen machen.  

Oft gibt es etwas zu lachen, wenn mit weanerischem Sprachduktus vom Leiden der Tänzer bei den übertriebenen Ritardandi von Robert Stolz oder von der Lust Karajans an den Dirigentenparodien des Verfassers berichtet wird. 

Man kann nur hoffen, dass die von Otto Schenk als ungebrochene Schaffenskraft gepriesene Rüstigkeit zu weiteren Büchern und vielleicht sogar zu einer Inszenierung gemeinsam mit Thielemann führt.

240 Seiten Amalthea Verlag Wien

ISBN 9783 99050 139 9

Ingrid Wanja

 

 

 

 

 

 

Erst auf Seite 122 wird das Rätsel des wild-genialischen Kringels auf dem Cover des gerade erschienenen Buch von Daniel Barenboim und Michael Naumann gelöst: Es handelt sich um die entschlossene Abkehr des Architekten Frank Gehry vom vorgesehenen rechteckigen Entwurf für den Pierre Boulez Saal der Barenboim –SaidAkademie, den sich der Dirigent jedoch als Ellipse vorgestellt hatte. Der Klang derUtopie ist der Titel des Buches, der von der Einsicht spricht, dass man allein mit Musik nichts an den vertrackten Verhältnissen im Nahen Osten ändern kann, was nichts daran ändert, dass immerhin das nun schon Jahre dauernde gemeinsame Orchesterspiel im West-Eastern Divan Orchestra zumindest das Erhaschen eines Zipfels dieser Utopie vom friedlichen Zusammenleben bedeutet.

Das Buch zeichnet mit vielen attraktiven Fotos und angenehm kurzen, aber aussagestarken Artikeln den Weg von der Idee zu einem Orchester aus Israelis und Arabern bis zur Gründung einer Akademie, auf der diese ausgebildet werden, nach, dazu kommt die Geschichte des Gebäudes, das sich in unmittelbarer Nähe zur Staatsoper als deren einstiges Depot befindet. Mitautor neben Barenboim ist der Gründungs- und jetzige Rektor der Barenboim-Said-Akademie, auf der seit 2016 in einem vierjährigen Studiengang junge Musiker nicht nur in ihrem Metier, sondern auch in Geisteswissenschaften, alles in englischer Sprache, unterrichtet werden.

Das Buch gliedert sich in vier Abschnitte, beginnend mit Wie alles begann, als nämlich Barenboim und Said sich zufällig in der Lobby eines Londoner Hotels begegneten, fortfahrend mit dem Bau des Gebäudes in den Jahren 2012 bis 2016 und Die Akademie im Jahre 2016 und schließlich endend mit Der Pierre Boulez Saal2017. 

Wie die Studentenschaft kommen die beiden Gründer des Unternehmens aus den beiden feindlichen Lagern, mit dem Unterschied zu vielen anderen, dass sie auch dem Gegenüber das Recht auf einen eigenen Staat stets zubilligten. Bereits 1999 veranstalteten sie in der damaligen Kulturhauptstadt Weimar Workshops für Israelis und Araber, das Orchester wurde geboren, und Geburtswehen stellten sich immer wieder ein, wie zahlreiche kurze Aussagen der jungen Leute von den Skrupeln und Vorurteilen künden, die es auf beiden Seiten gab, insbesondere dann, wenn die politische Lage sich zuspitzte wie während des zweiten Libanon-Kriegs. Das Ramallah-Konzert und die Frage, ob man Wagners Musik spielen dürfe, werden berücksichtigt.

Im zweiten Abschnitt geht es um die pädagogischen Projekte, zu denen nicht nur Musikinstitute in Ramallah und Nazareth, sondern auch ein Musikkindergarten in Berlin zählt, dem Ziel verpflichtet, durch die Musik zum Leben zu bringen.

Das dritte Kapitel schließlich befasst sich mit der Barenboim-Said-Akademie, einer Geschichte vom Kampf gegen vielerlei Widerstände, nicht zuletzt von der Berliner Bürokratie verantwortet und mit viel Humor verarbeitet. Ein Drittel der Studienzeit fällt auf eine humanistische Ausbildung mit dem Ideal multipler Identitätsflüsse

Das vierte und letzte Kapitel widmet sich dem Pierre Boulez Saal, berichtet von der Freundschaft, die sich zwischen Boulez und Barenboim seit 1964 entwickelte, von der Gründung des Boulez Ensembles durch Daniel Barenboim, aber auch vom Architekten Frank Gehry, dem nicht nur der Kringel zu verdanken ist, der den Einband des interessanten und angenehm klar gegliederten Buches schmückt.

Das Buch zieht Bilanz und gestattet zugleich einen Blick in eine vielleicht doch durch die Wirkung der Musik und das gemeinsame Musizieren von Israelis und Arabern etwas friedlicher gewordene Welt.

224 Seiten, Henschel Verlag 2018

ISBN 978-3-89487-799-6

Ingrid Wanja

 

 

 

 

Herausgegeben von den Freunden der Wiener Staatsoper

Gesamtredaktion: Rainhard Wiesinger

 

Viel sehr Klassisches – Verdis „Otello“, Donizettis „Lucia di Lammermoor“, Strauss’ „Die Frau ohne Schatten“ und Berlioz’ „Les Troyens“ – steht dem Staatsopernpublikum in der Spielzeit 2018 / 19 bevor, aber auch ungewöhnlich viel Neues: „Die Weiden“ von Johann Maria Staud, „Orest“ von Manfred Trojahn (den man in Wien allerdings schon gesehen hat), außerdem noch Elisabeth Naskes „Was ist los bei den Enakos?“

Das Jahrbuch der Wiener Opernfreunde ist bekannt für seine gründlichen Einführungen zu den jeweiligen Premieren, und das ist für neue Werke besonders wichtig – wobei es im Fall der Kinderoper ein Gespräch mit Komponistin Elisabeth Naske gibt.

Zweiter Schwerpunkt der jährlichen Jahrbücher, die durchgehend reich in Schwarzweiß bebildert sind, aber auch einen farbigen Schwerpunkt-Teil über die Premieren der letzten Spielzeit bieten (mit den stärksten Szenen- und Rollenfotos), sind die Niederschriften der Interviews mit Opernstars, wie sie im Lauf des Jahres so dankenswert veranstaltet werden.

Es gab Erinnerungsabende an Hilde Güden und an Rudolf Nurejew, man hatte hochkarätige Gäste wie Elina Garanca (die viel Privates vom Muttersein erzählte), man sprach mit Elena Zhidkova und Olga Bezsmertna. Und bei den Herren gab es Kronjuwelen wie Franz Grundheber und die junge Garde, von Adam Plachetka bis Pavol Breslik, dazu den Neuankömmling am Haus Jörg Schneider oder Jongmin Park auf Startposition in eine große Karriere.

Neu waren die Gespräche zu den Premieren – im nachhinein gelesen ein bisschen ein Beispiel für Theorie und Praxis. Was hat Regisseurin Alexandra Liedtke nicht alles zu ihrem „Samson et Dalila“-Konzept erklärt, und wie wenig ist dabei herausgekommen…

Immer interessant ist die Chronik, was man alles vergisst im Lauf der Zeit, hier sind runde Geburtstage, leider auch Todesfälle und andere Ereignisse verzeichnet. Dass man den „Hunderter“ von Hilde Zadek besonders ausführlich würdigt – dafür sind solche Institutionen wie die Opernfreunde da. (Etwas kürzer ist der 90er von Christa Ludwig ausgefallen.)

Es folgt das so wichtige, weil so übersichtliche Verzeichnis der Aufführungen der vorigen Spielzeit, von A bis Z, von „Adriana Lecouvreur“ bis zur „Zauberflöte“, jede Vorstellung, jede Besetzung, jedes Rollendebut vermerkt. Anschließend dasselbe für die Ballettaufführung und ein Personenregister. Unverzichtbar, wie immer.

Der Opernfreund liest in dem Buch, und dann stellt man es in seinen Bücherschrank, von Jahr zu Jahr, griffbereit, damit man immer nachschlagen kann, was in der Wiener Staatsoper los war.

Renate Wagner 14.9.2018

 

 

 

 

JAHRBUCH DER GESELLSCHAFT DER FREUNDE VON BAYREUTH e. V. ZU DEN BAYREUTHER FESTSPIELEN

ISBN: 9 783981 669749

 

Alle Jahre wieder erscheint zu den Bayreuther Festspielen der Almanach der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth. So auch dieses Jahr wieder. Und erneut handelt es sich bei dieser Publikation um eine sehr beachtliche Angelegenheit. Sowohl der Textteil als auch die zahlreichen Photos von den Aufführungen der diese Spielzeit auf dem Programm der Festspiele stehenden Musikdramen Wagners sind recht bemerkenswert.

Die diesjährige Neuproduktion der Bayreuther Festspiele gilt dem „Lohengrin“. Mit ihm beginnt auch der Almanach. Hier ist in erster Linie Klaus Kalchschmids Interview mit Waltraud Meier, die nach achtzehn Jahren als Ortrud wieder auf den Grünen Hügel zurückgekehrt ist, interessant zu lesen. Aber nicht nur um die Radbod-Tochter geht es hier. Im Mittelpunkt des Interesses steht Frau Meiers gute Beziehung zu Patrice Chéreau, dem Schöpfer des legendären Bayreuther Jahrhundert-„Rings“ von 1976. Endlich erfährt man aus erster Hand, warum die Sängerin Bayreuth so lange fern blieb. Im anschließenden informativen Gespräch von Klaus Kalchschmid und Jens. F. Laurson mit dem diesjährigen Telramund Tomasz Konieczny steht die Frage im Vordergrund, wie es ist, wenn ein Bass-Bariton sowohl Wotan als auch Alberich singt. Um die Musik des „Lohengrin“, seine Entstehungsgeschichte und Uraufführung geht es in Stephan Jöris` lesenswerter Abhandlung „Meinen Lohengrin kann ich nicht so liegen und verfaulen lassen“. Tief in die Geheimnisse des Bayreuther Beleuchtungswesens dringt Karoline Amon in ihrem spannenden Gespräch mit Lichtdesigner Reinhard Traub vor. Viel Wissenswertes über den aktuellen „Meistersinger“-Dirigenten Philippe Jordanerfährt man in Klaus Kalchschmids ausführlichem Portrait „Der Überflieger“ des Pultmeisters. Kalchschmid ist ebenfalls der Interviewer der Bühnenbildnerin Rebecca Ringst. Neben eingehenden Informationen über ihr diesjähriges Bayreuther „Meistersinger“-Bühnenbild erfährt man auch einiges über ihre Zusammenarbeit mit den Regisseuren Barrie Kosky und Calixto Bieito. Einen interessanten Vorstoß in die Maskenbildnerei des Bayreuther Festspielhauses unternimmt Thilo Komma-Pöllath zusammen mit Chefmaskenbildner Alexander Gehs. Die Pausen- und Bühnenmusiker der Bayreuther Festspiele sind versierte Interviewpartner für Christian Schütte, dem sie viel zu erzählen wissen. Einen Weg zu Wagner unter vielen beschreibt Ijoma Mangolds Aufsatz „Hat er Wagner geknackt?“. Sehr innovativ mutet der von Alex Ross geschriebene Essay „Philosophieren über Wagner“ an. Hier wird Anspruch ganz groß geschrieben. Zum Schluss werden, wie immer, einige verdiente Mitglieder der Freunde von Bayreuth vorgestellt.

Fazit: Eine Publikation, der man sich einmal mehr nicht entziehen kann. Die Anschaffung ist durchaus zu empfehlen. Es lohnt sich!

Ludwig Steinbach, 7.9.2018

 

 

 

 

222 Seiten, Bärenreiter Kassel Verlag, 2018

Richard Wagner kann natürlich „nichts dafür“, dass es den Nationalsozialismus gegeben hat. Andererseits gilt er der Nachwelt als der Mann, der ein Werk geschaffen hat, das sich von einem Verbrecherregime ideologisch bestens verwerten ließ. Und darum wird dieses Thema nie ausgestanden sein – wie auch ein neues Buch zu wiederum diesem Thema zeigt. Es enthält jene Vorträge und Diskussionen, die 2017 unter dem Motto „Diskurs Bayreuth“ stattfanden. Ein wissenschaftliches Rahmenprogramm dieser Art soll es künftig jeden Sommer in Bayreuth geben, und Katharina Wagner als Mitherausgeberin des Buches steht dafür, dass man es als „Chefsache“ erachtet.

Die Veranstaltung, die Ende Juli / Anfang August vorigen Jahres stattfand, umfasste neben Einzelvorträgen und Gesprächen auch Kammerkonzerte, vordringlich mit Werken von Wagner-Nachfahren, die in irgendeinem (möglicherweise diametralen) Bezug zu ihm standen. Die einzelnen Vorträge sind, da sie ja nun eine oftmals behandelte Thematik erneut betrachteten, von unterschiedlichem Interesse. Andererseits konnte man auch Neues erfahren, und da ist der Beitrag von Ulrich Konrad aus Würzburg wohl der aufschlussreichste.

Konrad, der die historisch-kritische Ausgabe von Wagners gesamten Schriften herausgibt, hat nicht nur über den Umfang des Unternehmens Erstaunliches zu berichten: ein von seinen Anfängen an (er war 21) fanatisch, unentwegt schreibender Mensch („Sieht er ein Tintenfass und eine Feder, so beginnt er zu schreiben“), der in Venedig quasi beim Schreiben gestorben ist, hat neben seinen Dichtungen und Dramen ununterbrochen theoretische Schriften verfasst, um sein Werk und sein Gedankengebäude näher zu erläutern – das ergibt 20.000 (!!!) eigenhändig beschriebene Seiten, die nicht nur ediert, sondern auch in den Kontext gebracht werden wollen.

Und da ist der Herausgeber vorbildlich um die „Historizität“ bemüht. Tatsache ist ja wohl, dass Wagners Aussagen – vor allem jene über das Judentum – immer nur stückweise zitiert werden (der Autor bezweifelt, dass Wagners theoretische Texte von allen, die sie im Mund führen, auch tatsächlich gelesen wurden). Und dass es Worte und Begriffe gibt, die zu Wagners Zeiten ganz andere Bedeutung und Schattierung hatten wie heute, wird gerne aus demagogischen Gründen übersehen. Wenn Wagner von „Vernichtung“ spricht (ein Begriff, der in seinem „Ring“ von gewaltiger Bedeutung ist), besteht der zeitgemäße Kurzschluß darin, hier „Auschwitz“ zu denken, obwohl Wagner dies völlig anders gemeint hat. Ulrich Konrad würde hier ein „Wagner-Wörterbuch“ postulieren (so wie es dieses für Goethe gibt), „um die spezifische Bedeutung von Wörtern, die in Wagners Briefen und Schriften vorkommen, zu erläutern“. (Konrad nennt das sehr richtig „Vorgänge semantischer Verschiebung“.)

Und wenn Wagner in „Das Judenthum in der Musik“ vom „Aufhören, Jude zu sein“ spricht, meinte er nicht die körperliche Vernichtung, sondern im Grunde das Aufgehen in die Gesellschaft rundum, also das, was viele Jude mit der Assimilation ja selbst geleistet haben. Nur dass es ihnen, exakt ein halbes Jahrhundert nach Wagners Tod, in Deutschland nichts mehr genützt hat…

Ulrich Konrad bedauert auch, dass das, was unsere Zeit an Wagner schätzen müsste, seine politische Radikalität, ja Radikalität in allen Belangen der Kunst und der Gesellschaft, untergeht in der verengten Betrachtung des Schriftstellers Wagner, der nur auf seinen Antisemitismus abgeklopft wird – ohne diesen auch in den Zeitzusammenhang zu stellen.

Ein besonders schöner Beitrag ist das Gespräch mit dem Komponisten Dieter Schnebel, Jahrgang 1930, der im Mai dieses Jahres gestorben ist und dessen Andenken man dieses Buch widmet. Schnebel, selbst ein Vertreter der experimentellen Musik, hat seine sicherlich nicht untypische Beziehung zu Wagner in einem Gespräch mit dem Germanisten Ernst Osterkamp geschildert: Ein Kriegskind, mit Wagner ausgewachsen, ein „nationalsozialistischer Wagnerianer“, der sich nach dem Krieg gänzlich einer anderen Musiksprache zuwandte, bis er zufällig Mitte der sechziger Jahre den „Tristan“ hörte und dem Komponisten verfiel, auch im Studium seiner Partituren, in denen er ungeheure Modernität, durchaus eine serielle Komponente fand und auch einen dreifachen Kontrapunkt am Schluß der „Götterdämmerung“…

Interessant auch Überlegungen, die nicht üblicherweise angestellt werden, etwa die Vereinnahmung Wagners durch amerikanische Populärkunst: Das reicht von Comic-Figur Bugs Bunny als Brünnhilde bis zum Flug der Kampfhubschrauber in Vietnam zum Walkürenritt in Coppolas Film „Apocalypse Now“. Auch das gespannte Verhältnis Israels zu Wagner wird behandelt, an dem selbst jüdische Dirigenten wie Barenboim oder Mehta nichts ändern können, und man erfährt interessante Details: Etwa, dass das Gewandhausorchester Leipzig mit einem Beethoven-Zyklus in Japan gastierte und höflichen Applaus bekam, Jubelstürme hingegen, als man als Draufgabe das „Meistersinger“-Vorspiel erklingen ließ…

Das Buch hat nur einen entscheidenden Fehler: Es gibt keine biographischen Verweise zu den einzelnen Teilnehmern, von denen mancher nicht unbedingt einer breiteren Öffentlichkeit bekannt ist. Man kann vom Leser nicht erwarten, die Autoren der Beiträge und die Diskutierenden auch noch zu „googeln“: Es wäre selbstverständliche Höflichkeit (auch ihnen gegenüber) gewesen, sie hier mit Kurzbiographie und ihrer Wagner-Kompetenz vorgestellt zu bekommen.

Renate Wagner 24.8.2018

 

 

 

 

Eines rennomierten Fürsprechers kann sich das gerade erschienene Buch Le donne di Giachino Rossini von Roberta Pedrotti, bekannt auch durch ihre Beiträge in L’ape musicale rühmen. Keine Geringerer als Gianfranco Mariotti Leiter der Rossini-Festspiele in Pesaro, hat das Vorwort zu ihrem Werk geschrieben, dessen Untertitel fast schon feministisch „Nate per vincere e regnar“ lautet. Bereits als Dreizehnjährige war die Autorin durch ihre engagierten und kenntnisreichen Beiträge in Leserbriefen aufgefallen, es hatte sich ein reger Briefwechsel zwischen Pedrotti und Mariotto entwickelt und eine Freundschaft, die auch heute noch Bestand hat.

Im ersten Kapitel des Buches geht es allerdings zunächst um Kastraten, die Frauenrollen singend durch ihre imposante Erscheinung auf sich aufmerksam machten, denn ihre Knochen wurden durch die Kastration zu längerem Wachstum angeregt. So dominierten Frauen, zwar von Männern gesungen, schon einmal optisch noch zu Rossinis Zeiten die Bühne. Ob allerdings das einer der Gründe dafür ist, dass auch von Frauen gesungen das weibliche Geschlecht sich auf der Rossini-Bühne heldenhaft schlägt, darf angezweifelt werden, nicht aber dass es bei ihm zwei Archetypen von Heldinnen gibt: die majestätische Frau und das unschuldige Mädchen. Und ein Rätsel wird gelöst: Rossini schreibt seinen Vornamen selbst mal mit einem, mal mit zwei C, wobei zunehmend die erste Schreibweise dominierte.

Vom Einfluss der Mutter, der Verstrickung in Politisches, den Musen, d.h. den Sängerinnen, denen der Komponist seine Rollen auf die Stimmbänder schreibt, wird berichtet, wobei natürlich die erste Gattin, Isabella Colbran eine besondere Rolle spielt, auf deren nachlassendes Stimmpotential er bei der Kreierung der Semiramide Rücksicht nehmen musste.

An erster Stelle stehen jedoch die fünf Farsen, die Rossini für Venedig komponiert und in denen samt und sonders die Frauen, zwei davon verheiratet und damit sessualmente attiva, die Handlung vorantreiben.

Spätestens hier wird eine Schwäche des Buches sichtbar, in dem seitenweise aus den Libretti zitiert wird, aber nicht eine einzige Note, es sei denn als Schmuckelement, zu sehen ist, auch in nur extrem wenigen Fällen, so wenn ein Tonartwechsel angeführt wird, die Musik überhaupt erwähnt wird. So handelt es sich eigentlich nicht um Rossinis Frauen, sondern um die des jeweiligen Librettisten. Dabei wäre es ohne weiteres möglich gewesen, den Charakter der jeweiligen Person auch verbunden mit deren Musik zu erklären, selbst in den recht komischen Fällen, in denen ein und dieselbe Melodie höchst unterschiedlichen Charakteren zugeordnet wird. Das Buch liest sich also eher als eines einer Literaturwissenschaftlerin als einer Musikologin.

Das Kapitel Tre donne per Maria Marcolini, eine Primadonna, die gern Frauen, die sich als Männer verkleiden, spielte, befasst sich dementsprechend mit L’equivoco stravagante und La pietra di paragone, aber auch mit L’italiana in Algeri, wo Isabella immerhin die Frauen zur Emanzipation aufruft. Hier wie an vielen anderen Stellen zitiert Pedrotti aus Stendhals Vie de Rossini.

Interessant ist der Vergleich der Rosine von Rossini, Paisiello und Beaumarchais, allerdings auch wieder nur der Libretti bzw. des Schauspiels, nicht die jeweilige musikalische Gestaltung der Partie, die wohl nicht die Sympathie der Autorin genießt. Eher gelingt das Angelina, die selbst die Initiative ergreift und nicht nur ihren Schuh verliert, oder von Ninetta, die ihrem Vater das Leben rettet.

Viel gibt das Kapitel Figli (aber eher figlie), madri e spose her, dessen Brisanz die Autorin auf den Wandel im Erbrecht zurückführt. Selbst wenn Frauen auf der Verliererstraße zu sein scheinen, sind sie die eigentlich Überlegenen, so Desdemona (in der Version ohne lieto fine), wenn sie Otello auffordert: „Uccidimi, t’affretta!“ oder Zelmira und Amenaide, deren Heldentum im Schweigen besteht.

Relativ spät taucht die erste Königin in einer Komposition Rossinis auf, oft sind die Herrscherinnen zugleich guerriere, Fidelio-nah ist Dorliska, zur Revolutionären wird Mathilde in der Vertonung von Schillers Wilhelm Tell, der zum Vergleich herangezogen wird.

Eine Sonderstellung nimmt Il viaggio a Reims ein, in dem alle damals verfügbaren Stimmtypen in einem Werk miteinander vereint sind- und zugleich die wichtigsten Frauentypen, an der Spitze Corinna als „ideale kosmopolitische Figur eines vereinten Europa“.

Es gibt zwar kein Register, wohl aber am Schluss des Buches kurze Inhaltsangaben aller Rossini-Opern.

Das Buch liest sich gut, gibt manche Anregung, enttäuscht aber durch das fast völlige Fehlen einer musikalischen Analyse.

Verlag Odoya 2018 / 412 Seiten / ISBN 978 88 6288466 2    

Ingrid Wanja 2.8.2018 

 

 

 

 

DER KARLSRUHER RING

 

 

„Ringe“ gibt es schon seit etlichen Jahren in fast jedem Stadttheater, doch wie viele Bücher über spezielle Produktionen des „Ring des Nibelungen“ benötigt eigentlich der Opernfreund? Denn über keine Oper wurden so viele Bücher veröffentlicht wie über Wagners Großwerk. Nicht einmal die „Zauberflöte“ kann da mithalten. Selbst ich, ein scharfer Mozartianer, nenne nicht mehr als 7 Bücher über Mozarts letzte Oper mein eigen, wenn ich mal von den Kinder- und Jugendbüchern absehe.

Allein in meinem Bücherschrank stehen 19 meist voluminöse Bücher über alle möglichen „Ringe“ - abgesehen von den Kassetten mit den gesammelten Programmbüchern und den beigefügten Fotobänden, die von manch Intendanz herausgegeben wurden. Die Bayreuther Ringe, Berlin und München, der Kieler und der Frankfurter „Ring“, die Ringe am Rhein und in London, die Ringe in New York, in Münster, Graz und Salzburg, auch in Stuttgart: man kann sich das alles in den Lesesessel holen. So wird dem vergänglichen Kunstwerk Oper manchmal eine unverwechselbare Gestalt in Buchform verliehen: nicht immer mit tiefgreifenden dramaturgischen Erläuterungen, meist mit Bildern, die manchmal vergessen lassen, dass eine Inszenierung weniger sinnvoll war als es die Pracht der Fotografie suggeriert.

Nun gesellt sich dem Reigen der meist „Ring“-Bücher ein eindrucksvoller Band hinzu, der Lust macht, sich das alles anzuschauen, falls man es noch nicht besucht hat. Das Staatstheater Karlsruhe hat in den letzten Jahren einen „Ring“ gestemmt, der die Idee des Stuttgarter „Ring“ in der Intendanz Klaus Zehelein aufnahm: die Einzelstücke wurden jeweils von einem anderen Regisseur inszeniert. Da jeder dieser Regisseure über eine eigene Handschrift verfügt und, was vielleicht wichtiger ist, mit einem anderen Ausstattungsteam zusammengearbeitet hat, entstanden vier Abende, die doch über mehr oder weniger deutliche Zitate aufeinander bezogen wurden. Wenn Tobias Kratzer die Nornen der „Götterdämmerung“ als Kopien seiner drei Regiekollegen auf die Bühne bringt, ist es schwer, trotz durchaus unterschiedlicher Bildwelten nicht an ein integrales Gesamtkunstwerk mit dem Titel „Der Karlsruher 'Ring'“ zu denken. Man nennt ihn am Ort: den „Ring der Vielfalt“. Dem Karlsruher Zuschauer mag die Mischung aus Assoziationstheater und tiefgründiger Analyse dramaturgischer und musikalischer Beziehungen dort gefallen, wo der Spaß an der Sache sich nicht allzu brutal mit jenen Informationen kreuzt, die Wagner in Partitur und Libretto festhielt. Der Intendant Peter Spuhler hat für die Wahl der vier Regisseure folgende Begründung gegeben: „Einmal wollte ich keine Entscheidung treffen, wer von den Vieren, die ich alle gleichermaßen schätze, den 'Ring' inszeniert.“ Darüber könnte man trefflich streiten. „Zweitens glaube ich, dass dessen Teile unterschiedliche Temperaturen besitzen. Bei den Zyklen, die ich gesehen habe, ist mir aufgefallen, dass oft ein Teil 'durchhängt', kurioserweise meist 'Siegfried'. Deswegen dachte ich, es wäre interessant zu sehen, welcher der Regisseure der richtige für welchen 'Ring'-Teil ist.“ Da dem Karlsruher Publikum die Idee und die Abende offensichtlich gefallen haben, erübrigen sich tiefer gehende Überlegungen zur Stimmigkeit oder zur Absurdität dieser Idee. Das Theater entscheidet mit seiner Logik und Fantastik schließlich immer über die Relevanz der Theorie.

So führt uns das Buch die Produktion eines „Ring“ vor, dessen einzelne Grundideen man so gut rekonstruieren kann, dass zumindest eines klar wird: Regisseure mögen sich zuweilen grässlich irren und verrennen – dass es sich nicht um Scharlatane handelt, die aus purer Unkenntnis des Materials eine schwache Deutung der Geschichte vorlegen, sollte selbst denen einleuchten, die mit dem sog. „Regietheater“ nichts anfangen können. Der Karlsruher Band aber zeigt ganz selbstverständlich, wie zunächst absurd anmutende Ideen sich der Dramaturgie des komplexen Stücks verdanken. David Hermann paraphrasiert mit den einzelnen Bildern des „Rheingold“ den Verlauf der gesamten Tetralogie, Yuval Sharon experimentierte mit den verschiedenen Zeitschichten und -abläufen der „Walküre“, entwarf u.a. ein hinreißendes Walkürenensemble in der eisigen Welt des Nordens und kam zum Schluss: „Ich bin mir sicher, Wagner hätte den 'Ring', lebte er heute, als Virtual Reality Welt konstruiert“. „Siegfried“ wurde vom Isländer Thorleifur Örn Arnasson in der Rumpelkammer eines Wagnermuseums inszeniert – wie überhaupt der gemeinsame Besuch der vier Regisseure in der Heimat der „Edda“, ohne die Wagner niemals seinen Text hätte schreiben können, für starke inszenatorische Impulse gesorgt hat. In der „Götterdämmerung“ wird schließlich von Tobias Kratzer der Versuch der regieführenden Nornen, die vorhersehbare Handlung zu revidieren, auf die Bühne gebracht.

All das kann man nun im erstaunlich preiswerten Band erlesen und erblicken: in vielen Fotos, Seitenblicken auf die Konzeptgespräche, Einblicke in die Kostümarbeit, in einem Gespräch mit dem Dirigenten Justin Brown und dessen (mit historischen Notenmaterialien schön bebilderten) Hinweisen auf die Karlsruher Vorgänger Felix Mottl, Hermann Levi und Joseph Keilberth: „Jeder Musiker, der seinen Beruf ernst nimmt, muss das Werk für sich selbst nachschaffen“. Gleiches gilt für die Regisseure, die, so gesehen, vom „Wagnerdämon“ besessen sind. Der Wagnerdämon, ein Wagner wie der grausam grinsende Joker, ein Gruselclown par exellence, „steht für das Bild, das die Menschen sich von Wagner machen. Er ist eine leere Hülle, in der wir unsere Meinungen über den verstorbenen und somit wehrlosen Komponisten hineinprojizieren.“ Der dies sagte, war Keith Warner; er inszenierte die Uraufführung von Avner Dormans, Lutz Hübners und Sarah Nemitz' Oper „Wahnfried“, in deren Mittelpunkt der Schwiegersohn Richard Wagners, der Rassentheoretiker und Deutschtumsideologe Houston Stewart Chamberlain steht. „Wahnfried“ und die Inszenierung von Oscar Straus' Operette „Die lustigen Nibelungen“ ergänzten das Karlsruher „Ring“-Programm sinnreich und konterkarierend; auch diese bildmächtigen Produktionen werden im Band präsentiert.

Wie viele „Ring“-Bücher braucht der Opernfreund? Ich würde sagen: 20 – völlig unabhängig davon, ob man sich den spektakulären und publikumswirksamen Karlsruher „Ring“ nun angeschaut hat oder nicht.

Frank Piontek, 8.7.2018

 

 

 

Abrechnung nicht nur mit Othmar Schoeck

 

„Als Schweizer bin ich neutral“- Othmar Schoecks Oper Das SchlossDürande und ihr Umfeld: Unter diesem Titel fand 2016, zwei Jahre, bevor das überarbeitete Werk in Bern konzertant aufgeführt wurde, ein Symposion statt, dessen Beiträge von Thomas Gartmann nun herausgegeben wurden. Die 340 Seiten bilden drei Blöcke: Oper in brauner Zeit- die Situation 1943, „Bockmist?“- Schoecks „Das Schloss Dürande“ und Rezeption im Wandel. Dabei ist der Rahmen weitgespannt, umfasst sowohl Wilhelm Hauff und seinen Jud Süß wie Hofmannsthal und die Sicht der Nazis auf ihn wie auch den Aufenthalt Schoecks im von Apartheid gezeichneten Südafrika.

Generell kann man sagen, dass Anklagesucht und Besserwisserei in Bezug darauf, wie man sich in Zeiten von Totalitarismus und Krieg verhalten sollte, angenehm von vielen deutschen Aussagen zu ähnlichen Themen abstechen und sich, da eine Bereitschaft besteht, sich in die Situation u.a. von Schoeck zu versetzen, in vertretbaren Grenzen halten.

Nils Grosch schreibt über die Verfolgung von Musikern und Musik im Dritten Reich und stellt fest, dass sie nur ersteren galt. Das korrespondiert nicht mit dem Verbot von Swing und Jazz, von dem man weiß, dass es streng durchgesetzt wurde. Michael Baumgartner befasst sich in seinem Beitrag mit der Berliner Staatsoper von 33 bis 45, der Rivalität Göring-Goebbels und den Auseinandersetzungen um Egks Peer Gynt und Hindemiths Mathis der Maler. Christian Mächler kommt zur eigentlichen Sache, nämlich der Frage, warum die Uraufführung der Schoeck-Oper in Berlin und nicht in Zürich stattfand. Finanzielle Gründe und die Tatsache, dass der Staatsoper Sängerstars wie Peter Anders, Maria Cebotari und Willi Domgraf- Faßbaender zur Verfügung standen, dürften ausschlaggebend gewesen sein, auch die Unbeliebtheit Burtes, der keine Vorträge in der Schweiz halten durfte. Die Verrisse des Librettos durch Schweizer Medien dürften allerdings berechtigt und nicht der Unbeliebtheit des Verfassers geschuldet sein. Im einzigen englischen Beitrag befasst sich Erik Levi mit Resisting Nazism-Hartmann, Blacher und von Einem. Im letzten Beitrag des ersten Teils geht es um das Mozartfest in Wien 1941 und die Berichte der ausländischen Presse darüber. Das ist insofern auch für das Verständnis von Schoeck und seiner Haltung zu Deutschland interessant, als den Journalisten aus 19 Staaten, darunter auch aus der Schweiz ähnlich wie zu den Olympischen Spielen ein offenes, freundliches, keinerlei Antisemitismus zeigendes Deutschland präsentiert wurde. Den findet man, so der Autor, Roman Brotbeck, viel eher in den Beiträgen der französischen Journalisten aus Vichy-Frankreich. Sehr gründlich und aufschlussreich befasst sich der Autor mit den vier Themen: Eröffnungsakt, Staatsakt, Idomeneo in Strauss-Bearbeitung und der Zauberflöte in der Regie von Gustav Gründgens. Klar wird dem Leser, dass es den Nazis immer wieder gelang, nach außen hin als Förderer der Kultur zu erscheinen, was umso eher von Erfolg gekrönt war, als den Journalisten eine Rundreise durch das damals noch unzerstörte Landspendiert wurde.

Befasst sich der erste Teil des Symposions eher allgemein mit Kultur, besonders Musik unter der Naziherrschaft, so geht der zweite Teil speziell auf Schoeck und seine Oper ein. Simon Thompson stellt in den Mittelpunkt seiner Ausführungen den Librettisten Hermann Burte, der im Markgräfler Land noch heute verehrt wird, dessen Namen Straßen tragen und für den es ein Internetportal gibt. Auch wer im Libretto nur wenig oder, ehrlich gesagt, außer den „roten Horden“ nichts Nazimäßiges findet, wird überzeugt durch das, was aus anderen Werken, „Wiltfehr, der ewige Deutsche“ oder aus Gedichten zitiert wird. Wenn Burte in seinem Spruchkammerverfahren meinte, er habe mit der auch bei Eichendorff abstoßend gesehenen Französischen Revolution die Nazis gemeint, ist das wenig glaubwürdig, und man gibt dem Autor Recht, der meint, es wäre wohl der Bolschewismus ins Visier genommen worden. Der Beitrag Thompsons sticht besonders durch seine Detailgenauigkeit und durch seine Ausgewogenheit hervor. Beat Föllmi wirft Schoeck vor, dass er sich durch zwei Uraufführungen in Deutschland, neben Berlin in Dresden (Massimilla Doni), kompromittiert habe. Er stimmt allerdings auch der Meinung zu, das Werk dürfe nicht wegen seines Schöpfers diffamiert werden. Hart geht er mit dem Komponisten ins Gericht, weil er Einladungen in eine Familie annahm, in der u.a. auch Winifred Wagner Gast war. Auch erhielt Hitler von dieser Familie eine finanzielle Unterstützung, was wohl erst nach 1945 bekannt wurde. Dass er seiner Frau „deutschen Größenwahn“ vorwarf, müsste das wohl in jedem Fall ausgleichen. Die Annahme des deutschen „Erwin-von-Steinbach-Preises“ würde der Verfasser wohl dann in etwas milderem Licht sehen, wenn er davon ausginge, dass auch Komponisten Geld für ihren Lebensunterhalt brauchen. Das Fazit des Artikels, dass die Zusammenarbeit mit Burte kein Unfall war, sondern auf die „opportunistische Haltung“ Schoecks zurückzuführen ist, darf man wohl zustimmen, ob man eine solche hart verurteilen muss, ist eine andere Frage. Leo Dick bringt Adorno ins Spiel, befasst sich mit der Dramaturgie der Oper, meint „Pentesilea und Das Schloss Dürande stehen exemplarisch für ein Opernwerk, in dem das normative Formungsprinzip einer organischen motivisch-thematischen Entwicklung suspendiert wird zugunsten einer quasi-architektonischen Disposition des jeweiligen Materials.“ Darin sieht der Verfasser den Versuch, die Gran Opéra wieder auferstehen zu lassen, so auch mit dem Bestehen auf dem tragischen Ende. Das hört sich fast nach Widerstandskampf gegen die Nazis an, die das Volk fröhlich stimmen wollten, denn 43 gab es Tragik genug in der Realität.

Herausgeber Thomas Gartmann widmet sich kritisch einzelnen Textstellen wie der mit dem verfemten „Heil“, befasst sich auch mit der Figur der Gabriele („hündisch“), die Kleists Käthchen ähnlich sei, geht auf die Änderungsvorschläge des Germanisten Emil Staiger ein und die deutschen wie schweizerischen Kritiken nach der Uraufführung. Dem Leser wird ein interessanter Einblick in die Arbeit der „Retter“ des Werks gewährt, in die unterschiedlichen Vorschläge, von denen einer auch war, durch Übertreibung seiner Schwächen das Werk zu denunzieren. Anschließend schildert Gartmann das Vorgehen, wobei einiges bereits aus dem Band „Zurück zu Eichendorff!“ bekannt ist, vieles aber sich als neu erweist. Spannend sind natürlich die Ausführungen zum Thema, wie neuer Text und Musik miteinander harmonieren können. Mitdenken heißt es auch bei der Frage, wen die Gräfin mit dem Einen gemeint haben könnte, Napoleon oder nach Burtes Vorstellung Hitler? Überrascht ist man nach so viel Nachvollziehbarem zu lesen, dass die Treue des Dieners den nationalsozialistischen Pferdefuß aus dem Text hervorlugen lasse. Hatten die etwa bereits im Nibelungenlied ihre Hand im Spiel? Überzeugender wieder wird es mit der Erwähnung des neuen Schlusses, in dem zum G-Dur der „echte“ Eichendorff-Text vorzüglich passt.

Der Titel „Als Schweizer bin ich neutral“ zeige übrigens, wie sehr Schoeck ein „ängstlicher Opportunist“ gewesen sei-und wohl nicht der einzige. 

Das letzte Kapitel des zweiten Teils gibt ein Gespräch zwischen Gartmann, Micieliund Venzago über ihre Arbeit beim Zurückführen des Librettos auf Eichendorff wiede,r und es weist nach, inwieweit dadurch die Charaktere von Morvaille und Renald verändert wurden. Das sind teilweise Ergänzungen zum zweiten Buch oder Wiederholungen dessen, was aus diesem bekannt ist.          

Der dritte Teil beginnt mit Ralf Klausnitzers Betrachtungen zu Eichendorff als dem „deutschesten der deutschen Dichter“. Das ist eine ungemein interessante Darstellung der Gründe, die den Schlesier zum Abgott ganz unterschiedlicher Geistesrichtungen machten. So wurde er zum Bollwerk gegen Materialismus, Relativismus, Positivismus und andere Ismen apostrophiert, nach 1919 der Oberschlesier, in der Nazizeit zum „Vorbild kämpferischer Entschlossenheit“ und „kämpfericher Dichter des deutschen Ostraums“- was alles er natürlich nie war. Die von begeisterten Anhängern des Dichters gegründeten Gremien zur Eichendorffverehrung und –erforschung wurden von den Nazis vereinnahmt- und alles das, und das macht auch den Wert dieses Kapitels aus, kann als exemplarisch für viele andere Künstler gelten. Schließlich geht es noch um Adaptionen wie Eichs Hörspiel oder Frank Thiess‘ Der ewige Taugenichts.

Die Einbeziehung von Wilhelm Hauff in die Debatte wurde bereits erwähnt, Angela Dediés Beitrag, in dem der romantische Dichter noch mit Mühe die Kurve kratzt und mit einem Bedauern darüber, dass „die Kinder Abrahams“ nicht besser behandelt werden, entlastet wird. Für Veit Harlans grässlichen Film kann er nichts.

Robert Vilain befasst sich mit Hugo von Hofmannsthal und dem Dritten Reich und schildert den Umgang der Nazis mit dem Dichter, der Vierteljude und mit einer Jüdin verheiratet war, der aber auch eine in Naziverdacht geratene Rede hielt, dessen Büste nach dem Anschluss Österreichs im Salzburger Festspielhaus von der SA zertrümmert wurde und über den ein schwedischer Autor ein Drama schrieb, das ihn in der Nazizeit leben ließ. De Opernlibretti für Strauss werden mit keinem Wort erwähnt, und ob das schwedische Drama heute noch Beachtung verdient, sei dahingestellt.

Chris Walton erwähnt in seinem Kapitel über Schoeck in Südafrika (Die schwarze Spinne) auch die Auseinandersetzung darüber, ob sich der Komponist nicht nur schuldig gemacht habe, weil er trotz der Apartheid dort auch Vorträge gehalten habe, es gibt auch eine Auseinandersetzung darüber, inwiefern das Stück die Schwarzen verunglimpft habe.

Weitgehend, aber nicht ganz frei davon, vom heutigen wissenden und gefahrlosen Standpunkt aus hart zu urteilen, ist das Buch mit seinen vielen unterschiedlichen Ansätzen der Zeit- und Kunstbetrachtung so wissenserweiternd wie unterhaltend.

 ISBN 978 3 931264 90 1

Ingrid Wanja      

 

 

Liebeswerk für einen Verführten

 

Eigentlich müsste Othmar Schoecks Oper Das Schloß Dürande als Opfer der Herrschaft der Nationalsozialisten eine triumphale Rückkehr auf deutsche und andere Bühnen feiern. Schließlich wurde das Werk von Hermann Göring, für die Staatsoper verantwortlich, nach seiner Uraufführung dort im Jahre 1943 als „Bockmist“ bezeichnet und nach wenigen Aufführungen wieder vom Spielplan abgesetzt, auch weil im Berlin der Daueralarme eine Theaterexplosion leicht mit einer wirklichen verwechselt werden konnte. Dazu aber passt gar nicht, dass sein Komponist nach 1945 in der Schweiz kein glückliches Leben mehr führen konnte, angegriffen wurde, und „Karrierebruch und angeschlagene Gesundheit waren die Folgen, von denen er sich niemals mehr ganz erholen sollte.“ Des Rätsels Lösung offenbaren zwei Bücher, die vom Schweizer Chronos Verlag unlängst herausgegeben wurden und dessen eines sich mit dem –wohl gelungenen- Versuch, die Oper durch eine Überarbeitung des Librettos zurück für das Repertoire zu gewinnen, befasst, während dessen anderes die Ergebnisse eines Symposions an der Berner Universität über das auf einer Novelle von Eichendorff beruhende Werk wiedergibt. Was für den Reichsmarschall die Ausscheidungen eines Huftieres waren, stellt sich den Autoren als „nationalsozialistisch „kontaminierte“ Oper“ dar, als „historisch belastet“, wie Cover und Rückseite des Bandes Zurück zu Eichendorff meinen, herausgegeben von Thomas Gartmann und aus drei Teilen bestehend: einem Bericht über das „künstlerische Laboratorium“ vom Herausgeber, Dokumenten über die Zusammenarbeit zwischen Schoeck und seinem Librettisten Hermann Burte und schließlich dem ursprünglichen Libretto, konfrontiert mit der Neufassung, die im Mai 2018 konzertant vom Berner Konzert-Theater aufgeführt wurde. Das Ziel dieser mehrjährigen Arbeit war die Rettung der Musik  vor allem durch die Einbeziehung von mehr Originaltext von Eichendorff, nicht unbedingt aus dem Schloss Dürande selbst, sondern auch aus anderen, dann stets genannten Quellen. Die zusätzlichen Eichendorff-Texte sind dankenswerterweise kursiv gedruckt.

Besonders hervorzuheben ist, dass es eine digitale Beilage mit beiden Fassungen plus das Presseecho von 1943, als das Stück bei den Juni-Festspielen auch in Zürich aufgeführt wurde, gibt.

Am besten beginnt der Leser mit dem Vergleich der beiden Libretti, um danach die Aussagen der einzelnen Beiträge besser beurteilen zu können. Natürlich wird er sich dabei besonders auf die Suche nach den „nationalsozialistisch kontaminierten“ Stellen, nach der „direkte(n) Nähe zur rassistischen Vernichtungsideologie der Nationalsozialisten“ (Schoeck-Biograph), „von Nazismen durchtränkt“ (Chris Walton) begeben. Ein Hinweis wird ihm dafür mit einem Zitat in einem der Artikel gegeben:

                               (Armand, hält den Becher)

                               Heil dir, du Feuerquelle,

                               Der Heimat Sonnenblut!

                               Ich trinke und küsse die Stelle,

                               Wo deine Lippen geruht! 

Der Begriff „Heil“ ist einer der gar nicht so seltenen, die nach 1945, weil durch die Nazis missbraucht, als „unbenutzbar“ galten, auch „Heil dir, Elsa“ weiß davon ein Lied zu singen. Dass bereits die alten Germanen vom Königsheil wussten, wird dabei übersehen. Immerhin war „Heil Hitler“ bereits bei der Entstehung des Librettos bekannt und berüchtigt. Wenig sagt es aus, dass die Vokabel „Blut“ in der Oper 16mal und damit viermal häufiger vorkommt als in der Novelle, mehr schon, wenn man erfährt, dass Schoeck Burtes „Blut und Boden“ streichen ließ. Widerspricht man mit diesen Bemerkungen der Behauptung, Das Schloß Dürande sei unaufführbar mit dem Libretto von Burte? Mitnichten, aber mehr noch aus anderen Gründen, als den hier aufgeführten. Man könnte bereits aus der Tatsache, dass Burte ein Nazi durch und durch war, nach 1945 als „minder schuldig“ eingestuft wurde, aber immerhin, den Schluss ziehen, er und mit ihm die Oper sei unaufführbar. Ein anderer, ganz wesentlicher Grund aber ist der einfach lächerliche, weil hölzerne, kitschige, von schlechten erzwungenen Reimen und einer holprigen Sprachmelodik nur so strotzende und damit über weite Strecken einfach wie eine Karikatur erscheinende Text, der mit der Poesie der Vorlage wenig zu tun hat. Mit dem wollten sich jedoch die vier Streiter für die Rettung der Oper wegen ihres musikalischen Wertes nicht abfinden, und so wird mal die Nazinähe des Librettos, mal seine generell unzumutbare Minderqualität als Grund für die Unaufführbarkeit beschworen. 

Dem gesamten Buch merkt man die Leidenschaft, Gewissenhaftigkeit und Unbeirrbarkeit der Mitarbeiter am Projekt „Rettung von Schloss Dürande“ immer wieder an (Es wird sogar von „Sucht“ gesprochen.), an der Spitze der Librettist Francesco Micieli. Aber sie verschließen sich auch nicht Zweifeln und Einwänden, die von außen oder aus ihnen selbst kommen. Da geht es um die von Schoeck und nicht von Burte erfundene Zusatzfigur der Gräfin Morvaille, die den Jäger Renald für die Konterrevolution gewinnen will, um das Problem, einen neuen Text der bereits vorhandenen Musik zu unterlegen, den Wechsel zwischen der 1. Und 3. Person, der mit der Übernahme von mehr Eichendorfftext unvermeidlich wurde, der Veränderung der Charaktere durch die der Sprache, die sie sprechen bzw. singen. Andererseits musste einige Male wegen des Rhythmus‘ auch in den Text des Dichters eingegriffen werden.

Die Etappen des Arbeitsprozesses an der Oper werden nachvollziehbar gemacht, dazu tragen auch Notenbeispiele bei (Mario Venzago dirigierte nicht nur die neue Fassung, sondern passte auch Text und Musik einander an.)  

Kurioses wird nicht verschwiegen wie die Vorschläge, Göring in der Oper auftreten zu lassen oder den Text vom Taugenichts zu unterlegen. Nicht nachvollziehen kann man, dass Gabriele im Burte-Text „das Muster Hitlerscher Weiblichkeit“ und Renald der „Typus des kompromisslosen, fanatischen, totalitären Nationalsozialisten“ sein soll. Aber das stammt alles nicht von den Schöpfern des neuen „Schlosses“.

Im Mittelteil des Buches geht es um die sich seit den Dreißigern hinziehende Arbeit Burtes und Schoecks an der Oper, um einen Briefwechsel, an dem auch der Mäzen Werner Reinhart und viele andere Anteil haben.

Das Buch verspricht auf den ersten Blick nicht die spannende und anregende Lektüre, als die es sich dann schließlich zur Freude und zur Bereicherung des Lesers entpuppt. 

ISBN 978 3 0340 1439 7

Ingrid Wanja 26.6.2018

   

 

 

 

 

 

 
FRANZ SCHREKER (1878-1934)
Eine kulturhistorische Biographie
550 Seiten, Böhlau Verlag, 2018 (60 Euro)

Man hat es als Opernfreund hierzulande am eigenen Leib erlebt: Wann immer versucht wurde, Franz Schrekers Opern wieder für das Repertoire zu gewinnen, blieb es folgenlos. „Die Gezeichneten“ sah man bei den Salzburger Festspielen (das einzige seiner Werke, das auf DVD existiert), den „Fernen Klang“ 1991 in der Wiener Staatsoper (gerade mal 8 Vorstellungen), „Irrelohe“ 2004 an der Volksoper. Ehrliche Versuche, sicherlich, aber nicht angenommen. Und doch war Franz Schreker einst ein Komponist, der Richard Strauss den Rang streitig machte, der erste und erfolgreichste deutsche Opernschöpfer seiner Zeit zu sein…

Im Vergleich zu Strauss (oder auch Mahler), über die es reichlich Literatur gibt, findet sich kaum etwas über Schreker. Das Standardwerk über ihn erschien, von einem Amerikaner verfasst, vor einem Vierteljahrhundert in den USA. Nun liegt das Werk, das sich mit vollem Recht „eine kulturhistorische Biographie“ nennt, endlich auf Deutsch vor, von Autor Christopher Hailey durchaus auf den letzten Stand gebracht.

Einst hat er noch als Student der Musikwissenschaft an der Yale University das Studienjahr 1977/78 in Wien verbracht und damals Quellenforschung betrieben. Da das Schreker-Nachlass-Material auf verschiedene Institutionen verteilt ist, war es für Hailey wichtig, in den folgenden Jahren eine verlässliche Synthese der Quellen zu erstellen – nur so konnte er diese Biographie schreiben. Er tut es auf die klassisch-angelsächsiche Art, verbindet die Chronologie des Lebens mit der Analyse der Werke und mit einem dicht gewebten Netz aus zeitgeschichtlichen Zusammenhängen. Dazu hat er Interviews mit Noch-Zeitgenossen Schrekers geführt, was eine beeindruckende Liste von über die Welt verstreuten Persönlichkeiten ergibt.

Das macht das Buch „dick“ mit 550 Seiten, aber immer ganz bemerkenswert spannend. Wobei der „normale“ Leser sich dann – und das darf er auch – ausklinkt, wenn die musikalische Interpretation der Werke mit zahlreichen Notenbeispielen Hand in Hand geht. Dergleichen kann nicht jeder so „lesen“ wie einen Text…

Franz Schreker, geboren 1878, Sohn eines jüdischen Fotografen und einer aus steirischem Adel stammenden Mutter, wuchs in Wien auf, wurde in der hohen Zeit seines Ruhmes mit Richard Wagner verglichen (wobei auch Schreker – meist – als sein eigener Librettist fungierte) und war bis zum Ende der zwanziger Jahre eine der einflussreichsten Musikerpersönlichkeiten Deutschlands, viele seiner Opern wurden Triumphe. Und doch: Als er 1934 zwei Tage vor seinem 56. Geburtstag starb, war er fast vergessen. Das ist eine lange Geschichte, und Hailey erzählt sie ausführlich.

Von dem „maßlos vorwärtsdrängendem Talent“, das der Student zeigte, von dem Konzertdebut des 23jährigen in Wien, das selbst ein Hanslick lobte, von seinem Agieren in den verschiedenen Musikcliquen Wiens. „Damals wie heute funktionierten die verzwickten Regeln des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens in Wien so, dass es einfach dazu gehörte, gegeneinander zu sticheln und sich in doppelzüngiger Diplomatie zu üben“, meint der Autor. Es war auch eine Epoche, wo Musik Skandale erzeugen konnte, und das war für die Betroffenen (neben Schreker beispielsweise Schönberg) durchaus nicht von Nachteil, steigerte eher die Popularität.

Bevor er von Opernerfolgen leben konnte, musste er im Musikleben agieren – mit Privatstunden, als Dirigent, später als Hochschulprofessor. Doch seit der Uraufführung von „Der ferne Klang“ 1912 in Frankfurt hatte Deutschland in dem Österreicher Schreker einen neuen Erfolgskomponisten, der Strauss Konkurrenz machte und für eine „flirrende“ Moderne stand – nicht nur in der Musiksprache, sondern auch in seinen seltsamen Libretti, die damals neu und interessant wirken (die heute allerdings so wenig überzeugen, dass sie vermutlich der Wiederentdeckung Schrekers im Weg stehen – an der Musik liegt es nicht). Es war Schreker, der Wagners deutscher Schwere neue Klänge entgegensetzte, die auf das Publikum widersprüchlichen Reiz ausübten, und je umstrittener er war, umso stärker war er im Gespräch.

Der Autor nennt es ein „beunruhigendes Nebeneinander von Rührseligkeit und neurotischer Hysterie“, das seine Werke – verbunden mit Schrekers untadeligem Können – nun von Erfolg zu Erfolg trug: „Das Spielwerk und die Prinzessin“ (1913), „Die Gezeichneten“ (1918), „Der Schatzgräber“ (1920), „Irrelohe“ (1924). Es gab Zeiten, da herrschte eine wahre Schreker-Hysterie, die englische Presse nannte ihn „the Messiah of German Opera“.

Es sprach für seinen Ruhm, dass man ihn 1920 nach Berlin an die Akademische Hochschule für Musik holte, doch das Direktorenamt hatte seine Tücken. Bedeutend war seine Rolle als Lehrer einer ganzen Komponistengeneration, wenn auch hier die Spannungen in alle Richtungen nicht ausblieben. Es waren hektische Jahre, in denen er nebenbei wie wild komponierte und sich um die Inszenierungen seiner Werke kümmerte, aber gerade von der Berliner Kritik nicht sehr geliebt wurde. Einerseits naiv und reserviert, andererseits überengagiert, wo es um die eigenen Schöpfungen ging, genoß Schreker bald den Ruf eines Sonderlings im zynischen Berlin der Zwanziger Jahre. Es gibt auch Interpreten, die meinten, sein Talent sei „im rauen Wind der Hauptstadt“ mit „Der singende Teufel“ (1928) und „Der Schmied von Gent“ (1932) verkümmert.

Dass die Begeisterung für Schreker, der gerade noch der „rechtmäßige Erbe Wagners“ genannt worden war, relativ schnell wieder abnahm, ging natürlich auch mit der politischen Entwicklung Hand in Hand. Das Dritte Reich hatte für ihn nur die Bezeichnung „entartet“, letzte Opern erzwangen keine Erfolg mehr.

Hailey erzählt auch Privates – Schrekers Ehe mit der Musikstudentin und späteren Sängerin Maria Binder, die er 1909 heiratete, geriet ins Schwanken, als Schreker in die Bande von Alma Mahler geriet. Danach konsolidierte sich die Ehe, und die Gattin wurde später – eigentlich durch Zufall, zuerst als Einspringerin – eine gefragte Schreker- Interpretin.

Es gibt Details, an denen man sieht, wie undemagogisch ein nicht-europäischer Autor vorgeht, wenn es zu Themen kommt, die hierzulande heikel sind. Der Antisemitismus, der in der Szene waberte, wird durchaus mit antisemitischen Äußerungen Schrekers selbst konterkariert, der sich offenbar in keinerlei Hinsicht auf das Judentum des eigenen Vaters bezogen hat.

Und wenn die Forderung der deutschen Kritiker nach einer „deutschen“ Nationalmusik laut wird, dann ist das für Hailey kein Anlass, mit Schaum vor dem Mund auf unangebrachten „Nationalismus“ zu reagieren, sondern er stellt das nüchtern und gelassen in den Kontext eines damals allgemeinen Phänomens, wie sehr „nationale“ Opern – der Polen, der Tschechen, der Ungarn –  auf volksmusikalische Quellen zurück griffen, um Identität zu erzeugen, und betont auch ganz richtig, dass italienische Musik immer italienisch, französische immer französisch klang, und das unverkennbar. Nur die Deutschen hatten, abgesehen von Weber und Wagner, die Schwierigkeit, „ihren“ Klang zu finden… kein Grund, ihr Verhalten anders zu bewerten als das der Kollegen anderer Nationalitäten.

(Seltsam nur eine historisch „schiefe“ Formulierung auf Seite 150: „Wie die Habsburger in Niederösterreich“ hätten die preußischen Könige ihr Reich in den Osten erweitert… was man so wirklich nicht sagen kann!)

Ein Bildteil führt von dem kleinen Jungen auf dem Familienbild (mit Eltern und drei Geschwistern) bis zu dem früh gealterten Mann ein Jahr vor seinem Tod, über Aufführungsbilder und Karikaturen, berühmte Zeitgenossen und Dokumente. Das Nachwort über die „sprunghafte Renaissance“ Schrekers nach dem Zweiten Weltkrieg umreißt vor allem die wichtige „verhindernde“ Rolle, die Adornos Abwertung Schrekers an der Wiederentdeckung hatte. Tatsache bleibt, dass sein Ruhm auch ein Zeitphänomen war. Alles, was man zu Schreker je wissen wollte, ist nun in diesem Buch nachzulesen.

Renate Wagner 16.6.2018

 

Von der Korrumpierung jeder Moral

 

 

Vorwort: Die Kritik von Frank Becker ist vom 19.11.2015 und wurde von uns anlässlich der gestrigen Präsentation eines 90-minütigen Werbetrailers des Hamburger Schauspielhauses zur besten ARD Sendezeit noch einmal  veröffentlicht.                                                                                                             P.B.

Vorgestern stiegen zwei von Kopf bis Fuß in schwarze Schleier gehüllte Frauen (?) in den Linienbus ein, in dem ich saß. Ich bekam ein flaues Gefühl. Sie ängstigten mich. Sie gehörten nicht zu unserem Kulturkreis, zu Deutschland, die Steinzeit-islamischen Erscheinungen – und sie werden nie dazu gehören, auch wenn ein längst geschaßter planloser Bundespräsident und eine voreilig nachplappernde Kanzlerin das herauströten. Was zu Deutschland, zum freien Europa gehört, ist Religionsfreiheit, nicht mehr und nicht weniger.  

Von allen Seiten, leise von der intellektuellen, platt von der pöbelhaften, warnend von der informierten, dringen nicht erst seit dem fatalen Anschlag auf die französische Satire-Zeitschrift „Charlie Hebdo“ vor knapp drei Wochen so oder so begründete islamophobe Töne an unser mitteleuropäisches Ohr. Dafür muß es eine Ursache geben. Kaum formulierbare, beklemmende Ängste beschleichen die einen wie die anderen. Kaum jemand traut sich jedoch, seine Ängste zu äußern, aus Sorge, man könne ihn/sie für fremdenfeindlich, rassistisch oder sonst so etwas schrecklich Unkorrektes halten. Oder ist es die längst manifeste, nicht unbegründete Angst vor blutiger Rache beleidigter Muselmänner? Und doch, mit wem man auch spricht, hinter vorgehaltener Hand haben fast alle Angst vor dem Islam. Dafür muß es Gründe geben.

Hierzulande äußert sich die spätestens seit der Eroberung Spaniens durch die Mauren und den Türkenkriegen und ihren verschiedenen Stürmen auf Wien ins mitteleuropäische Bewußtsein eingegangene Beklemmung zumindest in starkem Mißtrauen. Scherzhaft wurde über längere Zeit die Eroberung Europas durch den Döner-Spieß im Munde geführt. Doch schon lange hat der Einfluß des Islam auf die westliche Kultur intensiv gesellschaftliche und politische Formen angenommen. Der Islam gibt sich hier wie in Frankreich politisch moderat. Das tut er aber möglicherweise nur, weil er hier (noch) keine Macht hat. Hier lassen wir ein Zitat des Kabarettisten Dieter Nuhr einfließen: „Der Islam ist ausschließlich dann tolerant, wenn er kein Macht hat, und wir müssen unbedingt dafür sorgen, daß es bei uns so bleibt.“ 

Aus verschiedenen Attentaten auf Islam-Kritiker in Europa und aus den auf den Nägeln brennenden unkontrollierbar aufflammenden Konflikten in Syrien/Irak, Mali/Nigeria, Jemen, Afghanistan/Pakistan wissen wir um die brutale Radikalität der hegemonialen Bestrebungen des Islam. Durch die demokratiefeindlichen, aus fragwürdigen politischen Gründen vom Westen gestützten Systeme Saudi-Arabiens und der Golfstaaten scheint sich ein Gleichgewicht herstellen zu lassen. Seit die Grenzen Europas offen und türkische und arabische Muslime in Heerscharen den Wohlfahrtsangeboten der Wirtschaftsnationen gefolgt sind, wächst der islamische Bevölkerungsanteil Mitteleuropas rasant. Wer kommt, sind im Wesentlichen die Unterprivilegierten aus armen Ländern, eine gefährlich explosive Klientel. Saudis, Katarer, Kuwaitis werden Sie wohl kaum darunter finden.

Vor allen hat Frankreich durch seine Kolonialgeschichte einen hohen Anteil längst auch politisch aktiver islamischer Bevölkerung, will sagen Männer (Frauen sind im Islam außer als Köchin, Dienerin und Sex-Objekt) ohne jede Bedeutung. Diese von den arabischen Erdölstaaten unterstützten politischen Kräfte gewinnen zunehmend Einfluß, vor allem auf das unzufriedene französisch-islamische Wahlvolk.

Das nimmt Michel Houellebecq in seinem im Jahr 2022 spielenden Roman „Unterwerfung“ zum Anlaß für die Fiktion eines Wahlsieges der islamischen Partei der Muslim-Brüder. Schon die Wahl der Titelillustration (haben Sie Patrick Süskinds „Die Taube“ gelesen?) ist verschreckend - ein Geniestreich des Verlages.

So raffiniert wie der Aufbau der Story ist ihr umwerfend perfider Schluß – womit ich perfide in diesem Fall als hohes Lob verstanden sein möchte. Der Pariser Literaturwissenschaftler und Universitätsprofessor Francois, in dessen Rolle Houellebecq schlüpft, führt als Weinkenner und Gourmet ein gutes Leben in mäßigem Wohlstand, auch sexuell zufriedenstellend durch wechselnde Verhältnisse mit Studentinnen und eine begehrliche Liebe zu der reizvollen jüdischen Studentin Myriam ausgefüllt. Die französischen Präsidentschaftswahlen (vor realpolitischem Hintergrund), in denen sowohl den Muslim-Brüdern wie auch der Front National unter Marine Le Pen Chancen winken, beobachtet er in gewohnter Dekadenz mit der Spannung, mit der er auch ein Pferderennen oder Fußball-Endspiel verfolgen würde. Der über den naturalistisch-dekadenten Schriftsteller Joris-Karl Huysmans (1848-1907) promovierte Wissenschaftler, der seinen Stil zumindest argumentativ nach Huysmans auszurichten scheint, bemerkt die mögliche Wende früh, jedoch nicht die unmöglich erscheinende Koalition zwischen den Muslimbrüdern und einer nationalkonservativen Partei, was schließlich die Sozialisten nach blutigen Straßenkämpfen (die Houellebecq nur andeutet) zu einer Koalition mit den Muslimen zwingt, um die Front National von der Regierungsverantwortung fernzuhalten.

Houellebecq erzählt schlüssig, schöpft nüchtern und ohne Übertreibung den möglichen Folgenkatalog aus: jüdische, weibliche und nicht islamkonforme Hochschullehrer verlieren ihre Ämter, Juden wie Myriams Familie mit ihr emigrieren nach Israel, wer Geld hat, transferiert es ins Ausland. Saudisches Geld wird in den französischen Staats- und Bildungsapparat gepumpt, die Konversion zum Islam wird mit hoch dotierten Posten belohnt. Binnen kurzer Zeit wandelt sich das Gesellschaftsbild Frankreichs zu einer scheinbar moderaten islamischen Gesellschaft. Die Medien unterliegen einer Zensur, Bildungseinrichtungen werden islamisiert, Frauen aus dem öffentlichen Leben entfernt, die hübschen Mädchen, die das Straßenbild von Paris zuvor so reizvoll gemacht haben, verschwinden unter „Reformkleidung“. Männer der Führungsebene werden durch hohe Gehälter, das völlig den Werten europäischer Demokratie widersprechende System der Mehrehe und der absoluten Macht über die Frauen korrumpiert und zur Konversion gedrängt – und lassen sich korrumpieren. Francois beobachtet das mit staunendem Widerwillen, bis…

So zynisch und raffiniert Houellebecq all das erst auf den zweiten Blick erkennen läßt, den Leser in trügerische moralische Sicherheit wiegt, ihm den Spiegel der erniedrigenden Selbsterkenntnis schließlich triumphierend vors Gesicht hält, ist im höchsten Grade gekonnt. Der Dialog zwischen Francois und dem erfolgreichen Konvertiten Robert Rediger ist Kernstück und intellektuelles Glanzlicht des Romans.

Natürlich möchte niemand, schon gar kein Muslim, diesen Spiegel vorgehalten bekommen, der ihm bescheinigt, trotz aller scheinbaren feinen Lebensart und hohen Bildung ein moralisch verkommener Macho zu sein. Die vorgestern bekannt gewordene Skandal-Predigt des radikalen Imams Sheikh Abdel Moez al-Eila in der Al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln ist ein aktuelles Beispiel dafür.

Michel Houellebecqs Roman ist mehr als nur literarisch, er ist ein gesellschaftspolitisch wichtiges Buch, das zu Recht in der gesamten westlichen Welt Aufmerksamkeit und in islamisch geprägten Ländern harschen Widerspruch findet – denn was im Buch noch Fiktion ist, ist dort grausame Realität und Tradition. Auf Michel Houellebecq und Dieter Nuhr zu hören, kann nicht schaden.          F.B.

 

Jetzt auch als Taschenbuch 10,99 Euro oder Hörbuch 9,99 Euro

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Michel Houellebecq – „Unterwerfung“
Aus dem Französischen von Norma Cassau, Bernd Wilczek
© 2015 Dumont Buchverlag, 272 Seiten, gebunden, Schutzumschlag, Lesebändchen - ISBN 978-3-8321-9795-7
22,99 €

 

 

Kontroverse Meinungen und reichlich Material zur eigenen Meinungsbildung

 

Das Beste von „Oper, Publikum und Gesellschaft“ kommt zum Schluss im vom Herausgeber Karl-Heinz Reuband stammenden Kapitel „Erneuerung der Oper aus dem Geist der Moderne?“ , bei dessen Lektüre der Leser schmunzelt, wenn den teilweise höchst arroganten, selbstgefälligen Zitaten der Vertreter moderner Regie die Statistiken, die Vorlieben der Zuschauer zumindest im Rheinland gegenübergestellt werden. Die nämlich kommen vor allem wegen der Musik in die Oper und bevorzugen zu einem enormen Prozentsatz Inszenierungen, die die Handlung nicht in die Gegenwart versetzen, sondern dort lassen, wo der Librettist sie angesiedelt hat. Das zeugt natürlich von einer gewissen Undankbarkeit gegenüber dem Bemühen moderner Regisseure, die Oper zu retten, wie sie meinen, und dem Publikum einen Zugang zu derselben zu verschaffen, was Letzteres davon ausgeht, der Zuschauer, der an anderen Stellen des Buches als besonders gebildet beschrieben wird, sei nicht in der Lage, sich in andere Zeiten und Milieus zu versetzen und Lehren aus derart verschlüsselten Botschaften zu ziehen.

Das Kapitel beginnt mit langen Passagen im Konjunktiv, was den Leser belustigt aufmerken lässt, denn so führen sich die Verfechter moderner Regie quasi selbst ad absurdum, besonders wenn man die zahlreichen Fallbeispiele, Wagners Siegfried betreffend, zur Kenntnis nimmt. Auch Calixto Bieitos Sex- und Grausamkeitsphantasien erhalten die ihnen gebührende Würdigung. Das alles steht nach Meinung der Verursacher im Dienste einer hohen Aufgabe, der, durch „Überforderung (zu) unterhalten“, Provokation und Widerstand auszulösen und damit Erkenntnisprozesse auszulösen, was natürlich seit jeher die Motivation für einen Opernbesuch war. Reuband stellt nicht ohne Humor dar, inwiefern für moderne Regisseure „Werktreue“ nur ein anderes Wort für Faulheit ist, drückt dem Regietheater den Stempel Made in Germany auf und stellt anhand von Statistiken dar, dass auch Verfremdungseffekte keinen Beifall bei der Mehrheit des Publikums finden. Das Kapitel vermittelt allerdings auch die Einsicht, dass Rücksichtnahme auf die Wünsche des Publikums dann nicht von Nöten ist, wenn Opernhäuser derart hoch subventioniert werden wie die in Deutschland. 

Von unterschiedlicher Thematik und Qualität sind die anderen Beiträge: von seltener Klarheit und auf wenig Platz viele wertvolle Informationen vereinend das Vorwort des Herausgebers, der auch noch einen Abschnitt über „Das Kulturpublikum im städtischen Kontext“ beisteuert. So verständlich wie deutlich und ohne soziologischen Schnickschnack stellt der Autor fest, dass das Opernpublikum überaltert ist, dass es aber vielfältige Bemühungen gibt, auch ein junges Publikum für die Gattung zu gewinnen. In diesem Zusammenhang hatten zuvor Debora Fischer und Katharina Kunißen erläutert, dass heutzutage hohe soziale Stellung und Vorliebe für klassische Musik nicht mehr Hand in Hand gehen müssen, sondern neben der Klassik durchaus auch andere Musikformen in den oberen Schichten genossen werden. Mit zahlreichen Graphiken und Statistiken werden die Thesen der Autorinnen untermauert.

Der eher historische Teil des Buches befasst sich u.a. mit der Gepflogenheit der Saalschlachten im England des 19. Jahrhunderts (Sven Oliver Müller) und der Ideologisierung des Wiederaufbaus der Wiener Staatsoper nach dem Zweiten Weltkrieg (Fritz Trümpi). Oliver Falck, Michael Fritsch und Stephan Heblichbefassen sich mit der wirtschaftlichen Bedeutung von Opernhäusern für eine Region, insbesondere was ihre Anziehungskraft auf Führungskräfte betrifft. Eine Karte unterstreicht die These, dass seit der Barockzeit Opernhäuser und wirtschaftliche Blüte miteinander verknüpft sind. Udo Bernbach gibt einmal mehr seine Abneigung gegenüber Richard Strauss den Anstoß zu anfechtbaren Behauptungen wie der, die Rückkehr zur Tonalität sei gleichzusetzen mit der Abkehr von der Demokratie, und um zum Heute zu kommen: dass „“Werktreue“ mittlerweile zum Vehikel rückständiger Interpretationsversuche verkommen ist.“

Über Motive für den Opernbesuch schreiben Jörg Rössel und Michael Hoelscher, befragten dazu Leipziger Opernbesucher nach möglichen vier Gründen: Freude an der Musik, “normative Distinktion von Oper“, Relevanz für die eigene Identität oder Soziale Anerkennung. Joachim R. Höflich stellte die Meinungen von Operettenbesuchern und denen des Besuchs einer Opern-Uraufführung einander gegenüber. Den Schluss bildet ein Aufsatz über die Bedeutung von Freilichtaufführungen als möglichen Einstieg in den Opernbesuch (Jörn Hering).

Ein vielseitiges Buch, dass nicht nur viele Fakten bietet, sondern auch sehr unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen lässt, so dass der Leser aufgefordert wird, sich selbst ein Bild von Wesen und Überlebensaussichten der Gattung Oper zu machen. Reichhaltige Literaturlisten und ein umfangreicher kritischer Apparat erhöhen den Wert des Buches zusätzlich.

375 Seiten

Springer VS

ISBN 978 3 658 12926 5   

Ingrid Wanja

  

 

Schatzkammer der Musikgeschichte

Wer noch immer den schönen Geschäften von Ricordi, einst nicht nur in jeder größeren italienischen Stadt eine Fundgrube für den Musikfan, nachtrauert, der erhält durch einen prachtvollen Bild- und Textband mit dem Titel Eine Kathedrale der Musik-Das Archivio Storico Ricordi Aufklärung über die Geburt, Entwicklung und Erfolge und schließliche Zerschlagung des einstigen Familienbetriebs über vier Generationen von Verlegern, die von 1808 bis 1919 nicht nur das italienische Musikleben entscheidend beeinflussten. Der Vergleich des Archivs mit dem kirchlichen Bauwerk stammt übrigens vom Komponisten Berio, und der Leser und Betrachter der zahlreichen Fotos ist zunehmend geneigt, ihm in seinem Urteil zuzustimmen.

Es fällt auf, dass auf dem Cover des Bandes kein Verfassername zu finden ist, erst ganz hinten innerhalb des Impressums ist Caroline Lüddersen als „Autorin“ genannt, als Verlage Bertelsmann und Prestel, da erstere Besitzer des Archivs, das sich jedoch in Mailand befindet, sind, obwohl sie den Verlag Ricordi einige Jahre nach seinem Erwerb 1994 wieder verkauften. Eine stärkere Hervorhebung des Verfasserinnennamens wäre durchaus angebracht gewesen, denn ihre Ausführungen sind hochinteressant, umfassend und angenehm zu lesen.

Die Autorin erläutert in einer Einleitung ihr Vorgehen, das den Leser von einer Geschichte des Verlags bis 1994 über dessen Bedeutung für die Weltkulturgeschichte führt und schließlich im Anhang eine Auflistung der Dokumente bietet, zu denen allein 8000 handschriftliche Partituren und 10 000 Libretti gehören. In einer „Kleinen Geschichte des Verlags Ricordi“ wird diese nach dessen jeweiligen Besitzern gegliedert, deren jeder einen Beinamen, so wie man es von den Medici kennt, zugeteilt bekommt. So verläuft die Entwicklung des Verlags aus kleinsten Anfängen von Giovanni- dem Fleißigen über Tito I. den Geselligen, Giulio das Genie und Tito II. den Kosmopoliten ehe dessen nach Meinung des Vaters missratener Sohn die Reihe abbricht und von da an (1919) eine Doppelspitze das Unternehmen führt.

Die Verlagsgeschichte ist natürlich zugleich Kulturgeschichte, die Ricordis profitieren vom Blühen der Hausmusik, kämpfen um das Urheberrecht und gegen die Freiheiten, die sich Interpreten „ihrer“ Komponisten nehmen, setzen sich mit der Konkurrenz Sonzogno auseinander, sind Komponisten wie Verdi und Puccini nicht nur Geschäftspartner, sondern Freunde und Förderer. Sie müssen nicht nur Geschäftsleute, sondern können durchaus auch künstlerisch tätig sein. Verdienstvoll ist, dass das Buch auch die vielen heute nicht mehr allseits bekannten Komponisten wie Catalani, Boito, Franchetti, Alfano oder Montemezzi berücksichtigt, ebenso Korngold, der ebenfalls von Ricordi verlegt wurde.

Ein besonderes Interesse gilt natürlich dem Verhalten der Verlagseigentümer während der faschistischen Epoche, die in Italien bekanntlich wesentlich länger dauerte als in Deutschland. Der Krieg verschonte auch das Archiv nicht, seine Räume wurden am 13.8.43 zerbombt, aber man hatte die größten Schätze zuvor in Sicherheit gebracht, wozu allerdings offensichtlich nicht Aldo Finzi gehörte, dessen Werk verschollen ist.

War es in der ersten Hälfte des 19. Jahrhundert die Kammer- und Hausmusik gewesen, die im Mittelpunkt des Verlagswesens stand, so wurde es zunehmend die Oper, nach 1945 aber sicherten die Cantautori der populären Musik und das Schallplattengeschäft das Überleben der Firma. Über die Jahre hinweg konnte man erleben, wie die klassische Musik in den Ricordi-Läden aus dem Zentrum der Verkaufsräume in immer abgelegenere Ecken verbannt wurde. Bertelsmann begann mit der Katalogisierung und Digitalisierung, machte aus der Sammlung, die als Wirtschaftsarchiv gegründet worden war, ein Forschungsarchiv, zeigte bereits 2013 in der Berliner Repräsentanz und auch in anderen Städten besonders wertvolle Stücke und begann 2016 mit dem Erstellen einer Collezione Digitale. 

Nur staunen kann man über die Fülle interessantesten Fotomaterials, seien es Gegenüberstellungen von handschriftlicher und gedruckter Partitur, Autographe von Rossini, Bellini, Donizetti, Libretti und deren Änderungen durch die Zensur, Regiebücher oder der Briefwechsel zwischen Komponist und Verleger über Otello, sogar Anmerkungen über Dauer und Stärke des Beifalls bei der Uraufführung. Viele Szenenfotos erstrecken sich über eine Doppelseite und man bewundert Bühnenbild und Kostüme vergangener Zeiten, über die damit mehr ausgesagt wird, als ihr Schöpfer beabsichtigt hatte, d.h., sie legen Zeugnis ab für 200 Jahre Kulturgeschichte und wecken im Betrachter den Wunsch, nun auch einmal im Internet zu begutachten, wieweit die oben erwähnte Collezione bereits gediehen ist.

ISBN 978 37913 5624 2

Ingrid Wanja 15.8.2017

Buchcover kann aus urgenberechtlichen Gründen nicht abgedruckt werden

 

 

Ein würdiges Geburtstagsgeschenk

Ein so auf- wie anregendes Buch hat der Deutsche Kunstverlag zum hundertsten Geburtstag von Wieland Wagner herausgebracht, ein so gewichtiger wie wichtiger Rückblick auf das Schaffen des Regisseurs, Bühnen- und Kostümbildners, dem sowohl der beeindruckende Bild- wie der informationsreiche und zur Diskussion animierende Textteil gerecht werden. Till Haberfeld, seit 1954 Festspielbesucher und Gattin der Jahrhundert-Ring-Brünnhilde,  liefert nach der Wieland-Wagner-Tochter Daphne das Grußwort, Oswald Georg Bauer, langjähriger Pressechef, einen äußerst aufschlussreichen Artikel über die Kontinuität vom „Kinder, schafft Neues“ fordernden Großvater zum die „Tugend der Treue zum Laster der Erstarrung“ werdend sehenden  und damit  fürchtenden Enkel. Im Untertitel des Buches wird Wieland Wagner als „Revolutionär und Visionär“ des Musiktheaters bezeichnet, der Betrachter und Leser des Buches kann in ihm eher den Visionär sehen, der zunehmend, die Fotos legen es nahe, die realistische Bühne aufgebend sich der „Bühnenbilder als Ausdruck der Seelenstimmung“ bedient, Mystisches und Mythisches an die Stelle naturalistischer Gestaltung treten lässt. Heute erscheinen einem angesichts jetziger Bühnenbilder  die Visionen Wagners  wie solche der noch zu erwartenden Zukunft, dabei sind sie Zeugen einer Vergangenheit, die mit dem Tod Wagners ein jähes Ende und kaum eine Fortsetzung fand.

Ein besonders Kapitel gilt den Arbeiten Wagners vor 1945, die auch Werken des Vaters Siegfried galten.  1946 scheitert ein Tristan-Projekt in New York, für das es bereits Entwürfe gab. Besonders interessant zu verfolgen sind die Entwicklungsschritte innerhalb einer Inszenierung (z.B. Meistersinger 57 und 56 mit oder ohne Nürnberg) oder von einer Inszenierung zur folgenden desselben Werks, aufschlussreich die Briefe an die Sänger Neidlinger, Konya, Ludwig, Varnay u.a. über ihre Rollen, nachvollziehbar die besondere Bedeutung, die Mauern und Gitter,  Scheibe und Rundhorizont auf der Wieland-Wagner-Bühne haben.  Zu vielen Partien wie Loge oder Kundry gibt es Ausführungen Wielands, aber auch generelle Erkenntnisse wie die Ablehnung nicht des Politischen, aber des Tagespolitischen auf der Bühne Bayreuths.  Das „Prinzip der ständigen geistigen Auseinandersetzung“  mit dem Werk Wagners soll zur Grundlage der Regiearbeit gemacht werden.

Natürlich steht das Wirken Wielands in Bayreuth im Vordergrund, aber auch die Arbeit anderswo und an Nicht-Wagner-Werken findet Berücksichtigung, so Lulu und Wozzeck, Aida und Otello, Orpheus und Eurydike, zweimal Orff, der einer der Redner auf der Trauerfeier sein wird.

Wer sich nicht die Zeit nehmen kann, das gesamte Buch zu studieren, der erhält bereits durch den Artikel „Denkmalschutz für Richard Wagner?“ einen guten Einblick in die Ansichten Wielands über den Umgang mit dem Werk seines Großvaters, sollte danach aber doppelt motiviert sein, auch den über Tristan zu lesen.

Im Ring sieht Wieland eine Darstellung des Kampfes zwischen männlichem und weiblichem Prinzip, allen Regisseuren, die in Siegfried einen unverantwortlichen Schlagetot sehen möchten, sei die emphatische  Preisung Wielands ans Herz gelegt. Über die Nähe zu den alten Griechen staunt man wenig, über die angebliche zu Brecht schon eher, auch wenn einschränkend gesagt wird, die jeweils erzielte Wirkung sei eine ganz unterschiedliche.

Den Schluss des Buches bildet ein Interview von Haberfeld mit Hans-Peter Lehmann, später langjähriger Intendant in Hannover, der den Ring von 1966 betreute, auf den Wieland nur aus dem Krankenhaus heraus Einfluss nehmen konnte. Lehmann schildert auch die Anfänge von Anja Silja in Bayreuth. Den Abschluss bilden die Trauerreden, darunter von Ernst Bloch und Carl Orff sowie Wolfgang Windgassen.

Der Leser und Betrachter des Buches fühlt sich bereichert, fragt sich auch, was Wieland Wagner zu heutigen Regiearbeiten in Bayreuth sagen würde.     

ISBN 978 3 422 07412 5

Ingrid Wanja 11.8.2017

 

 

 

Nun auch ein Buch geschrieben wie bereits viele ihrer Kollegen und Kolleginnen hat Katia Ricciarelli und setzt damit nicht in Erstaunen, weil sie es überhaupt tat, sondern ob des Sujets, das sie gewählt hat. Nicht ihre erfolgreiche Karriere als Sängerin, nicht ihr Wirken als Direttore artistico des Festivals in Macerata, das ihr einige der interessantesten Spielzeiten zu verdanken hat, und nicht die leidenschaftliche Liebesgeschichte, die sie mit José Carreras verband, noch die Ehe mit dem Fernseh-Superstar Pippo Baudo und der unerfüllte Kinderwunsch, an dem eine ganze Nation dank vieler Illustriertenberichte Anteil nahm, sind Gegenstand der ca. 150 Seiten, sondern „Vi canto una storia“ (Ich singe euch eine Geschchte) ist der Titel des Buches mit dem Zusatz „L’opera racontata ai ragazzi“ (Die Oper den Kindern erzählt). 

Wie viele italienische Musiker macht sich La Ricciarelli offensichtlich Sorgen über den Mangel an musikalischer Erziehung in italienischen Schulen, über den Niedergang der klassischen Musik in ihrem Heimatland, der Riccardo Muti erst unlängst äußern ließ, Italien sei nicht mehr das Land der Musik, sondern das der Musikgeschichte.

Offensichtlich ist es das Ziel der Autorin und ihres Mitautors Marco Carrozzo, Kinder für den Besuch von Opern zu gewinnen, und sie erfindet dazu eine Rahmenhandlung, in der sie nacheinander vier Kindern mit unterschiedlicher Skepsis gegenüber  der Gattung die Handlung von Opern als fiabe speciali (besondere Märchen) erzählt und schließlich mit allen Vieren die Oper „Hänsel und Gretel“ besucht und damit einen Riesenerfolg erzielt.

Skeptisch macht den erwachsenen und wohl auch den jugendlichen Leser die Menge von Zufällen, die die Sängerin immer genau das richtige Kind, die richtige Situation und die passende Opernhandlung zusammenfinden lassen. Auch geht es ausschließlich um Inhaltsangaben, nie um die Musik, und da zudem noch das Libretto nicht spannend nacherzählt wird, sondern Inhaltsangaben im Präsens geboten werden, die von Fragen und Bemerkungen unterbrochen werden, der Bezug zum Märchen als roter Faden sich durch das Buch zieht, wird suggeriert, dass  der Wert einer Oper sich an ihrer Nähe zum Märchen bemessen lässt. Geht es, selten genug, wirklich um die Oper, so um die Stimmgattungen, dann werden nur die Bezeichnungen, also Sopran usw. genannt, aber nicht einmal erwähnt, dass es um die Höhe der jeweiligen Stimme geht. Dass auch einmal ein Pamino erwähnt wird oder  der Inhalt vom Barbiere nicht ganz korrekt wiedergegeben wird und Hänsel und Gretel ohne Taumännchen und Engelsschar auskommen müssen, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. 

Auch Kinder dürften die Rahmenhandlung als zu betulich-neckisch-sentimental ansehen, und sie werden dazu gebracht, zu glauben, dass Opern, wie der Text mehr als nahelegt, besondere Märchen sind, nur weil Ricciarelli  diejenigen ausgewählt hat, die das mehr oder weniger glauben machen wie Elisir, Falstaff, Barbiere, Cenerentola, Zauberflöte und Barbiere.  Il Canto, der doch im Titel zumindest in Verbform vorkommt, spielt so gut wie keine Rolle außer im Anhang, in dem CDs du DVDs, möglichst mit dem Sopran unter den Mitwirkenden, empfohlen  werden.

Hübsch ist das Cover mit einer von Opernfiguren umgebenen jugendlichen Katia Ricciarelli, ansprechend sind auch die Zeichnungen von Desideria Guicciardini im Buch. Milano 2016

Ingrid Wanja 10.8.2013

 

 

 

 

„Wer „La Manzel“ noch nicht zu Füßen liegt, wird es spätestens nach diesem Buch tun“, droht die Rückseite der „Autobiographie“ der Schauspielerin und Sängerin dem potentiellen Leser, dessen Neugierde natürlich auch darauf gereizt wird, ob er dieser verheißenden Versuchung widerstehen kann. Eine Autobiographie, auch eine, wie angekündigt, „in Gesprächen“ ist dieses Buch allerdings nicht, diese müsste neben den vielen anderen Anlagen auch eine mit den Lebensdaten der Künstlerin haben, die dem Leser aber vorenthalten werden wie die Namen der beiden (?) Gatten, den Vätern ihrer beiden Kinder. An die Stelle von präzisen Daten und der Schilderung prägender Ereignisse tritt allzu oft nur die von Seelenzuständen, die der Vereinigung von Gegensätzen in einer anbetungswürdigen Person, die dominant und kollegial zugleich, witzig und melancholisch, selbstsicher und schüchtern, in ihrem Spiel östlich brechtorientiert und westlich sich identifizierend, zart und schnoddrig, harmoniesüchtig und kämpferisch, mutig und selbstzweifelnd, mithin alles ist. Bereits im Vorwort des Gesprächspartners fallen diesem bei einem Spaziergang mit der auch perfekten Gärtnerin viele, viele lobende Attribute ein, eine Art Einführung, die immer misslich ist, weil sie den Leser, ist er der darzustellenden Person nicht ohnehin verfallen, auf Widerstand bürstet, so wie es auch seine Nachteile hat, wenn Frager und Antworterin sich privat zu gut kennen wie der Filmjournalist Knut Elstermann seine Gesprächspartnerin.

Trotz dieser Nähe oder vielleicht auch wegen derselben verläuft das Frage- und Antwortspiel oft nach dem Schema: Er versucht ihr Präzises auch aus dem privaten Bereich zu entlocken, sie antwortet mit Elogen auf Rollen, Regisseure, Kollegen und das Familienleben, auf das Glück, das sie selbst im Unglück hatte, was alles legitim und verständlich ist, aber dann sollte man kein Buch über sich schreiben lassen. Immer wieder wird das Interview durch Intermezzi unterbrochen, in denen sich Familienangehörige, Kollegen und ganz zuletzt Barrie Kosky, der sie zum Operettenstar an der Komischen Oper Berlin machte und gar nicht glauben mag, dass sie bei all ihren Talenten keine jüdischen Wurzeln habe, äußern. 

„Menschenskind“ heißt das Werk wie bereits ein Hollaender-Abend, den die Manzel gestaltete, und viel zutreffender als das vorangestellte Bobrowski-Gedicht wird dieser Ausdruck interpretiert als das unschuldige Neugeborene, aber auch die damit zurechtzuweisende Berliner Göre. Nicht streng, aber doch in etwa chronologisch wird die Karriere nachvollzogen, von Dresden nach Berlin ans Deutsche Theater und Berliner Ensemble führend, zum Film und zum Fernsehen und schließlich an die Komische Oper, für deren Operettenaufführungen sie zwar keine Opern-, aber eine ausgebildete Stimme prädestiniert.

Auch wer weder an Theater noch an Oper und Operette interessiert ist, könnte wissen wollen, warum der Vater nach fünfjähriger Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion ausgerechnet als Kommunist zurückgekehrt ist und die Tochter dazu animierte, ebenfalls in die SED einzutreten. Davon erfährt man leider nichts, auch nur wenig über die Einflussnahme des Staates auf die Theater in der DDR. Dagmar Manzel scheint unter einer Glasglocke der Unberührbarkeit nur ihrem Beruf nachgegangen zu sein, wollte auch nach der Wende nicht ihre Stasiakte einsehen und ein erklärter Schnüffler blieb trotzdem ihr Freund. Zu beiläufig klingt da ein :“Natürlich sind auch furchtbare, unverzeihliche Dinge geschehen“, aber „ich hatte in der DDR eine schöne Zeit“. Dafür wird aber hart und undifferenziert mit der Treuhand ins Gericht gegangen, ihr der Untergang der DDR-Betriebe und das Unglück der arbeitslos Gewordenen angelastet, nicht der Misswirtschaft des Regimes, das auch den Verfall der ostdeutschen Städte, deren Wiederauferstehung dank westdeutschen Geldes ihr nicht entgangen sein sollte, zu verantworten hatte. Die Gängelung der Menschen, denen Paris und Venedig, Spiegel und Stern und vieles andere zumindest bis zum Rentenalter verboten wurden, scheint da gar nicht erst zur Kenntnis genommen zu werden, oder ein Nachdenken darüber verbot sich, weil man doch nichts ändern konnte, dies zumindest glaubte. Dass für sie persönlich die Maueröffnung ein großes Glück war, wird wiederholt betont. Geliebäugelt wird aber auch mit einem eigenständigen Staat als Nachfolger der DDR mit eigener Brecht-Eisler-Kinderhymne, die nach Meinung des Interviewers doch viel schöner sei als die von Einigkeit und Recht und Freiheit.

Interessant ist, dass Dagmar Manzel, wohl auch durch den Einfluss einer Tante, gläubig und nach der Wende Katholikin wurde, aber wieder aus der Kirche austrat, als ein (!) Priester ihr Vorhaltungen wegen ihres Umgangs mit Schwulen und Lesben machte. Aber Papst Francesco verehrt sie, was aber wohl keinen Wiedereintritt in die Kirche bewirken wird.

Es gibt auch eine ganze Reihe nachdenkenswerter Passagen in dem Buch, so die über die Heilsamkeit des Abschiednehmens, über die Besonderheit der Anforderungen beim Filmen im Vergleich zum Theater, über Rollen wie Anna I und Anna II, Maria Stuart, Tatortkommissarin im Franken-Tatort, und man nimmt es ihr ab, wenn sie meint: „Ich muss einfach auf die Bühne springen und mich verschenken“.        

240 Seiten, Aufbau-Verlag 2017

ISBN 978 3 351 03649 2

Ingrid Wanja 12.5.2017

 

 

Herbert Blomstedt

MISSION MUSIK

„Mission Musik“ nennt sich das gerade erschienene Buch, das Gespräche des schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt mit Julia Spinola wiedergibt, ergänzt durch ein Vorwort und eine Einleitung sowie durch einen umfangreichen Anhang. Mutet der Begriff „Mission“ zunächst in Verbindung mit „Musik“ etwas befremdlich an, so wird dem Leser zunehmend klarer, dass das, was dem Vater noch Missionierung zum adventistischen Glauben bedeutete, für den Sohn, zwar auch tief gläubig, einen ganz anderen Sinn hat: Musik so aufzuführen, wie der Komponist sie geschrieben hat, und sie in einer Welt, die zunehmend den Versuchungen leichter konsumierbarer Popmusik verfällt, vor dem zunehmenden Vergessenwerden zu bewahren.

Im Vorwort berichtet Julia Spinola sachlich darüber, wie es zum Entstehen des Buches kam , und gibt einen Überblick über den Inhalt der einzelnen, in Gesprächsform gehaltenen Kapitel. In der Einleitung dann verfällt sie einer überschwänglichen Schwärmerei, entfernt sich damit vom Charakter der Persönlichkeit, die sich später im Verlaufe der Gespräche in einer ganz anderen, klareren und sachlicheren Art und Weise darstellt und nimmt dem Leser damit fast die Möglichkeit, sich unbefangen selbst ein Bild von dem Portraitierten zu machen. „Alles Theatralische und Kostümierte ist ihm wesensfremd“, schreibt sie, wählt aber selbst eine Darstellungsweise, der das gar nicht fremd ist und die sich quasi vor den Dirigenten drängt. Es ist dem Leser also zu empfehlen, erst die Gespräche zu lesen und sie dann an dem in der Einleitung entworfenen Bild zu messen. Man kann dann durchaus zu einem ähnlichen Urteil kommen, aber es wird dem Leser nicht im voraus aufoktroyiert.

Die einzelnen Kapitel beginnen jeweils mit einem Motto, einem Zitat des Dirigenten, der in so schlichter wie überzeugender Weise zunächst seine Jahre in Dresden schildert, den Zwiespalt zwischen der Liebe für die Besonderheiten der Staatskapelle, deren „existenzielle Unbedingtheit“, und der Abneigung gegenüber einem Staat, der seine Bürger gefangen hält. Besonders sympathisch berührt nicht nur die Ehrlichkeit, die man in jedem Satz vermutet, so das Geständnis, dass zunächst Vorbehalte gegenüber der Musik von Richard Strauss bestanden. Es folgen Berichte über die Jahre in San Francisco, Hamburg und Leipzig, und man erfährt Interessantes über das Verhältnis von Kurt Masur zum Gewandhausorchester, über die unterschiedlichen Sitzordnungen innerhalb des Orchesters, so die von Blomstedt durchgesetzte „deutsche“, über den vielbeschworenen „deutschen Klang“ und fühlt sich so gut unterrichtet wie bisher noch nie zuvor, wie auch über die grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweise an Kompositionen à la Mendelssohn oder Wagner. 

Ein weiterer Gesprächskomplex ist Kindheit, Ausbildung und ersten Engagements gewidmet, den Konflikten, die durch den arbeitsfreien Sonnabend der Adventisten entstehen. Neben vielen anderen wird Bernstein erwähnt und einiges weniger oder gar nicht Bekanntes über ihn berichtet, wobei wie auch bei den Passagen über Furtwängler Respekt und Zuneigung auch dort unübersehbar sind, wo Blomstedt nicht mit allem einverstanden ist.

Wie sehr der Dirigent sich selbst weniger wichtig als die Musik, die er dirigiert, nimmt, zeigt sich darin, dass er weniger über sich selbst als über diese berichtet und so ein umfangreiches Kapitel über „Werkanalyse, Interpretation und den Umgang mit dem Orchester“ beiträgt. Sehr überzeugend klingt, dass das Orchester weniger temperamentvolle Zeichengebung als „geistige Energie“ als Hilfestellung braucht, dass sein künstlerisches Ethos mit seinem Glauben zusammenhängt.

Auch wenn Blomstedt am 17. Juli seinen 90. Geburtstag feiern wird, hat er bisher unerfüllte Wünsche wie den, den schwedischen Komponisten Stenhammar bekannter zu machen. Appetit darauf bekommt der Leser durch das, was der Dirigent über den Musiker zu sagen hat.

Bei einem Besuch in Göteborg kann Julia Spinola erleben, dass Blomstedt seine umfangreiche Bibliothek der Allgemeinheit zugänglich gemacht hat. Ein Kapitel über Bach und besonders dessen H-Moll-Messe und über Beethoven und besonders dessen Tempovorstellungen beschließen die Gespräche, die man mit großem Gewinn lesen kann und die den Wunsch provozieren, der Dirigent möge noch recht lange als Anwalt der Komponisten tätig sein, auch den Plan ausführen, gemeinsam mit Barenboim Furtwänglers Klavierkonzert aufzuführen.

Henschel Verlag 2017

ISBN 978 3 89487 950 1

Ingrid Wanja

 

 

Kloiber / Konold / Maschka

HANDBUCH DER OPER

Das Maß der Dinge für den normalen Operngänger

Neuauflage 2016 - gebunden 958 Seiten - 29,95 Euro

Als ich vor rund 40 Jahren anfing mich intensiver mit Oper zu beschäftigen und auch darüber zu schreiben, kaufte ich Rudolf Kloibers "Handbuch der Oper" (als DTV Taschenbuch in zwei Bänden). Es bleibt für mich bis heute auf dem Sektor der Opernführer für den normalen Opernbesucher immer noch das Maß der Dinge - sehen wir mal vom "Opernführer für Fortgeschrittene" von Ulrich Schreiber ab, der aber eher ein Opernführer für den Kritiker oder Opern-Freak ist. (hier braucht man - auch wg. der vielen Verzweigungen - mindestens 1,5 Stunden... und bekommt allerdings auch Informationen, die für einen Vortrag durchaus reichen könnten - ein Wahnsinnswerk)

Doch zurück zum aktuellen "Kloiber" (Grundlegend überarbeitete 14. Auflage in einem Band - gebunden), wobei es sich heute als das Werk dreier Autoren darbietet, weil rund ein Drittel des Textbestandes ausgetauscht wurden und das schöne Buch nun mit hundert neuen Texten erstrahlt.

324 Opern von 135 Komponisten brauchen natürlich Platz und so ist es ein Wälzer von fast 1000 Seiten geworden - doch keine Angst verehrte Opernfreunde und gelegentliche Bettleser, das Buch ist durchaus noch trag- und haltefähig (24 x 18 x 4,5 cm) und lohnt auch die Platzierung als Betthupferl - nicht nur bevor es in die Oper geht! Das ging etwas auf Kosten der Lesbarkeit gerade für die Älteren - Stichwort: Textgröße - ist aber mit Lesebrille noch gut lesbar; immerhin dieselbe Schriftgröße, wie die bewährten alten Taschenbücher.

Hier lernt der Opernfreund- und Besucher die wunderbare Vielfalt der Opernwelt kennen, denn was das Autoren-Trio (Kloiber, Konold, Maschka) hier zusammengestellt hat, sind alles Werke, denen eigentlich ein fester Platz im Repertoire unserer hochsubventionierten Opernhäuser zustehen müsste! Man könnte sagen "geprüfte Qualität".

Hallo, Ihr Intendanten und Kulturverantwortlichen! Es gibt verdammt viele gute Opern, die weit über euer Standart-Angebot des üblichen Aida-Boheme-Cosi-Zauberflöten-Repertoires hinaus, spielens- und entdeckenswert sind! Auch da hilft Euch der neue "Kloiber" enorm...

Pars pro toto nur einige rare Komponisten (nach denen ist das Werk natürlich alphabetisvch geordnet): Adès, Dallapiccola, Bialas, Cornelius, Pizetto, Saariaho, Tan Dun, Tippett, Ullmann... Fragen Sie doch einmal in ihrem Heimopernhaus bei einer Spielplanvorstellung danach ;-)

So spannt sich der Bogen dieses (wie man heute sagt) "Must-Have-Books" vom Frühbarock bis in die Gegenwart, wobei sich die klassische Registereinteilung bei jedem besprochenen Werk bis heute gehalten hat: Rollenbesetzungen, Spieldauer, Libretto, Textdichtung, Handlung, historischer Hintergrund und stilistische Stellung.

Für knapp 40 Euro (zehnmal aufs oft überflüssige Programmheft verzichtet!) ist der kleine Schinken unbedingt lohnenswert, und durch die klassische gebundene, solide Fertigung ein Buch für eine halbe Ewigkeit, welches nicht gleich zerfleddert oder auseinanderfällt, wenn man es intensiv nutzt. Und glauben Sie mir, verehrte Leser, Sie werden es lieben, wenn Sie weiter regelmäßig gut informiert in die Oper (heute sprechen wir besser von "Musiktheater") gehen wollen. Auch können Sie ihren Enkeln und Kindern damit ggf. mal ein wirklich nachhaltiges Geschenk fürs Leben machen. Bei den 10 Büchern, die ich mit auf die einsame Inseln nehmen würde, wäre der "Kloiber" garantiert dabei - wer Oper liebt, muß ihn mögen...

Peter Bilsing

 

 

Christian Merlin

DIE WIENER PHILHARMONIKER

Ein vielleicht ungewolltes Geburtstaggeschenk

Sie erscheinen haargenau zum 175. Geburtstag des berühmten Orchesters und sollen wohl doch kein Geschenk zu diesem Ehrentag sein, denn das Cover von  Christian Merlins  Die Wiener Philharmoniker, zwei umfangreiche Bände in einem Schuber, zeigt zwar den Untertitel Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute, aber der Leser muss sich schon selbst ausrechnen, dass mit 2017 ein runder Geburtstag erreicht wurde, und kann sich dann noch zusammenreimen, warum von einer Hommage nicht die Rede sein kann. Knapp sechs Zeilen finden sich dort, wo sonst viel ausführlicher über einen Autor berichtet wird, aber in der Widmung für den Großvater des Autors, Charles Bernard, wird klar, warum dem Enkel das Feiern nicht leicht fallen dürfte. Als Bukowiener bezeichnete der Großvater sich selbst, war Jude und gehörte offensichtlich zu den Glücklicheren, die das 1938 angeschlossene Österreich rechtzeitig verlassen konnten. In der Einführung erläutert der Autor nicht nur, dass er die Geschichte des Orchesters als die seiner Mitglieder (Prosopografie) erzählt, sondern weist auch darauf hin, dass Österreich sich immer schwertat, sich nicht als Opfer, sondern als Täter zu verstehen, dass erst 1992 Clemens Hellsberg, Archivar der Philharmoniker, auf das Unrecht hinwies, dass den Juden unter den Musikern nach 1938 angetan wurde.

Das große Interesse an dem Orchester erklärt sich der Verfasser aus der Popularität der Neujahrskonzerte und der Aura einer Geheimgesellschaft, die den Klangkörper umgibt, was allerdings auf die Berliner ähnlich zutreffen dürfte. Seinen Werdegang sieht er im Durchschreiten der Etappen multiethnisch-chauvinistisch-multiethnisch, die Annahme eines „genetisch bedingten Spielstils“ würde in die Irre führen.

Der erste Band schildert chronologisch die Geschichte der Philharmoniker als Konzertorchester seit dessen Gründung durch Otto Nicolai, der zweite ist zunächst auf ca. 200 Seiten ein Namenslexikon aller jemals dem Orchester gedient habenden und noch dienenden Musiker, denen je nach Bedeutung seitenlange oder zeilenkurze Artikel gewidmet wurden. dazu kommen spezielle Übersichten, so über verwandtschaftliche Beziehungen innerhalb des Orchesters. Daneben vermittelt der Anhang weitere wichtige Kenntnisse.

Merlin sieht die Epoche Nicolai geprägt durch den Kampf um Disziplin und das typische dynastische Denken, die des Nachfolgers Holbein durch den um soziale Maßnahmen und die Selbstverwaltung. Es wird dem Leser leicht gemacht, zu erkennen, worin die Verdienste der einzelnen Direktoren bestanden, so die von Cornet und Eckert in der Gründung von Kammermusikensembles und der Einrichtung der Abonnementskonzerte sowie der Einrichtung eines Archivs.

1869 wird das neue Opernhaus eingeweiht, und Franz von Dingelstedt sorgt für feste Gehälter und Pensionen; Erhebungen zeigen, dass prozentual mehr Juden Mitglieder sind als der entsprechende Prozentsatz in der Bevölkerung erwarten ließe, was aber für den Leser keine Überraschung sein dürfte, eher schon die auch erwähnten 63% der Anwälte oder 63% der Journalisten zu Mahlers Zeit.

Immer wieder kommt Merlin auf die sogenannte „Wiener Schule“ zu sprechen, mokiert sich darüber, dass sie durch einen Italiener über einen Franzosen nach Wien gebracht wurde und häufig als Kontrast zu den präziseren, aber gefühlsarm spielenden Berlinern gesehen wurde. Am Schluss des ersten Bandes verrät der Autor dem Leser dankenswerter Weise, was er selbst unter dem Wiener Stil versteht: Flexibilität und Reaktionsfähigkeit, Tanz und Verzögerung und die Bevorzugung des Ausdrucks gegenüber der Genauigkeit. Auch durchbricht er den alten Gegensatz Wien-Berlin mit dem Hinweis auf die neue Konfrontation Alte gegen Neue Welt und deren Orchester.

Der Konzertsaal des Musikvereins bietet eine neue Spielstätte neben dem Opernhaus. Interessant ist, dass sich der Spielplan der Staatsoper nach den Plänen der Philharmoniker als Konzertorchester richtet. Seine Vielseitigkeit beweist der Verfasser, indem er sich auch Themen widmet wie der Einführungen neuer Instrumente wie der Zugposaune oder Lustiges zu berichten weiß wie den Einsatz des Cellos als Sänger der Gralserzählung.

Von 1997 bis 2007 dauert die Direktion von Gustav Mahler, die durch einen großen Reformeifer geprägt ist, während derer es zum ersten Auslandsgastspiel kommt und die auch die Souveränität des Orchesters bei der Neubesetzung vakanter Stellen in Frage stellt. Es spricht für das Geschick von Merlin, dass er den Leser trotz des Faktenreichtums nie ermüdet, sondern auch trockenere Fakten spannungsreich darzubieten weiß. Das gilt auch für die Epochen Weingartner, Gregor und Schalk.

1918 wird aus der Hofoper die Staatsoper, bei den Philharmonikern ist 1 Gefallener zu beklagen, das Radio beginnt seinen Siegeszug und wird immer wichtiger auch für die Orchester. Bereits Mahler hatte neue Stellen geschaffen, Richard Strauss lässt das Orchester auf 134 wachsen. Clemens Kraus wird der letzte Chefdirigent sein, ab 1933 gibt es nur noch Gastdirigenten und damit noch mehr Selbständigkeit.

Zwei Ungenauigkeiten unterlaufen dem Verfasser, wenn er Seyss-Inquart auch nach 1938 noch als Bundeskanzler bezeichnet, sein Titel war nach dem Anschluss „Reichsstatthalter“, und die Pension nach dem letzten Gehalt zu berechnen, war nicht nur „damals im öffentlichen Dienst gang und gäbe“.

Sehr genau aufgelistet ist das Zahlenmaterial über die Opfer der Rassenpolitik: 13 Entlassene, davon 4 Pensionäre und 9 in den Ruhestand versetzt, neun Emigranten und fünf Ermordete. Sehr ausgewogen schildert Merlin das Verhalten der glücklicheren Kollegen gegenüber den Ausgestoßenen, erwähnt auch, dass zur Hundertjahrfeier auch die Namen der jüdischen Mitglieder in der Festschrift erscheinen und dass es wie Schindlers List auch eine Liste Furtwänglers gab, auf der sämtliche „jüdisch Versippten“ aufgeführt waren und als unverzichtbar für das Orchester bezeichnet wurden. Überhaupt verhält sich der Autor sehr nachsichtig gegenüber selbst Altnazis, deren einer (Wilhelm Gerger) sogar für seinen Einsatz für ehemalige Philharmoniker lobend erwähnt wird- und kein böses Wort über Karajan. Auch der Zweite Weltkrieg kostet die Philharmoniker einen Gefallenen, sie waren bis 1944 uk. Von den zahlreichen Neueinstellungen ab 38 war nur eine politisch motiviert, wie der Verfasser erforscht hat.

Am 12.3.1945 wurde das Opernhaus bombardiert, Wien wird Viersektorenstadt, die Russen wollen schnell wieder ein Kulturleben auf die Beine stellen, die Entnazifizierung wird lasch betrieben, zwei Philharmoniker werden für immer, drei bis 1951 entlassen, dabei waren allein zwei Drittel der Hörner Parteimitglieder. Und bereits 1947 geht es wieder nach Frankreich und England, was Merlin alles mit kaum bemerkbarem ironischem Unterton berichtet. Eine halb komische, halb Zorn erregende Lektüre ist die der Rechtfertigungen von Philharmonikern für ihre Parteizugehörigkeit, geradezu widerlich das Bestreben, den verjagten Juden ihre Pensionen vorzuenthalten.

Ab 1939 gab es die Neujahrskonzerte, die ab 1954 bis 79 der legendäre Boskovsky als Stehgeiger leitete. Dass es heutzutage genauso dämliche Leute gibt wie damals zeigt der Versuch eines Grünen, die Konzerte an sich deswegen (1939 eingeführt!) zu diskreditieren.

Durchgehend hebt der Autor hervor, wie jung Philharmonikern in den erlauchten Kreis eintreten konnten, so während des Krieges ein Vierzehnjähriger, aber Achtzehnjährige waren auch in Friedenszeiten keine Seltenheit.

Das unglückliche Interview Böhms auf dem Bahnhof, Höhen und Tiefen der Arbeit mit Karajan werden dem Leser nicht vorenthalten, auch nicht die Intervention des DECCA wegen der alt und unsicher gewordenen Stimmführer.

Was es mit dem Streit um Theres oder Marie oder mit dem Ring Baldur von Schirachs auf sich hat, sollte der Leser selbst herausfinden, er wird noch mit den neuen Dirigenten Mehta, Maazel, Muti und vor allem Bernstein und seinem Kampf um Mahler bekannt gemacht. 1997 zieht die erste Frau wegen des Mangels an Harfenisten in das Orchester ein, auch die Internationalisierung ist nicht aufzuhalten, wenn auch geringer als bei den Berlinern.

Ein Überblick vom Januar 1991 über die Verpflichtungen der Philharmoniker lässt den Durchschnittsarbeiter erschaudern. Anerkannt wird vom Verfasser der sich allmählich dokumentierende gute Wille zur Aufarbeitung von Unrecht, wie einige von ihm genannte Beispiele zeigen.

Für ganz Faule gibt es ein „Fazit“ am Ende des ersten Bandes, aber sie würden sich um viele Stunden einer so interessanten wie das Wissen bereichernden Lektüre bringen.

Amalthea Verlag Wien 2017

ISBN 978 3 99050 081 1

Ingrid Wanja

 

 

Andràs Schiff

MUSIK KOMMT AUS DER STILLE

Wie schön, dass nicht nur die ins Rampenlicht Strebenden, sondern auch die Nachdenklichen, eher in sich Gekehrten unter den Musikern das Bedürfnis haben, sich der Mit- und Nachwelt mitzuteilen, ihre künstlerischen Grundsätze zu offenbaren und dem Leser einen Einblick in ihr Leben und Wirken zu gestatten. Zu diesen gehört zweifelsfrei András Schiff, und bereits das Cover seines Buches offenbart wie der Titel, „Musik kommt aus der Stille“, etwas von seinem Verhältnis zu seiner Kunst: Wie entrückt, mit geschlossenen Augen und einem Lächeln sitzt er am Flügel, ganz hingegeben an die Musik.

Martin Meyer hat mit dem Pianisten Gespräche geführt, die etwa 50 Seiten des Buches einnehmen, der Rest besteht aus Essays über musikalische Themen, die Arbeit an einzelnen Musikstücken, die Beziehung zu anderen Künstlern oder über Unsitten, die sich im kulturellen Leben ausgebreitet haben. So entsteht eine weite Spanne zwischen dem Thema Musik, die an das Göttliche heranreicht, und den Zuschauern, denen er Verhaltensmaßregeln bis hin zum Verbot des Bonbonauswickelns im Konzertsaal mitgibt.

Generell lässt sich ein gewisser Kulturpessimismus nicht übersehen, wenn Schiff die Geschichte der Musik als eine solche in Zyklen sieht, wenn er der Ansicht ist, dass sie seit dem Zweiten Weltkrieg auf einer Talsohle verharrt, dass es zudem der Jugend an „Ehr-Furcht“ fehlt. Die abendländische Musik wird seiner Ansicht nach überall auf der Welt verstanden, auch wenn jeder Komponist in seiner Sprache denkt und komponiert.

Der Pianist und Dirigent, über die letztere Funktion berichtet er wenig, erzählt von seinem Repertoire, darüber welche Komponisten ihm früh, welche wie Beethoven ihm später zugänglich waren.

Immer wieder zeigt sich Schiff als Patriot, so wenn er György Kurtág als den größten lebenden Komponisten ansieht, in den Essays dann auch vor allem ungarische Pianisten wie Annie Fischer besonders würdigt.

Auch an Geschichte, vor allem Zeitgeschichte interessierte Leser kommen auf ihre Kosten, denn Schiff berichtet ausführlich über die ungarische Geschichte nach der Trennung des Landes von Österreich und weiß Erschreckendes zu berichten über die Judenfeindlichkeit auch der heutigen Ungarn, so sich beim Abspielen der israelischen Nationalhymne vor einem Fußballspiel dokumentierend. Neu dürfte auch für viele westliche Leser sein, dass im Ungarnaufstand von 1956 nicht nur edle Patrioten, sondern auch Nazis am Werk waren.

Technisches wie die Behauptung, die linke Hand solle immer der rechten etwas voraus sein, ist natürlich auch von allgemeinem Interesse und zugleich verblüffend. Feministinnen, falls sie das Buch lesen, könnten sich herausgefordert sehen, wenn sie lesen, dass es wenige gute Beethovenspielerinnen gebe. 

Schiff bekennt, dass er keinen Zugang zu Schönberg habe, aber offensichtlich einen ganz besonders guten zu Bartok, äußert sich zum Gebrauch des Pedals und sieht die Aufgabe eines Lehrers im „Wachküssen“ dessen, was an Musikalität in einem Schüler schlummert.

Sehr bewegend ist, was Schiff über seine Eltern berichtet, die beide ihren ersten Ehepartner durch die Nazis verloren. Das lässt auch verstehen, dass er sehr heftig auf den Wahlerfolg von Jörg Haider in Österreich reagierte. In den Essays wird auf viele interessante Themen eingegangen, auch auf die Verschandelung (so empfindet er es) der Klassiker durch Regisseure, die sich selbst, nicht aber das Werk darstellen. Theaterbesuche in Berlin, dessen Kulturleben er ansonsten bewundert, führten zu den schlimmsten, sogar die Flucht aus dem Zuschauerraum provozierenden Erfahrungen. Auch Wettbewerbe kommen nicht viel besser weg, und es ist interessant zu lesen, wie er diese seine Meinung begründet.

Scherzhaft fragt der Autor nach dem Lebenslauf eines gewissen Andrea Barca- doch der Leser weiß natürlich längst, dass es sich dabei um ein Kammermusikensemble, von ihm unter seinem italienisierten Namen gegründet, handelt, und so lernt er András Schiff auch von der humorvollen Seite nach so vielen anderen kennen, und danach auch noch als Praktiker, wenn es darum geht, wann und wie viele Zugaben man zugestehen solle.

Bärenreiter/Henschel 2017 255 Seiten

ISBN 978 3 7618 2287 6 (Bärenreiter)

Ingrid Wanja

 

 

Thomas Ulrich

Stockhausens Zyklus LICHT

„Der Kerl hatte doch einen an der Klatsche.“ Natürlich war und ist es immer leicht gewesen, Karlheinz Stockhausen eine Meise im Oberstübchen zu attestieren, wie es der Rezensent erst kürzlich wieder aus dem Mund eines Opernfreundes vernahm. Auf der anderen Seite fanden und finden sich immer wieder Verehrer, die in gleicher radikaler Weise die Kunst des Komponisten für unantastbar und ihn selbst für einen spirituellen Großmeister hielten und halten. Für beide Positionen finden sich – je nach natürlich subjektiver Weltanschauung - Anhaltspunkte in der Biographie, im Werk und im Denken (und es ist ein Denken) des Musikers, der tatsächlich zu den wichtigsten Neutönern des 20. Jahrhunderts gehört. Von seinem Ruhm zeugt nicht zuletzt sein Porträt auf dem Cover einer legendären Beatles-LP, was als Anekdote betrachtet werden könnte, hätte Stockhausen nicht bis dicht vor seinem Tod am umfangreichsten vorliegenden Musiktheaterstück gearbeitet, gegen den der Ring des Nibelungen, rein zeitlich betrachtet, mit der halben Spieldauer geradezu schwach wirkt.

Dass Stockhausen, bei allen esoterischen Idealismen, weder kompositorisch noch geistig einen „an der Klatsche“ hatte, belegt nun ein außerordentliches Buch über den außerordentlichen, bekanntlich aus sieben Stücken bestehenden Licht-Zyklus. Es ist dies die erste Monographie, die dem gesamten Zyklus gewidmet wurde, und es ist das mit nicht weniger als 480 Seiten umfangreichste und gründlichste Buch zum Zyklus. Der Autor Thomas Ulrich gehört zu jenen Apologeten, die Stockhausen in jedem Falle folgen. Er tut dies aus einer theologischen Position heraus, die die Lektüre so spannend, gelegentlich so beglückend wie schwierig machen. Er schreibt über die sieben Werke, die der Autor als „Opern“ bezeichnet, obwohl er immer wieder darauf hinzuweisen scheint, dass der neutrale Begriff „Musiktheater“ für die Charakterisierung geeigneter wäre, dezidiert als evangelischer Theologe, der freilich, wie der Waschzettel verkündet, sich „als Autor und Organisator bereits langjährig mit Neuer Musik, u.a. als Dramaturg zweier Stockhausen-Produktionen beschäftigt“ hat. Der Anklage einer „ideologischen Fatalität einer messianischen Selbstüberhebung“, wie Gerhard R. Koch anlässlich der Uraufführung von „Donnerstag aus LICHT“ schrieb, setzt er eine (sprachlich relativ einfache wie angenehm zu lesende) Erläuterung des gesamten Zyklus entgegen, die die Theologie, die Kompositionstechnik und die Intentionen Stockhausens, soweit sie sich aus dem Libretto und den Eigenaussagen des Dichterkomponisten erschließen lassen, ineins setzt. Skeptiker seien gewarnt: wer nicht an etwas glaubt, das traditionell mit dem Begriff „Gott“ belegt wird, wird Ulrich mitunter nicht folgen wollen – doch wer die Ideen Stockhausens und die so simpel gestrickten wie gleichzeitig komplexen Teile des Zyklus' zunächst einmal verstehen will, erhält ein Vademecum in die Hand, das Lust macht auf die nächste Aufführung eines Teils von Licht. Trockenübungen und -Lektüren wie diese können allerdings „nur“ vorbereitenden Charakter haben. Mehr kann und muss ein „Opernführer“ nicht leisten; dem Leser sei daher empfohlen, mit Hilfe von Youtube jene 27 der insgesamt 29 Stunden zu hören, gelegentlich auch zu sehen, die das Kunstwerk erst anschaulich machen. Ohne die Lektüre sind allerdings jene 27 Stunden tatsächlich kaum verständlich. Wer sich allein mit den Werkartikeln in Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters die dramaturgische und musikalische Struktur der seinerzeit vorliegenden fünf Teile vergegenwärtigen will, kommt schnell an Grenzen, die der vorliegende Opernführer gewaltig erweitert. Der Rezensent hat sich übrigens dafür entschieden, die Interpretation der einzelnen Tage in ihrem natürlichen Wochenverlauf von Montag bis Sonntag zu lesen, aber auch andere Abfolgen – zunächst die der Entstehungszeiten der einzelnen Teile, wie sie Ulrich mit guten Gründen aneinanderreiht – wäre möglich.

Ulrich bietet zunächst einen Überblick über die Grundlagen des Zyklus, bevor er, in der Abfolge der Komposition der einzelnen Teile, die Tage selbst präzis und ausführlich erläutert. Für Librettoforscher interessant ist der Verweis auf die Beziehung zwischen Text und Musik, die bei Stockhausen keinen traditionellen Mustern folgt. Da die „Superformel“, die aus den Formeln der drei zugleich allegorischen und realistischen Protagonisten Michael, Eva und Luzifer besteht, die gesamte Komposition (mit allerdings bedeutenden Ausnahmen wie dem 1. Akt von Dienstag: Jahreslauf) bestimmt, wird die geistige Deutung aus der Musik heraus geradezu provoziert. Stockhausen verwendet seine Formeln bzw. Fragmente jener durch Intervalle, Pausen und Verläufe sehr genau konzipierten Formeln, die er in einzelne Tagessegmente aufgeteilt hat, gleichsam als Leitmotive; zumindest begegnen gelegentlich Varianten von Formelsegmenten, die den umstrittenen Terminus legitimieren. Unabhängig davon, ob der Leser und/oder Hörer „geistige Kräfte“ in Stockhausens Musik und der differenzierten Verwendung seiner Formeln zu erspüren vermag, bleibt als Grundlage der Deutung die These haften, dass die Musik bei Stockhausen stets die absolute Grundlage der Bedeutung jener „geistigen Inhalte“ ist, daher auch „Opernhaftes“ nur sehr selten – wie im Donnerstag – auf die allegorische Bühne des Neuen Geistlichen Musikdramas kommt. Was auf den ersten Blick trivial klingt, weil Musik stets die Intentionen einer musikdramatischen Handlung dominiert, wird bei Ulrich zum Spezifikum des Zyklus: „Das, was auf der Bühne erscheint, ist nicht für sich die Hauptsache – darin zeigt sich bloß, worum es eigentlich geht: die musikalischen Formeln“ (S. 40). Der Text dominiert nur selten die Struktur einer Szene: so etwa in der Vision-Szene des dritten Donnerstag-Akts.

Tatsächlich zeigt sich bei Stockhausen, mehr noch bei seinem Analytiker, ein eigentümliches Spannungsverhältnis zwischen Musik und Text, Formelkonstruktion und Handlung. So wie die drei Protagonisten zugleich geistige Prinzipien und real handelnde Personen repräsentieren, changiert Stockhausens Musikdramaturgie zwischen größter Anschaulichkeit und kühlster Abstraktion. Dass die 29 Stunden, rein musikalisch betrachtet, nicht auseinander brechen, liegt, so betrachtet, auch an ihrer Vielgestaltigkeit. Ulrich beschreibt sehr genau, wie die einzelnen Akte, Szenen und Ensembles formelmäßig und klanglich zwischen den einzelnen rituellen „Grüßen“ und den sehr vielgestaltigen „Abschieden“ mit Stockhausens spezifischem „Orchester“, reinen Synthesizer-Verläufen, kammermusikalischen Gustostücken, reinen Chorstücken, Klavierwerken, solistischen Bläsernummern, vergleichsweise traditionellem Orchester und Fanfaren organisiert sind. Er deutet die Komplexität der einzelnen Tage nach ihrem übergeordneten Gehalt (der Mittwoch ist beispielsweise, als Merkur-Tag, der Tag der Luft) und ihren besonderen Szenen (das umstrittene wie beliebte wie äußerst exzentrische Helikopter-Quartett hat, als Luft-Musik interpretiert, natürlich seinen völlig logischen Platz im Mittwoch-Segment des Licht-Zyklus). Ulrich räumt übrigens ein, dass er vielleicht gelegentlich zu viel des Guten bei der Integration und Interpretation einzelner Momente des Zyklus in einen übergeordneten Zusammenhang tut – und er weist immer wieder darauf hin, dass es in dieser kosmologisch und „göttlich“ ausgerichteten Musik auch spielerische und improvisatorische Elemente gibt. Tatsächlich gelingt es ihm, dem Werk in seinen Spaltungen zwischen Radikalität und Ridikülität, Intuition und Infantilismus, Philosophie und Spekulation, Größe und Grausen, inhaltlich nah zu kommen. Für orthodoxe Librettoforscher stellt Stockhausens Großwerk ein (reizvolles) Problem dar, da die musikalischen Formeln Sprachcharakter annehmen und ein ganzer Akt auch mal nicht gesungen werden kann; das Trompetenkonzert von Michaels Reise um die Erde bringt beispielsweise den ganzen möglichen Inhalt dieser realen wie spirituellen Weltreise auf den textlosen Punkt.

Ulrich aber, und dies wird bleiben, hat einen beispiellosen und beispiellos genauen Durchgang durch den inkommensurablen Zyklus vorgelegt, der – mit allen skeptischen Vorbehalten gegen das Gottesbild Stockhausens und Ulrichs – über die wesentlichen Eigenheiten des samt Düften und Gesten und Tanzschritte und Farben und Klängen gesamtkunstwerklich durchstrukturierten, damit auf die Klassische Moderne sich beziehenden Werks unterrichtet, ohne im musikalischen Bereich das Niveau zu unterschreiten. Für den Atheisten und Agnostiker bleibt immerhin – es ist wahrlich nicht wenig – die Erkenntnis, dass Stockhausen mit komplexen, übrigens auch mit humoristischen Mitteln, allgemeingültige Belange aller Menschen auf die Bühne gebracht hat: die Auseinandersetzungen zwischen den Gewalten Michael, Eva und Luzifer bezeichnen Grundkonflikte, denen sich bislang jeder Mensch auf dieser Welt ausgesetzt sah. Auch in dieser Hinsicht ist Ulrichs Opus magnum wertvoll: weil es das Bleibende von Stockhausens Weltsicht – immer mit dem Blick auf das besondere Verhältnis von Musik, Handlung, Text und möglicher Intention des Autors - klar genug herausarbeitet. Vielleicht war ja Stockhausens gewiss eigentümliche Welt- und Eigensicht erst die Voraussetzung dafür, dass es ihm gelungen ist, zugleich ein wabernd subjektives, mit biographischen Elementen angereichertes Musikdrama über die „göttliche“ Aufgabe des Musikers und ein objektiv interessantes Musiktheater zu konzipieren, dem mit dem Wort von der „Klatsche“ denn doch nicht beizukommen ist. Ob die zuweilen anstrengende, zuweilen schöne, zuweilen vertrackt-interessante Musik nun jedermann gefällt oder nicht: dies ist unwichtiger als die Frage, wann der Zyklus endlich in Gänze auf die Bühne gebracht wird. Erst dann nämlich wird man die Relevanz des Werks des Dichterkomponisten Karlheinz Stockhausen (vielleicht) beantworten können.

P.s. Im Juni 2016 erlebte Donnerstag im Theater Basel seine dortige Erstaufführung. Die Produktion fand nicht die Zustimmung der Stockhausen-Nachlassverwalter, weil sie die szenischen und damit inhaltlichen Vorgaben des Schöpfers teilweise ignoriert hat. Der Streit lässt ahnen, dass die Frage, wie mit dem Werk real zu verfahren sei, auch die Intentionen Stockhausens berührt, der sich hierzu nicht mehr melden kann: Wie viel Freiheit verträgt ein Kunstwerk, das im Zeichen der Versöhnung zwischen den Konfliktparteien - des himmlischen (Musikers!) Michael, der lebengebärenden Eva und des kriegerischen Luzifer – ein Modell von Weltfrieden entworfen hat?

481 Seiten, 42 Abbildungen. Böhlau Verlag, 2017.

Frank Piontek

 

 

Sabine Henze-Döring & Sieghart Döring

OPER - DIE 101 WICHTIGSTEN FRAGEN

Umfassende Information auf kleinem Raum

Vor allem der Opernneulinge hat sich das Ehepaar Sabine Henze-Döhring und Sieghart Döhring mit seinem Buch Oper- Die 101 wichtigsten Fragen angenommen, aber auch dem „Kenner“ wird allerlei Interessantes, was er noch nicht wusste, angeboten. Ca. 140 Seiten nehmen die Antworten auf die 101 Fragen ein, und das bedeutet Artikel von durchschnittlich jeweils eineinhalb Seiten, was erfreulich knapp ist und zugleich erstaunlich viel bietet, da Ausschweifendes vermieden und damit kein Opernanfänger verschreckt wird. Allerdings heißt Oper nun einmal auch Sehen und vor allem Hören, und deshalb wäre eine CD mit Tonbeispielen sehr hilfreich gewesen, und die wenigen kleinen Fotos, oft nur vom Format einer Briefmarke, sind nicht sehr anregend.

Ansonsten aber ist an dem Buch nichts auszusetzen, m Gegenteil, selten findet man auf so geringem Raum so viele Informationen, die zudem noch so gut verständlich dargeboten werden. Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, wobei sich das erste „Basisfragen“ nennt und sich mit Fragen wie „Wann, wo und wie wurde die Oper erfunden?“ bis hin zu „Sind Opern elitär“ befasst. Es geht danach um „Erscheinungsbild-Erscheinungsform“ mit Fragen zum Beispiel „Was ist ein Libretto“ oder „Was ist ein Musikdrama“, um Stoffe und Handlungen, Meisterwerke und Opernmeister, Sänger, Bühne, Medien Organisation und Finanzen und schließlich um das Publikum.

Besonders angenehm fallen die vom Autorenpaar gewählten Zitate auf, werden die Verdienste Wagners knapp, aber einleuchtend herausgestellt, das ewige Thema prima la musica, poi le parole in seinen Grundzügen behandelt, und natürlich werden dabei weder Salieri noch Richard Strauss vergessen. Das Verhältnis von Rezitativ und Arie, von Librettist und Komponist, von Hofoper und Bürgeroper werden nicht vergessen, auch die jeweilige Finanzierung findet den ihr gebührenden Platz. Die Oper als Prestigeobjekt, die Architektur der Opernhäuser, der Wandel von Sitz- und Kleiderordnung fehlen nicht, und nur zweimal runzelt man die Stirn, so beim Lesen von „Unterhaltsam erscheint die Oper auch durch die Musik“ und bei der Zuweisung von Mozarts Cherubino zu den Sopranen.

Die Operngattungen und deren Entstehung wie die Auflösung der Gattungen, die Entwicklung des Opernorchesters, der Begriff Partitur finden Beachtung, und vieles wird auch demjenigen neu sein, der sich bereits mit Oper beschäftigt hat, so der Unterschied zwischen Ouvertüre und Sinfonia, die Regelung des Opernwesens durch Napoleon im Jahre 1807.

Die beiden Verfasser stellen fest, dass Verdi und Wagner keine Antipoden sind, dass an der politischen Wirkung der Oper eher Zweifel anzumelden sind als an der auf das Gefühl des Zuhörers. Die Bedeutung von Kurt Weill für die Entwicklung der Gattung wird hervorgehoben, den Gründen für die Wirkung von Caruso und Callas nachgegangen und die einzelnen Stimmfächer dem Leser vorgestellt. Dass der Begriff „Regietheater“ heute „obsolet“ ist, mag man bezweifeln, weisen doch die Verfasser selbst auf die unrühmliche „Entführung aus dem Serail“ der Deutschen Oper Berlin in der vergangenen Spielzeit hin. Impresario und Agent, Claque und Buhrufer, selbst Tiere auf der Opernbühne finden Beachtung durch das Autorenpaar, und nach dem Lesen des Buches meint man nun wirklich fast alles über Oper zu wissen und nicht nur über die 101 wichtigsten Fragen unterrichtet worden zu sein. Wer nicht der Meinung ist, findet im Anhang weiterführende Literatur verzeichnet.  

C. H. Beck Verlag, 2017

ISBN 978 3 406 70667 7

Ingrid Wanja

 

SIEGFRIED WAGNER

Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste

Zur Ausstellung des Schwulenmuseums in Berlin über Siegfried Wagner, die vom 17.2. bis zum 26. 6. 2017 stattfindet, gibt es einen stattlichen Katalog von mehr als 200 Seiten, der, bei einem Schwulenmuseum nicht erstaunlich, sich in besonderem Maße der sexuellen Orientierung Siegfried Wagners widmet, aber auch allgemeineren Themen wie seinem Schaffen als Komponist, Regisseur und Dirigent und nicht zuletzt dem Festspielleiter seine Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt. Ganz auf der Höhe der Zeit zeigt man sich mit der Wendung an die lieben Leser_innen, manchem Liebhaber der deutschen Sprache bis heute ein Gräuel, und die Offenbarung, das Andersens Kleine Meerjungfrau ein verschlüsseltes Schwulenmärchen sei, ruft einiges Erstaunen hervor.

Die Tatsache, dass nach Siegfrieds Tod ein Teil seines (vielleicht kompromittierenden) Nachlasses vernichtet, ein weiterer von einem Zweig der Wagner-Familie noch immer unter Verschluss gehalten wird, zwingt dazu, wie im Katalog erwähnt, aus dem Fehlen bestimmter Zeugnisse den Forscher wie den Leser seine Schlüsse ziehen zu lassen.

In einem Artikel lüftet Peter P. Pahl das Geheimnis, wie der Titel von Ausstellung und Katalog, Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste, zustande kam. Er bezieht sich auf ein Zitat des berüchtigten Schwulenjägers der wilhelminischen Zeit, Maximilian Hardens, für die Eulenburg-Affäre verantwortlich und auch Siegfried Wagner im Visier habend. Hier und auch im folgenden Artikel von Kevin Clarke geht es, weil klare Beweise, abgesehen von den Reaktionen auf Erpresserbriefe, fehlen, mehr um das schwule Leben in Deutschland, ganz besonders in der Schwulenhochburg Berlin, wobei manchmal die Schlussfolgerungen recht kühn sind, wenn zum Beispiel bereits das Übernachten in Hotels an der Friedrichstraße als erwähnenswert angesehen wird.

Generell scheinen einige Verfasser den Wunsch zu haben, dass Siegfrieds Homosexualität zum Dogma erhoben wird, nur ein Autor spricht von Bisexualität, die bei immerhin vier ehelichen und einem unehelichen Kind nicht auszuschließen sein dürfte. Mit zwei Kindern, darunter der Erbe von Bayreuth, dürfte das Soll erfüllt gewesen sein, und die Liebschaft ausgerechnet mit einer Pfarrersgattin spricht eigentlich auch nicht dafür, dass S.W. nur habe etwas „beweisen“ wollen. Da hätte es wohl weniger komplizierte Möglichkeiten gegeben.

In einem weiteren Beitrag schreibt Nikolai Enders über die Vorliebe von Homosexuellen für Richards Opern (was auch von Juden und Franzosen gesagt wird), über allerlei „Verdachtsmomente“ wie Nacktbaden (tat auch Goethe mit seinem Herzog), das Motiv der verbotenen Liebe in Siegfrieds Opern (wie in unzähligen anderen Opern)- und verband Orest und Pylades eine schwule Liebe? Es dürfte kaum jemand bezweifeln, dass S.W. schwul, zumindest bisexuell war, aber manche „Beweise“ fordern doch zum Widerspruch heraus.

Da überzeugt schon eher ein Brief an den jungen Freund Werner Franz in Peter P. Pahls Aufsatz „Briefe an einen jungen Lover“.

Sehr aufschlussreich ist Sven Friedrichs Artikel über S.W. als Festspielleiter, den Zwang zur Ahnenpflege, die Erziehung nur durch Frauen, den Einfluss Humperdincks oder die vorsichtigen ästhetischen Neuerungen nach dem 1. Weltkrieg., die drei Phasen der Festspielleitung, darunter die Abkehr vom historischen Naturalismus. Immer wieder wird der Erwartungsdruck erwähnt, der auf dem Erben lastet. Erwähnt werden auch Hitlers Besuch 1923 und das Bedauern der Wagner-Familie über das Scheitern des Putsches in München.

Dem Komponisten S.W. , dem „Verdikt des Epigonentums“, wendet sich Eckart Kröplin zu, der Hinwendung zur Spieloper, dem abnehmenden Erfolg seiner zahlreichen Opern nach dem Bärenhäuter, dem Verdienst Peter P.Pachels, der zahlreiche Uraufführungen in unserer Zeit ermöglichte. Der Autor weist nach, dass es sich nicht um Märchenopern, sondern um doppelsinnige Zeitkritik bei S.s Werken handelt, dass eines ihrer hervorstechendsten Merkmale die zahlreichen Synästhesien sind, was an vielen überzeugenden Beispielen demonstriert wird.

Zurück zur Homosexualität geht es wieder mit Clarkes „Das queere diskographische Vermächtnis“ mit der Auflistung zahlreicher Sängernamen, wobei nähere Ausführungen zu Max Lorenz im Mittelpunkt stehen, aber auch ein Furunkel am After Erwähnung findet und Tannhäuser als Schwulenoper interpretiert wird. Es wird bedauert, dass Autoren und Verlage auch heute noch Siegfrieds Homosexualität totschweigen (aber vielleicht auch der Meinung sind, das sei genau so wenig erwähnenswert wie Heterosexualität). Und kann man mit Bestimmtheit behaupten, Tschaikowski sei zum Selbstmord gezwungen worden?

Es folgen noch Artikel über S.W. und Oscar Wilde, die sich allerdings nur einmal in London sahen, und über den „Dandy“ S.W. welcher auf den beigefügten Fotos nicht unbedingt als solcher zu identifizieren ist, selbst wenn er den Spazierstock über der linken Schulter trug, und der Schwimmgürtel als „homosoziales Schwimmerlebnis“ gibt auch Rätsel auf.

Roland H. Dippel befasst sich mit der Frage, ob die Opernfiguren in S.s Werken „Lichtgestalten für Schwule“ seien und kann das wegen ihrer Zerrissenheit, die man aber auch bei anderen Opernfiguren der Zeit findet, bejahen. Achim Bahr schließlich will in einer Sessellehne (?) auf einem Bühnenbildfoto ein phallisches Symbol erkennen und im Regenbogen (damals noch nicht für Schwule stehend, wie er selbst bekennt) ebenfalls etwas dahin Deutendes. Überzeugender wirkt da schon der Vers

„Einmal mindest der Genuss, einmal eines Burschen Lieb‘ und Kuss? Schau! Das wäre das Paradies.“

2.Band der Neuen Schriftenreihe der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., 2017

ISBN 978 3 924522 69 8

Ingrid Wanja

 

 

Peter Brem

EIN LEBEN LANG ERSTE GEIGE

Eher ein Trachtenjanker als der feierliche Frack scheint zu dem freundlich-verschmitzt lächelnden Gesicht auf der Titelseite des Buches von Peter Brem, Ein Leben lang Erste Geige, zu passen, und so kontrastreich wie das Cover ist auch der Inhalt des Buches, das sich mit den höchsten und letzten Dingen der Musik in einer Art und Weise befasst, dass man es lesen kann wie einen spannenden Roman. 46 Jahre lang war der Münchner Mitglied der Berliner Philharmoniker, Teil einiger berühmter Kammerensembles und für einige Semester auch Lehrer an der Berliner Hochschule für Musik.

Wie ein Musikstück gegliedert ist die Autobiographie mit Kapiteln wie „Vorspiel“, „Auftakt“ oder „Punktierung“, nicht durchweg chronologisch aufgebaut, sondern dem Leser auch „Intermezzi“ anbietend und vor allem jedem, der eine Karriere als Musiker anstrebt, wertvolle Einsichten und Ratschläge vermittelnd. So mag es manchem Leser nicht schmecken, wenn er kategorisch erklärt: “Eine andere Methode funktioniert nicht“, und damit das kontinuierliche, von Vorlieben und Launen unabhängige ständige Üben und noch einmal Üben meint. Bei Brem führte das sogar so weit, dass er zunächst auf den Besuch des Gymnasiums verzichtete, um die Geige nicht zu kurz kommen zu lassen. Und seine Karriere wäre vielleicht anders verlaufen, wenn er sich nicht so vehement gegen ein Studium in der SU gewehrt hätte, denn an anderer Stelle stellt er fest, dass von dort vor allem zum Solisten ausgebildete, aber nicht Orchestermusiker kamen und kommen.

Höchst aufschlussreich ist der Bericht über das Vorspielen bei den Berlinern, deren besondere Organisationsform dem Leser ausführlich und nachvollziehbar geschildert wird, interessant sind die musikalischen Charakterbilder der Konzertmeister, so Michael Schwalbés, von Brandis, in dessen Quartett er jahrelang mitspielte, und von Spierer - Berliner Konzertbesuchern der letzten Jahrzehnte bestens bekannt. Brem scheut nicht vor gewagten Vergleichen zurück, wenn er schildert, dass ihm Karajan als Gott, Schwalbé als Petrus und der Rest des Orchesters als Engel vorkamen.

Der spezielle Klang der Berliner wird erwähnt, die Findung der Chefdirigenten Abbado und Rattle beschrieben und nicht nur deren spezielle Arbeitsweisen analysiert, sondern auch die von Maazel, Muti, Bernstein, Celibidache, Thielemann und vieler anderer Dirigenten, die mit dem Orchester arbeiteten. Dabei weist Brem mehrfach drauf hin, dass eigentlich bei der Wahl Abbados wie der Rattles eigentlich Daniel Barenboim sein Favorit war. Die Probenarbeit und Aufführungspraxis der drei Chefdirigenten, die er erlebte, wird miteinander verglichen, so die an Brahms‘ 3. Sinfonie. Ab und zu gibt es auch einen Einblick in Privates, so das gemeinsame Kind von Abbado und Mullova betreffend.

Als jahrelanger Geschäftsführer kann Brem natürlich auch über Nichtkünstlerisches berichten, so darüber, dass die Philharmoniker eigentlich, wer hätte das gedacht, zu schlecht bezahlt wurden oder dass es feine Unterschiede zwischen dem Berliner Philharmonischen Orchester und den Berliner Philharmonikern gibt. Besonders hervorgehoben wird die Jugendarbeit von Rattle, der der Verfasser zunächst recht skeptisch gegenüber stand, und ein leiser Tadel schwingt in der Feststellung mit, dass der britische Dirigent trotz angeblichen Thomas-Mann-Lesens im Original die Proben nie auf Deutsch stattfinden ließ. Er befasst sich auch aufschlussreich mit der Frage, was einen „Superdirigenten“ ausmache, schildert die Aktivitäten der Philharmoniker anlässlich des Mauerfalls und setzt sich mit den atmosphärischen Strömungen im Publikum der Philharmonie auseinander. Als Revolutionär zeigt er sich in der Zusammenarbeit seines Orchesters mit den Scorpions unter Klaus Meine (gegen Abbados Meinung dazu), ebenso in seiner Bejahung der Einrichtung der Digital Concert Hall, die weit weniger umstritten war.

Aber nicht nur musikalische Höhenflüge, sondern auch ganz „Gewöhnliches“ beschäftigt ihn, so die Hustengeräusche aus dem Publikum und die einheitliche Kleidung für nichtabendliche Auftritte, dunkelblaue Anzüge von Joop, die sich zu seinem Leidwesen bis heute bei den Damen im Orchester nicht durchsetzte.

Zu denken geben sollte manchem Musiker, wie strikt Brem persönliche Beziehungen zwischen z.B. Angehörigen eines Kammermusikensembles ablehnt, welche Schwierigkeiten die Aufführung von Opern, insbesondere des Rosenkavaliers, einem Orchester bereiten können. Nicht überraschend ist für den Leser, wie eng hingegen die Beziehung eines Musikers, vor allem eines Geigers zu seinem Instrument ist, und mit viel Anteilnahme wird er lesen, welche Bedeutung die vier Geigen Brems für ihren Besitzer hatten. Auch Niederlagen wie das vergebliche Bemühen um die Stelle des Konzertmeisters werden nicht verschwiegen, und manch kritischer Blick wird u.a. auf die Auswüchse des Artenschutzgesetzes geworfen, das die Mitnahme uralter Instrumente z.B. in die USA verhindert. So pessimistisch der Blick auf die Zukunft der zu zahlreichen Musikstudenten ausfällt, so optimistisch ist dieser, wenn der Verfasser auf seine nun nicht mehr beruflich, aber privat geübte Beschäftigung mit Musik richtet und damit den Leser in einer gar nicht pessimistischen Stimmung zurücklässt.

rororo 2016 / 260 Seiten / ISBN 978 3 499 63141 2

Ingrid Wanja

 

 

Peter Sommeregger

WIR KÜNSTLER SIND ANDERE NATUREN

Dem Sänger ficht die Nachwelt immerhin einige Kränze

„Ihr Ruhm wirkt bis heute nach“, behauptet der letzte Satz von Peter Sommereggers Buch „Wir Künstler sind andere Naturen“- Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems. Auch die meisten regelmäßigen Opernbesucher werden das nicht unterschreiben können, wohl aber nach Lesen des knappen Werks der Meinung sein, dass die Sängerin es zumindest verdient hat, dass an sie erinnert wird. Bereits 1903 wurden von ihrer Stimme Aufnahmen gemacht. Bei Youtube ist einiges von ihr zu hören, aber in so schlechter technischer Qualität, dass man sich kaum ein Bild von ihrer Stimme machen kann, die immerhin drei Strauss-Figuren, Chrysothemis, Marschallin und Zerbinetta, in Dresden und Stuttgart zum Leben erweckte. Darüber, auch über die Arbeit mit dem Komponisten, erfährt man wegen der prekären Quellenlage leider nur wenig.

Im Vorwort kommt es zu einem Rundumschlag gegen die heutige Gesangsausbildung, die den Schülern nicht einmal zur korrekten Ausübung des Trillers verhilft, gegen den Verzicht auf Ensembles an den Opernbühnen und das allein dem Profit verpflichtete Wirken der Sängeragenten. Der Beweis für eine andere Behauptung folgt dieser allerdings auf dem Fuße mit den zahlreichen Veröffentlichungen von Kritiken, die Sommeregger zu der Behauptung berechtigen, es handle sich um einen „Ausflug in eine verlorene Sprache, die Gesangskunst auch noch verbal zu würdigen wusste“. Von diesen Zeitungsausschnitten macht das Buch auch deswegen häufigen Gebrauch, weil andere Zeugnisse von Leben und Schaffen der Sängerin, die in Breslau geboren wurde und vor allem in Prag und Dresden künstlerisch tätig war, aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr verfügbar waren. Heutige Kritiken, die die Regie in den Mittelpunkt stellen und Sänger nur noch, wenn überhaupt, pauschal beurteilen, sind damit allerdings nicht zu vergleichen.

Aus dem Vergessensein geholt wird auch die Lehrerin von Siems, Aglaja Orgeni, eine Schülerin ihrerseits von Pauline Garcia Viardot, und erstaunlich, aber für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich ist, dass Margarethe Siems bereits mit 22 Jahren und nach nur dreijähriger Ausbildung debütierte, dass sie acht Rollendebüts in acht Monaten schaffte und fast zeitgleich Lucia und Waltraute, Waldvogel und Carmen sang. So bekommt der Leser mehr noch als Informationen über die Siems solche über damalige Gepflogenheiten an Opernhäusern vermittelt. Wertvoll sind auch die knappen Hinweise auf das Opernleben in den Städten, in denen die Siems wirkte, also in Prag mit seinen drei Häusern oder in Dresden, wo sie zur Hofopernsängerin, später Kammersängerin ernannt wurde.

Neidisch werden können heutige Sänger bei der Aufzählung der Präsente, die Margarethe Siems bei ihrem Abschied aus Prag gemacht wurden, nicht nur offensichtlich herrliche Blumengestecke, sondern auch Juwelen. Froh können sie sein, sollten sie homophobe Neigungen haben, denn der Siems war es wegen der damaligen Prüderie erst nach der Künstlerkarriere vergönnt, relativ offen eine lesbische Beziehung zu führen. Und schaudern kann es den Leser, wenn er vernimmt, dass Mozarts Musik zu „Così fan tutte“ zum Text der moralisch einwandfreieren „Dame Kobold“ gespielt wurde. So erfährt man trotz schwieriger Quellenlage doch einiges über die Sängerin, mehr noch über die Zeit, in der sie lebte, so auch über die Oper in schwierigen Zeiten, so den beiden Weltkriegen.

Relativ früh, auch weil sie zunehmend korpulent wurde, wird aus der Sängerin eine Gesangslehrerin, und Sigrid Onegin, eine ihrer Schülerinnen, berichtet darüber nicht ohne Humor.

Einige Briefe, so an die Familie Richard Strauss und an ihre Geliebte, sind in dem Buch abgedruckt; ob sie das gefreut hätte, weiß man natürlich nicht.   

Zwei Einwände sind zu machen: Das Foto mit ihrer Adoptivtochter zeigt nicht sie, sondern wohl ihre Mutter und Gounods Oper rangierte in Deutschland unter „Margarete“, nicht unter „Faust und Margarete“. 

Eine Bibliographie und ein Namensregister beschließen die 164 Seiten. 

2016 Seifert Verlag Wien

ISBN 978 3 902924 64 3

Ingrid Wanja

 

 

 

Peter Matic

ICH SAG´S HALT

So aufschlußreich wie sympathisch

„Ihr Ruhm wirkt bis heute nach“, behauptet der letzte Satz von Peter Sommereggers Buch „Wir Künstler sind andere Naturen“- Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems. Auch die meisten regelmäßigen Opernbesucher werden das nicht unterschreiben können, wohl aber nach Lesen des knappen Werks der Meinung sein, dass die Sängerin es zumindest verdient hat, dass an sie erinnert wird. Bereits 1903 wurden von ihrer Stimme Aufnahmen gemacht. Bei Youtube ist einiges von ihr zu hören, aber in so schlechter technischer Qualität, dass man sich kaum ein Bild von ihrer Stimme machen kann, die immerhin drei Strauss-Figuren, Chrysothemis, Marschallin und Zerbinetta, in Dresden und Stuttgart zum Leben erweckte. Darüber, auch über die Arbeit mit dem Komponisten, erfährt man wegen der prekären Quellenlage leider nur wenig.

Im Vorwort kommt es zu einem Rundumschlag gegen die heutige Gesangsausbildung, die den Schülern nicht einmal zur korrekten Ausübung des Trillers verhilft, gegen den Verzicht auf Ensembles an den Opernbühnen und das allein dem Profit verpflichtete Wirken der Sängeragenten. Der Beweis für eine andere Behauptung folgt dieser allerdings auf dem Fuße mit den zahlreichen Veröffentlichungen von Kritiken, die Sommeregger zu der Behauptung berechtigen, es handle sich um einen „Ausflug in eine verlorene Sprache, die Gesangskunst auch noch verbal zu würdigen wusste“. Von diesen Zeitungsausschnitten macht das Buch auch deswegen häufigen Gebrauch, weil andere Zeugnisse von Leben und Schaffen der Sängerin, die in Breslau geboren wurde und vor allem in Prag und Dresden künstlerisch tätig war, aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr verfügbar waren. Heutige Kritiken, die die Regie in den Mittelpunkt stellen und Sänger nur noch, wenn überhaupt, pauschal beurteilen, sind damit allerdings nicht zu vergleichen.

Aus dem Vergessensein geholt wird auch die Lehrerin von Siems, Aglaja Orgeni, eine Schülerin ihrerseits von Pauline Garcia Viardot, und erstaunlich, aber für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich ist, dass Margarethe Siems bereits mit 22 Jahren und nach nur dreijähriger Ausbildung debütierte, dass sie acht Rollendebüts in acht Monaten schaffte und fast zeitgleich Lucia und Waltraute, Waldvogel und Carmen sang. So bekommt der Leser mehr noch als Informationen über die Siems solche über damalige Gepflogenheiten an Opernhäusern vermittelt. Wertvoll sind auch die knappen Hinweise auf das Opernleben in den Städten, in denen die Siems wirkte, also in Prag mit seinen drei Häusern oder in Dresden, wo sie zur Hofopernsängerin, später Kammersängerin ernannt wurde.

Neidisch werden können heutige Sänger bei der Aufzählung der Präsente, die Margarethe Siems bei ihrem Abschied aus Prag gemacht wurden, nicht nur offensichtlich herrliche Blumengestecke, sondern auch Juwelen. Froh können sie sein, sollten sie homophobe Neigungen haben, denn der Siems war es wegen der damaligen Prüderie erst nach der Künstlerkarriere vergönnt, relativ offen eine lesbische Beziehung zu führen. Und schaudern kann es den Leser, wenn er vernimmt, dass Mozarts Musik zu „Così fan tutte“ zum Text der moralisch einwandfreieren „Dame Kobold“ gespielt wurde. So erfährt man trotz schwieriger Quellenlage doch einiges über die Sängerin, mehr noch über die Zeit, in der sie lebte, so auch über die Oper in schwierigen Zeiten, so den beiden Weltkriegen.

Relativ früh, auch weil sie zunehmend korpulent wurde, wird aus der Sängerin eine Gesangslehrerin, und Sigrid Onegin, eine ihrer Schülerinnen, berichtet darüber nicht ohne Humor.

Einige Briefe, so an die Familie Richard Strauss und an ihre Geliebte, sind in dem Buch abgedruckt; ob sie das gefreut hätte, weiß man natürlich nicht.   

Zwei Einwände sind zu machen: Das Foto mit ihrer Adoptivtochter zeigt nicht sie, sondern wohl ihre Mutter und Gounods Oper rangierte in Deutschland unter „Margarete“, nicht unter „Faust und Margarete“. 

Eine Bibliographie und ein Namensregister beschließen die 164 Seiten. 

2016 Seifert Verlag Wien

ISBN 978 3 902924 64 3

Ingrid Wanja

 

 

Erik Hoevels

DIE OPER AUF DEM PROKRUSTESBETT

Arme Oper !

Das mit Abstand Beste am Buch mit dem Titel Die Oper auf dem Prokrustesbett ist das Titelbild, das einen weiblichen Lohengrin in SS-Uniform und mit Laserschwert auf einem von einem erschöpften Schwan gezogenen Trabbi zeigt und auch sonst noch einige gern in modernen Opernproduktionen verwendete Utensilien wie Müllsack, Klorolle und an die Wand gekritzelte Slogans wie „Deutschland braucht Einwanderer“ oder“ Gegen Massentierhaltung“.

Enttäuscht wird man allerdings, wenn man Texte erwartet, die sich ausführlich und vielleicht sogar noch humorvoll mit den Umwandlungen befassen, die Regisseure heutzutage Opern angedeihen lassen, und die nach den Gründen dafür suchen, warum Regisseure einander zu übertrumpfen versuchen, was Unglaubwürdigkeit , Lächerlichkeit, Blasphemie oder sexuelle Freizügigkeit auf der Bühne angeht. Beispiele gibt es in Hülle und Fülle, und man könnte in der politischen Ausrichtung (meistens links), den persönlichen psychischen Problemen, dem Wunsch, das Publikum zu schockieren oder das Feuilleton für sich zu interessieren viele Motive für diesen Umgang mit den Werken der Opernliteratur suchen und würde fündig werden.

Richtig wird von den Verfassern Fritz Erik Hoevels, Peter Priskil und Ralph MacRae zwar erkannt, dass der Verzicht auf die Dimension des Historischen, die Aktualisierung, das Hauptmerkmal „moderner“ Regie ist, aber der Grund, warum das so ist, wird allein in dem Bestreben der Herrschenden gesehen, dem Opernbesucher weiszumachen, jedes Auflehnen gegen die herrschenden, natürlich schrecklichen Zustände sei zwecklos. Der „Haß des nachbürgerlichen US-abhängigen monopolistischen Staats“, das Wirken der „Lügenpresse“ sei schuld daran, dass „grobe und tagesbezogene Propagandafetzen“ dem Publikum um die Ohren gehauen würden.

Bei dem Hauptautoren Hoevels weiß man zunächst nicht, ob die Ablehnung der modernen Regie von rechts oder links kommt, wenn er sich zunächst zum Anwalt der Pegida-Demonstranten von Dresden macht, bald aber wird deutlich, dass alle drei Autoren, die DDR für „den besseren deutschen Staat“ halten und sie als vom schlechteren als „annektiert“ ansehen. 

Es geht in den einzelnen Kapiteln um Aufführungen von Mathis der Maler, Tosca, La Juive, Iwan Sussanin und Der feurige Engel, aber der größte Anteil des Textes befasst sich weniger mit den Werken oder ihrer jeweiligen Aufführung, sondern ist ein Gift- und Gallespeien gegen unsere Gesellschaft. Auffallend ist die Inkonsequenz, wenn einerseits gegen jede Verlegung der Handlung in eine andere als die vom Libretto festgelegte Zeit aufs schärfste verdammt wird, aber die Verfasser selbst die Bauern im Mathis mit der KPD vergleichen oder eine Verlegung von Iwan Sussanin in den russischen Bürgerkrieg nach 1918 geradezu gefordert, die in den Zweiten Weltkrieg jedoch verdammt wird. Dazu kommen als unangenehme Begleiterscheinung Kraftausdrücke aus der Fäkalsprache und machen die Argumentation nicht überzeugender.

Besonders abgesehen hat man es auf den Regisseur David Pountney, dessen Namen nicht genannt wird, aber erschlossen werden kann, und seine Tosca in Bregenz und La Juive in Zürich, wo die Dreyfus-Affäre anstelle des ausgehenden Mittelalters auf die Bühne gebracht wurde, was zur Benennung des Regisseurs als „umtriebiger Propagandist des klerikal verseuchten Neo-Byzantismus“ führt. Und was hat es noch mit Oper zu tun, wenn über den „Viagra-befeuerten libyschen Massenvergewaltiger“ geschimpft wird.

Auch Wels und seine Wagner-Aufführungen kommen nicht ungeschoren davon, weil zu „zahm“ und keine Kampfansage gegen die „Verhunzer“. Und die Verwendung der Originalsprache schließlich wird angeblich als Mittel dazu benutzt, das Publikum im Unklaren über den Gehalt der Oper zu lassen.

Kurz und gut: Selbst wer es bedauert, dass Opernaufführungen heutzutage sehr oft die historische Dimension fehlt, Aktualisierungen und damit oft verbundene Semplifizierungen das Publikum für dumm verkaufen und manche Werke zur Karikatur ihrer selbst werden lassen, möchte sich wohl kaum jemand auf eine Stufe mit diesen Autoren stellen, denen es offensichtlich eher um die Verbreitung abstruser politischer Ideen als um die Oper geht.

ISBN 978 3 89484 832 3

Ingrid Wanja

 

 

Otto Schenk

ICH KANN´S NICHT LASSEN

Weiter so !

„Ich bleib noch ein bissl“- Flüssiges und Überflüssiges hieß das vorläufig vorletzte Buch von Otto Schenk, nun hat er mit 86 Jahren sein vorläufig letztes auf den Markt gebracht, und es heißt beinahe schon entschuldigend „Ich kann’s nicht lassen“- Rührendes und Gerührtes“, schon im Titel den Sinn für Ironie und Zweideutigkeit unter Beweis stellend, die Formulierungssucht, als Alterserscheinung klassifizierend. Der Anhang zählt noch einmal die unerhört große Zahl von Schauspielrollen, die Regiearbeiten, die Schauspiel und Oper umfassten, auf, und in der im Buch abgedruckten Laudatio von Michael Niavarani zur Verleihung der Platin-Romy wird besonders betont, dass die Met ihn siebzehnmal nach New York rief, damit er dort vorwiegend Wagner, so auch den Ring, inszenierte.

Beim Lesen der vielen kurzen Kapitel des neuen Buches, die teilweise nur wenige Zeilen, teilweise mehrere Seiten umfassen, meint man den Meister der geschliffenen Worte quasi vor sich auf der Bühne stehen zu sehen. Kleine Episoden oder Betrachtungen allgemeiner oder spezieller Art, sogar einzelne Witze sind durchweg unterhaltsam, angefangen vom widerspenstigen Kindegartenkind, über den Eislaufbegeisterten bis hin zum im Duett mit Niavarani Kabarett Machenden, deren Auftritte stets „auf Wochen im Voraus“ ausverkauft sind.

Viel Österreichisches wird wie immer bei Schenk vermittelt, seien es einzelne Ausdrücke, so auch für den Geschlechtsverkehr, seien es Einblicke in die Veränderungen, die ein Land oder eine Stadt wie Wien im Verlauf der letzten achtzig Jahre durchgemacht haben, einschließlich der oft zitierten Straßenbahn. Sogar eigentlich Unappetitliches, die Verdauung betreffend, wird in Schenks Darstellung lustig und damit akzeptabel. Für Schauspieler und Sänger dürfte das Buch eine nützliche Handreichung sein, wenn Fragen beantwortet werden wie die, wie man „Gerührtsein“ spielen könne. Nicht nur wenn als Zeuge der Freund Marcel Prawy zitiert wird, erkennt der Leser, dass heutige Regiearbeiten nicht den Beifall von Otto Schenk finden können, der noch 2014 an der Wiener Staatsoper „Das schlaue Füchslein“ inszenierte und von dem einige Produktionen vergangener Jahre noch heute das Publikum erfreuen. Schließlich hat kaum ein Zweiter so wie er erkannt, dass in der Oper vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist, und hat sich das für viele seiner Sketche zunutze gemacht.

Galgenhumor kennzeichnet Sätze wie „Früher ist man gestorben (zwischen 60 und 80), heute geht man halt ins Philharmonische“, bezogen auf das hohe Alter der Konzert- und Opernbesucher und daraus erwachsenen Gefahren für die Gattung. Sehr bildhaft und humorvoll äußert sich Schenk über die „Zwidrigkeit“ der Klassikhelden, über den Rückzug der Kultur aus den Fernsehprogrammen des ORF, die unterschiedliche Aufnahme von Kunst durch den Laien und den Kritiker, über jüdischen Humor, das Regieführen und vieles mehr, was mit Theater und Oper zu tun hat, nicht zuletzt die Wichtigkeit angemessener Schuhe auf der Bühne beachtend. Manchmal ist es nur ein Wort, so „ausdekoriert“ in Anlehnung an das schreckliche „austherapiert“, das aufmerken lässt und amüsiert, wenn er es dafür benützt mitzuteilen, dass er bereits sämtliche denkbaren Orden erhalten hat. Und er kann auch ganz ernst werden, wenn er über die Einsamkeit des Erfolgreichen berichtet. Zwar „ausdekoriert“, aber nicht „ausgequetscht“, was neue Ideen angeht, zeigt sich Otto Schenk, der, das würde man ihm zutrauen, bereits an einem neuen Buch schreiben wird.

Das jetzige Buch kann man sich auf den Nachttisch legen, vor dem Einschlafen ein paar Absätze daraus lesen und lächelnd einschlafen. 

255 Seiten Amalthea Verlag 2016

ISBN 978 3 99050 055 2

Ingrid Wanja

 

 

Clemens Unterreiner

EIN BARITON FÜR ALLE FÄLLE

Rückblick oder Werbung ?

Was veranlasst einen noch nicht einmal 40 jährigen Sänger, seine Biographie zu schreiben bzw. ( von Michaela Brenneis ) schreiben zu lassen? Im Falle des Baritons Clemens Unterreiter scheint es die Tatsache gewesen zu sein, dass er im Jahre 2015 auf zehn Jahre Mitgliedschaft zum Ensemble der Wiener Staatsoper zurückblicken konnte, ein Jubiläum, das er offensichtlich nicht hat unbemerkt von der Welt hat verstreichen lassen wollen. Davon zeugen die über das gesamte Buch verstreuten Glückwünsche anderer, berühmterer Sänger und Sängerinnen, die irgendwann einmal seinen Weg gekreuzt und sicherlich nicht in ihrem Kalender diesen Termin angestrichen hatten. Der Bariton selbst singt an der Staatsoper eher kleinere als mittlere Rollen, bei Festivals und anderen Veranstaltungen, die sämtlich als „renommiert“ apostrophiert werden, auch Partien wie Wolfram, Telramund oder Tonio. Und Agenten wie Opernhäuser werden aufmerken, wenn sie die Wünsche des Sängers, der sich für einen Kavaliers- und Heldenbariton hält, für die Zukunft zur Kenntnis nehmen: Wotan, Rigoletto, Scarpia, Rodrigo, Mandryka, Conte Almaviva. „Sie sind mit ihren Höhen und Tiefen genau mein Fach.“ Ehe es so weit ist, beteuert Unterreiner immer wieder, wie wichtig es ist, auch kleine Partien sehr ernst zu nehmen und ihnen alle Kraft und Aufmerksamkeit zu widmen.

Das Buch hat einige Schwächen, die es mit anderen teilt, so das vorgetäuschte Schreiben in der Ich-Form, das eigentlich (Eigenlob!) Bescheidenheit voraus setzt. Vom eigene „ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“ zu schwärmen oder „immer ein Liedchen auf den Lippen“ zu haben, klingt peinlich. Unangenehm berührt auch, dass seine „Höhepunkte“ in der Begegnung mit berühmten Sängern bestehen, angefangen von Eva Marton, die in derselben Straße in Wien wohnte, über Edita Gruberova, die sich für Hilfestellung beim Überklettern einer Barriere „mit keckem Lächeln“ bedankte, bis hin zu Natalie Dessay, die er in „Die Regimentstochter“ am Arm festhalten durfte.

Neben der Tätigkeit als Sänger, und die an der Wiener Staatsoper ist sicherlich eine höchst erstrebens- und achtenswerte, um die ihn viele Berufskollegen beneiden, widmet sich der Bariton noch vielem anderen, so der Veranstaltung eines Gesangswettbewerbs (Opera Mania), der augenblicklich aber wohl nicht stattfindet, einem Wohltätigkeitsverein, der Konzerte zugunsten Hilfsbedürftiger organisiert, dem Management, dem Vizevorsitz des Wiener Wagner-Vereins (wohl augenblicklich nicht mehr), auch mal der Veranstaltung „Wandern mit Clemens“ in Anlehnung an Hansi Hintermeier.

Die Kollegen, die nach Aussage Unterreiners kritisieren, er suche zu oft und gern die Präsenz in den Medien, dürfte das Buch ein weiterer Stein des Anstoßes sein und Stoff zu weiterem Lästern geben. Aber auch Nichtsänger stört vielleicht eine Aussage wie „Arzt oder Jurist kann man immer noch werden“ und das offensichtliche Gieren nach dem Titel „Kammersänger“ oder „Divo“, auch wenn entsprechende Episoden „humorvoll“ geschildert werden. Bemerkenswert ist immerhin, dass sich der Sänger, der mit fünf Jahren erblindete und erst allmählich das Augenlicht, wenn auch ein eingeschränktes, zurückgewann, durch keinerlei Rückschläge davon abbringen ließ, den Sängerberuf anzustreben , auch deswegen zehn Jahre lang als Statist an der Wiener Staatsoper tätig war, um seine Ausbildung zu finanzieren. Aber immer wieder stören längst bekannte Gemeinplätze über die Anforderungen des Sängerlebens und Aussagen wie „wenn man mich besetzt, wird die Vorstellung auch abseits der großen Arien der Hauptrollen keine schwachen Momente haben“, was allerdings auch dazu führen kann, dass man ihm vorwirft, in Nebenrollen „zu sehr aufzufallen“.

Wird der Bariton originell, dann oft auch anfechtbar, wenn er meint, wegen ihrer „wunderschönen Arien“ könne die Königin der Nacht doch gar nicht schlecht sein, was angesichts der Aufforderung an die Tochter zu morden, kaum nachzuvollziehen ist.

Insgesamt wird der Leser den Eindruck nicht los, dass das Buch weniger ein Rückblick auf eine große Karriere als eine Werbung dafür ist, dass dem Sänger bisher unerfüllt gebliebene Wünsche doch noch erfüllt werden, und dass es keinen Anhang mit Angaben über die bisherige Tätigkeit gibt, lässt den leser auch stutzig werden.

Amalthea Verlag 2016 / 250 Seiten

Ingrid Wanja

 

 

Teresa Hrdlicka

HUGO REICHENBERGER

Kapellmeister der Wiener Oper

Wahrscheinlich wäre es ihm eine Genugtuung gewesen, zu wissen, dass seine Enkelin einst ein Buch über ihn schreiben würde, das wissenschaftliches und Liebes-Werk zugleich ist, denn Hugo Reichenberger- Kapellmeister der Wiener Oper- fühlte sich zumindest in seinen letzten (zu Recht), aber auch den früheren Lebensjahren (teilweise zu Recht) ungerecht behandelt von seinem langjährigen Arbeitgeber, der Wiener Hof- und danach Staatsoper. Teresa Hrdlicka sah sich, so die Einleitung zu ihrem Buch, durch zweierlei Entdeckungen zum Schreiben veranlasst: die der handschriftlichen Eintragungen ihres Großvaters in das deutschsprachige Opernlibretto Max Brods von Janáčeks Jenufa und der des Skandals einer Liebschaft nicht ohne Folgen zwischen ihm und einer Primadonna, damals ein unerhörter Vorgang.

Die Autorin setzt einige Kenntnisse bei ihrem Leser voraus, wenn sie behauptet, ihr Großvater sei einer der letzten Kapellmeister überhaupt gewesen, ohne zu beschreiben, worin dessen besondere Qualitäten zu bestehen haben. Besser sind es um die Voraussetzungen für ein Verstehen des Buches bestellt, wenn von Hugo Reichenberger als einer Art musikalischem Wunderkind berichtet wird, das in zartem Alter bereits komponierte, mit siebzehn Jahren ein Schülerorchester leitete.

Das Buch zeichnet akribisch, durch viele Quellenzitate gestützt, die einzelnen Karrierestationen des Dirigenten nach von Bad Kissingen über Breslau (damals die drittgrößte Stadt Deutschlands), Aachen, Bremen und Stuttgart, wo die Liebschaft mit der Haussoubrette zur Entlassung führte. Viele Zitate aus Kritiken, Briefen und anderen Quellen sind nicht nur als Zeugnisse des Biographie eines Künstlers interessant, sondern mehr noch, weil sie viel über Zeit und Ort seines Wirkens verraten, so darüber, wie reich das Repertoire der damaligen Opernhäuser war und wie viele Uraufführungen man wagte. Auch Begriffe wie der des „Kavaliersintendanten“ werden dem Leser vertraut und die Tatsache, wie patriotisch, heute würde man es nationalistisch nennen, viele Juden wie Reichenberger fühlten, sichtlich stolz Uniform trugen, egal ob sie ihren Glauben beibehielten oder wie der Dirigent (aus Liebe zu seiner katholischen Frau) konvertierten.

Interessant ist Reichenberger für den heutigen Leser auch durch seine Nähe zu Richard Strauss und Gustav Mahler, durch die Gäste, die er nach den Stationen München und Frankfurt in Wien zu betreuen hatte, so Caruso, oder deren Ensemblemitglieder wie die Jeritza oder zeitweise Slezak. Das Ringen um die endgültige Fassung der Ariadne auf Naxos gehört zu den aufschlussreichsten Kapiteln des Buches, und wer wusste schon, dass die Ensemblemitglieder zur Traviata, damals als Violetta auf dem Spielplan, ihre eigenen Abendgarderoben mitbringen mussten. Zu den Aufgaben des Dirigenten gehörte auch die Beurteilung von neu eingereichten Opern, wobei sich Reichenberger in Bezug auf Puccinis Fanciulla ein krasses Fehlurteil leistete. Übrigens gab es bereits vor dem 1. Weltkrieg in Wien den Merker, aus dem die Verfasserin zitiert, ebenso aus den Artikeln von Julius Korngold, Vater des Komponisten, der Reichenberger nicht besonders wohlgesonnen war.

Die Entdeckung Janáčeks für Wien und die erfolgreiche Aufführung von Jenufa trotz der Spannungen zwischen Österreich und seinen von ihm abfallenden Satellitenstaaten in Wien sind Reichenberger tatsächlich hoch anzurechnen, und wichtig ist, was die Autorin darüber zu berichten weiß.

Das Buch gliedert sich im zweiten Teil nach den Intendanzen der Wiener Oper, von Weingarten bis 1911, danach Gregor bis 1918, Schalk/Strauss bis 1924, danach nur Schalk bis 1929 und schließlich Clemens Kraus bis 1934, Weingartner bis 1936. Durchgehend ist Reichenberger der übermäßig Beschäftigte, der immer willig Einspringende, der auf Proben verzichten Müssende, der im Februar 1935 erfährt, dass er pensioniert wird. Berührend ist sein Protestbrief dagegen, erstaunlich, dass er nach München, schließlich die „Hauptstadt der Bewegung“, zurückkehrt und auch in den kommenden Jahren wie zuvor nach Tegernsee, besonders judenfeindlich, in Urlaub fährt; beinahe schon für Erleichterung des Lesers sorgend, dass er vor der „Reichskristallnacht“ tot am Klavier zusammenbricht, Frau und Sohn den Krieg unbeschadet überstehen. Auch der Leser, der vielleicht zunächst distanziert an das Buch herangegangen ist, wurde inzwischen durch die Lektüre zum Anteilnehmenden am privaten wie beruflichen Geschick eines Künstlers, dessen Bedeutung sich durch dieses Buch erschließt.

Wien 2016 Edition Steinbauer / 264 Seiten

ISBN 978 3 902494 77 1

Ingrid Wanja

 

 

 

Marina Garaventa

UNA VITA DA TENORE

Biografia di Ottavio Garaventa

Schon vor Jahren munkelte man in italienischen Opernkreisen davon, die Tochter des Tenors Ottavio Garaventa habe einen Schlüsselroman über das Ambiente ihres Vaters geschrieben und jedermann forschte nach, ob er wohl darin vorkäme. Jetzt, zwei Jahre nach dem Tod des Fast-Genovesers, braucht niemand mehr zu rätseln, denn das neue, fünfte Buch von Marina Garaventa mit dem Titel „Una Vta di Tenore“ nennt die Personen beim richtigen Namen, sich selbst auch „Biografia“, und außer der Autorin haben in einem Vorwort und in einem Ricordo auch noch Roberto Iovino und Daniele Rubboli ihren Beitrag geleistet.  

Das Buch ist eingeteilt in Atti und Scene wie eine Oper, die Verfasserin schreibt nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person von sich selbst, so dass das Ganze doch rein formal wie ein Roman wirkt. Auch dass seine Tante, die Sängerin Rosetta Noli, bei seinem ersten Schrei gerufen haben soll:“ Tu diventerai un gran tenore“, hört sich eher wie der Beginn eines Romans als der eines Sachbuchs an.

In seinem Vorwort beklagt Roberto Iovino, wie schwer es heute Journalisten wie er haben, Artikel über klassische Musik in Tageszeitungen unterzubringen, was man als Leser des Corriere della Sera eigentlich nicht bestätigen kann. Er lobt die Bodenständigkeit seines Freundes Garaventa, dessen 80. Geburtstag nicht genügend gewürdigt wurde und der zu gut dafür war, eine erfolgreiche politische Karriere zu machen. Als Sänger hingegen gelang es ihm, zunächst als Bariton, später als Tenor den Concorso Aslico zweimal zu gewinnen, in Busseto der Beste von 380 Bewerbern um den Ersten Preis gewesen zu sein.

Vor dem Kapitel über Abschied und Tod gibt es den Ricordo von Daniele Rubboli, der gewohnt ausschweifend und –ufernd wenig zur Sache selbst kommt und den Leser mit Ermüdung straft.

Marina Garaventa, deren Überleben gleich nach ihrer Geburt bezweifelt wurde, die von klein an einem Syndrom litt, das es ihr nicht erlaubte, sich normal zu bewegen, und die inzwischen bettlägerig und auf eine Atemhilfe angewiesen ist, hat sich, das zeigt ihre Art des Schreibens, Humor und besonders ihren Sinn für Ironie bewahrt, was das Lesen ihres Buches sehr angenehm macht. Dabei umfasst die eigentliche Biographie 137 Seiten, die restlichen ca. 190 Seiten sind einem umfangreichen Anhang vorbehalten: den Kollegen, den Rollen als Bariton und als Tenor, den Debuts, der musica sacra, den CDs und DVDs, der Anwesenheit im Web und dem Namensregister.

Nicht nur die Karriere des Tenors bildet den Inhalt des Buches, man erfährt auch etwas über das Leben in Ligurien während des Krieges, den Kampf zwischen Partisanen und Mussolini-Anhängern, über das wirtschaftlich aufstrebende Nachkriegsitalien.

Wie viele Sänger seiner Zeit debütiert Garaventa in einer Wagnerpartie (Bruson mit Telramund und Vinco mit Klingsor), nämlich dem Heerrufer. In einer Vorstellung, in der er Rossinis Figaro singt, versagt ihm die Stimme, und es wird entdeckt, dass er eigentlich Tenor ist. Die Zeit des Umsattelns verbringt er als Kranführer im Hafen von Genua.

Das Bucht ist anekdotenreich, schildert die Sutherland von einer ganz neuen Seite, Corelli von der bekannten als Angsthasen vor dem Auftritt, die Rivalität mit Pavarotti und die fruchtbare Emilia, was das Hervorbringen von Tenören betrifft. Salvare la recita scheint eine Spezialität von Garaventa gewesen zu sein, davon werden viele auch komisch wirkende Beispiele genannt, sehr humorvoll wird die Staatsoper Wien als Ort staunenswerter Ordnung beschrieben. Erstaunt kann man darüber sein, dass Fabio Armiliato, gefördert von Garaventa, bei dessen Estate Sanvignonese den Capitano in Simon Boccanegra und den Wagner in Boitos Faust sang, Regie Ken Russel und nach seiner drogensüchtigen Mimi in Macerata ein weiterer Skandal. Auch aus der Arena di Verona gibt es Lustiges zu berichten, wenn Garaventa das Orchester rettet, indem er den falsch fallenden Kopf des Götzenbildes in Nabucco mit dem Fuß wieder in die richtige Bahn lenkt.

Übrigens staunt man, wie vielfältig das Repertoire in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Italien noch war, so sang Garvanta u.a. in Donizettis Il diluvio universale, in Catalanis Dejanice und in Mascagnis I Rantzau. In das Kapitel über den Tod des geliebten Vaters flicht Marina Garaventa die letzten Worte von Boitos Faust:“ Giunto sul passo estremo“- ein sehr bewegender Abschied.

ISBN 9788899137779

Ingrid Wanja

 

 

Elisabeth Heresch / Wilhelm Sinkovicz

DIE WELT DER RUSSISCHEN MUSIK

Plädoyer für die klassische, nicht nur die russische Musik

Der russische Dirigent Vladimir Fedojesev „entführt in die spannende Welt der russischen Musik“, wie die „Übersetzerin und Gestalterin“ Elisabeth Heresch dem Leser des Buches „Die Welt der russischen Musik“ in ihrem Vorwort vermittelt, aber mindestens ebenso interessant wie die Lebensbilder der einzelnen Komponisten und die Analyse ihrer Werke sind die Kapitel, die sich allgemeinen, über die russische Musik hinausgehenden Problemen widmen.

Da geht es um Interpretation, die nach Meinung des Dirigenten die Ausführung des Willens des Komponisten plus die Intuition des Interpreten sein sollte, die ihrerseits wieder von der Zeit, in der dieser lebt, geprägt sein wird. Es geht um das Problem der unterschiedlichen Fassungen eines Werks, insbesondere am Beispiel des Boris Godunov, den beiden von Musorgskij selbst stammenden und denen von Rimski-Korsakov und Schostakowitsch nachgewiesen, und um die Tatsache, dass ein Komponist nicht unbedingt ein guter Interpret seines Werkes sein muss, was ebenfalls mit Beispielen belegt wird. Beklagt wird das allmähliche Verschwinden der klassischen Musik aus dem gesellschaftlichen Leben, besonders des Russlands, seiner Amerikanisierung, der fehlende Musikunterricht, das Vorherrschen einer „Pop- und Eventkultur“. Diktatoren wie Stalin und Hitler wird zugute gehalten, dass sie trotz aller Repressalien doch für eine Blüte der Kultur in ihren Ländern sorgten. Die schwindende Bedeutung der Religion bedeutet nach Fedosejev auch einen Verlust an Kultur, „eine Verarmung der Seele“. Kritisiert werden die Vertreter der Hochkultur, die ihren Erfolg der Tatsache verdanken, dass sie sich „attraktiv (zu) präsentieren“ verstehen. Ob damit etwa ein deutscher Geiger und ein deutscher Tenor gemeint sind?

Sehr lesenswert ist auch das Kapitel über „das Wesen der russischen Musik“, nicht zu verwechseln mit „russischer Interpretation“, wie sie in der Stalinzeit und danach „schwermütig“ und „pompös“ auftrat oder auch sich schwerfällig und lautstark gab. Für den Dirigenten zeichnet sich russische Musik durch eine besondere Tiefe aus, hat „mehr Lyrik in der Seele“ als die anderer Völker. Auch das Einfühlungsvermögen in andere Stile, so des orientalischen, zählt der Autor zu den Besonderheiten russischer Musik, und das kann bis zur Selbstaufgabe führen. Die Weite des Landes bedingt auch weitgespannte Melodien, die gesellschaftliche Situation einen zum Zynismus neigenden Humor.

Neben den biographischen Skizzen der bekannteren Komponisten gibt es ein Kapitel über „verborgene Schätze“, zu denen der Verfasser Wladimir Rubin, Roman Ledenjow, Anton Wiskow und Alexej Rybnikow zählt. Auch die Emigranten dürften nicht vergessen werden.

Den Hauptteil des Buches nehmen die Ausführungen über die einzelnen Komponisten ein, angefangen mit Michail Glinka und endend mit Dmitrij Schostakowitsch. Dazwischen geht es um Dargomyschskij, Balakirew, Borodin, Swiridow, Tschaikowsky, Rubinstein, Musorgskij,, Rismskij-Korsakow, Glasunow und Strawinsky, Skjrabin, Rachmaninow und Prokofjew. Dabei werden Entstehungsgeschichte, Analyse, Interpreten, die von ganz besonderem Interesse sind, geschildert. Natürlich spielt „Das mächtige Häuflein“ eine große Rolle, auch der Kampf sowjetischer Komponisten um ihre Kunst, ihr Lavieren zwischen Gulag-Gefahr und Ehrung als einer Art Verdienter Komponist des Volkes. Eine Ehrenrettung der oft verpönten, weil zu populären Werke geschieht mit dem Hinweis, sie würden lediglich immer zu laut und zu schnell gespielt.

Den Leser entlässt das Buch mit einem sehr viel Mehr an Wissen, als er bisher sein Eigen nannte, und mit viel Nachdenklichkeit über die Zukunft der klassischen Musik, nicht nur der russischen.

192 Seiten, Edition Steinbauer

ISBN 978 3 902494 64 1

Ingrid Wanja

 

 

Ludvik Glazer Naudé

DIE ZAUBERFLÖTE

Ein Cappricio über Mozart Themen

Es gibt ein berühmtes wie amüsantes Aquarell, dessen Original lange Zeit im Schloss Tiefurt hing, also in unmittelbarer Nähe des Weimarer Musenhofes, an dem sich der Operndirektor und Librettist Johann Wolfgang von Goethe besonders um Mozart gekümmert hat. Dieses entzückende Aquarell zeigt eine Kostümprobe zur Zauberflöte, die 1794 im Weimarer Hoftheater auf die Bühne kam. Man sieht also die Knaben, die sich gerade die Gewänder der verschiedenen Tiere anpassen lassen, man sieht die drei Damen und den Mohren, man sieht den Sarastro und einige seiner Priesterkollegen. Von der Decke hängt der Vogelkäfig des Mannes, der, direkt unter dem Requisit, in die berühmte Flöte bläst.

Ein wenig erinnert diese durchaus realistische Ansicht einer Probensituation an ein Bild, das der Leser und Betrachter eines neuen Kinder- und Jugendbuchs zur Zauberflöte von 1791 entdecken kann. Wir schauen da in eine Theaterwerkstatt des Theaters auf der Wieden, in dem gerade das gewaltige Gewand der Königin der Nacht mit Hunderten von Glassteinchen bestickt wird. Monostatos' Kostüm hängt über einer Schneiderpuppe, zwei Männer bewegen die riesige Schlange mit Stangen, und in der hinteren Tür klettert gerade ein kleiner Schimpanse am Rahmen entlang. Zwei Giraffen und ein buntgefiederter Vogel ergänzen das Bestiarium, während vor dem Fenster ein weiterer bunter Vogel entlang fliegt.

So begegnen sich die Wirklichkeit und die Fantasie: in einem Kinder- und Jugendbuch des Genres „Opernbuch“. Ludvik Glazer-Naudés und Ingrid Leser-Matthesius' Zauberflöten-Buch ist, natürlich, nicht das erste Buch zu Mozarts Oper, denn keine Oper wurde so oft ins Kinder- und Jugendbuch transportiert wie diese. Im Unterschied aber zu den zahlreichen anderen, optisch meist sehr schön gestalteten Versionen, die seit Jahrzehnten auf dem Markt zu haben sind, hat die Nacherzählung dieser Oper eine Ouvertüre. Das Theater beginnt hier vor dem Theater. Soferl, die wir uns als sechs- bis siebenjähriges Mädchen vorstellen müssen, ist das Medium, durch deren Augen wir die Vorbereitungen zur Uraufführung und schließlich die Aufführung selbst betrachten. Die zufällige Begegnung mit dem Komponisten vor dem Freihaustheater verschafft ihr auch den Anblick des Vertreters einer Gattung, die in Opernbücher für Kinder und Jugendliche ansonsten (mit Ausnahme des vergleichslosen Richard Wagner) nicht die geringste Rolle spielt - aber auch hier markiert der Librettist als Darsteller der kindgerechtesten Rolle der Zauberflöte eine Ausnahme von der Regel. Wir sehen also Emanuel Schikaneder, der seinen Komponisten zwei Monate vor der Uraufführung auffordert, doch endlich „noch wichtige Teile der Musik“ zu schreiben. Auch so kann die Reflexion auf die bekannten Legenden der Produktionsgeschichte im Kinderbuch aussehen; nein, man benötigt nicht immer ein Zauberflötenhäuschen. Unter dem Arm trägt der Librettist indes bereits eine große Papierrolle, die den Papageno zeigt: es ist eines von vielen genau ausgemalten Details, die auf jeder Seite dieser etwas anderen Zauberflöten-Geschichte entdeckt werden können. Die Noten von „Das klinget so herrlich“, die am Ende auf dem Hammerklavier stehen, könnte man fehlerfrei nachspielen.

Anders sieht auch das Freihaustheater hier aus, das mit der historischen Topographie des gewaltigen Wiener Baukomplexes nichts gemein hat, sondern wie ein „normales“ kleines und freistehendes Theater des 18. Jahrhunderts anmutet. So erlaubt sich der Zeichner des feinen Strichs etliche Freiheiten, die nicht mit der Lupe der exakten Wissenschaft betrachtet werden dürfen. Es genügt, dass das Innere des Theaterraums mit seinen Rängen und Logen dem jugendlichen Betrachter einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck eines Theaterraums der Mozartzeit verschafft und der Blick in den Probenraum des Flötisten ein nichtauthentisches Jugendporträt Mozarts, eine der berühmten Kugeln und das frühe Bild der musizierenden Kleinfamilie enthält, dazu einen kleinen Hund, den man für Mozarts Zamperl halten könnte. So wird das Suchbild zu einem Cappriccio über Mozart-Themen, die das beliebte Thema „Mozart für Kinder“ in detaillierte Ansichten bringen.

Was der Leser und die jugendliche Leserin über Mozarts Oper lernen, geht indes nicht über eine Nacherzählung hinaus, die den bekanntlich kontrovers diskutierten Gehalt der Oper und die Definition von „gut“ und „böse“ nicht problematisiert. Sie soll und braucht es nicht – es genügt zunächst, dass mit Hilfe der Theateransichten die Fabel genau nacherzählt wird. Diese Ansichten sind paradox und ahistorisch, aber ästhetisch schön, indem sie - die überlieferten Abbildungen der ersten Zauberflöten-Aufführungen des späten 18. Jahrhunderts hinter sich lassend - zwischen der Ägyptenmode des 19. Jahrhunderts und, besonders in den Prüfungsbildern mit ihren schwebenden Gruselmasken und Fischen, einem sanften Surrealismus vermitteln. Gespiegelt werden diese Bühnenbilder in den kindlichen Augen und Ansichten der kleinen Uraufführungsbesucherin, die unversehens zu einem extrem guten Sichtplatz kommt. Das Nachspiel aber machen nicht der Untergang der dunklen Gewalten und die Feier des Hohen Paares, sondern der Besuch „Soferls“ in der Theatergarderobe, wo sie wieder auf Mozart, seinen Librettisten – und ein weiteres Wesen des Zauberflöten-Kosmos trifft.

Mag auch die Entstehungsgeschichte der Zauberflöte nur derart angerissen werden, dass es einen „anständigen“ Librettoforscher gruseln mag, so kann der Rezensent nicht verhehlen, dass er große Freude an dieser liebevollen Zauberflöten-Variation hatte, weil sie wenigstens ansatzweise mit liebe- wie fantasievollen Details in die Theaterwirklichkeit von 1791 ein- und entführt. Ein Kinderbuch, auch eines im Opernbereich, gehorcht anderen Regeln als eine wissenschaftliche Studie. Die Welt der Zauberflöte zwischen dem späten 18. Jahrhundert und der Ägyptenmode des Historismus, zwischen dem Probenalltag und der Aufführung mächtig und doch zart ins Bild gesetzt zu haben, ist eine sehr schöne Leistung. Ganz abgesehen davon, einmal einen echten Librettisten in einem Kinder- und Jugendbuch zu erblicken.

48 Seiten. Mit zahlreichen Bildern und einer Audio-CD mit 14 Stücken.

München: ars Edition 2014.

Frank Piontek, 13.3. 2016

 

 

Johann Hofer

CARL GOLDMARK

Interessant für Laien und Kenner

Deutschkreutz im Burgenland betrachtete der Komponist Carl Goldmark als seinen Heimatort, obwohl er in Keszthely geboren wurde, hier wurde 1980 der einzige Carl Goldmark Verein gegründet, und Johann Hofer, der Autor des Buches Carl Goldmark- Komponist der Ringstraßenzeit, stammt ebenfalls aus Deutschkreutz, welches leicht übertreibend als „jüdische Gemeinde“ bezeichnet wird. Aber immerhin war mehr als ein Drittel der Einwohner zu Goldmarks Zeiten jüdischer Abstammung

Da Carl Goldmark Sohn eines jüdischen Kantors war, erfährt der Leser viel über das Gemeindeleben dieser Bevölkerungsgruppe, u.a. auch, dass man als ihr Angehöriger das Wort „Kreuz“ nicht in den Mund nehmen durfte, dass ein Großteil der auch als Mäzene tätigen Mitglieder des Wiener Großbürgertums mosaischen Glaubens oder konvertiert zum Christentum war, dass viele Familienmitglieder, auch Geschwister Goldmarks auswanderten und bedeutende Karrieren auf vielen Gebieten machten, im Ausland die Karriere des Verwandten unterstützten.

Der Untertitel   „Komponist der Ringstraßenzeit“ mag den nicht österreichischen Leser zunächst befremden, für einen deutschen Komponisten wäre der eines „Komponisten der Gründerzeit“ wohl das Entsprechende, einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Blüte auch der Kultur durch die Sponsorentätigkeit eines reich gewordenen, selbstbewussten Bürgertums. Im Titel deutet sich an, dass der Autor über die sehr ausführliche Lebensbeschreibung- und die der Kompositionstätigkeit Goldmarks weit hinausgeht und ihn als Kind seiner Zeit und eines emanzipierten Judentums sieht, der seine ungarische Herkunft nie verleugnet, in Budapest besonders große Triumphe feiert, aber zugleich durch und durch Bürger des Vielvölkerstaat Österreich-Ungarns ist, von dem niemand ahnen kann, dass sein Untergang in wenigen Jahrzehnten bevorsteht. Inwieweit der Historismus, der die Architektur der Ringstraße mit ihren Prachtbauten wie dem Hotel „Imperial“ kennzeichnet, auch die Musik Goldmarks und seiner Zeitgenossen prägt, wird immer wieder bei der Analyse der einzelnen Werke erläutert, ebenso die Vorliebe für Orientalisches, insbesondere im Hauptwerk Goldmarks, „Die Königin von Saba“, präsent.

Das Buch wirkt lebendig durch die Vielzahl von ausführlichen Zitaten, seien es die Erinnerungen des Komponisten oder die seiner Verwandten und Freunde. Auch viele zeitgenössische Kritiken, dabei natürlich reichlich Hanslick, machen das Lesen zum Vergnügen.

Immer wieder betont der Verfasser die Bescheidenheit und Schüchternheit des Komponisten, der zunächst als Geiger und Musiklehrer, erst ab Mitte der Fünfziger des 19. Jahrhunderts als Komponist sein Geld verdiente, der auch Chorleiter war und Chormusik schrieb wie auch viele Lieder. Die starke Spannung die durch das Gegeneinander von der Dominanz der Juden in der Wiener Moderne und dem stärker werdenden Antisemitismus herrschte, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass zwei prominente jüdische Musiker, Mahler und Goldmark Gründungsmitglieder des Wiener Wagnervereins waren.

Natürlich gehört der „Königin von Saba“, die in Wien bis 1937 275 Mal auf dem Spielplan stand, ein eigenes Kapitel des Buchs, aber auch viele der anderen fünf, nicht so erfolgreichen Opern und der sinfonischen Werke wie „Penteisilea“, „“Ländliche Hochzeit“,“Sappho“ oder „Prometheus“ und das Violinkonzert werden eingehend gewürdigt , ebenso wie die reiche Orchestrierung die ihr gebührende Beachtung findet. Bedeutende Künstler wie Bruno Walter, der „Ein Wintermärchen“ zur Uraufführung brachte, oder Enrico Caruso, der eine Arie aus „Die Königin von Saba“ aufnahm, widmeten sich dem Schaffen Goldmarks, und ab Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bis in unsere Tage gab und gibt es eine wenn auch bescheidene Renaissance seiner Werke, so in Annaberg und Freiburg.

Zuvor aber und wohl nicht durch das Verbot der Nazis, Werke jüdischer Komponisten aufzuführen, geriet Goldmark nach seinem Tod außerhalb Wiens und Budapests schnell mehr oder weniger in Vergessenheit. Das Buch könnte dem entgegenwirken, denn wenn man es zunächst als eines nur für Kenner gedachtes ansieht, zieht es auch den unbefangenen Leser schnell in seinen Bann und lässt ihn auf das Werk Goldmarks gespannt werden. Dabei stört der streng wissenschaftliche Charakter mit einem umfangreichen kritischen Apparat nicht und auch nicht der aus immerhin vierzehn Posten bestehende Anhang von Werksverzeichnis bis Stammbaum und vielem anderen.

285 Seiten, Steinbauer Verlag Wien

ISBN 978-3-902494-72-6

Ingrid Wanja

 

 

Gerd Uecker

PUCCHINIS OPER

Informationsreich mit kleinen Irrtümern

In der Reihe WISSEN des Beck-Verlags, zu der auch die zahlreichen Musikalischen Werkführer gehören, geht als Mann der Praxis, er war u.a. Direktor der Bayerischen Staatsoper und Intendant der Dresdner Semperoper, Gerd Uecker gleich in medias res, indem er ohne Einleitung und Vorwort mit dem vokalen Erstlingswerk Puccinis „Le Villi“ beginnt. In der Folge kann sich der Leser darauf verlassen, dass jedem Kapitel, d.h. jeder Oper ein kleingedruckter Absatz vorangestellt wird, in dem jeweils Textvorlage(n), Librettist(en), Ort und Datum der Uraufführung, unterschiedliche Fassungen und der Inhalt, nach Akten unterteilt, zur Information bereit gestellt werden.

Von diesem Informationsteil hebt sich durch ein anderes Buchstabenformat der interpretatorische Teil ab, der über die Entstehung der Oper berichtet, eine kritische Einschätzung bietet, auch ein Verhältnis zu den anderen Werken des Komponisten herstellt und sogar zu der Musik der zeitgenössischen Kollegen.

Interessant ist bei der Ballett-Oper „Le Villi“ der Hinweis auf die damalige Beliebtheit deutscher Stoffe, etwas rätselhaft die Behauptung einer sogenannten „artifiziellen Meisterschaft“, die erreicht worden sein soll. Mehr als aus einem gewöhnlichen Opernführer erfährt man in vielen Kapiteln des Buches. So gibt es in dem über „Edgar“ den Verweis auf Verdis „Otello“, der zur Verunsicherung Puccinis geführt haben soll, was überzeugend dargestellt wird. Interessant ist auch, was der Autor bei der Gegenüberstellung der beiden großen Frauenpartien Fidelia und Tigrana (Puccinis einzige große Mezzo-Rolle) mitzuteilen hat, besonders weil auch Allgemeines über den von Puccini in seinen Opern bevorzugten Frauentyp vermittelt wird.

Bei „Manon Lescaut“ (der Autor geht chronologisch vor) ist der Leser erfreut über den Vergleich des Librettos mit der Romanvorlage und der etwa gleichzeitig entstandenen Oper Massenets, hätte im Absatz über Puccinis Manon aber wohl gern noch mehr über deren Besonderheiten erfahren. Dass nur geringe Gemeinsamkeiten mit Wagners Musik aufgespürt werden können, überrascht nicht, wichtig ist der Hinweis auf den Bruch mit der bis dahin verbindlichen Libretto-Ästhetik und die Hinwendung zum Ausdrucksrealismus. Im Kapitel über „La Bohéme“ gibt es eine Begriffsbestimmung des schillernden Wortes Bohéme, einen Vergleich mit Murgers Roman (was „Tosca“ betrifft mit Sardou und „Butterfly“ mit Belasco), und auch die Konkurrenz mit Leoncavallo bei der Vertonung des Stoffes wird dem Leser nahe gebracht, ebenso der Episodencharakter, der nicht mehr Akte, sondern Bilder auseinander folgen lässt.

So wertvoll die Erkenntnisse wie die die musikalische Struktur betreffenden sind, so unverständlich sind einige Ungenauigkeiten bei der Schilderung der Handlung. So verlässt Rodolfo Mimi nicht aus Bequemlichkeit, verhandelt Tosca nicht während der Folterung Cavaradossis mit Scarpia, wird nach der Sopran- und den beiden Tenorarien in „Tosca“ durchaus geklatscht. Bliebe der Beifall nach „Vissi d’Arte“ aus, wäre das eine Katastrophe für die Diva.

Da der Verfasser sich dankenswerterweise sehr ausführlich mit dem Vergleich verschiedener Fassungen der einzelnen Opern befasst, hätte auch der Ersatz der patriotischen Hymne durch das von Puccini selbst verfasste „E lucevan le stelle“, die nachträgliche Einfügung von „Addio, mio fiorito asil“ in „Madama Butterfly“ erwähnt werden können. Mit „Tosca“ übrigens sieht der Autor das Ende der heroischen Epoche in der Oper gekommen, da nun alles dem Zufall (der Fächer der Atavanti) überlassen sei. Das regt zum Nachdenken an, allerdings auch darüber, dass auch il fazoletto durch einen Zufall aus den Händen Desdemonas in die Jagos gekommen ist.

Es ist erstaunlich, wieviel Material das doch eigentlich recht schmale Büchlein enthält, so wenn eine kurze Geschichte Japans dem Kapitel „Butterfly“ vorangestellt werden kann, ausführlich über die Quellen und das Hin und Her zwischen 3, 2 und schließlich wieder 3 Akten und das Scheitern der Uraufführung an der Scala geschrieben wird. Etwas schwierig ist es, nachzuvollziehen, dass die Oper ihre Heldin zu einem „Kunstgeschöpf“ macht, das aus seiner realen Umwelt gelöst wurde, denn die meldet sich doch mit Onkel Bonze oder Goro recht nachdrücklich zu Wort. Lesenswert sind auch die Bemerkungen über den Einfluss japanischer Musik auf die Oper.

Im Kapitel über „La Fanciulla del West“ erläutert der Verfasser ausführlich, warum man in Bezug auf diese Musik von einem „Puccini nuovo“ sprechen kann, die harte Kritik an der Sentimentalität wird nicht jeder sich zu Eigen machen mögen. Das Ringen um den Schluss von „La Rondine“, die historischen Ereignisse, die die vorgesehene Uraufführung verhinderten, die Aufdeckung der Schwächen des Werks dürften für jeden aufschlussreich sein.

Beim „Trittico“ ist sicherlich jedem neu, dass Dantes Gattin selbst eine Betroffene bei der Erbschleicherei in „Gianni Schicchi“ war. Im „Turandot“ gewidmeten Kapitel werden wie die Quellen (Persien, Gozzi, Schiller, dessen Übertragung ins Italienische) die Schwierigkeiten mit dem Schluss der Oper ( 6 unterschiedliche Text-Versionen), der Versuch der Psychologisierung der Figur der Prinzessin, die Vollendung durch Alfano und Berio dem Leser nahe gebracht.

Insgesamt liest man das Buch selbst als Opernkenner mit Gewinn, macht das Wissen um vieles, was bis dahin unbekannt war, den Genuss der jeweiligen Oper noch vollkommener.

ISBN 978 3 406 69842 2

Ingrid Wanja

 

 

Helen Geyer / Michael Pauser

LUIGI CHERUBINI

Kongressbereicht Weimar 2010

2010 fand anlässlich des 250. Geburtstags des Komponisten in Weimar ein Kongress über Luigi Cherubini statt, nun, sechs Jahre später erscheint als erster Band der Cherubini Studies ein Buch mit dem Untertitel Vielzitiert, bewundert, unbekannt, das Beiträge der auf der Tagung zu Wort gekommenen Musikologen in drei Sprachen, deutsch, englisch und italienisch, daneben auch viele Zitate in Französisch, enthält. Auch das erste Kapitel, von den Herausgebern Helen Geyer und von Michael Pauser stammend, trägt diesen etwas missverständlichen Titel, denn vielzitiert und bewundert dürfte der Komponist auch nur von einer kleineren Gruppe Musikinteressierter sein, einer wenn auch darauf beschränkten Popularität dürfte er sich nur innerhalb eines recht kleinen Kreises erfreuen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das ganz anders, erfreute sich doch zum Beispiel in Deutschland besonders seine Oper „Der Wasserträger“ großer Beliebtheit.  

Außer in Weimar, so berichtet das Eingangskapitel, fand zum Jubiläum auch in Florenz ein Kongress statt, der in Weimar befasste sich mit der Quellenlage, besonders was die Opern des Komponisten betrifft, einige Kapitel sind seiner Kirchenmusik, kaum etwas der Kammermusik gewidmet, dem Vergleich zwischen seinen italienischen und seinen französischen Opern, der Rezeptionsgeschichte und der Literatur oder den zeitgenössischen Kritiken über ihn. Ein reicher kritischer Apparat unterstreicht den wissenschaftlichen Anspruch der Arbeiten, ebenso Abbildungen, vergleichende Tabellen und Notenbeispiele.

Etwas verwirrend ist der schwer auffindbare Grund für die Überschrift „Augenblicke der Freiheit“, die Norbert Miller für die Darstellung von Cherubinis Aufenthalt in Wien, wo seine Oper „Fanista“, ein der bekannteren „Lodoiska“ sehr ähnliches Werk, uraufgeführt wurde, wählt. Es geht zunächst vor allem um Beethovens „Fidelio“, generell um Rettungsopern, um die Begegnungen mit Haydn und Beethoven, das Vorbild Mozart. Eine dramaturgische und musikalische Interpretation der Fanista schließt sich an.

Berthold Over fragt sich in seinem Beitrag, was Cherubini von Mozart gelernt habe, sieht dies vor allem im Requiem, das Cherubini in Paris zur dortigen Erstaufführung brachte. Dem sehr leserfreundlich übersichtlich gestalteten Artikel kann man entnehmen, welchen Einfluss das Requiem Mozarts auf die beiden von Cherubini hatte, außerdem wird das von Nicolò Jommelli zum Vergleich herangezogen.

Svend Bach widmet sich der Oper „Demophon“ als Werk des Übergangs von der italienischen zur französischen Oper, vermittelt dem Leser zeitgenössische Urteile über das Werk, das Gianluigi Gelmetti einspielte. Ausführlich werden die Quellen des Librettos (von Metastasio zu Marmontel) befragt, wird die versuchte Synthese zwischen italienischer und französischer Oper vom Autor positiver gesehen als von den Zeitgenossen Cherubinis und werden Überlegungen zu Aufführungsmöglichkeiten heutzutage angestellt.

Arnold Jacobshagen interessierte die Bedeutung des Chors in Cherubinis französischen Opern, und er gestattet interessante Einblicke in das damalige französische Opernleben, als es nur der Pariser Oper erlaubt war, einen Chor einzusetzen. Erst zu Lebzeiten Cherubinis wurde das Gesetz geändert, konnte auch die Opéra Comique diesen wichtigen Bestandteil auch französischer Opern unterhalten. Die Struktur der damaligen Ensembles erschließt sich durch einige Tabellen.

Christine Siegert schreibt über die Entstehung der Arie „O toi, victime de l’honneur“ aus „Les deux journées“ (Wasserträger) und kommt zu dem Schluss, dass ihr Fehlen im Werkverzeichnis darauf zurückzuführen ist, dass sie erst 42 Jahre nach der Uraufführung der Oper entstand.

Über die polnischen Elemente in den beiden Opern „Lodoiska“ und „Faniska“ schreibt Giada Viviani und führt ihr Vorhandensein u.a. darauf zurück, dass ein großes Interesse an Polen bestand, seitdem 1573 Henri de Valois zum König von Polen berufen worden war. Ein Vergleich der beiden Opern in Tabellenform macht den Artikel vollständig.

Markus Oppeneiger steuert „Anmerkungen zur Idalide-Thematik bei Sarti und Cherubini“ bei, vermittelt den Inhalt des Inka-Dramas, das sieben Libretti und elf Vertonungen provozierte, des Librettos von Ferdinando Moretti bedienten sich vier Komponisten, neben Cherubini auch Sarti, und auch Cimarosa erlag der Verführung durch den sentimentalen Stoff.

Eine Diskussion über den Wert der italienischen Opern Cherubinis stellt der Artikel von Karl Traugott Goldbach dar. „Ifigenia“ bietet den Anlass dazu, fordert zu einem Vergleich mit Gluck heraus und diskutiert den Zwang zum lieto fine. Generell wird erläutert, ob Fortschritt gleichzusetzen sei mit höherem musikalischem Wert, und der Beitrag befasst sich mit Grundsätzlichem im Vergleich italienischer mit französischen Opern.

Angesichts jüngster Aufführungen ist der Aufsatz Heiko Kullmanns Von „Médée zu Medea“   besonders interessant. Wie bei Carmen geht es um die Frage Dialog- oder Rezitativfassung (von Lachner für die Frankfurter Aufführung 1855), die Veränderungen an der Partitur durch fremde oder die Hand des Komponisten, die verhängnisvolle Rolle, die Maria Callas spielte, indem sie die italienische Rezitativfassung als ausschließlich würdige ansah. Erst 1997 gab es in New York konzertant die Urfassung, 1998 in Gießen- womit der Bann gebrochen scheint.

Gianluca Ferrari befasst sich mit der Ballettoper „Anacréon“, 1973 von der RAI aufgenommen und 1983 von Gavazzeni an der Scala herausgebracht, und stellt die Entwicklung des Textes dar.

Einfach „Beobachtungen“ stellt Axel Schröter über „Les abencérages ou l’étendard de Grenade“ an, über den umstrittenen Zeitpunkt der Uraufführung und die Frage, ob die Geschichte um den Verlust einer Standarte tatsächlich, wie vermutet, auf ein Vorkommnis zwischen dem napoleonischen Marschall Soult und Napoleons Bruder Joseph, König von Spanien, zurückzuführen ist. Ein wesentlicher Teil des Beitrags ist der ungewöhnlichen Instrumentierung des Werks gewidmet.  

Den Band mit der Ordnungszahl 1 zu versehen, spricht von einem gewissen Optimismus der Herausgeber, die hoffentlich nicht wieder einen ganz runden Jahrestag abwarten müssen, ehe sie den zweiten erscheinen lassen können.

350 Seiten - Studio.verlag 2016

Ingrid Wanja

 

 

Menahem Pressler / Holger Noltze

DIESES VERLANGEN NACH SCHÖNHEIT

Gespräche über Musik

Das musikalische Ereignis der Jahreswende von 2014 zu 2015 in Berlin war das Konzert der Philharmoniker unter Sir Simon Rattle mit dem über neunzigjährigen Pianisten Menahem Pressler, 1924 als Max Pressler in Magdeburg geboren, 1939 mit dem letzten Schiff mit seinen Eltern von Triest aus nach Palästina gelangt, vor allem als Komponente des Beaus Arts Trio berühmt geworden und noch in hohem Alter als Solist Karriere machend.

Wer mehr über den erstaunlichen Musiker wissen möchte, sollte sich mit dem Buch „Dieses Verlangen nach Schönheit- Gespräche über Musik“ befassen, in dem der Pianist Fragen des Musikjournalisten Holger Noltze beantwortet, an drei Tagen und jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Eine Reihe von Fotos spiegelt das wider, was man aus den Gesprächen erschließen kann; dass man es als Leser mit einem freundlichen, gütig und kritisch zugleich in die Welt blickendem Menschen zu tun hat. Anmerkungen und ein Register ergänzen das Buch, das nach den drei Gesprächskapiteln noch ein viertes, allein von Noltze verfasstes über den Menschen und Musiker Pressler zur Folge hat.

Am ersten Tag ihrer Gespräche befassen sich die beiden Autoren mit der Bedeutung der Musik im Leben Presslers, die ihm zugleich die Angst vor den Geschehnissen in Nazideutschland nahm, ihn aber auch so vereinnahmte, dass er nicht mehr essen konnte, fast zu schwach zum Musizieren wurde. Sympathisch berührt immer wieder, dass er offen zugibt, wenn er etwas nicht weiß, ohne jede Larmoyanz berichtet und nie apodiktisch auftritt, sondern eher zu bescheiden. Beeindruckend ist auch die Aufgeschlossenheit für Neues in hohem Alter, so wenn er begeistert von der Aufnahme von Schumannliedern mit Matthias Goerne berichtet, die Ehrfurcht vor den Komponisten und ihrer Musik.

Der zweite Tag ist der Kammermusik gewidmet, die mit wechselnden Partnern eine bedeutende Rolle für Pressler gespielt hat. Der Leser erfährt Interessantes über die Rolle des Klaviers in einem Trio, über die Besonderheiten einzelner Komponisten, so Beethovens, und kann Erkenntnisse teilen wie „Wahrheit kann sich als Schönheit entfalten“. Eine Einschätzung Adornos wie die berühmter Pianisten ist ebenfalls Gegenstand des Gesprächs.

Der dritte Tag gilt dem Hören von Musik, das für Pressler wie das Üben höchstes Glück bedeutet. Das Phänomen des musikliebenden KZ-Kommandeurs wird ebenso beleuchtet wie die Wichtigkeit einer musikalischen Erziehung, der Erhalt der noch reichen Orchesterlandschaft Deutschlands oder der besondere Genuss, den das Hören von Kammermusik bereitet. Immer wieder wird dabei der Leser von der Bescheidenheit, der Freundlichkeit und der Unvoreingenommenheit des Musikers angenehm überrascht, der sich als ewig Suchender sieht.

194 Seiten / Edition Körberstiftung 2016 / ISBN 978 3 89684 177 3

Ingrid Wanja

 

 

 

Achim Schneider

ANGELIKA KIRCHSCHLAGER

"Ich erfinde mich jeden tag neu"

Kurz vor ihrem 48. Geburtstag hat die österreichische Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager begonnen, ihre Erinnerungen mit Hilfe von Achim Schneyder aufzuzeichnen und verblüfft den Leser von der ersten Seite an mit dem ganz besonderen Stil ihres Buches, das den Untertitel „Ich erfinde mich jeden Tag neu“ trägt. Die Biographie hat den Charakter eines intimen Zwiegesprächs mit dem Leser, lotet eine weite Spanne zwischen weltanschaulichen Betrachtungen bis zum „Ausmisten“ von weniger hochfliegenden Erinnerungen aus und gibt dem Leser das Gefühl, direkt von der mitteilungsfreudigen Künstlerin angesprochen zu werden, deren Konterfei zwischen „Göttin“ und „stinknormal“, so Konstantin Wecker im Vorwort, eine Vielzahl von Schattierungen aufweist,

Ungewöhnlich ist auch die Aufteilung in Kapitel und Untertitel, die verblüffen sollen, wenn zum Beispiel in einer Überschrift sich Papst, Riccardo Muti und eine Besenkammer als seltsames Trio vereint finden und, wie nach dem gleichen Muster auch die anderen Kapitel, die Neugier des Lesers wecken sollen und dies auch tun. Nicht im Unklaren darüber gelassen, warum das Buch just zu diesem Zeitpunkt entstand, wird der Leser mit dem Bekenntnis der Autorin, dass sie von nun an nur noch das in ihrem künstlerischen und privaten Leben machen tun werde, was sie wirklich wolle, was ihr gut tue.

In einem steten Wechsel aus mehr oder weniger chronologischer Darstellung von Leben und Karriere und nachdenklichem Reflektieren über das Geschehene erfährt der Leser sehr viel über die innere Verfasstheit der Sängerin, weniger, und das ist schade, über ihre künstlerische Arbeit, so wenn sie meint, bei der Arbeit mit ihrem ersten Rosenkavalier-Regisseur in Graz habe sich ihre endgültige Auffassung vom Octavian herausgebildet, man aber nicht erfährt, was diese an Besonderem ausmacht. Ausführlicher wird Angelika Kirchschlager in dieser Hinsicht bei ihren Ausführungen über die Mélisande. Im Kapitel über Liedgesang sind die Abschnitte über die unterschiedlichen Vertonungen bekannter Gedichte aufschlussreich.

Sympathisch berührt den Leser, in welch herzlicher Art die Künstlerin verstorbener Freunde wie Walter Berrys gedenkt oder sich zu lebenden Freunden bekennt. Auch scheut sie sich nicht, eine Beschreibung des gewesenen und des jetzigen Intendanten der Wiener Staatsoper zu liefern, beweist Humor wenn sie die Frage nach der richtigen Zeit für das Kinderkriegen einer Sängerin mit Nie beantwortet. Auch die Liebe zu Wein und Zigaretten wird spaßig beschrieben, und der Leser ist beinahe versucht, daran zu glauben, dass es das Süße Wiener Mädel tatsächlich und nicht nur in verlogenen Heurigen-Liedern gibt. Dessen niedliche Koketterie ist im Buch der Kirchschlager nicht zu überlesen, so wenn sie sich als Anti-Operngängerin outet, über ihr Chaotentum schreibt oder durch Wiederholung eine Auffassung noch einmal zu bekräftigen versucht. So entsteht auch der Eindruck des Unmittelbaren, der die Biographie auszeichnet. Der untreue Cellist und der mit seinem Blut Liebesbriefe schreibende Regisseur werden insofern geschont, als ihre Namen nicht preisgegeben werden. Anders sieht es da mit den Salzburger Festspielen aus, über die die Autorin zu so harten wie sicherlich begründeten Vorwürfen findet.

Der Leser wird gut unterhalten von diesem sehr freimütigen, aber nie indiskreten, ehrlich erscheinenden Buch mit erheiternd österreichischem Touch.

Amalthea Verlag Wien

ISBN 978 3 85002 847 9

Ingrid Wanja 30.5.16

 

 

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