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ESSEN PHILHARMONIE

(c) Der Opernfreund

 

 

 

 

Ein brillanter musikalisch-szenischer Rundflug im James-Bond-Kosmos der letzten 50 Jahre

Philharmonie Essen am 21.4.2019

 

Nach erfolgreichen Abenden u.a. in München, Frankfurt, Nürnberg, Stuttgart und Neersen in den letzten Jahren gab es nun dieses Jahr das ultimative James-Bond-Großereignis in der Essener Philharmonie zu erleben. Ein wahrer Traum für jeden Bond-Fan! Unter der legendären Schallblende des Essener Konzertsaals, die ohnehin einem UFO ähnelt, hob das James-Bond-Raumschiff zu einem wunderbaren zweistündigen Abenteuer ab, und wir flogen mit Gänsehaut und Adrenalin in die unendlichen Weiten des Kosmos von Ian Fleming.

Legendäre Originalszenen der besten Bondfilme aus 50 Jahren - oscar-reif zusammengeschnitten - wurden live vom berühmten Babelsberger Filmorchester begleitet. Dazu beste cinematographische Umsetzung in UHD auf einer wunderbar vor der Orgel eingepassten 20-Meter-Kinoleinwand und von zwei regelrechten Superstars in der gesanglichen Performance interpretiert. Vom Mischpult wurden die Sänger mit Feingefühl und Können superb ausgesteuert; ein besonderes Lob diesen Fachleuten. Nie wurde mir in den letzten 20 Jahren in der Essener Philharmonie so perfekte Verstärker-Technik klangvoll eingespielt. Für eine solche akustische Ausgewogenheit in Koordination mit den klassischen Instrumenten eines großen Sinfonieorchesters müsste ich auch in meinem Privatarchiv 50 Jahre zurück greifen auf Deep Purple in Concert ;-) !

Geleitet wurde das Ganze vom jungen 36-Jährige Dirigenten Christian Schumann (Bild oben), der bei keinen Geringeren als Pierre Boulez und Kurt Masur in die Schule ging und später Größen wie von Dohnanyi, Dudamel, Eötvös, Salonen und Stern assistierte. Darüber hinaus gastiert er regelmäßig bei Deutschlands besten Orchestern sowie dem österreichischen Ensemble für Neue Musik. Der sympathisch auftretende Schumann ist ein Tausendsassa, dessen Namen man sich unbedingt merken sollte.

 

Die Solisten Tertia Botha und Dennis LeGree traten überzeugend im Timbre und mit stimmlicher Brillanz geradezu furchtlos in die großen Fußstapfen von Adele, Matt Monro, Shirley Bassey, Satchmo, Tom Jones, Paul MacCartney und Tina Turner. Allein das war schon ein umjubeltes Großereignis. Ihr finales Duett Live and let die riß das Publikum dann förmlich von den Sitzen und konnte der famosen Originalversion duchaus paroli bieten.

 

Orchester und Künstler an sich wären den Besuch des Abends wirklich uneingeschränkt wert gewesen, doch dazu kam dann noch der Bond-Film-Aspekt. Ein fulminanter Zusammenschnitt, in dem alle Bond-Darsteller ihren Auftritt hatten und kaum eine Großexplosion, Skiabfahrt, Verfolgungsjagd und Liebesszene ausgespart wurde. Best of Bond - Wow! Das war einfach ungeheuerlich und hochpräzise mit der originalen Szenenmusik sekundengenau untermalt. Erstaunlich, daß sowohl filmisch als auch musikalisch der eigentlich aus dem klassischen MGM-Copyrigth (heute Sony) herausgefallenen Never say never again - ein Remake von Feuerball - gleichwohl präsent war. Und rein großkonzertant-orchestral klingen auch Stücke gut, die im Original nicht überzeugen können wie der gruselige Gesang von Lani Hall, der nur noch vom schaurigen Sam-Smith-Gejaule des letzten Bond Films Spectre unterboten wurde.

 

Doch GsD hatte man auf Spectre-Musik verzichtet und widmete den zweiten Teil des Konzerts dem wohl besten Bond-Film aller Zeiten, nämlich Skyfall . Nach dem Opener, der mitreißenden Verfolgungsjagd mit Landrover und Motorrad, an dessen Ende stapelweise neue VW-Käfer vom Zug fliegen (sic! Was viele nicht wissen: eine kleine optische Rache der Produzenten an Volkswagens Verweigerung von Sponsorship), ging es auch nahtlos in das vielleicht beste Bond-Intro aller Filme über, zu dem Tertia Botha, die leise im Halbdunkel die Bühne betreten hatte, ihre Version von Skyfall sang.

 

Grandios auch die Highlights der Verfolgungsjagden u.a. auf Skiern, im Cello-Kasten, im Panzer, Raumschiff oder Auto. Daß natürlich das legendäre Ende des DB4 in Skyfall nicht fehlen durfte (achten Sie mal auf die tolle spannungsvolle Instrumentation), spricht für den hohen Bond-Verstand der Arrangeure und Einrichter dieses tollen Abends. Als Bond-Liebhaber sagt man DANKE. Meine unüberhörbaren BRAVI an diesem Abend waren natürlich eine Selbstverständlichkeit. Auf ein DACAPO im Sinne weiterer Aufführungen kann spekuliert werden, denn es ist bis zum nächsten Film 2020 (!) ja noch viel, viel Zeit, die man besser kaum überbrücken kann. Hoffentlich verschwindet so eine sagenhaft tolle und aufwendige Produktion nicht im Müll der Vergessenheit, sondern wird mindestens fürs Londoner Bond Museum videomässig archiviert.

Fazit: Einfach wunderbar. Ein Abend, den jeder Bond-Fan erlebt haben sollte... erlebt haben müßte. 5 Sterne!

 

Peter Bilsing 25.4.2019

 

Verwendete Bilder (c) tertiabotha.com / theater-bonn.de / filmorchester.de /

BB Promotions / Christian-Schumann.com

 

P.S. Leider lagen uns keine aktuellen Live-Fotos des Konzert-Abends in Essen vor

 

 

 

Russian National Orchestra & Alain Altinoglu

featuring

Mikhail Pletnev (Klavier)

Modest Mussorgski Ouvertüre zu Chowanschtschina

(orchestriert von Dmitri Schostakowitsch)

Sergej Rachmaninow Konzert Nr. 2 c-Moll für Klavier und Orchester, op. 18

Dmitri Schostakowitsch Sinfonie Nr. 5 d-Moll, op. 4

 

Der perfekt abgestimmte, rein russische Abend begann mit Modest Mussorgskis Ouvertüre zu Chowanschtschina in der von Dmitri Schostakowitsch orchestrierten Fassung. Eine gelungene, kurzweilige Einstimmung in das Thema des Abends, welches man mit hochemotionale, tiefe Einblicknahme in die Urtiefen der russischen Seele gut beschreiben könnte. Und spätestens nach den Auftaktschlägen am Pianoforte, das kaum ein anderer besser beherrscht als Mikhail Pletnev, wenn die tiefen Streicher einsetzen, hört man die Gefühle wallen und das Herz schlagen, das in dieser stellenweise schon fast filmmusikalisch anmutenden Musik steckt. Pletnev spielt dieses sicherlich in die Rubrik der drei überall präsenten Concerti populare – neben Grieg und Tschaikowski – gehörende Werk unprätentiös und werkdienlich ehrlich. Die Musik strömt, die Koordination mit dem Orchester – mit seinem Orchester – gelingt perfekt. „Ja!“ möchte man rufen – wie später auch bei Schostakowitsch – das ist es. Schöner, traumhaft leichter und doch so emotional in seiner spätromantischen Klangkultur hat man das Werk selten gehört. Jemand schrieb einmal, dass Pletnev mit seinem pianistischen Empfindungsvermögen die idealen Schlüssel zu Rachmaninows Klavierwelt in den Händen hält. Dem kann man unwidersprochen zustimmen

Mikhail Pletnev

Nach der Pause dann allerdings die Krönung mit Schostakowitschs 5. Sinfonie. Alain Altinoglu ist der Musical Directeur des Theatre Royal de Monnaie in Brüssel. Er gilt in der Szene als Geheimtipp und dirigiert dieses Jahr neben den BBC Proms mit dem Royal Philharmonic Orchestra auch die Wiener Philharmoniker im Musikverein. Mittlerweile ist die internationale Szene auch auf ihn aufmerksam geworden, also Zeit für einen Auftritt in der Essener Philharmonie im Rahmen einer großangelegten Europa-Tour mit dem vielleicht besten russischen Orchester, eben diesem Russian National Orchestra.

Das RNO wurde im Herbst 1990 als eines der ersten nicht-staatlichen Sinfonieorchester im postsowjetischen Russland von Michail Pletnev im Rahmen der Gorbatschowschen Politik der Perestroika gegründet. Das Orchester ist in Moskau ansässig und hat keine feste Spielstätte. Es erhielt erstmals in der russischen Orchestergeschichte einen Grammy Award und wurde 2008 von der britischen Musikzeitschrift Gramophone als eines der zwanzig besten Orchester der Welt genannt. Neben den zehn besten, die ich allein in Essen hörte, käme es in meiner persönlichern Hitparade auf Platz 11. Das Orchester ist Träger des Europäischen Orchesterpreises. Finanziert wird es allein von Einzelpersonen, nennen wir sie mal Oligarchen, und Firmen auf privater Ebene, die überwiegend in Russland sitzen. Ich persönlich finde, daß solches Geld immerhin bei einem Kulturgut besser angelegt ist als bei einem französischen oder sonst irgendwo existierenden Schlappe-Kicker-Verein.

Alain Altinoglu

Die Arbeit an seiner 5. Symphonie begann Schostakowitsch am 18. April 1937 auf der Krim. Er vollendete sie am 20. Juli in Leningrad. In der Zwischenzeit – vor allem wegen des Lady-MacBeth-Skandals, bei dem er sich Stalin zum Feind gemacht hatte – waren sein Schwager verhaftet und seine Schwester nach Sibirien deportiert worden. So schrieb er eine Sinfonie, die zumindest oberflächlich Wohlgefallen finden sollte: „Diese Sinfonie ist die schöpferische Antwort eines sowjetischen Künstlers auf gerechte Kritik.“ Doch Schostakowitsch ist in Wahrheit nicht eingeknickt und friedfertig harmlos geworden – obwohl seine Koffer immer gepackt waren und er täglich mit Deportation nach Sibirien rechnete, erwies er sich schon damals als Meister der Widersprüche und Zweideutigkeiten. Er nannte seine Sinfonie noch kurz vor der Uraufführung „ein Symbol für den triumphierenden Optimismus des Menschen“.

Gemeint war der stets unerschütterliche Optimismus des geknechteten russischen Volkes – wie wir heute wissen und auch alle kritischen Zeitgenossen schon damals schon aus der Musik heraushörten. In seinen Memoiren, die 1976 vier Jahre nach des Maestros Tod von seinem Sohn in den Westen geschmuggelt wurden und dort veröffentlicht wurden, schreibt er: „Was in dieser Sinfonie vorgeht, sollte jedem klar sein. Der Jubel ist unter Drohungen erzwungen wie im Boris Godunov. So, als schlage man uns mit einem Knüppel und verlange dazu zu jubeln. Doch hinter dem Jubel verbirgt sich Leid. Das ist das absonderliche Schauspiel, welches das Ende der Fünften bietet. Ein tragisches Werk indem die Noten schmerzvoll Echo unserer Zeit sind.“

Russian National Orchestra                                (c) bregenzermeisterkonzerte .at

Was soll man als Kritiker zu einer so perfekt gespielten Sinfonie sagen? Soll ich drei Sterne geben, oder fünf? Gar zehn? Alle Sterne des Universums für diese Interpretation? Soll ich die tolle Bernstein-Edition heranziehen oder Haitinks legendäre Aufnahmen mit dem Concertgebouw oder die seines Sohnes Maxim ... Meilensteine und Leuchttürme! Und doch geht nichts über das Live-Erlebnis mit einem großen, mit einem hier perfekten Orchester. Und Altinoglu durchlotet alle Ebenen dieser Sinfonie in einer superben Perfektion, die auch den hartgesottensten Schostakowitsch-Fan erschüttern lässt. Die Nackenhaare sträuben sich, und das Herz schlägt bis zum Hals. Das von mir oft zitierte Maß der Dinge ist hier wieder erreicht worden. Ich glaube kaum, dass der Komponist selbst sein Werk hätte so bravourös dirigieren können. Und der Funke sprang über ins völlig enthusiamisierte Essener Publikum. Man hatte die Musik, man hatte ihre Aussage und man hatte den ewigen Wert dieser Sinfonie der Hoffnung verstanden. Was für ein großartiger Abend, der nachdrücklich haften bleibt.

 

Peter Bilsing, 9.4.2019

Bilder (c) theateressen.de / pro-arte-konzerte-essen.de

 

OPERNFREUND CD TIPP

 

 

 

 

 

Es gibt klassische Konzerte, die gerieren zu gigantischen Kultveranstaltungen; sogenannten Eternals. Im ganz großen Maßstab ist das die Last Night of the Proms in der Londoner Royal Albert Hall. Ganze 135 Jahre existiert dieses einmalige Konzertereignis schon. Die Essener Filmmusikkonzerte unter Rasmus Baumann gibt es erst seit ein paar Jahren. Nichts desto trotz hat auch dieser kleinere Rahmen internationales Format. Das Qualitätsniveau liegt schon vehement hoch und wenn die über 100 Musiker der Neuen Philharmonie Wesfalen ins sprichwörtliche Horn blasen, dann klingt dies beim London Symphony Orchestra nicht unbedingt besser. Und man merkt den Musikern an, daß so etwas Spass macht. Musik mit dem Herzen gespielt. Das ist schon etwas ganz anderes, als wenn man unten im dunklen Orchestergrab sitzt und die alltäglichen Opern-Routine abarbeiten muß. Oder nicht?

Filmmusik ist - und das spürt man mit jeder Geste und auch Ausstrahlung - für Rasmus Baumann eine großartige und wichtige Sache; zählt er doch in Deutschland mittlerweile zu den anerkannten Fachleuten, den auch andere Orchester gerne für solche Abende einladen.

Grimme Preisträger Klaus Kauker ist der ideale Moderator für ein Jugendkonzert. Er findet die Augenhöhe zu seinen jungen Zuhörern und auch die Eltern/Älteren müssen sich nicht mir Grausen abwenden - wenn er nicht gerade tanzt und singt ;-) - was allerdings bei einer so schlechten Filmmusik wie der von Ghostbusters nicht weiter stört. Ist sie ja auch unverkennbar und dreist geklaut vom alten Huey Lewis Song I Want a new Drug . War aber nicht annähernd so ein Welt-Hit, wie eben Ghostbusters von Ray Parker Jr. Warum eigentlich? Na dann hören Sie mal rein und danach geht einem dieser unfassbar simple Song einfach nicht mehr aus dem Kopf. Und auch nach dem Konzert auf der Heimfahrt möchte man lieber von der Titanic-Musik träumen; doch leider kommt immer wieder dieses fürchterliche Who you gonna call... Ghostbuster durch. Aaaaargh.

Klaus Kauker biedert sich nicht beim Publikum an, und seine Witzchen haben Charme auch für Oldtimer. Voila: die Filmmusik zu Titanic hat irgendwie aufsteigenden Charakter, findet ihr nicht? Ganz im Gegenteil zum Film - Ups... hab ich jetzt was gespoilert?. Auch nimmt er sich intelligent zurück, seine kurzen Texte sind gut überlegt, trefflich platziert und nie nervend. Er ist keine Lawertüte , sondern ein wichtiges Bindeglied zwischen den Stücken. Und wenn er das Publikum motiviert mitzuklatschen - was ja leider anscheinend unvermeidbare menschliche Natur ist - dann wirklich nur bei so einen Headbanger wie Ghostbusters. Übrigens Danke Klaus, daß Du die Titanic Musik nicht mitgesungen hast ;-)

Rasmus Baumann ist ein Kenner über alle Musikgrenzen hinweg und so bringt er - wohl wissentlich um den Schwachpunkt der Finalmusik - dann als großen Abschluss-Knaller und Rausschmeisser die Musik zu Peter Gun von Henri Mancini (1958) als superbe Bigband-Session. Leider lässt sich auch hier das Publikum nicht vom - wie ich es zu nennen pflege - stalinistischen Parteitagsklatschen abhalten.

Trotz aller kritischen Anmerkungen war es wieder ein toller Abend, der auch das Herz des Opernkritikers rückhaltlos begeisterte. Bitte ins feste Repertoire einbauen, denn gerade über Filmmusik kann man Jugendliche vorbildlich für Klassik begeistern. Und dankenswerter Weise hat ja Baumann mit weisen Worten den Wert der Filmmusik auf den Punkt gebracht, indem er betonte, daß gute Filmmusik sich in keinster Weise - weder in Anspruch noch Qualität - von den großen Werken der traditionellen Klassik unterscheidet.

Und wer - pars pro toto - Schreker oder Puccini unbedarft zum ersten Mal hört, könnte es durchaus für Filmmusik halten, oder nicht liebe Opernfreunde.

 

Peter Bilsing 24.3.2019

Foto (c) Neue Philharmonie Westphalen

 

P.S.1

Daß man sogar die Pausenfanfare in der Philharmonie dem filmcharaktermässig geändert hat und liebevoll auch die Orchester-Hintergrundbeleuchtung den Stücken anpasste - übrigens sehr stimmungsvoll! - sollte nicht unerwähnt bleiben.

 

P.S.2

Kurze Frage an die Kenner unter meinen Lesern: Was haben die Serien Inspector Barneby und Raumschiff Enterprise (Star Trek) musikalisch gemeinsam? Hier ist die Lösung. Das Instrument hat übrigens ein Russe erfunden.

 

 

 

London Symphony Orchestra unter Simon Rattle

Donnerstag 21. Februar 2019

 

Béla Bartók         Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta
Anton Bruckner   Sinfonie Nr. 6 A-Dur, WAB 106

Vom Mikrokosmos zum Makrokosmos

Einmal London hin und zurück geht die kurze Europatournee - von Hamburg kommend heute Essen, morgen Frankfurt, dann wieder back to Old England. Wenn Sir Simon Rattle mit seinem Hausorchester, dem London Symphony Orchestra, einlädt, dann sind die Säle voll. Dann kann man auch mal ein etwas alternatives Programm bieten - noch dazu mit knapp 1,5 Stunden. Bartok dauerte 30 Min und mit Bruckner schaffte es Rattle unter 60. Wobei sich Bartoks Musik für Saiteninstrumente - also keine Bläser ! - Schlagzeug und Celesta eigentlich ja schon im klassischen Repertoire der Konzertsäle eingebürgert hat, wenn was Anständigeshinterher kommt, erträgt der deutsche Konzert-Michel das mittlerweile klaglos. Doch holla, das Anständige ist heute Bruckner 6. Und da wird es schon schwierig, denn die Sinfonie ist nicht gerade der Traum-Bruckner, den wir kennen und mögen; eher eine Rarität recht selten gespielt.

Daß die 6. nur ein Präludium zur beliebten 7. ist - was  immer wieder  Argwöhner behaupten - kann man nicht sagen, denn Bruckner hat die Sechste selber ja nie komplett im Konzert gehört. Es war Gustav Mahler, der die Sinfonie 1899 mit einigen Änderungen aufführte. Erst 1935 wurde in Dresden die Urfassung zum ersten Mal gespielt; paßt zum UA-Datum der Bartok Sinfonie von 1936.

 

Rattle zelebrierte mit seinen Musikern Bruckners 6. Symphonie, die als seine leichteste und heiterste gilt - erwartungsgemäß auf hohem Niveau. Die Interpretation erwies sich in den Grundentscheidungen als genau durchdacht und wurde von den brillanten Musikern technisch perfekt realisiert.

Allein, es wollte sich keine Spannung einstellen. Interessant: Rattle wählte eine klassische deutsche Orchesteraufstellung, bei der sich die ersten und zweiten Geigen gegenübersaßen, statt wie bei der amerikanischen Aufstellung nebeneinander zu sitzen. Die Kontrabässe waren an der Rückfront aufgereiht. Dadurch erhielt der dichte Streicherklang bei aller Fülle eine gute Durchhörbarkeit. Die nahezu perfekte Akustik in der Essener Philharmonie - Hallo Musikfreunde, Ihr müsst wirklich nicht nach Hamburg fahren; das Gute liegt so nahe! - tat ihr Übriges.

Angenehm fiel auf, daß anders als üblich die Blechbläser bei ihren Einsätzen nicht den restlichen Orchesterapparat übertönten, sondern wunderbar eingebettet in den Gesamtklang waren. So weit so gut. Leider wurden aber gerade dadurch die Schwächen von Rattles Zugang zu Bruckner überdeutlich, die man in der Vergangenheit auch immer wieder exemplarisch bei seinen Aufführungen von Symphonien des österreichischen Meisters mit den Berliner Philharmonikern bemerken konnte: Rattle konzentriert sich auf den schönen Moment, nicht auf die Großform. Immer wieder geriet der Fluss der Musik ins Stocken. Der zweite Satz zerfaserte regelrecht. Die Proportionen wurden durch dieser Präsentation von Episoden geradezu unkenntlich gemacht. Zugleich fehlten der Interpretation jener Hauch von Transzendenz und jene Momente der Überwältigung, wie sie sich selbst bei unbekannteren Dirigenten und schlechteren Orchestern immer noch regelmäßig einstellen.

Alles lief mit der Perfektion eines Synthesizers ab: makellos, aber blutleer. Nicht nur beim Rezensenten kam dabei immer wieder sonst unbekannte Langeweile auf. Man blickt trotz nur einer knappen Stunde Spielzeit - Celibidache brauchte regelmäßig mindestens 70 Minuten - öfter zur Uhr. Gänsehautfeeling null. Emotion neutral. Auch im Publikum ringsum konnte man zahlreiche Besucher beim lustlosen Blättern im Programmheft während der Darbietung beobachten. Spannung ist anders. Der Applaus nach dem Schlussakkord war zwar stark, aber fern von jedem Enthusiasmus, den sich sonst in der Essener Philharmonie hörte.

 

Ganz anders dagegen der Bartok. Da knistert es von Anfang an, da stellen sich nicht nur die berüchtigten Nackenhaare auf, nein da gruselt es immer öfter, wie zu guter Musik eines Horrofilms. Was für ein Werk - was für eine 5-Sterne-Interpretation. Wir fiebern mit. Das ist Weltmusik in nur knappe 30 Minuten eingepackt. Trotz modern anmutender Klangbilder verarbeitete Bartok doch auch traditionelle Vorbilder wie Bach, Beethoven oder Strauß und Debussy verbunden mit Strawinskys Rhythmik, Schönbergs Atonalität und seiner ureigens gesammelten Volks- und Bauernmusik.

Das bringen die Londoner einfach genial. Im Publikum kann man eine Stecknadel fallen hören, die meisten Zuschauer sitzen auf der Vorderkante ihres bequemen Philharmonie-Gestühls und dankenswerter Weise gibt Rattle nach jedem Satz dem hörbar verschnupften Publikum eine gute Minute Zeit sich abzuhusten. Danach immer wieder Stille und Spannungsvolles Lauschen.

So ein Abend ist ein Erlebnis, daß sich einbrennt ins Gedächtnis. Die Interpretation Rattles ist hier wirklich das sprichwörtliche Maß der Dinge - 5 Sterne sind eigentlich zu wenig. Und ich habe selten bei diesem Meisterwerk ein so begeistert applaudierendes Publikum gehört. Hoch leben die verständnisvoll zuhören könnenden empathischen Essener Musikfreunde!

 

Peter Bilsing 24. Februar 2019

Foto (c) Hamza Saad / LSO

 

 

Bundesjugendorchester & Kirill Petrenko

featuring: Wieland Welzel (Pauke)

Leonard Bernstein Sinfonische Tänze für Orchester aus West Side Story

William Kraft Timpani Concerto - Konzert Nr. 1 für Pauken und Orchester

Igor Strawinsky Le sacre du printemps

Zugabe: Schostakowitsch Marsch aus Lady MacBeth von Mzensk

 

Montag 7. Januar 2019 / 20 h

 

Ich liebe dieses Orchester. Ihr spielt wundervoll und ihr seid unsere Zukunft. Mit der Musik in euren Händen bin ich voller Hoffnung. Sir Simon Rattle / Ehrendirigent

 

Das Bundesjugendorchester – abgekürzt BJO – ist das nationale Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Bonn. Es beschäftigt als Sinfonieorchester junge Leute zwischen 14 und 19 Jahren und wird getragen von der Projektgesellschaft des Deutschen Musikrates. Gefördert wird das Orchester durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie den Westdeutschen Rundfunk, das Unternehmen Daimler, die Stadt Bonn und die Deutsche Orchestervereinigung. Darüber hinaus wird das Bundesjugendorchester durch Spendengelder unterstützt. Ehemalige Mitglieder des Bundesjugendorchesters gründeten 2011 die Stiftung Bundesjugendorchester mit dem Ziel, Sonderprojekte und Musikinstrumente zu finanzieren. Auch gibt es viele CD-Einspielungen.

Namhafte Dirigenten wie Herbert von Karajan, Kurt Masur, Gerd Albrecht, Carl St. Clair, Steven Sloane, Eiji Ōue, Kirill Petrenko und Sir Simon Rattle leiteten das Kollektiv bisher. Jährlich werden drei vierwöchige Arbeitsphasen mit anschließender Konzerttournee durchgeführt. Dabei haben wechselnde Dirigenten die künstlerische Leitung inne. Das Bundesjugendorchester kann ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Berufsmusiker-Karriere in einem großen Orchester oder als Solist sein.

Doch nun zum Essener Konzert:

Brav, friedlich und gut kleidet – die jungen Burschen mit Fliege und die meisten Damen im langen Schwarzen – betreten rund 110 angespannt wirkende Jungmusiker das leicht amphitheatrisch erhöhte Musikerpodest in der Philharmonie. Die Einstimmung des Ersten Geigers mit dem Kammerton a ist außergewöhnlich lang. Was bei den Berufsmusikern ein mehr oder weniger meist kurzes, traditionelles Abnicken ist, wirkt hier schon außergewöhnlich konzentriert und intensiv. Ab jetzt hört der Spaß auf – merkt jeder im Auditorium. Und wenn Dirigent Kirill Petrenko dann erscheint, steigern sich die Publikums-Akklamationen zu einem ungewöhnlich langen Vorschussbeifall und Jubel.

Schon hier vermerkt der erfahrene Rezensent, daß die Konzertende-Zielvorgabe mit 21.45 Uhr sehr optimistisch – wohl ohne Berücksichtigung der Pause – gesetzt ist. Wir werden dann später um viertel vor zehn gerade einmal fünf Minuten Sacre gehört haben. Und das ist gut so.

Bernsteins West Side Story Tänze sind auf dem Konzertpodium fast noch populärer als das Werk selbst. Sowohl Publikum als auch Musiker warten immer gespannt auf das Fingerschnippen und die Mambo-Rufe der Musiker – akustische Begleitkommentare, die ja schon Strauss bei einigen seiner Walzer (siehe unsere Kritik vom Neujahrkonzert) vorsah. Das laute Mambo rufen natürlich auch eingefleischte Bernstein-Fans im Publikum immer mit – versteht sich. Doch viel gespielt heißt nicht unbedingt immer auch gut gekonnt.

Diese Bernstein-Musik ist nämlich bei aller Grandiosität wirklich unfassbar diffizil und rhythmisch teuflisch schwer. Wer sich auch nur annähernd einmal damit beschäftigen möchte, um einen Einblick zu erhalten, dem sei die DVD Making West Side Story sehr ans Herz gelegt, wo der alte Lenny 30 Jahre nach der UA zum ersten Mal das Stück selbst einspielt. Machen wir es kurz: An den Musikern des BJO hätte Bernstein seine wahre Freude gehabt. Unter Petrenkos präzisem und motivierendem Dirigat – der Maestro hat eine unfassbar großartige Ausstrahlung – spielen die Jungmusiker, als wäre es ihr tägliches Brot mit einer Qualität, wie wir sie in der Albert Hall vielleicht vom LSO serviert bekämen. Man spielt phänomenal. Der Kritiker möchte seinen Ohren kaum trauen; da sitzen blutjunge Künstler und spielen, als machten sie das routiniert seit 30 Jahren. Was für ein Einsatz! Was für eine konzentrierte Spielfreude! Was für eine Fulminanz bei aller Konzentration! Aufatmen mit dem letzten Takt – „Wow, geschafft“ signalisieren die sich entspannenden Gesichter nach dem letzten Takt. Das freundliche Nicken des Maestros bestätigt: Ihr wart toll! Schon jetzt scheint der Jubel kein Ende zu nehmen ...

Gut, dass wir jetzt mit Krafts höchst seltenem Paukenkonzert – wer hat das in seinem Leben schon einmal gehört? – in anfangs etwas friedlicheres Fahrwasser geraten, denn hier steht der Solist, oder soll ich besser sagen Artist, im Vordergrund. Da hat man mit Wieland Welzel einen der renommiertesten internationalen Paukisten – seit 1997 Mitglied im Schlagzeug-Ensemble der Berliner Philharmoniker – einen regelrechten Magier des Schlagwerks verpflichtet.

In einem kurzen Gespräch mit dem hochsympathischen Musiker in der Pause hatte ich allerdings den Eindruck, dass sein Mitwirken bei diesem eindrucksvollen Stück schon praktisch Ehrensache sei. Auf seine lockere Kleidung – langes Poloshirt, dunkle Jeans – angesprochen, erklärt er, dass eine Interpretation im klassischen Musiker-Outfit mit Sacco praktisch ausgeschlossen sei, da er sich ja im fast 360-Grad-Zirkel inmitten seiner Pauken teilweise blitzschnell bewegen muss; und wer Welzel erlebt hat, wie er beispielsweise mit vier Klöppeln an nur zwei Händen divergierende Rhythmen spielt, dazwischen sogar noch seine Pauken umstimmt, der glaubt an Magie; das sind nicht nur außergewöhnliche, das sind schon fast außerirdische Qualitäten. Der pure Trommler-Wahnsinn!

Die seltsam irisierenden Streicherklänge bei dem Kraft-Konzert irisieren wie sie irritieren und erzeugen eine Gänsehaut beim kinoerfahrenen Zuhörer. Hier gruselt es irgendwie, und man hat das Gefühl, dass sich gleich die Geister aus dem Bühnenboden erheben. Eine ganz außergewöhnliche Musik, spannend und hörenswert. Von der höchst sensiblen, fast lautlos gehauchten Klangemotion bis hin zum fortissimo aller Paukenwirbel dieser Welt hat das Stück eine ganz außergewöhnliche Faszination.

Nach der Pause ging dann die sprichwörtliche Post mit Strawinskys Sacre du Printemps ab. Man kann gut nachfühlen, daß es bei der UA in Paris 1913 im gerade neu erbauten Théâtre des Champs-Élysées zu Tumulten und Massenschlägereien kam. Die Mehrheit der Besucher erwartete Friedfertiges und Harmonie. Man bekam Anarchie, Atonalität, akustische Gewalt und diabolische Asymmetrien – erste Anklänge an spätere Maschinenmusik im Stampf-Rhythmus der Tänzer. Das war für viele Traditionalisten zuviel. Schön klang anders. Der Komponist flüchtete, um sein Leben fürchtend, sicherheitshalber. Harte Zeiten für Avangardisten. Später hatte George Antheil, der in seiner Musik Flugzeugmotoren, mechanische Klaviere und Feuerwehrsirenen einbaute, wenn er vorne mit am Flügel saß, immer seinen 45-er Smith und Wesson demonstrativ mit den Worten „Achtung, ich bin bewaffnet“ auf den Flügel gelegt.

Heute ist Sacre ein Welthit – Alibi für moderne Musik und Aufgeschlossenheit – und selbst sehr traditionell eingestelltes Publikum akzeptiert es als grandios ... wenn danach noch Beethovens Fünfte kommt. Mit Sacre nach Hause entlassen zu werden, geht gar nicht. Unglaublich setzte Petrenko als überraschende Zugabe mit seinen Jungmusikern noch einen drauf, nämlich Schostakowitschs skurrilen Marsch aus der Lady Macbeth von Mzensk. Man hatte den Eindruck, daß die ohnehin einem Ufo nachempfundene akustische Runddecke der vorderen Philharmonie nun endgültig abhebt ins Universum der fortissimo-Klänge. Der musikalische Gipfelpunkt war erreicht. Besser und exzellenter hätte man diesen Ausnahmeabend eines superben Konzertes kaum abschließen können. Der Jubel im Publikum war nicht mehr familiär friedlich, sondern ging in Richtung fulminanter Extase. Zurecht!

 

Peter Bilsing 9.1.2019

Bilder (c) Philharmonie Essen / Saad Hamza

 

1. Konzerttournee-Plan 2019

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06.01.2019 Luxemburg, Philharmonie / Petrenko

07.01.2019 Essen, Philharmonie / Petrenko

08.01.2019 Hamburg, Elbphilharmonie / Petrenko

09.01.2019 Berlin, Philharmonie / Petrenko

11.01.2019 Schweinfurt, Theater *

12.01.2019 Bonn, Bundeskunsthalle *

13.01.2019 Coesfeld, Theater *

14.01.2019 Paderborn, Paderhalle *

 

* Hermann Bäumer übernimmt ab dem 11. Januar den Taktstock. Mit dem Mainzer Generalmusikdirektor durfte das Bundesjugendorchester bereits mehrmals zusammenarbeiten, zuletzt für die Indien-Tournee 2018.

 

 

 

BABI YAR

Yuri Temirkanov & Sankt Petersburger Philharmoniker

Herren des Wiener Singvereins - Chorleitung: Johannes Prinz

Bass: Petr Migunov

 

Nikolai Rimski-Korsakow

Musikalische Bilder aus "Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronia" (arrangiert von Maximilian Steinberg)

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 13 b-Moll für Bass, Männerchor und Orchester, op. 113 "Babi Yar"

 

Es gibt nicht viele Stück, die man ernsthaft als Jahrhundertwerk bezeichnen kann, aber es gibt Stücke welche diese Bezeichnung ohne wenn und aber verdienen. Dazu muß Schostakowitschs 13. Sinfonie - Untertitel Babi Yar, beruhend auf einem Gedicht von Jetuschenko - unbedingt gezählt werden. Sie ist ein Mahnmal an die Ermordung von mindestens 100 000 Menschen durch die Nationalsozialisten - anfangs überwiegend Juden. Das geschah 1941 in jener Schlucht namens Babi Yar, in der Nähe der ukrainischen Stadt Kiew.

Das Stück gehört zu den beeindruckendsten und erschütternsten Meilensteinen der Musikgeschichte und wenn am Ende in einem quasi Piano der Stille nur noch das Totenglöcklein ertönt, schnürt es auch heute noch den Zuhörern die Kehle zu, man hat Tränen in den Augen, und es folgen statt Beifall erst einmal viele unendliche wichtige, im Konzert ungewöhnliche Sekunden der Stille. Ähnlich wie nach dem Finale der Poulenc-Oper Dialogues des Carmélites. Das sind jene großen Momente, wo Musik in die tiefste Seele der Zuhörer eindringt und die Menschen nachhaltig bewegt.

Wenn dann noch ein solch phänomenales großes russisches Orchester, wie die St. Petersburger Philharmoniker mit einem Urgestein als Dirigenten namens Yuri Temirkanov (Bild oben) - der immerhin dieses grandiose traditionelle Klangkollektiv schon seit 1988 leitet - aufspielt, kann man ohne Zögern schon im voraus von einer idealen Wiedergabe ausgehen.

Die Erwartung des Rezensenten wurde nicht enttäuscht. Auch wenn 100 Stimmen des Männerchores doch schon etwas voluminöser klingen, als die "nur" 45 des Wiener Singvereins. Und auch wenn dieser wirklich fabelhaft singende Männerchor (Johannes Prinz) - das letzte Tüpfelchen auf dem "i" - wohl noch toller von der Chorempore geklungen hätte, ist ein Traumabend zu attestieren. Ich denke, Schostakowitsch selber hätte das nicht besser dirigieren können und hat sich irgendwo aus den ätherischen Wolken oben im Musikgötterhimmel über eine so grandiose Interpretation und Ernsthaftigkeit gefreut.

 

Der junge Petr Migunov (Bild rechts) - Gewinner diverser internationaler Gesangswettbewerbe

- sang sich, trotz seiner für einen Bass relativ hoch liegenden Tessitura, ganz großartig in die Herzen der Zuschauer. Eine Entdeckung!

 

Lobenswert, daß man in Form einer Ouvertüre eine kurze 15-minütige Zusammenstellung von Auszügen aus Nikolai Rimski-Korsakows in unseren Landen praktisch nie gehörter Oper Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronija voranstellte. Immerhin klangmalerische Schönheit ohne größeren Tiefgang, in der man thematisch die Schlacht am Kershenez zwar etwas weit hergeholte, aber doch als thematische Verbindung sehen kann.

Schade, daß die Essener Philharmonie bei so einem Jahrhundertwerk in vollendeter Interpretation und geschliffenster Wiedergabe nicht ausverkauft war. Musik aus der Tiefe der russischen Seele, wie man sie auch auf besten Silberscheiben so sonst nicht zu hören bekommt; berauschender und ergreifender Beifall nach einer halben Gedenkminute. Danke.

Peter Bilsing 16.10.2018

Bilder (c) Phil Essen / Bolshoi Opera

 

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