DER OPERNFREUND - 44.Jahrgang
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Essen Aalto-Theater - WA

Das vielleicht schönste und akustisch beste Opernhaus Deutschlands

www.aalto-musiktheater.de

(c) bil

 

 

L’ELISIR D’AMORE

Wiederaufnahme 16.1.2014   (Premiere 2.7.2011)

Sanatorium für Nemorino

Dem in den letzten Jahren immer stärker gewordenen Zwang zur Verlegung des originalen Opernplots in ein unvorhergesehenes Ambiente wollte sich Regisseur Andreas Baesler offenbar auch nicht entziehen, und so fand die in bäuerlichem Milieu spielende Geschichte des Meisterwerks von Gaetano Donizetti in einem Sanatorium statt. Die Marschrichtung der Produktion wird durch die Umbenennung des dramma giocoso in opera comica schon vorgegeben, denn Blödelei steht in dieser Auslegung weit über Poesie und auch Dramatik. Baesler hatte seine Inspiration aus dem Roman „Willkommen in Wellville“ von Thomas Coraghessan Boyle bezogen, in dem das von John Harvey Kellogg (dessen Name als Erfinder der Cornflakes in die Geschichte der menschlichen Ernährung eingegangen ist) in den Zwanzigerjahren des 20. Jahrhunderts gegründete „Sanitarium“ (sic!) „Battle Creek“ beschrieben wird.

So hat hier der (von Alexander Eberle ausgezeichnet einstudierte) Chor als Sanatoriumsgäste Turnübungen und Wassertreten auszuüben, Belcore ist ein in Adina, die Besitzerin des Instituts, verliebter Gast, Dulcamara hält einen Vortrag über das von ihm gebraute Colagetränk. Grundsätzlich kann das funktionieren, aber Witz und Esprit fehlen, wenn die erheiternden Momente aus einem Belcore in langen Unterhosen oder einer Giannetta bestehen, die sich von einem Drachen von Krankenschwester in ein Pinup-Girl in rotem Body verwandelt; ebenso übertrieben wird die Wirkung eines Elektroschocks (der bei Kellogg tatsächlich zum Einsatz kam) an Nemorino dargestellt. Besonders geschmacklos sind die Nachttöpfe, die Nemorino einzusammeln und vor der sich ekelnden Adina zu schwingen hat. Umgekehrt wird die zum Schmunzeln einladende Barkarole Dulcamara-Adina zu Beginn des 2. Akts völlig verschenkt. Das Bühnenbild von Harald Thor zeigt die Eingänge verschiedener Gästezimmer und lässt sich elegant verschieben. Die Kostüme (Gabriele Heimann) entsprechen dem jeweiligen Stand der Figuren (Nemorino ist als Liftboy gekleidet). Für recht stimmungsvolles Licht sorgte Manfred Kirst, Sascha Krohn hatte die szenische Leitung dieser Wiederaufnahme inne.

Stimmlich waren Tenor und Sopran trotz kleiner Einschränkungen ihren Bariton- bzw. Basskollegen vorzuziehen. Der Marokkaner Abdellah Lasri verfügt über auffallend schönes Material, das er auch geschmackvoll einsetzt. Zu wünschen wäre ein abwechslungsreicherer Umgang mit der Phrasierung und das Vermeiden unpräziser Einsätze. Was seinem Nemorino an Charme fehlte, hatte die Adina der Slowakin Simona Saturová reichlich. Ihre Koketterie war nie verletzend, und recht rasch wurde ihr klar, welchen Schatz sie in ihrem naiven Anbeter hatte.

Gesungen hat Saturová mit recht geläufiger Gurgel, aber leider völliger Textunverständlichkeit. Das war aber nichts im Vergleich zu der Behandlung, die Heiko Trinsinger (Belcore) der italienischen Sprache angedeihen ließ. Ist im Aalto-Theater dafür gar kein Coach vorgesehen? Ansonsten donnerte der Bariton einen gut aufgelegten Sergeant. Als Dulcamara war der Russe Roman Astakhov in letzter Minute eingesprungen (in eine Inszenierung, die ihm allerdings bekannt war). Er spielte den Quacksalber sehr wendig und im Grunde sympathisch, hielt sich stimmlich bis zum Schlussbild recht gut, um schließlich vokal und musikalisch recht unpräzise zu werden. Als übereifrige Giannetta neigte Christina Clark zu übertriebenem Klamauk.

Am Pult der Essener Philharmoniker stand erstmals der junge Italiener Matteo Beltrami, der vorführte, was solides Handwerk ist, indem er die diversen Ausrutscher seiner Sänger souverän abfing und den Stellen, an denen es keine Probleme gab, mit Hilfe des ausgezeichneten Orchesters, aus dem ich vor allem die Holzbläser hervorheben will, verführerischen Glanz verlieh.                                                                                                          

Eva Pleus  20.1.14                                          Bilder: Aalto Theater

 

 

 

Bewegend, ergreifend ...

LA VIE EN ROSE

WA am 18.12.13 im Essener Aalto

Ein Ballett für die Ewigkeit zum Weinen schön

Wenn Sie sich nicht, wie an manchen Häusern, über modernes Dauer-Tanztheater in Zerknirschung und Selbstzerfleischung ergehen oder langweilen möchten, dann bitte auf nach Essen. Buchen Sie sich in den wunderbaren Piaf-Abend ein, solange er noch läuft. Das Stück ist nicht ohne Grund seit seiner Aalto-Premiere 2007 ständig ausverkauft - heuer gibt es noch einige Karten für die restlichen Vorstellungen.

Die wunderbar und stilvoll aus-choreographierten Chansons von Edith Piaf, Gilbert Bécaud und Jacques Brel (in toller Tonqualität nebenbei bemerkt) mit dem fabelhaften nun schon 82-jährigen Zygmunt Apostol als konferierender Clochard  - man muss diesen Künstler einfach erlebt haben! - bezaubern weiterhin nachhaltig. Fantasievolle Bilder von Paris -  stilvoll ästhetisch und formvollendet projiziert auf diverse Regen-, Sonnen- und sonstige Schirme - dazu und eine traumhafte Lichtregie (Jürgen Nase). Solche Bilder betören auf charmante Weise die Herz und Seele der Zuschauer. Kann Ballett schöner sein, können Chansons ewiger erstrahlen?

Das tragische, kurze und dennoch so erfüllte Leben der Piaf findet hier eine gesamtkunstwerkliche Hommage für die man Ballettdirektor Ben Cauwenbergh ewig Dank sagen möchte; eine respektvolle Würdigung.

Dass eine tolle Tänzerin, wie Adeline Pastor, auch noch singen kann und über eine der Piaf durchaus ähnliche Tessitura verfügt, ist unglaublich. Dazu kommt Denis Untila als "Gilbert Bécaud", der in seinen Performances nicht nur die Grenzen der Schwerkraft praktisch aufhebt, sondern auch die lässige "Leichtigkeit des Seins" jenes Savoire Vivre de Dance so bravourös wie begnadet interpretiert.

Am Ende, wie nach jeder bisherigen Vorstellung, Jubel, Jubel, Jubel... Das ist aber auch eijne fabelhafte Tanztruppe da in Essen. Irgendwie habe ich immer das Gefühl, daß es bei aller Schwerarbeit doch irgendwie allen Mitgliedern des Ensemble auch noch richtig Spass macht so etwas zu tanzen, zungestalten. Bravi!

Das Ergebnis von soviel tollem Engament:

Unisono beglückende und strahlende Gesichter beim Publikum; ach wie kann Tanztheater schön sein! Wir haben alle feuchte Augen ;-) ...

Hier waren mal wieder (!) sowohl die 80-Jährigen, als auch die 17-jährigen Teenager im Herzensjubel vereint.

Peter Bilsing 22.12.13                           Wunderbare Bilder von Bettina Stöß

Meine Premierenkritik von 2007

 

noch Vorstellungen in der Spielzeit 2013/2014: 

Sa 04. 01. 2014 19:00 - 21:15 Uhr

Sa 01. 03. 2014 19:00 - 21:15 Uhr

So 27. 04. 2014 18:00 - 20:15 Uhr

Sa 03. 05. 2014 19:00 - 21:15 Uhr

 

 

 

 

TRISTAN UND ISOLDE

10. November 2013

Meisterdirigent mit Weltkarriere wieder in NRW

Am Aalto-Theater in Essen, seiner langjährigen erfolgreichen Wirkungsstätte, hat Stefan Soltesz alle Gastengagements abgesagt, auch für drei Aufführungen von „Tristan und Isolde“ in der hochgelobten Inszenierung von Barrie Kosky  aus Dezember 2006. Da war es für das Theater und die Besucher gleichermassen ein grosses Glück, daß Peter Schneider die musikalische Leitung dieser Aufführungen übernahm. Älteren ist er noch von seiner Tätigkeit an der Deutschen Oper am Rhein bekannt, vor allem mit Mozart und Wagner, inzwischen hat er an den meisten grossen Opernhäusern dirigiert und ist Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper.  Bayreuth-Besucher erinnern sich unter anderem dankbar, wie  sein mitreissendes Dirigat von „Tristan und Isolde“ der spröden Inszenierung von Marthaler musikdramatisches Profil verlieh.  Dies wußten grosse Teile des Publikums der ersten dieser Vorstellungen in Essen am vergangenen Sonntag  zu schätzen, denn der Begrüssungsapplaus für Peter Schneider dauerte ungewöhnlich lang.

Gleich das Vorspiel – erfreulicherweise bei geschlossenem Vorhang – geriet zu einer symphonischen Dichtung, behutsam langsam beginnend, sehr transparent für alle sogenannten „Nebenstimmen“, dynamisch sich steigernd  bis zum grossen leidenschaftlichen Höhepunkt, um dann zum Beginn des I. Aktes bereits jetzt fast hoffnunglos mit den tiefen Streichern zu enden. Als weitere Beispiele seien genannt das markante Staccato der Bläser im I.Akt nach „Herr Tristan trete nah“ sowie die rauschhafte Tempo- und Ausdruckssteigerung bereits zum Ende dieses Aktes. Rhythmisch sehr exakt spielten die Hörner der Jagdgesellschaft zu Beginn des II. Aktes. Und natürlich genoß man  „liebestraumhaft“ das grosse Duett im II. Akt. Ganz sonor und volltönenend klangen die Streicher zu Beginn des III. Aktes  mit der folgenden nötigen Rücknahme des Klangs  für die Darstellung der Weite des Meeres. Auch der Übergang von der ausdrucksvoll vom Englisch-Hornisten Andreas Gosling gespielten „alten Weise“  zu den tiefen Streichern war ein kleiner musikalischer Höhepunkt.   Selten hörte man die Streicher so leise wie nach Tristans „göttlich ewges Urvergessen“, da Wagner hier das einzige ppp im Tristan vorschreibt. Die  Essener Philharmoniker folgten bestens, auch in allen Soli, den Anregungen des Dirigenten.


Wo notwendig dämpfte er den Sängern zuliebe den mächtigen Orchesterklang. Das nutzte  vor allem dem Tristan von Jeffrey Dowd. Seit er vor sieben Jahren, obwohl kein eigentlicher Heldentenor, sich zum ersten Mal an die Partie wagte, hat er enorm an Sicherheit und Einteilung seiner stimmlichen Mittel zugelegt. Natürlich schonte er seine baritonal timbrierte Tenorstimme im I. Akt und, soweit mit einer Isolde wie Evelyn Herlitzius  möglich, auch im II. Akt. Das lohnte er mit schönen Legatobögen etwa im II. Akt „Das Land das Tristan meint“ oder im III. Akt „Wie sie selig..“ So planvoll dosiert blieb ihm genügend Stimmkraft , um die Fieberausbrüche Mitleid erregend und treffsicher in den Spitzentönen zu bewältigen. Wie gewohnt hochdramatisch in Gesang und Darstellung ging Evelyn Herlitzius völlig in der Gestaltung der Isolde auf, gleich im I. Akt legte sie richtig los, Wut, Verzweiflung, Enttäuschung, aber auch Ironie ausdrückend. Dabei klang ihre Stimme am schönsten in der Mittellage und, wenn gefordert, darunter, während bei Spitzentönen ihr Temperament sie manchmal zum Forcieren verleitete.

Der  Kurwenal von Heiko Trinsinger ist schon soviel bewundert worden, daß man nur bestätigen muß, in Gesang, Textverständlichkeit und Spiel kann man sich diese Partie nicht besser vorstellen. Während die erwähnten drei Sänger seit der Premiere 2006 dabei waren,  übernahm die Brangäne nunmehr Martina Dike, die die Partie treffsicher in Spitzentönen, gut fokussiert in der Mittellage und weitgehend textverständlich gestaltete. Wunderschön gehalten sang sie die „Hab Acht“ - Rufe Vom Timbre her war ihre Stimme dem Sopran von Isolde sehr ähnlich, was bei den Duetten der beiden die unterschiedlichen Charaktere ein wenig verwischte.  
Ante Jerkunica sang mit gut fokussierter sonorer Baßstimme den König Marke, die grosse Verzweiflung über Tristans angeblichen Verrat glaubte man ihm aber nicht so ganz,  Mateusz Kabala sang genau und spielte bösartig den Melot. Die kleineren Partien waren rollengerecht besetzt, wie in der Premiere sang Thomans Sehrbrock den Steuermann, war Rainer Maria Röhr.  eine Luxusbesetzung für den „jungen Seemann“ . Den Hirten sang passend Albrecht Kludszuweit. Der Männerchor, einstudiert von Alexander Eberle, tönte mächtig und rhythmisch exakt aus der Höhe, in dem kleinen nach vorne offenen Würfel, in dem sich bis kurz vor Schluß das Geschehen abspielt, hätte er ja auch keinen Platz gefunden.

In diesem Würfel (Bühne Klaus Grünberg) wird es ohnehin eng, wenn mehr als zwei Personen  auftreten, seinen eigentlichen Sinn erfährt man im grossen Liebesduett des II. Akts, wo er sich erst langsam und dann immer schneller dreht, bis er bei „Rette dich Tristan“ auf dem Kopf zum Stehen kommt. Da die Sänger der beiden Hauptpartien nach so vielen Aufführungen dabei  singend  auch perfekt die körperliche Balance halten konnten, mußte man wieder diese Idee bewundern, wurde hier doch ein sehr passendes Bild für die gemeinsame „Entindividualisierung“ der beiden Liebenden  getrennt von der übrigen Welt gefunden. Überflüssig oder sogar ärgerlich erschien immer noch das Hin- und Hertragen von Morolds abgeschlagenem Kopf im I. Akt – Salome läßt grüssen – oder die Schäfchen zu Beginn des III. Akts. Isoldes Liebestod auf der dann ganz leeren weiten Bühne (ohne Würfel), wenn so dargestellt wie von Herlitzius, war  der rauschhafte  Abschluß dieser grossartigen Aufführung.

Wenn man bedenkt, daß am Morgen desselben Tages in der Philharmonie Tzimon Barto Bachs Goldberg-Variationen spielte, und dort gleichzeitig zum „Tristan“ das London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev Berlioz spielte, spricht es schon für die Musikbegeisterung der Gegend, daß dieser „Tristan“ fast ausverkauft war. Nach dem verklärenden Schluß und einer Schweigeminute dankte starker Beifall, auch stehend, den Künstlern mit Bravos für die vier Hauptpersonen und natürlich für Meisterdirigent Peter Schneider.

Sigi Brockmann / 12. November 2013                       Fotos: Matthias Jung

 

 

 

TANZHOMMAGE AN QUEEN

WA am 12.10.13

Uraufführung: Staatstheater Wiesbaden 2004               Premiere Essen 2009

"Nichts ist schöner für Tänzerinnen und Tänzer als vor vollem Haus zu tanzen und ein glückliches Publikum zu erleben. Wenn die Menschen auf der Bühne und im Zuschauerraum zusammen harmonieren, ist das auch mein Erfolg."(BvC)

Ach würden alle Choreografen nur so an ihr Publikum denken! Ben van Cauwenberghs wirklich tolle und mitreißende Choreografie - mittlerweile in die halbe Welt verkauft - ist zeitloser Kult. Man wird sie noch in 20 Jahren bringen können, ohne das irgendetwas langweilig, überholt, staubig vermottet oder deja vue wirkt. Dazu ist die Musik zu großartig und die Bildgewalt zu mächtig. Es wird Zeit das Ballett für die Ewigkeit auf DVD zu dokumentieren; vielleicht jetzt, wo die Essener-Ballett-Compagnie sich in einem fabelhaften Zustand befindet. Sehr glaubwürdig und hoch-engagiert realisieren sie in begnadeter Qualität sowohl modernen Tanz, als auch klassisches Ballett, Artistik und das alles noch höchst humorvoll ergänzt mit prachtvollen 50-er Jahre Standart-Tanznummern.

Eine geniale Choreografie, die sich dem Phänomen Queen und ihrem superben und gleichzeitig oft auch skurril outrierenden charismatischen Sänger Freddie Mercury nicht nur auf höchst sensible Weise nähert, sondern ihm geradezu ein Denkmal in Musik und Tanz mit großer Empathie setzt. Die 31 Nummern vergehen, wie im Flug und man könnte nach den knapp zwei Stunden das Ganze gleich nochmals, höchst euphorisch, sich zu Gemüte führen.

Bei "Who wants to live forever" - ein quasi memento mori - bekommen nicht nur sensible Fans feuchte Augen angesichts Mercurys tragischen Endes. Auf geradezu wunderbare Art und Weise skizziert Cauwenbergh die Lebenslinie dieses Mannes, in Liebe, Leid, Trauer, Aufbegehren, Verrücktheit, Groteske und musikalischer Genialität. Da bricht der Good Old Rock´n Roll heraus aus den bürgerlichen Szenarien der Spießergesellschaft, ironisch wird die Krimi-Atmosphäre alter Edgar-Wallace-Filme zitiert oder der Teeni-Weenie-Tanzsalon im Schleuder-Rock´n Roll der Elvis-Zeit; und immer wieder wird auch das Thema der Homosexualität, wie z.B. in einem grandiosen Männer-Pas-de-deux liebevoll ausgetanzt - in hoch-ergreifenden sensiblen Bildern.

Am Ende ragt der Sänger in typischer Pose als gigantisches steinernes Monument aus dem Bühnenboden, als könne der Rocksuperstar die Erdoberfläche noch einmal durchbrechen und aus dem Grabe wieder auferstehen. Was für eine grandiose Bühne hat Bühne Dmitrij Simkin da geschaffen...

Freddie Mercury war ein Idol und ist es geblieben. Idole sterben nicht; vor allem wenn ihnen in dieser Form die Ehre zukommt, zumindest musikalisch, neu zu erwachen.

Was für ein Ballett-Abend! Grandios und sicher mehr als zählbare Sterne wert...

Peter Bilsing /  13.10.13                                            Bilder: Aalto Theater

 

 

 

DIE FRAU OHNE SCHATTEN 

am 21. Juli 2013

Abschiedsvorstellung von Stefan Soltesz

Nun will ich jubeln, wie keiner gejubelt“. Mit diesen Worten stimmt Barak in „Frau ohne Schatten“ die Finalszene der Oper an. Für zwei Aufführungen wurde dieses Werk, welches 1998 am Essener Aalto-Musiktheater in einer malerisch-statischen Inszenierung FRED BERNDTs Premiere hatte, nach etlichen Wiederaufnahmen in den vergangenen Jahren nochmals auf den Spielplan gesetzt. Man darf dahinter einen persönlichen Wunsch von STEFAN SOLTESZ vermuten, denn nach 16 Jahren als GMD und Intendant in Personalunion sollte es wohl ein besonders starker Abgang sein. Obwohl immer die Vielseitigkeit dieses Dirigenten (nota bene auch mit Sympathie für die Operette) hervorgehoben wird, sind es doch vor allem zwei Komponisten, die ihn reiz(t)en: Wagner und Strauss. Letzterer wurde in Essen sogar mit Daphne“ und „Ägyptische Helena“ berücksichtigt.

Stefan Soltesz bezeichnet sich als Fan von „Frau ohne Schatten“. Er brachte auch diesmal das Wohlklängige der Musik zu intensivem Farbglühen und wuchtete die Keikobad-Akkorde mächtig auf. Das Orchester leuchtete. Da der Spieler der Glasharmonika im 3. Akt auf der Seitenbühne postiert war, konnte man den Einsatz dieses höchst seltenen Instruments einmal wirklich akribisch verfolgen. Soltesz bei seinem gestisch prägnanten, dabei stets feinfühligen Dirigat zu beobachten, war ein eigener Genuss. Der Youtube-Mitschnitt einer Konzertaufführung durch das Essener Ensemble 2010 in Garmisch-Partenkirchen lässt das vielleicht ein wenig nachvollziehen.

Etliche Premierensänger waren noch dabei. SILVANA DUSSMANN bot die heiklen Auftritts-Staccati der Kaiserin ausgesprochen locker und ließ ihre vielen Kantilenen nur so dahin gleiten; JEFFREY DOWD, weiterhin unverzichtbarer Tenorrecke am „Aalto“, war als Kaiser neuerlich imponierend. HEIKO TRINSINGER, ALMAS SVILPA und RAINER MARIA RÖHR verkörperten Baraks lärmende Brüder, MARCEL ROSCA – erkennbar ein Publikumsliebling – hatte für den Geisterboten immer noch eine imposante vokale Statur. Die Färberin wäre als Charakter sicher etwas differenzierter vorstellbar als wie bei CAROLINE WHISNANT, aber die Sängerin vermochte eine bestechend gleißende Stimme ins Feld zu führen. Die stärksten Eindrücke indes: DORIS SOFFEL als fast brünnhildenhafte Amme und FRANZ GRUNDHEBER (76), der als Barak mit seiner baritonalen Potenz noch so manchen jungen Kollegen aus dem Felde schlägt. Besonderer Beifall galt natürlich Stefan Soltesz, der sich nach der Vorstellung im Foyer mit einer kurzen, unsentimentalen Ansprache von seinem Publikum verabschiedete. Als Gast wird er dem Hause verbunden bleiben.

Ein Rückblick …Wie weit auch Lust an der Macht im Spiele war, dass Stefan Soltesz gut anderthalb Jahrzehnte an ein und demselben Ort wirkte, bleibe einmal dahin gestellt. In erster Linie dürft ihn das Doppelamt aus künstlerischen Gründen gereizt haben. Es gibt einen Interviewsatz von Soltesz, der sein „Ego“ am konzentriertesten spiegelt: „Ich bin hauptberuflich Dirigent, aber in erster Linie Theatermensch.“ Das lässt auch verstehen, warum er als junger Mensch mit dem Gedanken spielte, Schauspieler zu werden. Aber die Weichen wurden schließlich doch in Richtung Musik gestellt.

Wenige Jahre nach der Geburt von Stefan Soltesz (1949) übersiedelte die Familie von Ungarn nach Wien. Hier erhielt Soltesz sehr bald Klavierunterricht, studierte später an der Musikhochschule der Stadt, u.a. Dirigieren bei Hans Swarowsky. Wichtig wurde auch die Mitgliedschaft bei den Sängerknaben. Die Karriere als Kapellmeister begann 1971 im Theater an der Wien, verlief dann über die Staatsoper (samt den obligaten Aufgaben als Korrepetitor) und Gastauftritten in Graz bis zu den Salzburger Festspielen, wo Soltesz Assistent u.a. von Karl Böhm und Herbert von Karajan war. Seine erste GMD-Stelle fand er in Hannover, woran sich eine Tätigkeit an der Flämischen Oper Antwerpen/Gent anschloss. Danach kam Essen.

In seinem ersten Amtsjahr dirigierte Stefan Soltesz fünf von sieben Produktionen, darunter Ludwig van Beethovens „Fidelio“. Wolf-Dieter Hauschild, bis dahin Chef am Aalto, mochte die provokante Inszenierung von Dietrich Hilsdorf nicht, Soltesz holte sie in den Spielplan zurück. Der Regisseur besitzt in Essen übrigens längst Heimatrecht, seine Arbeiten sind im Laufe der allerdings Jahre milder geworden. Aber das passt durchaus zum Stil des Hauses, denn Soltesz lässt auch die sogenannten „Altmeister“ bei sich arbeiten (Adolf Dresen, Johannes Schaaf, Nikolaus Lehnhoff), obwohl er auf der Bühne grundsätzlich gerne für frischen Wind sorgt. „Nach meiner Erfahrung wurde gerade die Opernszene am pfiffigsten und nachhaltigsten von Quereinsteigern befruchtet.“ Ein solcher war Stefan Herheim nun gerade nicht, gleichwohl ein extrem unorthodoxer Deuter (Bellinis „Puritani“ sowie Mozarts „Don Giovanni“, in Sonderheit zugeschnitten auf die Zerlina der reifen Helen Donath). Auch „Provokateure“ der älteren Generation (Hans Neuenfels, Peter Konwitschny) haben bei Soltesz gearbeitet. Noch bei seiner letzten Premiere am Aalto, Wagners „Parsifal“, unterstrich der Intendant sein künstlerisches Credo mit der Wahl Joachim Schlömers als Regisseur.

Einmal in all den Jahren sah sich Stefan Soltesz genötigt, im Rahmen der allseits grassierenden Finanzkrise das Wort zu ergreifen. Das war 2010. Einer seiner Vorwürfe lautete, dass die Politik „künstlerische Betriebe [allzu sehr] mit kommerziellen Unterhaltungsstätten“ verwechsle und einen „unmittelbaren Zusammenhang zwischen Kulturförderung und Haushaltskrise“ suggeriere. Doch längst steht die Oper in Essen wieder blendend da. Das optisch ungemein attraktive Aalto-Haus (akribisch gebaut nach den ursprünglich schon begrabenen Plänen des finnischen Architekten Alvar Aalto, 1898-1976) kann auf eine kontinuierlich hohe Platzausnutzung verweisen. Das mag weitläufig auch damit zusammenhängen, dass das Publikum mit zeitgenössischem Musiktheater nicht über Gebühr konfrontiert wird. Doch immerhin: bei herausragenden Produktionen in diesem Bereich stand Soltesz persönlich am Pult: Bergs „Wozzeck“ und „Lulu“, Reimanns „Lear“ und Christian Josts „Arabische Nacht“. Diese Uraufführung holte sich Regisseur Anselm Weber 2008 als damaliger Schauspielintendant in den Grillo-Bau, wo die Oper früher einmal beheimatet war.

Die Arbeit von Stefan Soltesz in Essen erfreute sich nicht nur extremer Publikumsgunst (auch von Zugereisten), sondern schlug sich auch in Höchstbewertungen durch die Presse nieder. Immer wieder erhielten Aufführungen, Sänger, die Essener Philharmoniker und nicht zuletzt Soltesz selber „Best“-Noten. Solche Qualitätsspitze konnte freilich nur durch harte Arbeit erreicht werden, was naturgemäß nicht immer in einer entspannten Probenatmosphäre vonstattenging. Soltesz weiß selber um sein mitunter etwas cholerisches Temperament: „Um es mit dem großen George Szell zusagen: Du kannst kein guter Dirigent sein und zugleich ein netter Kerl.“ Nun denn, das ist ein weites Feld. Relevant für den Musikfreund ist letztlich die künstlerische Leistung, und die war in all den Soltesz-Jahren durchwegs exemplarisch (wobei die Konzertauftritte in der dem Aalto benachbarten Philharmonie an dieser Stelle nicht einmal beleuchtet werden konnten).

Attraktiv am Essener Theater war stets das Sängerangebot. Soltesz zog sich ein wunderbares Ensemble heran. Pars pro toto und quer durch die Stimmlagen: Zsuzsanna Bazsinka, Ildiko Szönyi, Jeffrey Dowd, Károly Szilágyi, Marcel Rosca. Hinzu kamen für spezielle Partien namhafte Sänger. Die bereits erwähnte Helen Donath gab nicht nur die Zerlina, sondern darüber hinaus die Aithra in der „Ägyptischen Helena“ an der Seite von Luana DeVol, die auch als Elektra, Färberin und – eigens für Essener Konzertaufführungen einstudiert – Bellinis Norma er erleben war (diese Partie übernahmen auch Karine Babajanian, Michèle Crider und Iano Tamar). Bei Wagners Sachs wechselten sich Franz Hawlata, Wolfgang Brendel, Oskar Hillebrandt, Jan-Hendrik Rootering und Wolfgang Schöne ab. Man könnte seitenlang fortfahren.

Obwohl Stefan Soltesz durchaus Gastspiele annahm und auch häufig im Plattenstudio arbeitete: sein Stammhaus ging ihm vor. Seine Dauerpräsenz am Pult der Essener Philharmoniker war nachgerade unglaublich. Anders hätte die von ihm angestrebte Qualität aber auch kaum gehalten werden können. Und nicht zuletzt dieses hohe Arbeitsethos dankt man Stefan Soltesz. Es wird schwer fallen, sich das Essener Musikleben künftig ohne ihn vorzustellen.

Christoph Zimmermann

 

 

 

TRISTAN & ISOLDE

20. Mai 2013
 
Tristan - vom Tenor zum Bariton
 
Zugegeben – ein Stück Neugier war schon dabei, sich trotz derzeit zahlreicher anderweitiger Aufführungen auch den Tristan in Essen anzuschauen und anzuhören. Spannende insofern, als dass die Premiere von Ende 2006 von der Kritik sehr divergierend beurteilt wurde. Aber immerhin stand der Chef Stefan Soltesz persönlich am Pult, den man ja nicht mehr so häufig in Essen erleben wird.  
So gab es für das volle Haus auch mehr zum Zuhören denn zum Schauen. Klarer Gewinner des Abends waren die grandiosen Philharmoniker, mit vielschichtigem intensivem Wagner-Klang und ausgezeichneten Bläsern; das ist kaum besser zu machen.

Der zweite Star war Heiko Trisinger als Kurwenal, der seine wohlklingend voluminöse Stimme subtil einzusetzen vermochte. Auch Evelyn Herlitzius, weltweit wagnererfahren, konnte mit ihrer hochdramatischen sicheren Stimme schon begeistern, wenngleich ihr etwas weniger Metallklang frommen würde.  

Martina Dike als Brangäne fügte sich kraft- und klangvoll in das Team ein; auch die kleineren Rollen waren stimmlich angenehm besetzt. Klar unterlegen war Jeffrey Dowds als Tristan, der kräftemäßig anfangs noch leidlich mithalten konnte, aber zunehmend von Isolde und im dritten Akt von Kurwenal an die Wand gesungen wurde. Stimmlich von einem engen tenoralen Schmelz zum Bariton-Klang gleitend hatte er Mühe, die Partie durchzustehen; dies auch, weil der Maestro am Pult volle Lautstärke weiterspielen ließ.

 Eher enttäuschend auch die Inszenierung. Das kleine Kästchen mag ja als Schiffskabine durchgehen, aber bei dessen kontinuierlicher 360-Grad-Drehung im zweiten Akt erwischte sich der Rezensent ständig bei der Überlegung, wie die Akteure sich wohl als nächstes bewegen würden oder gar hinknallen, anstatt dass er der Musik zuhörte. Schwach auch das Finale: Tristan in schmutziger Unterwäsche, Isolde muss noch einmal quer über die Bühne rennen, um sich sterbend neben ihre Geliebten zu schmeißen. Dennoch - jubelnder Applaus. Wagner kommt halt immer gut, wenn der Klang stimmt, egal wie!

Michael Cramer                                                      Bild: Aalto Theater

 

Die Hilsdorf-AIDA

WA am 30.4.13

24 Jahre nach der Premiere immer noch aktuell spannend und faszinierend

Wenn sich eine relativ moderne Inszenierung nun bald ein Viertel-Jahrhundert auf dem Spielplan hält, dann kann man, muß man von KULT sprechen. Der immer noch begeisterte Kritiker bestätigt, daß diese tolle Produktion auch nach 24 Jahren nichts von ihrer wirklich sensationellen Bildgewalt und überragend akustischer Wirkung in Form seiner einmaligen Raum-Klang-Installationsverloren hat.

Immer noch verblüfft Leiackers optisch brillante Raumperspektive, die das Innere eine liegenden Pyramide mit fast unendlicher Bühnentiefe suggeriert. Optischer Wahnsinn! Aber auch das perfekte Arrangement dieses Triumpfmarsches von nie dermaßen erlebter Vielfältigkeit und subtil kritischer bösartiger Gesellschaftskritik, kann man einfach nicht vergessen.

So ist diese Produktion nicht nur ein Meilenstein in der Rezeptionshistorie der Oper an sich, wo ich sonst nur noch Neuenfels (Aida, Frankfurt 1980) einordnen würde, sondern auch ein Stück Aalto-Operngeschichte, denn sie ist jetzt schon in die künstlerische Historie dieses Opernhauses eingegangen.

Daß die Memphis-Twins diesmal keinen Sekt mehr an die Zuschauer der ersten Reihe ausschenkten ist in Zeiten knapper Kassen verständlich.

Aus der guten Sängerriege, die jede Essener Wiederaufnahme auszeichnet, möchte ich allerdings Adina Aaron (Aida) herausheben, die für mich am Anfang einer echten Welt-Karriere steht. Schon in Köln erhielt sie minutenlange Standing Ovations - heuer in Essen nahmen die Brava-Rufe und Jubelstürme auch wieder kein Ende. Wer sie noch nicht gehört hat, sollte unbedingt die wenigen restlichen Aufführungstermine nutzen ums diese Traumstimme noch erleben zu können.

Peter Bilsing 

 

 

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