DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Giuliano Betta

                     

Was erwarten Sie von den Orchestermusikern bei der ersten Probe für ein neues Werk?

Ich erwarte dass die Musiker vorbereitet sind und Lust haben, mit mir in eine neue Produktion zu starten, damit das Resultat eine erfolgreiche Aufführung werden kann.

Eine Oper hat eine vorgegebene Handlung, ein Drehbuch. Das ist beim Ballett oft nicht der Fall. Sie stehen im Orchestergraben und dirigieren Ballettproben. Welches sind die Unterschiede in einer Ballettproduktion und einer Musiktheaterproduktion? Wo liegen die grössten Schwierigkeiten?

Die Vorbereitung ist an sich für beide Gattungen identisch: In erster Linie muss ich die Partitur kennen, muss die Musik lieben und geniessen können. Im Musiktheater sind Text, Handlung und Musik eine Einheit. Das ist beim Ballett nicht zwingend der Fall. Es kann sein, dass der Choreograph die geeignete Musik ausgesucht hat, basierend auf der Handlung, welche der Choreograph sich vorstellt und als Tanztheater/Ballett entwickeln will. Als Dirigent muss ich mich den Tänzerinnen/Tänzern anpassen, muss ein Gefühl für die Schritte, Tempi entwickeln und dann mit meinem Orchester innerhalb dieser Gegebenheiten musizieren. Im Musiktheater sind Tempovorgaben strenger und ich kann die Opernproduktion mit dem Regisseur, den Sängerinnen und Sängern auf der Bühne im Rahmen der Partitur und der Handlungsvorgaben entwickeln.

Das Ballett wirkt eher Rhythmus orientiert. Müssen Sie sich als Dirigent den TänzerInnen anpassen oder müssen sich die Künstler auf der Bühne dem Orchester, dem Dirigenten anpassen?

Es ist immer eine Synthese zwischen dem Choreograph und seinem Team und dem musikalischen Leiter mit seinen Musikern, man findet die Tempi gemeinsam. Natürlich ist Live-Musik weniger temposteril und ich kann/muss mich in jeder Vorstellung der Bühne, wenn nötig, anpassen. Bühnenkünstler sind keine Maschinen und hängen von ihrer Tagesform ab, genau wie der Dirigent und die Orchestermusiker. Dasselbe gilt natürlich auch für das Musiktheater, die Oper. Als Dirigent muss ich mich, speziell in der Dynamik, den SängerInnen auf der Bühne anpassen. Live-Aufführungen leben vom Moment, sind keine Konserven! Zu bemerken ist auch, dass ich im Musiktheater die SängerInnen höre und mich anpassen kann, im Ballett ist das schwieriger, weil die Abendform nur visuell feststellbar ist.

Welches sind Ihre Ansprüche an eine für Sie perfekte Produktion, sei es Oper oder Ballett?

Zunächst zur Oper: Wesentlich für mich ist, dass nach allen Proben, musikalischen Repetitionen mit Sängern und Sängerinnen Text, Handlung und Musik frei fliessen, dass die Protagonisten auf der Bühne agieren und singen ohne immer auf den Dirigenten zu starren, und dass ich mich als Dirigent dem Orchester, dem gesamten musikalischen Ensemble widmen kann. Alles muss aus einem Guss sein, musikalisch ganz natürlich fliessen. Genau gleich ist das beim Ballett, man musiziert frei ohne Zwänge, denn diese Zwänge wurden in den Proben besprochen und abgebaut. In einer perfekten Aufführung vergeht die Zeit, ohne dass man dies wahrnimmt. Man sitzt im Zuschauerraum, die ersten Takte erklingen, und irgendwann ist das Werk zu Ende. Wow, schon?! In einer perfekten Produktion sollte die vierte Dimension, die Zeit, nicht mehr fühlbar sein!

Klassik-Events sind trotz stolzer Preise immer sehr gut besucht, auch wenn die künstlerische Leistung sehr oft nicht das künstlerische Niveau des Theater Basel, des Konzert Theater Bern oder Konzert Theater Freiburg erreicht. Wieso ist dies aus Sicht des Dirigenten so?

Eine Oper wurde immer für das Publikum geschrieben, ihre Aufführung war immer auch ein gesellschaftliches Ereignis. Die Zuschauer möchten eine Oper, aber auch das Ereignis geniessen. Dazu gehören das gemeinsame Erleben von Musik, ein spezieller Ort, Kulinarik etc. "Genuss" ist immer eine individuelle Sache, aber meiner Meinung nach kann nur ein Dirigent, der sich auch der übrigen Faktoren bewusst ist und diese nachempfinden kann, ein guter Dirigent sein. Erst dann kann er dem Publikum die Musik näherbringen. Ich, Giuliano Betta, geniesse das Leben! Obwohl ich ein Purist der Musik bin, kann ich nachvollziehen, dass auch künstlerisch nicht perfekte Produktionen grossen Erfolg haben können.

Haben Sie den Eindruck, dass feste Theaterinstitutionen zu wenig Wert auf den Eventcharakter legen, dass dieser Aspekt zu stark dem künstlerischen Anspruch untergeordnet, im Endeffekt gar nicht beachtet wird?

Vielleicht ist unser künstlerischer Anspruch oft zu hoch! Vielleicht vergessen wir als Perfektionisten gelegentlich, was dem Publikum gefallen könnte. Ein Theater aber ist gezwungen, immer wieder neu, anders zu inszenieren, zu versuchen, dem Publikum neue Horizonte zu eröffnen. Vielleicht versuchen wir dies des Öfteren in zu grossen Schritten. Die Schulung des Zuhörens, des Zusehens sollte in kleinen Schritten, in homöopathischen Dosen geschehen! Natürlich gibt es im Theater auch Traditionen, welche abgeschafft gehören. Zum Beispiel das Da-Capo Singen nach Szenenapplaus, wie das in der Mailänder Scala immer noch verlangt wird. Ich bin der Auffassung, dass es wichtig ist, in einer Oper die Katharsis nach Goethes Muster, also den Ausgleich der Leidenschaften bei den Protagonisten, zu erreichen.

Viel ist die Rede vom Regietheater. Im Musiktheater war früher oft der Dirigent der vorherrschende, heute scheint es der Regisseur zu sein. Dies führt oft zu massiven Änderungen in Handlung und Zeit, in extremen Fällen sogar zur Veränderung der Musik. Solche Mechanismen halten das Publikum oft vom Theaterbesuch ab!

Das Wichtigste in einer Musikproduktion ist das Team. Der Regisseur, der musikalische Leiter, die Sänger und Sängerinnen müssen zusammenarbeiten, einen Konsens finden. Speziell schwierig wird es, und das kommt oft vor, wenn die Ideen der Regie stark, zu stark, von den musikalischen/dramaturgischen Vorgaben eines Komponisten abweichen. Wichtig ist, dass der Inhalt "richtig", was immer dies heisst, wiedergegeben wird. Dann bin ich offen für alle Arten von Regieführung. Theater soll und muss sich entwickeln. Ich freue mich über die neuen kreativen Ideen, die von jungen RegisseurInnen und ChoreographInnen in die Produktionen eingebracht werden. Interpretation ist wichtig, sei es dramaturgisch, sei es musikalisch. Carlos Kleiber und Leonhard Bernstein zum Beispiel, haben die Art der Interpretation weiterentwickelt, modernisiert. Man muss seine eigene Auffassung ohne Angst, ohne Zweifel, aber mit Herz und Intelligenz einbringen, aber dabei darauf achten, dass diese neuen Gedanken dem Werk dienen. Entweder gefallen diese Ideen oder sie gefallen nicht! Nur so kann sich das Musiktheater, das Theater ganz allgemein weiter entwickeln.

Danke Giuliano Betta für Ihre Ausführungen aus der Sicht eines Dirigenten.

Peter Heuberger 9.12.2017

Foto (c) MiR

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