DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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OPERNFREUND-Interview mit dem Intendanten der Oper Frankfurt Bernd Loebe

              

Teil 1: „Ich würde rückblickend nicht vieles anders machen“

Bilanz der zu Ende gehenden Spielzeit und weitere Pläne

 

OF: Beginnen wir mit einer Bilanz der auslaufenden Spielzeit: Sind alle Pläne aufgegangen?

Loebe: Insgesamt schon. Im Hinblick auf die Ergebnisse der Regie könnte man Abstufungen vornehmen. Wichtig ist, daß die musikalische Qualität bei uns eine Bank ist. Da würde ich rückblickend nicht vieles anders machen.

 

OF: Zur jüngsten Premiere: Bei der Präsentation der jetzt zu Ende gehenden Spielzeit im vergangenen Jahr waren Sie noch sehr stolz, daß Sie für die „Jeanne d’Arc“ Marion Cotillard gewinnen konnten. Es scheint mir aber, daß Sie gar nicht böse drum sind, daß durch die schwangerschaftsbedingte Absage der Cotillard die Rolle nun mit Johanna Wokalek als Ersatz besetzt werden mußte.

Loebe: So ist es. Ich glaube sogar, daß Frau Wokalek in dieses Regiekonzept und in diesen Arbeitsprozeß mit dem Regisseur Àlex Ollé besser gepaßt hat. Natürlich eilt Frau Cotillard der Ruf voraus, daß sie teamfähig ist und keinen Starkult um sich betreibt. Deswegen hatten wir uns auf die Zusammenarbeit gefreut. Allerdings hatte uns Frau Cotillard nur zwei Wochen Probenzeit zugestanden. Frau Wokalek stand aber fünf Wochen für intensive Proben zur Verfügung. Dadurch haben sich ganz andere Möglichkeiten ergeben.

 

OF: Wird es eine weitere Zusammenarbeit mit „La Fura dels Baus“ geben? Man hätte ja denken können: Diese Künstlergruppe wird mit Spektakel, Artistik, Äußerlichkeiten in Verbindung gebracht. Das paßt gar nicht zur künstlerischen Linie der Frankfurter Oper.

Loebe: „La Fura dels Baus“ verfügt über eine große Bandbreite. Das hängt immer auch vom jeweiligen Team ab. Àlex Ollé, der unsere Produktion betreut hat, ist jemand, der sehr körperliches, aber auch sehr tiefes Theater anstrebt. Es stimmt: Ich bin nicht auf „La Fura dels Baus“ zugegangen. Die Initiative ging von Àlex Ollé aus. Er fand es wichtig, auch hier in Frankfurt zu arbeiten. Es ist dann sehr schnell eine freundschaftliche Ebene der Zusammenarbeit entstanden. Diese wollen wir fortsetzen. Für die Spielzeit 2019/20 haben wir ein weiteres Projekt in Planung. Darüber freue ich mich sehr. Àlex Ollé bringt eine Farbe an unser Haus, die andere so nicht zu bieten haben.

 

OF: Hat Sie der Erfolg der „Martha“ überrascht?

Loebe: Schon ein bißchen. Wir waren uns bis vier Tage vor der Premiere nicht richtig sicher, ob das gut ankommt. Wenn Sie während der Proben über Wochen immer wieder dieselbe Komödie sehen, dann können Sie irgendwann nicht mehr darüber lachen. In der Generalprobe haben wir dann gemerkt, daß das Publikum mitgeht. Es kam auch einiges zusammen: Wir hatten eine intelligente Regie. Katherina Thoma hat das Stück ernst genommen. Es ist ja einfach, sich über dieses Sujet lustig zu machen. Aber sie hat einen Mittelweg zwischen Ernsthaftigkeit und Komödie gefunden. Wir haben außerdem von einer ausgezeichneten vokalen Qualität profitiert. Und es stand immerhin der Generalmusikdirektor am Pult. Damit haben wir signalisiert, daß die Produktion für uns wichtig ist.

 

OF: Wollte er das machen, oder haben Sie es ihm nahegelegt?

Loebe: Sebastian Weigle mag dieses Genre. Er selber hätte sich aber lieber die „Lustigen Weiber von Windsor“ gewünscht.

 

OF: Wird es also weitere deutsche Spielopern in Frankfurt geben? Neben den „Lustigen Weibern von Windsor“ würde einem noch „Zar und Zimmermann“ einfallen. Die passende Besetzung aus dem Ensemble sollte kein Problem sein.

Loebe: Ich habe mir „Zar und Zimmermann“ und andere Spielopern immer wieder einmal angesehen und habe davon Abstand genommen. Die Handlungen sind doch stellenweise sehr banal, gerade auch im Vergleich zur „Martha“. „Martha“ hat außerdem französische und italienische Anklänge und dadurch einen besonderen Esprit. Es wird also keine Serie „deutsche Spieloper“ in Frankfurt geben. Wir werden aber auch in Zukunft immer wieder mal etwas zu lachen haben.

 

OF: Immerhin waren das einmal Publikumslieblinge, mit denen man auch heute womöglich durchaus Einnahmen erzielen könnte. Sie hatten ja auch lange eine demonstrative Abneigung gegen die „Carmen“ öffentlich zur Schau getragen. „Wieder eine Spielzeit ohne Carmen“ war fast schon ein Running Gag auf den Jahrespressekonferenzen. Jetzt haben Sie eine neue „Carmen“ in einer fulminanten Produktion, die sich sogar das Royal Opera House in London ausgeliehen hat. Alle Vorstellungen waren sofort ausverkauft, und zwar unabhängig von der Besetzung. Der neue „Rigoletto“ hat genauso eingeschlagen, für den „Troubadour“ in der kommenden Spielzeit haben Sie gleich 14 Vorstellungen angesetzt. Versöhnt der wirtschaftliche Erfolg Sie mit den Blockbustern? Es sind ja keine Produktionen, für die man sich schämen müßte.

Loebe: Es stimmt schon: Ich habe in meinem Leben sehr viele Vorstellungen des „Rigoletto“ gesehen, unzählige „Carmens“ und „Traviatas“, und deswegen gebe ich zu, daß ich lieber fünf Mal in einer Oper von Krenek sitze als noch weitere fünf Mal in einer „Traviata“. Aber es geht nicht um meinen persönlichen Geschmack. Ich muß auch im Blick haben, auf welche Werke das Publikum zu Recht wartet. Zudem gibt es einen Grund für den Erfolg von „Carmen“, „Rigoletto“ und „Traviata“: Es sind Meisterwerke. Da gibt es nichts zu rütteln. Wir brauchen diese Titel. Wir können diese Werke auch gut besetzen. Und wir bekommen Dirigenten für dieses Repertoire, die es nicht einfach runterleiern, sondern mit Verve dirigieren.

Dennoch gehört es zum Profil der Oper Frankfurt, unser Publikum immer wieder mit Repertoire-Erweiterungen zu überraschen. Bei acht neuen Titeln pro Saison im Großen Haus gelingt es uns immer, da eine gewisse Balance herzustellen.

Wir werden nächstes Jahr keine „Carmen“ hier haben. Zum einen weil die Produktion tatsächlich über viele Monate in London zu sehen sein wird, zum anderen aber weil ich einen solchen Erfolg nicht kaputtreiten möchte. Es ist gut, wenn eine Vorfreude auf die nächste Wiederaufnahme entsteht, die in der Spielzeit 2018/19 kommen wird. Ich halte auch nichts davon, Produktionen zwanzig Mal en suite zu spielen. Dann besteht nämlich die Gefahr, daß die Genauigkeit leidet und sich Routine einstellt.

 

OF: Im Repertoire der Frankfurter Oper ist aus der Vor-Loebe-Ära nach der Absetzung der alten „Boheme“ nur noch die „Zauberflöte“ übrig.

Loebe: Immerhin bin ich schon seit 15 Jahren Intendant. Ich saß 2001 in der „Zauberflöte“ und dachte: Die spiele ich noch eine Saison, und dann kommt sie weg. Dann ist mir klargeworden, wie beliebt diese Produktion ist. Zudem habe ich auch eine gewisse Sympathie für sie entwickelt. Aber nach zahlreichen Wiederaufnahmen kommen wir allmählich in eine Phase, wo auch bei bester Betreuung durch Regieassistenten das Urkonzept immer mehr verschwimmt. Da muß man aufpassen. Das war übrigens auch der Grund, die beliebte „Traviata“ abzusetzen, obwohl sie immer so gut wie ausverkauft war. Aber wenn etwa die Schäferhunde der Nazi-Schergen im Schlußbild im Publikum inzwischen die Reaktion hervorrufen: „Ach, ist er nicht süß?“, dann merkt man, daß die Zeit über das Regiekonzept hinweggegangen ist. Wenn man es dann um der Einnahmen willen weiter im Spielplan hält, verrät man die ursprüngliche Intention der Inszenierung.

 

OF: Es scheint fast so, als seien Sie mit der Repertoire-Erneuerung einmal durch. Herzenswünsche wie eine Aufführung von Lachenmanns „Mädchen mit den Schwefelhölzern“ haben Sie sich inzwischen auch erfüllt. Gibt es noch Träume, große Projekte, die Sie unbedingt noch verwirklichen wollen?

Loebe: Für die Spielzeiten bis 2021/22 stehen die Neuproduktionen alle bereits auf einem Zettel. Ich habe aber auch Planungen mit Regisseuren, deren Arbeit mir wichtig ist. Da kann es dann auch durchaus passieren, daß im Gespräch mit einem Künstler der eine oder andere Titel noch ausgetauscht werden kann. Ein großer Wunsch ist „Francois d’Assise“ von Messiaen. Ich fürchte aber, daß unser Opernhaus dafür zu klein ist, weil das Stück stellenweise zu laut ist. Vielleicht werden wir es stattdessen in der Alten Oper herausbringen.

Ansonsten, so muß ich gestehen, haben wir ziemlich viel von dem umgesetzt, was ich mir zu Beginn meiner Intendanz vorgenommen hatte. Ich könnte jetzt wieder von vorne anfangen. Das mache ich aber nicht. Es gibt immer noch einige blinde Stellen, etwa im russischen und slawischen Repertoire. Natürlich wird etwa noch ein „Boris Godunow“ kommen müssen. Das ist eines der wichtigsten Werke der Opernliteratur. Es wird ein Werk von Offenbach geben. Schreker wird kommen. Wir müssen auch mit Wagner immer wieder Akzente setzen. Konkret ist ein neuer „Tristan“ in Planung, der sich von der letzten Produktion deutlich abheben wird.

Wir können nicht die Schlüsselwerke von Mozart, Verdi und Wagner künftig ausblenden und sagen, die haben wir einmal gemacht und jetzt leiern wir die in Dauerschleifen aus. Tatsächlich werden wir in Einzelfällen Werke, die wir bereits präsentiert haben, in Neuproduktionen wiederholen, um einen anderen Blickwinkel zu erreichen. Das wird aber die große Ausnahme sein.

 

OF: Sehen Sie sich auch in der Pflicht, exemplarisch gelungene Inszenierungen zu pflegen und auch zu bewahren?

Loebe: Durchaus. Ich denke gerade an die „Entführung aus dem Serail“ in der Regie von Christof Loy. Das ist eine Produktion, die wir in meiner Brüsseler Zeit entworfen haben und die ich dann mit nach Frankfurt genommen habe. In Brüssel sang damals übrigens Diana Damrau die Konstanze und Jonas Kaufmann den Belmonte. Da kann ich mir kaum noch eine andere Inszenierung vorstellen. So geht es mir auch mit einigen anderen Produktionen. Andererseits: Das Schöne an diesen sogenannten Meisterwerken ist ja, daß sie ganz unterschiedlichen Inszenierungskonzepten zugänglich sind.

 

Lesen Sie im zweiten Teil mehr zu den Herausforderungen einer kontinuierlichen Ensemblepflege und der Zusammenarbeit mit aufstrebenden Dirigenten.

 

Einen Überblick über das gesamte Interview mit Verweisen auf die übrigen Teile gibt es hier.

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de