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doderer

JOHANNA DODERER


"Den Kindern Mut machen..."

Die österreichische Komponistin Johanna Doderer (46), geboren in Vorarlberg, glücklich in Wien („Von hier gehe ich nicht mehr weg!“), hat für die Wiener Staatsoper die Kinderoper „Fatima oder von den mutigen Kindern“ komponiert, die als Weihnachtspremiere im großen Haus herauskommt.

Frau Doderer, wie lernt man einen Operndirektor kennen, der einem einen Opernauftrag erteilt?

Es war Zufall, als ich in Paris bei einem Treffen von Musikintendanten war und abends beim Essen neben Dominique Meyer saß, der damals noch das Théâtre des Champs-Élysées leitete. Wir haben uns prächtig verstanden, und ich war von seinem Interesse an zeitgenössischer Musik und seinem Verständnis dafür ganz fasziniert. Als er dann nach Wien kam, folgte 2012 der Auftrag, für die Staatsoper – und zwar für das große Haus! – eine Kinderoper zu komponieren. Es gab keine Vorgaben, ich konnte mir die Geschichte und den Librettisten aussuchen. Direktor Meyer hatte nur die Idee und den Wunsch, dass die Kinder im Zuschauerraum stellenweise mitsingen sollten. Ich fand die Idee aus ganzem Herzen schön – und jetzt gibt es für drei Lieder aus der Oper auch die Noten zu kaufen, und wir haben eine Fatima-Website, wo man es schon karaokemäßig üben kann… (fatimaodervondenmutigenkindern.com).

Und wie kamen Sie auf die mutige Fatima?

Seit ich denken kann, habe ich die Werke von Rafik Schami gelesen. Als ich die Geschichte wählte, konnte ich nicht ahnen, wie aktuell heute das Motiv von syrischen Kindern sein würde, denen man ihre Träume gestohlen hat… Es war mir wichtig, dass Fatima, meine kleine Heldin, witzig, klug und mutig ist und ihr Schicksal erfolgreich bekämpft. Das soll den Kindern etwas sagen, sie sollen sich mit ihrem Mut identifizieren. Dann bezieht sich der Titel „Fatima oder von den mutigen Kindern“ auch auf die Kinder im Zuschauerraum. Es ist mir sehr wichtig, sie ernst zu nehmen.

fatima Plakat~1

Wenn man nun, ob Kinderoper oder nicht, eine Tonsprache wählt, die vielleicht zu „schön“ ist – bekommt man da in der Branche nicht Probleme, als „modern“ anerkannt zu werden?

Ich habe schon gehört, ich sei zu gefällig, aber ich schließe Melodie und Tonalität nicht aus. Natürlich besteht ein erheblicher Unterschied, ob man für Kinder oder für Erwachsene schreibt. Ich will Kindern nicht erschrecken, nicht überwältigen, ihnen nicht Angst machen. Die Musik zur Figur des „bösen“ Schlossherren würde in einer Oper für Erwachsene viel gewaltiger und abgründiger ausfallen als hier. Ich glaube an die Moderne, habe viel von ihr gelernt, beispielsweise bei der Analyse der Werke von Luigi Nono, aber ich sage immer wieder, ich schreibe Musik, die ich auch selbst gerne hören möchte. Und ich möchte mit meiner Musik die Menschen – ob Erwachsene, ob Kinder – emotional treffen und abholen.

Wie erfolgt die Zusammenarbeit mit dem Librettisten, in diesem Fall René Zisterer? Muss man sich das vorstellen, wie man es aus dem Briefwechsel von Hofmannsthal und Strauss kennt?

Also, so hoch würde ich nicht greifen, aber natürlich ist das ein steter Austausch. Ich habe Wünsche an den Librettisten – die Silbe passt nicht, das sollte man anders formulieren… Und ich meinerseits bin auch sehr flexibel. Ich erfülle Wünsche des Regisseurs, wenn er aus szenischen Gründen ein bisschen mehr Musik braucht, und ich bin sehr beeindruckt von dem Dirigenten Benjamin Bayl, der ist ganz phantastisch, zwar wie alle großen Leute im Umgang nicht ganz einfach, aber er macht großartige Vorschläge. Ich habe noch eine Woche vor der Premiere ein bisschen „umkomponiert“, und vielleicht ist das noch gar nicht einmal die letzte Änderung. Ich habe die Partitur gerne früh fertig, damit ich sie hinlegen und später, nach einiger Zeit, noch einmal überarbeiten kann.

Frau Doderer, ein durchschnittlich musikalischer Mensch kann sich vorstellen zu singen, Klavier oder ein Instrument zu spielen, und eventuell auch, daraus einen Beruf zu machen. Was sich, glaube ich, die wenigsten vorstellen können, ist zu komponieren. Man muss sich nur das Wunderwerk einer Partitur ansehen, um sich zu fragen, wie ein Kopf das leisten kann. Wie sind Sie zum Komponieren gekommen?

Wie soll ich das erklären? Musik war immer da, ist immer da, ist meine Welt. In meiner Jugend in Vorarlberg habe ich Klavier gespielt und dabei auch immer improvisiert. Und das hat jemand dem Komponisten Gerold Amann gezeigt, und der wollte mich daraufhin unterrichten, hat auch gar kein Geld dafür verlangt. Er meinte, ich hätte die Musik in mir. Ich habe dann bei Beat Furrer in Graz und bei Erich Urbanner in Wien Komposition studiert, auch Film- und Medienkomposition belegt, auch das interessiert mich auch sehr.

Und wie entstehen Ihre Werke?

Ich kann nur sagen: Sie sind da. Es ist wie ein Teil meines Lebens, und je kompromissloser ich bin, je weniger Ablenkungen ich zulasse, umso stärker werde ich in meiner Arbeit. Ich bin die Genres durchgeschritten, Kammermusik, Lieder, Chorwerke, aber ich denke, in Zukunft werden große Orchesterstücke und Oper für mich immer wichtiger werden.

Wie kam es überhaupt zum Opernkomponieren? „Fatima“ ist diesbezüglich bereits Ihr Opus Nr. 6 und an der siebten Oper schreiben Sie auch schon?

Ich habe mein Kompositions-Studium mit einem Opernauftrag abgeschlossen. Das war „Die Fremde“ nach Euripides, den Text hatte ich selbst geschrieben, und das hat die Musikwerkstatt Wien 2001 mit Eva Steinsky als Medea uraufgeführt. Seither bin ich gewissermaßen in Sachen Oper unterwegs. Über meine siebente Oper, die Ernst Köpplinger für das Münchner Gärtnerplatztheater im November 2016 in Auftrag gegeben hat, wenn er das neu renovierte Haus eröffnet, will ich noch nichts sagen, aber ich schreibe schon seit zwei Jahren daran. Sie wird abendfüllend sein und basiert auf einem modernen Theaterstück…

Opern haben im Vergleich zu Werken für den Konzertsaal den Vorteil, dass sie mehr mediale Aufmerksamkeit erregen. Das Problem ist, ob sie ihre Uraufführung „überleben“ und nachgespielt werden.

Das stimmt, bisher tauchen meine Werke in den Konzertsälen immer wieder auf, aber noch keine meiner bisher fünf Opern hat eine zweite Aufführung erlebt. Aber wer den Betrieb kennt, weiß, dass das Zeit braucht – ich bin schließlich erst 15 Jahre im „Operngeschäft“ und absolut zuversichtlich, dass zum Beispiel meine großen Opern „Strom“ oder „Der leuchtende Fluß“ nachgespielt werden. Das wird kommen. Und eine Kinderoper wie „Fatima“ sollte es vielleicht leichter haben. Alle meine bisherigen Opern waren Auftragswerke, und bin hundertprozentig sicher, dass es so weitergehen wird.

Sie haben von Film gesprochen. Interessiert Sie Filmmusik? Diese kann ja von solchem Niveau sein, dass man „Spiel mir das Lied vom Tod“ nicht ohne Ennio Morricone denken kann – und auch „Doktor Schiwago“ nicht ohne Maurice Jarre.

Genau das würde mich interessieren, Musik nicht als bloße Illustration, sondern als Teil des Ganzen, der nicht mehr wegzudenken ist. Ich habe sogar selbst ein Drehbuch geschrieben, zu dem ich selbst die Musik machen würde, und bin auch im Gespräch mit Produzenten. Mein 20jähriger Sohn Patrick Doderer bewegt sich übrigens ganz in der Welt der Filmmusik, allerdings mehr in Richtung Techno.

Frau Doderer, hat es Ihnen in Ihrem Beruf eigentlich je geschadet, dass Sie eine Frau waren?

Wir leben in einer Zeit, wo es Neugierde auf Frauen gibt, in meinem Fall war es wohl auch die Neugierde auf den berühmten Namen meines Großonkels, den ich nicht mehr gekannt habe (Heimito von Doderer starb 1966 in Wien, Johanna Doderer wurde 1969 in Bregenz geboren). Dass ich nicht gerade ein Typ bin, den man in eine verschrobene Künstler-Ecke abschieben kann, hat wohl die Klischeevorstellungen mancher Leute verwirrt. Aber ich kann nur sagen, es ist eine gute Zeit für Komponistinnen.

Gibt es Wünsche für die Zukunft?

Ich möchte nicht nur weiterhin viel Musik schreiben, sondern auch in Zukunft unterrichten – ich habe während meines Studiums so viel Förderung und Unterstützung erfahren, dass ich das meinerseits auch weitergeben möchte. Bei den Workshops, die ich bisher gemacht habe, zum Beispiel im Rahmen des Österreichisches Kulturforums in Teheran, war es wunderbar zu erleben, sich mit jungen Leuten auseinanderzusetzen – die packen einen auch ganz schön hart an. Und ich sie: komponieren und aufführen, so werfe ich sie gerne ins kalte Wasser. Das ist sicher etwas, was ich noch intensiv vorhabe.

Das Interview führte Renate Wagner

19.12.15

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de