DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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LAURA AIKIN

Laura Aikin, die in früheren Zeiten an der Staatsoper das Koloratur-Repertoire gesungen hat, dann im Theater an der Wien in ihrer Paraderolle als „Lulu“ zu sehen war, kehrt nun für eine „Traumrolle“ an die Staatsoper zurück: In der Regie von Peter Stein verkörpert sie die Jahrhunderte alte Emilia Marty in „Die Sache Makropulos“ von Leos Janacek. Renate Wagner hat mit der amerikanischen Sängerin, deren Deutsch perfekt ist, gesprochen.

DSC3788a_LauraAikin

Frau Aikin, ist das Ihre erste Begegnung mit Emilia Marty?

Ja, und mit Janacek überhaupt. Ich kannte das Werk, habe es ein paar Mal gesehen, darunter mit meiner Freundin Anja Silja, die meinte, das wäre eine Rolle für mich, vielleicht sogar von der Wichtigkeit einer „zweiten Lulu“. Und tatsächlich kann ich mir kaum eine interessantere Figur vorstellen als diese Emilia, die durch ein Elixier, das ihr Vater am Hofe von Kaiser Rudolf II. gebraut hat, 337 Jahre alt ist, wenn wir ihr in der Oper begegnen. Man muss es sich vorstellen – ein junges Mädchen, 16jährig in Prag zu Beginn des 17. Jahrhunderts, der Vater im Gefängnis, allein, zum andauernden Weiterleben verurteilt, viele Namen im Lauf der Jahrhunderte, immer mit den Initialen „E.M.“ – ursprünglich hieß sie Elina Makropulos – durch viele Schicksale gehend… ich habe mir das in allen Details ausgedacht. So genau, dass Peter Stein es sich von mir gar nicht in aller Ausführlichkeit erzählen lassen wollte, er meinte, es sei genug, wenn ich es verinnerlicht habe.

Eine Rolle auf Tschechisch, ist das nicht besonders schwer?

Ich denke, jede Sprache ist schwer, wenn man sie nicht beherrscht – nun ja, Englisch vielleicht nicht so sehr. Ich lerne an dieser Rolle seit August – alle Leute meinen: Ach, so kurz? Aber für mich ist das sehr lange, ich bin eine sehr schnelle Lernerin. Was die Sprache betrifft, so kann man vielleicht eine kleine Partie einmal „nur“ phonetisch lernen, bei der Emilia Marty ist das unmöglich, da muss ich bei jedem Wort wissen, was sie singt. Zumal Peter Stein ein so ungemein penibler Regisseur ist, der natürlich um die Probleme einer Sprache weiß, die das Publikum zum allergrößten Teil nicht versteht, und der folglich auch dafür sorgt, dass wir körpersprachlich genau klar machen, was wir gerade singend vermitteln. Ich finde diese Emilia unglaublich toll, sie ist extrem leidenschaftlich, vertritt stark ihre Meinungen. Mir gefällt auch, dass sie eine eitle Künstlerin ist, die fragt, wie sie gefallen hat – ich habe das in meinem Leben noch niemanden je zu fragen gewagt -, und die in ihren Emotionen so lebendig ist, obwohl sie nach den Hunderten von Jahren innerlich schon tot ist. Und schließlich dieses Ende akzeptiert.

Die Idee vom „ewigen Leben“ spukt ja stets in den Köpfen der Menschen herum. Wenn man nun durch eine Rolle darauf gestoßen wird, befasst man sich auch privat mit dieser Frage?

Natürlich! Ich bin bei der Arbeit an „Makropulos“ ganz philosophisch geworden! Da denkt man doch sehr über den Tod nach, darüber, wie viel Zeit man wohl noch selbst hat, und ob es je genug sein wird, das man vom Leben bekommt – werde ich meine Enkelkinder kennen und sie aufwachsen sehen? Meine Mutter ist mit 61 Jahren gestorben und war schon 7fache Urgroßmutter, aber die Frauen unserer Familie haben sehr früh mit dem Kinderkriegen angefangen. Man wird am Ende wahrscheinlich immer das Gefühl haben, irgendetwas versäumt zu haben – und doch, alles geht zu Ende, die Erde dreht sich weiter, das muss man auch akzeptieren. Unsere Chance liegt im Moment.

Frau Aikin, hat es mit Peter Stein zu tun, dass wir Sie jetzt nach langer Pause wieder einmal auf der Bühne der Wiener Staatsoper sehen?

Ja, auf jeden Fall. Er stand ja als Regisseur des Werks fest, und als man ihm Sängerinnen für die Titelrolle vorschlug, sagte er bei meinem Namen: Ja, die ist es! Denn wir haben ja die Lulu gemeinsam im Theater an der Wien gemacht und sehr gut zusammen gearbeitet. Er lässt den Sängern große kreative Freiheit, stellt aber dabei höchste Ansprüche. Seine Ambition ist es nicht nur, dass wir die Rollen „spielen“, sondern dass es auf der Bühne auch keinen leeren Moment gibt. „Die Sache Makropulos“ ist ja eine sehr komplizierte Oper, aber Stein versucht das Geschehen, so klar wie möglich zu machen.

Nun nennt er sich selbst ja ironisch „reaktionär und konservativ“, er ist jedenfalls ein Eckpunkt möglicher Inszenierungsansätze, indem er versucht, die vorgegebene Geschichte zu erzählen. Ein anderer Eckpunkt mag da Stefan Herheim sein, mit dem Sie 2006 bei den Salzburger Festspielen „Die Entführung aus dem Serail“ gemacht haben, in der es keinen Bassa Selim gab und kein Stein auf dem anderen blieb. Wie stehen Sie dazu?

Grundsätzlich möchte ich sagen, dass es nichts in der Kunst gibt, was so „heilig“ wäre, dass es nicht Stoff für künstlerische Interpretation und Inspiration abgäbe. Und zumal in Salzburg, wo jeder „seinen“ Mozart kennt und seine vielleicht fixen Vorstellungen von ihm hat, darf man ihn auf jeden Fall „anders“ versuchen, und das Publikum soll sich ruhig den Kopf darüber zerbrechen, was der Regisseur gemeint hat. Es gab damals in Salzburg schon bei den Proben sehr viel Wirbel, und ich bin immer hinter Stefan Herheim gestanden und habe ihn ermutigt – und wenn man bedenkt, welche Karriere er seither gemacht hat und welche Reputation er genießt, bin ich sehr stolz, dass ich die „richtige Nase“ hatte, seine Qualitäten zu erkennen.

Apropos Mozart: Als Sie in der Ära Holender an der Staatsoper gesungen haben, waren das Zerbinetta und die Königin der Nacht, Aminta, Adele, Sophie, also die klassischen Koloratur- und lyrischen Rollen. Mittlerweile gelten Sie als Spezialistin für die Moderne. Wie ist es dazu gekommen?

Ich denke, es gibt eine Repertoire-Entwicklung, in die manche Sänger – und ich gehöre dazu – geraten. Da ist einerseits die Barockmusik und Mozart. Ich liebe Händel, ich liebe seine bösen, grandiosen Heldinnen, die Cleopatra etwa, und natürlich Mozart. Und dann ist da die Moderne, die so viele Vorzüge hat, auch, dass man nicht immer in die Fußstapfen von anderen tritt, sondern oft etwas ganz neu, als Erste erarbeiten kann. Und da ist man dann sehr stolz, auch wenn es im allgemeinen sehr viel Arbeit ist, diese Rollen zu lernen, aber ich mag komplizierte Musik. Und mich interessieren die Figuren und die Stoffe der Modernen, ob Zimmermann oder Birtwistle. Als ich als junge Sängerin in Berlin angefangen habe, durfte ich bald meine erste Lulu unter Boulez singen und auch die Musik von Boulez immer wieder, und Barenboim hat sich auch mehr für das deutsche Repertoire interessiert, und so kam es, dass ich eigentlich bewusst alte Musik gesungen habe oder eben die neue, die mich ungemein fasziniert.

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Man sagt, dass man sich damit die Stimme ruiniert…?

Nein, sicher nicht, man bereitet ja auch seine Stimme für eine Rolle vor. Und die Moderne ist nicht schlimmer als die Zerbinetta, und die machte mir auch nichts aus, für die brauche ich gerade fünf Minuten Konzentration. Glücklicherweise gibt es in meinem „Fach“ so viele Möglichkeiten – im Theater an der Wien werde ich nächste Spielzeit in Henzes „Elegie für junge Liebende“ singen. Und bei Janacek habe ich Blut geleckt – eine Katja, eine Jenufa wäre etwas, überhaupt das ganze slawische Repertoire.

Wagner ist Ihnen allerdings nie untergekommen?

Wenn es mir angeboten würde und jemand meint, dass ich es kann – natürlich nicht die Brünnhilde, aber die leichteren Rollen, Eva, Elsa, gerne. Ich würde es machen, ich bin sehr mutig. Früher einmal habe ich an eine Traviata gedacht, aber offenbar bin ich nicht für das italienische Repertoire geschaffen. Das ist auch ein Grund, warum ich vor zwei Jahren mit meinen beiden Kindern von Mailand nach Berlin übersiedelt bin, in die Stadt meiner Anfänge. Italien war für mich ein künstlerisch aussichtsloser Boden, ich habe versucht, gelegentlich mit Barockensembles aufzutreten, aber die Situation am Opernsektor ist dort jetzt extrem schwer. Alle kämpfen buchstäblich ums Überleben, es gibt so viele unbeschäftigte Sänger – da war es für mich wirklich gescheiter, wieder nach Deutschland zu gehen.

Sie haben einmal auch in einem Interview gesagt, Sie würden gerne Regie führen. War das ernst gemeint?

O ja, und jetzt, wo ich mit jemandem wie Peter Stein zusammen arbeite, wäre die Lust noch größer. Aber wenn man so etwas macht, dann muss man es ernsthaft angehen, das Handwerk lernen, Assistenzen bei großen Regisseuren machen, das auch wirklich als Beruf entwickeln. Und ich habe meinen Kindern – Viriginia ist 10, Marcello ist 18 und Komponist, beide leben mit mir in Berlin und haben Deutsch jetzt nach Italienisch und Englisch als ihre dritte Sprache gelernt – so viele Opfer abverlangt, dass ich im Moment diesen Zeitaufwand nicht erbringen kann. Aber grundsätzlich – ich denke daran.

Letzte Frage: Hat Direktor Meyer mit Ihnen schon über weitere Pläne gesprochen?

Derzeit noch nicht – aber vielleicht nach der Premiere?

 

12.12.15

Das Interview führte Renate Wagner

Bilder von Barbara Zeiningen

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de