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MARION AMMAN

 

eine Stimme schläft halt immer noch am besten „im eigenen Bett"

Interview mit Marion Ammann, Sopranistin, beim Richard Wagner Verband Wien am 22. Januar 2016

Seit langem war dieses Gespräch mit der Schweizerin Marion Ammann anberaumt, und wie es der Teufel will, musste sie am Tag zuvor in einer Notlage einspringenderweise an einem großen Schweizer Opernhaus die Proben zu einem modernen Stück retten. So kam es zu der ungewohnten Situation, dass sich ihr Lebensgefährte Dr. Silvio Pacozzi als Einspringer für Marion Ammann überreden ließ und uns aus seiner Sicht etwas über die Künstlerin sagte. Silvio Pacozzi ist selber sehr kunstbeflissen und neben seiner beruflichen Tätigkeit als Internist Schriftsteller und vor allem mit dem Verfassen von Romanen für Kinder und Erwachsene befasst. Schon im Medizinstudium schrieb er. Silvio Pacozzi ist eine überaus vielseitige Persönlichkeit. In Brig im Oberwallis aufgewachsen hat er als Walliser, wie es sich gehört, das Matterhorn bestiegen. Er war zunächst im Schweizerischen Armeespiel Militärtrompeter und ging auch sonst über Jahre seiner Liebe zum Trompetenspiel nach. Seine ganze Familie ist musikalisch, schon der Vater war Militärtrompeter und Dirigent in Brig.

Silvio Pacozzi liebt auch sehr die Oper und war am Vorabend noch in der Wiener „Salome“, die ihm sehr gefallen hat. Er schätzt in der Operninterpretation vor allem, wenn das gesangliche und musikalische Element im Vordergrund stehen. Für ihn wollen die Leute in der Oper nicht noch mit zusätzlichen Dissonanzen zu denen des Alltags konfrontiert werden, sondern Schönheit in bester Qualität erleben. Dabei sollte das sängerische Element stark im Vordergrund stehen, was aber von vielen Kritikern, zumal in den Tageszeitungen, nicht angemessen gewürdigt wird. So soll man sich in der Oper auch entsprechend kleiden – das gehört zum sinnlichen Erlebnis eines Opernabends.

Richard Wagner gefällt ihm sehr gut, und er geht auch oft zu den Auftritten von Marion Ammann, wenn immer es ihm der Zeitplan erlaubt. Er schätzt ihre großen Rollen wie die Isolde, die Sieglinde und die Elsa von Richard Wagner sowie die Kaiserin und die Arabella von Richard Strauss usw. Aber auch ihre Marie/Marietta in der „Toten Stadt“ in Chemnitz und Graz konnte er erleben und fand Marions Rolleninterpretation ausgezeichnet (Der Merker berichtete). Sie hat außerordentlich viel Kraft, was sich schon beim akribischen Einstudieren ihrer Rollen zeigt, sowie in ihrem ständigen Bemühen, als Nicht-Ensemblemitglied mit den von ihr bestimmten – auch neuen – Rollen neue Herausforderungen zu suchen. So könnte man sie auch als Einzelkämpferin bezeichnen.

Silvio Pacozzi imponiert aber auch, dass Marion darüber hinaus als allein erziehende Mutter zwei Töchter großgezogen hat, die beide auch sehr gutes musikalisches Talent aufweisen und eine musikalische Laufbahn eingeschlagen haben. Bemerkenswert scheint ihm, dass trotz wenig Unterstützung aus der Familie (ihre Eltern verstarben, als sie im Teenageralter war) Marion zum Operngesang fand, und zwar auf relative skurrile Weise: Nachdem sie im Konservatorium durch ihre schöne Stimme aufgefallen war, wurde sie vom Sekretariat für den Operngesang vorgeschlagen und kurzerhand eingeschrieben. So entwickelte sich ihre Laufbahn zunächst durch die Entscheidung eines Sekretariats…Sie begann dann, zunächst sehr viel in Biel zu singen, einer Bühne, der sie bis heute treu blieb und wo sie auch aus Nostalgieempfinden auch mal eine kleine Rolle, wie erst kürzlich die Freia im „Rheingold“ sang.

Silvio Pacozzi unterstreicht, dass Marion Ammann sich als Sängerin und Schauspielerin begreift und sich intensiv mit allen Facetten einer neuen Rolle auseinander setzt. Bei der „Salome“ tat sie sich schwer mit der Identifikation dieser tragischen Prinzessin, obwohl sie auch diese Rolle bestens meisterte. Aber der Kuss auf den abgeschlagenen Kopf des Jochanaan, das war für sie emotional sehr belastend und verlangte einiges an innerer Überwindung. Aber es musste sein, ihre Tochter brauchte dringend ein neues Cello…

Marion Ammann liebt es, Liederabende zu singen und weist eine umfangreiche Konzerttätigkeit, welche von Hildegard von Bingen bis Othmar Schoeck reicht, auf. Im Rahmen von Liederabenden kann man die Menschen im Publikum sehr direkt berühren. Ihre langjährige Lehrerin, Frau Ammeter, wird mit 85 Jahren immer noch dazu eingeladen. Zu ihren Mitsängern und -sängerinnen hat Marion Ammann ein gutes Verhältnis, auch wenn man sich nicht oft sieht. Der Kontakt wird meist jahrelang über mail/facebook aufrecht erhalten.

Ja, und in diesem Moment kommt Marion Ammann unter großem Beifall selbst in den Saal! Sie hatte noch einen Flug erreichen können, der ihr wenigstens die Zeit ließ, gegen Ende dieses Interviews einige eigene Standpunkte darzustellen. Sie berichtet kurz von den gestrigen Problemen und der blitzschnellen Einstudierung des schwierigen Stückes. Es war eine Herausforderung seltener Art.

Marion Ammann hat einen leuchtenden jugendlich-dramatischen Sopran mit exzellenter Höhensicherheit, guter Durchschlagskraft, klarer Diktion und wartet mit charismatischer Spielfreude auf. An großen Häusern werden solche Rollen in der Regel aber mit hochdramatischen Sängerinnen besetzt. Allerdings lässt sich aber nie voraussagen, wer wo und wann singt – die Agenten spielen dabei eine große Rolle.

In Saisons mit vielen „Einspringern“ wacht sie manchmal auf, ohne zu wissen, wo sie gerade ist und was sie singen soll. So bucht sie beim Einspringen wenn immer möglich, das gleiche Zimmer im Hotel, um hier wenigstens eine kleine Konstante zu haben. Bei mehrwöchigen Aufenthalten im Ausland, wie bei Ihrer Elsa in São Paulo 2015 oder der Sieglinde am Teatro Colon, besteht diese Problematik jedoch nicht. Sie widmet sich auch deshalb mit großem Vergnügen ihrer vielseitigen Konzerttätigkeit, gerade auch in ihrem regionalen Umfeld; eine Stimme schläft halt immer noch am besten „im eigenen Bett“…

Auf die Frage, welche Dirigenten sie gefördert hätten, antwortet sie sofort: „Marc Tardue“. Ihr wichtigster Kritiker und Wegbereiter war der Korrepetitor Rainer Altorfer am Basler Theater, der dort viele der ganz großen Sänger begleitete. Marc Tardue schlug sie als Anfängerin, noch im Studium steckend, als erste Rolle für Lady Macbeth vor, was sie schier sprachlos ließ. Sie erwähnt auch den japanischen Chefdirigenten ehemals in Wuppertal, Toshi Kamioka, mit dem sie u.a. „Tristan und Isolde“ erarbeitet hatte und mit dem sie sehr gut zusammen arbeitet.

Was die Rollenauffassungen ihrer vor allem großen Rollen betrifft, meint Marion Ammann, sie habe diese nicht speziell fixiert. Sie erlebt und gestaltet jede dieser Rollen immer wieder aufs Neue, auch in Abhängigkeit von den Mitsängern und der Regie. So ist es für sie stets ein großes Ereignis, wenn sie als Elsa nach ihrem Streiter ruft und Lohengrin tatsächlich erscheint – „ein Wahnsinn!“. Bei der Kaiserin interessiert sie deren graziöse und überirdische Komponente. Ihre Lieblingskomponisten sind Johann Sebastian Bach und Richard Wagner. Im Moment halten sich ihre Konzerttätigkeit und die Opernauftritte die Waage, wobei sie mitten in der Vorbereitung der Isabella/“Das Liebesverbot“ für Strasbourg steckt. Mit ihrem äußerst umfangreichen Repertoire ist sie in der Lage, fast alle Angebote in ihrem Fach anzunehmen. Kürzlich erst sollte sie eine Tosca singen, was aber aufgrund eines anderen Vertrags leider nicht ging.

Zum Schluss äußerte Marion Ammann den Wunsch, noch einmal mit mehr Ruhe nach Wien zurückzukommen. Der Richard Wagner Verband mit seiner Präsidentin und Moderatorin Liane Berman (Mod. gemeinsam mit dem Verfasser) sowie seine Mitglieder, die zu diesem Interview erschienen waren, bekamen den Eindruck von einer ausgezeichneten, interessanten und facettenreichen Künstlerin, der wir alles Gute zu ihrer weiteren Opern- und Konzerttätigkeit wünschen.

Klaus Billand 5.2.16

Bilder (c) www.marionammann.ch/574.html

 

 

 

 

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