DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Rusalka

Premiere: 30.01.2022

 

Märchenoper als eindringliches Familiendrama

Es war einmal, vor gar nicht allzu langer Zeit, da wurden in Deutschland sämtliche Theater auf Grund des Covid-19-Virus geschlossen. Just für diese Zeit, genauer gesagt für den 15. März 2020, war im Theater Krefeld die Premiere der lyrischen Oper „Rusalka“ von Antonin Dvořák angesetzt, die man seinerzeit kurzerhand als Live-Streaming über den theatereigenen YouTube-Kanal dem Zuschauer zugänglich machte. Zu diesem Zeitpunkt ging man noch davon aus, dass die Schließung des Hauses vorerst nur bis Ende März angedacht war. Und so endete auch der Bericht beim Opernfreund damals mit der Hoffnung, dass „die geplanten Aufführungen dieser sehens- und hörenswerten Inszenierung ab dem 21. April 2020 dann wieder mit einem hoffentlich sehr gut gefüllten Zuschauersaal stattfinden können“. Dies stellte sich im Nachhinein bekanntlich als deutlich zu optimistisch heraus, denn es sollte fast zwei Jahre dauern, bis man diese Inszenierung nun seit gestern Abend live auf der Theaterbühne erleben darf. In Mönchengladbach feierte die Inszenierung von Ansgar Weigner nun endlich auch vor einem Publikum im Theatersaal ihre umjubelte Premiere. Und dieser Jubel fiel wahrlich lautstark aus.

 

 

Vorab aber noch ein paar kurze Worte zum (etwas abgewandelten) Inhalt der Oper, die in Mönchengladbach als ein eindringliches Familiendrama auf die Bühne kommt. Die auf Grund einer Gehbehinderung zumindest zum Teil an den Rollstuhl gefesselte Rusalka vertraut ihrem Vater (Wassermann) an, dass sie von einem Leben unter den Menschen träumt, um dort ihre große Liebe zu finden. Außerdem sei es an der Zeit, sich von der Familie zu lösen und fortan ihr eigenes Leben zu leben. Der alte Mann warnt seine Tochter vor diesem Schritt, denn die menschliche Welt ist eine durchaus grausame. Auch die Mutter (Jezibaba) will ihre Tochter nicht gehen lassen, gibt aber schließlich nach. Allerdings weist sie nochmals eindrücklich darauf hin, dass sie damit für immer ihr zu Hause verliert. In der Menschenwelt begegnet Rusalka einem Prinzen, der ganz ihren Träumen entspricht. Die beiden wollen heiraten, obwohl Rusalka von vielen als Außenseiterin abgelehnt wird. Bevor es allerdings zur Hochzeit kommt, taucht eine fremde Fürstin auf, in der Rusalka fast alptraumhaft ihre Mutter erkennt. Rusalka leidet sehr unter den Versuchen der Fürstin, ihr den Prinzen abspenstig zu machen. Nur in ihrem Vater sieht Rusalka noch einen Retter, der sie aus dieser feindlichen Gesellschaft befreien kann. Doch leider hat auch der Vater seine eigenen Probleme in dieser zerrütteten Familie. Dennoch darf Rusalka heimkehren, wird von ihrer Mutter aber bestraft und vom Familienleben nahezu ausgeschlossen. Darüber hinaus verlangt sie von der Tochter, sich am Prinzen zu rächen, indem sie ihn tötet. Als dieser wieder im Haus erscheint, kommt es zu einer tödlichen Begegnung.

 

 

Auch wenn es bei der Übertragung einer märchenhaft gezeichneten Oper auf ein reales Familienbild nahezu zwangsläufig einige Stellen gibt, die einfach nicht rund wirken, gelingt Ansgar Weigner mit dieser Rusalka eine starke Regiearbeit. Hierbei konzentriert er sich auf die Frage, wie stark die Eltern die Individuation ihrer Kinder beeinflussen und welche zum Teil schwerwiegenden Folgen negative Einflüsse der Eltern bei gestörten familiären Verhältnissen haben können. Dies ist stellenweise schwere Kost, sorgt aber dennoch für einen gelungenen Theaterabend. Das hierbei vor allem die drei Elfen, in diesem Fall drei Schwestern, nicht so ganz überzeugend sind, ist verzeihlich. Gelungen ist das Bühnenbild von Tatjana Ivschina, die zudem auch die Kostüme für diese Produktion entworfen hat. Der erste und dritte Akt spielt in einer klammen Kellerwohnung, in der auf der rechten Seite Rusalkas Zimmer angebracht ist. Ein brennender Eimer scheint offenbar die einzige Wärmequelle in diesem Heim zu sein. Die Wände schimmern etwas vermodert und ganz allgemein sieht die Unterkunft eher bedrohlich als gemütlich aus. Im Gegensatz dazu ist der Palast des Prinzen im zweiten Akt deutlich wohnlicher, samt angedeuteter Gartenanlage. Mehrmals an diesem Abend fällt positiv auf, wie die Inszenierung die Musik im Bühnenbild regelrecht aufnimmt, so dass sich an passender Stelle plötzlich eine Türe öffnet oder die Darsteller im passenden Takt der Musik die Bühne betreten. Die Niederrheinischen Sinfoniker entwickeln unter der musikalischen Leitung von Erina Yashima, zukünftige 1. Kapellmeisterin an der Komischen Oper Berlin, einen ganz hervorragenden Klang, den man in einer solchen Intensität und Präzision pandemiebedingt lange vermissen musste. Auch der Chor des Theaters Krefeld und Mönchengladbach ist bei dieser Produktion erstmals seit vielen Monaten wieder beteiligt.

 

 

Langanhaltende „Bravo-Rufe“ des Premierenpublikums galten am Ende aber vor allem den Darstellern, die an diesem Abend einmal mehr zeigten, wie stark das eigene Ensemble am Niederrhein aufgestellt ist. Sophie Witte überzeugt in der Titelrolle der Rusalka mit ihrem klaren Sopran. Beachtlich hierbei, wie sie die ersten rund 45 Minuten fast pausenlos den Theatersaal mit ihrer Stimme füllt. Bereits in der bespielten Ouvertüre wird klar, dass die Mutter eine mehr als nur strenge Frau ist, die in dieser Familie das Sagen hat. Eva Maria Günschmann verkörpert diese Rolle der Übermutter bravourös, zu Beginn vor allem durch ihr Schauspiel, im Verlaufe des Abends auch durch ihre gesanglichen Darbietungen. Matthias Wippich gibt mit seinem starken Bass die Rolle des Vaters, der in diesem Familienkonstrukt wirklich keinen leichten Stand hat. Auch die Besetzung des Prinzen ist mit David Esteban treffend gelungen. Erwähnt seien an dieser Stelle noch die kleineren Rollen, die ebenfalls durchweg stark besetzt sind. Umso beachtlicher sind die Leistungen, wenn man sich klar macht, wie schwierig die Einstudierung der tschechischen Texte ist, da hier die Konsonanten deutlich überwiegen und die Vokale nicht immer entsprechend ausgesungen werden können. Am Ende steht ein großartiger Opernabend, dem man jedem Opernfreund wärmstens empfehlen kann.

Markus Lamers, 31.01.2022
Bilder: © Matthias Stutte


Carmen

Premiere: 12.09.2020 (Krefeld), 10.09.2021 (Mönchengladbach)
besuchte Vorstellung 08.10.2021 (Mönchengladbach)

 

Konzertanter Musikgenuss mit sehenswerten Bildern

 

 

Nachdem bei meinem Besuch in Krefeld Anfang Juni 2021 leider die Videoeinspielungen auf Grund von technischen Problemen entfallen mussten, stand am Freitag, dem 08.10.2021 nun erneut die Kurzversion der Oper Carmen auf dem Programm, dieses Mal im anderen Haus des Gemeinschaftstheaters Krefeld-Mönchengladbach. Und hierbei lief nun auch auf technischer Seite alles rund, so dass man neben der wunderbaren Musik von Georges Bizet auch optisch gut unterhalten wurde. In den Videoeinspielungen von Kobie van Rensburg (Konzeption, Videoregie und Ausstattung) schlüpfen vier Mitglieder der Ballettkompanie in die Rollen von Carmen, Don José, Micaela und Escamillo und begleiten das musikalische Geschehen teilweise in bewegten Bildern, teilweise aber auch in sehr eindrucksvollen Standbildern. Projektionsflächen für diese Videoeinspielungen sind vor allem überdimensionale Spielkarten, die teilweise vom Schnürboden herabgelassen werden. Das Glück der Karten und die Frage nach dem Schicksal sind zentrale Motive der Oper, so dass diese Gestaltung sehr passend daherkommt. Erneut lässt sich feststellen, dass eine Produktion bei der Kobie von Rensburg für die Videokunst zuständig ist, jedem Opernfreund diesbezüglich blind empfohlen werden kann. 

 

 

Gespielt wird in Mönchengladbach die reduzierte Orchesterfassung von Gerardo Colella, für die rund 20 Musiker und Musikerinnen auf der Bühne platziert wurden. Unter der musikalischen Leitung von GMD Mihkel Kütson spielen die Niederrheinischen Sinfoniker auf bekannt hohem Niveau, so dass die bekannten Lieder der Oper auch in dieser kleinen Besetzung kraftvoll und voluminös erklangen. Auch wenn der Klang eines großes Orchesters selbstredend unübertroffen ist, so kitzelt Mihkel Kütson auch aus der reduzierten Besetzung alles heraus. Wie gut das Musiktheater-Ensemble besetzt ist, zeigt sich in dieser Produktion daran, dass bei Doppelbesetzungen beide Darsteller die jeweilige Rolle sehr gut beherrschen. Dies gilt insbesondere für die Titelrolle, die an diesem Abend mit Boshana Milkov aus dem Opernstudio Niederrhein besetzt war. Wunderbar wie sicher hier sämtliche Töne getroffen werden und mit welch sanften Klang ihre Stimme oftmals erklingt.  Ihr zur Seite steht mit dem Tenor David Esteban ein Don José, bei dem auch in dieser konzertanten Version deutlich wird, wie sehr er Camen verfallen ist. Mit dem Toreador Song hat Johannes Schwärsky als Escamillo einen der größten Opernhits aller Zeiten auf seiner Seite, was ihm auf Grund der wunderbaren Darbietung auch einen besonders starken Applaus des Publikums einbringt. Immer wieder ein Genuss ist auch Sophie Witte, die als Micaela mit ihrem klaren Sopran zu gefallen weiß. Die weiteren Rollen haben in der besuchten Vorstellung Gereon Grundmann (Zuniga), Chelsea Kolic (Frasquita), Susanne Seefing (Mercédès), Woongyi Lee (Remendado) und Guillem Batllori (Dancairo) übernommen. Letzterer ist ebenfalls in dieser Spielzeit noch Mitglied im Opernstudio Niederrhein, zeigt hier aber einmal mehr was in ihm steckt.

 

 

Die gut 90 Minuten (ohne Pause) vergingen auch bei diesem Besuch wieder wie im Fluge. Einen guten Eindruck von dieser sehenswerten Produktion liefert im Übrigen auch das YouTube-Video des Theaters Krefeld-Mönchengladbach. Bis Ende Dezember sind noch sechs Vorstellungen im Theater Mönchengladbach geplant.

 

Markus Lamers, 09.10.2021
Fotos: © Matthias Stutte

 

Welttheater Mozart

Uraufführung: 24.05.2021

 

 

Wer sich dafür interessiert, was passiert, wenn die Götter Amor, Bellezza, Fortuna und Spirito die Menschheit retten wollen und hierbei dann doch mehr mit sich selbst beschäftigt sind, der ist im Theater Mönchengladbach an der richtigen Stelle. Denn hier reisen die Götter (zumindest in der großen Mehrzahl) mit dem Wolkenbus an, um die Menschheit von einer schrecklichen Pandemie zu befreien. Nur Amor unternimmt die lange Reise aus der fernen Galaxie und der Mythologie auf seine eigene Art, er ist schließlich auch der einzige Gott mit Flügeln. Allerdings sind weit und breit keine Menschen zu sehen, lediglich ein primitiver Urmensch mit affenähnlichen Zügen ist zu finden. In den folgenden gut 100 Minuten ergeben sich diverse Spannungen zwischen den Göttern, so entwickelt sich beispielsweise eine große Eifersucht zwischen Fortuna, der „Göttin des Glücks, des Schicksals, des Wohlstands und des Reichtums“ und Bellezza, der „Göttin der Schönheit, des Äußeren, der Verführung und das Vergnügen“, da beide Damen Gefallen an dem inzwischen erzogenen Homo Sapiens gefunden haben. Spirito, „Gott des Windes, der Intelligenz, der Moral und der Wissenschaft“, wirft den anderen derweil vor, ihre Mission sowie ihre Pflicht als Götter vergessen zu haben. Für diese Feststellung wird er kurzerhand ins Gefängnis geworfen. Und auch Amor, „Gott der Liebe, des Verlangens, des Instinkts und der Natur“ sorgt nicht für eine bessere Stimmung unter den Rettern der Menschheit. Obwohl zunächst Eitelkeit und Selbstgefälligkeit die Götter lenken, findet man selbstverständlich am Ende doch eine gemeinsame Lösung. Nicht zuletzt auch deshalb, weil man doch endlich die Menschen gefunden hat, die man nun mit einem sehr wirksamen Mittel von ihren Depressionen und ihrer Melancholie heilen will. Die Musik des von den Göttern geliebten (amadé) Wolfgang Amadeus Mozart hat seit jeher eine heilende Wirkung gegen Trübsinn, so dass die Vorstellung mit einem gemeinsamen „systemrelevanten Moment von gemeinsamer guter Laune“ endet.

 

 

Karine Van Hercke (Konzeption, Stücktext und Ausstattung) und Francois De Carpentries (Konzeption, Stücktext, Licht und Inszenierung) schufen mit dem Welttheater Mozart ein Singspiel in einem Akt in historischer Tradition. Dazu wählten sie Arien selten gespielter oder unvollendeter Mozartwerke wie beispielsweise Der Schauspieldirektor, Bastien et Bastienne oder La Betuilia liberata sowie Lieder, die Mozart für einzelne Sänger oder Sängerinnen komponiert hat. Diese wurden mit der oben erwähnten überzeichnet dargestellten Handlung mit aktuellem Bezug zu einer musikalischen Fabel im Geiste Mozarts verbunden. Hierbei wird in deutscher und italienischer Sprache gesungen, die deutschen Übertitel erscheinen auf einer extra hierfür oberhalb der Bühne angebrachten Fläche, die sehr dekorativ gestaltet ist. Allgemein weiß das Bühnenbild mit vielen gemalten Barockelementen zu gefallen, die ebenfalls an eine historische Aufführung eines Mozartwerkes erinnern. Nun gut, mit goldenen Penes statt Pfeilen hat Amor seinerzeit sicher nicht geschossen, aber abgesehen von diesem geschmacklichen Ausrutscher ist das alles nett anzuschauen. Auch die Kostüme sind opulent und fantasievoll gestaltet. Sehr beeindruckend ist vor allem das Kostüm des Spirito mit seinen vielen angebrachten Büchern oder die vielen Details an den Kleidern der beiden Göttinen.

 

 

Die musikalischen Arrangements stammen von Avishay Shalom, dem auch die musikalische Leitung des Abends obliegt. Unter seiner Leitung erklingen die Niederrheinischen Sinfoniker auch in der derzeit erlaubten stark reduzierten Zahl absolut rund. Auch mit wenigen Streichern, zwei Oboen sowie Klarinette, Fagott und Horn weiß die Musik Mozarts in dieser Form zu gefallen. Seit Beginn der Spielzeit 2020/21 ist er ebenso wie die vier Darsteller Mitglied im Opernstudio Niederrhein. Maya Blaustein gibt eine wunderbare Bellezza ab und ihr Sopran weiß zu gefallen. Boshana Milkov verkörpert die Fortuna mit viel schauspielerischer Eleganz und einem samtenen Mezzosopran. Der Bariton Guillem Batllori spielt den Spirito während Robin Grunwald als Amor und Homo Sapiens zu sehen ist. Die größte Freude des Abends ist, dass diese vier Stimmen wunderbar harmonieren, was Mozarts Werke noch eindrucksvoller erklingen lässt.

 

 

Am Ende des Abends steht eine schöne Botschaft und die Zuschauer danken allen Künstlern und dem anwesenden Regisseur mit begeistertem Applaus. So schön kann es sein, nach acht Monaten endlich wieder Theater live auf der Bühne erleben zu dürfen. Weitere Vorstellungen dieser gelungenen Inszenierung sind noch für den 08.06.2021 sowie 01.07.2021 in Mönchengladbach geplant. Darüber hinaus verspricht das Programmheft eine Übernahme nach Krefeld in der kommenden Spielzeit.

 

Markus Lamers, 27.05.2021
Fotos: © Matthias Stutte

 

 

SALON PITZELBERGER & CO

Premiere: 22.05.2021

 

Mit einem mehr als gelungenem Auftakt startet startet die Theatergemeinschaft Krefeld/Mönchengladbach in die kurze Restspielzeit 20/21 nach einem fast sieben monatigen Corona-Lockdown. Fünf Premieren an sechs Tagen können dank rückläufiger Inzidenzzahlen in der Stadt und deren Teilnahme im Projekt der Modellkommunen in Mönchengladbach zur Aufführung kommen. Anlass genug für den Intendanten Michael Grosse, das Publikum persönlich zu begrüßen und allen Beteiligten dafür zu danken, dass dieser Neubeginn möglich wurde.

 

 

Den Auftakt macht eine Bearbeitung der Opérette bouffe Herr Blumenkohl bleibt zu Hause am … (M. Choufleuri restera chez lui le …) von Jacques Offenbach. Es sei nicht leicht gewesen, ein passendes Stück zu finden, dass sich in Corona-Zeiten regelkonform aufführen ließe. Da sich die Versuche andere Häuser vor dem großen Lockdown als gescheitert erwiesen hätten, die dringend notwendigen Hygienereglen bei Stücken mit Pausen einzuhalten, sei nur ein Einakter mit ca. 1 1/2 Stunden Spielzeit in Frage gekommen. Die Idee eines Pasticcios eines Werkes unter Beibehaltung der bekanntesten Melodien sei verworfen worden. Statt dessen habe man sich für das Stück Salon Pitzelberger (so der deutsche Titel seit der ersten Übersetzung des Werkes aus dem Französischen) von Offenbach entschieden. Auch bei diesem Stück sei es unmöglich gewesen, Orchester und Personal der Operette unter Einhaltung der Hygiene- und Abstandsregeln auf die Bühne zu bringen, weshalb man sich für eine Erweiterung der Ursprungsfassung entschieden habe.

 

Salon Pitzelberger kommt bei einer Spieldauer von ca. 40 Minuten mit sieben Musiknummern und vier Figuren und kleinem Chor aus. Um zu einer abendfüllenden Vorstellung zu gelangen - Salon Pitzelberger & Co dauert 1 Stunde und 40 Minuten - habe man die Handlung mit geeigneten Figuren erweitert und zusätzliche Nummern des Abends aus anderen Werken Offenbachs hinzu gefügt.

 

 

Auch sei es nicht nur textlich zu einer Neuübersetzung und Aktualisierung der Handlung gekommen, sondern es sei dem Produktionsteam auch musikalisch wichtig gewesen, vom Publikum verstanden zu werden. Mozart, Beethoven, Chopin und Tschaikowsky seien ebenso in die Neubearbeitung eingeflossen wie Isoldes Liebestod.

 

Man verlängert ein Stück nicht, ohne das Risiko einzugehen, auf diesem Wege auch Längen zu erzeugen. Und so ist es auch hier: Ganz reicht der Plot dann doch nicht aus, die Spannung über den Handlungsbogen des Stückes aufrecht zu erhalten. Trotzdem wollte man am Ende der Aufführung auf keine Nummer verzichtet haben. Die mutig, freche Courage der Verantwortlichen hat sich ausgezahlt: Hier ist wirklich etwas gelungen!

 

Im äußerst lesenswerten Programmheft des Abends schildert Ulrich Proschka die Entstehungsgeschichte und zugrundeliegenden Inspirationen für diese Inszenierung. Er verlegt die Handlung nach Berlin um 1880. Unter Beibehaltung der nestroyschen Manier der Vorlage mit Sprachwitz, sprachlichen Neuschöpfungen und sprechenden Namen erleben wir den Ethanol-Fabrikanten Waldemar Pitzelberger in seinem Wohnzimmer, dessen eigentliches Kunstverständnis durch das Bild des röhrenden Hirschen über dem Sofa anschaulich dargestellt wird. Mit einer Soiree hochrangiger Gesangsstars will er seine Gäste der gehobenen Gesellschaft beeindrucken, um von ihnen als ebenbürtig anerkannt zu werden. Aber weder die bestellten Opernsänger erscheinen, noch die exklusiven Gäste. Lediglich ein paar Neureiche treffen ein, denen mehr am anschießenden Buffet gelegen ist, als an der angekündigten künstlerischen Darbietung. Und so gelingt der Coup: Vater Pitzelberger, seine Tochter Ernestine und ihr heimlicher Geliebter Babylas täuschen ihr ahnungsloses Publikum mit perfektem Tutti-Frutti-Italienisch über die fehlende Prominenz hinweg, wie es auch Babylas gelingt, seinem Schwiegervater in spe die Hand seiner Tochter abzuringen.

 

 

Im Orchestergraben sitzen 10 Musiker der Niederrheinischen Sinfoniker (vier Bläser, vier Streicher, ein Pianist und ein Schlagzeuger), während auf der Bühne bis zu 15 Personen gleichzeitig stehen. In Mönchengladbach wird streng auf die Einhaltung der Hygiene-Vorgaben geachtet. Alle Darsteller tragen Handschuhe; niemals werden die vorgeschriebenen Abstände unterschritten; der Schlussapplaus wird mit Mundschutz entgegen genommen.

 

Natürlich können die Gladbacher mehr, als sie unter den gegebenen strengen Auflagen zeigen dürfen. Etwas statisch kommt der Abend schon daher. Aber beim Publikum und bei den Beteiligten stand hauptsächlich die Freude an erster Stelle, überhaupt wieder Musiktheater erleben zu dürfen. Und das geht eben nur, wenn man Wert darauf legt, alles richtig zu machen.

 

Glückwunsch: Mönchengladbach hat alles richtig gemacht!!!

 

Begeisterter und verdienter Applaus von den 190 zugelassenen Gästen des Abends.

 

credits

SALON PITZELBERGER & CO

(M. CHOUFLEURI RESTERA CHEZ LUI LE…)

Operette in einem Akt

Erweitert um Einlagen aus den Operetten: Pomme dApi, Le 66, Les Bavards, Les Brigands, Orpheus in der Unterwelt, La Perichole, Lischen et Fritzchen

Musik von Jacques Offenbach

Konzeption und Textfassung von Ulrich Proschka

Musikalisches Arrangement von Michael Preise

Uraufführung am 31. Mai 1861 im Palais Bourbon, Paris

 

Ensemble:

Mathias Wippich, Sophie Witte, David Esteban, Markus Heinrich, Gabriela Kuhn, Woongyi Lee, Robin Grundwald, Maya Blaustein & Chor

 

Ingo Hamacher, 23.05.2021

Bilder: © Matthias Stutte

 

 

MASTER CLASS

15.10.2020

In memoriam Terence McNally

Einen hochinteressanten und wunderschönen Abend beschert das Theater Mönchengladbach allen Freunden des Musiktheaters mit Terrence McNallys Stück "Meisterklasse" (Master class) von 1995 in einer rundum gelungenen Inszenierung von Petra Luisa Meyer und Dietlind Konold (Bühnenbild und Kostüme).

 

 

Terrence McNally (*1938; *2020) gehörte zu den erfolgreichsten Broadway-Autoren. Direkt sein erstes Stück Things that Go Bump in the Night sorgte 1965 für einen Skandal-Erfolg. Ein Kritiker urteilte: Es wäre besser gewesen, wenn Terrence McNallys Eltern ihn in seiner Wiege erstickt hätten. Für den Text zum Musical Der Kuß der Spinnenfrau erhielt McNally 1993 den Tony Award. Der Autor, bekennender Maria Callas-Fan, besuchte selbst die Lektionen der Primadonna assoluta und war von ihrer Ausstrahlungskraft derart fasziniert, daß er ihr eine humorvolle, musikalische Hommage widmete. Unter einer Meisterklasse versteht man eine besondere Lehrveranstaltung durch eine sonst nicht lehrende Koryphäe eines bestimmten künstlerischen Gebietes. Die griechische Sopranistin Maria Callas (*1923; +1977), eine glamouröse, souveräne, überlebensgroße, ätzende und überraschend lustige Dozentin, allerdings ohne jegliches pädagogisches Geschick, hält gegen Ende ihres früh beendeten Lebens zwei Gesangsmeisterkurse 1971/72 in New York ab. Das Stück enthält Arien von Giuseppe Verdi, Giacomo Puccini und Vincenzo Bellini, die von jungen Sängern vorgetragen werden und beschreibt fiktiv eine solche Meisterklasse. Das Schauspiel wurde von den Rezensenten zwar als „kein sehr gutes Stück, aber als eines der eindringlichsten Porträts bezeichnet, die das Leben eines Menschen nach seinem großen Ruhm schildern. Nach dem Ende ihrer grandiosen Bühnenkarriere, zu einem Zeitpunkt, als die Beziehung der Callas zu Aristoteles Onassis bereits gescheitert war, schaut die große Künstlerin, die ihre Fähigkeit zum Singen inzwischen verloren hat, auf die Stationen ihrer Karriere und ihres Lebens zurück. Ihre jüngeren Jahre als hässliches Entlein, ihr heftiger Hass auf ihre Rivalen, die unerbittliche Presse, ihre frühen Auftritte, ihre Triumphe an der Scala und ihre Beziehung zum reichten Mann der Welt: Aristoteles Onassis, gehören zu den Erinnerungen, die sie mit den Zuschauern teilt. Sie gipfelt in einem Monolog über die Opfer, die im Namen der Kunst gebracht werden.

 

 

Die Schauspielerin Eva Spott zeigt uns eine Ehrfurcht gebietende Callas in einer Partie, deren große emotionale und schauspielerische Anforderungen von ihr eindrucksvoll gemeistert werden. Eine großartige Leistung, die unter die Haut geht. Faszinierend, mit großem Gehabe und nicht ohne Bitterkeit lässt sie die junge und naive Sopranistin, dargestellt von Maya Blaustein, die Bellinis Arie der Amina: Ah! Non credea mirarti! aus La sonnambula vortragen möchte, kaum über den ersten Ton hinaus kommen. Die Sopranistin darf sich des tiefen Mitgefühls der Zuschauer sicher sein, ist der emotionale Druck, man könnte fast von einem gewissen Sadismus der Großmeisterin sprechen, der bei diesem Vorsingen auf ihr lastet, auch von Publikum kaum auszuhalten. Allerdings weist das etwas handlungsarme Stück an dieser Stelle einige Längen auf. Die darauf folgende Mezzosopranistin, Boshana Milkov, die die Arie der Lady Macbeth: La luce langueil faro spegnesi aus Verdis Macbeth vorbereitet hat, muss die Bühne verlassen, noch bevor sie auch nur einen einzigen Ton gesungen hat. Vergeblich wird nach ihr gerufen, sie erscheint erst einmal nicht mehr. Die tief kränkenden Bemerkungen der Callas zu ihrer Bühnengarderobe waren der jungen Künsterlin so auf den Magen geschlagen, dass sie sich erst einmal auf der Damentoilette erbrechen musste, wie wir später von ihr erfahren.

 

 

Das gibt dem jungen Tenor, dargestellt von David Esteban, die Möglichkeit, sich mit Mario Cavaradossis Arie: Dammi i colori! aus der Puccini-Oper Tosca vorzustellen. Nach diesem gelungenen Auftritt erhält auch die Mezzosopranistin die Gelegenheit, ihre Partie vorzutragen. Den Abend beschießt die große Sängerin mit einem Vortrag zu ihrem Kunstbegriff, der sich konsequent der Musik verschreibt und den sie auch von ihren Schülern in jeglicher Konsequenz einfordert. – Prächtig und opulent steht sie auf der Bühe: Eine Diva! Ein Mythos! Die Callas! Terrence McNally hat seinem Idol mit dieser Reminiszenz ein würdiges literarisches Denkmal gesetzt. Und das Theater Mönchengladbach verneigt sich mit dieser großartigen und gelungenen Inszenierung vor der Leistung eines bedeutenden Bühnenautoren. Terrence McNally ist vor 7 Monaten im Alter von 81 Jahren an einer Covid-19-Infektion gestorben. Langanhaltender Applaus und verdiente Ovationen.

 

credits

Deutsch von Inge Greiffenhagen und Bettina von Leoprechting
Inszenierung Petra Luisa Meyer, Ausstattung Dietlind Konold, Dramaturgie Ulrike Aistleitner.

Maria: Eva Spott, Der Pianist: Avishay Shalom, Eine Sopranistin: Maya Blaustein, Eine Mezzosopranistin: Boshana Milkov, Ein Tenor: David Esteban, Ein Hausmeister: Raafat Daboul.

 

Vorstellungsdauer: ca. 1 Stunde, 35 Minuten; keine Pause.

 

Ingo Hamacher, 16.10.2020

Bilder: © Matthias Stutte

 

 

Alle maskiert!

Premiere Mönchengladbach: 20.09.2020,

besuchte Vorstellung: 22.09.2020
(Premiere in Krefeld am 11.10.2020)

Gemeinschaftstheater gelingt kurzweilige Corona-Unterhaltung

 

Auch in schweren Zeiten sollte man das Lachen nicht vergessen. Unter diesem Motto könnte man die Musik-Revue von Ulrich Proschka stellen, dem bereits mit „Let´s stop Brexit“ eine wunderbar humorvolle Umsetzung eines aktuellen Themas gelang. Lag die musikalische Konzentration beim Brexit-Projekt noch auf der Musik von Gilbert & Sullivan, geht es nun bei der Coroan-Revue „Alle maskiert!“ kreuz und quer durch die Welt der Musik. Neben Werken von Wolfgang Amadeus Mozart, Richard Wagner, Gioachino Rossini, Jacques Offenbach, Paul Lincke und Richard Strauß erklingt unter anderem Musik von Friedrich Hollaender, Hildegard Knef, dem Original Naabtal Duo und Fritz Muschler. Diesen Werken verpasste Ulrich Proschka allesamt neue Texte, die sich rund um das Thema Corona drehen. Eingebettet wird alles in eine kleine Rahmenhandlung, denn beim Fernsehsender NOVA melden sich gleichzeitig zwei Mitarbeiter krank. Nun fehlt sowohl für das Nachrichtenformat auf Kanal 1 wie auch für die Late-Night-Show auf Kanal 2 der Co-Moderator. Da beide Sendungen aber live ausgestrahlt werden, beschließt die Senderchefin, dass der egomanische Talkshow-Gott Martin Janz bei den Spätnachrichten aushelfen muss, während die seriöse Nachrichtensprecherin Regula Sause zusätzlich als Assistentin in der Late-Night-Show fungiert. Während der Werbepausen und eingespielter Beiträge, werden schnell die Studios gewechselt, das Chaos ist vorprogrammiert. Auffällige Namensähnlichkeiten sind im Übrigen durchaus beabsichtigt.

 

 

Ursprünglich sollte im Theater Mönchengladbach im Mai 2021 „Eine Nacht in Venedig“ von Johann Strauß seine Premiere feiern. Diese wird nun wohl nicht stattfinden, allerdings bietet das Quartett „Alle maskiert“ die perfekte Eröffnungsnummer bei dem sich die vier Darsteller Debra Hays, Gabriela Kuhn, Markus Heinrich und Matthias Wippich mit ihren jeweiligen Hauptrollen kurz vorstellen dürfen. Gleichzeitig schlüpfen die Sänger und Sängerinnen, die in dieser Zusammenstellung auch bereits beim erwähnten „Let´s stop Brexit“ zu erleben waren, an diesem Abend in viele verschiedene Rollen. So träumt Matthias Wippich als Markus Söder in „Corona Bavariae“ heimlich von der Kanzlerschaft und Markus Heinrich brilliert beispielsweise als Virologe Dennis Vorsten oder Verschwörungstheoretiker Punttila Wildmann. Debra Hays imitiert entgegen ihres Alters die junge (wie auch dumme) Party-Maus Cilly Anröchter sehr unterhaltsam. Gabriela Kuhn ist als vierfache Mutter im Home-Office völlig überfordert und zeigt später als Angela Merkel, was diese wahrscheinlich nach den Treffen mit den Ministerpräsidenten der Länder wirklich denkt, wenn sie „ganz privat“ mit ihrem Mann telefoniert. Leider war aber die Kamera noch auf Sendung. Sehr schön, dass es zu jedem Lied eine kurze Entstehungsgeschichte im Programmheft nachzulesen gibt, auch lässt Ulrich Proschka den Zuschauer dort in Form eines Tagesbuches an der Entstehung dieser Uraufführung teilhaben.

 

 

Ganz wunderbar auch, wie Matthias Wippich beim „Largo al factotum della cittá“ den Rossini-Barbier gibt, der mit Abstandsregeln und weiteren Vorgaben versucht seinen Beruf auszuüben. Auch die Spargelbauern brauchen Erntehelfer und so wird aus „Veronica, der Lenz ist da“ der Comedian Harmonists ein Hilferuf in Richtung Osteuropa: „Veronica, es ist schon März“. Wenn dann am Ende nach einer Demonstration von Corona-Leugnern aus dem bekannten Pumuckl-Lied ein „Hurra, hurra, Corona ist bald wieder da!“ wird, zeigt sich wie aktuell die Produktion geworden ist. Musikalisch begleitet Michael Preiser die Darsteller etwas erhöht auf der Bühne bei allen 17 Musiktiteln an verschiedenen Instrumenten, eine durchaus anspruchsvolle Aufgabe, die souverän gelingt. Die Inszenierung hat die junge britische Regisseurin Helena Jackson übernommen, die am Theater Krefeld-Mönchengladbach seit einiger Zeit als Regieassistentin und Abendspielleiterin tätig ist. „Alle maskiert!“ ist ihre erste Inszenierung an diesem Haus, die ihr gut gelingt. Bühne und Kostüme von Udo Hesse sind zweckmäßig und runden das positive Gesamtbild des Abends ab. Das Auftragswerk des Theaters ist in Mönchengladbach noch viermal im Laufe dieses Jahres zu sehen, zudem findet am kommenden Sonntag, die Premiere in Krefeld statt, wo weitere sieben Aufführungen bis zum 28.12.2020 auf dem Spielplan stehen.

 

Markus Lamers, 04.10.2020

Bilder: © Matthias Stutte

 

 

Statt Cabaret "Goodbye to Berlin"

Premiere: 11.09.2020

Szenische Lesung mit Musik als Einstimmung auf ein großes Musical

Zweimal musste die Premiere von „Goodbye to Berlin“ am Theater Mönchengladbach krankheitsbedingt verschoben werden. Am 11. September 2020 war es dann aber endlich soweit und das Schauspiel-Ensemble ergänzt um einige Gäste konnte in die neue Spielzeit starten. Vorab noch kurz ein Lob an das Gemeinschaftstheater, welches versucht hat, die für die ursprünglich geplanten Produktionen verpflichteten Gäste auch im neu gestalteten Spielplan zumindest teilweise einzusetzen. Gerade im Bereich der freiberuflichen Künstler sind die Jobangebote bekanntlich aktuell mehr als rar, so dass man auch hier in schwierigen Zeiten Solidarität zeigt. Besagte schwierige Zeiten machten es auch notwendig, dass die ursprünglich geplante Inszenierung des Musicals „Cabaret“ (vorerst) um eine Spielzeit verschoben werden musste. Alternativ unterhält uns das Theater Mönchengladbach nun mit einer szenischen Lesung nach Kurzgeschichten von Christopher Isherwood, auf dessen Vorlage Joe Masteroff in den 1960er Jahren das bekannte Musical mit den wunderbaren Songs von John Kander und Fred Ebb schuf. Isherwood verarbeitete in seinem Buch „Leb wohl, Berlin“ seine Erlebnisse aus den Jahren 1929 bis 1933, wo der Autor nicht zuletzt auch wegen seiner Homosexualität und dem für damalige Verhältnisse recht offenen Umgang damit hingezogen war.

 

 

Regisseur Frank Matthus der an diesem Haus u. a. mit einer unvergessen grandiosen „Rocky Horror Show“ immer in Erinnerung bleiben wird teilt Isherwoods Vorlage in vier größere Bereiche. Im ersten Teil widmet er sich der Pension Schneider, anschließend geht es etwas ausführlicher um die Personen Sally Bowles, Otto Nowak und Bernhard Landauer. Geschrieben hat Isherwood sein Werk in der Perspektive des Ich-Erzählers, was Paul Steinbach auf der Bühne hervorragend übernimmt. Gerade die ersten knapp 30 Minuten, die sich um die Pension Schneider drehen, nutzt Matthus recht frei dazu, diverse Beziehungen zum späteren Musicalerfolg herzustellen. So erläutert Bruno Winzen beispielsweise sehr amüsant, wie aus Professor Koch im Roman der Obsthändler Herr Schulz im Musical wurde. Auch wirft er plötzlich ein, dass an dieser Stelle doch nun eigentlich ein Lied folgen müsste, was Isherwood mit großem Entsetzen zurückweist. Er hätte schließlich niemals Musik in seinem Werk vorgesehen. Später lässt er sich aber doch darauf ein, dass genau drei Lieder aus dem Musical vorgetragen werden dürften, aber kein Song mehr. So darf Ester Keil als Fräulein Schneider auch gleich loslegen. Schlussendlich bietet der Abend dann doch ein paar Lieder mehr, nicht nur aus den 20er und 30er Jahren, die unter der musikalischen Leitung von Jochen Kilian am Piano, Kim Jovy an den Reeds und Bernd Zinsius am Bass ganz treffend begleitet wurden.

 

 

Nach dem wirklich sehr humorvoll gestalteten Einstieg wird das Stück im Laufe des Abends dann doch etwas ernster bei der Betrachtung der einzelnen Figuren. Hierbei hält man sich dann auch sehr stark an den Originaltexten. Hierzu Frank Matthus im Interview des Programmheftes: „Dabei bleibe ich eng am Text, einfach weil er gut ist. (…) Es gibt auch keine Aktualisierung. Was ist das überhaupt? Wenn es eine intensive Geschichte ist, die berührt, die etwas … wie soll ich sagen …“ÜBER-gültiges“ hat, dann kann die Liebesgeschichte von mir aus auch in der Steinzeit spielen. Davon, dass man sie in den Weltraum versetzt, wird sie nicht aktueller“. So bleibt man auch in Mönchengladbach bei Isherwood im Berlin der 30er Jahre. Jannike Schubert gibt eine differenzierte Sally Bowles, die auch gesanglich stark daherkommt. Den jungen Otto Nowak mit dem Isherwood eine sexuelle Beziehung unterhält spielt Lars Wandres ganz hervorragend und als jüdischer Großunternehmer Bernd Landauer kann Adrian Linke einmal mehr seine Wandlungsfähigkeit zeigen. Zuvor ist er u. a. auch noch als Conférencier zu sehen und darf hierbei den Ohrwurm aus dem Musical vortragen. Abgerundet wird die Besetzung durch Yael Shervashidze , Jessica Roethlinger und

Fides Groot Landeweer, die jeweils mehrere kleinere Rollen übernehmen.

 

 

Die Ausstattung von Anne Weiler ist naturgemäß bei einer szenischen Lesung eher schlicht gehalten, dennoch wird immer wieder versucht, das möglichste aus den Gegebenheiten zu machen. Auch die Kostüme sind passend gestaltet. Ganz amüsant ist auch ein Tanz, bei dem zwischen den Darstellern eine Scheibe zum Einsatz kommt, da hierbei ansonsten die Abstandsregeln nicht eingehalten werden könnten. Allgemein wird bei der Produktion sehr genau auf großen Abstand zwischen den Darstellern geachtet, wobei trotzdem stehts eine Interaktion der Rollen bestehen bleibt (Choreografie: Kerstin Ried ). Insgesamt ist „Goodbye to Berlin“ ein etwas anderer Blick auf die Geschichte vor „Cabaret“, die sich daher auch ganz hervorragend als Vorbereitung des Musicalbesuches in der nächsten Spielzeit eignet. Zudem erlebt man in rund 90 Minuten einen durchaus unterhaltsamen Theaterabend, so dass man hier durchaus eine Besuchsempfehlung aussprechen kann.

Markus Lamers, 15.09.2020

Bilder: © Matthias Stutte

 

 

 

Kleine Operngala mit großen Stimmen

Besuchte Vorstellung: 23.08.2020

Operngala begeistert zum Spielzeitauftakt 2020/21 die Zuschauer

Eine Operngala (wenn auch eine „kleine“) gleich zum Spielzeitauftakt findet man auch nicht sonderlich oft auf den Spielplänen. Doch was ist bei den derzeitigen Corona-Spielplänen schon normal. So hat das Theater Krefeld-Mönchengladbach aus der Not eine Tugend gemacht und präsentiert ihre „Kleine Operngala mit großen Stimmen“ nochmals dem Publikum. Bereits im Juni hatten jeweils 70 Zuschauer in Krefeld und Mönchengladbach die Gelegenheit, sich diese Gala anzuschauen. Inzwischen dürfen wieder rund 350 Zuschauer die Vorstellungen am Niederrhein besuchen, daher fand am gestrigen Sonntag, den 23.08.2020 nochmals eine Vorstellung in Mönchengladbach statt. Eine weitere Aufführung dieser Gala ist am kommenden Sonntag, den 30.08.2020 in Krefeld zu erleben. Und ja, ein Erlebnis war es allemal, denn so klein war diese Operngala wirklich nicht. Ja, die Niederrheinischen Sinfoniker spielen zwar in einer relativ kleinen Besetzung mit ausreichendem Mindeststand auf der ganzen Bühne verteilt, doch der Klang war dennoch beachtlich. Dies lag sicherlich auch daran, dass Erik Garcia Alvarez passende Arrangements schuf, die er obendrein noch am Flügel begleitete und hierbei wie selbstverständlich auch noch das Orchester auf den Punkt leitete. Ebenfalls lag es daran, dass insgesamt zehn Solisten/-innen aus dem Ensemble und dem Opernstudio Niederrhein allesamt ganz wunderbar sangen und den Zuschauer bzw. Zuhörer die gesamte Vorstellung hindurch tief in den Bann der Oper zogen.

Nach der Ouvertüre von „Carmen“ präsentierte Guillem Batllori aus dem Opernstudio die Arie des Escamillo und ließ gleich aufhorchen, diesen Namen sollte man sich für die Zukunft durchaus merken. Ebenfalls Mitglieder im diesjährigen Opernstudio sind Boshana Milkov und Maja Blaustein, die jeweils eine Arie übernahmen und den Abend vor den Zugaben mit der wunderbaren „Barcarole“ aus Jacques Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“ abrundeten. Gut bei Stimme war auch Kairschan Scholdybajew der im Duett mit Rafal Bruck „Au fond du temple saint“ aus Bizets „Die Perlenfischer“ präsentiere. Verlass ist auch stets auf Eva Maria Günschmann, die mit zwei Arien aus „Cavalleria Rusticana“ und „Samson und Dalila“ die gesamt große Gefühlswelt der Oper abdecken durfte. Für etwas heitere Momente sorgte derweil Matthias Wippich mit „Fünftausend Taler!“ aus Albert Lortzings „Der Wildschütz“. Dies entspricht wohl nach heutigem Stand mehreren Millionen Euro, wie Forscher zwischenzeitlich herausgefunden haben. Solche interessanten Kleinigkeiten streute Ulrike Aistleitner immer wieder mal ein, die an diesem Abend die Moderation des Abends übernahm. Später am Abend übernahm Matthias Wippich auch noch das Duett „Quanto amore“ aus „Der Liebestrank“, wo er zusammen mit Sophie Witte (als Adiana) einen ganz wunderbaren Dulcamara verkörperte. Zuvor sorgte Sophie Witte aber mit der Arie der Violetta aus „La Traviata“ für ein weiteres Highlight des Abends. Zu den weiteren Höhepunkten zählten sicherlich auch die beiden Puccini-Arien von David Esteban, der zunächst in die Rolle des Cavaradossi aus „Tosca“ schlüpfte und später am Abend mit der Arie des Pinkerton aus „Madama Butterfly“ sein ganzes Können zeigen durfte. Abgerundet wurde das Sänger-Ensemble von Hayk Dèinyan, der mit seinem unverwechselbaren Bass die Arie des Gremin aus „Eugen Onegin“ übernahm.
 

Nach großem Beifall des Publikums gab es als Zugaben noch das Trinklied aus „La Traviata“ sowie das humoristische Katzen-Duett, mit dem Hayk Dèinyan und Maya Blaustein, das Publikum gut unterhalten nach rund 90 Minuten Opernerlebnis aus dem Saal entließen. Alles in allem ist dem Theater Krefeld-Mönchengladbach hier ein ganz wunderbares Opern-Konzert gelungen, welches sich hinter einer „Großen Gala“ nicht verstecken muss. Ein gelungener Auftakt in die neue Spielzeit.

Markus Lamers, 24.08.2020

 

Living in America

Mitreißendes Amerika-Ballett begeistert das Publikum

 

 

Selbst nach gut einem Jahr im leider nur zu 2/3 gefüllten Opernhaus von Rheydt war gestern der Jubel des enthusiasmisierten Publikums immer noch gewaltig. Nun war allerdings auch die grandiose Final-Applaus-Choreografie von gut sieben Minuten nicht dazu angetan, nach dem erstem Fallen des Schluss-Vorhangs gleich das Theater zu verlassen, denn stürmisch setzte sich der Beifall über die nächsten 20 Minuten - durchsetzt mit vielen Bravo-Rufen - ungeschmälert fort. Es spiegelte sich in den fröhlichen Gesichtern dieser 22 jungen, tollen Tänzer auch die Begeisterung und Freude sowohl am Tanz, als auch über die wunderbare Reaktion des Publikums. Damit nehme ich das erste Fazit gleich vorweg:

 

Ein hinreißender Abend in mehr als 20 Bildern, der vorbeifliegt und alle mitreißt - mit dreimal ca. 35 Minuten (Zwei Pausen) eigentlich noch viel zu kurz anfühlt. Man möchte am Ende noch länger im Theater verweilen...

 

 

Ballettdirektor Robert North hat hier ein Meisterstück abgeliefert, welches aber auch das Zwei-Städte-Institut an seine Grenzen bringt. Sagenhafte 120 Kostümwechsel in über 20 Bildern - von Andrew Storer (Idee), Udo Hesse (Realisation) und Sheri Cook (Choreografie-Assistenz) brillant realisiert - ist für ein Ballett an einem Vier-Sparten-Haus schon purer Gigantismus. Ich muß zugeben, daß ich so etwas in über 40 Jahren an diesem "kleinen" Haus noch nie erlebt habe.Kleines Ballett ganz groß.

Was für eine Arbeit! Was für ein Aufwand! Was für ein Einsatz aller Tänzer!

Das ist wirklich eine sagenhafte Leistung. Besonders, weil es auch so liebevoll choreografiert wurde und mit viel Witz und Ironie daher kommt. Daher ist dieser Abend auch unbedingt allen Tanztheater-begeisterten Familien zu empfehlen. Langeweile wird bei den Kindern nicht aufkommen und das Schönste: Wir erleben alle Tanzformen vom Klassischen über die Moderne bis hin zu erträglichem Hipp Hopp, Break Dance und Disco. Sogar ein choreografierter Boxkampf zwischen Mann und Frau im Madison-Square-Garden-Ambiente ist vorhanden; versteht sich, daß die Frau gewinnt ;-) !

 

 

Es ist insgesamt betrachtet jene sprichwörtliche Leichtigkeit des Sein, mit der North den Abend choreografiert, in der aber auch durchaus stets eine gewisse Tiefe steckt. Sein sich über annähernd 200 Jahre erstreckendes dreiteiliges Kaleidoskop offeriert im ersten Akt die Besiedlung des Westens, den Eisenbahnbau und die sich daraus ergebende Goldgräber-Kultur. Der zweite Akt bringt den technischen Fortschritt der Großstadt mit Showbiz und mit allen Problemen der Las-Vegas-Zeit, wie Mafia, Prohibition und Glücksspiel. Der letzte Akt zeigt unsere heutige Welt, eben die moderne Gesellschaft. Jene alte Gier nach Gold ist nun in anderen Formen und Welten vorhanden; Geld, Aktien, Medien, Konzerne. Es ist ein fulminanter großer Bogen der Geschichte Amerikas, die aber immer mit einem ironischen Augenzwinkern und nie allzu platt dargestellt wird.

 

 

Den multiplen, ständig wechselnden Schauplätzen steht natürlich auch eine unfassbare Menge von prächtigen Kostümen gegenüber. Ausstatter Udo Hesses Couture-Variationen sind einmalig schön und mit großer Liebe zum Detail entworfen - man müsste das Ballett eigentlich sofort noch einmal sehen, um alles explizit genug würdigen zu können. Es wird dem Auge viel geboten und gerade in den großen Ensembles, wenn diese 22 Tanzgenies geradezu über die Bühne wirbeln erscheint die Zeit für den Zuschauer oft viel zu kurz - zu schnell fliegen die Tanz-Nummer vorbei - und man möchte spontan lauthals "da capo" rufen.

 

 

Aus der Unmenge toller Darbietungen dieser Wahnsinnstruppe fällt es schwer einzelne hervor zu heben, dennoch hat mich der Pas de Deux des Siedler-Ehepaares (siehe Bilde oben) geradezu atemlos gemacht. Alessando Borghesani und Teresa Levrini boten hier Hebefiguren und Sprünge von einer Leichtigkeit, die einem fast wie ein nahtlose Übergang ins Schwerelose erschienen. Teresa Levrini, die man unbedingt im Auge behalten muß, ist für mich die Inkarnation einer schwebenden Feder, und wenn später im zweiten Teil Alessandro sein ergreifendes Obdachlosen-Solo tanzt, dann erinnert mich das unschwer an Baryshnikov. Das sind Qualitäten, die man sonst noch höchstens im Wiener Staatsballett findet. Besonders im Gedächtnis bleibt natürlich die Basketball-Truppe, die zu Techno-Rhythmen das unsichtbare Ballvergnügen Realität werden lässt und das Publikum zu berechtigtem Sonderapplaus nötigte.

 

 

Die musikalische Auswahl ist letztlich das I-Tüpfelchen für diesen gelungenen Tanzabend. Daß man mit Copland natürlich DEN amerikanischen Komponisten überhaupt auswählen musste, der leider bei uns in Konzerten immer noch ein Stiefleben führt, war klar - aber auch die weiteren Stücke von u.a. Gershwin, John Lee Hooker, Peter Gabriel, Drifters und natürlich der Legende James Brown untermalten den Tanzabend superb, trefflich und nachhaltig. Hits wie Living in America oder On Broadway bleiben auf dem Heimweg als Ohrwurm haften und das ist schön. So geht man beschwingt nach Hause.

 

 

Fazit: Tanz macht Spaß. Ein kurzweiliger Strauß bunter und auch kritischer Amerika-Geschichte, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen kann. Kein Depri-Blick auf die Neue Welt, sondern immer noch alles mit Optimismus und Respekt.

Für ballettbegeisterte Kinder ab sieben Jahren unbedngt geeignet und fürs Familientanz-Theater der Must-Go-To-Abend überhaupt. Buchen Sie sich ein, denn es lohnt sich unbedingt. Wir vergeben unseren raren OPERNFREUD STERN für solch einen beispielhaft schönen und überzeugenden Ballettabend

 

Peter Bilsing, 2.2.2020

Tolle Bilder von (c) Matthias Stutte  

 

 

SALOME

Premiere am 22.9.2019

Stimmliche Entdeckungen

Liebe Salzburger Opernfestspielfreunde: Ihr müsst jetzt ganz, ganz tapfer sein! Zu berichten ist über eine Salome-Produktion aus dem kleinen, aber feinen Kleinod von Opernhaus Mönchengladbach Rheydt, die durchaus internationales Format hat und gesanglich, zumindest in den Hauptpartien der Salome Dorothea Herbert und des Herodes Markus Petsch, mit dem alljährlichen Operntreff der Reichen und Schönen dieser Welt an der Salzach durchaus mithalten kann. Statt 600 Euro kostet eine sehr gute Karte im Rheydter Opernhaus nur ein Zwanzigstel! Und, lassen Sie mich das als Zwei-Meter-Mensch sagen, im Gegensatz zur Felsenreitschule bietet das Mönchengladbacher Theater geradezu exzellenten Sitzkomfort. Daß die herrliche kleine Oper am Niederrhein, wo man auf keinem Platz weiter als 18 Meter von der Bühne entfernt ist, natürlich eine erheblich bessere Akustik hat als eine "Reithalle" ;-), sei nur am Rande vermerkt.

Weiterer Pluspunkt ist die Inszenierung des großartigen Anthony Pilavachi, die durchaus sinnstiftend im fin de siècle - also zur Entstehungszeit der Oper - angesiedelt ist. Sie ist nicht verrätselt oder verfremdet, sondern hat Hand und Fuß. Das ist Oscar Wilde pur. Alles ist werktreu spannend und geradezu elektrifizierend bis pulsbeschleunigend und kein Regietheater-Gedöns besserwissender Regisseure oder abgebrochener Pädagogen, Psychologen oder Demagogen, die uns belehren wollen. Die Vereinigten Bühnen Krefeld & Mönchengladbach bleiben dem ehernen Motto treu: Hier gilt´s weiterhin der Kunst.

Besonders erwähnenswert ist auch die sehr gute, so praktikable, wie sängerfreundlich gestaltete Bühne von Markus Meyer, der auch für die trefflichen Kostüme die Verantwortung trägt. Die nicht benannte sensible Lichtregie - ein wichtiges Spannungsmoment jeder Produktion - sollte nicht unerwähnt bleiben. So muß Musiktheater präsentiert werden!

Die unfassbare Leistung der Niederrheinischen Sinfoniker unter dem schon fast begnadet zu nennenden Dirigat von GMD Mikhel Kütson lässt unsere sensiblen Kritikerohren regelrecht Augen machen. Ich habe die Musici in den letzten Jahren ganz selten so konzentriert und im Blechbläserglanze ganz großer Häuser strahlen gehört. Das führte letztlich zu einer Konzentriertheit des Publikums, in der man nicht  nur den eigenen Atem, sondern auch die sprichwörtliche Stecknadel (Enthauptungsmusik) hätte fallen hören können. Das Premierenpublikum wurde regelrecht mitgerissen.

Da auch die Comprimarii (Herodias Eva Maria Günschmann / Jochanaan Johannes Schwärsky, Narraboth David Esteban) Großes leisteten, muß von einem ganz großen Abend in Rheydt gesprochen werden. Besser und vielumjubelter kann ein Saisonstart kaum beginnen.

Fazit: Sparen Sie sich das teure Geld für eine Salzburg-Karte. Ich bin mir ziemlich sicher, daß die Riesenentdeckung Dorothea Herbert in einigen Jahren auf den ganz großen Bühnen dieser Welt zu Hause sein wird. Und dann wird es teuer. Also verehrte Opernfreunde aus Deutschland: Auf, auf und auf zum wunderschönen Theater an unseren herrlichen Niederrhein. Es lohnt auch die weiteste Anreise!

 

Peter Bilsing, 23.9.2019

Dank für die schönen Bilder an (c) Matthias Stutte

 

Das schreiben unsere Online-Kollegen vom OMM

 

 

 

Orpheus in der Unterwelt

Premiere: 15.06.2019, besuchte Vorstellung: 20.06.2019

 

Göttlicher Spaß am Niederrhein

 

 

In den beiden vergangenen Spielzeiten konnte man am Gemeinschaftstheater Krefeld – Mönchengladbach bereits die Oper „Orpheus und Eurydike“ von Christoph Willibald Gluck erleben. Anlässlich des großen Offenbachjahres liegt es da nahe, dass in dieser Spielzeit die Operette „Orpheus in der Unterwelt“ nachgeschoben wird. Was könnte also am 20. Juni 2019, auf den Tag genau der 200. Geburtstag von Jacques Offenbach, passender sein, als sich diesem Stück Musiktheater zu widmen. Und da auch die Premiere von „Orpheus und Eurydike“ am Theater Mönchengladbach vor zwei Jahren genau auf Fronleichnam fiel, schließt sich der Kreis somit doppelt.

 

 

Kurz zur Geschichte: Orpheus und Eurydike haben sich nach einigen Ehejahren nicht mehr viel zu sagen, er betrügt seine Frau mit der Nymphe Chloé und auch Eurydike hat eine Affäre neben der Ehe. Allerdings weiß sie nicht, dass ihr Geliebter in Wirklichkeit Pluto ist, Herrscher der Unterwelt. Nachdem Pluto Eurydike in die Unterwelt entführt hat, freut sich Orpheus darüber und will es gleich seiner Geliebten erzählen. Doch da tritt die personifizierte öffentliche Meinung auf dem Plan, die ihn dazu auffordert im Olymp vor dem obersten Gott Jupiter vorzusprechen und seine Gattin zurückzufordern. Doch auch im Olymp geht es bunt daher und auf Grund der allgemeinen Langeweile beschließen die Götter gemeinsam in der Unterwelt nach dem Rechten zu sehen. Jupiter, selber kein Gott von Traurigkeit verliebt sich in Eurydike und will mit ihr fliehen, doch der Plan scheitert. Nun ist es Pluto, der Jupiter an sein Versprechen erinnert, Orpheus seine Gattin zurückzubringen. Daraufhin stellt Jupiter die Bedingung, dass Orpheus sich beim Verlassen der Unterwelt nicht umblicken dürfe, sonst sei seine Frau für ihn für immer fort. Wiederwillig beugt sich Orpheus der Aufgabe und während die öffentliche Meinung bereits die Wiedervereinigung der Eheleute feiert, hat Jupiter noch ein Ass im Ärmel und sorgt für eine ganz andere Wiedervereinigung.

 

 

Neben der eigentlichen Geschichte legte Offenbach seinerzeit bereits besonderen Wert auf die Doppeldeutigkeit der Personen, die sich durchaus gesellschaftskritisch auf das Pariser Leben Mitte des 19. Jahrhunderts übertragen ließen. Diese Ebene verlegt Hinrich Horstkotte geschickt in die DDR, wobei die Unterwelt zu einem Etablissement in Westberlin wird. Hierzu sei jedem interessierten Besucher angeraten, sich die durchaus unterhaltsame Kurzerklärung des Regisseurs auf dem YouTube-Kanal des Theaters anzusehen. Zwar versteht man auch ohne diesen Hintergrund alles sehr gut, mit dem Wissen aus diesem rund vierminütigen Video macht der Theaterbesuch aber noch mehr Spaß. Und Spaß wird an diesem Abend besonders großgeschrieben. Die Inszenierung ist ein Quell an kreativen Ideen, angefangen bei der öffentlichen Meinung in Form einer sehr bekannten Bundeskanzlerin über die Kostüme, die ebenfalls von Hinrich Horstkotte entworfen wurden, bis hin zum wunderbar zusammengestellten Götterolymp. Hier weiß man gar nicht wohin man zuerst schauen soll. Eine Warnung allerdings vorab, durch die Übertragung des Stoffes sind diverse Textänderungen von Nöten, die bis in die Liedtexte hineinreichen, dies ist nicht jedermanns Geschmack. Wer sich hierauf aber einlässt, erlebt einen charmant, witzigen Theaterabend, den das Publikum am Ende mit großem Applaus feierte. Das passende Bühnenbild stammt von

Martin Dolnik.

 

 

Ein Paradestück ist „Orpheus in der Unterwelt“ auch für das Ensemble, dass alle Rollen wieder mit großer Spielfreude besetzt. Sei es David Esteban als Orpheus, der in der besuchten Vorstellung leider krankheitsbedingt nicht sein ganzes Können zeigen konnte oder Sophie Witte als seine Ehefrau Eurydike, die neben ihrem klaren Sopran auch den ostdeutschen Dialekt tadellos beherrscht. Ebenso übrigens Generalintendant Michael Grosse als John Styx in Form eines inzwischen vergessenen Stars aus dem DDR-Fernsehen. Als Aristeus bzw. Gott der Unterwelt steht Markus Heinrich in bewährter Qualität auf der Bühne. Highlight des Abends sind aber wohl Göttervater Jupiter, genauer gesagt Erich Jupiter als Vorsitzender des Zentralrates der Götter in Person von Hayk Deinyan und seine Gemahlin Juno, unschwer identifizierbar als Margot Honecker, die von Debra Hays ganz zauberhaft dargestellt wird. Auch die weiteren Rollen sind allesamt auf den Punkt besetzt mit Gabriela Kuhn (Öffentliche Meinung), James Park (Merkur), Janet Bartolova (Venus), Eva Maria Günschmann (Diana), Alexander Kalina (Mars) und Valerie Eickhoff (Cupido). Dazu gesellt sich der spielfreudige und gut einstudierte Theaterchor, ebenfalls in zahlreichen wunderbaren Kostümen. Mehrere große Auftritte hat auch das Ballett des Hauses in der Choreografie von

Robert North, die nicht nur beim Cancan die Beine schwingen.

 

Unter dem Dirigat von Diego Martin-Etxebarria spielen die Niederrheinischen Sinfoniker mit schwungvoller Note in bester Operettenart. Sicherlich nicht immer einfach bei dieser Fülle von Umstellungen und Ergänzungen, die das Werk hier durch den Regisseur erfahren hat. Angefangen mit der sehr eigenwilligen Aufforderung die Handys auszuschalten über eine zusätzlich eingebaute Vorszene zum Thema moderne Deutungen von Operetten bis zu bereits erwähnten Textänderungen und Textergänzungen, Hinrich Horstkotte krempelt die Operette durchaus deutlich um. Eigentlich möchte man an dieser Stelle noch so viele Dinge zur Inszenierung erwähnen, die aber alle aus dem Zusammenhang gerissen wären. Von daher bleibt es dabei, wer mit dem gewählten Humor etwas anfangen kann, erlebt hier einen der kreativsten Theaterabende der letzten Monate, bei dem es unglaublich viel zu entdecken gibt und von dem an dieser Stelle absichtlich gar nicht zu viel verraten werden soll. Nur so viel vielleicht noch, auch Pittiplatsch wird in wichtiger Funktion in die Pläne der Götter integriert. Wie bereits erwähnt, spendete das Publikum im gut besuchten Theater großen Beifall. Zum Ende gab es dann noch nach Aufforderung des Generalintendanten ein großes musikalisches „Happy Birthday“ von Künstlern und Zuschauern zu Ehren von Jacques Offenbach, wobei in diesem besonderen Fall die Gäste an diesem Abend das Geburtstagsgeschenk erhielten.

 

Markus Lamers, 21.06.2019
Bilder: © Matthias Stutte

 

 

Zum Zweiten

Boris Godunow

Premiere: 23.03.2019

Dunkel wie die Nacht


Eine Zeitreise ins 16. Jahrhundert bietet uns das Theater Mönchengladbach mit der Oper Boris Godunow, dessen Premiere am 23. März stattfand. Auch wenn historisch inzwischen widerlegt wurde, dass Boris Godunow im Jahre 1591 den Auftrag zur Tötung seines Neffen Dimitri gab führt uns Modest Mussorgskijs gleichnamige Oper zurück in eine Zeit voller Intrigen um die Macht. Basierend auf dem gleichnamigen Drama von Alexander Puschkin und auf dem Buch „Geschichte des russischen Staates“ des Historikers Nikolai Karamsim aus dem Jahr 1818 entstand das Libretto zu diesem Werk, zu dem Wolfgang Körner in seinem wunderbaren Buch „Der einzig wahre Opernführer“ (unbedingte Literaturempfehlung am Rande) schreibt: „In dieser Oper, deren Hauptpersonen einander so sehr hassen, dass sie sich in keiner einzigen Szene begegnen, geht es (wie immer in der Politik) nur um Macht.“

Und damit ist auch der zeitlose Bezug hergestellt, den Agnessa Nefjodov in Ihrer Inszenierung wählt. Sie steckt die Geschichte in einen eher zeitlosen Rahmen in dunklen Mauern (Bühne: Eva Musil) und durchaus moderner Kleidung (Kostüme: Nicole von Graevenitz), was leider nicht immer überzeugen kann, da vieles im Vagen und somit auch recht beliebig bleibt. Zudem wird auch nicht ganz klar, warum die sehr präsenten Leuchten auf Fahrgestellen montiert sind, die an einem Tropf in der Ambulanz erinnern. Diese Gestelle vermindern eher die Wirkung der optisch an sich guten Idee dieser sehr präsenten Lichtstangen. Auch die Flucht des „falschen Dimitri“ Grigorij Otrepjew aus der Schenke zum Ende des vierten Bildes unmittelbar vor der Pause wird durch einen Lichtschein auf die auf den Tisch gemalte Fluchtkarte nur angedeutet und schickt viele Zuschauer etwas ratlos in die Pause. Ich persönlich bin grundsätzlich der Meinung, man sollte jede Inszenierung auch ohne Lektüre des Programmheftes verstehen können, auch wenn dieses in diesem Fall sehr gut gemacht ist und natürlich zu einem interessierten Opernbesuch auch dazu gehört. Gelungen ist allerdings der Übergang vom dominierenden Schwarz ins Goldene bei der Ernennung des Boris Godunow zum neuen Zaren und die stringente Beibehaltung des gewählten Regieansatzes.

 


Was den Besuch dieser Oper zudem sehenswert macht, ist wieder einmal die Ensemble-Leistung am Theater Krefeld-Mönchengladbach. Gleich zu Beginn nachdem sich der Vorhang hebt, zieht der Opernchor (ergänzt um den Extrachor und einer Gruppe von Gästen, insgesamt somit knapp 70 Choristen) den Zuschauer komplett in den Bann. Hier gebührt Michael Preiser für die Einstudierung des Chores höchster Respekt. Auch im weiteren Verlauf bietet die Oper für Liebhaber gewaltiger Chorstücke einiges. Johannes Schwärsky überzeugt in der Titelrolle einmal mehr sowohl durch seine körperliche Erscheinung wie auch durch seine stimmliche Leistung. Ganz hervorragend. Auch der ukrainische Tenor Igor Stroin gibt einen überzeugenden Grigorij Otrepjew ab. Eine kleine Besonderheit der Oper sind die vielen kleineren Rollen, die teilweise nur einmal, teilweise auch zweimal auftreten, dennoch aber jeweils ein recht großes Lied vortragen dürfen. Hier kommt dem Hause einmal mehr das auch in der Vielfalt breit aufgestellte Ensemble zu Gute. Sei es Hayk Dèinyan als chronikschreibender Mönch Pimen, Kairschan Scholdybajew als intrigierender Fürst Schujskij, Matthias Wippich und Markus Heinrich als vagabundierende Mönche, die in der Schenke von Schenkwirtin Janet Bartolova auf den falschen Dimitri treffen oder

David Esteban als Narr, alle machen eine sehr gute Figur.

 

Dies gilt auch für Rafael Bruck als Geheimschreiber Andrej Schtschelkalow sowie Susanne Seefing als Boris Sohn Fjodor und Sophie Witte als seine Tochter Xenia. Auch die weiteren kleineren Rollen sind allesamt auf den Punkt besetzt. Generalmusikdirektor Mihkel Kütson leitet die Niederrheinischen Sinfoniker souverän durch die mitunter schwierige Partitur.

Trotz kleinerer Schwächen in der Regie, kann man dem Theater hier erneut wieder zu einer gelungenen Premiere gratulieren, auf Grund der dunklen Bühne sollte man sich einen Besuch nach einem anstrengenden Arbeitstag allerdings zweimal überlegen. Sehr zugute kommt der Aufführung zudem, dass man sich für die rund 2 1/2stündige „Urfassung“ der Oper entschieden hat, was doch einige der in anderen Versionen durchaus vorhandenen Längen verhindert.


Markus Lamers, 24.03.2019
Bilder: © Matthias Stutte

 

 

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