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Musikfestspiele Potsdam Sanssouci

 

 

Apollon Musagète

22. 6. 2019

Von der Ekstase zur Askese

Passend zum diesjährigen Thema der Musikfestspiele gab es am  im Nikolaisaal unter dem Titel Apollon Musagète einen ungewöhnlichen Tanztheaterabend in drei Akten, der den Bogen spannte von der Klassik bis zum Hip-Hop. Auch die beiden mitwirkenden Klangkörper auf dem hinteren Teil des Bühnenpodestes – die Kammerakademie Potsdam mit ihrem Konzertmeister Peter Rainer und das experimentelle Ensemble Sarband unter seinem Gründer und Leiter Vladimir Ivanoff – standen für diese Spanne. Das Programm bezog seinen besonderen Reiz vor allem aus der Choreografie von Kadir Amigo Memis. Der Gründer der bekannten Flying Steps Dance Company kombinierte Elemente des Break Dance mit Derwisch-Tänzen und dem neoklassischen Ballett. Der Auftritt von Ziya Azazi (Dervish in Progress) im 1. Akt, der mit „Ekstase“ überschrieben war, war dann auch ein Höhepunkt des Abends. Seine tranceartigen Drehungen und das Ablegen der vielfarbigen Röcke, die er wie mit Zauberhand sogar noch in der Luft kreisen ließ, hatten einen mitreißenden Sog und reflektierten den Titel dieses Aktes perfekt.

Von artistischer Bravour waren die Darbietungen der Tänzer Wilfried Ebongue Moungui (B.Boying) und Kofie Da Vibe (Krumping), während Charmene Pang (Contemporary) aus Hong Kong und die Griechin Kalli Tarasidou (Popping) mit exotischem Bewegungsduktus faszinierten.

Der mit „Klarheit“ betitelte Mittelteil war Strawinskys Ballettkomposition Apollon musagète von 1927/28 gewidmet, deren berühmte Choreografie von Balanchine noch heute der Maßstab für jede neue tänzerische Deutung bleibt. Das Ballett in zwei Bildern zeigt die Geburt des Apollo sowie Szenen mit ihm und den Musen. Memis mischte auch hier die Stile und sorgte mit den Break-Dance-Elementen wiederum für stupende Effekte. Hier hatte die Kammerakademie Potsdam ihren großen Auftritt, musizierte Strawinskys Werk mit gebotener Klarheit und Eleganz.

Die „Askese“ im 3. Akt verdeutlichten die Sopranistin Miriam Andersén und der Tenor/Countertenor RebalAlkhodari in strengen, lamentierenden Gesängen – einer Hymne an Mohammed aus dem 6. und einem Kreuzzugslied aus dem 12. Jahrhundert –, die von fremdländischen Instrumenten wie der Gotischen Fiedel und der Rahmentrommel begleitet wurden. Vier Kompositionen von Erik Satie, welche Ivanoff arrangiert hatte, brachten am Ende noch irritierende choreografische Momente ein mit zappelnden, zuckenden, stampfenden Tänzern, einer pathologisch zitternden Tänzerin und schließlich allen Solisten, die sich zu geißeln schienen. Besonders in diesem letzten Teil kam die Lichtgestaltung von Vladimir Grafov zu starker Wirkung.

Der russische Künstler zauberte mit Lasertechnik an den Wänden des Raumes und in der Luft über dem Geschehen vielfältige Ornamente – Linien, Punkte, Quadrate, Dreiecke –, welche Musik und Tanz atmosphärisch bebilderten. Zum Teil imaginierten die Strahlen gar Räume, in denen die Akteure wie eingeschlossen agierten. Nie drängte sich diese Gestaltung optisch in den Vordergrund, sondern unterstützte die Beiträge der Musiker, Sänger und Tänzer ungemein stimmungsvoll.

Die Musikfestspiele 2020 finden vom 12. bis 28. Juni unter dem Motto Flower Power statt und versprechen wiederum ein vielseitiges und ungewöhnliches Programm mit internationalen Spitzeninterpreten.

 

Bernd Hoppe, 23.6.2019

Bilder (c) Musikfestspiele Potsdam / Ziya Azoz

 

Potsdamer Musen

Die neue Intendantin der Musikfestspiele, Dorothee Oberlinger, betitelte ihre erste Festivalsaison Musen und dirigierte die Opernproduktion, Giovanni Battista Bononcinis Polifemo, auch selbst. Gerade hatte es bei den Salzburger Pfingstfestspielen Nicola Porporas Opera seria gleichen Titels von 1735 gegeben, daher ermöglichte die Aufführung von Bononcinis Pastorale am 20. 6. 2019 in der Orangerie einen interessanten Vergleich. Sie wurde 1702 im Lustschloss von Königin Sophie Charlotte in Lietzenburg uraufgeführt. Bononcini kam nach seinem Amt als Hofkomponist in Wien nach Berlin, wo er eine neue Wirkungsstätte fand. Der Librettist Attilio Ariosti verwendete für seinen Text Mythen der Verserzählung Ovids um den Schäfer Acis, den Zyklopen Polifemo, die Nymphen Galatea und Silla, den Fischer Glauco und die Zauberin Circe. Die Musik enthält zwanzig Nummern, fast alle in Da-capo-Manier komponiert und von sehr virtuosem Anspruch. Am Beginn steht eine Ouvertüre in französischem Stil, welche das von Dorothee Oberlinger gegründete Ensemble 1700 galant und effektvoll musizierte. Die Dirigentin war mit forschem, straffem Zugriff und einfühlsamer Begleitung der Solisten der Motor der Aufführung. Die Arien kamen Affekt betont und akzentuiert zu gebührender Wirkung, das Continuo mit Laute, Cembalo und Cello sicherte einigen von ihnen eine besonders aparte Stimmung.

Eine exquisite Besetzung garantierte ein hohes gesangliches Niveau, angeführt von Joao Fernandes als Titelheld mit resonantem, auftrumpfendem Bass. Der Sänger gab auch darstellerisch eine pralle Figur ab. Die Überraschung des Abends war der sensationelle Auftritt des jungen brasilianischen Sopranisten Bruno de Sá als Aci. Die klare Stimme mit einer enormen Reichweite bis in die Extremhöhe von angenehmem, nie grellem Ton übertraf im ersten Duett an Klangschönheit sogar die von Galatea. Seine Soli „Partir vorrei“  und „ Bella Dea“ (mit einer Atem beraubenden Kadenz) markierten die vokalen Glanzlichter der Aufführung. Als Galatea war die renommierte Barockspezialistin Roberta Invernizzi angetreten, die stilistisch zwar ihre reichen Erfahrungen einbringen konnte, doch mit zu reifem, ältlichem Ton der Figur die jugendliche Frische schuldig bleiben musste. In den eindringlichen Klagen der Partie (wie „Dove sei“) wirkte sie am stärksten. Auch Roberta Mameli ist eine anerkannte Größe in diesem Repertoire. Ihre Silla überzeugte gleichermaßen mit keckem Ausdruck und munteren Koloraturen wie betörenden, flehentlichen Klängen („Soccorrete“). Die Zauberin Circe hatte sie aus Eifersucht in ein Monster verwandelt. Liliya Gaysina sorgte mit furiosem Auftritt und der fulminant hingeschleuderten Arie „Pensiero di vendetta“ für einen dramatischen Kontrapunkt im lyrischen Gefüge der anderen Arien. Glücklicherweise vermag die Liebesgöttin Venere, Silla ihr früheres Aussehen zurück zu geben. Maria Ladurner thronte hoheitsvoll in einer Muschel im Hintergrund und becircte mit feinem Sopran. Bedingung für Sillas Rückverwandlung war, dass die Nymphe die Zuneigung des Fischers Glauco annehme. Als dieser war Helena Rasker ein weiterer Trumpf der Besetzung. Der klangvolle Alt verströmte sich leidenschaftlich in den Gesängen der Zuneigung für Silla, doch stand ihm gleichermaßen auch die ausgewogene, edle Kantilene zu Gebote. Alle Solisten vereinten sich am Ende zum warnenden Schlusschor. Denn: Er wird den Schmerz finden, weil er die Lust sucht. Das Sinnbild meint den Schmetterling, der sich der Flamme nähert.

Erfreulich war, dass die musikalische Qualität nicht durch optische Experimente getrübt wurde. Im Gegenteil: Die österreichische Spezialistin für historische Aufführungspraxis Margit Legler hatte das Geschehen im Stil des frühen 18. Jahrhunderts arrangiert und dabei bewusst die barocke Gestensprache eingesetzt. Sinnfällig unterstützt wurde sie von Ausstatter Johannes Ritter, der der Bühne mit einer felsigen Grotte, Soffitten und der historischen Wellenmaschine im Hintergrund einen ganz eigenen Zauber verliehen hatte. Auch die phantasievollen Kostüme im Stil der Zeit trugen zur stimmungsvollen Atmosphäre bei.

Der Pastorale hatte das Produktionsteam einen Prolog vorangestellt, bestehend aus Alessandro Scarlattis Serenata à 3 con stromenti Le Muse Urania e Clio lodano le bellezze di Filli von 1706, womit sich ein Bezug zum diesjährigen Thema des Festivals herstellte, sowie Georg Friedrich Händels Sonata à 5 voci B-Dur. Schon hier konnten Roberta Mameli als Sole, Roberta Invernizzi als Urania und Helena Rasker als Clio gefallen und sich am Ende der Serenata im wunderbaren Terzett „Dormi, o bella Filli“ klangvoll und harmonisch vereinen. Händel komponierte seine Sonata um 1707 und vermutlich für Arcangelo Corelli, der in ganz Europa auch für seine Virtuosität als Geiger bekannt war. In Potsdam brillierte nach dem einleitenden Andante und dem Adagio mit pochenden, fast schmerzhaften Akkorden der junge Russe Evgeny Sviridov im finalen Allegro.

Töne und Aromen

Ein ungewöhnliches Programm im Raffaelsaal und in der Pflanzenhalle der Orangerie am 21. 6. 2019 vereinte unter dem Titel Die Küche des Shai Kribus Barockmusik mit einer kulinarischen Reise. Der israelische Musiker Shai Kribus ist nicht nur ein Virtuose auf der Oboe und Bockflöte, sondern auch Küchenchef in seinem eigenen Restaurant. Von jeder dieser Künste konnte sich das Publikum an diesem Abend überzeugen – zuerst beim Konzert im Raffaelsaal, bei dem sich zu Kribus ein Quartett von vier Musikern aus Frankfurt/M. (4 Times Baroque) gesellte und kammermusikalische Werke von Telemann, Vivaldi, Bach und Corelli vorstellte. Mit einem Werk des Hamburger Komponisten Pierre Prowo, das lange Zeit Telemann zugeschrieben wurde, gab es sogar eine veritable Rarität zu hören. Diese Triosonate in d-Moll für Altblockflöte. Violine und B.c. begann mit einem stürmischen Wirbel (Allegro) und endete nicht weniger rasant mit einem Presto, in dem auch volkstümliche polnische Motive ertönten. Die Frische und den passionierten Elan der jungen Interpreten zu erleben war eine Freude. Zudem moderierte der Flötist Jan Niggers den Abend sehr lebendig und informativ. Im abschließenden Concerto à 4 für Blockflöte, Oboe, Violine und B.c. von Telemann hatte jedes dieser Instrumente auch seinen solistischen Einsatz, bis ein schwungvolles Vivace am Schluss die Zuhörer in die Pflanzenhalle zum kulinarischen zweiten Teil des Abends entließ.

War bereits das Musikprogramm wie die Abfolge eines Menüs gegliedert – Aperitivo, Primo, Secondo, Riposo, Dolce und Digestivo – , so wiederholte sich dieser Ablauf auch bei den einzelnen Gängen. Shai Kribus, unterstützt vom Potsdamer Catering-Unternehmen Lena Mauer – à la maison, kreierte die einzelnen Gerichte unter Verwendung fremder, ausgefallener Gewürze, so dass ihm ganz eigene, exotische Geschmackskompositionen gelangen. Erst um Mittenacht endete dieser in seiner Kombination reizvolle und besondere Abend.

 

Bernd Hoppe 22.6.2019

 

 

 

Die Potsdamer Winteroper in der Friedenskirche

Theodora

29. 11. 2018

Musikalischer Glanz bei Händel

Seit 2005 veranstalten das Hans Otto Theater und die Kammerakademie Potsdam gemeinsam die Winteroper – in den ersten Jahren im Schlosstheater des Neuen Palais, danach wegen Restaurierungsarbeiten in diesem Gebäude in der Friedenskirche im Park Sanssouci. In diesem Jahr gab es mit Theodora wieder ein Oratorium von Händel in szenischer Realisierung durch die Regisseurin Sabine Hartmannshenn. Matthias Müller hatte ihr in der Mitte des Kirchenschiffes einen langen erhöhten Laufsteg gebaut, der in der Mitte auch eine Vertiefung aufweist, welche als unterirdisches Verlies dient. Hier wird die Geschichte der Christin Theodora erzählt, die ihrem Glauben treu bleibt und sich weigert, die römischen Götter anzubeten, wofür sie mit dem Zwang zur Prostitution bestraft werden soll. Mit dem römischen Offizier Didymus, der sie liebt und ihren Glauben annimmt, geht sie am Ende in den Tod. Dafür findet die Regie ein eindrucksvolles Bild, wenn beide gemeinsam durch die sich öffnenden Kirchentore schreiten und den Raum verlassen. Irritierend freilich, dass Theodora schon vorher von einer aufgebrachten Menge massakriert wird und danach auf der Orgelempore als Engel mit Heiligenschein sichtbar wird. Edith Kollath hat die Christen und Heiden (Chor der Potsdamer Winteroper, bestehend aus dem Vocalconsort Berlin und der Vokalakademie Potsdam) in einen wüsten Kostüm-Mix aus Versace-Imitationen mit reichlich Goldapplikationen, Leder, Sport-Trikots und diversen Trash gekleidet. Da wird der Laufsteg sogar zum Catwalk für eine exzentrische Modenschau. Auch der häufige Gebrauch der Smartphones verweist ins Heute, das Tragen von Sonnenbrillen auf Abschottung. Wenn am Schluss an alle Bibeln verteilt werden und auch der Statthalter von Antiocha, Valens, eine erhält, nimmt er erstmals die Brille ab. Plötzlich verlöscht das Licht und im Dunkeln hört man nur noch sein grelles, höhnisches Lachen.

Die Winteroper ist für ihre Aufführungen von hoher musikalischer Qualität bekannt und bestätigte dies auch am Abend des 29. 11. 2018. Mit Konrad Junghänel stand ein ausgewiesener Spezialist der Alten Musik am Pult der Kammerakademie Potsdam. Schon in der Ouvertüre setzte er mit energischen Akkorden starke Akzente, favorisierte stets einen schlanken, flexiblen Klang und war den Sängern ein aufmerksamer, inspirierender Begleiter. Wie er Theodoras Air im 2. Akt, „With Darkness, deep“, mit lieblich-zarten Tönen umspielen ließ, verdient besondere Erwähnung. Ruby Hughes mit ihrem reinen Sopran von klarer Höhe war eine Idealbesetzung für die Titelrolle. Sie berührte in ihren Soli mit innigem Gesang und im Duett mit Didymus mit ätherisch-delikaten Gespinsten, die wunderbar mit der Stimme von Christopher Lowrey verschmolzen. Der amerikanische Counter war ein weiterer Trumpf der Besetzung. Stets war sein Gesang von Wohllaut getragen, zeichnete sich durch schwebende Töne, eloquente Koloraturen und feine Triller aus. In großem Kontrast dazu der walisische Bassbariton Neal Davies als Valens mit grimmig-dröhnendem Bassbariton von starkem Nachdruck und bedrohlichem, rasendem Furor. Vokal eindrucksvoll auch Hugo Hymas als römischer Offizier Septimius mit klangvollem, jugendlichem Tenor und Ursula Hesse von den Steinen als Christin Irene mit energischem Mezzo. Am Ende sahen sich alle Mitwirkenden von Publikum begeistert gefeiert. Im nächsten Jahr wird die Winteroper ins Schlosstheater im Neuen Palais zurückkehren und Mozarts Tito unter Trevor Pinnock aufführen. Da ist mit Sicherheit wieder ein musikalischer Hochgenuss garantiert.

Bernd Hoppe 30.11.2018

 

 

 

 

 

 

 

Musikfestspiele  in Sanssouci Juni 2012

PIRAMO E TISBE

18.06.2012

An drei Spielstätten

Im Schlosstheater des Neuen Palais war am 18.6. auch der 1.Akt der Premiere dieses Sommers, Johann Adolph Hasses PIRAMO E TISBE, zu sehen, während der 2. – nach einem Intermezzo im Gartensalon am Neuen Palais – im restaurierten Heckentheater zu erleben war. Die Geschichte des verliebten Paares, das im gemeinsamen Freitod endet, kennt man vor allem aus der Handwerker-Aufführung in Shakespeares A Midsummer Night’s Dream, die auch John Neumeier in seiner choreografischen Version der Komödie so hinreißend umgesetzt hatte. Hasses Werk gehört zur seltenen Gattung des Intermezzo tragico und ist eine seiner letzten Kompositionen. 1768 wurde sie in der Nähe von Wien im Rahmen einer Liebhaberauf-führung aus der Taufe gehoben, drei Jahre später auf Wunsch Friedrichs II. im Schlosstheater von Sanssouci gezeigt. Die deutsche Starsopranistin Elisabeth Schmehling sang die Tisbe, der Soprankastrat Giovanni Carlo Concialini den Piramo. Hier hörte man den australischen Sopranisten David Hansen, der diese extrem hoch notierte und virtuose Partie mit Anstand bewältigte, gelegentlich zwar ein paar metallisch-klirrende und später auch gequält klingende Spitzentöne vernehmen ließ, aber auch mit weichen piani und süßen Klängen erfreute. Sehr schön mischte sich seine Stimme mit dem lyrischen Sopran von Bénédicte Tauran, die eine empfindsame Tisbe gab, sehr farbig und differenziert sang und ihre reizenden, Koloratur geschmück- ten Arien mit großer Delikatesse und viel Gefühl vortrug. Carlo Vincenzo Allemano sang den Vater mit weichem, baritonal grundiertem Tenor, war aber auch zu resoluter Attacke und ausbrechendem Zorn ob der ungehor- samen Tochter fähig. Am Ende büßt er angesichts des tragischen Ausgangs seine Schuld mit dem Tode.

Regisseur Igor Folwill lässt den Ausgang allerdings offen – der Vater greift zwar nach dem Dolch, aber den entscheidenden Stich sieht man nicht mehr. Seine lebendige Inszenierung wird bestimmt von einer surrealen Bühnen- landschaft von Manfred Kaderk mit Wolkenhintergrund, Felsplateau, illumi- nierten Schminktischen und Heckensegmenten. All diese Elemente – sogar das Proszenium mit seinen vergoldeten Palmen – wiederholen sich später auf der Bühne des Heckentheaters, wo die angestrahlten Bäume und Sträu- cher samt dem abendlichen Himmel einen sehr stimmungsvollen Rahmen bilden. Ute Frühlings Kostüme fügen sich stilistisch bestens ein. Als com- media dell’arte-Figuren treten DIE ARISTOKRATEN – Jongleure, Stelzen-läufer, Akrobaten, Sprungkünstler, Seiltänzer – auf und bringen sich als schwarze Engel oder Teufelchen auch ins Spiel ein. Beim Divertissement im Gartensalon zur Pause sorgen sie außerdem für Unterhaltung, akustisch untermalt von einem Bläsersextett mit Ausschnitten aus Kompositionen von Haydn und Telemann. Geriet diese musikalische Umrahmung etwas zähflüssig und laienhaft, war das Spiel des flämischen Barockorchesters B’ROCK unter Leitung von Andrea Marchiol die reine Freude. Der Dirigent traf einerseits den galant-höfischen Stil der Musik genau, besaß aber auch den Nerv für ihren innovativen Charakter, ihre neue Klangsprache, welche die Grenzen der opera seria sprengt. Plastisch heraus gearbeitet wurden die Kontraste der Komposition, die starke emotionale Zeichnung der Figuren und ihrer Schicksale. Musikalisch konnte die nunmehr dritte friderizianische Spielstätte nicht glücklicher eingeweiht werden!

Bernd Hoppe

 

 

FRIEDRICH  II. - Mythos und Tragödie

im Juni 2012

Umjubelte Welt-Uraufführung

Bei diesem knappen Zeitplan könnte man meinen, das Team von Spotlight-Musical hätte „Friedrich II. – Mythos und Tragödie“ aus aktuellem Anlass mal schnell nebenher gezaubert: In weniger als einem Jahr wurde das Stück komponiert und umgesetzt. Nur ein PR-Gag zum 300. Geburtstag des Preußenkönigs? Weit gefehlt!

Was den Zuschauer am Freitag abend in der Metropolishalle im Potsdamer Filmpark Babelsberg präsentiert wurde, war Musical vom Feinsten – made in Germany. Dass man ein so gewichtiges, urdeutsches Thema so frisch, ideenreich und mitreißend umsetzten kann, ist schon eine kleine Sensation.Viel Liebe steckte da drin. Man merkte vom ersten bis zum letzten Moment, wie gut die Crew recherchiert hatte, dass sie für Friedrich II. und seine Lebensgeschichte nur so vor Begeisterung brannte und dass hier ein Autorenteam sein gesammeltes Talent und Hirnschmalz aufgeboten hatte, um eine Story möglichst schillernd und inhaltsreich auf die Bühne zu brin- gen. Schon beim Szenenapplaus hörte man, dass fast alle Nummern voll ins Schwarze trafen.

Am Ende war das Publikum hingerissen und feierte das Stück und seine Darsteller mit minutenlangen Standing Ovations. Denn „Friedrich der II.“ hat einfach alles, was ein rundum beglückender Theaterabend braucht: Sehr starke Darsteller – dank einer echten Starbesetzung, intelligente Dramaturgie (Christoph Jilo), sprechende Bühnenbilder mit großem Flair für die verschiedenen Schauplätze (Christoph Weyers), fetzige Musik (von Dennis Martin und Marc Schubring) und sehr gute Dialoge (Wolfgang Adenberg). Sehr gelungen waren auch die Choreographien von Doris Marlis, die die Geschichte illustrierten, denn niemals stolperte der Plot über eine Tanzszene – im Gegenteil, das Stück bekam dadurch Schwung. Genauso war es bei den Kostümen: Sie wirkten sinnlich und anschaulich, aber niemals erdrückend (Ute Carow).

Friedrichs Leben wird in Rückblenden erzählt: Der greise König unterhält sich mit dem Schatten seines Jugendfreundes Katte, dessen tragischer Tod zum schicksalhaften Wendepunkt seines Lebens wurde. Dann erleben wir die Geschichte von Friedrichs konfliktreicher Jugend, das rebellische Aufbe- gehren eines sensiblen und künstlerisch veranlagten Menschen gegen einen übermächtigen, roh-pragmatischen Vater, der dem Jungen seine preußischen Ideale einzubleuen versucht. Ein großes Verdienst der Autoren war, dass sie die gegensätzlichen Charaktere und Lebensentwürfe Friedrichs und seines Vaters einander wertfrei gegenüber stellten, so wurde der unausweichliche Konflikt der Beiden nachvollziehbar und menschlich berührend. Heiko Stang verkörperte einen imposanten Friedrich Wilhelm I., der einem trotz seiner Härte niemals unsympathisch wurde, weshalb auch er am Ende riesigen Beifall erntete.

Tobias Bieri war der perfekte Kronprinz Friedrich: Blond gelockt und schön, stolz und heldisch doch sensibel und zerbrechlich zugleich. Er hat absolut das Zeug zum Charakterdarsteller und gab seinem Part unerwarteten Tief- gang. Eine wunderbare Fügung war auch, dass er und sein gealtertes Alter Ego sich so unheimlich ähnlich sahen, dass der Zuschauer sie sofort als eine Person begriff. Chris Murray war dieser mürrische „alte Fritz“, der im Stück über weite Strecken als Erzähler auftritt. Nach dem Bieri sich jugendlich-unschuldig durch den ersten Teil gerockt hatte, erlebte man mit Murray im zweiten Akt Friedrich den Großen auf dem Höhepunkt seiner Macht als vereinsamten Herrscher, der ohne es zu wollen, seinem Vater verheerend ähnlich geworden war. Für Murray ergab dies wunderbare Gelegenheiten, um alle Register seiner Schauspielkunst zu ziehen und eine baritenorale Stimmgewalt zu entfesseln, die beim Publikum für Gänsehaut und Begei- sterung sorgte. Allein wie diese beiden „Friedrichs“ zu einer Persönlichkeit verschmelzen konnten und die schicksalsbedingte Veränderung anschaulich machten, war faszinierend und sehenswert.

Und dann waren da noch der ebenso überzeugende, geradlinige Maximilian Mann als Leutnant Hans Hermann von Katte, der zu Friedrichs einzigem echten Freund wird und Elisabeth Hübert als Friedrichs sonnige Schwester Wilhelmine. Die Beiden spielten nicht unwesentliche Rollen und wurden außerdem in eine zarte Romanze verwickelt. Dazu kontrastierend wurden August der Starke (Petter Bjällö) und der Schrifsteller Voltaire (Léon van Leeuwenberg) als nicht ganz ernstzunehmende Zeitgenossen in Szene gesetzt. Ihre Showeinlagen peppten das Drama auf und waren inspiriert vom lustigen Dresdner Hofleben und der „kleinen heilen Welt“ der Dichter und Denker auf Schloss Sanssoucie. Schön war, dass diese Nummern doch nie den Bezug zur Tragik der Geschichte verloren – zum Beispiel, wenn Friedrich einen verhalten kritischen Gesprächspartner anherrscht, dass hier über alles diskutiert werden dürfe – außer Politik!

Etwas flach, weil 0815-sexy und ziemlich lieblos war allein die Verführungs- szene mit der Gräfin Orczelska (Isabel Trinkaus), deren Bekanntschaft der junge Friedrich am Dresdner Hof macht. Diese Episode hätte charmanter erzählt werden können. So schien es ein bisschen, als wollten die Autoren noch unbedingt einen Vamp in ihr Stück einbauen (dessen Fehlen vermut- lich niemand bemerkt hätte, da er die Familienfreundlichkeit des Abends unnötig schmälerte).

Doch eigentlich ist „Friedrich II. – Mythos und Tragödie“ sowieso nichts für kleine Kinder, zumal man hier die Hinrichtung Kattes, düstere Kriegsszenen und einige beklemmende Emotionen sieht. Vor allem ist es ein sehr intellek- tuelles Musical, dessen Witz im Umgang mit der Geschichte liegt – ein Stück, dass historische Gestalten zugänglich macht, Vorbildung erfordert und zum Nachforschen animiert. Und gerade von diesem leidenschaftlichen und offenherzigen Umgang mit dem mythenumrankten Friedrich II. war das Potsdamer Publikum so begeistert. Für Musicalfans ist der Besuch in Potsdam ein Muss: „Friedrich II.“ bietet lebenspralles Theater von höchster Qualität und Intensität. Nur bis zum 30. Juni!

Rosemarie Frühauf

Copyright der Bilder: www.spotlight-musical.de

 

 

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