DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
---
Alle Premieren 21/22
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-(
Der OF-Stern * :-)
OF Filmseite
Heimkino Seite
Silberscheiben
CDs DVDs
OF-Bücherecke
Oper DVDs Vergleich
Musical
Genderschwachsinn
Et Cetera
-----
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Abu Dhabi
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Amst. Concertgebouw
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Bad Hersfeld
Bad Ischl
Bad Lauchstädt
Bad Reichenhall
Bad Staffelstein
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Barcelona
Basel Musiktheater
Basel Sprechtheater
Basel Ballett
Basel Musicaltheater
Basel Konzerte
Bayreuth Festspiele
Bayreuth Markgräfl.
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Belogradchik
Bergamo
Berlin Livestreams
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstiges
Bern
Biel
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bochum Sonstiges
Bologna
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bonn Sonstiges
Bordeaux
Bozen
Brasilien
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bregenz Sonstiges
Bremen
Bremen Musikfest
Bremerhaven
Breslau
Briosco
Britz Sommeroper
Brühl
Brünn Janacek Theate
Brünn Mahen -Theater
Brüssel
Brüssel Sonstige
Budapest
Budap. Erkel Theater
Budapest Sonstiges
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Bytom Katovice
Caen
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago Lyric Opera
Chicago CIBC Theatre
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Daegu Südkorea
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dornach
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Semperoper
Dresden Operette
Dresden Sonstiges
Dresden Ballett
Dresden Konzert
Duisburg
Duisburg Sonstiges
MusicalhausMarientor
Düsseldorf Oper
Rheinoper Ballett
Düsseldorf Tonhalle
Düsseldorf Sonstiges
Schumann Hochschule
Ebenthal
Eggenfelden
Ehrenbreitstein
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Phil 2
Essen Phil 1
Essen Folkwang
Essen Sonstiges
Eutin
Fano
Fermo
Flensburg
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Frankfurt Sonstiges
Frankfurt Alte Oper
Frankfurt Oder
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Sankt Gallen
Gelsenkirchen MiR
Genova
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Gießen
Glyndebourne
Görlitz
Göteborg
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte NEU
Graz Sonstiges
Gstaad
Gütersloh
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hanau Congress Park
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helgoland
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Jekaterinburg
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Opera Europa Bericht
Kassel
Kawasaki (Japan)
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Oper Köln
Wa Oper Köln
Köln Konzerte
Köln Musical Dome
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Kosice
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Krefelder Star Wars
Kriebstein
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Lech
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leipzig Ballett
Leipzig Konzert
Lemberg (Ukraine)
Leoben
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
Loeben
London ENO
London ROH
London Holland Park
Lucca
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübeck Konzerte
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Luzern Sprechtheater
Luzern Sonstiges
Lyon
Maastricht
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mahon (Menorca)
Mailand
Mainz
Malmö
Malta
Mannheim
Mannheim WA
Mannheim Konzert
Mannheim Opernstudio
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Meran
Minden
Mikulov
Minsk
Miskolc
Modena
Mönchengladbach
MG Sonstiges
Mörbisch
Monte Carlo
Montevideo
Montpellier
Montréal
Moritzburg
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Nantes
Neapel
Neapel Sonstiges
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neustrelitz
Neuss RLT
New York MET
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oberhausen
Odense Dänemark
Oesede
Oldenburg
Ölbronn
Oesede (Kloster)
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Palma de Mallorca
Paraguay
Paris Bastille
Paris Comique
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Paris Sonstiges
Paris Streaming
Parma
Passau
Pesaro
Pfäffikon
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag Staatsoper
Prag Nationaltheater
Prag Ständetheater
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Reichenau
Remscheid
Rendsburg
Rheinsberg
Rheinberg
Riga
Riehen
Rosenheim
Rouen
Rudolstadt
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg Festspiele
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
Salzburg Sonstiges
San Francisco
San Marino
Sankt Petersburg
Sarzana
Sassari
Savonlinna
Oper Schenkenberg
Schloss Greinberg
Schwarzenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spielberg
Spoleto
Staatz
Stockholm
Stralsund
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Sydney
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Tel Aviv
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Tours
Trapani
Trier
Triest
Tulln
Turin
Ulm
Utting
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
teatro filarmonico
Versailles
Waidhofen
Weimar
Wels
Wernigeröder Festsp.
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Wiesbaden Wa
Wiesbaden Konzert
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfenbüttel
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Wuppertal TE
Wuppertal Sonstiges
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Theater 11
Zürich Konzert
Zürich Sonstiges
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
DIVERSITA:
YOUTUBE Schatzkiste
HUMOR & Musikerwitze
Opernschlaf
Facebook
Kammeropern
Havergal Brian
Korngold
Streaming
Verbrannte Noten
Walter Felsenstein
Wir erinnern uns
Wiesbaden Archiv
---
Sigi Brockmann Seite
Rudolf Hermes Seite
P. Heuberger Seite
Peter Klier Seite
Marcus Lamers Seite
Pionteks Opernseite
Wes Walldorff Seite
---
Oper im Fernsehen
ARTE MEDIATHEK
Oper im Kino
Unbekannte Oper
---
Buckritiken Archiv
Silberscheiben Archi
Bonn Archiv
---
Nationalhymnen
Unsere Nationalhymne
Essays diverse
P. Bilsing Diverse
Bil´s Memoiren
Bilsing in Gefahr
Gender-Kappes Seite
Serien Tipps
CD Archiv 1
---
---
-

TONHALLE ZÜRCH

 www.Zuerich.com

 

 

L' ENFANCE DU CHRIST

27.11.2021

 

Der grosse britische Dirigent und Berlioz-Spezialist, Sir Colin Davis, sagte einst in einem Interview über Berlioz' L'ENFANCE DU CHRIST: "If you're not moved by it, well I'm sorry for you, you'll have to move on." Wie recht er mit dieser Aussage hatte, erwies sich gestern Abend in der Tonhalle Zürich. Niemand musste weiter ziehen, im Gegenteil, an manchen Stellen wollte man frei nach Goethe ausrufen "Augenblick, verweile doch, du bist so schön!" Im Saal herrschte eine unglaublich konzentrierte Stille, und an manch einer der so ergreifend schönen Momente löste sich bestimmt bei einigen Zuhörern leise eine kleine Träne. Gerade in den Szenen der Heiligen Familie verströmte die Musik, sanft im Dreiertakt (3/4, 3/8, 6/8, 9/8) wiegend, eine berührendeTröstlichkeit, welche vom Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Sir John Eliot Gardiner mit warmer, transparenter Klanglichkeit erfüllt wurde. Trotz all der - bei Berlioz ungewohnten - Zurücknahme der protzenden orchestralen Kraft, trägt auch dieses Werk unverkennbar seine Handschrift.

 

Die epochale Kunst seiner Instrumentierung zeigt sich nämlich auch darin, dass die grandiose Kraft auch im verhaltenen Duktus ihre Wirkung entfaltet. Die gleich einem Herzschlag unerbittlich und doch weich schlagende Pauke, die meisterhafte Behandlung des Holzbläsersatzes, die kunstvoll fugierten oder Kanon artigen Passagen und der sparsame, doch wirkungsvolle Einsatz des Blechs wurden vom Orchester unter der sublimen Leitung von Sir John Eliot Gardiner mit fein abgestufter Dynamik mit Leben erfüllt. Beinahe theatralisch, opernhaft kam der Anfang des Werks daher,LE SONGE D'HÉRODE. Der Erzähler führte kurz ins Geschehen vor 2000 Jahren ein. Andrew Staples begeisterte mit seiner hellen, wunderbar klaren, perfekt gestützten und mit souveräner Sicherheit intonierenden Stimme. Grossartig war sein hervorragendes Piano, daneben konnte er aber auch organisch in einen bestimmten, energischen Tonfall wechseln. Im zweiten Teil, beim Repos de la Sainte Famille, kam man erneut in den Genuss der exemplarischen Phrasierungskunst und der vorbildlichen Diktion dieses aussergewöhnlichen Sängers. Mit Lebhaftigkeit begleitete er das Geschehen in Ägypten im dritten Teil, an dessen Ende er sich dann nach hinten links begab, sich quasi in den himmlisch klingenden Chor integrierte, im Mystère aufging.

 

Ja dieser Chor war natürlich ein Erlebnis der absoluten Spitzenklasse: Sir John hatte für diese beiden Aufführungen in Zürich den von ihm gegründeten Monteverdi Choir aus London mitgebracht. Packend und ergreifend gestaltete der Chor seine vielfältigen Aufgaben, stets mit einer Klangkultur allererster Güte: Als hinterhältige Einflüsterer (Wahrsager) von König Herodes offenbarten die Chorherren deren Brutalität, überirdisch schön liessen die Damen des Monteverdi Choirs die Stimmen der unsichtbaren Engel aus dem Off erklingen, voller Tröstlichkeit ertönte die Keimzelle des ganzen Werks mit dem gesamten Chor, das so unglaublich schöne Adieux des bergers, gemein und vehement gestalteten die Choristen die Abweisung der Heiligen Familie durch die Ägypter, mitfühlend und barmherzig dann aber klang der Chor der Ismaeliten und das Ende mit dem Ô mon âme und dem Amen war definitiv von der gebotenen entrückten Schönheit des Mysteriums des das Herz erfüllenden Glaubens beseelt. Absolut hochklassig besetzt waren auch die anderen solistischen Gesangspartien: Ann Hallenberg sang eine wunderbare Marie, mit warm strömender Mittellage und unforciert aufblühender, einnehmender Höhe, Ashley Richards als Joseph setzte seinen elegant und weich fliessenden Bariton mit feiner Gestaltungskraft ein und fand in der verzweifelt flehenden Bitte um Erbarmen bei den Ägyptern zu ergreifender Markanz.

 

Der herrliche Zusammenklang der beiden Stimmen von Ann Hallenberg und Ashley Richards gipfelte im Ils sont si doux/heureux - schlicht und traumhaft schön! William Thomas begeisterte mit seinem sonoren, wohlklingenden Bass als Hérode; das Wehklagen in Ô misère des rois erweckte beinahe ungewolltes Mitleid mit dem von Albträumen (Interminable nuit) gepeinigten Despoten. Grandios wie William Thomas bei Ô nuit profonde bruchlos von fein intonierter Höhe zum tiefen F hinunterstieg. Ganz besonders aufhorchen liess ein Mitglied des Chors: Der Bass Alex Ashworth sang sowohl die kleine Rolle des Polydorus, als auch die wichtige Rolle des Ismaeliten (Père de famille). Was für eine wunderbare Bassstimme, die mit ihrer klanglichen Schönheit restlos begeisterte. Der Tenor Gareth Treseder, ebenfalls Mitglied des Monteverdi Choirs, überzeugte in seinem kurzen Auftritt als Centurion.

 

Mitten im dritten Teil verliess Sir John das Dirigentenpodium und lenkte so die Aufmerksamkeit auf das Trio für Harfe und zwei Flöten, welches Berlioz quasi als Divertissement für die Heilige Familie im Haus des Ismaeliten eingefügt hatte. Die Harfenistin Sarah Verrue und die beiden Flötistinnen Sabine Poyé Morel und Haika Lübcke brachten diese himmlisch schöne Musik mit stupender Perfektion und voller Anmut zu ergreifender, ja zu Tränen rührender Wirkung.

 

Fazit: Ein berührendes Werk, wunderbar zur Adventszeit passend. Der fantastische Monteverdi Choir, das transparente und feinsinnige Spiel des Tonhalle-Orchesters Zürich, das differenziert und einfühlsam gestaltende Dirigat von Sir John Eliot Gardiner und die herausragenden Solisten machten den Abend zu einem ergreifenden Erlebnis. Heute um 17 Uhr wird es nochmals aufgeführt, lohnt sich unbedingt!

 

Kaspar Sannemann, 28.11.21

 

Applausbild vom Autor

 

 

BERNSTEIN, BARBER, ELGAR

12.11.2021

Bernstein: DIVERTIMENTO FOR ORCHESTRA

Samuel Barber: Violinkonzert, op. 14

Edward Elgar: ENIGMA VARIATIONEN, op.36

Es ist seltsam, dass es die angelsächsischen Komponisten auf dem Kontinent eher schwer haben, sich wirklich durchzusetzen. Nur vereinzelt tauchen ihre Werke auf den Spielplänen der Konzert- und Opernhäuser auf. Dabei haben sie im 20 Jahrhundert ganz wunderbare Musik geschrieben, die um einiges näher an den Hörgewohnheiten des Publikums war und ist, als es die Kompositionen in der Nachfolge von Schönberg, Berg und Webern in Kontinentaleuropa je waren. Vom gehaltvollen Wert angelsächsischer Kompositionen konnte man sich gestern Abend in der Tonhalle Zürich begeistern und mitreissen lassen, und - gemessen an der Lautstärke des enthusiastischen Applauses-  wäre auch hierzulande das Publikum durchaus bereit und dankbar für weitere Begegnungen mit Werken aus Grossbritannien und den Vereinigten Staaten.

Den Abend eröffnete das überaus unterhaltsame, schmissig-kokette DIVERTIMENTO FOR ORCHESTERA von Leonard Bernstein. Fulminante Fortissimi wechselten mit schrägen, sanft wiegenden Walzern, eine Mazurka nur von den Doppelrohrblattinstrumenten gespielt, ein Samba, ein schmerzhafter Trauermarsch der Flöten und gleissendes Blech, das einen Marsch im Stil von Sousa spielte, sorgten für witzige, jazzige Schmunzelmomente und ermöglichten es dem Tonhalle-Orchester Zürich, sich in allen Instrumentengruppen von seiner allerbesten musikantischen Seite zu präsentieren. Man spürte förmlich die Lust am Musizieren, welche vom Dirigenten Paavo Järvi zu den einzelnen Musier*innen und von da wieder zu ihm zurückfloss. Klasse!

Wunderschön intonierte darauf Alena Baeva auf ihrer Guarneri del Gesù Violine die Solointroduktion zu Samuel Barbers eindringlichem Violinkonzert. Sanft fliessend und mit traumhaft sich dem Ohr einschmeichelnder Tongebung beglückte Alena Baeva in diesem ersten Satz, überirdisch schön setzte sie nach dem tröstlich-entrückten Oboensolo (gespielt von Simon Fuchs) im zweiten Satz ein, der ganze Satz ein purer Cantabile-Traum. Das sanfte Verklingen dieses Satzes gelang dem Tonhalle-Orchester mit einer Piano-Klangkultur, die nicht von dieser Welt zu stammen schien. In den ersten beiden, eher elegisch gehaltenen Sätzen konnte Alena Baeva mit ihrer exquisiten Klangkultur und der Reinheit der Intonation glänzen, im Schlusssatz hingegen brillierte sie mit rasanter Virtuosität, raste mit dem Bogen treffgenau über die Saiten. Denn dieses Perpetuum mobile mit seiner nie erlahmenden Motorik, das Barber hier entwarf, lässt die Solistin keinen Augenblick zur Ruhe kommen. Alena Baeva gelang das Kuststück, den Satz dank präziser Rhythmik und sublimen klanglichen Schattierungen jeglicher Einförmigkeit zu berauben.

Den Schlusspunkt setzten Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich mit einer rundum beglückenden, fulminanten Interpretation von Edward Elgars wohl populärsten Werk, seinen ENIGMA VARIATIONEN. Natürlich begeisterte das Tonhalle-Orchester mit seinem überragenden Gesamtklang, doch Järvi legte auch grossen Wert auf das Hervorheben einzelner Stimmen, die immer wieder organisch aus dem Orchester hochstiegen, wunderbare Kantilenen der Celli, der Bratsche, fein ziselierte Phrasen der Klarinette. Eindringlich gelangen die dynamischen Abstufungen, Ruhephasen wechselten mit aufbäumenden Pointierungen durch strahlendes Blech. Am Ergreifendsten glückte der Übergang von der Variation 8 in die Variation 9 (Nimrod). Als dann die Nimrod-Variation im Pianissimo anhob, sich aus der vollkommenen Ruhe zur gigantischen, Mark und Bein durchdringenden Kulmination steigerte, schien sich der Himmel zu öffnen. Järvi scheute die Effekte nicht, ja er setzte Ritardandi und Accelerandi, Crescendi und Decrescendi sehr genau kalkuliert ein und erzielte so eine Wirkung, die direkt ins Herz der Zuhörer*innen zu zielen wusste. Glasklare Transparenz in beinahe (trotz des Riesenorchesters) kammermusikalischen Passagen wechselte mit aufrüttelnden Sforzati des Orchesters, am Ende durfte man eintauchen in eine sich stetig steigernde Klangflut, die süchtig nach dieser Musik machte. Verdienter Jubel für das Orchester und seinen Chefdirigenten nach diesem mitreissenden musikalischen Ereignis.

Es gibt ein musikalische Welt aus englischsprachiger Komponisten-Feder, die eine Entdeckung und/oder häufigere Wiederbegegnung lohnt!

 

Kaspar Sannemann, 20.11.2021

 

 

 

Paavo Järvi MARTINŮ, BRAHMS

03.11.2021

 

Angeblich soll Bohuslav Martinů sein Konzert für zwei Klaviere und Orchester innerhalb von einenhalb Monaten fertiggestellt haben, den ersten Satz gar innert vier Tagen. Das lässt einen bass erstaunt wenn man das Konzert live hört: Wie kann ein Mensch es nur rein technisch schaffen, in dieser kurzen Zeit überhaupt so viele Noten für zwei Klaviere und die farbenreiche Orchestrierung zu notieren? Aber Bohuslav Martinů hat es geschafft und das rasante Werk begeistert in dieser Aufführung so sehr, dass man es gleich nochmals hören möchte. Wie zwei Gepardinnen rasen die Schwestern Katia und Marielle Labèque durch die Sechzehntelläufe dieses Kopfsatzes. Die Musik hat etwas mechanisch Pflügendes, wie ein stark motorisiertes Boot, das sich in wilder See durchsetzt. Das Tonhalle-Orchester Zürich unter Paavo Järvi steuert jazzige Rhythmen und tschechisches Kolorit bei, die Musik entwickelt sich aus kleinsten Zellen, stets vorwärtstreibend und mitreissend, in den Ecksätzen ruhelos, und ansteckende Lebensfreude evozierend. Zu mehr Expressivität fand Bohuslav Martinů im Adagio-Mittelsatz. Eine Introduktion wird mit perlenden Tönen und kräftigen Akkorden von den Labèque-Schwestern interpretiert, im weiteren Satzverlauf brillieren die beiden Pianistinnen mit herrlich glitzernden Passagen, verfeinern diese und wunderbar einschmeichelnden Arpeggien und virtuosen Akkordfolgen. Das bestens disponierte Tonhalle-Orchester Zürich steuert farbenreiche Miniaturen der Holzbläser bei und lässt den Satz in den Violinen samtweich verklingen, bevor es sich zusammen mit den beiden Pianistinnen in den atemlosen Schlusssatz stürzt. Paavo Järvi scheint die jazzig angehauchten Passagen echt zu geniessen und führt das Konzert zum effektvollen Schluss. Als Zugabe spielten Katia und Marielle Labèque (sie sind übrigens keine Zwillinge, obwohl das Erscheinungsbild - Frisur und Kleidung - an diesem Abend den Verdacht aufkommen liess) aus der Komposition für Klavier zu vier Händen MA MÈRE L' OYE von Maurice Ravel Le jardin féerique. Das war eine gut gewählte Zugabe, denn sie holte mit dem von den beiden Schwestern so sublim und verträumt gespielten Duktus und den effektvollen Glissandi die Zuhörer*innen wieder etwas vom aufregenden, fiebrig-rasanten Schluss des Martinů Konzerts runter und führte sie in eine sanfte Traumwelt.

 

 

War der Applaus des Publikums nach Martinůs Konzert noch warm und freundlich gewesen, so steigerte er sich nach der Brahms Sinfonie zum gewaltigen Jubel. Es ist ja meistens so, dass man dem Altvertrauten mehr Begeisterung entgegenbringt als dem neu zu Entdeckenden. Paavo Järvi kennt diese erste Brahms Sinfonie natürlich bestens, nach eigenen Angaben hat er sie schon 50-bis 60 mal dirigiert. Man spürt, dass er die Architektur von Brahms' Erster genau verinnerlicht hat. Sehr plastisch arbeitet er die Momente von Spannung - Entspannung, hell - dunkel, zornig - ruhig heraus, das Tonhalle-Orchester folgt seinem Chef mit herausragender Agilität. Dabei wird nicht verdeckt, wie schmerzhaft Brahms mit der Grossform seiner ersten Sinfonie gerungen hat. Aufwühlendes Grummeln und Grollen im ersten Satz, der mit markanten Paukenschlägen einsetzt wird im zweiten durch liedhafte Strophen mit bezaubernden solistischen Leistungen der Oboe (Simon Fuchs), der Klarinette (Michael Reid) und dem Violinsolo des Konzertmeisters (Andreas Janke) abgelöst. Sehr klar wird im ebenfalls liedhaft gehaltenen dritten Satz das klopfende Motiv des zweiten Themas herausgearbeitet. Auf das Strahlen des Trios in diesem Allegretto folgt quasi mit attaca subito der gigantische Schlusssatz. Präzise Pizzicati der Streicher, das prägnant ausgekostete "Alphorn"- Motiv, welches von der Flöte so bezaubernd übernommen wird, oder der von den Posaunen eingeleitete Choral werden gebührend zelebriert, bevor die die Anläufe zur Kulmination einsetzen.

Es ist kein Brahms zum Zurücklehen, den Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester hier präsentieren, sondern ein aufwühlender, durchaus steiniger und zerklüfteter Weg zum strahlenden C-Dur Gipfel der Coda.

Dieser spannend programmierte Konzertabend begeisterte mit zwei ganz unterschiedlichen Werken: Das erste (von Martinů) in einem wiedererwachten Schaffensrausch - nach der Depression der Flucht in die USA - in atemberaubenden Tempo entstanden (und durch Labèque-Schwestern fulminant in der Tonhalle zum Klingen gebracht), das zweite Werk hingegen war ein 16 Jahre währendes Ringen um die Sinfonieform nach Beethoven, ein Ringen, das Brahms zu Recht einen Platz im Komponistenhimmel (nicht nur im Deckengemälde der Tonhalle Zürich) gesichert hat.

 

Kaspar Sannemann 6.11.2021

 

MAHLER 3

15.09.2021

 

In prachtvollem Glanz und warmem Licht erstrahlt der frisch renovierte, ehrwürdige grosse Saal der Tonhalle Zürich. Wie glücklich ist man, dass pünktlich zur Wiedereröffnung nach vierjähriger Renovationszeit die Corona-Massnahmen soweit gelockert wurden, dass nun Live-Konzerte mit voller Platzbelegung wieder möglich sind. (Natürlich mit 3G-Zertifikat und Maske im Saal, nicht aber im Foyer) In eloquenten (Stadtpräsidentin Corinne Mauch), launigen (Präsident der Tonhalle-Gesellschaft Martin Vollenwyder) und überglücklichen (Intendantin Ilona Schmiel, die an diesem Tag auch Geburtstag feieren durfte) Ansprachen wurde das Publikum zu diesem ereiginshaften Eröffnungskonzert begrüsst.

 

 

Ein Ereignis war es tatsächlich, denn Music Director Paavo Järvi hatte sich für eine der gigantischsten Sinfonien des Konzertrepertoires entschieden, Mahlers 3. Kaum ein anderes Werk hätte besser zur Einweihung des prächtigen, unter Denkmalschutz stehenden Saals gepasst. Entstanden ist dieser sechssätzige Koloss, der in seinem Verlauf einen ganzen Kosmos aufbaut, Mitte der 1890er Jahre, also genau in der Zeit, als die neue Tonhalle am See vollendet wurde. Bereits kurz nach der Uraufführung in Krefeld (1902) erklang sie unter Volkmar Andreae auch in der Tonhalle Zürich (1904). Seither wurde das Werk mit seinen gigantischen Ausmassen immer wieder auf die Programme dieses Orchesters gesetzt, zuletzt 2006 unter David Zinman, der mit dem Tonhalle-Orchester auch eine Gesamteinspielung aller Mahler-Sinfonien vorlegte. Die von Mahler geforderte Grossbesetzung des Orchesters mit zusätzlichem Damen- und Knabenchor und Solo-Altstimme ermöglichte es, die immer schon ausgezeichnete Akustik des Saals, die während der Renovierung nochmals verbessert und justiert wurde, zu erkunden – und zu geniessen. Nichts kann ein Live-Erlebnis ersetzen, das wurde gerade mit diesem Werk ganz besonders deutlich, welches sowohl mit verinnerlichten Passagen im ppp-Bereich, als auch mit ffff-Explosionen mit riesigem Blechbläser-Aufgebot, drei Becken und ausgedehntem Schlagwerk aufwartet. Um es gleich vorwegzunehmen: Der Klang war überwältigend auf allen dynamischen Ebenen und mit allen Instrumentengruppen, auch der wunderbar warm und innig strömende Alt von Wiebke Lehmkuhl (in den Sätzen IV und V) und die beiden Chöre erfüllten den Raum mit klanglicher Pracht.

 

Die Sinfonie Mahlers beginnt mit dem markanten, marschartigen Motiv, welches als Unisono der acht Hörner vorgestellt wird, welch ein Einstieg in diesen mit seinen über 30 Minuten Spieldauer enorme Ausmasse aufweisenden Satz. Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester Zürich loteten in der zuerst zerklüfteten Welt die Themen und Formierungen mit bezwingender Kraft aus, fügten die immer wieder (auch plakativ und vermeintlich trivial Jahrmarktsstimmung verbreitenden Marschthemen) zusammen, formten ein bezwingendes Klangbild und liessen die kunstvolle Instrumentierung trotz aller dynamischen Opulenz nie ins oberflächlich Lärmige abgleiten. Immer wieder schimmerten lichte Passagen der Holzbläser auf (Englischhorn!) und perlende Harfenarpeggios, neben schmerzhaften Reibungen, die wie Geburtswehen der Natur klangen. So verdichteten sich die Marschrhythmen, bäumten sich gigantisch auf, fielen wieder zusammen bis sie zum triumphalen Gipfel strebten. Rasend!

 

 

Mahler wusste sehr genau, dass es nach diesem kraftvollen Wüten einen Ruhepunkt brauchte. Im lieblichen zweiten Satz, dem Menuetto, konnte man diese sanft wogende Ruhe finden (in einem ersten Entwurf hatte Mahler von einer Blumenwiese gesprochen, diesen naturalistischen Programmbeschrieb aber wieder gestrichen), bevor das quirlige Gekrabbel des Scherzos mit strukturierter, präziser Gestaltung durch Paavo Järvi einsetzte. Doch auch dieser unruhige, aber spannende Satz besitzt einen ausgedehnten Ruhepunkt, nämlich das wunderbare Posthorn-Solo, welches in fantastischer Reinheit aus dem Off erklang und ein einmaliges, traumhaftes Klangerlebnis bot, bevor der Satz mit einer lärmigen Groteske schloss.

 

Der vierte Satz steht in krassem Gegensatz dazu, verinnerlicht, düster, geheimnisvoll stellt die Alt-Stimme ihre Fragen, Wiebke Lehmkuhl sang den Text von Nietzsche mit immenser Eindringlichkeit. Das pausenlos anschliessende Bim-Bam des fünften Satzes klingt dagegen naiv, fast kitschig mit den Knabenstimmen (hervorragend intonierten die Zürcher Sängerknaben, einstudiert von Konrad und Alphons von Aarburg) und den Damen der Zürcher Sing-Akademie (einstudiert von Florian Helgarth). Doch zum Glück folgt nach diesem fünften Satz noch der sechste und hier erreicht Mahler mit einem ausgedehnten Adagio eine Tiefe des Ausdrucks, die brucknersche Ausmasse hat. Ein Streicherthema, das aus dem Hornthema des Anfangs der Sinfonie aufgebaut ist, aber nicht mit Markigkeit, sondern mit kantabler Innigkeit einnimmt, eröffnet diesen Satz – und die Streicher des Tonhalle-Orchesters scheinen die Hörer“innen damit zu umarmen, tröstlich aufzufangen. Die Liebe will triumphieren, alles überstrahlen. Das erklang unter Järvis Leitung voller entrückter Schönheit. Das Thema strebt (damit ähnlich zum Kopfsatz) immer wieder zur Kulmination, die absolute Erhabenheit wird aber erst nach mehreren Anläufen erreicht und explodiert dann gleich eines ausgedehnten, hinausgezögerten Orgasmus. Das mag effekthascherisch sein, doch die Wirkung verfehlt es nicht – das Publikum ist hingerissen, standing ovation. Verdient!

 

Kaspar Sannemann, 16.9.2021

Bilder (c) Tonhalle / Bally

 

GALA-KONZERT

27.06.2021

 

Aufführungen in Zürich: 25.6. | 27.6.2021

 

Das Internationale Opernstudio Zürich (IOS) wurde 1961 durch den damaligen Intendanten Herbert Graf gegründet, der seinen Posten 1960 unter der Bedingung angetreten hatte, dass dem Opernhaus (Stadttheater) eine Ausbildungsstätte für junge Sänger*innen angegliedert werde, so wie er es während seiner vielen Jahre im Dienst amerikanischer Opernhäuser kennengelernt hatte. Als Patronatsgesellschaft und Mäzenin dient seither die Gesellschaft zur Förderung der Zürcher Oper (heute Freunde der Oper Zürich). Bereits aus dem ersten Sudienjahrgang ging eine Sängerin hervor, welche die Bühnen der Welt erobern sollte, Dame Gwyneth Jones. Das IOS entwickelte sich unter der Leitung engagierter musikalischer Leiter schnell zur renommierten Talentschmiede für junge Künstler*innen, u.a. absolvierten Noëmi Nadelmann, Michèle Crider, Jukka Rasilainen, Peter Straka, Javier Camarena, Benjamin Bernheim sowie die heute noch im Zürcher Ensemble singenden Martin Zysset, Oliver Widmer und Judith Schmid das IOS. Dozent*innen sind zur Zeit u.a. Brigitte Fassbaender, Ann Murray, Fabio Luisi und Edith Wiens, sowie der amtierende Intendant Andreas Homoki. Homoki zeichnete auch für szenische Einrichtung dieser Gala verantwortlich. Dazu hatte er den abgedeckten Orchestergraben als Spielstätte für die verschiedenen Szenen ausgewählt, das herausragend und beseelt spielende Zürcher Kammerorchester (in grosser Besetzung und unter dem subtil differenzierenden Dirigat von Adrian Kelly) konnte auf der weit in die Tiefe reichenden Bühne des Opernhauses Platz nehmen und dabei die notwendigen Corona – Abstände wahren. Für das Programm hatte der derzeitige musikalische Leiter des IOS, Adrian Kelly, nicht etwa Wunschkonzert-Bravourarien ausgewählt, sondern liess die jungen Sänger*innen ganze Szenen interpretieren. So konnten die Talente ihre Ensemble-Tauglichkeit und ihre schauspielerischen und mimischen Fähigkeiten (ein wichtiger Punkt der Ausbildung am IOS) gekonnt unter Beweis stellen. Homoki hat diese Szenen geschickt arrangiert, mit ein paar Stühlen, Smokings und von der Schneiderei des Opernhauses wunderschön auf die Figuren der Sängerinnen geschneiderte Abendroben.

 

„Mozart ist Balsam für die Stimme“, hat die grosse Vesselina Kasarova einmal gesagt, „Mozart hat alles. Er hat Liebe, Traurigkeit, Dramatik.“ Und an ihrem Mozart-Gesang kann man auch sehr gut die Qualitäten einer Sängerin, eines Sängers ermessen. Denn Mozart erfordert ein immenses Einfühlungsvermögen in die dargestellte Figur, erfordert Reinheit der Intonation gepaart mit differenzierter Ausdruckskraft, braucht dramatische Verve ebenso wie subtil eingesetzte Piani. Und Mozart stellte an diesem Abend einen Schwerpunkt der Szenen dar: Begonnen wurde mit der ersten Szene des ersten Aktes aus DON GIOVANNI, mit der fulminanten Donna Anna von Erica Petrocelli, den wunderbar timbrierten Bariton- und Bass-Baritonstimmen von Xiaomeng Zhang (Don Giovanni) und Andrew Moore (Leporello), dem schön klingenden, besorgten Tenor von Savelii Andreev (Don Ottavio) und dem autoritären, festen Bass von Oleg Davydov. Gleich danach sang Lina Dambrauskaité mit geforderter Hochdramatik, sicherer, stupender Höhe und geläufiger Linienführung die Arie Barbaro! aus Mozarts früher Oper IL RE PASTORE. Siena Licht Miller mit interessant herbem Timbre (Dorabella) und erneut Andrew Moore (als Guglielmo) glänzten im Duett aus Mozarts COSÌ FAN TUTTE und Vladislav Tlushch brachte alle Häme und seinen aufgestauten Zorn in der Szene des Grafen Almaviva aus dem dritten Akt von Mozarts LE NOZZE DI FIGARO zum Ausdruck.

 

Besondere Kehlkopfgeläufigkeit war in den diversen Ausschnitten aus Belcanto-Opern von Rossini und Donizetti gefragt, so bei Venti scudi aus Donizettis L'ELISIR D'AMORE, wo die weichen Kantilenen des Nemorino von Andrei Skliarenko wunderbar mit den Agitato-Parlandopassagen von Yannick Debus (Belcore) kontrastierten. Gleich drei Männerstimmen brillierten im musikalischen Räderwerk-Terzett aus Rossinis IL TURCO IN ITALIA: Luis Magallanes (Narciso), Vladyslav Tlushch (Prosdocimo) und Ilya Altukhov. Es folgten zwei Szenen aus Donizettis selten gespielter Oper LINDA DI CHAMOUNIX (war 1996 mit Edita Gruberova und Deon van der Walt in Zürich auf der Bühne zu erleben): Luca Bernard begeisterte mit seinem differenziert eingesetzten und herrlich dynamisch abgestuften Tenor in einer Soloszene aus dem zweiten Akt und Xiaomeng Zhang (Antonio) und Brent Michael Smith (Il prefetto) intrigierten gekonnt über Lindas Schicksal in der vierten Szene aus dem ersten Akt. Mit humoriger Verschlagenheit agierte Yuri Hadzetskyy als Dandini in der sechsten Szene aus Rossinis LA CENERENTOLA, assistiert von den kokettierenden Schwestern Tisbe (Katia Ledoux) und Clorinda (Lina Damrauskaité), deren Vater Don Magnifico (Oleg Davydov) und dem sanften Prinzen Don Ramiro (Luis Magallanes). Wunderbar in der Abstimmung der Stimmen erklangen das Schmugglerquintett aus Bizets CARMEN (Katia Ledoux, Ziyi Dai, Siena Licht Miller, Andrei Skliarenko und Savelii Andreev) und der Auftritt Zerbinettas mit ihrer Komödiantentruppe aus Richard Strauss' ARIADNE AUF NAXOS (Lina Dambrauskaité, Luis Magallanes, Luca Bernard, Yannick Debus und Oleg Davydov). Von Mut in der Zusammenstellung des Programms zeugte der Einbezug einer Szene aus Debussys PELLÉAS ET MÉLISANDE (an vielen Orten ist dieses wunderbare Werk leider „Kassengift“), in welcher Brent Michael Smith einen intensiven Auftritt als Arkel hatte. Ganz besonders nachhaltigen Eindruck haben auf mich die folgenden beiden Szenen dieses spannenden Abends gemacht: Ziyi Dai als Adina (zusammen mit Ilya Altukhov als Dulcamara) in der siebten Szene des zweiten Aktes aus Donizettis L' ELISIR D' AMORE. Mit atemberaubender Schönheit, Koketterie und Geläufigkeit, gepaart mit blühender Höhe und fein hingetupften Tönen und weichen Phrasen sang Ziyi Dai mit ihrem lichten Sopran die Adina. Herrlich! Ebenso grandiosen Eindruck hinterliess Katia Ledoux mit der „Suizid“-Arie aus Gounods SAPHO. Was für eine fantastische, farbenreiche und ausdrucksstarke Stimme. Frau Ledoux (sie liess bereits in der Produktion von IPHIGÉNIE EN TAURIDE aufhorchen) beeindruckte tief mit ihrem satten, wunderbar gestützt strömenden Mezzosopran. Hoffentlich kann man diese Künstlerin für einige Zeit am Haus halten.

 

Zum letzten Programmpunkt (zum Glück nicht das Brindisi aus der TRAVIATA!) durfte man nochmals alle Beteiligten mit Mozart erleben, dem musikalisch so packenden und mitreissenden Finale aus LE NOZZE DI FIGARO, das nach dem grossen und dankbaren Applaus des Publikums wiederholt werden musste.

 

Zum Abend:

 

Das Internationale Opernstudio feiert dieses Jahr einen „Runden“: Seit 60 Jahren besteht die Zürcher Talentschmiede nun schon, und einige der grössten Sängerpersönlichkeiten unserer Zeit sind daraus hervorgegangen. Grund genug, dieses Jubiläum gebührend zu feiern! In einem Gala-Konzert ist nun der aktuelle Sängernachwuchs im Opernhaus zu hören. Die jungen Sängerinnen und Sänger haben zwar wegen Corona ein schwieriges Jahr hinter sich, konnten aber unlängst in Donizettis Viva la mamma im Theater Winterthur glänzen, in Liederabenden wie Opera goes wild oder in wichtigen kleineren Partien in der Neuproduktion von Offenbachs Les Contes d’Hoffmann, die wir live gestreamt haben. Gemeinsam mit dem Zürcher Kammerorchester und unter der musikalischen Leitung von Adrian Kelly, der seit dieser Spielzeit auch Leiter des IOS ist, bringen sie berühmte Arien, Duette und Ensembles aus Opern von Mozart, Donizetti, Rossini und Richard Strauss zu Gehör. Auch Französisches mit einem Ausschnitt aus Debussys Pelléas et Mélisande, einer Arie aus der unbekannten Oper Sapho von Charles Gounod oder dem Schmugglerquintett aus Bizets Carmen werden besondere musikalische Leckerbissen sein. (Text: Opernhaus Zürich)

 

Kaspar Sannemann, 30.6.2021

 

 

Saisoneröffnungskonzert

19.08.2020 in der Tonhalle

Bartók, Violinkonzert Nr. 1

Jacques Ibert: Divertissement

Francis Poulenc: Sinfonietta

Um es gleich vorwegzunehmen: Ein Besuch in der Tonhalle-Maag ist trotz steigender Infektionszahlen mit dem Coronavirus sicher. Dank eines umfasenden, ausgeklügelten Schutzkonzepts kann man bedenkenlos Konzerte besuchen, man kommt in keiner Phase anderen Besucher*innen zu nahe: Getrennte Zu- und Ausgänge zur rechten und zur linken Saalhälfte, Abstandsmarkierungen, Maskenpflicht beim Betreten des Gebäudes (auch während des Konzerts!), Desinfektionsmittelspender allüberall und eine Beschränkung auf maximal 460 (von 1224) besetzte Sitze, wobei streng darauf geachtet wird, dass die Schachbrettverteilung eingehalten wird (auch Paare sollten sich daran halten!). Und doch blieben an diesem Abend einige der 460 möglichen Plätze leer. Dabei war doch überall zu lesen gewesen, wie wichtig Kultur sei, wie sehr man sich wieder nach Live-Erlebnissen sehne. Was hielt die Leute vom Besuch dieses Konzertes ab? Die Eintrittspreise können es nicht sein, werden doch die Plätze zum Einheitspreis von 65 Franken verkauft (das Lucerne Festival verlangte kürzlich 290 Franken ...), die Hälfte dessen was sie sonst kosten. Ok, die Programme sind auch etwas kürzer gehalten (aber unwesentlich), Pausen gibt es nicht. Mit der Geigerin Lisa Batiashvili und dem Chefdirigenten des Tonhalle-Orchesters Paavo Järvi standen zwei absolute Top-Interpreten des Klassikmarktes auf dem Podium und das Programm mit Werken von Ibert, Bartók und Poulenc war ausgesprochen interessant und bewegte sich abseits ausgetretener Pfade. Wer es verpasst hat, könnte heute Donnerstag (allerdings mit Mozarts Sinfonie Nr.29 anstelle von Poulencs Sinfonietta) oder am Freitag nochmals in den Genuss dieses spannenden Abends kommen.

Einen Einstieg in die neue Saison kann man sich erfrischender als mit Iberts DIVERTISSEMENT kaum vorstellen. Welch schmissige, vor Einfällen nur so sprudelnde, überschäumende Musik hat Ibert da aus seiner Bühnenmusik zu einer Komödie von Labiche in einem sechssätzigen Stück destilliert: Rasante Passagen des Blechs, Triumphmärsche, Verulkungen des Mendelssohnschen Hochzeitsmarsches, Abstiege in mystische, düster grummelnde Sphären, perlende Klavierkaskaden und Seitenhiebe auf kakophone, atonale Kompositionen von Zeitgenossen, herrlich schmachtende Walzer, Salonmusik und Militärfanfaren – insgesamt ein atemberaubendes, amüsantes Stück Unterhaltungsmusik, auf höchstem Niveau komponiert und mit mitreissender Spielfreude vom Tonhalle-Orchester Zürich interpretiert, unter der augenzwingkernden (aber natürlich äusserst präzisen) Leitung von Paavo Järvi, der am Ende auch mit der Trillerpfeife versuchte, Ordnung in das ausser Rand und Band zu geratene Spiel zu bringen und damit erst die gelbe, dann die rote Karte von den Schlagzeugern gezeigt bekam und so die Sache beendete. Herrlich!

Eine ganz und gar anders geartete Komposition stand als nächstes auf dem Programm: Bartóks Violinkonzert Nr.1. Der neun Jahre vor Ibert geborene Komponist war im Alter von 25 Jahren unsterblich in die Wundergeigerin Stefi Geyer verliebt und widmete ihr ein zweisätziges Werk für Solovioline und Orchester. Geyer nahm die handschriftliche Partitur entgegen, setzte sich aber bald in die Schweiz ab und vertraute die Noten erst kurz vor ihrem Tod Paul Sacher in Basel an, der das Werk dann (13 Jahre nach Bartóks Tod) zur Uraufführung brachte. Bartók jedoch verwendete grosse Teile seiner musikalischen Ideen für sein Komposition DEUX PORTRAITS, op.5. Lisa Batiashvili stellte die fast schmerzhaft aufsteigenden Terzen der Solovioline mit wunderbar sauberer Intonation in den Raum, liess ihren Klang später, wenn sie nach und nach durch die Streicher des Orchesters umspielt werden, mit fantastischer Klarheit über dem Orchesterklang schweben, Man war sofort in den Bann dieser zum Teil noch dem spätromantischen Duktus verschriebenen Musik gezogen. Das Orchsters schraubte sich zu einem erotisch gefärbten Orgasmus hoch, die Solovioline erinnerte mit einnehmend süssem Klang nochmals an das Terzenmotiv, dann verklang dieser erste Satz. Im zweiten stand dann ganz die Virtuosität der Solovioline (und damit der von Bartók angebeteten Stefi Geyer) im Vordergrund. Schnelle Läufe, energische, ja manchmal beinahe trotzige Passagen wurden von Lisa Biatiashvili mit stupender Sicherheit vorgetragen, manchmal schien sie sich listig wie eine Schlange in den Orchesterklang zu schleichen, wunderbar präzise vom Tonhalle-Orchester unter Paavo Järvis unaufgeregter, klarer Führung begleitet. Wogend und rasant steuerte der in Sonatenform komponierte Satz aufs Finale hin – Riesenapplaus für die Ausführenden.

Zum Schluss des Programms dreier beinahe gleichaltriger Komponisten (nur 18 Jahre trennen den ältesten, Bartók, vom jüngsten der drei, Francis Poulenc) erklang die Sinfonietta von Poulenc. Was für eine wunderbare Musik, von der der Komponist selbst einmal gesagt haben soll: „Analysieren Sie meine Musik nicht, lieben Sie sie.“ Und wirklich, das sind Klänge zum Verlieben. Spätromantische, klassizistische, ja manchmal gar jazzige Einflüsse verschmelzen sich mit einer ganz eigenen Klangraffinesse zu einem neuen Ganzen, es ist ein Eintauchen in einen Wohlklang, dessen Gesanglichkeit in eindringlichen Atembögen Paavo Järvi und das Tonhalle-Orchester mit Eleganz und ruhigem Fluss zum Erklingen brachten. Wunderschöne, warme Streicherkantilenen (insbesondere der Celli), innige Holzbläser, traumhaft sauber gespieltes Horn, verzaubernde Arpeggien der Harfe waren zu vernehmen, dazwischen gekonnt orchestrierte Einschübe, die an Elgars Pomp and Circumstance erinnerten.

Paavo Järvi und sein Tonhalle-Orchester Zürich nahmen die Zuhörer mit auf eine eindrückliche und lohnende Entdeckungsreise in die viel zu selten gespielte musikalische Welt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

Kaspar Sannemann, 23.8.2020

copyright (c) Gaëtan Bally

 

 

BENJAMIN BERNHEIM

Liederabend am 10.02.2020

 

Nuits d'été (Berlioz)

Lieder von Clara Schumann, Henri Duparc, Richard Strauss, Ralph Vaughn Williams und Frank Bridge

Klavier: Carrie-Ann Matheson

 

Als ich Benjamin Bernheim zum ersten Mal auf der Bühne des Opernhauses Zürich hörte (Spalanzani in LES CONTES D'HOFFMANN, 2010), schrieb ich von einem „vielversprechenden Debüt“. Im gleichen Jahr „löste er beim Premierenpublikum Begeisterungsstürme aus“ (Arminio in I MASNADIERI), 2011 sang er den Roderigo in OTELLO, da merkte ich an, dass er „ein hervorragender Cassio“ wäre, 2012 „brillierte Benjamin Bernheim in seinem kurzen Auftritt als Graf Lerma“ in DON CARLO, ebenfalls 2012 gelang ihm als Capito in MATHIS DER MALER „eine bedeutsame und eindringliche Charakterstudie“, 2013 attestierte ich ihm „herausragende Tenorqualitäten“ als Osoburgo in LA STRANIERA, 2015 sang er den Arturo in LUCIA DI LAMMERMOOR mit „strahlender Kraft und grossartiger Darstellungskunst, in GESUALDO stattete er den Emmanuele mit seinem „wunderschön timbrierten Tenor aus“, als Tebaldo in I CAPULETI E I MONTECCHI „fand er zu feinfühlig interpretierten Kantilenen und begeisterte mit seiner Phrasierungskunst und der klaren Diktion“. Letzte Saison folgte dann endlich eine Premiere in einer gewichtigeren Rolle auf der Bühne des Opernhauses Zürich (Ismaele in NABUCCO) – unterdessen hatte er aber bereits eine grandiose Karriere gestartet, welche ihn in Hauptrollen des lyrischen Tenorfachs nach Covent Garden, die Opéra de Paris, die Wiener Staatsoper, nach München und Berlin führte. Gestern Abend nun durfte man die Stimme dieses wunderbaren Sängers endlich einen ganzen Abend lang in Zürich geniessen, in einem zu Recht heftig akklamierten Liederabend – und er bestätigte all die Vorschusslorbeeren der vergangenen 10 Jahre aufs Schönste!

 

In diesem klug durchgestalteten Programm mit Liedern von fünf Komponisten (die sich – natürlich – allesamt um Liebesfreuden und -leiden drehten), begann er mit vier zarten, biedermeierlichen Liedern von Clara Schumann (1819-1896). Clara Schumann, die als Komponistin erst viele Jahre nach ihrem Tod die ihr gebührende Anerkennung erlangte, komponierte einige Lieder auf Gedichte von Friedrich Rückert, welche sie zusammen 1841 als Opus 12 mit ihrem Gatten Robert Schumann als Zyklus „Liebesfrühling“ veröffentlichte. Benjamn Bernheim sang sie mit schlichter, ebenmässiger und feinfühliger Tongebung und wenn er am Ende des zweiten Liedes (Warum willst du and're fragen) singt Sieh mein Aug', ich liebe dich! dann glaubt man's ihm aufs Wort. Schon hier erwies sich Carrie-Ann Matheson als wunderbar einfühlsame Begleiterin, welche gerade die melancholisch weichen Nachspiele (in den beiden Liedern Opus 13 nach Gedichten von Heinrich Heine) in sanft perlende Preziosen verwandelte. Die sechs Lieder des Zyklus LES NUITS D'ÉTÉ von Hector Berlioz hört man selten in der originalen Fassung für Klavier und Singstimme. Umso grösser die Freude, sie mit diesem so intelligent gestaltenden Ausnahmetenor erleben zu dürfen! Frisch und überschäumend in Villanelle, schmachtend und verspielt in Le spectre de la rose, das in der Klavierfassung viel direkter und weniger parfümiert wirkt als in der Orchesterfassung. Bernheim wartete mit eleganter Phrasierung, packenden Aufschwüngen und sicherer Stimmführung auf, auch im Fortissimo. Die Phrase J'arrive du paradis geriet zum Weinen schön, auch hier fiel die wunderbar aufmerksame Pianistin Carrie-Ann Matheson durch ihre subtile Begleitung, ihr Mitatmen mit dem Sänger sehr positiv auf. In Sur les lagunes begeisterte Bernheim mit kunstvoll schleifenden Legato-Bögen, expressiven dynamischen Steigerungen – ja es war eine wirkliche Arie, voller Trauer und Verlassenheitsgefühlen, aber auch mit exzeptioneller Strahlkraft. Berührend gestaltete er die verzweifelten Reviens-Rufe an die Geliebte in Absence und mit bangem Herzen Au cimetière – Clair de lune, bevor er mit hoffnungsvoller Emphase ins den Zyklus abschliessende Lied L'île inconnue einbog.

 

Nach der Pause brachte er dem Publikum zwei Lieder von Henri Duparc (1848-1933) auf Gedichte von Charles Baudelaire nahe. Duparc war wegen einer Nervenkrankheit als Komponist viel zu früh verstummt. Carrie-Ann Matheson gab den elegisch schillernden, perlenden Wellenschlag der Stimmung des Liedes L'invitation au voyage vor, Benjamin Bernheim stimmte mit ebensolchem Duktus ein. Wunderbar trafen die beiden Interpreten den erzählerischen Tonfall des Beginns von La vie antérieure, schlicht und unprätentiös – die nachfolgende Emphase wirkte damit umso beeindruckender! Nun folgten vier „Hits“ von Richard Strauss: Befreit, Heimliche Aufforderung, Morgen und Cäcilie. Der dynamische stimmliche Spannungsbogen Benjamin Bernheims reichte von zurückgenommener Innigkeit (Befreit), eindringlicher Textgestaltung (Heimliche Aufforderung), zarter Hoffnung (Morgen) bis zu strahlemdem tenoralem Fortissimo-Glanz mit Wenn du es wüsstest, du lebtest mit mir! in Cäcilie. Mit ruhigem Fliessen und leichtem Schalk in der Stimme ging er das Lied Silent Noon von Ralph Vaughn Williams an (wann endlich wird diesem britischen Komponisten auf dem Kontinent endlich die ihm gebührende Aufmerksamkeit erbracht???) und beendete das Programm mit schon beinahe ekstatischer Lobpreisung der Liebe in Frank Bridges (1879-1941, Lehrer von Benjamin Britten) Love went a-riding, wo die Liebe auf Pegasus' Flügeln über den Planeten schwebt.

 

Doch das Publikum war dadurch natürlich in solch euphorische Stimmung geraten, dass Zugaben einfach folgen mussten – und Benjamin Bernheim verzückte mit dem schon beinahe überirdisch schön mit mit delikatem Schmelz vorgetragenen Traum des Des Grieux aus Massenets MANON En fermant les yeux. Die Rolle des Des Grieux singt er zur Zeit an der Opéra de Paris – und bei der Wiederaufnahme in Zürich nächste Saison!

 

Hätten Benjamin Bernheim und die Pianistin Carrie-Ann Matheson die Herzen der Zuhörer*innen nicht schon längst erobert gehabt, mit Léhars Dein ist mein ganzes Herz aus DAS LAND DES LÄCHELNS, wäre das dann passiert. Da offenbarte Benjamin Bernheim nochmals die Gänsehaut evozierende Strahlkraft seines grandiosen Timbres! Das Publikum hätte sicher gerne noch mehr gehört, doch Bernheim signalisierte, dass er nun Durst habe ... . Die Erfrischung wollte ihm natürlich niemand vorenthalten und so verliess man beglückt den Saal!

 

Kaspar Sannemann, 12.12.2020

 

 

 

Vesselina Kasarova

featuring: Richard Galliano

01.01.2020 in der Tonhalle Maag Zürich

 

Das Zürcher Kammerorchester hatte zum Jahresanfang ein besonderes Konzert gestaltet. Statt den üblichen Walzern und Polkas erklangen in diesem Konzert melancholische Tangos, emotionale Arien und humorvolle Kompositionen.

Die beiden Solisten des Abends, Vesselina Kasarova, Mezzosopran und Richard Galliano, Akkordeon, boten einen vielseitigen Querschnitt durch ihr Können. Das Konzert begann mit der Barcarolle aus «Hoffmanns Erzählungen» von Jacques Offenbach. Wann hat man schon die Gelegenheit, dieses bekannte Stück mit Akkordeonbegleitung zu hören? Eine ganz gelungene Idee. Man spürte schon hier, dass sich die beiden Solisten bestens ergänzten.

Vessellina Kasarova ließ ihren eleganten, dunklen Mezzosopran fließen und konnte auch mit «O del mio amato ben” von Stefano Donaudy eine bezaubernde Stimmung hervorrufen. Richard Galliano, ein Meister seines Instruments, spielte zwei eigene Werke «La Valse à Margaux” und «Aria», sowie die zwei Kompositionen seines Freundes Astor Piazzolla, «Oblivion» und «Otono Porteno». Unglaublich, mit welcher Hingabe und Beherrschung seines Instruments dieser Ausnahmekünstler aufwarten kann, sei es solistisch oder zusammen mit dem Orchester.

Nach der Pause durfte man Vesselina Kasarova mit der Habanera aus «Carmen», einer Ihrer großen Opernrollen, hören und wurde an die vielen Partien erinnert, mit welchen diese berühmte Sängerin auch in Zürich ihr Publikum immer wieder begeistert hatte.

In den zwei folgenden Gesangsstücken, «Vieni sul mar» von Eduardo Di Capua und der «Canzonetta spagnuola» von Gioachino Rossini kamen ihre Stimme und ihr Temperament voll zur Geltung und man kam richtig ins Schwelgen. Richard Galliano ergänzte seine Darbietungen mit zwei weiteren Interpretationen von Astor Piazzolla. «Libertango» und «Melodia en La Menor» liessen erkennen, wie sehr der Altmeister und der Solist miteinander harmoniert hatten. Darauf folgte nochmals eine Eigenkomposition aus «Opale Concerto».

Als Zugabe erklang das «Katzenduett» von Rossini. Die Singstimme und die von Galliano gespielte Mundharmonika boten eine sehr witzige Version dieser humorvollen Komposition.

Das Zürcher Kammerorchester unter seinem Konzertmeister Willi Zimmermann, bot eine sehr überzeugende Leistung und hatte sicht- und hörbar viel Freude an diesem speziellen Programm. Ein großes Kompliment an dieses für das Zürcher Konzertleben so wichtige Orchester.

 

Marco Stücklin, 4.1.2019

Besonderer Dank an unsere Freunde vom OPERNMAGAZIN

Fotos @ Suzanna Schwiertz

 

 

Tonhalle-Orchester

mit Dvorak, Ravel und Richard Strauss

Besprochenes Konzert vom 18.12.2019

 

Ein wilder musikalischer Hochgenuss unter der Leitung des Tonhalle-Orchester-Debutanten Gianandrea Noseda

Die beinahe ausverkaufte Tonahalle Maag erwartet gespannt den italienischen Dirigenten Gianandrea Noseda, welcher nach Fabio Luisi das Amt des Generalmusikdirektors des Opernhaus Zürich übernehmen wird, und nun mit dem Tonhalle-Orchester zum ersten Mal ein Konzert gibt. Unterstützt wird er dabei von dem ausgezeichneten jungen Pianisten Betrand Chamayou.

Das anspruchsvolle Programm ist sehr abwechslungsreich und kurzweilig. Als Einstieg wird Antonin Dvoraks «Waldtaube» op.110 dargeboten. Seine sinfonische Dichtung über das Leben einer unglücklichen Frau, welche ihren Ehegatten ermordet und schliesslich selbst durch Selbstmord aus dem Leben scheidet, dirigiert Noseda kraftvoll und mitreissend. Besonders die tiefen Streicher begeistern mit ihrer Expressivität. Jegliche Orchestergruppen sind perfekt aufeinander abgestimmt, sowie ausbalanciert, und folgen dem beinahe schon tanzenden Dirigenten auf jeden Schlag.         

Nach dem Abklingen des letzten feinen Horn-Einsatzes beginnt auch schon der Umbau zu Maurice Ravels Klavierkonzert in G-Dur. Dafür wird der grosse Steinway-Konzertflügel in die Bühnenmitte geschoben und der im Jahre 1981 geborene französische Pianist Betrand Chamayou setzt sich auf den Hocker. Der junge Ausnahme-Pianist meistert den jazzigen ersten Satz, den leidenschaftlichen und melancholischen zweiten Brückensatz, sowie den nicht minder intensiven dritten Satz, welcher die Themen des ersten Satzes erneut in erhöhtem Tempo und Komplexität aufgreift, mit scheinbar grösster Leichtigkeit. Jede Note - ist sie auch noch so fein - wird von Chamayou hörbar und in einer Klarheit die ihres Gleichen sucht, in den Raum gezaubert. Orchester und Klavier verschmelzen in einen einzigen Guss wunderbarer Musik. Noseda nimmt in Punkto Dynamik und Tempo stets Rücksicht und folgt dem Pianisten in Manier eines guten Kapellmeisters in jedem Takt. Das Konzert ist schmissig, leidenschaftlich -und leider viel zu kurz. Zu Freuden des Publikums spielt Chamayou eine wunderbare Zugabe eines weiteren Stückes von Ravel, um seinen bemerkenswerten Auftritt in der Tonhalle Maag gekonnt abzurunden.

Nach der Pause folgt der dritte und letzte Programmpunkt des Abends. «Also sprach Zarathustra» von Richard Strauss. Der grosse Strauss-Interpret und Dirigentenkollege Christian Thielemann sagte in einem Interview über den Komponisten, dass Strauss ein grosser Parfümeur war, der es verstand seine Werke so genial zu komponieren, dass auch schlechte Orchester mit seinen Werken gut klingen würden. Die kleinen aber wichtigen Nuancen, die den Unterschied machen, können nur gute Orchester und Dirigenten hervorheben. Noseda und das Tonhalle-Orchester machen diese Nuancen hörbar und überzeugen mit grösster Qualität. Die bekannte Einleitung gelingt zügig, walzt durch den Raum und was darauf folgt, ist ein Rausch, aus dem Dirigent, Orchester und Publikum erst beim Schlussapplaus erwachen. Ein Höhepunkt folgt dem Nächsten. Die Streicher flirren, die Holz- und Blechbläser strahlen - es ist ein Musikfest sondergleichen. Auch die feinen Passagen mit dem Solo des Konzertmeisters gelingen anrührend und sind eine willkommene Abwechslung zu den wilden Gefühlsausbrüchen der komplexen Tondichtung, welche an Friedrich Nietzsches Buchvorlage angelegt ist.

Der lange anhaltende und begeisterte Schlussapplaus ist Resultat eines mehr als nur geglückten Debuts Nosedas. Das Publikum bedankt sich beim Orchester und Dirigenten und darf sich freuen Noseda als neuen GMD der Zürcher Oper in Zukunft öfters zu erleben.

 

Philipp Borghesi, 20.12.2019

 

 

1. PHILHARMONISCHES KONZERT

am 28.10.2018

 

Wolfgang Amadeus Mozart: Rondo in A-Dur für Klavier und Orchester

Richard Strauss: Burleske in d-Moll für Klavier und Orchester

Schostakowitsch 5. Sinfonie

Intelligent sinnvolle Konzertzusammenstellung

Gerade bei so expressiven und extensiven Sinfonien wie sie von Schostakowitsch (oder Bruckner oder Mahler) erschaffen wurden, stellt sich immer die Frage, mit welchen Kompositionen kann man sie denn zusammen aufs Programm setzen, ohne dass die Werke vor der Pause von der nachfolgenden Sinfonie erdrückt werden. Hier haben nun Daniele Rustioni und die Philharmonia Zürich eine ganz kluge Lösung gefunden: Sie setzten vor Schostakowitsch Richard Strauss' Burleske für Klavier und Orchester an. Strauss' Jugendwerk hat mit Schostakowitschs Fünfter nicht nur die Grundtonart d-Moll gemein, auch innerhalb der beiden Werke werden Verwandtschaften hörbar, so der Zug ins Groteske im zweiten Satz der Sinfonie, der auch in Strauss' Burleske herrlich verschmitzt durchdringt und etwas an Strauss' drei Jahre nach der Burleske komponierte Tondichtung Till Eulenspiegel erinnert.

Dem extrem schwierig zu bewältigenden Klavierpart von Strauss' Burleske widemete sich Francesco Piemontesi. Er spielte die vertrackt spritzigen Läufe mit einer staunend machenden Selbstverständlichkeit, stürzte sich mit Vehemenz in die Kaskaden, entlockte dem Flügel aber auch glitzernde, perlende Klänge, versank in wohliges Gurgeln, stieg wieder auf zu gleissenden Höhen. Die hochkomplexe Rhythmik bereitete weder dem Solisten, noch dem von Daniele Rustioni sicher und mit hörbarer Spielfreude musizierenden Orchester Mühe, das klang alles überaus präzise und doch mit musikantischem Spass ausgeführt. Spannend aufgebaut wurden von Maestro Rustioni die stets erneuten Anläufe der Komposition, einen Kulminationspunkt zu erreichen, immer noch eine Drehung einzubauen, Höhepunkt an Höhepunkt zu setzen, um dann blitzschnell in vermeintliche Ruhe zurückzufallen. Auch wenn sich Strauss selbst in späteren Jahren beinahe verächtlich und verschämt über sein Jugendwerk äusserte, dem Zuhörer bereitet diese Werk stets einen Riesenspass. Nicht zu vergessen die immens wichtige Rolle der Pauke, die immer wieder auf Sturm drängt, manchmal obsiegt dann aber eine Melancholie wie von Tschaikowsky komponiert. Am Ende siegt dann natürlich die Fulminanz, die in eine durch Piemontesi auch physisch humorvoll dargestellte Erschöpfung des Solisten mündete.

Doch die Erschöpfung hielt nicht lange an, erst folgte eine herzliche Umarmung des Solisten mit dem Dirigenten, dann verlangte der begeisterte Applaus natürlich nach einer Zugabe. Die war erstmal eine ganz grosse Überraschung, denn flugs wurde ein zweiter Klaviersessel hingestellt und der Dirigent Daniele Rustioni setzte sich links neben Francesco Piemontesi und zusammen spielten sie Mozart, den 3. Satz aus dessen Klaviersonate zu vier Händen KV 381. Rasant und brillant. Wunderbar. Das war aber nicht das einzige Werk von Mozart, das in diesem Konzert erklang. Begonnen hatte man nämlich mit dem Rondo in A-Dur für Klavier und Orchester, dessen spannende Entstehungs- und Wiederaufführungsgeschichte weiter unten nachzulesen ist. Rustioni dirigierte die relativ lange Orchestereinleitung wunderbar federnd und liess den tänzelnden Charakter herrlich durchschimmern, Piemontesi antwortet mit sorgsam hingetupften Anschlägen, wunderbar sauberen Trillern, zunehmender Virtuosität; die Interpretation versprühte eine einnehmende Frische und Direktheit, zeugte von sorgfältigem gegenseitigem Mitdenken, Mitfühlen, Horchen. Doch damit nicht genug, denn Piemontesi schenkte dem Publikum auch noch einen wunderschön, sanft und sauber gespielten Bach von tief empfundener Innigkeit und Bescheidenheit.

Nach der Pause nahm dann ein Orchester auf der Bühne Platz, das noch größer besetzt war, als das für Strauss' Burleske. Aufhorchen ließen gleich zu Beginn die Streicher mit ihrem geschärften Klang. Immer wieder wurde er zwar im ersten Satz durch weichere, melancholischere, idyllischere Kantilenen abgelöst, doch die martialischen, schmerzverzerrten Passagen behielten stets die Oberhand. Schostakowitschs kaum verhohlene Kritik am Regime dringt durch. Der brachiale Marsch, von der Philharmonia Zürich mit atemberaubender Präzision gespielt, verfehlte seine unter die Haut gehende Wirkung nicht. Vom zweiten Satz war schon die Rede, diesem grotesken Gegacker der Holzbläser, das wie eine Persiflage daherkommt, unterbrochen von der verzerrt tanzenden Solovioline (wunderbar gespielt von Hanna Weinmeister, Kniefall des Dirigenten vor ihr beim Schlussapplaus) und der Soloflöte. Der dritte Satz hätte beinahe einen Zwischenapplaus ausgelöst, diese leidvolle Musik, dieses tieftraurige Largo markierte einen krassen Gegensatz zur vorhergehenden grotesken Ländlerseligkeit. Rustioni verstand es dabei, die Spannung bis zum Zerreissen aufrecht zu erhalten und eine Verinnerlichung ohnegleichen zu evozieren. Dann wieder der Schnitt zum Finalsatz, diesem kurzen, derben Heranrollen des (vermeintlichen) Triumphs. Forsch das Tempo, galoppierend, und das Riesenorchester wie eine gewaltige Siegesglocke läuten lassend. Kurz ein Verschnaufen in einer Art vorweggenommener Minimal Music, mit einer kurzen Phrase die sich höher bis in die ganz kurzen Saiten der Harfen schraubt, dann die Rührtrommel die den sich nähernden Marsch ankündigt und sich darauf mit (vom Dirigenten gerade noch genügend kontrollierter) Wucht über die Zuhörer ergiesst.

Gefährlich mitreissende Musik, die sowohl regimefreundlich als auch regimefeindlich und kritisch gehört werden kann. Der Jubel jedenfalls wollte kaum enden. Daniele Rustioni, Chefdirigent an der Opéra de Lyon, in Zürich dirigierte er Madama Butterfly und Cavalleria Rusticama / Bajazzo möchte man jedenfalls immer wieder gerne in Zürich begegnen.

Kaspar Sannemann 6.11.2018

 

 

MOZART, BRUCKNER

Konzert am 19.09.2018

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr.22 in Es-Dur

Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 in E-Dur

Als eine „symphonische Riesenschlange“ bezeichnete der scharfzüngige Wiener Musikkritiker Eduard Hanslick einst Bruckners 7. Sinfonie. Hanslicks Einschätzung mag leicht despektierlich klingen, unrecht hatte er damit jedoch nicht. Denn die an- und abflauenden Spannungsbögen mit ihren endlos scheinenden Steigerungswellen erinnern tatsächlich an die Windungen einer Schlange, ihr Aufbäumen, ihr Zurücksinken , ihr Aggressionspotential. Allerdings ist es eine symphonische Schlange, der man über knapp 70 Minuten gerne zuhört, sich von ihr vereinnahmen, ja geradezu blenden lässt. Gerade im zweiten Satz, diesem unter die Haut gehenden Adagio, türmen sich die beiden Motive (Wagner-Tuben Motiv und das Zitat aus Bruckners eigenem Te Deum) in Modulationen auf, winden sich, und kommen erst ganz spät zum Höhepunkt - der allerdings ist dermassen orgiastisch und erotisch-sinnlich komponiert, dass man kaum glauben kann, dass er aus der Feder des tiefgläubigen Einzelgängers Bruckner stammt.

Wenn dann noch ein so erfahrener Dirigent wie Bernard Haitink am Pult des exzellent und mitreissend spielenden Tonhalle-Orchesters Zürich steht, dann ist gerade auch in diesem Moment Gänsehaut und wohliger Schauer garantiert. Dieser Kulminationspunkt in Bruckners 7. Sinfonie gehört zu den umstrittensten Takten der Musikliteratur. Auf Drängen von Schülern und Freunden fügte Bruckner (der eigentlich ungestimmte Instrumente wie Becken und Triangel nicht mochte) dann eben doch einen Beckenschlag ein. Später wurde er überklebt, wieder eingefügt, wieder gestrichen, so dass man bis heute nicht genau weiss, was Bruckner wirklich wollte. Haitink beliess ihn in seinem Konzert von gestern Abend – meines Erachtens zu Recht. Der Beckenschlag ist an dieser Stelle (Bruckner möge mir den Ausdruck nachsehen) einfach geil. Doch nicht nur der spannende Aufbau dieses Adagios liess einen am Sesselrand in der Tonhalle Maag kleben. Im ersten Satz wurde man von Beginn weg durch die wunderschön warm intonierten Kantilenen der tiefen Streicher in einen spannungsvollen akustischen Strudel gezogen, einen Sog, der stets klar strukturiert und doch überaus sinnlich gehalten war.

Mal zog Zuversicht wellenartig in den voll besetzten Saal, dann wieder horchte man der zerklüfteten Spannung und der originellen Harmonik in der Durchführung, hörte die Orchesterfamilien wirkungsvoll aufblühen, war fasziniert vom strahlenden, tadellos intonierenden Blech. Fantastisch gestaltete Haitink zusammen mit dem konzentriert und präzise seine Intentionen ausführenden Tonhalle-Orchester das Scherzo, mit seinem mal aufbrausenden, dann wieder wiegenden Charakter, unterbrochen durch den ruhigen Fluss des Trios, in dem besonders die Holzblasinstrumente für wunderbar zarte Einsprengsel sorgten. Nach dem architektonisch so herrlich disponierten Finale mit seinen „Rheingold“ - und „Meistersinger“ - Zitaten und dem paradiesischen Blechbläser-Choral, gab es für das Publikum kein Halten mehr, stehende Ovationen für den bald 90jährigen Maestro und das einmal mehr auf allen Positionen exzellente Tonhalle-Orchester Zürich. Ein Glanzmoment, den man eben nur live erleben kann.

Vor der Pause wurde Mozarts Klavierkonzert in Es-Dur KV 482 gespielt, mit Till Fellner am Flügel. Fellner nahm mit seinem schmeichelnden Anschlag, der subtil abgestuften, spannungsvollen Dynamik, den stupend ausgeführten Trillerpassagen und der virtuosen Kadenz für sich ein. Zart und empfindsam erklang das Andante, durch sparsamen Pedaleinsatz sehr klar gehalten und nie allzu verquollen-weinerlich. Quasi attacca bogen die Musiker in das Rondo-Finale ein, in dem Fellner noch einmal seine herausragende Trillertechnik präsentieren durfte, ein einfühlsames cantabile im Andantino-Zwischenteil evozierte und mit einer herrlichen Kaskade in die Coda führte. Ein besonders Lob gebührt auch in diesem Werk den Holzbläsern, welche man in der Akustik der Tonhalle Maag ganz besonders prominent wahrnimmt.

So schön dieses Mozart-Konzert auch gespielt und interpretiert wurde, Bruckners „Riesenschlange“ nach der Pause erwürgte beinahe die Erinnerung daran. Ähnlich war es schon, als Haitink in der letzten Saison hier die vierte Sinfonie Bruckners aufgeführt hatte, auch damals wurde vor der Pause ein Klavierkonzert von Mozart gespielt. Vielleicht sollte man mal versuchen, Bruckner mit einem Werk aus dem späten 20. oder dem 21. Jahrhundert zu kombinieren und zu konfrontieren. Ein Werk, das imstande wäre, der Schlange die Stirn zu bieten.

Kaspar Sannemann 22.9.3018

 

 

Saisoneröffnung mit Jukka-Pekka Saraste

Konzert in Zürich am 12.9.

Alban Berg: Violinkonzert

Gustav Mahler 9. Sinfonie in D-Dur

Vielfältig sind die Verbindungen und Berührungspunkte zwischen diesen beiden Meilensteinen der Musik aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Weder Berg noch Mahler erlebten die Uraufführungen ihrer letzten vollendeten Werke. Die Achtung Bergs vor Mahlers neunter Sinfonie war enorm, er bezeichnete sie als Übergang zu einer neuen Epoche, die dann tatsächlich mit ihm und Schönberg anbrechen sollte. Berg seinerseits pflegte engen, freundschaftlichen Kontakt zu Mahlers charismatischer Witwe Alma (in zweiter Ehe verheiratet mit dem Architekten Walter Gropius, in dritter mit dem Dichter Franz Werfel, Liebschaften mit Oskar Kokoschka und Franz Schreker u.a.m.). Alma Mahler unterstützte Berg auch finanziell (Drucklegung seiner Oper WOZZECK). Als Almas wunderschöne Tochter Manon Gropius im Alter von 18 Jahren an Kinderlähmung starb, widmete ihr Alban Berg sein Violinkonzert und gab ihm den Titel Dem Andenken eines Engels. Diesem Werk und auch Mahlers letzter vollendeter Sinfonie wohnt ein Hauch von Abschieds- und Weltschmerz inne, eine Transzendenz, mit der beide Werke enden, die tief bewegt, mehr Fragen aufwirft als Antworten gibt.

Am Beginn des Konzerts stand Bergs Violinkonzert. Schon Arnold Schönberg hatte seinem Schüler Berg eine „überströmende Wärme des Fühlens“ attestiert. Diesem Empfinden steht auch die Zwölftonmusik nicht im Wege. Davon konnte man sich gestern Abend in der Tonhalle Maag erneut überzeugen. Die Violinistin Janine Jansen (diese Saison als Artist in Residence des öfteren zusammen mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und in Kammermusikkonzerten in der Tonhalle Maag anzutreffen) traf für Bergs Violinkonzert genau den richtigen Ton und evozierte bewegende Effekte. Mit kristalliner Reinheit zu Beginn intonierend, wo Berg die Schönheit, die Anmut der jungen Manon Gropius beschreibt, mit tänzerischem Aplomb dann in die Kärntner Volksweisen mündend, unbeschwert und frisch sich dem Reigen hingebend. Obwohl das Thema stehenzubleiben scheint, entwickelte das Tonhalle-Orchester Zürich unter der Leitung von Jukka-Pekka Saraste (er sprang relativ kurzfristig für den erkrankten Semyon Bychkov ein und übernahm das vorgegebene Programm) einen vorwärts gerichteten Drive und es kam zu einem spannungsgeladenen Dialog mit der Solistin Janine Jansen. Der kristalline, reine Ton wich im zweiten Teil dann einer packenden Vehemenz, einer gegen die Krankheit kämpfenden Manon, die mal wütend aufzubrausen schien, dann wieder ermattet zusammenbrach. Schmerzattacken und Wut steigerten sich auf aufwühlende Art, bis dann die Solovioline den von Berg meisterhaft zitierten Bach-Choral Es ist genug anstimmte, schmerzhaft in ausgeklügelter Zwölftontechnik konterkariert durch Bratschen und Fagott. Da war dann plötzlich wieder die Weichheit der Bogenführung, der warme Ton der Violine von Janine Jansen zu erleben, ein letztes Aufbäumen bevor das Werk in den höchsten Lagen der Solovioline in einer jenseitigen Unergründlichkeit verklingt, in die Janine Jansen noch ein letztes kleines Crescendo einbaute, ein letztes Einatmen vor dem Übergang ins Paradies. Das war nicht nur technisch absolute Spitze, das liess einem den Atem stocken. Eine Minute absoluter Stille im nicht ganz voll besetzten Saal, bevor der begeisterte Applaus aufbrandete.

Nach der Pause erklang dann Mahlers neunte Sinfonie, ein gewaltiger Brocken – aber für einmal ein Fels, der das Werk, das vor der Pause gespielt worden war, weder vergessen machte, noch dieses zu erdrücken drohte, sondern es auf ganz wunderbare Art ergänzte, weitere Türen in eine transzendentale Welt zu öffnen vermochte. Auf die Verbindungen zwischen den beiden klug programmierten Werke habe ich hingewiesen. Auf eine ganz besondere Affinität machte die Intendantin Ilona Schmiel vor dem Konzert aufmerksam: Mahlers Sinfonie entstand nämlich kurz vor der Eröffnung der Maag Zahnradfabrik, in derer einstiger Fertigungshalle sich nun die Ausweichspielstätte des Tonhalle-Orchesters Zürich befindet. Und tatsächlich kann man auch den dritten Satz der Sinfonie, diese die Tonalität auflösende, groteske Rondo-Burleske, als leicht maschinell und lärmig empfinden. Jukka-Pekka Saraste gelang es, den leicht stampfenden Charakter des Satzes mit seinen Blechgrundierungen markant zu präsentieren. Die Einwürfe der Holzbläser waren mal diabolisch verschmitzt, dann wieder überaus hässlich (vom Komponisten gewollt!), es entwickelte sich ein gewaltiger Kontrast zum Weltenschmerz des finalen Adagios. Der Weg dahin allerdings ist lang und beschwerlich, diese neunte Sinfonie beginnt (ähnlich wie Bergs Violinkonzert) eher suchend, zerklüftet, das weiche, Trost spendende Thema wird immer wieder durch harte Einwürfe unterbrochen, hinterfragt. Saraste und das Tonhalle-Orchester vermochten die unterschiedlichen Stimmungen genau auszuhorchen, mal depressiv, dann wieder lieblicher, um gleich darauf ins Mystische abzugleiten. Herrlich schräg und derb dann die für Mahler so typischen Ländlerpassagen im zweiten Satz (auch hier eine Parallele zu Berg, der ebenfalls Volksweisen zitiert). So erreichte man also dann nach der ausser Rand und Band geratenen Maschinerie der Burleske das Finale, 25 Minuten Hochspannung, manchmal gegen Ende hin kaum auszuhalten. Immer wieder vermeinte man, im Jenseits angekommen zu sein, doch Mahler fiel immer wieder eine neue Wendung ein, ein Aufblitzen eines Motivs oder einer Idylle, welche das Sterben hinauszögert, der Titan will nicht abtreten. Ja, er richtet sich gar noch in einer letzten gewaltigen Kulmination vollends auf (akustisch kommt der Maag Saal da an seine Grenzen, doch bei den feineren Passagen überzeugt er mit einer Klangtransparenz sondergleichen). Aber wenn das Sterben schliesslich unausweichlich wird, dann ist dies von so überirdischer, paradiesischer Schönheit (auch wie bei Berg), dass man nach dem letzten Verklingen gar nicht applaudieren mag – diese Anspannungen, Klänge und Emotionen, müssen erst verdaut werden.

Doch selbstverständlich wurden - nach einer stillen Einkehr - die Mitglieder des Tonhalle-Orchesters und der Dirigent gebührend gefeiert – zu Recht. Sicher kein einfacher, leicht verdaulicher Konzertabend – aber ein überaus lohnenswerter!

Kaspar Sannemann 17.9.2017

Foto (c) Tonhalle

 

 

Maria João Pires und Bernard Haitink

Aufführung am 20.12.2017

Lichter Altersglanz in souveräner Perfektion

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzert Nr.27 in B-Dur, KV595 | Uraufführung: 4. März 1791 in Wien | Anton Bruckner: Sinfonie Nr.4 in Es-Dur, „Romantische“

 

Die Werke zweier österreichischer Giganten unter den Komponisten (Mozart und Bruckner) standen auf dem Programm dieses Extrakonzerts in der Tonhalle Maag – zwei „Giganten“ der Klassikszene, ja lebende Legenden (die über 70jährige Pianistin Maria João Pires und der bald 89jährige Dirigent Bernard Haitink), präsentierten sie zusammen mit dem vor bald 150 Jahren gegründeten Tonhalle Orchester Zürich in der ausverkauften Interimsspielstätte Tonhalle Maag dem begeisterten Publikum.

Den Anfang machte Mozarts letztes Klavierkonzert, die Nr.27, KV595, dieser verinnerlichte, leicht melancholisch durchwobene Abschied Mozarts von der Gattung des Klavierkonzerts. Und genau diesen nach innen gerichteten Hauch von Wehmut vermochten Maria João Pires und Bernard Haitink zusammen mit dem herrlich konzentriert aufspielenden Tonhalle Orchester Zürich mit berührender Schlichtheit zu evozieren, dank perfekt disponierter Tempi, die nie überhastet wirkten und so ein tiefe Empfindsamkeit der Interpretation ermöglichten. Es gab da immer wieder atemberaubende Momente des Zusammenspiels: So die Harmonie des sanft-weichen Anschlags der Pianistin mit der Soloflöte, die sublime Hornüberleitung im Larghetto, dessen Hauptthema zuvor von Maria João Pires so wunderbar romanzenhaft vorgestellt worden war, das Dialogisieren im finalen Rondo. Über die stupende technische und rhythmische Sicherheit der Pianistin braucht man keine Worte zu verlieren, wohl aber über die Behandlung des einzelnen Tons: Wie sie diesen Tönen quasi nachzuforschen scheint, ihren Nachhall einzufangen und dynamisch zu dosieren sucht, ihrer Bedeutung wie eine Forscherin nachzuspüren gewillt ist - auch inmitten expressiver Läufe und fantastisch präziser Triller in der Kadenz des Kopfsatzes - das lässt dann schon aufhorchen. Wenn dann am Ende, nach der zweiten Kadenz im Rondo, sich das Orchester quasi auf Samtpfoten durch die Hintertür wieder hereinschleicht, dann entsteht ein solch magischer Moment des Musizierens, wie man ihn nur im Konzertsaal erleben kann.

An magischen, ja geradezu mystischen Momenten herrscht in Bruckners 4. Sinfonie, der „Romantischen“ auch kein Mangel. Bernard Haitink strahlt dabei eine überlegene Ruhe aus, lässt die crescendierenden Wogen ausgeklügelt an- und abschwellen, malt das Geheimnisvolle und Rätselhafte des Waldesrauschens zusammen mit dem mit fantastischer Präzision intonierenden Orchester mit einer faszinierenden, transparenten Palette an Klangfarben. Wunderbar die Naturquinte des Horns über den murmelnden Streichern, welche das Hauptthema des ersten Satzes eröffnet, ein Thema, welches Bruckner dann fast bis zum Exzess in diesem Satz verarbeitet hatte, dessen man beinahe – aber eben nur beinahe – überdrüssig wird, und sich dann doch freut, wenn es sich in der Coda des Finales nochmals in all seiner Grandiosität wie ein erratischer Block erhebt. Der beiden Hauptthemen des zweiten Satzes (Andante) werden von den tiefen Streichern geprägt, erst von den Celli, dann diese wunderbare Melodie in den Bratschen, begleitet von den präzisen Pizzicati der restlichen Streicher. Meisterhaft gelingen die spannenden Überleitungen, der verdeckt aufkeimende Jubel, das abrupte Absinken in mystische Tiefen und dann die im Pianissimo verklingenden Wirbel der Pauke, die einem den Atem stocken lassen. Dafür hat der Paukist einen Extraapplaus mehr als verdient, wie auch die Blechbläser, welche im Jagdscherzo Enormes zu leisten haben, und diese Aufgabe mit Brillanz und Bravour meistern. Nach dem von Flöte und Klarinette geprägten Trio mit seinem so beruhigend wiegenden Charakter erklingt nochmals der Hauptteil des Scherzos, eine schon fast gefährlich soghafte Wirkung des rasanten Hörnerklangs und Trompetenschalls stellt sich ein. Wuchtig und brucknerisch mitreissend dann die kathedralenhaften Blöcke im Finalsatz. Auch hier nimmt Haitink die Bezeichnung “bewegt, doch nicht zu schnell“ sehr genau, ermöglicht dadurch eine grandiose Durchhörbarkeit des thematischen Materials, das bei ihm nie einfach zum effektvollen Auftürmen missbraucht wird, sondern auch er (wie Pires zuvor bei Mozart) spürt den Gedanken des Komponisten nach, forscht, grübelt in den dräuenden Klängen, arbeitet Herzklopfen und tänzerische Motive heraus, lässt Themengruppen gegeneinander kämpfen. Man bemerkt ein beinahe erotisches Beben und Pochen in diesem hochromantischen Wald, wo sich Hänsel und Gretel fürchten, wo aber auch immer wieder eine unheimliche Ruhe vor dem Sturm einkehrt, ein Sturm, der manchmal sehr wild daher braust, und doch grandios ist und süchtig nach mehr macht ... . Dirigent und Orchester wurden nach diesen 70 Minuten deshalb auch mit stürmischen Ovationen gefeiert. Mehr als verdient!

Dies war mein erster Besuch in der Interimsspielstätte der Tonhalle Gesellschaft Zürich. Für drei Spielzeiten residiert das Orchester in der Maaghalle im Kreis fünf (nur wenige Schritte vom Bahnhof Hardbrücke und diversen Bus- und Tramhaltestellen, also mit ÖV beinahe besser zu erreichen als der Saal am See). Die in diese Industriehalle hineingebaute, hölzerne Konzertsaal-Box übertrifft die Erwartungen. Akustisch profitieren vor allem die Holzbläser und das Blech, auch der Flügel klang ausgezeichnet. Für die Streicher fehlt es vielleicht etwas an den Möglichkeiten zur Ausbreitung des Klangs, was zu Lasten der Wärme geht, dafür jedoch für eine beinahe kristalline Klarheit sorgt. Bei Tutti im Fortissimo besteht natürlich noch mehr die Gefahr der pastosen Lärmigkeit, doch an diesem Abend hatte Haitink dieses Problem erstaunlich souverän im Griff.

Kaspar Sannemann 4.1.2018

 

 

MISA CRIOLLA, JEREMIAH, CHICHESTER PSALMS

Konzert am 22.12.2016

Ariel Ramirez: Misa Criolla

Leonard Bernstein: Sinfonie Nr. 1 "Jeremiah" 

Leonard Bernstein: Chichester Psalms

Von einem aussergewöhnlichen „Weihnachtskonzert“ ist zu berichten, einem Konzert jenseits von „Jauchzet, frohlocket“ oder „Halleluja“ (wobei diese Erwähnung weder Bach noch Händel herabwürdigen soll). Aber die Programmgestaltung für diesen eindrücklichen Konzertabend zielte über die neutestamentarische Botschaft hinaus und bohrte tiefer, stellte Fragen nach dem Warum, zielte auf gedankliche Öffnung – gerade in dunklen Zeiten, wie sie die Menschheit leider momentan (selbstverschuldet!) durchleben muss.

Begonnen wurde mit Ramizez' MISA CRIOLLA, dieser Messe für das Volk, entstanden direkt während des Zweiten Vatikanischen Konzil zu Beginn der 1960er Jahre, als daselbst beschlossen wurde, dass die liturgischen Teile der Messen nicht mehr nur in Latein, sondern auch in einer dem Volk vertrauteren Sprache gesungen werden dürfen. Doch nicht nur die Sprache (hier also Spanisch), auch die Musik von Ramirez trägt die Züge des Folkloristischen, des im besten Sinne des Wortes Populären. Selbst in das sonst oftmals sehr andächtig und zurückhaltend reagierende Publikum liess sich vom Gloria „rocken“, spendete enthusiastischen Zwischenapplaus – wie auch zwischen den Sätzen der nachfolgenden Bernstein-Sinfonie. Das war aber auch eine mitreissende, packende und in ihrer immanenten Lebensfreude bewegende Wiedergabe dieser Messe –

gelebter Glaube in Musik UND Ausführung.

Auf dem Podium der fantastisch sicher singende und wunderschön intonierende Tenor Jorge de León und die überragend sauber und mit differenziertem Klang gestaltende Singakademie Zürich (Einstudierung: Andreas Felber) begleitet von acht Musikern: Dem Dirigenten Omer Meir Wellber am Flügel (und kurz auch mal am Cembalo), drei grossartigen Schlagzeugern, einem Kontrabassisten, Sebastián Montes (Gitarre), Daniel Cabaluz (Charango) und Oscar Velásquez (Siku/Queba). Nicht alles ist bis auf die letzte Note notiert in Ramirez' Werk – die Freiheit und die Kunst der Improvisation ist ebenfalls gefragt und wird von den Beteiligten mitreissend musikantisch wahrgenommen. Nur schon der Beginn mit dem leise summenden Chor über welchem sich die herrliche Tenorstimme mit der Anrufung des Herrn erhebt (Señor ten piedad de nosotros) erhielt gerade angesichts der tragischen Ereignisse vom letzten Montag in Berlin eine Gänsehaut erregende Bedeutung. Doch nicht nur Fragen wurden gestellt, es gab auch Antworten in Form von offensichtlicher Lebensfreud, Lust und überschäumender Fröhlichkeit.

So muss Glaube gelebt werden.

Mit dem Glauben beschäftigt hat sich zeitlebens auch der schwule Jude, Komponist, Dirigent und Kosmopolit Leonard Bernstein. In seiner ersten Sinfonie, genannt JEREMIAH, weil Bernstein sich durch die Prophezeiungen des Propheten Jeremias, die Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar und Texte aus den Klageliedern aus dem Buch Jeremia der Bibel bei der Komposition inspirieren liess. Welch eine grandiose Musik ist da zu hören – und einmal mehr stellt man sich die Frage, weshalb es die Komponisten aus den USA (und auch aus Grossbritannien) so schwer haben, sich in Europa zu etablieren. Bernsteins überaus packende Sinfonie steht den Werken eines Schostakowitsch z.B. in nichts nach, weder in den genialen Klangabmischungen, der Dramatik, der Kraft, direkt ins Herz des Zuhörers zu dringen. Mit seinem energiegeladenen, überaus klug, aber auch emotional disponierenden Dirigat von Omer Meir Wellber und dem leidenschaftlichen Spiel des Tonhalle-Orchesters Zürich lieferten die Ausführenden jedenfalls ein restlos überzeugendes Plädoyer für diese Musik.

 

Die Mezzosopranistin

Rachel Frenkel gestaltete die Klagelieder des dritten Satzes mit herrlich zentrierter, unverschnörkelter reiner Tongebung, bruchlos fliessender Stimme und bewegender Gestaltungskraft. Die bedrohlichen, eruptiven Klangballungen des Orchesters erhielten durch die verinnerlichte Kraft des Gesangs eine tröstliche Korrektur – doch wir brauchen mehr als Trost, in Bernsteins eigenen Worten ausgedrückt: “ Der Glaube und Frieden, der sich am Ende von JEREMIAH findet, ist mehr als Trost gedacht denn als Lösung. Trost ist ein Weg, um Frieden zu erlangen, aber er erreicht nicht das Gefühl eines Neubeginns.“

 

Einen etwas hoffnungsvolleren Weg aus der Krise zeigen Bernsteins CHICHESTER PSALMS, seine Vertonung von ausgewählten Psalmen aus dem Alten Testament in hebräischer Sprache. Die Musik erreicht auch hier eine zutiefst beeindruckende Kraft. Das Orchester ist interessant besetzt: Beim Blech fehlen die Hörner, die Holzbläser mussten das Podium nach JEREMIAH verlassen. Dadurch wirkt das orchestrale Fundament direkter, weniger verästelt, auch weniger spätromantisch. Die Botschaft dringt klar durch: Setzt euch gemeinsam an den Tisch, sucht die Eintracht, nehmt Abstand von Zielen, die ihr eh nicht versteht. Die Singakademie Zürich kann all ihre immensen Qualitäten offenbaren, von ätherischer Reinheit und Zurückhaltung zu paradiesischer Schönheit bis zu durchschlagenden Glaubensbekenntnissen. Im zweiten Teil begeistert der Knabensopran von Gianluigi Giosuè Sebastian Sartori mit seiner lichten Stimme. Wunderbar wie der Dirigent Omer Meir Wellber ihn durch sein einfühlsames Dirigat stützt und trägt.

„Siehe, wie fein und lieblich ist's, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen.“ (Psalm 133, Vers 1 in Teil III der CHICHESTER PSALMS)

In diesem Sinne FROHE WEIHNACHTEN!

Kaspar Sannemann 24.12.16

Bilder (c) Sannemann / Deutsche Grammophon

 

 

 

GLAGOLITISCHE MESSE

Konzert am 5.12.2105

Janáčeks Werken im Konzertsaal zu begegnen, stellt stets ein besonderes Erlebnis dar. Wie es der mährische Komponist verstanden hatte, aus kleinstem motivischem Material solch eine faszinierende, packende Wirkung zu entfalten, ist immer wieder aufs Neue begeisternd. Diese Wirkung stellte sich auch gestern Abend anlässlich des (späten) Debuts von Sir John Eliot Gardiner am Pult des Tonhalle-Orchesters Zürich ein – und zwar mit einer Eindringlichkeit sondergleichen. Gardiner eröffnete das Konzert mit Janáčeks Blanik-Ballade: Plastisch erzählend breitete das Orchester den manchmal herb, dann wieder pastoral-lieblich orchestrierten Klangteppich aus, flirrende Streicher über dumpf-rhythmischem Fundament wechselten mit strahlenden Fanfaren des Blechs und entfalteten einen beinahe mythischen Sog, der jedoch nie in spätromantischen Schwulst abglitt, sondern durchaus abrupte Wendungen enthielt, das Ohr überraschten.

Noch deutlicher wurden diese Effekte in der zweiten Konzerthälfte hörbar, einem zentralen Werk aus Janáčeks Oeuvre, der GLAGOLITISCHEN MESSE. Gardiner hatte dazu aus London den von ihm gegründeten Monteverdi Choir mitgebracht – welch ein Klangkörper funkelnder, überragend wuchtiger und dramatischer Stimmgewalt. Die aus acht Sätzen bestehende, in glagolitischer Schrift verfasste Messe wurde in der Interpretation der Ausführenden zu einem tief beeindruckenden, lange nachhallenden Hörerlebnis. Neben dem fantastischen Chor und dem die manchmal herbe und ungewöhnliche Instrumentationsweise des Komponisten grandios spielenden Tonhalle-Orchester beeindruckte auch das Solistenquartett: Luba Orgonášová mit ihrem wunderbar in himmlische Sphären weisenden, sauber geführten Sopran, Pavel Černoch mit seinem schlanken, unforcierten Tenor, Peter Mikuláš mit seinem kernigen Bass und (leider von Janáček mit nur marginalen Einwürfen bedacht) die Altistin Alisa Kolosova. Einen fulminanten, wahrlich unter die Haut gehenden Beitrag zum überwältigenden Gesamteindruck steuerte Peter Solomon bei, welcher mit seinen Orgelsoli gewichtige Akzente setzte. Gardiners Dirigat zeichnete sich durch einen vorwärtsdrängenden, doch nie überhasteten Impetus aus, scheute die zupackenden, naturalistischen Effekte nicht, liess aber auch die transzendentalen Phrasen mit berührender Zartheit aufblühen.

Es tut einem fast leid anzumerken, dass das dritte, zwischen die Kompositionen Janáčeks gestellte Werk, Dvořáks Sinfonische Dichtung DAS GOLDENE SPINNRAD, neben der innovativen Klangsprache Janáčeks fast ein wenig zu konventionell und blass wirkte. In einem anderen programmatischen Kontext hätte diese Komposition aber bestimmt mehr Eindruck gemacht, denn Dvořák spielte darin sehr gekonnt mit dem Chiaroscuro Effekt, die hellen Klänge der königlichen Jagd im Wald (wunderbar die Hornisten des Tonhalle-Orchesters) und das emphatisch aufsteigende Liebesmotiv kontrastierten gekonnt mit den brutalen und dramatischen Episoden der grausigen Geschichte. Sir John Eliot Gardiner und das Tonhalle-Orchester erzählten das Märchen mit fein abgestufter Dynamik und sehr dicht herausgearbeiteter Plastizität (näher kommendes Hufgetrappel der Pferde!).

Das Publikum im gut gefüllten Saal der Tonhalle Zürich zeigte sich zu Recht begeistert und feierte die Ausführenden nach der GLAGOLITISCHEN MESSE mit grossen Ovationen, wobei man einmal mehr konstatieren muss, dass gewisse Leute bereits in das Verklingen des letzten Tons hineinklatschen – das muss gerade bei einem geistlichen Werk nun wirklich nicht sein.

Kaspar Sannemann 17.12.15

 

STRAWINSKY | TSCHAIKOWSKY | PROKOFIEW

Konzert am 13.12.2015

Ja warum auch nicht? Warum sollen die Rituale in klassischen Konzerten immer so sakrosankt eingehalten werden, wie in einer streng regulierten, totalitären Glaubensgemeinschaft? Jedenfalls scherte sich das erfreulich junge und auch erfreulich aufmerksam zuhörende Publikum gestern Abend im Opernhaus Zürich nicht um die beinahe schon „heilige“ Übereinkunft, dass man bei Sinfonien und Solokonzerten nicht zwischen den Sätzen applaudiert, und so brandete sowohl nach dem ersten Satz des Violinkonzerts von Tschaikowsky als auch nach dem Kopfsatz von Prokofiews 5. Sinfonie begeisterter Applaus auf, verschaffte sich die angestaute Spannung Raum und galt sowohl den Ausführenden als auch den Komponisten, welche in ihren Werken die Satzfinali ihrer ersten Sätze so herrlich kulminieren und explodieren liessen.

Einzig das CONCERTO IN D von Igor Strawinsky blieb von Zwischenapplaus verschont, das lag aber beileibe nicht am Spiel der Streicher der Philharmonia Zürich noch am wunderbar die tänzerischen Aspekte herausarbeitenden Dirigat durch Gustavo Gimeno, sondern lag einzig und allein darin begründet, dass Strawinskys neoklassizistischer Stil halt etwas harscher, rauer und weniger emotional effektbeladen daherkommt als die nachfolgenden Werke der Spätromantik und der (sowjetischen) Spät- Spätromantik. Doch wenn man genau hinhört, ist Strawinskys Komposition eine wunderbare Entdeckung: Rhythmisches Staccato, nervös pulsierender Impetus und aparter tänzerischer Gestus der Ecksätze kontrastieren mit arioser Kantabilität des Andantinos.

Danach folgte also das erwähnte Violinkonzert Tschaikowskys: Grossartig, wie es der Dirigent Gustavo Gimeno verstand, die Einleitung kontinuierlich klanglich zu verdichten, dann den Teppich auszulegen für den Einsatz der Solovioline. Baiba Skride und der Klang ihrer Stradivari vermochten vom ersten, feinfühlig intonierten Aufschimmern des Hauptthemas an zu faszinieren, die Geige schien regelrecht zu singen; wie eine grosse Arie stieg das Kopfthema auf und breitete sich mit grandioser Steigerung aus. Glutvolle Emphase, leichtfüssige Variationen, funkelnde Girlanden und Glissandi, Läufe bis in die höchsten Lagen in der halsbrecherischen Kadenz – und dabei hatte man immer das Gefühl, dass sich Baiba Skride regelrecht auf die schwierigsten Stellen freute, sich auch durch ein umher flatterndes, gerissenes Haar des Bogens nie aus der Konzentration bringen liess. Kein Wunder also, dass nach der Reprise Applaus aufbrandete. Wunderbar zart dann das Cantabile des zweiten Satzes, diesem empfindsamen Tor zur russischen Seele Tschaikowskys, auch vom Orchester und dem Dirigenten mit der notwendigen Ruhe und der exquisiten Balance in der Klangabmischung gestaltet. Ja überhaupt das Orchester: Die Philharmonia Zürich spielte wunderbar an diesem Abend, hatte keine Schwierigkeiten mit den zum Teil doch beachtlich zügigen Tempovorgaben des Dirigenten mitzuhalten, auch nicht im entfesselt (aber kontrolliert) daherkommenden, tänzerisch-folkloristischen Schlusssatz dieses Bravour-Konzerts. Selbstverständlich entliess das Publikum Baiba Skride erst nach einer äusserst virtuos und konzentriert vorgetragenen Zugabe.

Im zweiten Teil dieses ganz den (gewichtigen) Russen gewidmeten Konzerts dann die grandiose Sinfonie Nr.5 von Sergej Prokofiew. Ja, die Russen konnten halt auch in der Mitte des 20. Jahrhunderts noch ohne atonalen Formalismus komponieren (wenn auch nicht ganz freiwillig, übte doch das stalinistische Regime einen nicht ganz unerheblichen Druck auf die Kulturschaffenden aus ...). Aber wie dem auch sei, das Ergebnis ist einfach tief beeindruckend. (Und immerhin war Prokofiew nach seinem Aufenthalt in den USA freiwillig in die Sowjetunion zurückgekehrt, er war sich wohl auch dessen bewusst, was ihn dort erwartete!) Es ist einfach begeisternd (auch gefährlich?) sich den Klangmassen zu ergeben (der Zwischenapplaus nach dem ersten Satz lässt grüssen), sich in den Strudel der Rhythmen im Scherzo fallen zu lassen, die Blechsalven, die aggressiven Pizzicati, die mitreissenden Attacken des Schlagwerks auf sich wirken zu lassen. Fantastisch baute Gimeno die extensiven Klangschichtungen auf, wobei er darauf bedacht war, den Klang nie bloss lärmig werden zu lassen. Obwohl dies sein Debüt am Opernhaus Zürich war (hoffentlich folgen weitere Auftritte!), schien er sich der nicht unproblematischen Akustik des Hauses voll bewusst zu sein.

Mit tänzerischen Rhythmen (manchmal auch etwas sperrigen) von Strawinsky hatte das Konzert begonnen, mit der furiosen, sprühenden Rhythmik Prokofiews fand es seinen umjubelten Abschluss.

Kaspar Sannemann 17.12.15

Bilder vom Autor

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de