DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-(
Der OF-Stern * :-)
OF Filmseite
Heimkino Seite
Silberscheiben
OF-Bücherecke
Oper DVDs Vergleich
Musical
Genderschwachsinn
Et Cetera
-----
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Abu Dhabi
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Amst. Concertgebouw
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Bad Hersfeld
Bad Ischl
Bad Lauchstädt
Bad Reichenhall
Bad Staffelstein
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Barcelona
Basel Musiktheater
Basel Sprechtheater
Basel Ballett
Basel Musicaltheater
Basel Konzerte
Bayreuth Festspiele
Bayreuth Markgräfl.
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Belogradchik
Bergamo
Berlin Livestreams
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstiges
Bern
Biel
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bochum Sonstiges
Bologna
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bonn Sonstiges
Bordeaux
Bozen
Brasilien
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bregenz Sonstiges
Bremen
Bremen Musikfest
Bremerhaven
Breslau
Britz Sommeroper
Brühl
Brünn Janacek Theate
Brünn Mahen -Theater
Brüssel
Brüssel Sonstige
Budapest
Budap. Erkel Theater
Budapest Sonstiges
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Caen
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago Lyric Opera
Chicago CIBC Theatre
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Daegu Südkorea
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dornach
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Semperoper
Dresden Operette
Dresden Sonstiges
Dresden Ballett
Dresden Konzert
Duisburg
Duisburg Sonstiges
MusicalhausMarientor
Düsseldorf Oper
Rheinoper Ballett
Düsseldorf Tonhalle
Düsseldorf Sonstiges
Schumann Hochschule
Eggenfelden
Ehrenbreitstein
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Phil 2
Essen Phil 1
Essen Folkwang
Essen Sonstiges
Eutin
Fano
Fermo
Flensburg
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Frankfurt Sonstiges
Frankfurt Alte Oper
Frankfurt Oder
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Sankt Gallen
Gelsenkirchen MiR
Genova
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Gießen
Glyndebourne
Görlitz
Göteborg
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte NEU
Graz Sonstiges
Gstaad
Gütersloh
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hanau Congress Park
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Jekaterinburg
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kawasaki (Japan)
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Oper Köln
Wa Oper Köln
Köln Konzerte
Köln Musical Dome
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Kosice
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Kriebstein
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Lech
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leipzig Ballett
Leipzig Konzert
Lemberg (Ukraine)
Leoben
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
Loeben
London ENO
London ROH
London Holland Park
Lucca
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübeck Konzerte
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Luzern Sprechtheater
Luzern Sonstiges
Lyon
Maastricht
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mahon (Menorca)
Mailand
Mainz
Malmö
Malta
Mannheim
Mannheim WA
Mannheim Konzert
Mannheim Opernstudio
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Meran
Minden
Mikulov
Minsk
Miskolc
Modena
Mönchengladbach
MG Sonstiges
Mörbisch
Monte Carlo
Montevideo
Montpellier
Montréal
Moritzburg
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Nantes
Neapel
Neapel Sonstiges
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neustrelitz
Neuss RLT
New York MET
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oberhausen
Odense Dänemark
Oldenburg
Ölbronn
Oesede (Kloster)
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paraguay
Paris Bastille
Paris Comique
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Paris Sonstiges
Paris Streaming
Parma
Passau
Pesaro
Pfäffikon
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag StOp
Prag Nationaltheater
Prag Ständetheater
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Reichenau
Remscheid
Rendsburg
Rheinsberg
Rheinberg
Riga
Riehen
Rosenheim
Rouen
Rudolstadt
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg Festspiele
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
Salzburg Sonstiges
San Francisco
San Marino
Sankt Petersburg
Sarzana
Sassari
Savonlinna
Oper Schenkenberg
Schloss Greinberg
Schwarzenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spielberg
Spoleto
Staatz
Stockholm
Stralsund
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Sydney
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Tel Aviv
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Tours
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Utting
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
teatro filarmonico
Versailles
Weimar
Wels
Wernigeröder Festsp.
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Wiesbaden Wa
Wiesbaden Konzert
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfenbüttel
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Wuppertal TE
Wuppertal Sonstiges
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Theater 11
Zürich Konzert
Zürich Sonstiges
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
DIVERSITA:
YOUTUBE Schatzkiste
HUMOR & Musikerwitze
Opernschlaf
Facebook
Kammeropern
Havergal Brian
Korngold
Verbrannte Noten
Walter Felsenstein
---
Sigi Brockmann Seite
Rudolf Hermes Seite
P. Heuberger Seite
Peter Klier Seite
Marcus Lamers Seite
Pionteks Opernseite
Wes Walldorff Seite
---
Oper im Fernsehen
ARTE MEDIATHEK
Oper im Kino
Unbekannte Oper
---
Buckritiken Archiv
Silberscheiben Archi
Wiesbaden Archiv
Bonn Archiv
---
Nationalhymnen
Unsere Nationalhymne
Essays diverse
P. Bilsing Diverse
Bil´s Memoiren
Bilsing in Gefahr
Gender-Kappes Seite
Serien Tipps
---
---
---
-

 

 

Zürich, Theater im Seefeld

CRISPINO E LA COMARE

11.10.2020

Ein MUSS für neugierige Opernfreunde

Das muss man gesehen und gehört haben! Erneut ist es dem Intendanten der FREE OPERA COMPANY ZÜRICH, Bruno Rauch, gelungen, ein kaum mehr gespieltes Werk für seine jährliche Produktion auszugraben, dem Publikum mit seiner Bearbeitung zugänglich zu machen und für einen äusserst vergnüglichen, bereichernden Opernabend zu sorgen. CRISPINO E LA COMARE, ein Gemeinschaftswerk der beiden Komponistenbrüder Federico und Luigi Ricci, mit dem Libretto von keinem Geringeren als Francesco Maria Piave (er verfasste 10 Libretti für Giuseppe Verdi) ist eine augenzwinkernde Parabel über Aufstieg und Fall eines einfachen Schusters (hier Reinigungsfachkraft in einem Krankenhaus), eine Persiflage auf Ärzteschaft und Profitgier.

Da in diesem komisch-fantastischen Melodram keine historischen Persönlichkeiten oder anderweitige konkrete Zeitbezüge vorkommen, lässt sich die Story unbeschadet in die Jetztzeit übertragen. Und genau dies hat der Intendant Bruno Rauch (Regisseur, Dramaturg und Bühnenverantwortlicher in Personalunion) getan. Weg vom Platz in Venedig, rein in ein stilisiertes Krankenhaus, wo sich zwielichtige Ärzte um Profit, Karriere, den Platz in der Hierarchie und Liebesgunst streiten. Verbunden wird dieses Intrigenspiel der Ärzte mit dem Schicksal des ganz zuunterst in der gesellschaftlichen Rangordnung stehenden Putzmanns Crispino und seiner Gattin, die, um das bescheidene Haushaltseinkommen aufzubessern, passenderweise Ärzte-Groschenromane zu verkaufen versucht, ziemlich erfolglos. Doch wie ein Deus ex machina erscheint „La Comare“, die Donna Giusta, die Crispino auf einen Schlag reich macht, wenn er sich als Arzt ausgibt und den Kurpfuschern im weissen Kittel Paroli bietet. Diese geheimnisvolle Dame ist jedoch niemand anders als der Tod. Immer wenn sie hinter einem Menschen auftaucht (nur für Crispino zu sehen), wird dieser sterben, egal wie krank oder gesund er ist. Mit diesem Wissen nun macht Crispino Karriere, heilt einen mit dem Motorrad Verunfallten, den die Klinikärzte schon aufgegeben haben, mit etwas Wein, Salami und Broccoli und geniesst fortan enormes Ansehen. Doch der Reichtum steigt ihm und seiner Frau zu Kopf, Arroganz und Konsumsucht folgen, bis auch ihn La Comare ins Totenreich führt, ihm die Endlichkeit des Lebens und ihre Macht darüber vor Augen führt. Crispino verspricht Läuterung und bittet um Aufschub. Mehr sei nicht verraten.

Selbstverständlich ist die Bühne im Theater im Seefeld nicht mit komplexer Bühnentechnik gesegnet. Doch die Inszenierung schafft es mit kluger Gestaltung und einfachen Mitteln für das passende Ambiente zu sorgen. Da sind einige mobile Würfel und Quader, verschiebbare Paneele, die wie von Zauberhand gezogen werden und eine Treppenkonstruktion auf der Vorbühne. Dank der fantastischen, spielfreudigen Truppe von Sängerinnen und Sängern und der die Charaktere intelligent und sublim zeichnenden Personenführung wird daraus pralles, spannendes Musiktheater, das über den knapp dreistündigen Abend (inklusive Pause) einen nie abbrechenden Spannungsbogen legt.

Peter Kubik glänzt mit seinem fantastisch schmiegsamen Bariton als Crispino. Dazu gesellt sich auch eine bewundernswerte körperliche Agilität, z.B. wenn er den Geldkoffer der Comare öffnet und sich über den Segen freut wie ein Kind, strampelnd auf dem Rücken liegt, sein Glück kaum fassen kann. Später dann spielt er den arroganten Emporkömmling, sich aufgeblasen über die Kollegen mokierend. Herrlich auch, wie er zu Beginn - mit Klobürste und edlem Staubwedel ausgestattet - seinen Erfolg erträumt. Mit fantastischer Geläufigkeit meistert er die an Rossinis oder Donizettis opere buffe gemahnenden Prestissimo-Passagen. Das Ohr und das Herz des Stimmfetischisten vermag Sara Bigna-Janett als Crispinos Gemahlin Annetta zu erquicken. Welch messerscharfe Stakkati in den Koloraturen, welch höhensichere Attacke, welch pralles Spiel mit Stimme und Körper! Das Krönen der Finali mit ihren sauber durchdringenden Spitzentönen führt zu Gänsehauteffekten! Zum Niederknien! Sowohl als Verkäuferin von Groschenromanen, als auch als vom Konsumrausch infizierte Neureiche mit den vier Trägern, welche ihr die Gucci- und Dior-Tüten von der Einkaufstour nach Hause tragen. Wunderbar differenziert gezeichnet sind die Dottori des Krankenhauspersonals.

Da ist der arrogante Klinikdirektor Asdrubale, der vom Bassbariton Tobias Wurmehl glaubhaft (und fast zu stimmschön) verkörpert wird. Genau gezeichnete darstellerische Porträts und agile, wunderbar timbrierte Stimmen bringen die beiden Baritone Gergely Kereszturi (Dottore Mirabolano) und Andrejs Krutojs (Dottore Fabrizio) mit für ihre Rollen der auf profitabler Medikamentenherstellung, ausufernder Rezeptausstellung und speichelleckender Ambition ausgerichteten Spitalärzte. Ganz am Rande ist da natürlich noch, wie es sich für eine komische Oper aus dieser Zeit gehört, eine Liebesgeschichte. Lisette (mit aparter Sopranstimme: Alicia Martinez), die – vermeintlich - todkranke Patientin, wird vom Klinikdirektor begehrt, vor allem wegen ihrer Mitgift. Doch der junge Assistenzarzt Ernesto (Livio Schmid) hat etwas dagegen, da er sich selbst unsterblich in Lisetta verliebt hat und dieser Liebe mit seiner stimmschön vorgetragenen Romanze glühenden Ausdruck verleiht. Sein kraftvoller, ebenmässiger Tenor vermag zu begeistern, erst recht im aus Bellinis LA SONNAMBULA eingefügten Liebesduett Prendi l'anel che ti dono, in welchem die beiden Stimmen von Alicia Martinez und Livio Schmid aufs Wunderbarste verschmelzen. Solche so genannte Kofferarien (oder wie hier Duette) in Opern einzufügen ist legitim und war bis Mitte des 19. Jahrhunderts gang und gäbe. Und da Lisette als Patientin eh immer im Nachthemd zu sehen ist, liegt nichts näher als LA SONNAMBULA. Die zweite tenorale Rolle der Oper ist dem Unfallopfer (und Oberpfleger des Spitals) Bartolo anvertraut, den Timothy Löw mit einnehmender Behäbigkeit verkörpert.

Bleibt die zweite Hauptperson der Oper, La Comare – la morte. Lisa Mays erster Auftritt hinter den sich öffnenden Paneelen ist ein kleiner coup de théâtre, mit einfachen, aber effektsicheren Mitteln. In ihrer eleganten, antiquierten Robe wirkt sie tatsächlich wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Sie gestaltet die Rolle mit vornehm und zurückhaltend geführtem, rein und schön gefärbtem Mezzosopran. Gerade dadurch, dass sie nicht forciert oder exaltiert phrasiert, bewirkt sie eine subtlile, fast unfassbare Dämonie. Grossen Anteil an der Lebendigkeit der Theatralik haben die Spiel und Musik bewundernswert präsent unterstützenden Sängerinnen und Sänger Mirjam Fässler, Johanna Kulke, Jonah Schenkel, Michael Schwarze und Arthur Baldensperger, welche als Chor Mitarbeiter des Spitals darstellen.

Die Musik der Brüder Ricci (ihre hoch interessanten Biografien kann man im exzellent verfassten Programmheft nachlesen, ebenso wie das Rezept für das von den Ärzten gepuschte Allheilmittel Theriak!) ist von grosser melodischer Eingängigkeit und tänzerischen Rhythmen geprägt. Dies vermögen das Streichquartett, der Kontrabass und die sieben Holz- und Blechbläser unter der prägnanten, grossartig mit den Solisten mitatmenden Leitung von Davide Fior (der von Annetta verständlicherweise angemacht wird, um die Eifersucht ihres Gatten zu wecken) wunderbar umzusetzen und Neugier zu wecken auf andere Werke dieser beiden zu Unrecht vergessenen Komponisten. Ein grosses Lob gebührt insbesondere der Konzertmeisterin Anna Brunner, welche immer wieder herausragende solistische Passagen zum Erklingen bringt.

Fazit: Nur noch vier Vorstellungen. Ein MUSS für neugierige Opernfreunde!

 

Kaspar Sannemann, 13.10.2020

Bilder: Theater im Seefeld

 

Weitere Aufführungen 16.10. | 18.10. | 23.10. | 25.10.2020

 

 

The Book of Mormon

Besprochene Vorstellung vom 15.12.2019 im Zürcher Theater 11

Ein wahrlich einzigartiges Theaterereignis

Wem die amerikanische Animationsserie für Erwachsene «South Park» ein Begriff ist, weiss in etwa, mit was man sich auf der Bühne auseinandersetzen muss, wenn man sich entschliesst «The Book of Mormon» im Zürcher Theater 11 anzuschauen. Nämlich mit einen Riesenspass. Die South Park-Erfinder Trey Parker und Matt Stone nehmen nicht nur organisierte Religion auf die Schippe, sondern auch gleich das ganze Musical-Genre. Das braucht starke Lachmuskeln und das Verständnis für Ironie, weil das Musical nur so von Ironie und Biss strotzt.

Die Handlung ist musicaltypisch sehr simpel. Jedoch ist der Umgang mit sensiblen Themen wie AIDS, Hungersnot in Afrika, Schwulenfeindlichkeit, sexistischen und rassistischen Inhalten etc. so brillant, selbstkritisch und teilweise schon obszön übertrieben gelöst, dass ein Absurdum auf das andere folgt und somit überrascht. Dazu kommen hervorragende Darsteller, welche tänzerisch und gesanglich auf höchstem Niveau zeigen, was sie können. Musikalisch und szenisch ist das Musical ebenfalls ein «Wurf».

Es geht um den beliebten Mormonen Elder Price (Kevin Clay) und den weniger beliebten, eher beleibteren Elder Cunningham (Jacob Yarlett), welche beide zusammen nach Uganda gesandt werden, um dort den Glauben der Mormonen zu verbreiten und so viele neue Mitglieder als möglich zu rekrutieren. Dort treffen sie auf Einheimische, welche alles andere als bereit sind, sich ihrem Glauben anzuschliessen. Auf ihrer Reise beginnen sie selbst an ihrer Religion zu zweifeln und versuchen auf ungewöhnliche Weise die Einheimischen trotzdem bekehren zu können. Die Handlung ist gespickt mit Slapstick. Schon nur die Eröffnungssequenz, welche die Mormonen beim Missionieren an der Türschwelle zeigt, ist schlicht hervorragend. Es folgen steppende Mormonen, wilde Tanzeinlagen, einen Höllentraum, eine absurde Erzählung der Entstehung der Mormonen Religion und Vieles mehr. Die anspruchsvollen Choreografien stammen von Casey Nicholaw und Ben Clare, welche von den Tänzern beeindruckend umgesetzt werden. Inszeniert wurde das Musical von Trey Parker und Leigh Constantine. Die schmissige Musik komponierte Robert Lopez. Die Band-Besetzung in Zürich kann sich definitiv hören lassen und ist dermassen gut abgemischt und verstärkt, als meine man, ein grosses Orchester sitzt im Graben.

Das Bühnenbild von Scott Pasc ist stimmig und flexibel. Prospekte fahren hoch und zur Seite, Objekte fahren mechanisch über die Bühne und bringen die Zuschauer in wenigen Sekunden von einem Ort zum anderen. Das Lichtdesign von Brian Macdevitt unterstützt die Szenerie stimmig und ist hervorragend gelungen. Dazu kommen die witzigen Kostüme von Ann Roth, welche von der Mormonen-Kluft bis hin zum riesigen Dämonen-Teufel alles abdecken, was das Stück noch runder und beeindruckender macht.

Es ist schlichtweg grosses, aufwändiges Theater, welches Themen anspricht, die nicht gerne angesprochen werden - jedoch dringend angesprochen werden müssen. Das Publikum darf Zeuge einer Produktion werden, welche es so noch nie gegeben hat. Durchzogen von grandioser Musik und einem unverwechselbaren Bühnenbild begeistert «The Book of Mormon» auf ganzer Linie. Zurecht reisst das Musical das begeisterte Publikum auf die Füsse und es bleibt dem Theater 11 unter der Leitung vom Freddy Burger Management zu danken, dass sie den Mut besassen, diese Tournee-Produktion nach Zürich zu holen. Wer hat das Musical sehen möchte, hat sich zu beeilen, da viele Tickets schon verkauft sind und die Produktion nur noch bis zum 5. Januar in Zürich gastiert.

 

Philipp Borghesi, 20.12.2019

Foto © The Book Of Mormon 2019 / Paul Coltas

 

 

 

FREE OPERA COMPANY ZÜRICH

FRA DIAVOLO

 

am 30.09.2018 im Theatersaal Neumünster

 

Selten, ganz selten bin ich als Opern-Kritiker so begeistert, so rundum beglückt und zufrieden aus einer Aufführung gekommen wie gestern Abend aus der Premiere von Aubers FRA DIAVOLO, aufgeführt von der FREE OPERA COMPANY ZÜRICH. Für solche Opernabende braucht es eigentlich keine „Kritiker“ mehr (denn dieses Wort ist ja stets etwas pejorativ behaftet, neigt oft zur Beckmesserei oder Krittelei). Aber solche Opernabende wie eben FRA DIAVOLO verdienen eine angemessene Würdigung, und um die will ich an dieser Stelle bemüht sein.

Der französischen Opéra comique ist leider heutzutage ein ähnliches Schicksal der zunehmenden Vernachlässigung beschieden wie der deutschen Spieloper. Einst so erfolgreiche Komponisten wie eben Auber, Halévy, Boieldieu oder Adam werden von grösseren Bühnen ebenso an den Rand des Repertoires gedrängt wie Lortzing, von Flotow oder Nicolai. Nur schon deshalb ist die Werkauswahl der FREE OPERA COMPANY ZÜRICH zu begrüssen. Selbstverständlich braucht es dann natürlich eine kluge Umsetzung. Der Grat zwischen derbem Kalauer und Schenkelklopferei auf der einen und feinsinnigem, augenzwinkerndem Humor auf der anderen Seite ist bekanntermassen extrem schmal.

Der Regisseur Bruno Rauch (Spiritus rector der Compagnie, Projektleiter, Dramaturg, verantwortlich für Bühne, Dramaturgie und selbst für die Einlasskontrolle in den Saal) ist auf diesem schmalen Grat in keinem Moment gestrauchelt. Man darf den ganzen Abend über schmunzeln, lächeln, sich köstlich amüsieren. Da sitzt jede Geste, die jungen Darstellerinnen und Darsteller fallen keinen Moment aus ihren Rollen, die Mimik, die Bühnenpräsenz und die darstellerische Differenzierungskunst aller Beteiligten ist geradezu atemberaubend. Der Entwurf Bruno Rauchs für die funktionale Bühne ist bestechend: Vor der Bühne der Innenraum des Gasthauses von Terracina (hier ist es eine Pizzeria mit Pizzaofen im Italien der 50er Jahre), auf der Bühne sind die darüber liegenden Gast- und Schlafzimmer angedeutet, dahinter der weite mediterrane Nachthimmel. Alles, auch die passenden Kostüme (von Natalie Péclard), mit liebevoller Detailarbeit entworfen und ausgeführt, ebenso wie die wunderbar passende Lichtgestaltung von Martin Brun,

Durch die überaus spielfreudigen und durchs Band weg ausgezeichnet singenden Sängerinnen und Sänger wird das ganze mit prallem Leben gefüllt, man folgt der Handlung aufmerksam, wird regelrecht hineingezogen in das turbulent-liebenswerte Stück, die zwei dreiviertel Stunden (inklusive einer Pause) vergehen wie im Flug.

Christoph Waltle singt die Titelrolle des launigen Banditen mit umwerfendem Charme, ausgeglichener, sauberer Tenorstimme in allen Registern, strahlendem Glanz, mit Biegsamkeit und Finesse. Höhepunkt seiner Interpretation zweifellos sein „Credo“ zu Beginn des dritten Aktes, in dem schon Gounods Méphistofélès aufscheint („de l'or, de l'or“), der allerdings erst ein Vierteljahrhundert später die Bühnen erorbern sollte. Hier überzeugt Christoph Waltle mit wunderschöner, leicht ansprechender, mit Schmelz versehener Höhe, solider, schön gestützter Mittellage und müheloser Tiefe, die Übergänge herrlich austariert. Gleich danach punktet der zweite Tenor, Philippe Jacquiard als Lorenzo, mit seiner herrlich vorgetragenen Romanze, fantastischen Piani, einer brillanten Technik und stilistisch perfekter voix mixte – und natürlich mit den sicher gesetzten hohen C's. Lorenzo ist in dieser Inszenierung kein Dragoneroffizier, sondern ein Pizzaiolo. Jacquiard beherrscht nicht nur die hohe Tessitura seiner Partie, er hantiert ebenso kunstfertig mit dem Pizzateig. Seine Angebetete Zerline wird von Patricia Zanella mit zauberhaftem Sopran gesungen, jubelnd schwingt sie sich in den Finali und Ensembles über die Gesangslinien der tieferen Stimmen und spielt überaus einnehmend, ja gar die Männer auf der Bühne und die „Voyeure“ im Publikum im zweiten Akt mit einem perfekten Strip verführend, obwohl sie sich bloss auszieht und das Nachtgewand überstreift.

Schlicht perfekt, da könnte manche Hollywood-Diva vor Neid erblassen. Umwerfend komisch auch das Touristenpaar aus England, der eitle, seine Vornehmheit gerne zur Schau stellende Lord Cockburn (nomen est omen ...) und seine einem Flirt nie abgeneigte Lady Pamela. Pierre Héritier gelingt es, seinen englischen Akzent den ganzen Abend über aufrechtzuerhalten (die Dialoge und Accompagniati werden deutsch gesprochen/Gesungen, die Arien im originalen Französisch belassen, ebenfalls eine sehr kluge Entscheidung des verantwortlichen Teams). Sein perfekt fokussierter Bariton fügt den Ensembles die perfekte tiefe Grundierung bei, stimmlich ist er potenter als bei seinen ehelichen Pflichten.. Cassandre Stornetta beglückt mit ihrem runden, feine Akzente setzenden Mezzosopran und natürlich ihrem subtilen Spiel. Da stimmt einfach jeder Augenaufschlag, jedes Wimpernzucken. Ganz grosse Klasse sind Beppo und Giacomo, die beiden einfältigen Kumpane Fra Diavolos. Arndt Krueger und Manfred Plomer treten dabei in die grossen Fussstapfen, die Stan Laurel und Oliver Hardy im Film THE DEVIL'S BROTHER hinterlassen haben – und die Fussstapfen sind keineswegs zu gross für die beiden jungen Sänger. Gekonnt imitieren sie die berühmte Kneesey, Earsey, Nosey Szene des Films, zum Schreien komisch. Selbstredend singen sie auch vorzüglich und zeichnen sich u.a. in der Balkonszene durch vortreffliche Agilität aus. Zerlines Vater Matteo wird von Matthias Geissbühler mit wunderschön warm geführter Baritonstimme und ebenso warmherzigem Charme und Gastfreundschaft gesungen, auch wenn er seine Tochter aus pekuniären Gründen vorerst nicht dem gutherzigen Pizzaiolo zur Frau geben will. Zwei Carabinieri (Gergely Kereszturi und Tobias Wurmehl) und zwei Dorfschönheiten (Anna Gitschthaler und Saskia Coria), sowie der in Motoren vernarrte Schankbursche Ivo (Yves Ehrsam) ergänzen das vortreffliche Ensemble aufs Feinste. Anna Gitschthaler wurde auch eine Strophe von Zerlines Couplet anvertraut, die sie mit leicht erotisch gefärbter Stimme sehr einnehmend interpretiert.

Ein allergrösstes Lob gebührt auch dem kleinen, aber sehr feinen Kammerorchester unter der Leitung von Emmanuel Siffert. Ein Streichquartett, ein Kontrabass, vier Holzbläser (Flöte/Piccolo, Oboe, Klarinette, Fagott) und zwei Blechbläser (Horn, Trompete), sowie ein Schlagzeuger reichen vollends aus, um Aubers wunderschöne Harmonik zum Leben zu erwecken. Siffert erreicht eine fantastische klangliche Transparenz, die Musikerinnen und Musiker spielen ohne Fehl und Tadel. Das Dirigat von Emmanuel Siffert versprüht den gebotenen Witz, er ist den Sängerinnen und Sängern eine aufmerksame Stütze. Und wenn dann im federnd-spritzig dirigierten Finale II die Verwirrung kulminiert, dann zwinkert da der Buffomeister Rossini liebevoll durch.

Am Ende wird Divolo erschossen – aber keine Angst, der Räuber aufersteht, bestiehlt die gesamte Hochzeitsgesellschaft und macht sich mit der Beute und seinen beiden liebevollen Deppen von dannen – zum Glück, denn diese Aufführung möchte man gerne nochmals erleben.

Also allen, welche die grauen Massanzüge-Inszenierungen und Betonbunker-Bühnen der grossen Häuser satt haben, sei diese Produktion wärmstens empfohlen – und allen anderen sowieso! ;-))

 

Kaspar Sannemann 1.10.2018

Bilder (c) FOCZ

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de