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FREE OPERA COMPANY ZÜRICH

FRA DIAVOLO

 

am 30.09.2018 im Theatersaal Neumünster

 

Selten, ganz selten bin ich als Opern-Kritiker so begeistert, so rundum beglückt und zufrieden aus einer Aufführung gekommen wie gestern Abend aus der Premiere von Aubers FRA DIAVOLO, aufgeführt von der FREE OPERA COMPANY ZÜRICH. Für solche Opernabende braucht es eigentlich keine „Kritiker“ mehr (denn dieses Wort ist ja stets etwas pejorativ behaftet, neigt oft zur Beckmesserei oder Krittelei). Aber solche Opernabende wie eben FRA DIAVOLO verdienen eine angemessene Würdigung, und um die will ich an dieser Stelle bemüht sein.

Der französischen Opéra comique ist leider heutzutage ein ähnliches Schicksal der zunehmenden Vernachlässigung beschieden wie der deutschen Spieloper. Einst so erfolgreiche Komponisten wie eben Auber, Halévy, Boieldieu oder Adam werden von grösseren Bühnen ebenso an den Rand des Repertoires gedrängt wie Lortzing, von Flotow oder Nicolai. Nur schon deshalb ist die Werkauswahl der FREE OPERA COMPANY ZÜRICH zu begrüssen. Selbstverständlich braucht es dann natürlich eine kluge Umsetzung. Der Grat zwischen derbem Kalauer und Schenkelklopferei auf der einen und feinsinnigem, augenzwinkerndem Humor auf der anderen Seite ist bekanntermassen extrem schmal.

Der Regisseur Bruno Rauch (Spiritus rector der Compagnie, Projektleiter, Dramaturg, verantwortlich für Bühne, Dramaturgie und selbst für die Einlasskontrolle in den Saal) ist auf diesem schmalen Grat in keinem Moment gestrauchelt. Man darf den ganzen Abend über schmunzeln, lächeln, sich köstlich amüsieren. Da sitzt jede Geste, die jungen Darstellerinnen und Darsteller fallen keinen Moment aus ihren Rollen, die Mimik, die Bühnenpräsenz und die darstellerische Differenzierungskunst aller Beteiligten ist geradezu atemberaubend. Der Entwurf Bruno Rauchs für die funktionale Bühne ist bestechend: Vor der Bühne der Innenraum des Gasthauses von Terracina (hier ist es eine Pizzeria mit Pizzaofen im Italien der 50er Jahre), auf der Bühne sind die darüber liegenden Gast- und Schlafzimmer angedeutet, dahinter der weite mediterrane Nachthimmel. Alles, auch die passenden Kostüme (von Natalie Péclard), mit liebevoller Detailarbeit entworfen und ausgeführt, ebenso wie die wunderbar passende Lichtgestaltung von Martin Brun,

Durch die überaus spielfreudigen und durchs Band weg ausgezeichnet singenden Sängerinnen und Sänger wird das ganze mit prallem Leben gefüllt, man folgt der Handlung aufmerksam, wird regelrecht hineingezogen in das turbulent-liebenswerte Stück, die zwei dreiviertel Stunden (inklusive einer Pause) vergehen wie im Flug.

Christoph Waltle singt die Titelrolle des launigen Banditen mit umwerfendem Charme, ausgeglichener, sauberer Tenorstimme in allen Registern, strahlendem Glanz, mit Biegsamkeit und Finesse. Höhepunkt seiner Interpretation zweifellos sein „Credo“ zu Beginn des dritten Aktes, in dem schon Gounods Méphistofélès aufscheint („de l'or, de l'or“), der allerdings erst ein Vierteljahrhundert später die Bühnen erorbern sollte. Hier überzeugt Christoph Waltle mit wunderschöner, leicht ansprechender, mit Schmelz versehener Höhe, solider, schön gestützter Mittellage und müheloser Tiefe, die Übergänge herrlich austariert. Gleich danach punktet der zweite Tenor, Philippe Jacquiard als Lorenzo, mit seiner herrlich vorgetragenen Romanze, fantastischen Piani, einer brillanten Technik und stilistisch perfekter voix mixte – und natürlich mit den sicher gesetzten hohen C's. Lorenzo ist in dieser Inszenierung kein Dragoneroffizier, sondern ein Pizzaiolo. Jacquiard beherrscht nicht nur die hohe Tessitura seiner Partie, er hantiert ebenso kunstfertig mit dem Pizzateig. Seine Angebetete Zerline wird von Patricia Zanella mit zauberhaftem Sopran gesungen, jubelnd schwingt sie sich in den Finali und Ensembles über die Gesangslinien der tieferen Stimmen und spielt überaus einnehmend, ja gar die Männer auf der Bühne und die „Voyeure“ im Publikum im zweiten Akt mit einem perfekten Strip verführend, obwohl sie sich bloss auszieht und das Nachtgewand überstreift.

Schlicht perfekt, da könnte manche Hollywood-Diva vor Neid erblassen. Umwerfend komisch auch das Touristenpaar aus England, der eitle, seine Vornehmheit gerne zur Schau stellende Lord Cockburn (nomen est omen ...) und seine einem Flirt nie abgeneigte Lady Pamela. Pierre Héritier gelingt es, seinen englischen Akzent den ganzen Abend über aufrechtzuerhalten (die Dialoge und Accompagniati werden deutsch gesprochen/Gesungen, die Arien im originalen Französisch belassen, ebenfalls eine sehr kluge Entscheidung des verantwortlichen Teams). Sein perfekt fokussierter Bariton fügt den Ensembles die perfekte tiefe Grundierung bei, stimmlich ist er potenter als bei seinen ehelichen Pflichten.. Cassandre Stornetta beglückt mit ihrem runden, feine Akzente setzenden Mezzosopran und natürlich ihrem subtilen Spiel. Da stimmt einfach jeder Augenaufschlag, jedes Wimpernzucken. Ganz grosse Klasse sind Beppo und Giacomo, die beiden einfältigen Kumpane Fra Diavolos. Arndt Krueger und Manfred Plomer treten dabei in die grossen Fussstapfen, die Stan Laurel und Oliver Hardy im Film THE DEVIL'S BROTHER hinterlassen haben – und die Fussstapfen sind keineswegs zu gross für die beiden jungen Sänger. Gekonnt imitieren sie die berühmte Kneesey, Earsey, Nosey Szene des Films, zum Schreien komisch. Selbstredend singen sie auch vorzüglich und zeichnen sich u.a. in der Balkonszene durch vortreffliche Agilität aus. Zerlines Vater Matteo wird von Matthias Geissbühler mit wunderschön warm geführter Baritonstimme und ebenso warmherzigem Charme und Gastfreundschaft gesungen, auch wenn er seine Tochter aus pekuniären Gründen vorerst nicht dem gutherzigen Pizzaiolo zur Frau geben will. Zwei Carabinieri (Gergely Kereszturi und Tobias Wurmehl) und zwei Dorfschönheiten (Anna Gitschthaler und Saskia Coria), sowie der in Motoren vernarrte Schankbursche Ivo (Yves Ehrsam) ergänzen das vortreffliche Ensemble aufs Feinste. Anna Gitschthaler wurde auch eine Strophe von Zerlines Couplet anvertraut, die sie mit leicht erotisch gefärbter Stimme sehr einnehmend interpretiert.

Ein allergrösstes Lob gebührt auch dem kleinen, aber sehr feinen Kammerorchester unter der Leitung von Emmanuel Siffert. Ein Streichquartett, ein Kontrabass, vier Holzbläser (Flöte/Piccolo, Oboe, Klarinette, Fagott) und zwei Blechbläser (Horn, Trompete), sowie ein Schlagzeuger reichen vollends aus, um Aubers wunderschöne Harmonik zum Leben zu erwecken. Siffert erreicht eine fantastische klangliche Transparenz, die Musikerinnen und Musiker spielen ohne Fehl und Tadel. Das Dirigat von Emmanuel Siffert versprüht den gebotenen Witz, er ist den Sängerinnen und Sängern eine aufmerksame Stütze. Und wenn dann im federnd-spritzig dirigierten Finale II die Verwirrung kulminiert, dann zwinkert da der Buffomeister Rossini liebevoll durch.

Am Ende wird Divolo erschossen – aber keine Angst, der Räuber aufersteht, bestiehlt die gesamte Hochzeitsgesellschaft und macht sich mit der Beute und seinen beiden liebevollen Deppen von dannen – zum Glück, denn diese Aufführung möchte man gerne nochmals erleben.

Also allen, welche die grauen Massanzüge-Inszenierungen und Betonbunker-Bühnen der grossen Häuser satt haben, sei diese Produktion wärmstens empfohlen – und allen anderen sowieso! ;-))

 

Kaspar Sannemann 1.10.2018

Bilder (c) FOCZ

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de