DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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DER FREISCHÜTZ

Premiere: 22.3.2002.

Besuchte Aufführung: 15.2.2019.

 

Kennen Sie das Papiertheater Mering? Dort, ein paar Kilometer südlich von Augsburg, werden bekannte Opern gespielt, freilich „nur“ in Kurzformat, dafür umso verzaubernder. „Der Freischütz“ gehört zum Repertoire dieses Miniaturopernhauses.

„Wir sind das einzige Opernhaus Bambergs“: Dieser Satz, den die Theaterdirektorin Maria Sebald vor Beginn der Vorstellung sagt, ist so selbstbewusst wie richtig. Auch in anderen, größeren Städten als im kleinen bayerisch-schwäbischen Mering wird Große Oper im sog. Kleinen Format gespielt – aber was heißt hier „klein“? In der Papiertheatersammlung des schönen Hauses in der Sandstraße, die man vor den Aufführungen und in den Pausen besichtigen darf, ist Webers und Kinds Oper nicht vertreten, aber auf der Großen Bühne steht das Werk seit 17 Jahren auf dem Programm: als klassisches Marionettentheater. Klaus Loose, der Gründer und langjährige Prinzipal dieser wertvollen Stätte im WELTERBE der Bamberger Altstadt hat damals eine Produktion herausgebracht, von deren Aufwendigkeit der glückliche Zuschauer sich im Anschluss überzeugen lassen kann. Es wird hier wie in einem „richtigen“ Opernhaus gezaubert: die Wolfsschlucht kommt mit ihrem Hexenwerk, ihren Flammen und gespenstischen Erscheinungen und Effekten, schier naturalistisch über die Wunderbühne. Es nebelt und raucht, beim Kugelgießen gibt es Stichflammen auf dem Teufelsherd, die Mutter und Agathe schweben als durchsichtige Geister auf die Bühne, Samiel sieht aus, wie Samiel aussehen könnte: ein gespenstischer wilder Satan, und die Skelette und die Wilde Jagd erobern die Bühne und den dramatisch durchfurchten, vom Mond beschienenen Wolkenhimmel. Statt schwarzer Feldsteine gibt es einen mit einer Pyroschiene versehenen, schließlich perfekt aufflammenden Ring von Totenköpfen, in dem der Teufelsbündner seine Kräuter pflückt, bevor Skelette mit gezückten Säbeln den schrecklichen Guss beobachten.

So „werktreu“ auch sonst die Szene mit ihrer dem Marionettentheater eigenen Statik auch erscheint, so sehr hat Loose damals szenische Details erfunden, die man durchaus – und in bestem Sinne – als „Regietheater“ bezeichnen kann. Ihm standen (was man nicht alles damals im Handel finden konnte...) originale Requisiten und Bühnenbildelemente zur Verfügung, die mindestens in der Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden. Der Kreis aus Totenköpfen, der so realistisch wirkt, obwohl die Schädel nur eine Vorderseite besitzen, und die Grisaillen des Wilden Heers entführen den kleinen und den großen Zuschauer in eine romantische und gleichzeitig entzückend humorvolle Zauberwelt. Wer ein Gespür für die Kostbarkeit dieser alten Raritäten hat, wird in den kulturhistorischen Schätzen mehr sehen als bloße Theaterrequisiten. Umso bewegender, sie im Einsatz zu sehen – denn das Bamberger Marionettentheater ist, so viele alte Stücke es auch in seinen Räumen ausstellt, kein Theatermuseum.

Kleine Zuschauer? Junge Besucher, etwa die Studenten der Bamberger Alma mater, finden eher den Weg in die Sprechstücke. Zugegeben: man muss sich auf die ruhige und unaufgeregte Ästhetik der Opern erst einmal einlassen, was wirkungsvolle Effekte nicht ausschließt. Die Arie des Max und die Kavatine der Agathe werden, per exemplum, szenisch gegliedert, indem beim Beginn der eigentlichen Arie in Windeseile der Raum verkleinert wird. Max steht plötzlich im nicht nur metaphysischen Dunkel, in das immer wieder die geisterhafte Erscheinung Samiels hereinschaut, und Agathe ersingt ihr Herzeleid nicht mehr im Försterzimmer, sondern im Rahmen einer romantischen Fensteröffnung. Kleine Ursache, große Wirkung.

Was sonst noch besonders ist, zeigt der Beginn. Die Ouvertüre wird, vor dem mit einem Hirschgeweih sinnfällig dekorierten Vorhang, ohne Bebilderung gezeigt, d.h: die Musik kann, in der dramaturgisch gut gekürzten, vor allem um einzelne Strophen, Kaspars Arie und Ännchens komischer Romanze gekappten Aufnahme des Chor- und Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks unter Eugen Jochum, mit Irmgard Seefried, Richard Holm, Kurt Böhme und Rita Streich, ihre ganze Wirkung entfalten. Zum Vergleich: Als Calixto Bieito in der Komischen Oper das Meisterwerk zerstörte, wurde der Zuschauer während der gesamten Ouvertüre mit dem Blick auf eine über die Bühne schweifende Wildsau vom Wesentlichen abgelenkt. Zumindest ein Meisterwerk der Domptage! Als ein bekannter Schauspieler, dessen Name hier gnädig verschwiegen sei, das großartige Stück in einer unvergesslich schrecklichen Erfurter „Neudeutung“ massakrierte, bestand die Ouvertüre aus Bruchstücken späterer Nummern. Was für eine Leistung! Nichts davon aber in Bamberg, wo man schlicht und einfach der Musik ver- und dem Zuschauer zutraut, die Figuren und die Handlung ausnahmsweise ohne Fremdkommentare selbst zu verstehen und zu deuten. Im Prinzip macht die Bamberger Bühne Inszenierungen für Selbstdenker.

Dem 1. Akt hat man übrigens eine verkürzte Version der von Weber gestrichenen Eremiten-Szene vorgesetzt, die nur sehr gelegentlichst auf den Bühnen gespielt wird, und die die Übergabe und Heilkraft der Rosen schildert, die Agathes allzu frühen Tod verhindern. Die Szenenbilder wurden nach den Bühnenbildangaben locker entworfen – und die Wolfsschlucht macht größeren Eindruck als in etlichen Inszenierungen der letzten Jahrzehnte Das Zaubertheater eines überhöhten magischen Realismus hat eben eine wesentlich größere Chance, das Grauen - und sei es auch latent humoristisch gebrochen – zu zeigen als eine Deutung, die es mit irgendeiner Aktualität aufnehmen will. Es kann, aber es muss nicht funktionieren. Im Kindertheater, das doch so genau und, nicht allein in den winzigen Figuren, detailverliebt gemacht wird, kann dagegen tatsächlich die Illusion sich erweisen. Je weiter hinten man im Saal sitzt, desto natürlich wirken übrigens die sachten, an diesem Abend von Maria Eichfelder, Dagmar Strohm und Maria Sebald animierten und von Monika Einwag technisch betreuten Bewegungen der Protagonisten auf der Bühne, die demnächst 200 Jahre alt werden wird.

Möge sie lange noch spielen.

P.s. Während Bietos Freischützvergewaltigungspremiere regten sich nur ein einziges Mal ein paar mitleidige Hände nach einer Arie. In Bamberg gab es mit jedem Szenenwechsel Applaus: für „leblose“ Figuren...

 

Frank Piontek, 17.2.1019

Fotos: ©Frank Piontek. Szenenbild: ©Peter Eberts (Bamberg)

 

 

PRINZ ROSENROT UND PRINZESSIN LILIENWEISS

Premiere: 29.9.1963. Besuchte Aufführng: 28.12.2018

 

Nein, das Spiel von Prinz Rosenrot und Prinzessin Lilienweiss ist keine Oper, aber wo Mozart und der bekannteste Teil einer berühmten Schauspielmusik in Einsatz kommen, darf auch der Opernfreund darüber berichten – und entzückt sein.

Das Bamberger Marionettentheater, das seit vielen Jahren in der Sandstraße sein Quartier hat, spielt neben den Klassikern vom Freischütz, von der Zauberflöte und dem Fliegenden Holländer vorzugsweise Stücke aus dem romantischen Repertoire. Einen besonderen Rang nimmt dabei, neben dem Volksstück vom Doktor Faust, das Märchen ein, das der Münchner Kasperlgraf Pocci 1858 für die Eröffnung des Münchner Marionettentheaters schrieb, wo es heute nicht mehr gespielt wird. Franz Graf Pocci gebührt auch die Ehre, als Erfinder des unsterblichen Kaspers Larifari in die Geschichte eingegangen zu sein – genau jener Kasper ergänzt das Personal des Stücks, das nun schon seit 1963 im Repertoire der Bühne steht, die 1962 in Wüstling in Oldenburg gegründet wurde, bevor sie 1986 in die Regnitzmetropole zog. Das Bühnengebäude selbst feiert übrigens in drei Jahren seinen 200. Geburtstag – wer will, darf nach den Vorstellungen hinter die Miniatur-Bühne kommen - die doch für die winzigen Figuren, die Könige und Diener, Ritter und Narren, Teufel und Jungfrauen, groß genug ist -, um sich den Zauber von hinten anzuschauen und über die Kunstfertigkeit (und Kleinheit) der geführten Figuren und ihrer Strippenzieher zu staunen. „Der Lappen muss hoch“ - dieser schöne Satz, auf den ich dort gestern gewiesen wurde, sollte noch lange Geltung besitzen.

Das „romantische Zauberspiel in drei Aufzügen“, in dem sich ein barock gewandeter Prinz auf die Suche nach (s)einer idealen Geliebten begibt, ein in einen Bären verzauberter Ritter entzaubert wird, ein betrügerischer, i n ein spanisches Höflingsgewand gekleideter Hofmann vom teuflischrot Leibhaftigen mit anvertrauten Geldern persönlich in die USA transferiert wird, ein rauchender (Zigarettenqualm!) Drache namens „Feuerrachen“ gattungsgerecht gemeuchelt wird und am Ende einige Paare glücklich zum Altar schreiten – dieses Stück wurde vom damaligen Prinzipal Klaus Loose, dem das Lebenswerk „Bamberger Marionettentheater“ zu verdanken ist, vor allem mit Musik von Mozart angereichert. Die Ouvertüre (es gibt ja auch ein kleines Orchester mit Papierfiguren) und die Entr'actes bestehen aus Sätzen des Klarinetten- und des Oboenkonzerts, auch auch aus dem langsamen Satz und dem Finale der „Kleinen Nachtmusik“; dazwischen zaubert ein Magier namens Negromanticus, als wäre er der kleine Bruder einer berühmten Gestalt aus einem „Bühnenweihfestspiel“. Negromanticus liebt es, die Frauen, die er nicht bekommen kann, in Blumen zu verwandeln. Wer bei diesem entzückenden, letzten Endes harmlosen Taschen-Klingsor nicht an den „Parsifal“ denkt, mag an Ferdinand Raimunds „Diamant des Geisterkönigs“ erinnert werden, in dem das gleiche Motiv erscheint. Dies ist nicht der einzige Verweis, den sich Pocci und die Bamberger Bühne auf die Tradition der Zauberstücke erlaubt haben: Des Zauberers Geselle Leopardus ist in Ägypten zuhaus, in dem gut und gern die eine oder andere Szene der „Zauberflöte“ spielen könnte – nur beim Kasperl Larifari dürfen wir nicht an Siegfried und den Drachen denken, denn der Feuerrachen wird hier vom Prinzen, nicht vom böhmakelnden Abkömmling des Wiener bzw. Salzburger Kaschperls gekillt.

Das Ende aber wird nicht von Mozart, sondern von Mendelssohn überglänzt. Nach dem schönen Zwischenvorhang, eine Caspardavidfriedrische Landschaft zeigend, erklingt – in voller Länge! - der Hochzeitsmarsch der Musik zum „Sommernachtstraum“ Danach braucht's keine Worte mehr – nur den Beifall über so viel Märchenpoesie. Gewiss: das Stück wurde nicht, wie es die Reaktionen jüngerer Zuschauer zeigen, für die MTV-Generation inszeniert. Auch der wunderbare Film über Mary Poppins Rückkehr, der gerade für alle kleinen und großen Kinder ins Kino kam, rechnet ja nicht mit den Konsumenten der „Minions“... Insbesondere bei den Umbauten stimmt das Timing nicht immer – aber wer die Komplexität begreift, mit der der illusionistische Zauber ins Bühnenwerk gesetzt wird, ist eher glücklich über die Geduld und die liebevolle Detailliertheit, mit der Poccis Meisterstreich erzählt wird. Es stimmt schon, was die Prinzipalin und Spielerin Maria Sebald sagt: Auf dieser Bühne ist mehr möglich als auf manch „normaler“ - aber die drei Damen (Monika Einwag, Margrit Schorr, Maria Sebald) und der Mann am Lichtpult (Jochen Eichfelder) müssen sich ordentlich ins Zeug legen, um den Zuschauern die Illusion einer „richtigen“ Bühne zu geben. Einschließlich Zigarettenrauchen – wo doch ansonsten keine der Spielerinnen eine Zigarette in die Hand nimmt.

Das sind Opfer – und alles für die kleine, große Marionettenkunst.

 

Frank Piontek, 29.12.2018

Fotos © Frank Piontek & Bamberger Marionettentheater

 

 

 

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Premiere: 2005

Besuchte Vorstellung: 27.1.2018

Großes Theater auf kleiner Bühne

Die Leidenschaft begann schon früh: „Ich beabsichtigte, die Meinigen durch eine glänzende Aufführung auf diesem Theater zu überraschen. Nachdem ich mir mit größtem Ungeschick verschiedene Puppen geschnitzt, für ihre Kleidung durch Verfertigung von Kostümen aus heimlich entwendeten Kleiderlappen meiner Schwestern notdürftig gesorgt hatte, ging ich auch an die Abfassung eines Ritterstückes, dessen Rollen ich meinen Puppen einstudieren wollte. Als ich die erste Szene entworfen hatte, entdeckten meine Schwestern das Manuskript und gaben es unmäßigem Gelächter preis: die eine Phrase der geängstigten Liebhaberin, `ich höre schon den Ritter trabsen´, ist mir lange zu meinem größten Ärger mit Pathos vorrezitiert worden.“

Der dies in seinen Lebenserinnerungen schrieb, komponierte später für seinen Siegfried eine Kampfszene, die nicht nur Thomas Mann an den Kampf des Kasperls mit dem Krokodil erinnerte. Richard Wagner hatte, das sollte deutlich geworden sein, eine tiefe Affinität zum Puppentheater. Oper und Marionettentheater – der Opernfreund weiß, dass die beiden Gattungen gut zusammenpassen. Doch nicht nur in Salzburg und Wien kommen Opern (und sogar Ballette) auf die kleine Bühne. In Bayreuth verfilmte das inzwischen selig entschlummerte Wolle-Würfel-Figurentheater 1989 den „Ring“, später folgte das „Operla“ mit einem sehr kurzen „Tannhäuser“. Im Jahre 2005 kam am Bamberger Marionettentheater eine Produktion des „Fliegenden Holländer“ heraus. Mit dem (ehrenwerten)„Kasperltheater“ sind alle diese Produktionen nicht vergleichbar. Im Gegenteil: In Bamberg legt man größten Wert auf die Natürlichkeit der Bewegungen. Wie Wagner schon in „Oper und Drama“ schrieb: „Die Gebärde des Leibes, wie sie sich in der bedeutungsvollen Bewegung der ausdrucksfähigsten Glieder und endlich der Gesichtsmienen als von einer inneren Empfindung bestimmt kundgibt, ist insofern ein vollkommen Unaussprechliches, als die Sprache sie nur zu schildern, zu deuten vermag, während eben nur jene Glieder oder jene Mienen sie wirklich aussprechen konnten.“ Die Zuschauer des Bamberger Marionettentheaters sollen schon einmal gesehen haben, wie sich die Lippen der Protagonisten bewegen – dies ist ist natürlich unmöglich, aber es zeigt, wie realistisch die „Gebärden“ der kleinen, nur 17 Zentimeter hohen Persönchen anmuten.

Man hat tatsächlich nach längstens 20 Minuten fast vergessen, dass man sich nicht in einem großen Opern-, sondern in einem kleinen Marionettenhaus befindet. Sogar das Orchester fehlt nicht… auch wenn es nach der Ouvertüre im Dunkel verschwindet. Der Gründer des Theaters, Klaus Loose, hat seine Bühne 1986 in die Regnitzstadt gebracht, wo es seitdem im Staubschen Haus Groß und Klein erfreut. „Der fliegende Holländer“ war nicht die erste Opernproduktion. Ein Dauerbrenner war und ist die „Zauberflöte“, daneben werden der Freischütz und Hänsel & Gretel an Strippen über die kleine Bühne gezogen, die im Jahre 1821 gebaut wurde. Das Programm des Bamberger Marionettentheaters orientiert sich an den Räumen des alten, mit allerlei historischem Spielzeug, Puppen und Tapeten äußerst liebevoll eingerichteten Hauses und an der Tradition der Stadt Bamberg. Man spielt „romantisches“ Theater auf jenen Brettern, die vor bald 200 Jahren als Papiertheater die Welt eroberten (in Mering bei Augsburg kann man übrigens immer noch ein Papiertheater besuchen, das neben der „Zauberflöte“ den „Holländer“ spielt). Nur die Technik ist, wenigstens zum Teil, modern. Wer die Summe liest, die eine LED-Anlage gekostet hat, ahnt, dass nicht nur viel ehrenamtliche Zeit, sondern auch viel Geld (und Liebe) in diesem hochkulturellen Unternehmen stecken.

Nun also, nach der Premiere vor 12 Jahren, die die letzte inszenatorische Tat des verschiedenen Direktors war, der Besuch einer Repertoireaufführung von Wagners Meeresoper. Nur zwei Spielerinnen und eine Beleuchterin „schieben“ die Vorstellung, die im übrigen eine kräftezehrende Angelegenheit ist. Für lange Zeit so gut wie bewegungslos und vornübergebeugt die Fäden zu halten: das ist kein Spaß. Großes Lob also für das Licht (Margit Schorr) und die beiden Strippenhalterinnen Maria Sebald und Monika Einwag. Die Spielerinnen spielen hier, im wahrsten Sinn des Wortes, keine Rollen, sondern Positionen, indem sie jeweils eine Seite der Bühne besetzen und sich die kleinen Personen bei Gelegenheit reichen. Zwei Damen für einen immerhin aus jeweils sechs Personen bestehenden, auf mehrere Schienen gestellten Minichor und ein paar Solisten! Maria Sebald ist inzwischen die Prinzipalin des Theaters, als solche Spielerin, Malerin und Ausstatterin in einer Person. Zusammen schaffen sie ein wenig die „Illusion einer großen Operninszenierung“. „Die stimmig durchkonstruierten Perspektiven der Kulissen“, so lesen wir auf der Homepage, „führen zu der immer wieder überraschenden Wirkung, dass der Zuschauer, im Dunkel des Saals durch nichts abgelenkt, sich wie in einem großen Theater sitzend wähnt.“ Dem Opernfreund fehlt eigentlich nur das Glück, ein komplettes Holländer-Senta-Duett zu hören. Hier hat man, was angesichts der spezifischen, also eh schon ruhigen Marionettendramaturgie Sinn macht, auf den kontemplativen Teil des Duetts verzichtet. Es wird nicht gezappelt, sondern ruhig agiert – Feinde des sog. Regietheaters könnten in dem auf pure Romantik angelegten Stil der Aufführung den Rettungsanker sehen, denn das Bild ist, satzungsgemäß nach den Statuten des Theatervereins, so historisch wie das Theater (wie gesagt: von 1821) und das Haus selbst. Nur, dass die Gebärden auf den Bühnen der Wagnerzeit wesentlich größer waren als die der kleinen Herrschaften.

Unglaublich: Erik sieht tatsächlich wie ein Jäger aus, Daland wie ein Kapitän (mit drei Streifen), die Seeleute wie Seeleute, das Gespensterschiff mit seinen roten zerrissenen Segeln wie ein Gespensterschiff, die Spinnstube wie eine Spinnstube, die blonde Maid wie ein junges Mädchen und der uralte Holländer – wie ein uralter Holländer, ohne dass er doch wie ein Zitat wirkte. Der bleiche Mann ist die komplexeste Figur: versehen mit mehr Fäden als jede andere Figur, kann er den Kopf senken und heben, auf dass er im Gebet seines Monologs zum violett erleuchteten Himmel schauen kann. Die Nebel wallen zu Beginn des Dramas durch die Bucht von Sandwike, das Gespensterschiff flackert in die plötzlich einbrechende Finsternis des Matrosenfests, es schaukelt sich endlich in den Grund der Bühne, und der Schluss ist tatsächlich so, wie ihn sich Wagner vorgestellt hat: Senta und der Holländer in der Verklärung, zwei Schemen Hand in Hand, in den dunkelblauen Wolken schön verschimmernd.

Auf der Marionettenbühne funktioniert diese Ästhetik tatsächlich sehr gut, und dies auch, weil Klaus Loose 2005 eine Aufnahme der Oper ausgewählt hat, die uns Wagners Oper unfassbar verständlich macht. Die gut ausgesteuerte Tonanlage gibt eine Aufnahme aus dem Jahre 1959 wieder. Man kann sie nur als vorbildlich bezeichnen, denn soviel Wortverständlichkeit war selten. Unter Franz Konwitschny hat damals eine grandiose Riege von Sängern vor den Mikrofonen gestanden: Fischer-Dieskau, Frick, Schock, Wunderlich, Wagner (Sieglinde!) als Mary und schließlich Marianne Schech als Senta. Was für eine Besetzung! Was für eine Klarheit, Stimmschönheit und Artikulationskunst, die sämtliche mögliche Übertitel überflüssig macht. Dass das Orchester der Berliner Staatsoper damals nicht mit einem lackierten Schönklang, sondern die Partitur etwas rauer anging, passte schon zum Stück, das mit der Elementarkraft seiner Ouvertüre in die Welt der „romantischen“ Oper einbrach. Hier sehen wir zur Ouvertüre einen Prospekt, der ganz maritim ist: ein Schiff auf hohen Wogen, Sturmstimmung, Wasserwildnis. Mit einem Wort: Identisch mit der „Gebärde“ des Orchesters.

Historisches Theater, abhold allen mehr oder weniger passenden Neu- und Umdeutungen? Natürlich – und es kann sehr sehr schön sein, zumal in der anheimelnden Atmosphäre des Staubschen Hauses. Richard Wagner hätte es geliebt.

 

Frank Piontek, 28.1.2018

Fotos: ©Frank Piontek

 

Infos unter http://www.bamberger-marionettentheater.de/

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de