DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Premiere: 2005

Besuchte Vorstellung: 27.1.2018

Großes Theater auf kleiner Bühne

Die Leidenschaft begann schon früh: „Ich beabsichtigte, die Meinigen durch eine glänzende Aufführung auf diesem Theater zu überraschen. Nachdem ich mir mit größtem Ungeschick verschiedene Puppen geschnitzt, für ihre Kleidung durch Verfertigung von Kostümen aus heimlich entwendeten Kleiderlappen meiner Schwestern notdürftig gesorgt hatte, ging ich auch an die Abfassung eines Ritterstückes, dessen Rollen ich meinen Puppen einstudieren wollte. Als ich die erste Szene entworfen hatte, entdeckten meine Schwestern das Manuskript und gaben es unmäßigem Gelächter preis: die eine Phrase der geängstigten Liebhaberin, `ich höre schon den Ritter trabsen´, ist mir lange zu meinem größten Ärger mit Pathos vorrezitiert worden.“

Der dies in seinen Lebenserinnerungen schrieb, komponierte später für seinen Siegfried eine Kampfszene, die nicht nur Thomas Mann an den Kampf des Kasperls mit dem Krokodil erinnerte. Richard Wagner hatte, das sollte deutlich geworden sein, eine tiefe Affinität zum Puppentheater. Oper und Marionettentheater – der Opernfreund weiß, dass die beiden Gattungen gut zusammenpassen. Doch nicht nur in Salzburg und Wien kommen Opern (und sogar Ballette) auf die kleine Bühne. In Bayreuth verfilmte das inzwischen selig entschlummerte Wolle-Würfel-Figurentheater 1989 den „Ring“, später folgte das „Operla“ mit einem sehr kurzen „Tannhäuser“. Im Jahre 2005 kam am Bamberger Marionettentheater eine Produktion des „Fliegenden Holländer“ heraus. Mit dem (ehrenwerten)„Kasperltheater“ sind alle diese Produktionen nicht vergleichbar. Im Gegenteil: In Bamberg legt man größten Wert auf die Natürlichkeit der Bewegungen. Wie Wagner schon in „Oper und Drama“ schrieb: „Die Gebärde des Leibes, wie sie sich in der bedeutungsvollen Bewegung der ausdrucksfähigsten Glieder und endlich der Gesichtsmienen als von einer inneren Empfindung bestimmt kundgibt, ist insofern ein vollkommen Unaussprechliches, als die Sprache sie nur zu schildern, zu deuten vermag, während eben nur jene Glieder oder jene Mienen sie wirklich aussprechen konnten.“ Die Zuschauer des Bamberger Marionettentheaters sollen schon einmal gesehen haben, wie sich die Lippen der Protagonisten bewegen – dies ist ist natürlich unmöglich, aber es zeigt, wie realistisch die „Gebärden“ der kleinen, nur 17 Zentimeter hohen Persönchen anmuten.

Man hat tatsächlich nach längstens 20 Minuten fast vergessen, dass man sich nicht in einem großen Opern-, sondern in einem kleinen Marionettenhaus befindet. Sogar das Orchester fehlt nicht… auch wenn es nach der Ouvertüre im Dunkel verschwindet. Der Gründer des Theaters, Klaus Loose, hat seine Bühne 1986 in die Regnitzstadt gebracht, wo es seitdem im Staubschen Haus Groß und Klein erfreut. „Der fliegende Holländer“ war nicht die erste Opernproduktion. Ein Dauerbrenner war und ist die „Zauberflöte“, daneben werden der Freischütz und Hänsel & Gretel an Strippen über die kleine Bühne gezogen, die im Jahre 1821 gebaut wurde. Das Programm des Bamberger Marionettentheaters orientiert sich an den Räumen des alten, mit allerlei historischem Spielzeug, Puppen und Tapeten äußerst liebevoll eingerichteten Hauses und an der Tradition der Stadt Bamberg. Man spielt „romantisches“ Theater auf jenen Brettern, die vor bald 200 Jahren als Papiertheater die Welt eroberten (in Mering bei Augsburg kann man übrigens immer noch ein Papiertheater besuchen, das neben der „Zauberflöte“ den „Holländer“ spielt). Nur die Technik ist, wenigstens zum Teil, modern. Wer die Summe liest, die eine LED-Anlage gekostet hat, ahnt, dass nicht nur viel ehrenamtliche Zeit, sondern auch viel Geld (und Liebe) in diesem hochkulturellen Unternehmen stecken.

Nun also, nach der Premiere vor 12 Jahren, die die letzte inszenatorische Tat des verschiedenen Direktors war, der Besuch einer Repertoireaufführung von Wagners Meeresoper. Nur zwei Spielerinnen und eine Beleuchterin „schieben“ die Vorstellung, die im übrigen eine kräftezehrende Angelegenheit ist. Für lange Zeit so gut wie bewegungslos und vornübergebeugt die Fäden zu halten: das ist kein Spaß. Großes Lob also für das Licht (Margit Schorr) und die beiden Strippenhalterinnen Maria Sebald und Monika Einwag. Die Spielerinnen spielen hier, im wahrsten Sinn des Wortes, keine Rollen, sondern Positionen, indem sie jeweils eine Seite der Bühne besetzen und sich die kleinen Personen bei Gelegenheit reichen. Zwei Damen für einen immerhin aus jeweils sechs Personen bestehenden, auf mehrere Schienen gestellten Minichor und ein paar Solisten! Maria Sebald ist inzwischen die Prinzipalin des Theaters, als solche Spielerin, Malerin und Ausstatterin in einer Person. Zusammen schaffen sie ein wenig die „Illusion einer großen Operninszenierung“. „Die stimmig durchkonstruierten Perspektiven der Kulissen“, so lesen wir auf der Homepage, „führen zu der immer wieder überraschenden Wirkung, dass der Zuschauer, im Dunkel des Saals durch nichts abgelenkt, sich wie in einem großen Theater sitzend wähnt.“ Dem Opernfreund fehlt eigentlich nur das Glück, ein komplettes Holländer-Senta-Duett zu hören. Hier hat man, was angesichts der spezifischen, also eh schon ruhigen Marionettendramaturgie Sinn macht, auf den kontemplativen Teil des Duetts verzichtet. Es wird nicht gezappelt, sondern ruhig agiert – Feinde des sog. Regietheaters könnten in dem auf pure Romantik angelegten Stil der Aufführung den Rettungsanker sehen, denn das Bild ist, satzungsgemäß nach den Statuten des Theatervereins, so historisch wie das Theater (wie gesagt: von 1821) und das Haus selbst. Nur, dass die Gebärden auf den Bühnen der Wagnerzeit wesentlich größer waren als die der kleinen Herrschaften.

Unglaublich: Erik sieht tatsächlich wie ein Jäger aus, Daland wie ein Kapitän (mit drei Streifen), die Seeleute wie Seeleute, das Gespensterschiff mit seinen roten zerrissenen Segeln wie ein Gespensterschiff, die Spinnstube wie eine Spinnstube, die blonde Maid wie ein junges Mädchen und der uralte Holländer – wie ein uralter Holländer, ohne dass er doch wie ein Zitat wirkte. Der bleiche Mann ist die komplexeste Figur: versehen mit mehr Fäden als jede andere Figur, kann er den Kopf senken und heben, auf dass er im Gebet seines Monologs zum violett erleuchteten Himmel schauen kann. Die Nebel wallen zu Beginn des Dramas durch die Bucht von Sandwike, das Gespensterschiff flackert in die plötzlich einbrechende Finsternis des Matrosenfests, es schaukelt sich endlich in den Grund der Bühne, und der Schluss ist tatsächlich so, wie ihn sich Wagner vorgestellt hat: Senta und der Holländer in der Verklärung, zwei Schemen Hand in Hand, in den dunkelblauen Wolken schön verschimmernd.

Auf der Marionettenbühne funktioniert diese Ästhetik tatsächlich sehr gut, und dies auch, weil Klaus Loose 2005 eine Aufnahme der Oper ausgewählt hat, die uns Wagners Oper unfassbar verständlich macht. Die gut ausgesteuerte Tonanlage gibt eine Aufnahme aus dem Jahre 1959 wieder. Man kann sie nur als vorbildlich bezeichnen, denn soviel Wortverständlichkeit war selten. Unter Franz Konwitschny hat damals eine grandiose Riege von Sängern vor den Mikrofonen gestanden: Fischer-Dieskau, Frick, Schock, Wunderlich, Wagner (Sieglinde!) als Mary und schließlich Marianne Schech als Senta. Was für eine Besetzung! Was für eine Klarheit, Stimmschönheit und Artikulationskunst, die sämtliche mögliche Übertitel überflüssig macht. Dass das Orchester der Berliner Staatsoper damals nicht mit einem lackierten Schönklang, sondern die Partitur etwas rauer anging, passte schon zum Stück, das mit der Elementarkraft seiner Ouvertüre in die Welt der „romantischen“ Oper einbrach. Hier sehen wir zur Ouvertüre einen Prospekt, der ganz maritim ist: ein Schiff auf hohen Wogen, Sturmstimmung, Wasserwildnis. Mit einem Wort: Identisch mit der „Gebärde“ des Orchesters.

Historisches Theater, abhold allen mehr oder weniger passenden Neu- und Umdeutungen? Natürlich – und es kann sehr sehr schön sein, zumal in der anheimelnden Atmosphäre des Staubschen Hauses. Richard Wagner hätte es geliebt.

 

Frank Piontek, 28.1.2018

Fotos: ©Frank Piontek

 

Infos unter http://www.bamberger-marionettentheater.de/

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de