DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Adriana Lecouvreur

Premiere: 14.05.2022

Wunderbare Stimmen

Anfang März hat die Deutsche Oper am Rhein auf Grund des Krieges in der Ukraine beschlossen die geplante Neuinszenierung von „Andrea Chénier“ vorerst auf Eis zu legen. Für die Inszenierung war mit Dmitry Bertman der Intendant der Moskauer Helikon-Oper vorgesehen. Bei der Absage betonte man ausdrücklich, dass man „die Zusammenarbeit mit einer offiziellen Kulturinstitution des russischen Staates“ vorerst pausiert und sich die Spielplanänderung nicht gegen den Künstler Dmitry Bertman richtet. Ob dieses Vorgehen nun gerechtfertigt oder voreilig war, mag sicher diskussionswürdig sein. Doch dies soll an dieser Stelle auch nicht weiter thematisiert werden, denn als kurzfristiger Ersatz wurde Francesco Cileas große Oper „Adriana Lecouvreur“ präsentiert, die in der Inszenierung von Gianluca Falaschi erst zu Saisonbeginn am Staatstheater Mainz ihre Premiere feierte. Und dieser „Ersatz“ kann sich wahrlich sehen und vor allem hören lassen.
 

„Norma Desmond trifft auf die große Oper“ hat Opernfreund-Kollege Jochen Rüth seinerzeit zur Premiere in Mainz geschrieben und in der Tat sind die Bezüge zum bekannten Film und Musical „Sunset Boulevard“ nicht zu übersehen, denn Falaschi inszeniert die Geschichte als eine Art Huldigung an das Theater des vergangenen Jahrhunderts, die Welt des Broadway und die Hollywood-Filme zwischen 1930 und 1950, die oftmals vom Musical inspiriert wurden. Hierbei zeigt das Bühnenbild immer wieder Ansätze von Filmsets und im Hintergrund erkennt man eine Showtreppe, neben der rechts und links das Orchester untergebracht werden könnte - ganz wie in alten Musikrevuen. In Mainz war dies auch coronabedingt der Fall, in Düsseldorf erklingen die Düsseldorfer Symphoniker dagegen unter der musikalischen Leitung von Antonino Fogliani wie gewohnt aus dem Orchestergraben. Somit muten die unbenutzten Notenständer auf der Bühne teilweise etwas merkwürdig an, stören aber auch nicht wirklich. Neben Inszenierung und Bühnenbild stammen auch die prächtigen Kostüme von Falaschi, der hier ganz in seinem Element ist und viel Prunk und Glamour auf die Bühne bringt. Eine großartige Leistung und ein Name, den man sich durchaus merken sollte, auch wenn sich beim Publikum am Ende neben lautem Jubel auch vereinzelte Buh-Rufe bemerkbar machten, die für mich persönlich in der Form unverständlich waren. Vielleicht lag es daran, dass die relativ komplexe Geschichte, das Programmheft widmet der Zusammenfassung ganze drei Seiten, nicht jedem Zuschauer allein durch die Personenführung komplett zugänglich war. Im ersten Akt wirkt vieles wie eine typische Operettenhandlung in Opernform, doch spätestens mit Ende des zweiten Aktes übernehmen die Intrigen und Eifersüchteleien und das Drama nimmt seinen Lauf. Vielleicht lag es aber auch daran, dass Darsteller die gerade nicht singen durften, hin und wieder teilnahmslos herumstanden. Am auffälligsten war dies im Schlussbild, bei dem Regisseur Maurizio in den Todeskampf seiner geliebten Adrina nicht wirklich eingreift. Dies könnte man sicherlich besser lösen, aber ob dies schon für ein Buhen statt eines leisen Applaus ausreicht, erscheint zumindest fraglich.
 

Sei es drum, gesanglich kann die Düsseldorfer Inszenierung auf jeden Fall glänzen, was auch das begeisterte Premierenpublikum mit langem Beifall einhellig würdigte. In der sicherlich nicht einfachen Titelpartie der Adriana Lecouvreur weiß Liana Aleksanyan zu überzeugen, die sowohl die leidenschaftlichen wie auch die ruhigen Momente gekonnt ausgestaltet und einen großen Anteil daran hat, dass man in Düsseldorf mal wieder einen gesanglich herausragende Opernabend erleben darf. Dies gilt in gleichem Maße für Alexey Zelenkov, der aus der differenzierten Partie des Regisseurs Michonnet herausholt was möglich ist. Als Maurizio gibt Sergey Polyakov den strahlenden Tenor, während sich Ramona Zaharia als Fürstin von Bouillon mit ihrem gut eingesetzten Mezzosopran wohltuend von ihrer Rivalin absetzt und hierbei gleichzeitig immer wieder die finsteren Seiten dieser Figur eindrucksvoll auf die Bühne bringt. Auch die weiteren Figuren sind stark besetzt, so dass dieser Opernabend musikalisch eine große Wirkung entfalten kann. Abgerundet wird der gelungene Opernabend durch einen starken Chor unter der Leitung von Patrick Francis Chestnut.

Markus Lamers, 16.05.2022
Bilder: © Hans Jörg Michel

 


 

Orpheus in der Unterwelt

Premiere in Düsseldorf am 11.03.2022

Düsseldorf im Offenbachrausch

TRAILER

Die Deutsche Oper im Rhein bringt nun nach mehrfacher Corona-bedingter Verzögerung endlich ihren neuen „Orpheus in der Unterwelt“ auf die Bühne, eine Produktion, die bereits an der Komischen Oper Berlin und bei den Salzburger Festspielen – zurecht! - für Furore sorgte. Barrie Kosky zeichnet für diese furiose Inszenierung verantwortlich und zieht gekonnt alle Register, die es für einen gelungen Offenbach braucht: Feinsinn, Humor und eine Prise Derbheit. Bühnenbildner Rufus Didwiszus hat hierfür ein vermeintlich einfaches, aber doch raffiniertes Bühnenbild gebaut. Ein schwülstiges, aber in die Jahre gekommenes Bühnenportal, gemalte Prospekte und ein edles, fahrbares großes Sofa als Olymp sind die Versatzstücke, die dem Abend einen szenischen Rahmen geben und eine perfekte Leinwand für die bemerkenswerten Kostüme von Victoria Behr sind. Viel Farbe, Mut zu ausladenden Formen und vor allen Dingen jede Menge Glitzer – das sind die Kennzeichen dieses Kostümbildes, das die Protagonisten unglaublich raffiniert und phantasievoll einkleidet. Dabei sorgt der ein oder andere glitzernde Penis für eine amüsante frivol-erotische Note und beim Publikum für einen Lacher.

 

 

In dieser Produktion ist Eurydike, die in die machomäßige Konkurrenz zwischen Pluto und Jupiter gerät, eine starke, emanzipierte Frau, die aus dem Grau des Ehealltags in der frivolen Hölle letztlich so etwas wie eine sexuelle Befreiung erfährt. Zwischen den Attitüden der sie angebeteten Männern zunächst noch hin und herschwankend, sieht man letztlich, wie sie selbst „der Mann im Haus“ wird und sie sich gegen eine patriarchalisch dominierende Männerwelt durchsetzt und ihr eigenes Ding macht. Was hier theoretisch, ja fast politisch klingen mag, kommt aber zu keinem Zeitpunkt mit erhobenem Zeigefinger daher. Im Gegenteil. Die Düsseldorfer Produktion ist eine zutiefst sinnliche und opulente, dem Revuehaften verschriebene Produktion. Leichtigkeit, Witz und Charme stehen an erster Stelle!

 

 

Einem Conférencier gleich führt Schauspier Max Hopp als John Styx durch den gesamten Abend. Dabei ist er weniger Moderator, sondern die Stimme aller (sic!) Darsteller, kurz: Er spricht alle Monologe. Was sich vielleicht hier unvorstellbar liest, ist auf der Bühne eine großer Spaß. Hopp beeindruckt mit wechselnden Stimmen zwischen den Protagonisten, slapstickhaften Geräuschen, Kommentaren und liefert ein so charmantes, wie total überdrehtes Portrait des Styx ab, wie man es vermutlich noch nie gesehen hat. Was für eine beachtliche schauspielerische Leistung!

 

 

Das Düsseldorfer Ensemble wirft sich mit viel Spielfreue und einem irrwitzigen Tempo in die Nummer: Elena Sancho Pereg ist eine wunderbare Eurydike, die mit ihrem feinen Sopran der Offenbachschen Musik absolut gerecht wird und energiegeladen der Männerwelt die Köpfe verdreht. Urkomisch und stimmlich absolut solide zeichnen Florian Simson als affektierter Pluto und Peter Bording als Göttervater Jupiter (mit leichten Tendenzen in Richtung Pantoffelheld) sehens- und hörenswerte Rollenportraits. Als Orphée überzeugt Andrés Sulbaran mit strahlendem Tenor. Besonders positiv fällt Romana Noack als exzellenter Cupido auf. Klangschön und ein fein nuanciert, mit sattem Klang und enormem szenischem Verve legt sie diese überschaubare, aber nicht unwichtige Partie an. Als öffentliche Meinung mit gouvernantenhafter Attitüde weiß Susan Maclean zu überzeugen. Auch die weiteren, kleineren Götterpartien sind durch die Bank hervorragend besetzt. Der unter Patrick Francis Chestnut einstudierte Chor meistert seinen Part bravourös. Besonders zu erwähnen ist das Tanzensemble, das diesem Abend noch einmal ein ganz besonderes Leben einhaucht. In teils schrillen Kostümen bringen die jeweils fünf Damen und Herren eine enorme Dynamik auf die Bühne. Otto Pichler zeichnet hier für teils unglaublich witzige und anspruchsvolle Choreographien verantwortlich, in die sich das Ensemble mit viel Energie und Spaß hineinwirft.  

 

 

Im Graben muszieren die Düsseldorfer Symphoniker einen feinen Offenbach. Man mag bei den ersten Tönen des Vorspiels fast an Mozart denken, so getupft und zart klingt es aus dem Graben. Adrien Perruchon, der kurzfristig eingesprungen ist, die Produktion aber sehr wohl aus Berlin kennt, greift erst in den großen Szenen des zweiten Aktes kraftvoll zu, bleibt davor doch immer wieder etwas verhalten. Gerade im ersten Akt kommt es zu kleinen Wacklern zwischen Graben und Bühne, die aber schnell wieder behoben sind. Perruchon treibt die Musiker aber teilweise auch mit rasanten Tempi an, die stellenweise schon zu flott klingen und Sänger es in den perlenden Couplets und Arien nicht immer leicht haben überhaupt noch Luft zu holen. Aber letztendlich ist das Tempo auch immer wieder das, was diesen Abend so leicht und unbeschwert macht. Ansonsten klingt es wunderbar aus dem Graben, fein nuanciert, ausgewogen im Klang präsentiert sich ein glänzend aufspielendes Orchester.

 

 

Der Rheinoper ist mit diesem Abend ein unglaublich unterhaltsamer Coup gelungen. Selten hat man Offenbachs Klassiker so witzig, so charmant und so einzigartig erlebt. Barrie Kosky und sein Team hinter und auf der Bühne entfesseln einen rauschhaften Operettenabend, der trotz vordergründiger Leichtigkeit auch seine Tiefen hat. Unterm Strich ist dieser „Orphée“ eine mitreißende, rauschhafte Revue. Das Düsseldorfer Publikum reißt es mit den letzten Tönen von den Stühlen und es zollt allen Beteiligten minutenlangen phrenetischen Beifall.

 

Sebastian Jacobs, 15.3.2022

Die Fotos stammen von Hans Jörg Michel

 

 

La clemenza di Tito

Premiere: 09.10.2021

 

Großartiger Mozart in durchwachsener Inszenierung

Bereits bis zur Generalprobe am 26. Februar 2021 fertig geprobt kam Mozarts letzte Opera seria nun im Düsseldorfer Opernhaus endlich zur Premiere. Mit „La clemenza di Tito“ schuf Mozart eine Oper, die von der Handlung rund um den über alle Maßen gnädigen Kaiser Tito relativ seicht vor sich hinplätschert. Kurz nach der Premiere am 06. September 1791 soll Graf Karl Johann Christian von Zinzendorf das Werk in seinem Tagebuch als ein „äußerst langweiliges Schauspiel“ bezeichnet haben. Dennoch konnte sich die Oper gerade in den letzten Jahrzehnten einen festen Platz im Opernrepertoire sichern, was sicherlich auch an der herausragenden Musik liegen dürfte.

Mit einigen sehr herausfordernden Rollen ist „La celmenza di Tito“ nicht einfach zu besetzen, der Deutsche Oper am Rhein gelang hier allerdings ein musikalisches Glanzwerk. Als Sesto (der in den Übertiteln im Übrigen immer als Sexto aufgeführt wird) glänzt die stimmlich brillante Maria Kataeva, der man die innere Zerrissenheit zwischen Loyalität dem Freund Tito gegenüber und der Abhängigkeit gegenüber der geliebten Vitellia stets abnimmt. Sarah Ferede gefällt in der Rolle der machthungrigen Vitellia, deren Reuegedanken allerdings vorlagenbedingt etwas sehr plötzlich und entsprechende unrealistisch erscheinen. Ein starkes Paar bilden auch Heidi Elisabeth Meier als Servilia und Anna Harvey als Annio, deren Duett „Ah perdona al primo afferto“ zu einem Highlight des Abends gehört.  In den beiden Männerrollen sind Jussi Myllys als Kaiser Tito und Torben Jürgens als Prätorianer-Hauptmann Publio zu erleben. Während Myllys mit seinem Tenor dem Kaiser großen Glanz verleiht, hinterlässt Torben Jürgens insbesondere im zweiten Akt mit seiner allgegenwärtigen Bühnenpräsenz einen bleibenden Eindruck. Hinzu gesellt sich der stimmgewaltige Opernchor unter der Leitung von Gerhard Michalski. Allzu lange ist es nun her, dass man eine Oper mit so wunderbaren Chorpartien live erleben durfte. Allein „Serbate, oh Dei custodi“, „Ah grazie si rendano“ oder das Schluss-Sextett mit Chor „Tu, è ver, m’assolvi Augusto“ lohnen den Besuch. Großen Anteil am Glanz der Musik hat auch die Dirigentin Marie Jacquot, die am Pult der Düsseldorfer Symphoniker das Orchester mit viel Gefühl und gutem Timing durch den Abend leitet. Einen besonderen Auftritt erhalten die Bassettklarinette und das Bassetthorn, die in Form eines inneren Dialoges zwischen Instrument und Sänger in die szenische Inszenierung eingearbeitet wurden. Eine gelungene Idee, der ansonsten in weiteren Teilen eher wenig in Erinnerung bleibenden Inszenierung von Michael Schulz, der die Oper in einem Einheitsbühnenbild (Dirk Becker) eines Palastvorraumes ansiedelt. Der brennende Palast am Ende des ersten Aktes wird gelungen dargestellt, indem Flammen und Qualm vor den Fenstern angedeutet werden, auch wenn das Feuer draußen schon wütet, während Sesto im Inneren noch seine Brandbeschleuniger zusammenbaut. Schön auch, wie zu Beginn des zweiten Aktes die Asche herabregnet. Ansonsten war es dies aber auch schon. Die Kostüme von Renée Listerdal sind nett anzusehen, das Kleid der Servilia ließe sich beispielsweise perfekt für eine Evita-Inszenierung weiterverwenden. Dennoch bleibt am Ende bezüglich der Inszenierung nur ein durchwachsener Eindruck. Es folgen einige Spoiler. Wer sich diese ersparen möchte, sollte den nächsten Absatz überspringen und erst nach dem dritten Bild weiterlesen.

Insbesondere im zweiten Akt ist schon zu erahnen, dass Publio durch die bereits erwähnte beobachtende Bühnenpräsenz in dieser Inszenierung eine gewichtige Rolle zugedacht wurde. Am Ende stellt sich heraus, dass es ihm offenbar obliegt, die dunklen Seiten der Regierungsarbeit zu erledigen, während sich der Kaiser gegenüber den Bürgen weiterhin stehts als gerecht, gütig und voller Mitgefühl präsentieren kann. So ist es durchaus nachvollziehbar, dass er im geänderten Schluss das Kommando zur Exekution von Sesto und Vitellia aber auch Annio und Servilia (die offenbar als Mitwisser als gefährlich angesehen werden) erteilt. Auch wenn das Ende Mozarts Vorlage bis dahin auf den Kopf stellt, kommt es wenig überraschend. Vielleicht hätte man mit der Hinrichtung allerdings warten sollen, bis Tito den Raum verlassen hat, denn sicherlich ist er über die Vorgänge informiert, wahrscheinlich sogar der Auftraggeber, dennoch wirke es nicht stimmig, die vier Leute vor seinen Augen zu erschießen, nachdem er nur Minuten zuvor nach einem durchaus glaubwürdigen inneren Krieg mit sich selbst zu einem scheinbar anderen Ergebnis gekommen war. Eingestehen sollte man allerdings auch, dass es die Vorlage für den Regisseur nicht einfach macht, sich vom Loblied auf den Herrscher auch nur in Ansätzen zu distanzieren.

Am Ende bleibt ein Theaterabend, dessen musikalischer Teil vom anwesenden Premierenpublikum frenetisch gefeiert wird. Großer Applaus für die sechs Darsteller, den Chor und das Orchester. Beim Auftritt des Inszenierungsteams wurde der Applaus merklich leiser, einige lautere Buh-Rufe mischten sich zwischen den ansonsten dennoch weiterhin freundlich gestimmten Schlussapplaus für die Regiearbeit.

 

Markus Lamers, 10.10.2021
Fotos: © Bettina Stöß

 

Herzog Blaubarts Burg

Premiere: 10.09.2021

 

Tiefer Blick in eine verwundete Seele

 

Die Deutsche Oper am Rhein feierte am Freitag, 10. September 2021 die erste Opernpremiere der neuen Spielzeit. Hierbei hat man sich bei der Spielplangestaltung im Rahmen der Planungssicherheit für ein Stück entschieden, welches bei einer Spielzeit von rund 60 Minuten mit nur einer Sängerin, einem Sänger und einem nach wie vor notwendiger Weise reduziertem Orchester gespielt werden kann: Herzog Blaubarts Burg von Béla Bartók. Erweitert wurde die Besetzung um vier Darsteller und Darstellerinnen des Ballett-Ensembles und einem Statistenkind, die den Inhalt hinter den ersten fünf Türen der Burg bildlich auf die Bühne bringen. Vorab kurz zum Inhalt: Kurz vor ihrer geplanten Hochzeit verlässt Judith ihren Verlobten, um Herzog Blaubart auf seine Burg zu folgen. Sie hat zwar von den Gerüchten um einige seltsame Vorgänge auf der Burg gehört, möchte aber Licht in die Gemäuer ihres Geliebten bringen. In der Burg befinden sich sieben verschlossene Türen, die allesamt Türen zur Seele des Herzogs symbolisieren. Judith dringt zunehmend tiefer in die Geheimnisse der Burg und die Seele des Besitzers ein und ihre Neugierde lässt sich schlussendlich auch nicht von den eindringlichen Bitten und Warnungen des Herzogs stoppen.

 

Die Inszenierung und Choreographie des Abends hat der Ballettdirektor des Balletts am Rhein Demis Volpi übernommen, der zuvor schon an anderen Häusern als Opernregisseur in Erscheinung getreten ist. Geschickt lässt er den Zuschauer daran teilhaben was in den einzelnen Kammern zu sehen ist, im Originallibretto beschränken sich die Angaben darauf, dass Blaubart und Judith nur darüber sprechen was Judith hinter den jeweiligen Türen sieht. Volpi gelingt es hierbei gut, die tiefenpsychologische Grundausrichtung der Oper nicht zu sehr mit eigenen Bildern zu überfrachten. In der Folterkammer begegnet Judith einem Jungen mit sieben blauen Luftballons, wie sich im Laufe des Abends herausstellt, offenbar ein Blick in Blaubarts Seele aus Kindertagen, eine Zeit die der Herzog durchaus als Folter empfunden haben muss. Otto Jendrek setzt seine Choreographie hierbei mit großem Talent um. In der Waffenkammer folgt Evan L’Hirondelle als muskulöser Krieger mit einem kurzem aber im Gedächtnis bleibenden Auftritt. Futaba Ishizaki funkelt in der Schatzkammer hinter der dritten Türe wie ein Berg aus Gold, während Sara Giovenelli als verborgener Garten hinter der vierten Türe am ganzen Körper mit Blumen beschmückt ist. Erst hinter der fünften Türe ändert sich das bislang eher prächtige Kostümbild in eine kalte Winterlandschaft, in der Mariana Dias in Form einer Schneekönigin einen großen Eisberg auf die Bühne zieht. Hingucker sind die wunderbaren Kostüme von Carola Volles allesamt. Auch das beindruckende Bühnenbild von

Markus Meyer zählt zu den Highlights der Produktion, welches im sechsten und siebten Bild seine ganze Wirkung entfalten kann. Demis Volpi hat hier den Wechsel von Blaubarts Werben um Judith hin zu den tieferliegenden kalten Schichten seiner Seele gelungen auf die Bühne gebracht. Nicht so gut gelingt ihm diese Wendung bei der Personenführung, zum Teil wirken die Handlungen Judiths und Blaubarts ab diesem Moment nicht mehr so ganz passend zur bisher erzählten Geschichte und die Beweggründe bleiben zu sehr im Verborgenen. Doch zurück zum Bühnenbild, interessant hierbei auch, wie im sechsten Bild einer der Ballons aus der ersten Kammer zusammen mit einer Menge Schnee von der Decke schwebt. An ihm befestigt ist einer der Schlüssel und plötzlich zerplatzt der Ballon in Blaubarts Händen, eine Szene mit viel Deutungspotential, nicht ohne Grund waren es wohl auch genau sieben Ballons zu Beginn der Oper. Vom siebten Bild soll an dieser Stelle nicht zu viel verraten werden, würde dies doch zu viel der eindrucksvollen Vorstellung vorwegnehmen, klar ist aber, dass sich hinter dieser Türe die bisherigen Partnerinnen des Herzogs verbergen, die mehr tot als lebendig und in eisiger Kälte gefangen ihr Dasein fristen.

 

 

Gesanglich kommt der Oper, die in ungarischer Sprache mit deutschen Übertiteln aufgeführt wird, zugute, dass man mit Dorottya Láng eine Muttersprachlerin als Judith aufbieten kann, die in dieser Inszenierung als Gast ihr szenisches Debüt an der Oper am Rhein feiert. Ihr zur Seite steht mit dem Bass Bogdan Talos ein Blaubart, der die Rolle mit seiner dunklen Stimme ebenfalls prächtig ausfüllt. Darüber hinaus interpretiert er den psychopatischen Blaubart sehr eindrucksvoll, wie er immer wieder scheinbar unbeeindruckt von allem was um ihn herum passiert an seinem Burgmodell arbeitet. Beide Darsteller harmonieren zudem sehr gut zusammen, so dass die Stunde im Theater auch musikalisch auf hohem Niveau stattfindet. Hierzu tragen auch die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von GMD Axel Kober bei, die die von

Eberhard Kloke bearbeitete Partitur sehr atmosphärisch zu Gehör bringen. Auch wenn der Klang und die Fülle eines großes Orchester niemals ersetzt werden kann, passt die Bearbeitung mit deutlich weniger Streichern und einer stärkeren Betonung der Holzblasinstrumente recht gut zur gewählten Inszenierung, so dass der Abend trotz der vergleichsweise kurzen Dauer ein intensives Opernerlebnis bietet, bei dem man froh ist, dass das Werk nicht durch die Hinzunahme einer zweiten kurzen Oper verwässert wird. Das Premierenpublikum spendet langanhaltenden Applaus für alle Darsteller und das Inszenierungsteam, mit rund 10 Prozent im Verhältnis zur Spielzeit sicher auch ein selten erreichter Wert.

 

 

Wer zur Vorstellung etwas früher anreist, kann im Übrigen rund um das Opernhaus Düsseldorf auch die neue OpAR-App ausprobieren, eine Handy-App mit der digitale Inhalte in einer realen Umgebung sichtbar gemacht werden. An verschiedenen Stationen rund um die Düsseldorfer Oper, verfügbar übrigens auch am Theater Duisburg, können mit der App recht einfach QR-Codes gescannt werden, die dann verschiedene Einblicke in und um das Opernhaus liefern. Wer sich hierfür interessiert, sollte vor dem Theaterbesuch einen kurzen Blick auf die Homepage der Deutschen Oper am Rhein werfen, wo weitergehende Informationen zu diesem Projekt zu finden sind.

Markus Lamers, 11.09.2021


Fotos: © Ingo Schäfer

 

 

 

Tristan und Isolde

Premiere: 18. bis 20. Juni 2021

Besuchte Aufführung: 2. bis 4. Juni 2021

 

Ein Regisseur, der an der Deutschen Oper am Rhein „Tristan und Isolde“ inszeniert, tritt in große Fußstapfen. Jean-Pierre Ponnelle gab hier mit diesem Stück 1963 sein Debüt als Opernregisseur. 1975 folgte eine Produktion von Oberspielleiter Georg Reinhardt in den Bühnenbildern von Heinrich Wendel. Als Linda Watson 1998 ihre erste Isolde sang, versetzte Filmregisseur Werner Schroeter die Liebesgeschichte auf den Panzerkreuzer Potemkin. 2010 wurde für wenige Vorstellungen Claus Guths Züricher Produktion, die in der Villa Wesendonck verortet ist, in Düsseldorf gezeigt. Nun inszeniert Dorian Dreher, der am Haus eigentlich als Regieassistent arbeitet und dafür zuständig ist, die Produktionen von anderen Regisseuren im Repertoire frisch zu halten.
 

Als diese Inszenierung im Frühjahr 2020 geplant wurde, ging die Intendanz der Rheinoper davon aus, dass nur Stücke ohne Pause mit einer maximalen Spieldauer von 90 Minuten gezeigt werden können. Deshalb wird dieser „Tristan“, der schon im Dezember 2020 fertig geprobt wurde, auf drei Abende verteilt. Bei der Premiere sind diese Regeln aber schon veraltet. Düsseldorf spielt zurzeit auch einen dreistündigen „Barbier von Seviglia“ mit einer Pause, in München kommt der neue „Tristan“ mit Anja Harteros und Jonas Kaufmann am einem Abend heraus. Der stärkste Impuls dieser Produktion geht von der Musik aus. Der ehemalige Bochumer und Nürnberger GMD Eberhard Kloke hat nämlich eine spezielle Corona-Version erstellt, die auch von vielen kleinen Häusern gespielt werden könnte: Im Orchestergraben sitzen nur ungefähr 30 Musiker und stehen für Tristans Außenwelt. Ein Streichquartett, zu dem sich ein Englischhorn gesellt, ist auf der Bühne positioniert und repräsentiert Tristans Inneres. Wenn Markes Königshof in Form der Blechbläser erklingt, positionieren sich die Hörner, Trompeten und Posaunen auf der der Hinterbühne.
 

Trotz dieser kleinen Besetzung entsteht unter dem Dirigat von Rheinopern-GMD Axel Kober ein großartiger Klang. Das Kammerensemble auf der Bühne spielt meistens die Passagen, die sowieso im Piano stehen, was diese noch intimer und zarter werden lässt. Das Orchester im Graben klingt sehr durchsichtig, kann aber in den großen dramatischen leidenschaftlichen Momenten trotzdem groß aufspielen, so dass manchmal sogar die Gesangstimmen überdeckt werden. In solchen Momenten müsste Kober noch etwas feiner justieren. Das Gewebe der Motive wird hier sehr transparent aufgedeckt. Bläser und Streicher sind gut ausbalanciert und es gibt, abgesehen vom Cello-Solo zu Brangänes Reisebeschreibung, nur wenige Momente, in denen sich einzelne Stimmen übertrieben in den Vordergrund drängen.
 

Im „Making of“-Video kündigt GMD Axel Kober an, dass ein ungekürzter „Tristan“ gespielt wird. Tatsächlich folgt die Rheinoper aber der Unsitte, die sonst an mittleren und kleinen Häusern praktiziert wird, dass im Liebesduett im 2. Akt das „Tag-Nacht-Gespräch“ gestrichen wird. Bei erfahrenen Interpreten wie Linda Watson und Michael Weinius in den Titelrollen überrascht diese Methode. Linda Watson singt hier, darf man dem „Making of“ glauben, ihre letzte Isolde. Auch nach 23 Jahren in dieser Rolle verfügt sie über eine große und energiegeladene Stimme. Lediglich in den Spitzentönen schleichen sich manchmal Schärfen ein. Watson gestaltet den Text sehr sorgfältig und zeigt in den leiseren Abschnitten auch viele Nuancen und Zwischentöne. Das gilt auch für Michael Weinius, dessen Stimme in den großen Ausbrüchen jedoch ausbleicht. Mit vollem und farbenreichem Mezzo singt Sarah Ferede die Brangäne. Ihre Nachtgesänge im 2. Akt sind von vollendeter Schönheit. Wenn Ferede, die sich auch schon erfolgreich als Sieglinde präsentiert hat, so weitermacht, könnte sie die nächste Isolde der Rheinoper werden. Einen kultivierten und kräftigen Kurwenal singt Richard Sveda. Trotz der Größe der Stimme hat er im 3. Akt mit dem Orchester zu kämpfen. Immer noch eine stimmliche Sensation ist Hans-Peter König als Marke. Der Bassist singt zwar schon seit über 20 Jahren im Wagner-Fach, klingt aber vollkommen unverbraucht. Mit welcher Stimmschönheit und Klugheit König seine Partie interpretiert ist einfach zum Niederknien. Ein gelungener Einfall der Regie ist, dass Andreas Boege am Englisch Horn auch szenisch zu einem Alter Ego Tristans wird und in einigen Momenten Darsteller wird, wie man es aus Inszenierungen Peter Konwitschnys kennt, wo Orchestermusiker mit den Sängern interagieren. Problematisch ist aber, dass das Streichquartett nur auf der Bühne sitzt und hinter den Notenpulten spielt. Sinnvoller wäre gewesen, diese Musiker hinter einem Vorhang spielen zu lassen, damit sie genauso unsichtbar werden wie das Orchester. Berührend ist es, wenn Tristan Isolde im Liebesduett des 2. Aktes aus der Marke-Welt auf die Vorderbühne zu „seinem“ Streichquartett führt. Eine starke Szene ist das Finale, wenn 18 weitere Musikerinnen die Bühne betreten und Linda Watson auswendig begleiten. Da gehen Musik und Szene Hand in Hand, lassen nicht nur großartige Musik, sondern auch ein starkes Bild entstehen.
 

Ansonsten vermisst man bei dieser Inszenierung ein schlüssiges inszenatorisches und optisches Konzept: Im ersten Akt wird das Schiff nur angedeutet: Auf der ebenen Bühne befindet sich eine Treppe, die auf die untere Etage eines Podestes führt. Dort wird die Schiffskabine mit ein paar Tüchern bloß markiert. Der zweite Akt ist optisch am konzentriertesten: Bühnenbildnerin Heike Scheele hat hier einen langgezogenen Raum mit Tisch entworfen, wo sich Tristan und Isolde treffen. Im dritten Akt sitzt Tristan trauernd an der Theke einer Cocktailbar. Die Wunde an der er leidet, ist der Verlust Isoldes, so steht es wenigstens im Programmheft. Im Hintergrund sieht man aber Kurwenal und den Hirten, der hier ein Arzt ist, wie sie sich in einem Paralleluniversum um den verwundeten Tristan auf der Intensivstation kümmern. Über weite Strecken sieht es so aus, als ob Regisseur Dorian Dreher den SängerInnen freie Hand gelassen hätte. Bei einem Haus mit dem Niveau der Deutschen Oper am Rhein hätte man sich gewünscht, dass eine Neuproduktion von „Tristan und Isolde“ nicht nur ein musikalisch erstklassig geboten, sondern auch in einer durchdachten Form auf die Bühne gebracht wird.
 

In der Saison 2021/22 soll diese Produktion noch dreimal im Duisburger Haus der Rheinoper gespielt werden (31. Oktober, 06. und 14. November), sofern die herbstlichen Inzidenzwerte nicht zu einer erneuten Schließung der Theater führen. Dann sollen Alexandra Petersamer und Daniel Frank das titelgebende Liebespaar singen.

 

Rudolf Hermes, 9.7.2021

 
 

Deutsche Oper am Rhein veröffentlicht das Programm der Spielzeit 2021/22

 

Voller Vorfreude und Optimismus blickt die Deutsche Oper am Rhein auf die neue Spielzeit und hofft, diese ohne erneute pandemiebedingte Unterbrechungen und mit zunehmend weniger Einschränkungen gestalten zu können. Ab Anfang September sind rund 260 Opern- und Ballett-Vorstellungen auf den beiden großen Bühnen im Opernhaus Düsseldorf und im Theater Duisburg angesetzt. Insgesamt stehen Premieren von elf Opern- und sieben Ballettproduktionen auf dem Spielplan, dazu gesellen sich zwölf Werke aus dem Opernrepertoire sowie Gala-, Sonder- und Familienveranstaltungen. Eröffnet wird die neue Saison direkt mit einem Highlight. In einer spartenübergreifenden Produktion von Oper und Ballett kommt Béla Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ in einer Inszenierung von Ballettdirektor Demis Volpi am 10.09.2021 in Düsseldorf zur Premiere. Generalmusikdirektor Axel Kober dirigiert hierbei die Düsseldorfer Symphoniker. Im Verlaufe der Spielzeit wird dann u. a. Richard Wagners „Tristan und Isolde“ in Duisburg an einem Abend zu erleben sein, aktuell wird die Produktion in Düsseldorf noch auf drei Abende verteilt. Weitere Highlights sind die szenische Umsetzung von Johann Sebastian Bachs „Weihnachtsoratorium“ und die Operette „Orpheus in der Unterwelt“, die als Koproduktion mit den Salzburger Festspielen und der Komischen Oper Berlin in der Inszenierung von Barrie Kosky in Düsseldorf zu sehen sein wird. Auch die anderen Produktionen können mit hochkarätigen Darstellern und Inszenierungsteams punkten. Winterzeit ist Märchenzeit, das Ballett am Rhein bringt hierzu mit „Der Nussknacker“ das Ballett-Wintermärchen par excellence auf die Bühnen in Düsseldorf und Duisburg. Demis Volpi interpretierte den Stoff 2016 in Antwerpen als vielschichtiges Coming of Age-Ballett, in dem ein Nussknacker zum Menschen wird und ein Mädchen zur jungen Frau. Nachfolgend alle Premieren der Spielzeit 2021/22 in der Übersicht:

 

 

PREMIEREN OPER

 

Herzog Blaubarts Burg

Béla Bartók

10.09.2021 - 02.10.2021 - Opernhaus Düsseldorf

 

Meister Pedros Puppenspiel

Manuel de Falla

24.09.2021 - 19.11.2021 - Opernhaus Düsseldorf

17.10.2021 - 24.11.2021 - Theater Duisburg

 

Masel Tov! Wir gratulieren!

Mieczysław Weinberg

25.09.2021 - 25.11.2021 - Theater Duisburg

 

La Clemenza di Tito

Wolfgang Amadeus Mozart

09.10.2021 - 29.12.2021 - Opernhaus Düsseldorf

 

Tristan und Isolde

Richard Wagner

31.10.2021 - 14.11.2021 - Theater Duisburg

 

Weihnachtsoratorium

Johann Sebastian Bach

11.12.2021 - 22.01.2022 - Opernhaus Düsseldorf

 

Orpheus in der Unterwelt

Jacques Offenbach

19.02.2022 - 20.03.2022 - Opernhaus Düsseldorf

 

Katja Kabanova

Leoš Janáček

05.03.2022 - 28.03.2022 - Theater Duisburg

 

Der Kaiser von Atlantis

Viktor Ullmann

12.05.2022 - 11.06.2022 - Theater Duisburg

 

Andrea Chénier

Umberto Giordano

14.05.2022 - 05.06.2022 - Opernhaus Düsseldorf

 

Macbeth

Giuseppe Verdi

12.06.2022 - 26.06.2022 - Theater Duisburg

 


PREMIEREN BALLETT

 

Come In

Ballettabend mit Choreographien von Twyla Tharp und Aszure Barton

26.09.2021 - 12.12.2021 - Opernhaus Düsseldorf

12.02.2022 - 06.03.2022 - Theater Duisburg

 

Geschlossene Spiele

Ein Ballett von Demis Volpi nach einem Schauspiel von Julio Cortázar

01.10.2021 - 24.06.2022 - Opernhaus Düsseldorf

 

Der Nussknacker

Ballett in zwei Akten von Demis Volpi in Zusammenarbeit mit jungen Choreograph*innen

23.10.2021 - 24.02.2022 - Opernhaus Düsseldorf

17.12.2021 - 23.01.2022 - Theater Duisburg

 

Ad Absurdum

Ballettabend mit Choreographien von Flemmung Flindt und Andrey Kaydanovskiy nach Eugene Ionesco

17.11.2021 - 16.01.2022 - Theater Duisburg

 

I am a Problem

Ballettabend mit Choreographien von Roland Petit und Aszure Barton

28.01.2022 - 06.05.2022 - Opernhaus Düsseldorf

 

One and Others

Ballettabend mit Choreographien von Christopher Wheeldon, Demis Volpi und Sharon Eyal

02.04.2022 - 27.05.2022 - Opernhaus Düsseldorf

30.04.2022 - 26.05.2022 - Theater Duisburg

 

Vier neue Temperamente

Ballettabend mit einer Choreographie von George Balanchine und vier Neukreationen

03.06.2022 - 15.06.2022 - Opernhaus Düsseldorf

 

 

 

Das komplette Spielzeitheft steht auf der Homepage der Deutschen Oper am Rhein zur Bestellung oder Download bereit. Zu finden sind dort auch wieder ausführliche Informationen zu den verschiedenen Produktionen samt aller geplanten Wiederaufnahmen. Ebenfalls findet man dort ein interessantes Rückblick-Journal mit dem Titel „Alles bleibt anders“, hier lohnt sich für jeden Opernfreund der Blick in dieses gelungene Magazin.

Markus Lamers, 01.07.2021

Foto: © Andreas Endermann

 

 

 

Il Barbiere di Siviglia

Premiere: 11.06.2021, besuchte Vorstellung 17.06.2021

 

Große Oper trotz Corona

 

Mit Gioachino Rossinis Oper „Il Barbiere di Siviglia“ kann man nicht so viel falsch machen, ein heiteres und unterhaltsames Stück mit wunderbarer Musik. Vielleicht war dies auch ein Grund dafür, warum die Deutsche Oper am Rhein ausgerechnet dieses Werk nach langer Zwangspause auf die Düsseldorfer Opernbühne bringt. Auch benötigt man keine großen räumlichen Wechsel, da das gesamte Stück mehr oder weniger vor oder im Hause des Don Bartolo spielt. Dennoch schuf Malina Raßfeld ein opulentes Bühnenbild in zarten Rosa-Tönen. Auf die Spitze getrieben wird die geballte Ladung Kitsch im zweiten Akt, wo eine große Geschenkschleife das Bühnenbild abrundet. Ich gebe zu, dies mag nun erstmal negativer klingen als es schlussendlich ist, denn dieses Bühnenbild passt sehr gut zum gesamten Inszenierungskonzept von Maurice Lenhard, welches sich stark um das Gefühl der Liebe dreht. Zu gefallen weiß auch seine Personenzeichnung. Don Bartolo ist nicht der alte Lustmolch und Rosina nicht seine junge Gefangene, vielmehr agieren alle Personen völlig überzogen, fast als seien sie in einer Art Liebesrausch, welcher rationelles Handeln oftmals ausschließt. Und hierbei gelingt es, dass man durchaus auch Sympathien für einen Don Bartolo entwickeln kann. Allerdings braucht diese Inszenierung eine Weile, bis sie anfängt zu wirken. In dem Moment wo Fiorillo noch während der Ouvertüre auf die Bühne kommt, Geschenke umdekoriert und als verkleideter Amor Pfeile durch die Gegend schießt, möchte man fast schon wieder den Theatersaal verlassen. Es schwant Böses an diesem Theaterabend, denkt man heimlich in sich hinein. Doch bereits nach kurzer Zeit beginnt die Inszenierung zu wirken und es entwickelt sich nach und nach ein absolut sehenswerter Opernabend, der neben einer wunderbaren Musik auch sehr viel Herz und Humor besitzt.

Dies liegt sicher auch an der hervorragenden Besetzung, allen voran Pablo Ruiz als Don Bartolo und Leonardo Ferrando als Graf Almaviva. Beide bringen die jeweiligen Charaktere mit so viel Spielfreude auf die Bühne, dass es eine wahre Pracht ist. Unterstützt wird der komödiantische Aspekt sicher auch durch die Kostüme von Christina Geiger, die herrlich überzogen daherkommen. So tritt Almaviva als Gesangslehrer beispielsweise mit Harfe, Umhang und Blumenkranz im Haar auf die Bühne, als wolle er im Stile des Orfeo seine Eurydike aus der Unterwelt befreien. Auch Don Basilios etwas aus der Zeit gefallenes Outfit weiß zu gefallen, ganz wunderbar in dieser Rolle Sami Luttinen. Lediglich das Outfit des Figaros ist vielleicht zu sehr Harlekin und zu wenig allzeit bereiter Strippenzieher. Gesanglich agieren alle Darsteller auf höchster Ebene. Zu den drei bereits genannten Künstlern gesellen sich Maria Kataeva als bezaubernde Rosina, Anke Krabbe als Berta, Jake Muffett als Fiorillo, Dong-In Choi als Offizier und Emmett O’Hanlon als Figaro, der mit dem weltbekannten „Largo al factotum“ einen der vielleicht größten Opernhits aller Zeiten darbieten darf, was ihm wunderbar gelingt.

Auch der Herrenchor der Deutschen Oper am Rhein darf nach vielen Monaten der Durststrecke, endlich wieder in einer kompletten fast dreistündigen Opernproduktion mitwirken. Das klingt schon sehr gut, was auch für die Düsseldorfer Symphoniker gilt, die unter der musikalischen Leitung von Patrick Francis Chestnut schwungvoll und präzise aufspielen. Eine nette Idee ist auch Christian Kiefer als Gitarrist stellenweise auf der Bühne wirken zu lassen.

Insgesamt erlebt man mit „Il Barbiere di Siviglia“ in Düsseldorf einen musikalisch sehr gelungenen Opernabend, der auch von der Inszenierung unterhalten kann, wenn man sich auf etwas Kitsch und viele nette kleine Regieeinfälle einlässt. Am Ende des Abends stand ein langer und begeisternder Applaus der rund 350 zugelassenen Zuschauer im Düsseldorfer Operhaus, von denen rund die Hälfte im Stehen dankbar applaudierte. Das erlebt man auch nicht jeden Abend in der Oper.

 

Markus Lamers, 20.06.2021
Fotos: © Monika Rittershaus

 

 

  

Oper am Rhein spielt ab 11.06.21 wieder live

Am 11. Juni 2021 beginnt die Oper am Rhein noch vor der Sommerpause wieder den Spielbetrieb vor Zuschauern im Theater. Zu sehen sein werden 4 Produktionen in insgesamt 18 Vorstellungen, darunter zwei Opern- und eine Ballettpremiere. Die Saalkapazitäten im Opernhaus Düsseldorf und im Theater Duisburg sind dabei so begrenzt, dass das Publikum entsprechend den gültigen Abstandsregeln platziert werden kann. Verpflichtend sind das Tragen einer medizinischen Gesichtsmaske sowie die Vorlage eines höchstens 48 Stunden alten Corona-Negativtestnachweises oder der Nachweis eines ausreichen­den Impf- oder Genesungsschutzes, sowie die besondere Rückverfolgbarkeit durch Registrierung.

„Nach mehr als fünf Monaten, in denen wir unter strengen Auflagen zwar proben, aber keine Vorstellungen zeigen durften, können wir es kaum erwarten, nun endlich wieder für unser Publikum spielen zu dürfen und Vorfreude auf die kommende Saison zu wecken “, freut sich Generalintendant Christoph Meyer. Zu sehen sein werden die folgenden Vorstellungen:

 

„Il barbiere di Siviglia“- Oper von Gioacchino Rossini
Inszenierung: Maurice Lenhard
Musikalische Leitung: Marie Jacquot
11. / 13. / 17. / 22. Juni - Düsseldorf

 

„Tristan und Isolde“ - Oper von Richard Wagner
Inszenier­ung: Dorian Dreher
Musikalische Leitung: Axel Kober
1. Akt: 18. Juni / 2. Juli - Düsseldorf
2. Akt: 19. Juni / 3. Juli - Düsseldorf
3. Akt: 20. Juni / 4. Juli - Düsseldorf

 

„Lost and found“ – Ballettabend
Choreografien: Demis Volpi, Sharon Eyal, Hans van Manen Andrey Kaydanovskiy und Neshama Nashman
19. / 20. Juni – Duisburg
25. / 26. / 27. Juni - Düsseldorf

 

„Comedian Harmonists in Concert“ – Wiederaufnahme
Musikalische Leitung: Patrick Francis Chestnut
12. Juni / 26. Juni / 02. Juli – Duisburg

 

Der Vorverkauf für die 18 Vorstel­lungen beginnt am Freitag, 4. Juni, online über www.operamrhein.de sowie über die telefonische Reservie­rung in Düsseldorf (Tel. 0211-89 25 211) und Duisburg (Tel. 0203-283 62 100). Tickets sind jeweils in drei Preiskategorien erhältlich.
 

Markus Lamers, 29.05.2021
Bild: © Monika Rittershaus

 

Der Kaiser von Atlantis ab 30. Oktober 2020 kostenlos auf OperaVision


Heute erreichte uns eine Pressemeldung, die wir an dieser Stelle ausnahmsweise 1:1 widergeben wollen, da es sich bei „Der Kaiser von Atlantis“ aus der Düsseldorfer Oper um eine sehr sehenswerte Produktion handelt, die ausgerechnet zur Zeit der Theaterschließungen nun für ein halbes Jahr online bei OperaVision zu sehen sein wird:

 

„Ab Freitag, 30. Oktober, 19.00 Uhr, ist „Der Kaiser von Atlantis“ von Viktor Ullmann für sechs Monate in voller Länge kostenfrei über die Online-Plattform www.operavision.eu abrufbar. Inszeniert von Ilaria Lanzino und musikalisch geleitet von Generalmusikdirektor Axel Kober, hatte die Kammeroper am 19. September 2020 im Opernhaus Düsseldorf Premiere. Die Online-Premiere am Freitagabend wird von einem Live-Chat mit Regisseurin Ilaria Lanzino und Dramaturgin Anna Grundmeier begleitet. Einblick in die Produktion geben auch Backstage-Videos und Interviews mit beteiligten Künstlerinnen und Künstlern.

In der Hölle des Konzentrationslagers Theresienstadt entwickelte Viktor Ullmann 1943-44 die viel­schich­tige Parabel über absolute Macht und ihre Überwindung: In der maschinierten Tötungsindustrie des Kaisers Overall von Atlantis sind Harlekin und Tod nur noch Zaun­gäste in einer Welt, „die verlernt hat, am Leben sich zu freuen und des Todes zu sterben“. Als Overall den Krieg aller gegen alle verkündet, sieht sich der Tod endgültig zu einem kleinen Handwerker des Sterbens degradiert und verweigert dem Kaiser fortan den Dienst.

Die von Ullmann und dem jungen Autor Peter Kien verfasste Botschaft, aufzustehen gegen Unrecht und Unterdrückung, trägt bis in unsere Gegenwart: „Der politische Bezug zur Entstehungszeit ist klar erkennbar, trotzdem weist das Stück weit über seine Zeit hinaus.“, sagt Regisseurin Ilaria Lanzino, die im Januar 2020 mit dem renommierten EOP (Europäischer Opernregie-Preis) ausgezeichnet wurde. Generalmusikdirektor Axel Kober dirigiert die Düsseldorfer Symphoniker und das hochkarätige Solistenensemble: Emmett O’Hanlon ist Overall, der Kaiser von Atlantis, der den Lautsprecher (Thorsten Grümbel) und den Trommler (Kimberley Boettger-Soller) für seine Propa­ganda instrumentalisiert. Ein Mädchen (Anke Krabbe) und ein Soldat (Sergej Khomov) stehen sinnbildlich zwischen dem Leben (David Fischer als Harlekin) und dem Tod (Luke Stoker).

Generalintendant Christoph Meyer: „Das Online-Angebot ist kein Ersatz für die Opernvorstellungen, die im November wegen der erneuten Theaterschließung entfallen müssen, sondern ein zusätzliches Angebot für operninteressierte Zuschauer in aller Welt. Dennoch zeigt sich gerade in der gegenwärtigen Situation, wie sehr wir alle von einem europäischen Netzwerk wie OperaVision profitieren können.“

Unterstützt durch das Creative Europe Programm der EU, vereint OperaVision kostenlos Live-Streams und Video-on-demand von Opernhäusern und Festivals aus ganz Europa und ist mit seiner Bibliothek eins der größten Online-Kulturvermittlungsforen. Der Plattform gehören 29 Partnerinstitu­tio­nen aus 17 Ländern an, darunter die Opernhäuser in Antwerpen, Brüssel, London, Madrid, Stockholm und das Festival d’Aix-en-Provence. Aus Deutschland sind die Deutsche Oper am Rhein und die Komische Oper Berlin vertreten.“

Markus Lamers, 29.10.2020
Bild: © Hans Jörg Michel

 

 

 

Jacques Offenbach

Salon Pitzelberger

Premiere: 25.Oktober 2020

 

Die großen Offenbach-Operetten wie „Orpheus in der Unterwelt“ und „Die schöne Helena“ gehören zu den Dauerbrennern auf den deutschen Bühnen, aber die Fülle seiner kleinen Einakter ist schier unüberschaubar. In Corona-Zeiten sind diese musikalischen Sketche genau das richtige Repertoire. An der Düsseldorfer Rheinoper hatte jetzt „Salon Pitzelberger“ Premiere, allerding nur als konzertante Aufführung.

Spielleiter Dorian Dreher, der im Dezember auch noch Wagners „Tristan und Isolde“ auf die Bühne bringen wird, besorgte aber eine „Szenische Einrichtung“, so dass man die Inszenierung einer konzertanten Aufführung erlebt: Musikkabarettist Georg Renz führt durch das Stück, erklärt die Geschichte und bietet dabei auch aktuelle Seitenhiebe.
 

Das Stück handelt von einem neureichen Industriellen, der sich soziale Anerkennung durch eine große Party erwerben will, bei der die Weltstars der Oper bei ihm auftreten sollen. Sowohl die Sänger als auch ein Großteil der Besucher sagen jedoch ab, so dass der Gastgeber mit seiner Tochter Ernestine und deren Verehrer Casimir in die Rolle der Sänger schlüpfen muss. Die Geschichte lässt natürlich viele Anspielungen auf den Düsseldorfer Finanzadel zu, und auch Minsterpräsident Armin Laschet, der glaubt, er stamme von Karl dem Großen ab, bleibt nicht unerwähnt. Dorian Dreher lässt den Akteuren viel Freiraum beim Singen, setzt aber gelegentlich kleine Akzente und lässt einige Szenen zwischen den Notenständern auch auswendig singen und spielen. Auch die Tatsache, dass die Sängerinnen im Abendkleid und die Herren im Frack auftreten, passt bestens in die Welt der Pariser Salons.
 

Lediglich im Finale, wenn die Laien große Oper singen wollen und Offenbach die italienische Oper parodiert, bräuchte dieses Stück eine richtige Inszenierung und Übertitel. Offenbach imitiert Rossini und Donizetti nämlich so überzeugend, dass man die unsinnigen Texte mitlesen müsste und der Aberwitz der Musik seine Entsprechung im Stile einer Opernparodie wie Donizettis „Viva la Mamma“ benötigt.

Am Pult der Düsseldorfer Symphoniker, die hier mit gut 25 MusikerInnen antreten, steht Kapellmeisterin Marie Jacquot, die einen leichtfüßig eleganten Offenbach dirigiert. Der absurde Witz der Musik braucht aber einige Zeit, um sich zu entfalten: Erst in der „Ballade des Maultiertreibers“, in der die Klischees der spanischen Musik geplündert werden, und in der großen Opernszene entfaltet sich Offenbachs Humor ungehemmt.
 

Den Hausherren Julius von Pitzelberger gibt Stefan Heidemann mit stattlichem Bariton, der mit bassigen Farben nachgedunkelt ist. In der Opernparodie könnte Heidemann noch etwas mehr stimmliche Beweglichkeit gebrauchen. Mit glänzendem Sopran singt Elena Sancho Pereg die Ernestine. Anfangs gibt sie sich als ehemalige Klosterschülerin ganz unschuldig gibt, zeigt dann aber ihren durchtriebenen Witz. Cornel Frey singt mit treffsicherer Höhe und leichtfüßigem Tenor ihren Verehrer Casimir. Stimmlich blass und weitgehend unverständlich singt Luis Fernando Piedra in der Rolle des Dieners Carl Brösel. Besser wäre es gewesen, wenn Johannes Preißinger, der ein erfahrener Spiel- und Charaktertenor ist, diese Partie übernommen hätte. So bleibt Preißinger nur ein kurzer aber prägnanter Auftritt als Partygast-Ehepaar Krauthofer gemeinsam mit Romana Noack als seine Frau.


Aufgrund der Tatsache, dass die Deutsche Oper am Rhein nur vier Vorstellungen dieser Produktion ansetzt, hat man das Gefühl, dass es sich hier bloß um konzertantes Füllmaterial für den Corona-Spielplan handelt. Zu erleben ist aber eine kurzweilige Aufführung, die in 70 Minuten Spieldauer eine selten gespielte, aber hochkarätige Offenbachiade präsentiert.

 

Rudolf Hermes, 29.10.2020

 

 

Vissi d’arte

Eine Liebeserklärung an die Oper

Premiere am 02.10.2020

Aufführung 11.10.2020

 

Ein Riss durch die Welt der Oper in Frischhaltefolie

Fragmente einer (ir)realen Theatersituation in Zeiten von Corona

 

Mit Richard Wagners „Lohengrin“ fiel im März 2020 der letzte Vorhang. Alle folgenden Vorstellungen wurden abgesagt. Nun fährt die Deutsche Oper am Rhein zur neuen Saison wieder hoch, mitten in der (Corona-)Krise. Regisseur Johannes Erath hat die Spielzeit mit der Premiere seines szenisch-musikalischen Abends „Vissi d’arte – Einer Liebeserklärung an die Opernbühne“ wiedereröffnet. Eigentlich sollte er die ursprünglich geplante Oper „La Sonnambula“ von Bellini inszenieren – daraus wurde ein Dialog über den künstlerischen Umgang in der Pandemie sowie nach Möglichkeiten einer Inszenierung der derzeitigen Situation aus dem Blickwinkel der Opernbühne und deren Spieler gesucht. Doch wie lässt sich große Zuneigung zur Oper ausdrücken, das Fehlen essentieller Bestandteile, wie Nähe, Leidenschaft oder einen voll besetzten Orchestergraben eingedenk? Kann Kunst da frei sein? Was genau zieht uns bei einer Oper immer wieder so in ihren Bann? Und was staut sich an, wenn Künstler die Bühne nicht mehr betreten dürfen und alles aufgrund der Pandemie still stehen muss?

In seiner Collage zur Musik von Wagner, Strauss, Puccini, Verdi, Offenbach und Gershwin sucht Erath in den Falten des Theatervorhangs nach Fragmenten der Oper, die erst durch verschiedene Komponenten ihre Ausdruckskraft bekommt und durch ein verflochtenes Zusammenspiel zu einem einzigartigen Erlebnis wird. Unter der musikalischen Leitung von Wolfang Wiechert gelang mit fünf Sängern, einer kammermusikalischen Besetzung der Düsseldorfer Symphoniker und des Opernchors (Leitung: Gerhard Michalski) diese Reise nicht direkt museal, aber dennoch die Aura einer vermeintlich verloren gegangenen Zeit in sich tragend.

Auf den ersten Blick scheint alles fast normal. Opernbesucher betreten den Zuschauerraum und nehmen Platz. Der zweite offenbart die vorherrschende Situation, die Reihen und Ränge füllen sich nur schütter und mit Abstand. Der Blick zur Bühne lässt ein Mix aus Vorfreude, Erwartung, aber auch Nostalgie aufkommen. Eine Frau in weißem Frack und Tüllrock sitzt am Boden umringt von Blumenbouquets in Folie vergangener Vorstellungen. Auf den Eisernen Vorhang wird ein Halbmond, der über einen Punkt schwebt, projiziert, das Bild einer Fermate, die in der Musik auch als Corona bezeichnet wird und eine Generalpause bedeutet. Die Stille wird durchbrochen durch einen auf Tonband eingespielten Publikumsapplaus, der zwar laut, dennoch sehr weit weg, unwirklich und etwas befremdlich wirkt. Die Frau im Frack eilt über die Bühne auf der Suche nach etwas, was sie in einem kleinen Koffer vermutet. Sie bläst den Staub von der Oberfläche, öffnet ihn behutsam.

Die Rückkehr auf die Opernbühne fängt im Pianissimo an, aus dem Nichts erklingen, wie der Welt entrückt, die ersten Töne des Vorspiels aus „Lohengrin“ von Richard Wagner aus einer Aufnahme der Düsseldorfer Symphoniker von 2011.

Der Klang aus der Konserve breitet sich im Opernhaus aus, doch es ist nicht jener, der sonst den Raum füllt und berührt. Die Frau greift währenddessen nach einem kleinen Akkordeon im Koffer, das sie verklärt ansieht. Erst als Laurentiu Sbarcea alleine im Orchestergraben zur Ouvertüre vom Band mit seinem Cello das Gral-Motiv spielt, fängt die Musik zu leben an. Mit einzigartiger Direktheit erhebt sich das Instrument über die Wagner-Einspielung, und es entsteht eine spürbare Spannung zwischen Musiker und dem Publikum. Es ist ein magischer und historisch wirkender Moment, als sich nach rund sieben Monaten inmitten in der (Corona-)Krise der Vorhang öffnet und ein Blick in die Tiefe der Bühne möglich wird. Die trostlose und verstaubt wirkende Kulisse zeigt viel Mobiliar sowie Instrumente unter Plastikfolien, die nach und nach von der Frau im Frack enthüllt werden und teilweise an eine Versteigerung aus dem Kostümfundus erinnern. An Drahtseilen schaukelt eine Kiste mit der Aufschrift „fragile“ hin und her. Es folgt ein Arrangement für Klavier der Arie „Glück, das mir verblieb“ aus Korngolds Oper „Die tote Stadt“, und der sentimentale Charakter des Stücks breitet sich wie Theaterluft aus, während Clowns und eine divenhafte Gestalt mit Beinprothesen, die erste Gehversuche wagt, die Bühne überqueren. Die Pandemie hat die Kunst auf den Kopf gestellt – so ist es nicht erstaunlich, dass die Muse, verkörpert durch Maria Kataeva, einen umgedrehten Konzertflügel über die Bühne zieht.

Die ersten Stücke des Abends sind allesamt instrumental, fast wie eine endlose Ouvertüre, und wirken wie ein Nachhall des rauschenden Orchesters der vergangenen Spielzeiten. Besonders erwähnenswert ist ein Auszug aus der Ouvertüre nach einem Arrangement für zwei Klaviere von Hermann Behn, Rücken an Rücken gespielt von Cécile Tallec und Wolfgang Wiechert.

Es ist ein besonderer Augenblick, als der erste gesungene Ton mit der Arie der Niklausse „Vois sous l’archet…c’est l’amour vainqueur“ („ Sieh, wie unter dem zitternden Bogen der Resonanzkörper vibriert!“) erklingt, fein nuanciert gesungen von Maria Kataeva, die den Zuhörer ganz in seinen Bann zieht und etwas von der Macht des Gesangs ahnen lässt. Das sinnliche Pathos dieser Musik lädt ein, mitzuschwingen. Leider gibt es solche Momente zu wenig. Immer wieder werden Videoaufnahmen von Bibi Abel eingeblendet, welche die Künstler eingeengt in Schachteln zeigen. Die Kunst kann sich nicht frei entfalten.

Puccinis Tosca ist eine Opern-Oper, und es ist nicht verwunderlich, dass ausgerechnet die Arie „Vissi d’arte“ diesen Eröffnungsabend betitelt. Floria Tosca, die einsame Heldin, selbst Opernsängerin und als „Tosca divina!“ von Scarpia oder „La sua voce!“ von Cavaradossi tituliert. Immer ist es ihre Stimme, die den Auftritt Toscas ankündigt, noch ehe sie selbst auf der Bühne erscheint.

Erath lässt die alternde Diva wie ein Deus ex machina mit hochtoupiertem Haar und Abendkleid (Morenike Fadayomi) im grellen Scheinwerferlicht auftauchen, bevor sie dem Publikum den Rücken zugewandt in einen projizierten Theaterraum singt. Sie scheint den vergangenen Glanz einer schlafenden Opernwelt zu repräsentieren. Während der Arie drehen die Bühnentechniker das Gestell mit der Sängerin zum Publikum, doch der Nachdruck der Arie „Vissi d’arte, Vissi d’amore. – Ich lebte für die Kunst, lebte für die Liebe“, bleibt aus und wirkt eher wie eine Frage, statt eines Ausrufezeichens.

Mozarts Königin der Nacht, interpretiert von Heidi Elisabeth Meier, fährt nicht wie oftmals üblich nach oben, sondern in den Keller, wo sie ihren Mutter-Tochter-Konflikt auslebt. Der mütterliche Zorn mit nicht ganz sicher intonierten Spitzentönen lässt sie ein Stück menschlicher werden, und im Unisono-Wettstreit mit dem Xylophon aus dem Orchestergraben wirken die gefürchteten Koloraturen fast wie ein Kinderlied.

Andrés Sulbarán riskiert einen Rodeo-Ritt und singt sich taktweise a capella mit strahlendem Tenor an einem Strick gebunden durch die Opern „Werther“ von Massenet, „Die Walküre“, „Das Rheingold“ und „Parsifal“ von R. Wagner, „Die Zauberflöte“ von W. A. Mozart, „Rigoletto“ und „La Traviata“ von G. Verdi. und versucht mit verzweifeltem Unterton, der düsteren Kulisse ein wenig Glanz vergangener Tage einzuhauchen.

Plötzlich horcht der Zuschauer auf, als Maria Kataeva wie in Fieberfantasien träumend und aus dem Kontext der Oper gerissen mit warmer, betörender Jazzstimme „Embraceable you“ von George Gershwin darbietet. Für den visuellen Leidenschafts-Effekt sorgen Bibi Abels auf die Leinwand projizierte Fotos von sich küssenden Menschen der Aktion „Kiss for the Opera“. Der Versuch einer digitalisierten Lust, in der Künstler und Publikum eine Symbiose eingehen? Ein verzweifelter Ruf nach Nähe, bevor Kataeva unter lauten, durchdringenden Herzklopfen vom Band im menschenleeren und halbdunklen Orchestergraben verschwindet und allein auf dem zurückgelassenen Konzertflügel spielt. Nach Salomes Tanz von R. Strauss, einem Arrangement für zwei Klaviere von Johannes Doebber, außergewöhnlich erweitert von Wiechert für Klarinetten, Saxophon, Harfe, Pauke und Schlagzeug, nimmt der Opernchor die Arie „Lippen schweigen“ wörtlich und summt sie fast geisterhaft im Schatten des Scheinwerferlichtes – mit Mund-Nasenschutz – und verschwindet wieder im Off.

Aus den Reihen vernimmt man den ein oder anderen Brummer im Publikum sehnsuchtsvoll mitschwelgen. Wie in einem Albtraum erklingen die Worte Salomes „ Ah! Ich habe deinen Mund geküsst, Jochanaan. Ah! Ich habe ihn geküsst, deinen Mund, es war ein bitterer Geschmack auf deinen Lippen. Hat es nach Blut geschmeckt? Nein? Doch es schmeckte vielleicht nach Liebe.“ Erneut musikalisch ungewöhnlich besetzt. Am Ende des Stücks zeigt Stefan Heidemann in Wotans Abschied aus „Die Walküre“ von Richard Wagner mit unprätentiöser Stimme zunächst im Rollstuhl mit einer Adler-coronierten Freiheits-Infusion, was die göttliche Macht Wotans und damit die Kunst bedeutet, ein kultureller „Powerdrink“. Er wirkt keineswegs wie eine der Welt enthobene Gestalt, sondern, wenngleich von Herkunft und Erfahrung geprägt, als ein Mensch ebenso ist wie seine Mitspieler – und ihr Publikum.

Im Sternenglanz von Discokugeln kehrt Heidemann mit einem Besen die letzten Blumensträuße von der Bühne und fragt sich: „Wann wird es wieder so, wie es niemals war?“ „Für das Erlösungsmotiv bitte in den Orchestergraben.“ tönt schlagartig die Stimme der Inspizientin. Das Orchester stimmt sich im Graben ein, eingespielter Applaus eines vollbesetzten Hauses schließen den Kreis wieder in die erwartungsvolle, vorfreudige Stimmung, jetzt Oper er-leben zu dürfen. Die sentimentale Collage endet mit Offenbachs Finale „Des cendres de ton cœur … on est grand par l’amour“ aus „Les Contes d’Hoffmann“. Es scheint, als tröstete die Muse das Publikum wie Hoffmann in seinem Schmerz und führte es zur Kunst zurück. Dieses Schlussbild bleibt ohne Zweifel haften.

Der Opernchor singt im Foyer vor den geöffneten Türen in den Zuschauerraum zusammen mit dem auf der Bühne stehenden Sängerensemble und der kammermusikalischen Besetzung der Düsseldorfer Symphoniker. Das spärliche Publikum wird mit in das Geschehen eingebunden und so Teil des Resonanzraums Oper.

Ein Hauch von Melancholie liegt den ganzen Abend im Raum. Mit gemischten Eindrücken und aufgestauten Gefühlen wird das riesige „Trotzdem“ des Ensembles spürbar und klingt in vielen Facetten nach. Wolfgang Wiecherts Arrangements mit ungewöhnlichen Besetzungen dräuten sowohl Schicksal und Tragik, als auch feingewobene Melodik, ersetzen zwar kein großes Orchester, aber werden den Fragmenten des Abends gerecht und füllen das Theater mit kammermusikalischem Charme und laden zum näheren, tiefgründigen Hinhören ein. In intimer Weise, gerade durch das Fehlen einiger gewohnter und Hinzufügen anderer ungewohnter Dinge wird verdeutlicht, dass allem voran die lebendige, körperliche Musik steht, gleich in welcher Form sie auch erklingen mag. Oper ist mehr als oberflächliche Illusion, sondern auf die Bühne inszenierte Wahrheit.

Die Idee Johannes Eraths einer musikalischen Zustandsbeschreibung über die Reinkarnation der Bühne und seiner Zauberdinge, über das, was wir vermisst haben und zurückgewinnen möchten, wird mit beunruhigender Konsequenz entwickelt. Die Atmosphäre war ein Cocktail aus Urformen des Theaters, viel Folie und Plastik, Heißluftballons, morbide anmutende Kostüme und Maskeraden sowie Zirkus- und Probenstimmung. Sänger wirkten wie Marionetten, gespielt von einer unkontrollierbaren Macht, die zusammenhanglos scheinbar um ihre Daseinsberechtigung rangen. Ein Start in eine sicher nicht leichte Saison, aber eine Gewissheit, dass wir die Oper lieben und brauchen, weil sie unsere Erfahrungen des Lebens in musikalische Schwingung versetzt und uns das leibhaftige Zusammenkommen sowie das gemeinsame Erleben von Raum und Zeit unanfechtbar macht. Treffend sagte Maria Callas einst: „Die Welt kann und wird um uns weitergehen, aber ich muss daran glauben können, dass wir sie zu einem besseren Ort gemacht haben, dass sie an Reichtum und Weisheit gewonnen hat, weil wir uns für die Kunst entschieden haben.“

Die überzeugten Zuschauer unterbrachen die Collage mehrmals mit begeisterndem Beifall und beendeten sie mit einem wertschätzenden realen finalen Applaus.

 

Bilder (c) Monika Ritterhaus / Sandra Then

Martina Hümmer, 12.10.2020

Besonderen Dank an unsre Freunde vom OPERNMAGAZIN.

 

 

 

 

 

Der Kaiser von Atlantis

Premiere: 19.09.2020,

besuchte Vorstellung: 27.09.2020

(Vermeintlich) Kleine Oper mit großer Wirkung

 

Nach den „Comedian Harmonists in Concert“ zeigt die Deutsche Oper am Rhein nun zu Beginn der Spielzeit 2020/2021 mit „Der Kaiser von Atlantis“ die erste voll inszenierte Neuproduktion nach dem Corona-Lockdown im Frühjahr. Mit einer Spielzeit von rund einer Stunde handelt es sich zwar um ein sehr kurzes Werk, welches allerdings sowohl musikalisch wie auch von der Inszenierung her überzeugen kann. Mitten im Grauen des zweiten Weltkrieges komponierte Victor Ullmann dieses Werk im Konzentrationslager Theresienstadt. Das Libretto stammt von Peter Kien, der dort ebenfalls inhaftiert war. Zu den besonderen Bedingungen zur Entstehungsgeschichte dieser Oper sei allen Besuchern die sehr interessante Einführung vor den Vorstellungen ausdrücklich empfohlen. Die Handlung der Opernparabel geht überraschend eindeutig mit der damaligen Situation um, was wohl auch ein Grund dafür gewesen sein dürfte, dass die geplante Aufführung dann doch abgesagt wurde und das Werk erstmals 1975 in Amsterdam zu erleben war. Kaiser Overall von Atlantis hat eine nahezu automatisierte Tötungsindustrie geschaffen, in der der Harlekin als Zeichen für das Leben und der personalisierte Tod nur noch tatenlos dahinvegetieren. Als der Kaiser einen Krieg Aller gegen Alle verkündet, tritt der Tod in den Streik und verweigert seine Dienste. Kein Mensch kann mehr sterben. Zunächst versucht Overall sich als Sieger über den Tod und als Überbringer des „ewigen Lebens“ darzustellen. Doch es kommt zu Aufständen, da zum Tode verurteilte am Galgen hängen, ohne sterben zu können und verletzte Soldaten von Schmerzen gequält im Leben gefangen sind. Der Tod bietet dem Herrscher an seinen Streik zu beenden, wenn der Kaiser „als erster den neuen Tod leide“. Overall nimmt dieses Angebot an und folgt dem Tod, die vorgesehene Ordnung von Leben und Tod ist wiederhergestellt.

Ilaria Lanzino gelingt mit ihrer Inszenierung eine schlüssige und nachvollziehbare Deutung der Geschichte, die das menschenverachtende Verhalten des Nazi-Regimes und die lebensunwürdigen Umstände der KZ-Insassen geschickt in eine Parabel verpackt. Dabei kommt die Inszenierung nicht mit dem erhobenen Zeigefinger daher, vielmehr bringt die Regie die ursprüngliche Kammeroper mit feinem Gespür auf die große Bühne des Opernhauses und beleuchtet auch das Zusammenspiel von Leben und Tod auf eindrucksvolle Weise. Hierbei werden nur vereinzelt und an der richtigen Stelle große Bilder benutzt, so z. B. bei der Rede Overalls, die von einer großen Videoprojektion des Kaisers begleitet wird. Ansonsten sind es auch die kleinen Momente, die besonders gefallen. Auch das Schlussbild kann überzeugen, lediglich der Deal zwischen Tod und Kaiser geht in dieser Inszenierung etwas unter. Ob das Bühnenbild von Emine Güner nun eher Spinnennetz oder doch eher Marionettenfäden sein sollen ist nicht ganz so eindeutig zu bestimmen, allerdings ist dies auch egal. In beiden Fällen sind die handelnden Personen in gewisser Weise gefangen. Nach und nach zerfällt dieses Geflecht aber immer mehr. Abgerundet wird das positive Gesamtbild der Inszenierung von einem stimmigen Lichtdesign von Thomas Diek.

Auch musikalisch kann sich die Aufführung hören lassen. Generalmusikdirektor Axel Kober hat diese Produktion zur Chefsache erklärt und sorgt für einen wunderbaren Klang der Düsseldorfer Symphoniker, die wie gewohnt im Orchestergraben sitzen. In Kombination mit der Inszenierung nimmt einen die Musik über die kompletten 60 Minuten gefangen, die in diesem Falle wie im Fluge vergehen. Die einzelnen Rollen sind ebenfalls ausgezeichnet besetzt. Der irisch-amerikanische Bariton Emmett O’Hanlon gibt einen überzeugenden Kaiser von Atlantis. Kimberley Boettger-Soller meistert die nicht unbedingt leichte Partie des Trommlers souverän, ihr zur Seite steht Thorsten Grümbel als Lautsprecher. Der Tod wird vom australischen Bass Luke Stoker verkörpert, während der Tenor David Fischer die Rolle des Harlekines übernimmt. Abgerundet wird das Ensemble von Anke Krabbe als Mädchen und Sergej Khomov als Soldat, die ein wunderbares Liebespaar abgeben.

Abschließend an dieser Stelle ein dringender Aufruf an die Opernfreunde im Lande: „Hallo, hallo! Die Deutsche Oper am Rhein zeigt eine vermeintlich kleine Oper mit großer Wirkung, die auf der großen Bühne ihre ganze Kraft entfalten kann. Schaut es euch ruhig mal an.“ Gerade in einer Zeit in der Parteien mit offensichtlich rechten Parolen salonfähig werden, ist dies vielleicht genau das richtige Werk zur richtigen Zeit. Schade nur, dass man in Düsseldorf in dieser Spielzeit bislang auf deutlich abgespeckte Programmhefte setzt, die komplett auf Bilder der Produktionen verzichteten. Hoffentlich kehrt man hier in der kommenden Spielzeit wieder zum gewohnten ausführlichen Format zurück.

Markus Lamers, 01.10.2020
Bilder: © Hans Jörg Michel

 

Spielplan bis Dezember 2020 mit 23 Programmen

Deutsche Oper am Rhein veröffentlicht das Programm der ersten vier Monate der neuen Spielzeit 2020/21.
 

Am 11. September 2020 startet die Deutsche Oper am Rhein in die neue Spielzeit. Diese wurde in den letzten Wochen komplett neu geplant und den derzeitigen Bedingungen angepasst. Generalintendant Christoph Meyer hat mit dem gesamten Team viel Zeit investiert, um dem Publikum dennoch ein abwechslungsreiches Programm zu bieten. Alle Vorstellungen sind nicht länger als 90 Minuten, stehen aber bewusst für neue Erzählformen statt reiner Reduktion. Auch der neue Ballettdirektor Demis Volpi hatte sich den Auftakt für die zu großen Teilen neu zusammengestellte Compagnie sicherlich anders vorgestellt und war nun gezwungen die sorgfältig konzipierte erste Saison mit dem Ballett am Rhein noch einmal ganz neu zu denken. Fast alle der 23 verschiedenen Programme sind sowohl in Düsseldorf wie auch Duisburg zu sehen, die Ausnahmen sind unten in der Übersicht vermerkt. In den ersten vier Monaten der Spielzeit umfasst der Spielplan rund 150 Vorstellungen, von denen 2/3 in Düsseldorf und 1/3 in Duisburg stattfinden werden. Nachfolgend das Programm in der Übersicht:

 

OPER / PREMIEREN

 

Comedian Harmonists in Concert

Theater Duisburg, Fr 11.09.2020

Opernhaus Düsseldorf, Fr 18.09.2020

 

Viktor Ullmann

Der Kaiser von Atlantis

Opernhaus Düsseldorf, Sa 19.09.2020

 

Vissi d’arte

Eine Liebeserklärung an die Opernbühne von Johannes Erath

Opernhaus Düsseldorf, Fr 02.10.2020

Theater Duisburg, Do 26.11.2020

 

Mieczysław Weinberg

Masel Tov! (Wir gratulieren!)

Opernhaus Düsseldorf, Do 29.10.2020

Theater Duisburg, Fr 11.12.2020

 

Boris Blacher

Romeo und Julia

Theater Duisburg, Fr 06.11.2020

Opernhaus Düsseldorf, Sa 19.12.2020

 

Manuel de Falla

Meister Pedros Puppenspiel

Opernhaus Düsseldorf, Sa 07.11.2020

Theater Duisburg, Fr 04.12.2020

 

Richard Wagner

Tristan und Isolde

Bearbeitung von Eberhard Kloke für die Deutsche Oper am Rhein

1. Aufzug

Opernhaus Düsseldorf, Do 03.12.2020

Theater Duisburg, Do 17.12.2020

2. Aufzug

Opernhaus Düsseldorf, Sa 05.12.2020

Theater Duisburg, Fr 18.12.2020

3. Aufzug

Opernhaus Düsseldorf, So 06.12.2020

Theater Duisburg, Sa 19.12.2020

 

WIEDERAUFNAHMEN

 

Engelbert Humperdinck

Hänsel und Gretel

in einer gekürzten Neufassung

Opernhaus Düsseldorf, Mi 16.12.2020

 

OPER / SONDERVERANSTALTUNGEN

 

Rendezvous um halb 8

Ein musikalisches Blind Date

Opernhaus Düsseldorf, Mo 05.10.2020

Theater Duisburg, Sa 21.11.2020

 

Jacques Offenbach

Salon Pitzelberger

Operette konzertant

Opernhaus Düsseldorf, So 25.10.2020

 

Viva l’italianità!

Liederabend mit Adela Zaharia, Ramona Zaharia, Bogdan Baciu und Bogdan Taloş

Opernhaus Düsseldorf, ab So 11.10.2020

Theater Duisburg, ab Fr 23.10.2020

 

Chorkonzert

mit dem Chor der Deutschen Oper am Rhein

Theater Duisburg, Fr 09.10.2020

Opernhaus Düsseldorf, Mi 11.11.2020

 

Alle guten Wünsche!

Ein Silvester-Wunschkonzert

Opernhaus Düsseldorf, Do 31.12.2020

 

BALLETT / PREMIEREN

 

A First Date, Episode 1

Opernhaus Düsseldorf, Fr 11.09.2020

Theater Duisburg, Fr 18.09.2020

 

A First Date, Episode 2

Opernhaus Düsseldorf, Sa 12.09.2020

Theater Duisburg, Sa 19.09.2020

 

A First Date, Episode 3

Opernhaus Düsseldorf, So 13.09.2020

Theater Duisburg, So 20.09.2020

 

Juanjo Arqués / Demis Volpi

Far and near are all around

Opernhaus Düsseldorf, Do 15.10.2020

Theater Duisburg, Fr 30.10.2020

 

Hans van Manen / Sharon Eyal

Entfernte Verwandte

Theater Duisburg, Fr 13.11.2020

Opernhaus Düsseldorf, Fr 20.11.2020

 

Demis Volpi

Uraufführung

Opernhaus Düsseldorf, Sa 12.12.2020

 

BALLETT / SONDERVERANSTALTUNGEN

 

Virginia Segarra Vidal

Über Grenzen −

Prometheus aus Licht

Tonhalle Düsseldorf, Fr 11.12.2020

 

Silvestergala

Der gute Rutsch

Theater Duisburg, Do 31.12.2020

 

Das komplette Spielzeitheft steht auf der Homepage zur Bestellung oder Download bereit. Zu finden sind dort auch ausführliche Informationen zu den verschiedenen Produktionen. Es bleibt zu hoffen, dass die neue Spielzeit an die erfolgreichen Werte aus 2018/19 anknüpfen kann, wo beide Häuser mit 72 bzw. 73 Prozent durchschnittliche Auslastung durchaus respektable Zahlen aufweisen konnten. Ohne den Wasserschaden am 05. April 2019 in Duisburg, wäre der Wert dort noch besser ausgefallen.

Markus Lamers, 28.06.2020

 

 

 

Oper am Rhein zeigt Alternativ-Programm während der Schießung im Mai


Nach Absprache mit den kommunalen Verantwortlichen sagte die Deutsche Oper am Rhein alle weiteren Vorstellungen in Düsseldorf und Duisburg vorerst bis zum 31.Mai 2020 ab. Neben zahlreichen Repertoirevorstellungen betrifft dies auch die letzten für diese Spielzeit geplanten Premieren. In Duisburg entfallen die „Young Directors“. Auch das Ballettprogramm „b.44“, welches die letzte Produktion des Balletts am Rhein unter der Leitung von Martin Schläpfer und Remus Şucheană gewesen wäre, fällt aus. Die für den 29. Mai geplante Opernpremiere von Verdis „Macbeth“ wird auf einen späteren Zeitpunkt verschoben. „Der Kampf gegen das Corona-Virus ist längst noch nicht vorbei“, sagt Generalintendant Prof. Christoph Meyer. „Die Politik hat in diesen Tagen unmissverständlich klar gemacht: Auch wenn die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus erste Erfolge zeigen und einzelne Restriktionen im öffentlichen Leben gelockert werden können, so werden wir dennoch in den nächsten Wochen auf vieles von dem verzichten müssen, was den Alltag lebenswert macht. Unsere künstlerische Arbeit in Oper und Ballett gehört leider dazu.“

 


Für den Mai hat die Deutsche Oper am Rhein nun ein kleines Alternativ-Programm zusammengestellt. Nach wie vor online ist beispielsweise der interessante Ring-Talk , bei dem Generalmusikdirektor Axel Kober und Spielleiter Dorian Dreher mal zu zweit, mal mit hochkarätigen Überraschungsgästen über alle vier Teile des „Ring am Rhein“ sprechen. Abgerundet wurde die Reihe nun mit einer Ausgabe in der Zuschauerfragen zu den Produktionen beantwortet wurden. Diese fünf Videos sind zusätzlich auch auf dem YouTube-Kanal des Theaters zu sehen.

Ausschließlich auf der Homepage findet man unter www.operamrhein.de noch bis zum 15. Mai 2020 Martin Schläpfers Choreografie zu dem musikalischen Juwel „ Petite Messe solennelle “ von Gioacchino Rossini. Das Werk wurde 2017 für den 3sat Festspielsommer aufgezeichnet und wird nun vom ZDF kostenlos für den Abruf über die Opern-Homepage zur Verfügung gestellt. Auch Martin Schläpfers Interpretation des „Schwanensee“ und Georg Friedrich Händels „Xerxes“ in einer Inszenierung von Stefan Herheim ist hier nach wie vor abrufbar. Wer die Zeit derzeit für etwas Fortbildung nutzen möchte, kann dies mit dem Online-Workshop „ Opernitalienisch “ machen. Ilaria Lanzino, Spielleiterin und Regisseurin an der Deutschen Oper am Rhein, wird den Wort-Schatz des italienischen Opernvokabulars zusammen mit den Zuschauern heben und speziellen Begriffen auf den Grund gehen, so dass der nächste Opernbesuch noch mehr Spaß macht.

Markus Lamers, 26.04.2020

Bild: © Daniel Senzek

 

 

 

DIE FLEDERMAUS

15.02.2020 (Spieldauer: ca. 3 1/4 Stunden)

 

Trailer

Komische Operette in drei Akten

Wenn distinguierte Herrn den geringen Spielraum, den ein Parkett-Klappsitz bietet, zu tänzelnden Schrittchen nutzen und selbstvergessen mit singen, kann es sich eigentlich nur um „Die Lustige Witwe“ oder „Die Fledermaus“ handeln. Und so sehr wir Operngänger es auch gewohnt sind, uns regelmäßig dem Großen und Erhabenen in vielerlei Gestalt zu stellen, so schön und genussreich ist es doch, wenn wir uns zum Jahreswechsel oder zur Karnevalszeit ganz dem geselligen und spritzigen Treiben hingeben dürfen, wie wir es nur in wiener Operetten der goldenen Ära finden.

Und so wird bereits zur Ouvertüre, die, in freier Sonatenhauptsatzform geschrieben, zu den größten Schöpfungen von Johann Strauß zählt und die zahlreichen musikalischen Höhepunkte des gesamten Werkes zusammen fast, von Herzen mit gesummt.

Doch bevor wir auch nur einen einzigen Ton aus dem Graben gehört haben, sehen wir schon Dr. Falke sein feines Netz der Intrige spinnen: Da wird die hohe Justiz bestochen, eine Bordsteinschwalbe zu geheimen Diensten engagiert, und anschließend zusammen mit den Insassen der Justizvollzugsanstalt NRW in Kostüme des Fundus der Deutschen Oper am Rhein gesteckt.

Roter Samt hebt sich und gibt den Blick durch einen Rahmen aus barockem Gold, mit leicht gelsenkirchener Einschlag, auf das Wohnzimmer im Hause derer von Eisenstein frei. Hier riecht es geradezu nach Geld, wobei finanzielle Potenz und guter Geschmack bekanntlich nicht immer zusammen fallen. Sowohl die Inszenierung als auch Bühne und Kostüme spielen im hier und jetzt. Ein bunter Stilmix aus allem, was sehr teuer war, überfordert den Betrachter beim ersten Beschauen: Zebrastreifen, Raubtierfelle, Rosentapeten, Designermöbel, Lichter, Lämpchen, viele Farben, Gold und Silber und noch mehr. Jede Reduktion auf einen bestimmten Stil hätte Verzicht bedeutet, und Verzicht ist das Einzige, dass wir uns keinesfalls leisten können.

Die allseits bekannte Handlung beginnt: Rosalinde wird unerwartet von ihrem früheren Bewunderer, dem Opernsänger Alfred, aufgesucht. Da ihr Gatte Gabriel von Eisenstein wegen eines kleinen Vergehens eine Gefängnisstrafe antreten muss und die Zofe Adele Ausgang haben möchte, verabredet sie sich mit ihm zu abendlicher Stunde in ihrer Wohnung. Da erscheint der Gefängnisdirektor Franke, der Eisenstein abholen will. Alfred folgt ihm, um Rosalinde nicht zu kompromittieren.

Ein gewisser Prinz Orlofsky sei in der Stadt, um in Düsseldorf einen Weltraumbahnhof zu errichten, von dem er eine Rakete zum Mars schicken wolle. Wie sich das gehört, ist der ganze Text mit zahllosen tagesaktuellen Anspielungen gespickt, die beim ortskundigen Publikum zu größter Erheiterung führen. Gleichzeitig bleibt der Handlungsverlauf auch ohne Insider-Informationen verständlich, so dass auch der Zugereiste das turbulente Geschehen genießen kann, wenn sich ihm auch nicht jeder Bezug erschließt.

War das Bühnenbild im ersten Akt schon viel, so erleben wir im 2. Akt noch mehr: Mit größter Opulenz, revueartigen Auftritten und in größter Pracht treffen auf dem Ball des Prinzen Orlofsky Eisenstein, Franke und Adele unvermutet aufeinander. Sie alle wurden von Eisensteins Freund Falke eingeladen, weil dieser sich für einen früheren Spaß Gabriels rächen will, der ihn im Kostüm einer Fledermaus in betrunkenem Zustand durch die Stadt laufen ließ. Verkleidet als maskierte ungarische Gräfin erscheint auch Rosalinde und verführt ihren eigenen Gatten. Das Weltraumprojekt wurde gewonnen und die Rakete hebt ab. Die Uhr schlägt sechs mal und alles ist zu Ende.

Alle Verkleidungen klären sich am folgenden Morgen im Gefängnis auf, als sich die beiden Häftlinge - Alfred und Eisenstein - gegenüberstehen. Der allgemeinen Aufführungstradition folgend, gehört der dritte Akt nach der Pause aber erst einmal der komischen Figur des „Frosch. Wolfgang Reinbacher, seit fast 60 Jahren am Düsseldorfer Schauspielhaus engagiert, aus Österreich stammend, gibt einen vielleicht etwas betulichen Frosch. Aber das Düsseldorfer Publikum liebt ihn aus ganzem Herzen und genießt und feiert ihn nach Kräften. Und mit seinem wiener Schmäh, er hat seinerzeit in Wien studiert, bricht er in dieser Partie alle Herzen.

Die Rakete ist längst wieder zu Boden gestürzt, genau wie alle anderen hochfliegenden Pläne und Ideen der letzten Nacht. Nur Adele schafft es, ihre Zeile zu verfolgen. Eisenstein und Rosalinde verzeihen einander ihre Fehltritte. Schuld war der Champagner. Reichlich Applaus.

Über die Besetzung lässt sich gar nicht viel mehr sagen, als dass sie großartig ist. Sowohl stimmlich als auch schauspielerisch bietet das Ensemble Höchstleistungen, wobei es bekanntlich nichts schwierigeres gibt, als Leichtigkeit darzustellen. Erwähnenswert die besondere Spielfreude von Cornel Frey in der Rolle des Gabriel von Eisenstein, aber auch die anderen Partien verdienen nur Lob: Anna Princeva als Rosalinde, Stefan Heidemann als Gefängnisdirektor Frank, Maria Boiko als Prinz Orlofsky, Jussi Myllys als Alfred, Christoph Filler als Dr. Falke, Luis Fernando Piedra als Dr. Blind, Norbert Kaulhausen und Ingmar Klusmann.

 

Ingo Hamacher,  16.2.2020

Bilder (c) Hans Jörg Michel

 

Weitere Termine:

21.02., 23.02. 29.02, 07.03., 22.03., 01.04.2020

 

Alcina

Premiere: 14.02.2020

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

Im Jahre 1735 fand im Londoner Theatre Royal Covent Garden die Uraufführung der Oper „Alcina“ von Georg Friedrich Händel statt. Da seinerzeit moralisch noch stark auf überzogen frivole Handlungen geachtet wurde, fanden viele Opern dieser Zeit in einer Zauberwelt statt, denn hier waren Dinge erlaubt, die in der realen Welt relativ sicher für eine Zensur des Werkes gesorgt hätten. So ist auch Alcina eine Zauberin, die sich auf einer relativ einsamen Insel mit ihren Liebhabern vergnügt und diese später in Tiere verwandelt. Letzteres zählt in Düsseldorf im Übrigen zu einer großen Schwäche der Inszenierung, doch dazu später mehr. Aktuell ist Ruggiero Alcinas Auserwählter, in den sich die Zauberin dieses Mal sogar wahrhaft verliebt hat. Ausgerechnet jetzt kommt seine Verlobte Bradamante in Begleitung ihres Vertrauten Melisso auf der Insel an, um Ruggiero aus den Fängen der Zauberin zu befreien. Hierzu verkleidet sie sich als ihr eigener Zwillingsbruder Ricciardo, in den sich wiederum Alcinas Schwester Morgana sofort verliebt. Dies ruft nun wiederum Oronte auf den Plan, Morganas eifersüchtiger Geliebter. Man merkt bereits, die Lage ist verzwickt.

An diesem Punkt setzt nun Lotte de Beer mit ihrer Inszenierung ein. Es stellt sich zum einen die Frage, welches Interesse hat die Liebe? Ist es eher die selbstsüchtige Verfolgung eigener Zwecke, hier in Form von Alcina, die den Mann besitzen und dominieren will oder eher die reine selbstlose Liebe von Bradamante, die diese Reise in erster Linie auf sich genommen hat, um ihren Geliebten von einem bösen Zauber zu befreien? Hieran anschließend stellt sich die Frage, warum ist Alcina so geworden wie sie nun ist? Genau diese Hauptfrage wird dem Zuschauer aber leider nur etwas bruchstückhaft beantwortet. Immer wieder begegnet dem Zuschauer in der Inszenierung eine alte Frau in ähnlicher Kleidung zu Alcina. Diese wird von Angelika Richter ausdrucksstark verkörpert, am Ende bleibt sie gar einsam und verlassen auf der Bühne zurück. Ein durchaus starkes Schlussbild und der Zuschauer kann wohl erahnen, dass wir auch in der alten Dame die Zauberin erkennen können. Zudem gibt es einige junge Mädchen, die hierzu das Gegenstück bilden und denen von einigen Männern, zum Glück nur angedeutet, unschön mitgespielt wird. Gehen wir mal davon aus, dass dies die junge Alcina darstellen soll, die daraufhin Rache an der Männerwelt nehmen wollte. Fraglich bleibt dann aber doch, warum auch Alcinas Schwester Morgana teilweise ähnlich gekleidet war.

Sei es drum. Das durchaus sinnige Regiekonzept hat einige Stärken und leider auch seine Schwächen. Eine große Stärke ist sicher die glaubhafte Veränderung Alcinas und eine im Großen und Ganzen gelungene Personenführung. Auch dass man die Liebe als den wahren Zauber offenbart und so erklärt, warum Alcinas Zauberkräfte durch die erloschene Liebe dahinschwinden macht Sinn und kann überzeugen. Weniger gut gelungen ist dagegen die bereits erwähnte nicht zufriedenstellend gelöste Hauptfrage sowie die Darstellung der verzauberten Männer, die in silbernen Gummistiefeln, Unterhose und mit einer Tüte über dem Kopf über die Bühne kriechen. Kein weiterer Kommentar hierzu.
Dagegen kann das Bühnenbild vor der Pause durchaus überzeugen. Während der Ouvertüre erscheinen nach und nach in typischer fettFilm-Manier gezeichnete Blumen auf langen Laken, die dann nach oben gezogen werden und scheinbar gar nicht enden wollen. Ein stimmiger Effekt am Anfang, bevor sich der Blick auf die Zauberinsel offenbart. Hier setzt Bühnenbildner Christof Hetzer auf eine Art Luxusbungalow mit angeschlossenem Garten. Das ist nett anzuschauen und auch das Lichtkonzept von Alex Brok sei an dieser Stelle ausdrücklich zu nennen, denn in Verbindung mit den im Hintergrund projizierten Tages- und Abendstimmungen passt hier einfach alles ganz wunderbar zusammen.

Auch die Kostüme von Jorine van Beek passen hier gut hinein, allerdings sind sie in dieser oder ähnlicher Art sicher in den verschiedensten Opern schon vorgekommen. Nach der Pause ist es mit der optischen Pracht dann allerdings vorbei, allerdings heißt es schon in einer Regieanweisung des Librettos: „Der ganze Raum verändert sich und wird zu einem abscheulichen und verlassenen Ort.“ Nun gut, abscheulich ist es nun zum Glück dann auch nicht, aber vom Bühnenbild bleiben nur noch Bruchstücke zurück und der zweite Teil des Abends konzentriert sich dann voll auf die Entflechtung aller Personenkonstellationen der Oper. Unter der musikalischen Leitung von Axel Kober spielt die Neue Düsseldorfer Hofmusik, was für einen schönen Barock-Klang sorgt.
Kommen wir damit abschließend zu der Besetzung, dem Höhepunkt des Abends, die in diesem Fall von den Damen dominiert wird. Jacquelyn Wagner bringt den Abstieg Alcinas von der selbstbewussten Zauberin in ihrer ersten Arie bis zur totalen Einsamkeit am Ende des Werkes glaubhaft und stimmgewaltig auf die Bühne, hier sitzt jeder Ton perfekt und harmoniert wunderbar mit der Musik.

Maria Kataeva gibt ihren Liebhaber Ruggiero ebenfalls mit viel Spielfreude und verleiht der Hosenrolle ein passendes Profil. Als Bradamante überzeugt die irisch-kanadische Mezzosopranistin Wallis Giunta mit wunderbaren Koloraturen. Als Morgana war an sich Elena Sancho Pereg vorgesehen, die krankheitsbedingt leider kurzfristig ersetzt werden musste. Mit der israelischen Sopranistin Shira Patchornik vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden hat man allerdings eine hervorragende Besetzung gefunden, die sich in nur einer (General-)Probe die Rolle aneignen musste. Das dies aber zu keiner Zeit auffiel spricht für die Qualität der gebotenen Leistung, alle vier Damen waren hier ganz hervorragend, was das Premierenpublikum auch mit langem Applaus bedachte. Auch die weiteren Rollen waren mit Andrés Sulbarán als Oronte, Benjamin Pop als Melisso und Maria Carla Pino Cury als Kind Oberto auf der Suche nach seinem Vater passend besetzt. Am Ende spendete das Publikum allen Darstellern und dem Regieteam lautstark Applaus.

Markus Lamers, 15.02.2020
Bilder: © Jochen Quast

 

 

I Puritani

Premiere: 18.12.2019

Das Beste kommt zum Schluss

Um gleich mit der Türe ins Haus zu fallen, die bisherige Spielzeit der Deutschen Oper am Rhein war zwar durchaus gut, aber die ganz große und vor allen Dingen bleibende Opernerinnerung fehlte bisher. Diese hat man sich offenbar für das Jahresende 2019 aufgehoben, denn mit „I Puritani“ gelang dem Theater ein in allen Bereichen sehr überzeugender Opernabend.

Nur wenige Monate vor dem Tode von Vincenzo Bellini fand Anfang 1835 die Premiere seiner letzten Oper statt, bei der sich im Jahre 1649 kurz nach dem Tod von König Charles von England die Puritaner den königstreuen Kavalieren gegenüberstehen. Statt seine Tochter Elvira mit den im Kampf verdienten Sir Riccardo Forth zu verheiraten gestattet der Gouverneur Lord Gualtiero Valton zum Wohle seiner Tochter eine Liebesheirat mit dem Royalisten Lord Arturo Talbot. Kurz vor der Hochzeit begegnet dieser aber einer Gefangenen, die sich als Enrichetta entpuppt, Gattin des ermordeten Königs. Arturo muss sich zwischen der Liebe zu Elvira und der Loyalität gegenüber dem Königshaus entscheiden. Er verhilft Enrichetta zur Flucht und wird hierfür zum Tode verurteilt. Elvira fühlt sich betrogen und verfällt dem Wahnsinn. Um sie hiervon zu heilen schickt ihr Onkel Sir Giorgio Riccardo los, den Geliebten zu suchen. Wiederwillig aber vaterlandstreu willigt Riccardo ein. Doch Arturo kommt von Sehnsucht getrieben von allein zurück und nach dem endgültigen Sieg von Oliver Cromwell über die Royalisten werden alle Gefangenen Kavaliere begnadigt, darunter auch Arturo. Dem seltenen Happy End einer Oper steht nichts mehr im Wege, zumindest im Originallibretto.

Anders sieht dies Rolando Villazón in seiner zweiten Regiearbeit an diesem Hause. Hier laufen Elvira und Arturo am Ende aufeinander zu, doch im letzten Moment drängelt sich Enrichetta dazwischen und Elvira bleibt im letzten starken Bild des Abends dann doch in ihrem Wahnsinn gefangen und scheint sich das ersehnte Happy End nur eingebildet zu haben. Hierbei gelingt Adela Zaharia über den gesamten Abend eine mehr als nur beeindruckende Leistung. Sie bringt die Zerrissenheit der Person mit starkem eindringlichem Schauspiel deutlich zur Geltung und glänzt mit strahlender Stimme und schönen Koloraturen. Besonders die große Wahnsinnsszene im 2. Akt ist ein musikalischer „Wahnsinn“ im übertragenen Sinne des Wortes. Ihr zur Seite steht der rumänische Tenor Ioan Hotea als Lord Arturo Talbot, der diese anspruchsvolle Rolle bis auf wenige Ausnahmen in den hohen Tönen absolut meistert. Zudem harmonieren beide Stimmen sehr schön und Rolando Villazón gibt den Figuren genug Raum zu glänzen. Auch die Rolle des Sir Giorgio bekommt sehr viel Gewicht, wird er doch immer wieder wie ein von der Macht getriebener Strippenzieher hinter den Kulissen dargestellt.

Mit kraftvollem Bass überzeugt hier Bogdan Talos, der wie die beiden zuvor genannten Darsteller am Ende vom Publikum mit lautstarkem Jubel und nicht enden wollenden Bravo-Rufen bedacht wird. Das Quartett der Hauptdarsteller rundet Jorge Espino mit seinem schönen Bariton ab, als Sir Riccardo Forth ist er auch darstellerisch stark vertreten. Die weiteren Solopartien sind mit Günes Gürle (Lord Gualtiero Valton), Sarah Ferede (Enrichetta di Francia) und Andrés Sulbarán (Sir Bruno Roberton) allesamt stark mit Darstellern aus dem Haus besetzt. Ganz hervorragend ist wiedermal der Chor der Deutschen Oper am Rhein, der in dieser Inszenierung stark zur Geltung kommt. Abgerundet wird der musikalische Teil durch die Duisburger Philharmoniker, die unter der musikalischen Leitung von Antonino Fogliani die ganze Pracht großer italienischer Opern erklingen lassen. Um ein Zitat von Vincenzo Bellini aus dem Programmheft zu benutzen: „Das Musikdrama muss Tränen entlocken, Leute erschrecken und durch Gesang sterben lassen.“ Zumindest der letzte Teil ist an diesem Abend erfüllt, denn musikalisch erlebte der Zuschauer hier einen echten Leckerbissen.

Wie bereits erwähnt hält sich Rolando Villazón hinsichtlich der Personenführung hin und wieder etwas zurück, um die Sänger musikalisch voll glänzen zu lassen. Dies mag dem ein oder anderen vielleicht etwas antiquiert vorkommen, stört aber nicht im Geringsten. Zudem will er keinen Geschichtsunterricht bieten und ordnet die Geschichte zwar hinsichtlich der Kostüme (Susanne Hubrich) durchaus in einen historischen Zusammenhang, ersetzt die Säbel aber durch moderne Maschinengewehre. Auch dies stört nicht und ist auch mehr oder weniger der einzige wirklich aus der Zeit gerissene Aspekt der Inszenierung. Ein echter „Hingucker“ ist das große Bühnenbild von Dieter Richter, welches im ersten Akt aus einem großen Kirchenschiff mit einem detailreichen Chorgestühl besteht. Anders gedeutet kann der Raum auch gleichzeitig Palast und Gerichtssaal sein. Für die Szene in Elviras Schlafzimmer fährt eine Wand mit einem großen Bild herunter, um den Raum zu teilen. Dabei wird das Bild durch geschickten Lichteinsatz (Volker Weinhart) durchlässig und man sieht wie Elviras Vater mit Riccardo spricht. Im zweiten Akt wird das Chorgestühl durch graue Mauern ausgetauscht, um die innere Gefangenschaft von Elvira auch bildlich darzustellen. Vor dem dritten Akt bricht ein großer Teil aus der Rückwand heraus und wir befinden uns unterstützt von Herbstlaub und Staub vor den Gemäuern des Hauses. Später ist auch ein Wald zu erkennen, der das Gelände umgibt.

 Das Premierenpublikum feierte alle Beteiligten fast 10 Minuten mit lautstarkem Beifall und als Fazit bleibt für mich festzuhalten, hier einen wundervollen Opernabend erlebt zu haben, der keine Wünsche offenließ.

Markus Lamers, 19.12.2019
Bilder: © Hans Jörg Michel

 

DIE WALKÜRE

Premiere: 31. Mai 2018     Wiederaufnahme 8. Dezember 2019

 

Um es zu Beginn klar zu machen: Von allen Produktionen "DIE WALKÜRE" ist die Düsseldorfer Inszenierung unter der Stabführung von Axel Kober eine der Besten, welche ich je besuchen durfte!

Was vorerst ins Auge sticht, ist die Behausung Hundings im ersten Akt: Ein Bunker, ein Schutzraum! Aber dieser Raum bietet keinen Schutz, keine Sicherheit. Dieter Richters Bühnenbild siedelt den "Mikrokosmos Familie", hier Hunding und Sieglinde, in einem apokalyptischen Ort im Sinne von Tarkowskis "STALKER" an. So drückt es Bernhard F. Loges in seiner ausgezeichneten dramaturgischen Analyse der Düsseldorfer Inszenierung aus.

Dieser trügerische Zufluchtsort verwandelt sich im zweiten Akt in die Machtzentrale Wotans, in der sich die Familie Wotans versammelt hat und schlussendlich feststellen muss, dass alle Machenschaften des Chefs den Untergang der Götter, den Sieg der Nibelungen, kurz die Apokalypse Wallhalls nicht aufhalten kann.

Der niedrige Schutzraum ist im dritten Akt zu einer riesigen Halle angewachsen. Durch das Dach ist ein Hubschrauber abgestürzt, aus dem die gekiesten Untoten Helden von den Wunschmädchen in die Halle geführt werden. Ein Einblick in die Gräuel jeglichen Krieges.

Axel Kober am Pult hat eine subtil neue musikalische Deutung der Walküre interpretiert. In anderen Produktionen wird Siegmund musikalisch fast ohne Ausnahme als Held, als siegreicher Krieger dargestellt, die Ausnahme davon ist immer sein erster Auftritt: "Wes Herd dies auch sei". Bloss von seiner Erschöpfung erholt er sich in allen Inszenierungen ausser hier in Düsseldorf sehr schnell.

Axel Kobers musikalische Interpretation Siegmunds stellt ihn als erst mal erschöpften, vor seinen Feinden fliehenden Menschen vor. Unsicher, nicht wissend wie es weitergehen soll, wird er erst von Sieglinde, dann von Hausherrn befragt. Sieglinde ist mitfühlend und am Manne Siegmund sichtlich interessiert. Hunding dagegen ist dominant, feindlich und eifersüchtig.

All dies ist in der Musik Richard Wagners vorhanden. Und diese Gefühle, werden angeleitet vom Dirigenten, musikalisch durch die Düsseldorfer Symphoniker und die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne ausgedrückt. So wird in herkömmlichen Walküre-Inszenierungen zum Beispiel "Winterstürme wichen dem Wonnenmond" sehr heldenhaft gesungen.

Bei Kober dagegen trägt Siegmund mit seinem Singen Sorge zum eben erwachten Frühling, zu der langsam keimenden Liebe zu Sieglinde. Er singt leise mit fühlbarer Empathie, um die Liebe und das Frühjahr nicht zu erschrecken, zu verjagen.

Die Unsicherheit Siegmunds wird stark spürbar in "Ein Schwert verhiess mir der Vater", auch in der Düsseldorfer Interpretation als Heldentenor gesungen, aber mit spürbarer psychischer Belastung interpretiert.

Heldenhaft wird Siegmund erst in "Nenne mich wie Du willst, den Namen nehm ich von Dir". Hier wirkt er auch wieder sicher, eben als SIEGMUND, Sieger im Kampf und in der Liebe.

"EIN WOLF WAR ER FEIGEN FÜCHSEN! DOCH DEM SO STOLZ STRAHLTE DAS AUGE, WIE, HERRLICHE, HEHR DIR ES STRAHLT, DER WAR: WÄLSE GENANNT." (R. Wagner)

Die Personenführung von Dietrich Hilsdorf ist makellos. Er legt grossen Wert auf stimmige Mimik, Gestik und Körpersprache, auf schauspielerisches Können. Der Anschein, dass er stark dem Rampensingen huldigt täuscht. Die Gründe dafür sind in der Akustik zu suchen. Ein vollbesetztes Wagnerorchester ist laut. Die Musik des Rings wurde nicht für einen offenen Orchestergraben, sondern für die spezielle Akustik mit gedecktem Graben im Festspielhaus Bayreuth geschrieben.

Hilsdorf hilft mit seiner Inszenierung, welche die Spiel-Handlung im vorderen Drittel der Bühne von Dieter Richter konzentriert, dem musikalischen Ausdruck. Er ermöglicht so Axel Kober, seine musikalische Interpretation auszuleben, zu dirigieren, die Dynamik der Komposition voll auszunützen. Diese Regie gibt den Sängerinnen und Sängern die Möglichkeit ohne exzessive Lautstärke sauber intoniert und mit klarer Diktion zu singen.

Den hervorragenden Siegmund spielt und singt bei dieser Wiederaufnahme Daniel Frank. Seine Interpretation des unsicheren Helden, auch mit sich selber kämpfenden Menschen, überzeugt auf der ganzen Linie. Seine Intonation ist fehlerlos. Seine Diktion auch in den leisen Passagen absolut verständlich, seine Körpersprache, seine Mimik und Gestik unterstreichen die Emotionen, welche Siegmund bewegen.

Sami Luttinen als Hunding gibt den kriegerischen Macho und ist in seiner überzeugenden Sicherheit, seinem herrischen Auftreten, ein ausgezeichneter Gegenspieler von Siegmund. Auch seine Intonation, Mimik und Gestik lässt keine Wünsche offen.

Die ausgezeichnete schwedische Sopranistin Elisabet Strid singt/ist Sieglinde. Es ist klar zu hören, dass sie viele Wagnerrollen im Repertoire hat. Ihre Interpretation von Sieglinde in Düsseldorf ist geprägt von schauspielerischem Können, wunderbar klarem Gesang ohne jegliches falsches Vibrato, die anspruchsvolle Rolle mit Leichtigkeit singend, überzeugt sie in jedem Moment auf der Bühne.

Dasselbe gilt für Simon Neal als Wotan. Dabei ist mit aufgefallen, dass auch Wotan in Hilsdorfs Regie weniger göttlich, dafür oft unsicher wirkt. Unsicher als Interpretation, nicht in seine Rolle, seinem Gesang. Auch dieser ist geprägt von sauberer Intonation und klarer Diktion.

Brünnhilde, makellos gespielt und gesungen von Alexandra Petersamer, beherrschte die Bühne bei jedem ihrer Auftritte ohne ihre Mitspielerinnen und Mitspieler an die Wand zu singen. Sie liess in ihrer Interpretation sehr viel Raum, so dass sich das ganze Team frei entwickeln konnte.

Katarzyna Kuncio als Fricka überzeugte nicht hundertprozentig. Man hatte den Eindruck einer leichten Indisposition. Ihre Stimmkraft liess zu wünschen übrig, ebenso ihr Diktion. Schade, ist sie doch als Persönlichkeit eine wunderbare Gegenspielerin von Wotan.

Als Walküren auf der Bühne in Düsseldorf: Anke Krabbe, Jessica Stavros, Katja Levin, Romana Noack, Lisa Wedekind, Maria Hilmes, Katharina von Bülow und Uta Christina Georg.

Ihr Walküren Ritt zu Beginn des dritten Aktes ist sehr interessant. Normalerweise ist dies ein heldisch/musikalisches Paradestück. Unter Kobers Stabführung war eine ganz leichte Unsicherheit, eine gewollte Unsicherheit zu spüren, fehlt doch Brünnhilde, die Anführerin. Wo ist Brünnhilde? Fragen sich alle und zuletzt auch Wotan: Wo ist Brünnhilde, wo ist die Verbrecherin?

Zuletzt Wotan >Leb wohl, du kühnes, herrliches Kind! Du meines Herzens heiligster Stolz!< Ein musikalischer Anschluss, der seinesgleichen sucht und dies speziell in Kobers musikalischer Interpretation!

Das Düsseldorfer Publikum belohnte die Leistung des gesamten Teams mit einem tobenden langanhaltenden Applaus. Und dieser ist hochverdient.

 

Peter Heuberger, 13.12.2019

Bilder siehe Premierenbesprechung

 

 

Samson et Dalila

Premiere: 18.10.2019, besuchte Vorstellung: 01.11.2019

 

Eine lange Entstehungsgeschichte kann Samson et Dalila von Camille Saint-Saens aufweisen. Von der ersten Idee 1867 aus dem historischen Stoff ein Oratorium zu machen bis zur Uraufführung am 02. Dezember 1877 vergingen rund 10 Jahre, nicht zuletzt auch weil das Stück seinerzeit in Frankreich als nicht aufführbar galt. So war es Franz Liszt der sich auch immer wieder für den deutsch-französischen Kulturaustausch stark machte, der seinem Freund Saint-Saens 1975 eine Premiere am Weimarer Hoftheater in Aussicht stellte. Uraufgeführt wurde die Oper dort dann zwei Jahre später in deutscher Sprache, die erste französisch-sprachige Aufführung fand 1878 in Brüssel statt, allerdings nur konzertant.

Erst dreizehn Jahre nach dem Erfolg in Weimar war Samson et Dalila im Jahr 1890 zum ersten Mal auf französischem Boden zu erleben. Die Handlung bezieht sich auf das Buch der Richter (Kapitel 13 – 16) aus dem Alten Testament. Die Hebräer befinden sich in der Gefangenschaft der Philister. Unter der Führerschaft des von Gott gesegneten unbesiegbaren Samson beginnt die Revolte, die schließlich auch zum Sieg führt. Doch kaum haben die Machtverhältnisse gewechselt, zeigen sich nun die Hebräer nicht gerade von ihrer besten Seite. Unter die ausufernd feiernde Menge mischt sich Dalila, eine Dame, die Samson seinerzeit trotz großer Liebe verließ, um seiner Bestimmung nachzukommen. Geschickt umgarnt sie ihn und lockt Samson in eine Falle, um hinter das Geheimnis seiner Unbesiegbarkeit zu kommen. Einen Koffer voller Geld der Philister weist sie anfangs zurück, ihr geht es um die persönliche Rache an Samson. Dies gelingt und Samson findet sich geschoren und geblendet in Gefangenschaft wieder. Während sein Volk Samsons Schwäche beklagt feiern die Philister ihren Sieg. Hierbei verhöhnen sie den Gefangenen, der aber nochmal Jehova um Beistand bittet und seine einstige Kraft für einen letzten vernichtenden Schlag beschwört.

 

In der Inszenierung von Joan Anton Rechi befinden wir uns nicht in einer historischen Zeit, sondern in einer zeitlosen Gegenwart. Hierdurch soll gezeigt werden, „dass die Konflikte, die in der Oper geschildert werden, überall und zu jeder Zeit auf der Welt stattgefunden haben und stattfinden.“, so der Regisseur im sehr empfehlenswerten Programmheft zu dieser Produktion. Die Philister werden als moderne Heuschrecken-Kapitalisten dargestellt, die von ihrem Gott, dem Geld regiert werden. Die Hebräer sind dagegen Bergarbeiter, die in den Goldminen der Philister für einen Hungerlohn arbeiten müssen. Gleich zu Beginn der Oper, fährt der Chor eindrucksvoll aus dem Bergwerk hoch ans Tageslicht. Hierbei zeigt sich auch gleich, dass die Oper ursprünglich als Oratorium geplant war, denn der wunderschöne Choral der hierbei erklingt, ist für eine Oper doch eher ungewöhnlich. Allgemein ist der Chor besonders im ersten und dritten Akt stark vertreten und so etwas wie die vierte Hauptperson des Abends. Der zweite Akt gestaltet sich dagegen fast wie eine kleine Kammeroper und konzentriert sich auf das Geschehen zwischen Samson, Dalila und dem Oberpriester des Dagon. Absolut sehens- wie auch hörenswert wird die Oper in Düsseldorf durch die gewählte Besetzung. Ramona Zaharia sing Dalila, bereits seit 2014/15 Ensemblemitglied der Deutschen Oper am Rhein, die nicht zuletzt durch die Rolle der Carmen noch größere internationale Aufmerksamkeit erlangte.

Im Herbst 2020 wird sie mit dieser Rolle auch an die New Yorker MET zurückkehren wo sie in der Spielzeit 2018/19 ihr Debüt als Maddalena in Verdis Rigoletto gab. Doch auch als Dalila überzeugt sie mit einem schönen Mezzosopran und einem beeindruckenden Stimmvolumen bis in die höchsten Höhen und tiefsten Tiefen. Nicht nur die bekannte Arie „Mon coeur s’ouvre a ta voix“ ist hierbei ein Highlight des Abends, nein sie zieht den Zuschauer insbesondere im zweiten Akt komplett in den Bann. Großartig auch der schwedische Tenor Michael Weinius, der stimmlich und darstellerisch bravourös mit der „Femme Fatale“ mithält und gegen Ende des dritten Aktes nochmal zur Höchstform aufläuft. Als Oberpriester des Dagon weiß auch Simon Neal zu gefallen, der fast schon diabolisch die Stippen zieht.
Zwischen dem zweiten und dritten Akt, zeigt uns Joan Anton Rechi wie Samson seiner Haarpracht entledigt wird und ihm durch den Oberpriester die Augen ausgestochen werden, für das Verständnis der Handlung keine schlechte Idee, finden bei Samson et Dalila doch die wirklich wichtigen Entwicklungen laut Libretto oft vor oder zwischen den Akten statt.

Die Düsseldorfer Symphoniker runden den musikalischen Part unter der musikalischen Leitung von Marie Jacquot perfekt ab. Die Kostüme von Mercè Paloma sind schlicht und passend, was man auch über die Bühne von Gabriel Insignares sagen kann. Er verzichtet auf unnötigen Ballast ohne dass der Zuschauer das Gefühl hat, hier würde etwas fehlen. Wenig kann eben auch mal mehr sein. Alles in allem liefert Samson et Dalila rund 2 ½ Stunden musikalischen Hochgenuss. Die Inszenierung überträgt die Handlung geschickt in die Gegenwart. Hiervon wird man in einigen Jahren vielleicht vieles wieder vergessen haben, aber für den Moment ist es doch eine sehr solide Arbeit des Kreativteams. Prädikat: Besuchsempfehlung.


Markus Lamers, 03.11.2019
Bilder: © Jochen Quast

 

 

Pique Dame

Premiere: 25.05.2019

Pique Dame in Hollywood

Beginnen möchte ich heute mit einem Zitat von Lydia Andrea Hartl aus dem Programmheft: „Wie tragisch fängt alles im Sommergarten an, was so tragisch im Winter enden muss: drei Tote und kein Gewinner. Dazwischen liegt viel verspielte Zeit, verspieltes Glück“. So treffend wie dies die Handlung der Oper auch zusammenfassen mag, für die gestrige Premiere in Düsseldorf kann man dieses Zitat nicht übertragen, denn auch wenn die Oper mit rund 3 ½ Stunden recht lang ausgefallen ist, verschenkte Zeit war dies sicher nicht. Und auch einen Gewinner gab es am gestrigen Abend, den Zuschauer. Dieser erlebte nämlich eine gelungene Operninszenierung auf musikalisch sehr hohem Niveau.

Die Handlung wurde hierbei durch die gefragte Regisseurin Lydia Steier bei ihrer ersten Arbeit für die Deutsche Oper am Rhein vom St. Petersburg zum Ende des 18. Jahrhunderts ins Hollywood der 1950iger Jahre verlegt. Ansatz hierbei sind einige mehr oder minder schnell erkennbaren Parallelen dieser beiden Gesellschaften, die im erwähnten Programmheft auch ausführlicher erläutert werden. Insbesondere die Vergleiche mit dem Film „Sunset Boulevard“ scheinen hier durchaus logisch gewählt zu sein, nicht nur im Hinblick auf die Rollen der Gräfin in Tschaikowskys Oper und Norma Desmond im Film. So beginnt auch die Oper folgerichtig am Pool, wenngleich auch eher feiernd statt tödlich. Lediglich Herrmann ist bereits hier unglücklich und scheint erste Vorahnungen seines späteren Schicksals zu haben. Fehlen darf es auch nicht an einem Hauch homoerotischer Liebe zwischen einem Statisten in recht enger Badebekleidung und dem reichen und durchaus deutlich älteren Tschekalinski (überzeugend durch Johannes Preißinger verkörpert), sicherlich auch eine Anspielung auf Tschaikowskys durchaus schwieriges Leben diesbezüglich. Wenn dann beispielsweise eine Gruppe als Cowboys verkleideter Kinder spielerisch gelobt, das Vaterland zu verteidigen und hierbei von der großen Zarin singt, stößt so eine Ortsverlagerung natürlich auch schnell an ihre Grenzen. Dennoch ist dieser Orts- und Zeitwechsel hier als durchaus gelungen zu bewerten, zeigt er ja auch, dass die Geschichte recht universell daherkommt und in Pique Dame mehr als nur eine alte russische Geschichte steckt.

 


Die Kostüme von Ursula Kudrna sind bei der Poolparty deutlich den 50iger Jahren entsprungen, im Verlauf des weiteren Abends aber auch recht zeitlos gestaltet. Beim großen Maskenball in der dritten Szene gibt es hier zudem viel zu entdecken. Der durchaus aufwendige Bühnenraum stammt von

Bärbl Hohmann. Recht geschickt werden hierbei vor der Pause ein paar Vorhänge eingesetzt, so dass man aus der großen Poolparty schnell in Lisas Zimmerwechseln kann und wieder zurück zum großen Maskenball. Auch das Schlafgemach der Gräfin entsteht so im vierten Bild schnell an einem Platz, an dem kurz zuvor noch gefeiert wurde. Nach der Pause bestimmt eine große Brücke das Bild, die gleichzeitig als Übergang ins Jenseits nach dem Tode gedeutet werden kann. So erscheint nicht nur der Geist der toten Gräfin auf diese Art, um Hermann im Traum die drei gewinnbringenden Karten zu verraten, auch Lisa stürzt sich von dieser Brücke in den Tod.

 

 Ganz besonders punkten kann die Premiere aber auf der musikalischen Seite. Die Düsseldorfer Symphoniker spielen unter der Leitung des in Taschkent (Usbekistan) geborenen jungen Aziz Shokhakimov absolut präzise und überzeugend. Die emotionale Musik hilft auch dabei, Hermanns Weg in den Wahnsinn geschickt zu untermalen. In dieser Rolle überzeugt der russische Tenor Sergey Polyakov auf ganzer Linie, man leidet als Zuschauer förmlich mit, wie Hermann immer weiter den Verstand verliert. Als weiblicher Gegenpart agiert Elisabet Strid als Lisa mit einem Sopran, der seinesgleichen sucht. Die Idee der Regisseurin, dass beide am Ende im Tode doch noch zueinander zu finden, beschert den beiden Akteuren zudem ein schönes Schlussbild und einen wohlverdienten Extraapplaus. So viele Bravo-Rufe des Publikums wie für diese beiden Darsteller erlebt man auch bei Premieren in Düsseldorf nicht all zu oft. Weitere Pluspunkte sammelt die Produktion, da viele Darsteller eingesetzt werden, die russisch bereits durch ihre Muttersprache beherrschen.

Sei es Alexander Krasnov als Graf Tomski, Dmitry Lavrov als Fürst Jeletzki, Maria Kataeva als Polina oder Daria Muromskaia als Mascha, die Produktion ist bis in die letzte Rolle hervorragend besetzt. Für die Partie der Gräfin konnte Hanna Schwarz verpflichtet werden, ein weiterer wenn auch zu erwartender Glücksgriff. Durch ihre enorme Bühnenpräsenz beherrscht sie als Grand Dame teilweise nur durch Ihren Auftritt das gesamte Geschehen auf der Bühne und man nimmt ihr die große Diva in jeder Sekunde ab. Eindrucksvoll auch ihr sanfter Tod vor der Pause, ebenso ihr Auftritt als Geist nach der Pause. An ihren enormen gesanglichen Qualitäten sollten ohnehin keinerlei Zweifel bestehen, das ist ganz große Opernkunst. Nicht vergessen werden darf an dieser Stelle einmal mehr der Opernchor unter der Leitung von Gerhard Michalski, der an diesem Abend auch wieder stark besetzt ist.

So gab es am Ende für das Kreativteam und alle beteiligten Darsteller großen Applaus. Als dann beim Verlassen des Opernhauses gegen 23 Uhr die ersten großen Feuerwerkskörper anlässlich des Japan-Tages in Düsseldorf den Himmel erhellten, hätte dies nach einem solchen Opernabend gar nicht passender sein können, schien es doch fast so, als gelten auch diese speziell für Pique Dame.

 

Markus Lamers, 26.05.2019
Bilder © Hans-Jörg Michel

 

 

 

Spielzeit 2019/20

In dieser Woche lud die Deutsche Oper am Rhein zur Präsentation der neuen Spielzeit ins Düsseldorfer Opernhaus ein. Und wieder einmal verspricht das Programm an der Rheinoper recht interessant zu werden mit zehn Opernpremieren, darunter sechs Neuproduktionen sowie 19 weiteren Werken aus dem umfangreichen Repertoire des Hauses. Auch der komplette Ring-Zyklus steht wieder auf dem Spielplan, sowohl in Düsseldorf wie auch in Duisburg, hier dann hoffentlich auch erstmals szenisch inszeniert.
Beginnen wir mit dem Opernhaus Düsseldorf, hier beginnt die Spielzeit am 20. September 2019 mit der Familienoper Geisterritter von James Reynolds, ein sehr sehenswertes Werk aus der Kooperation „Junge Opern Rhein-Ruhr“ zu der man sich mit den Opernhäusern Dortmund und Bonn zusammengeschlossen hat und hiermit Großartiges leistet. Die gelungene Inszenierung stammt von Eric Petersen, diese Produktion sollte man nicht verpassen. Die erste große Neuproduktion steht am 18. Oktober 2019 auf dem Spielplan. Mit Samson et Dalila kommt Camille Saint-Saens‘ französische Oper über den Freiheitskampf der in Sklaverei gefallenen Hebräer und ihren verführbaren Helden Samson auf die Bühne, übrigens zum ersten Mal seit der Gründung der Oper am Rhein im Jahr 1956. Die Regie übernimmt Joan Anton Rechi, der an diesem Hause bereits die sehenswerte Madame Butterfly inszeniert hat. Wer diese Aufführung noch nicht gesehen hat, die Wiederaufnahme erfolgt hier am 15. Januar 2020 in Düsseldorf:
Aber zurück zu den Neuinszenierungen, kurz vor Weihnachten wird Rolando Villazón nach Don Pasquale zum zweiten Mal die Regie in Düsseldorf übernehmen. Gezeigt wird ab dem 18. Dezember 2019 I puritani von Vincenzo Bellini. Nach der Übernahmepremiere von Die Fledermaus am 25. Januar 2020 steht mit Alcina von Georg Friedrich Händel die nächste „echte“ Premiere auf dem Spielplan. Für den zeittypischen Orchesterklang sorgt hier die Neue Düsseldorfer Hofmusik unter der musikalischen Leitung von Generalmusikdirektor Axel Kober, die Inszenierung übernimmt die niederländische Regisseurin Lotte de Beer. Die Premiere ist am 14. Februar 2020. Als vierte Neuproduktion im Opernhaus Düsseldorf feiert Macbeth von Giuseppe Verdi am 29. Mai 2020 Premiere. In der Koproduktion mit der Opera Vlaanderen übernimmt der gefragte Regisseur Michael Thalheimer die Inszenierung.
Als große Neuproduktion in Duisburg inszeniert Philipp Westerbarkei am 08. November 2019 Giacomo Puccinis La Bohème im Opernhaus. Die musikalische Leitung liegt hier bei Antonino Fogliani in den passenden Händen. Zuvor findet im Ruhrgebiet zum Spielzeitauftakt am 28. September 2019 die Übernahmepremiere von Pique Dame statt, jener Inszenierung von Lydia Steier die in wenigen Tagen ihre Premiere in Düsseldorf feiern wird. Als weitere Übernahme folgt am 01. Februar 2020 Roméo et Juliette von Charles Gounod. Auch die Plattform Regie „Young Directors“ präsentiert einen neuen Doppelabend bestehend aus Der Triumph der Zeit und der Desillusion von Georg Friedrich Händel und Der Kaiser von Atlantis von Viktor Ullmann, die Premiere wird am 19. April 2020 im Theater Duisburg stattfinden. Die Inszenierungen übernehmen die jungen Spielleiterinnen Esther Mertel und Ilaria Lanzino, ein lobenswertes Projekt praktischer Nachwuchsförderung.
Aus den erwähnten 19 Wiederaufnahmen sei vielleicht für Düsseldorf besonders auf die längere Zeit nicht mehr gespielten Werke La Fille du Régiment von Gaetano Donozetti oder Salome von Richard Strauss hingewiesen. Auch die wunderbare Familienoper Ronja Räubertochter von Jörn Arnecke wird in Duisburg zur Wiederaufnahme gelangen.

Das Ballett am Rhein geht in der Spielzeit 2019/20 in die letzte Saison unter der künstlerischen Leitung von Martin Schläpfer. Neben den neuen Programmen b.41 bis b.44 heißt es dann im Juni unter dem Titel b.ye Abschied nehmen, unter anderem mit einer großen Ballett-Gala am 24. Juni 2020 im Opernhaus Düsseldorf. Im Verlauf der Spielzeit gibt es zudem ein Wiedersehen mit dem Schwanensee und Schläpfers Auseinandersetzung mit Gustav Mahlers 7. Sinfonie. Ausführliche Informationen zu allen Werken hat die Oper am Rhein auf ihrer Homepage bereitgestellt, der Kartenverkauf hat ebenfalls begonnen.

 

Markus Lamers, 10.05.2018

Foto: © Andreas Endermann

 

 

 

Zum Zweiten

Roméo et Juliette

Premiere: 30.03.2019

Die Liebe ist ein seltsames Spiel

„Der erste Akt endet brillant; der zweite zart und träumerisch; der dritte lebhaft, groß und breit, mit den Duellen und dem Bannspruch über Roméo; der vierte dramatisch; der fünfte tragisch. Das ist eine schöne Steigerung.“ Mit diesen Worten soll Charles Gounod gemäß Programmheft seinerzeit seine Oper „Roméo et Juliette“ umschrieben haben. Und obwohl der Komponist den Shakespeare-Stoff etwas abwandelte und z. B. die Thematisierung der verfeindeten Familien deutlich entschärfte und sich mehr auf die Beweggründe der beiden Protagonisten konzentrierte, soll der Inhalt der Oper hier auf Grund seiner allgemeinen Bekanntheit einfach übersprungen werden. Widmen wir uns daher gleich der von Gounod eingangs erwähnten musikalischen Seite. Diese kann sich in Düsseldorf nämlich wahrlich sehen oder besser gesagt hören lassen.

In den beiden Hauptrollen zeigen Ovidiu Purcel und Luiza Fatyol ihr ganzes Können. Beide Darsteller sind 2011 dem Opernstudio der Deutschen Oper am Rhein beigetreten und seitdem fest am Haus engagiert. Was sie aber in dieser Produktion leisten müssen, ist schier unglaublich. Neben den vier großen Duetten hat jeder Darsteller auch noch diverse andere sehr anspruchsvolle Stücke zu tragen. Beide meistern dies absolut bravourös. In den Duetten, harmonieren Purcel und Fatyol nicht nur sehr gut, ihre Stimmen scheinen fast miteinander zu verschmelzen. Ovidiu Purchel überzeugt über drei Stunden mit einem traumhaft schönen Tenor, während Luiza Fatyol selbst die schwierigsten Arien mit sauberen Koloraturen und einem strahlenden Sopran zu Gehör bringt. Bravo, bravo, bravo. Freunde großer Chorstücke werden an diesem Abend ebenfalls auf ihre Kosten kommen, hat Gounod doch ganz im Stil der großen französischen Oper auch den Chor mit einigen großen Chorwerken ausgestattet. Die Choristen unter Gerhard Michalski agieren hier durchaus als dritter „Hauptdarsteller“. Vierter „Hauptdarsteller“ sind die Düsseldorfer Symphoniker unter der musikalischen Leitung des „Guest Conductor in Residence“ David Crescenzi, die diese Oper mit ihrer Vielzahl an melodiösen Werken klangvoll erstrahlen lässt. Die weiteren Rollen, allen voran hier Bogdan Baciu als Mercutio, Ibrahim Yesilay als Tybald und Michael Kraus als Graf Capulet haben es daher wahrlich schwer. Gesanglich bieten alle Darsteller sehr gute Leistungen, dennoch will der Funke hier nicht immer zünden. Dies liegt zum einen wohl an der Rollengestaltung per se und zum anderen an der nicht gut funktionierenden Personenführung durch Regisseur Philipp Westerbarkei.

Allgemein wirft die Inszenierung mehr Fragen auf, als sie beantworten kann. Im Grunde wäre dies auch gar nicht schlimm, wenn man sich als Zuschauer entsprechend selbst eine Antwort geben könnte. Doch leider wird man hier auch etwas allein gelassen, da die Fragen nicht wirklich präzise gestellt sind. Immer wieder ertappt man sich dabei, irgendeinen Sinn in dem eben gesehen zu suchen. Dies beginnt schon damit, dass in der Einführung zum Werk beim zentralen Bühnenbild, welches wie die Kostüme von Tatjana Ivschina stammt, von einem italienischen Marktplatz die Rede ist, bei dem rundherum die engen kleinen Gassen angedeutet werden. Auf der Bühne befindet sich dann ein schwarzes Felsmassiv mit einer angestrahlten Marienfigur, die zwar im weiteren Verlauf dauerpräsent, aber irgendwie auch völlig egal ist. Später verschiebt sich dieser Berg mal etwas weiter nach hinten, mal etwas weiter nach vorne und es kommen ein paar von der Decke herabschwebende Lichter hinzu. Dazu gibt es große Berge von Stühlen, die mal rumliegen, mal zu Türmen aufgebaut erscheinen. Nach Italien sieht dies alles aber nun wahrlich nicht aus. Da hilft es auch nicht, dass Bruder Laurent im ersten Akt die ganze Zeit Spagetti isst. Das sich im vierten Akt nach der Pause in einem linken Bühnenaufgang auf dem glänzenden Schwarz der Bühnengestaltung ein Monitor mit dem Dirigenten für die Darsteller spiegelt, ist für den Zuschauer recht ablenkend und wahrscheinlich in der Form auch nicht gewollt. Hier könnte man in den folgenden Aufführungen entsprechend nachbessern. Auch mit dem Libretto geht der Regisseur in seiner Deutung etwas freier um. Nicht nur dass Tybalt nach seinem Tod noch mit blutigem Hemd als Geist über die Bühne spukt, wahrscheinlich in den Köpfen der Protagonisten, nein, Julia überlebt in dieser Inszenierung den sie liebenden Romeo und wird von ihrem Vater schlussendlich doch noch nach seinem ursprünglichen Willen mit Paris verheiratet. Dass dieser hieran nach der erhaltenen Abfuhr überhaupt noch Interesse hat? Nun gut, sei es drum. Auch das ergänzte junge Liebespaar, welches vor der Pause zwischen den Akten zu einem angedeuteten rasenden Herzschlag (ich bin hier nicht mal sicher, ob dieser nun eingespielt oder vom Schlagwerk aus dem Orchestergraben erzeugt wurde) über die Bühne rennt, dient vielleicht der Überbrückung der Umbauarbeiten, bringt aber ansonsten auch keinen Mehrwert in die Produktion. Im Gegenteil, was ist aus den beiden eigentlich nach der Pause geworden, haben sie in der Kantine den vierten und fünften Akt verschlafen? Oder habe ich gar irgendwas verpasst? Fragen über Fragen, auf die ich derzeit keine Antwort finde.

Alles in allem hinterlässt die Premiere von „Roméo et Juliette“ in Düsseldorf ein etwas zwiespältiges Gefühl. Während man für den gesanglichen und musikalischen Teil gerne 5 von 5 Sternen vergeben möchte, wirft einem die Inszenierung zu viele ungelöste Fragezeichen an den Kopf und versinkt daher dann doch im Mittelmaß. Vielleicht waren die persönlichen Erwartungen nach Westerbarkeis tollem Debut mit Leonard Bernsteins „Trouble in Tahiti“ oder der ebenfalls sehr gelungenen Familienoper „Wo die wilden Kerle wohnen“ auch etwas zu groß. Wie dem auch sei, wenn das Ende wie bereits erwähnt in einer sehr eigenwilligen Auslegung daher kommt, überzeugt hier dann zumindest das optische Schlussbild mit dem leuchtenden Schriftzug „Love is a loosing game“ wieder, welcher unter der nach oben hochfahrenden schwarzen Rückwand des Bühnenraumes hervorkommt. So verlässt man dann irgendwie auch hinsichtlich der Inszenierung noch etwas versöhnt den Theatersaal mit dem Gedanken, dass dem jungen, talentierten Regisseur in Zukunft sicherlich auch wieder leichter verständliche Deutungen gelingen mögen.  

Markus Lamers, 01.04.2019
Bilder: © Hans-Jörg Michel

 

 

Roméo et Juliette

Premiere: 30.3.2019

 

TRAILER

Julia überlebt und muß heiraten

Bei der Rheinopern-Produktion von Gounods „Roméo et Juliette“ ist zunächst lobend auf das Protagonistenpaar einzugehen. Sowohl Luiza Fatyol als auch Ovidiu Purcel durchliefen zunächst das Opernstudio des Hauses und zählen jetzt zu den führenden Kräften des Ensembles. Luiza Fatyol ist eine hochversierte Kolorateuse (in dieser Spielzeit gibt sie u.a. noch Violetta), Ovidiu Purcel ein äußerst vielseitiger Tenor. Die vokale Gelenkigkeit der Sopranistin, ihre fulminanten Höhen beeindrucken ungemein. Ihr Timbre besitzt freilich eine leichte Schärfe, was mutmaßen läßt, daß sie irgendwann einmal Verdis Abigaille und vergleichbare Partien angehen könnte. Der Tenor hingegen überwältigt mit einer bis in extreme Spitzentöne hinein weich gerundeten, mühelosen Stimme, deren Strahlkraft einen mitunter förmlich umhaut. Piano-Finessen kommen dabei aber nicht zu kurz. An den individuellen Farbklang seines Organs muß man sich freilich etwas gewöhnen. Für beide Künstler gilt ohnehin, daß sie den im Prinzip lyrischen Charakter der dargestellten Personen nicht ideal treffen. Luiza Fatyols Julia wirkt weniger mädchenhaft jung als gesetzt mondän, was ihr Glitzerkleid unterstreicht; auch Ovidiu Purcels Romeo fehlt es ein wenig an adoleszenter Ausstrahlung.

Möglich, daß diese Wirkung von der Inszenierung gewollt ist. Philipp Westerbarkei, seit 2013 Spielleiter am Haus, hat eine spezielle Auffassung zum Romeo-Stoff im Allgemeinen, zur Opernversion Gounods im Besonderen. Auf acht Seiten werden seine Gedanken bei Gelegenheit eines im Programmheft abgedruckten Gespräches (an welchem auch seine Ausstatterin Tatjana Ivschina teilnahm) ausgebreitet. Man erfährt manch Kluges, mitunter aber auch nur tiefgründiges Gemeintes, auf lange Sicht sogar ziemlich Verkopftes. Diese Feststellung soll freilich nicht die gute Absicht des Regisseurs verkennen, das fast schon mit einem emotionalem Heiligenschein umgebene Liebesdrama neu zu beleuchten. Das Finale deutet Westerbarkei beispielsweise als „Rückblende eines Sterbenden, der das ganze Leben noch einmal vor seinem inneren Auge ablaufen sieht“.

Diese Schlußszene schaut in Düsseldorf wie folgt aus. Capulet (Michael Kraus mit immer noch eindrucksvollen baritonalen Kraftreserven) findet seine Tochter mitnichten leblos vor, als er sie zur Hochzeit mit Graf Paris abholen will. Auch im Grabgewölbe ist Julia noch auf den Beinen, ihr zurückkehrender Geliebter weint sich lediglich an ihrem Hochzeitskleid aus, an welchem beide dann herumzerren. Während Romeo dann sein Leben aushaucht, wird Julia (kein Suizid per Gift oder Dolch) vom Vater dem vorgesehenen Gatten tatsächlich noch zugeführt und damit einem Adelsritual Genüge getan.

Was bringt diese eigenwillige Stoffvariante? Letztlich ebensowenig wie der sich manchmal hektisch bewegende, dann wieder steif und rampenfrontal herumstehende Chor, der händeschwenkend offenbar die Indolenz einer feierwütigen Gesellschaft markieren soll. Die Szene des einen Apfel zerpflückenden Romeo-Freundes Stéphano (hinreißend: Maria Boiko) steht isoliert, ohne Erzählzusammenhang im Raum. Ein alternatives, stummes Julia/Romeo-Paar soll offenbar den Teenager-Zustand der Liebenden sichtbar machen, bei welchem sich auch schon mal pubertäre Rangeleien abspielen. Tybalt, für den sein Feind Mercutio übrigens verborgene homoerotische Gefühle zu hegen scheint, wird „aufgewertet“, indem er, der im Zweikampf Erstochene, mit blutigem Hemd und zigarettenrauchend (!) Romeo und Julia in der Liebesnacht geisterhaft drohend erscheint. Ibraim Yesilay füllt seine Rolle angemessen aus.

Zentraler Bühnenaufbau ist ein Felsenmassiv, auf welchem das Liebespaar bei der Segnung durch Bruder Laurent (baßmächtig: Bogdan Talos) herumturnt. Ab und zu erlebt man auch einen Tosca-Sprung vom Gipfel herab. Ständig im Blickfeld ist eine Marienstatue, die aber letztlich nur dekorativ herumsteht. Oder wird mit dieser nüchternen Feststellung etwa ein symbolisch bedeutsamer Fingerzeig verkannt? Aber gut: in Italien wird Mariae Himmelfahrt stets ausgiebig gefeiert. Warum also keine Madonna? Auch Glühlämpchen kommen auf der Szene ausgiebig zum Einsatz. Und aus dem Orchestergraben pocht es mitunter leise. Soll der Rhythmus der großen Trommel (?) vielleicht Schläge des Herzens andeuten, und wenn, von wem? Die Regie gibt immer wieder Rätsel auf. Das Premierenpublikum delektierte sich an alledem erstaunlicherweise ohne Widerstand.

Bleibt nachzutragen, daß die Düsseldorfer Symphoniker unter David Crescenzi Gounods Musik farbenreich zum Klingen bringen. Bei den Sängern wäre Bogdan Baciu als Mercutio mit seinem markanten Bariton gebührlich hervorzuheben, ebenso sein Fachkollege Joseph Lim (Grégorio).

Mit dem kurzen Auftritt des Herzog von Verona beeindruckt Sargis Bazhbeuk-Melikyan. Marta Márquez (Gertrude) und Richard Sveda (Paris) ergänzen das Ensemble unauffällig. Wirklich top der von Gerhard Michalski einstudierte Opernchor der Rheinoper.

Trotz musikalischer Höhenflüge läßt der Abend wegen seiner visuellen Abwegigkeiten einigermaßen unbefriedigt.

 

Christoph Zimmermann 31.3.2019

Bilder (c) Hans-Jörg Michel

 

 

 

 

Zum Zweiten

Schade, dass sie eine Hure war

Uraufführung am 16.02.2019


Hinter diesem etwas sperrigen Titel, verbirgt sich ein Werk von John Ford aus der Zeit um 1625. Vom Landsmann Shakespeares ist nicht sonderlich viel überliefert, in kompletter Gänze sind sogar nur wenige seiner Werke erhalten geblieben. Eines ist „‘Tis Pity She´s a Whore“, ein Theaterstück, dem man die Entstehungszeit durchaus anmerkt und welches erstaunlich viele Parallelen zu Shakespeares Werken aufzeigt. Zum Teil ist diese sicherlich der Zeit geschuldet, allerdings sind diverse Anspielungen auf „Romeo und Julia“ wohl auch kein Zufall. Eine verbotene und daher unmögliche Liebesbeziehung, ein darum besorgter Mönch, eine durchaus schwatzhafte Amme, eine aus der Not geborene Blitzhochzeit sowie ein Straßenkampf, all diese Dinge greift Ford in „Schade, dass sie eine Hure ist“ auf und treibt sie sogar noch auf die Spitze, indem er das Liebespaar mit Bruder und Schwester besetzt. Allgemein kann einem beim Lesen der Handlung der fünf Akte fast schwindelig werden, von all den Intrigen die hier gesponnen werden.

 

Der römische Soldat Grimaldi wirbt genauso um die Gunst Annabellas wie Bergetto, Bürger von Parma oder der Edelmann Soranzo. Letzterer will daher von seiner früheren Geliebten Hippolita nichts mehr wissen, obwohl diese ihm zuliebe ihrem Gatten Richardetto den Laufpass gab. Hippolita will mit Hilfe von Soranzos Leibwächter Vasquez Rache nehmen, doch dessen Rolle und seine Motive wollen noch genauer entdeckt werden. Gleichzeitig ist auch Richardetto mit seiner Nichte Philotis zurückgekehrt und sinnt auf Rache, während seine Nichte Gefallen an Bergetto findet. Als Annabella von ihrem Bruder Giovanni schwanger wird, muss schnell eine Hochzeit her, der perfekte Schauplatz, um lang geplante Intrigen endlich in die Tat umzusetzen. Doch zunächst stirbt, man hätte es erahnen können, erst einmal die falsche Person.

Dieser dramatische Stoff klingt geradezu prädestiniert für eine Umsetzung als Oper. Dies dachte sich auch der 1979 in Aachen geborene Komponist Anno Schreier, der zusammen mit Librettistin Kerstin Maria Pöhler diesen Stoff nun erstmals auf die Bühne brachte. Schreier bediente sich hier der ganzen Bandbreite des Genres und komponierte oftmals pompöse Klangbögen in musikalisch schön anzuhörenden Melodien, die dann bei Bedarf auch gerne mal in große dramatische Orchestereinsätze übergehen.

 

Allgemein hat man den Abend über oftmals ein vertraut bekanntes Gefühl, obwohl es sich um eine Uraufführung handelt. Das Kindermädchen singt operettenhaft, fast ein wenig schlagerlastig und irgendwie scheint jeder Figur eine bestimmte Art der Oper zugeteilt zu sein. Insbesondere in Kombination mit der wunderbaren Inszenierung von David Hermann, gelingt eine fast schon großartige Hommage an das Genre Oper. Beim Betreten des Saales ist der Vorhang bereits geöffnet, diverse Bühnenarbeiter arbeiten scheinbar noch am Bühnenbild, im Hintergrund werden derweil Vorhänge rauf und runter gefahren. Bis zur Pause ist das Bühnenbild von Jo Schramm vor allem von hinten zu sehen, hinzu kommt ein großer Fliegenpilz, ein Motiv das sich u. a. auch in den Kostümen von Annabella und Giovanni wiederfindet und an der ein oder anderen Stelle später auch nochmal Erwähnung findet. Der erste Akt wirkt hierdurch fast wie eine Märchenoper, die Umbauten des Bühnenbildes bis zur Pause erinnern derweil mehr an die Tradition des altertümlichen Reisetheaters. Des Weiteren fließt in Hermanns Inszenierung auch immer wieder das Aufeinandertreffen von moderner Regietheater-Kulisse auf traditionelles Theater mit ein. Dies klingt erstmal merkwürdig und scheint auf den Fotos auch nicht immer ganz stimmig zu sein, ergibt aber beim Livebesuch einen ganz eigenen Charme.

 

Auch die Kostüme von Michaela Barth spielen hier mit hinein, es treffen historische Gewänder bei Bergetto und Grimaldi auf den modern gekleideten Großunternehmer Soranzo samt Bodyguard in schwarzem Anzug mit Sonnenbrille und Mikrophon im Ohr. Die Figuren sind hinreißend überzeichnet und bringen eine ganz eigene Komik in den ansonsten nach wie vor dramatischen Stoff. Da alle Darsteller mit einer enormen Spielfreude ans Werk gehen, kommt an diesem Abend nicht einmal Langeweile auf. Im Gegenteil, es macht viel Spaß diese Oper bis zum Ende zu erleben. Nach der Pause wechselt das zuvor absichtlich sehr gestückelte Bühnenbild dann im vierten Akt zur großen Ausstattungsoper, hier wird bei der Hochzeitsfeier auch erstmals das großartige Gesamtwerk in ganzer Pracht von vorne offenbart. Auch das dem entgegenstehenden modernen Bühnenbild, welches vor der Pause nur von der Seite auf großen Gestellen hereingerollt wurde, wird nun im fünften Akt komplett aus der Unterbühne hochgefahren, so dass sich auch hier der Kreis schließt.

 

Am Pult der Düsseldorfer Symphoniker zeigt Lukas Beikircher einmal mehr, dass man sich in Innsbruck bereits jetzt auf den Herbst freuen kann, wenn Beikircher Chefdirigent der Musiksparte am Tiroler Landestheater wird. Alle Darsteller sind wie bereits erwähnt mit sehr großer Spielfreude am Werk und können auch gesanglich das anwesende Premierenpublikum begeistern. Lavinia Dames (Annabella), Jussi Myllys (Giovanni), Günes Gürle (Florio, Vater der beiden), Bogdan Talos(Mönch), Richard Sveda (Soranzo), Sergej Khomov (Grimaldi), Florian Simson(Bergetto), David Jerusalem (Richardetto), Sarah Ferede (Hippolita), Paula Iancic (Philotis), Sami Luttinen (Vasquez) und Susan Maclean (Amme Putana) erhalten zu Recht zusammen mit dem Kreativ- und Autorenteam rund 10 Minuten begeisterten Beifall für diesen sehr unterhaltsamen Abend. Da nur relativ wenige Termine auf dem Spielplan der Rheinoper stehen, sollte man hier mit dem Blick in den eigenen Kalender nicht allzu lange warten, es wartet ein Opernbesuch der zumindest mir lange in Erinnerung bleiben wird.

Markus Lamers, 20.02.2019
 

 

 

 

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