DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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AUFTAKT, Streaming Konzert am 05.11.2021, Sendesaal des Hessischen Rundfunks, Frankfurt

 

Chad Hoopes | Violine

Tarmo Peltokoski | Dirigent

HR-Sinfonieorchester

 

Felix Mendelssohn Bartholdy | Violinkonzert e-Moll

Jean Sibelius | 1. Sinfonie

 

Unter dem Motto „Nordlandschaft“ präsentierte der Hessische Rundfunk zwei herausragende Musiker der jungen Generation.

 

Am Beginn stand einmal mehr das Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy. Schon wieder, so möchte man meinen, denn kaum ein Violinkonzert war in den letzten Jahren derart oft in den deutschen Konzertsälen zu hören. Und doch, es war eine sehr gute Wahl an diesem Abend!

 

Mit Chad Hoopes präsentierte sich ein 27jähriger Geiger, der dieses Meisterwerk überaus persönlich und innig gestaltete. Bereits mit 19 Jahren nahm er es für eine CD-Einspielung auf. Sein tiefer Bezug zu diesem Werk war jederzeit spürbar. So waren es vor allem die kantablen Melodiebögen, die Hoopes mit tiefer Empfindung aussang. Fein gewählte Agogik und sensible Rubati ließen dieses Konzert geradezu neu erscheinen. Ein vollendeter Ruhepol war gerade mit dem Andante gegeben, so dass in der dargebotenen musikalischen Kontemplation eine große Wärme in dem beseelten Ausmusizieren des hervorragenden Solisten zu erleben war. Große Spielfreude mit viel Verve beim Solisten und dem wunderbar mitgehenden Orchester führten dann das Konzert zu einem mitreißenden Abschluss. Ein gleich berechtigter Partner an Hoopes Seite war das hoch motivierte HR-Sinfonieorchester mit seinem jungen Gast-Dirigenten Tarmo Peltokoski. Der erst 21jährige Dirigent ist eine Multi Begabung, Konzertpianist, Komponist und Dirigent. Ohne jegliche plakative Äußerlichkeit strahlte Peltokoski eine große Ruhe aus und war zudem permanenter Impulsgeber auf Augenhöhe. Das Orchester nahm dies mit großer Spielbegeisterung auf und beglückte mit feinem, nuanciertem Spiel. Das Publikum reagierte mit spontanem Jubel. So durfte es sich über eine Zugabe freuen, die Chad Hoopes gemeinsam mit Konzertmeister Florin Iliescu vortrug.

 

Jean Sibelius Geniestreich seiner ersten Symphonie ist leider selten anzutreffen. Umso größer also die Vorfreude, dieses Werk, das 1899 uraufgeführt wurde, nun von einem finnischen Dirigenten gestaltet zu hören.

 

Sibelius entfaltet in dieser Symphonie den ganzen Zauber seiner Schaffenskraft. Viele Naturstimmungen, gerade in den Holzbläsern, aber auch Sehnsucht und Schmerz sind jederzeit erfahrbar. Manche Passagen erinnern an Spätwerke von Tschaikowsky und doch wird die offerierte Melodienseeligkeit in Teilen schroff und herb aufgebrochen. Einzigartig ist beispielsweise das exponierte Solo der Pauke im dritten Satz, ein dynamischer Parforce Ritt für das Orchester, unterbrochen von einem weit aufgerissenen Akkord einer musikalischen Winterlandschaft, mit dem der vierte Satz eingeleitet wird.

 

Das kleine Finnland ist das Geburtsland so vieler herausragender Dirigenten. Der große Dirigenten Lehrer Jorma Panula ist die prägende Gestalt für alle finnischen Dirigenten. Und alle waren sie bei ihm: Leif Segerstam, Esa-Pekka Salonen, Jukka-Pekka Saraste, Sakari Oramu, Hannu Lintu, auch der ehemalige Chef des HR-Sinfonieorchesters Paavo Järvi, Klaus Mäkelä und nun auch Tarmo Peltokoski.

 

Und doch war an dessen Gestus und Körpersprache eindeutig zu erkennen, dass ein weiterer Lehrer bei ihm tiefe Spuren hinterlassen hat: Hannu Lintu. Aber Peltokoski ist keine Kopie Lintus, sondern Peltokoski ging in seiner Interpretation einen ganz eigenen Weg.

 

Pure Magie entstand durch den großen Gestaltungsfreiraum, den Peltokoski der einleitenden Solo-Klarinette überantwortete. Die Musik atmete und so entstand ein Ausgangspunkt voller Spannung für eine mitreißende Hörerfahrung.

Mit Ruhe und großem Elan wusste der Dirigent überzeugende Gestaltungsbögen umzusetzen. In jedem Moment war zu spüren, wie sehr Peltokoski in der Musik von Sibelius verankert war, wie sehr er wusste, welchen Verlauf die Musik nehmen sollte. Es war vollem dieses Wechselspiel, aus musikalischer Raumgebung und dynamischem Vorwärtsdrang, das so sehr überzeugte. Die Gelassenheit und körpersprachliche Souveränität beeindruckten sehr.

 

Eines wurde klar: Tarmo Peltokoski steht am Beginn einer ganz großen Zukunft, wie sein Landsmann Klaus Mäkelä, der vor wenigen Jahren mit dem HR-Sinfonieorchester ebenso begeisterte.

 

Das HR-Sinfonieorchester gefiel an diesem Abend besonders durch seinen satten, warmen Streicherklang, sekundiert von fein abgetönten Holzbläsern. Dynamisch flexibel intonierten die fabelhaften Blechbläser. Peltokoski arbeitete bewusst auch die vielfachen Soli der Harfe heraus, die Anne-Sophie Bertrand mit sensibel, virtuos agierenden Händen realisierte.

Und auch Solo-Paukist Lars Rapp überzeugte mit seinem Elan und der rhythmischen Souveränität seines Spiels. Seine Sicherheit hätte Beckenspieler Burkhard Roggenbuck gut zu Gesicht gestanden. Präzise agierend, jedoch mit sehr unsicherem Mienenausdruck überzeugte sein defensives Spiel in der vorgetragenen Zurückhaltung überhaupt nicht und nahm den Tutti-Stellen viel der notwendigen Wirkung. Schade.

 

Am Ende viel Begeisterung vom Publikum und vom Orchester für den jungen, aufstrebenden Dirigenten.

 

06. Nov. 2021, Dirk Schauß

Leider keine Bilder

 

 

Bryce Dessner | Konzert für zwei Klaviere und Orchester

Antonín Dvořák | 8. Sinfonie

Katia und Marielle Labèque | Klavier

Andrés Orozco-Estrada | Dirigent

Rhythmische Finesse!

Besuchtes Konzert am 23. Oktober 2020 im HR-Sendesaal

 

Großer Dank ist dem Hessischen Rundfunk zu zollen, der es den Zuhörern ermöglichte, in der omnipräsent geschürten Corona-Panik, eine Stunde der musikalischen Seligkeit zu erleben. Ausgezeichnet ausgearbeitet war das durchdachte Hygiene-Konzept, so dass das Publikum sich im HR-Sendesaal gefahrlos fühlen konnte. DANKE an alle Beteiligten!

Im Rahmen seiner deutschen Erstaufführung erlebten die Zuhörer das Konzert für zwei Klaviere und Orchester des US-Komponisten Bryce Dessner, der eine „Corona-Fassung“ für reduziertes Orchester im Sommer 2020 schrieb.

Als Gitarrist der amerikanischen Rockband »The National« ist Dessner bekannt und derzeit beim Hessischen Rundfunk »Composer in Residence« in dieser Spielzeit. Stilistisch lässt seine kompositorische Handschrift Elemente der Minimal Musik erkennen, ebenso sind Anklänge des Jazz zu vernehmen. Dessner hat dieses Werk den Schwestern Labèque gewidmet, die während der Komposition, die 2018 ihre Uraufführung erlebte, im aktiven Dialog mit Dessner standen. Bis 2022 darf dieses Werk ausschließlich von diesen Künstlerinnen gespielt werden.

An den beiden Klavieren war nun also das berühmte Schwestern-Duo Katia und Marielle Labèque zu erleben. Beide Künstlerinnen agierten perfekt aufeinander eingestimmt. Ihre Virtuosität und die gestalterische Empathie waren faszinierend im musikalischen Erlebnis. Keinerlei Unsicherheit in den hoch virtuosen Läufen des ersten Satzes. Herrlich das Zusammenspiel der ostinaten Rhythmen mit dem Orchester. Immer wieder ertönte leitmotivisch eine viertönige Sequenz, die vom Orchester beantwortet wurde. Dessner gelang eine faszinierend eingängige Komposition mit einem intensiven Farbspektrum. Das HR-Sinfonieorchester war von seinem Dirigenten Andrés Orozco-Estrada hervorragend einstudiert. Mit großer Begeisterung und ebensolcher Souveränität blieb der fabelhafte Klangkörper der Komposition nichts schuldig. Die beiden Künstlerinnen und der Dirigent verblüfften mit ihrem intensiven musikalischen Dialog. Ein hinreißender Auftakt!

Im zweiten Teil wurde das Publikum mit einer mitreißenden Darbietung von Antonín Dvořáks 8. Sinfonie beschenkt. Der Komponist leitete selbst die Uraufführung seines Werkes 1890 in Prag. Unendlich sind seine genialischen melodischen Einfälle und der pulsierende Rhythmus der musikalischen Themen.

Der scheidende Chef-Dirigent Andrés Orozco-Estrada kann eine intensive Beschäftigung mit dem Werk des tschechischen Meisterkomponisten vorweisen. Verschiedene CD-Einspielungen zeigen seine Affinität zu dieser Musik.

Mit Elan und Kantabilität intonierte die homogene Cellogruppe das choralartige Eingangsthema, gefolgt von subtilen Blechbläserfarben im Dialog mit den Vogelstimmen der Holzbläser. Freude und rauschender Lebensenthusiasmus wurden vom Dirigenten und seinem Orchester ausgezeichnet zur Geltung gebracht.

Im Adagio kam die Musik völlig zur Ruhe. Sehnsucht, Impressionen einer weiten Landschaft mit einem feinen Chor aus Naturlauten in einer nie endenden Melodie formulierte Dvořák in einem hinreißenden Satz musikalischer Vollendung. Orozco-Estrada ließ die Melodie blühen und atmen. Immer wieder begeisterte sein überragendes Timing, die Überlegenheit in der dynamischen Gestaltung.

Das sensible Orchesterspiel geriet berührend und transparent zugleich. Auch in den Forte Aufschwüngen blieb die Klangkultur jederzeit gewahrt. Die Zeit stand still, das Eintauchen der Seele in den musikalischen Kontext geriet geradezu mustergültig.

Ein heiteres Intermezzo dann im Walzer des dritten Satzes, den der Dirigent bereits als Spannungsaufbau zum beschließenden „Allegro ma non troppo“ begriff. Großzügig ausgestaltet intonierten die Streicher das Haupthema.

Im vierten Satz ließ Orozco-Estrada sein Orchester mit intensiven Fanfaren in den Trompeten losstürmen. Die Hörner konnten da mit ihren grellen Trillern trefflich Paroli bieten. Völlig souverän dann das herrlich virtuose Solo der Flöte. Lebensfreude pur und tänzerischer Elan waren allgegenwärtig.

Das HR-Sinfonieorchester zeigte den ganzen Abend in allen Orchestergruppen hohe Spielkunst. Es war ein stimmiger Dialog zwischen Dirigent und dem fabelhaften Klangkörper. Die Musiker agierten gelöst und begeistert. Eine ungewöhnliche Klangerfahrung bot sich dem Zuhörer, bedingt durch die halbierte Streicherbesetzung. So erklang das Orchester sehr transparent und der Wechsel zwischen Streichern und Holzbläsern geriet besonders intensiv.

Das HR-Sinfonieorchester war in großer Spiellaune. Perfekt realisiert war der heikle Unisono-Einsatz der Trompeten im vierten Satz mit überwältigender Strahlkraft, Bravo an die Trompeter Lars Ellenson und Norbert Haas!

Solo-Flötistin Clara Andrada de la Calle verwöhnte vor allem im zweiten und vierten Satz mit einfühlsamer und virtuoser Kantilene.

Großes Lob auch an die Klarinettisten Tomaž Močilnik und Sven van der Kuip, die mit warmer Tongebung den zweiten Satz veredelten.

Konzertmeister Florin Iliescu feuerte seiner Streichergruppe mit unermüdlichem Einsatz an und berührte tief mit seinem Solo.

Besondere Akzente kamen von Lars Rapp an der Pauke, der mit unterschiedlichen harten Schlägeln sehr gut die prägnanten Rhythmen formulierte.

Alles in allem also eine hervorragende Interpretation des HR-Sinfonieorchesters mit seinem Dirigenten Andrés Oroczco-Estrada.

 

Das Publikum zollte große Begeisterung

Dirk Schauss, 24.10.2020

 

ANNA S., TOD EINER DIVA

Musik und Texte von Bizet, Weill, Offenbach, Wolf, Lehar u. a. von Bert Bresgen und Rainer Pudenz

Premiere am 6. Dezember 2019

besuchte Vorstellung am 10. Dezember 2019

Musiktheater über das Leben und Sterben einer Operndiva

 

Es war wohl die Tragik ihres kurzen Lebens, dass ihr für die Tragik auf der Bühne nicht immer die erforderlichen „Accente“ zu Gebote standen. Anna Sutter, Sängerin, 1871 in der Schweiz geboren und 1910 in Stuttgart gestorben, setzte ihre Akzente im Leben. Mit einem enormen Ehrgeiz und Selbstbewusstsein ausgestattet bediente sie sich männlicher Verhaltensweisen, die Liebhaber aus dem Opernmilieu, Sänger und Kapellmeister und die hübschen Leutnante wechselten einander ab. Dass sie zwei uneheliche Kinder von zwei verschiedenen Männern (diese bekannten sich zur Vaterschaft) hatte, schadete ihr in einer Zeit, in der das in einer sehr moralischen Gesellschaft völlig indiskutabel war, überhaupt nicht. Nicht sie musste ihr Engagement am Hoftheater in Stuttgart aufgeben, die Männer mussten gehen und nahmen das Fräulein Sutter nicht einmal übel. Nur einer ihrer Liebhaber, der verheiratete Hofkapellmeister Dr. Aloys Obrist schaffte es nicht, seine Eifersucht zu zügeln. Nachdem er wieder einmal abgewiesen wurde, erschoss er sie und anschließend sich am Vormittag des 19. Juni 1910.

Anna Sutter absolvierte ein Klavier- und Gesangsstudium, bekam Rollen in Singspielen und wurde als Soubrette beschäftigt. Nach nur acht Wochen in Augsburg bekam sie bereits eine Empfehlung eines Agenten an Baron Putlitz, Intendant an der Hofbühne in Stuttgart. Ab 1893 war sie in Stuttgart fest engagiert und sang sich dort quer durch die verschiedenen Genres von Oper und Operette, von der Lustigen Witwe zur Salome, von der Zigeunerliebe zur Carmen.

Die Stuttgarter liebten ihr „Sutterle“, die Kritiker waren da weniger emotional und bescheinigten ihr eine fehlerhafte Behandlung der Konsonanten, ungraziöses Spiel, plumpe Bewegungen und Gesten und eine flache reizlose Stimme in der Höhe. „Vielleicht kann sie sich, was ihr jetzt abgeht, mit der Zeit aneignen, nur scheint uns unsere Hofbühne nicht das geeignete Versuchsfeld dafür zu sein“ steht im Neuen Tagblatt vom 9. Dezember 1892.

Die Kammeroper Frankfurt ist ein freies Opernensemble in Frankfurt am Main, das 1982 von dem Regisseur Rainer Pudenz gegründet wurde. Sie besitzt keinen festen Spielort, auch wenn sich die sommerlichen Großproduktionen inzwischen fest als Open-Air-Darbietung im Frankfurter Palmengarten etabliert haben. In der Regel erscheinen pro Jahr zwei bis drei Produktionen, darunter eine Großproduktion im Sommer. Ein Schwerpunkt der Produktionen liegt auf der Opera Buffa, wie sie von Rossini, Donizetti und Mozart geprägt wurde. Gelegentlich wird auch heitere Kost wie Singspiele und Operetten von Offenbach oder Lehar präsentiert oder aber, gerade in den letzten Jahren, dramatische Opern von Verdi, klassisch-modernes wie Strawinskis „Geschichte vom Soldaten“ oder im Sinne des Entdeckergeistes zeitgenössische Auftragskompositionen vom italienischen Avantgardisten Andrea Cavalleri. (Wiki)

Das Leben der Anna S. wird in der Inszenierung der Kammeroper Frankfurt nicht nacherzählt, nicht chronologisch abgehandelt. „Tod einer Diva“ stellt das Leben in den Mittelpunkt, besonders „das Verhältnis zwischen der Oper und dem sogenannten wirklichen Leben“ schreibt Bert Bresgen im Programmheft. Anna S., der ja ungraziöses Spiel bescheinigt wurde, sagt im Laufe des Abends, dass sie es liebt, zu spielen und dass ihr das Geschehen auf der Bühne realer erscheint als das wirkliche Leben.

Anna S., gesungen und gespielt von Dzuna Kalnina, empfängt das Publikum in der Weihehalle der Unitarischen Freien Religionsgemeinde spielend am Flügel. Diese Halle wirkt mit ihrem halbrunden um einige Stufen erhöhten Altarraum und den zwei Säulen wie eine Opernbühne, opulent bestückt mit gleich zwei Flügeln, einer davon geöffnet (Bühne und Licht Frank Keller). Für den Musiktheater-Abend wurde Musik von Vincenzo Bellini, Georges Bizet, Wolfgang Amadeus Mozart, Jacques Offenbach, Richard Strauss, Johann Strauß, Giuseppe Verdi, Johann Sebastian Bach und Hugo Wolf ausgewählt. Als Anna S. mit dem Pianisten die Salome einstudieren will weißt er sie, die ja aus der eher leichten Muse kommt, darauf hin, dass es sich um Musik von Richard Strauss und nicht von Johann Strauß handelt. Der Pianist Stanislav Rosenberg, der die musikalische Leitung der Inszenierung innehat, spielt gleichzeitig die Rolle des Aloys Obrist. Während der Proben zur Salome begann wohl das Verhältnis mit Anna S.

Es gibt viel zu lernen für die Sängerin, einen Auftritt ihres Sängerkollegen, dem Bass-Bariton Thomas Peter begleitet sie auf der Bühne als dessen Schatten, gleiche Bewegungen und lippensynchron. Ein schöner Regieeinfall ist es, die Geige und Bratsche spielende Yumico Noda sich selbst begleiten zu lassen, ein mal hinter einem durchscheinenden Wandschirm als Videoeinspielung, ein mal live auf der Bühne.

Aber Anna S. weiß sich auch selbst gut in Szene zu setzen, silbrig schimmernd gekleidet in einen langen Plisseerock und eine hochgeschlossene Bluse (Kostüme von Dilara Mauel) rollt sie sich selbst den roten Teppich aus. Temperament hat sie ja, da genügen einige Tritte mit dem Fuß. Gelernt hat sie bereits, sich den Avancen der Männer zu entziehen, wenn sie das will, ob es der Stuttgarter Intendant Baron Putlitz (Harald Mathes) ist, der bieder gekleidet mit Blumen um sie herumschwänzelt und der durchaus auch ein Mann aus dem ihr zu Füßen liegenden Publikum sein könnte. Oder eben der Herr Obrist, der ihr ein, zwei, drei sie langweilende „ich liebe dich“ zuruft, der jeden Abend im Publikum sitzt, er ist ja schon lange kein Kapellmeister mehr, und den sie jetzt beängstigend findet.

Gleichzeitig ist Anna S. einschmeichelnd, wenn es darum geht, neue Rollen zu bekommen und derb, wenn sie sich über die Kritiker aufregt: „Diese Baggage! Welche Unverschämtheit! Was kümmern mich eure Konsonanten! Eure verinnerlichten Innereien! Die sauren Kutteln eurer kleinen schwäbischen Seelen!“

Und besonders freundlich kommt es nicht rüber, wenn sie dem Herrn Obrist ins Ohr schreit: „Mein Lebenszweck ist Borstenvieh und Schweinespeck“. Ganz bei sich ist sie allein und mit Fritz Kreislers „Liebesleid“ auf ihrem Bett. Die Schauspielerin Manuela Koschwitz hat sie zur Barcarole dorthin begleitet, Texte von Nietzsche, Lukian und Stendhal über Eifersucht rezitierend. Der Gesang und die Musik in der Inszenierung wird zum Ende hin zunehmend abgelöst von gesprochenen Monologen.

Für die Inszenierung wurden Texte von Johann Wolfgang Goethe, Bert Bresgen, Friedrich Nietzsche, La Rochefoucauld, Fjodor Dostojewski, Lukian und Else Lasker-Schüler zusammengestellt. Texte zu den Themen Schadenfreude, Eifersucht, Zorn, Leidenschaft.

Anna S., jetzt in einem roten langen Kleid macht sich auf, sich über die Carmen-Kritiken zu ärgern. Sie betritt die Bühne und wird erschossen. Mit zwei Schüssen aus einer sieben-schüssigen echten Browning-Pistole, abgefeuert von Dr. Aloys Obrist um 11.15 Uhr. In ihrem wirklichen Leben wird Anna S. in ihrem Schlafzimmer erschossen, im Schrank versteckt ihr aktueller Liebhaber, der 27 Jahre alte Albin Swoboda Junior.

Während sie nun auf der Bühne tot auf einen Stuhl niedersinkt, kommt die Stunde des Herrn Obrist. Der glühende Wagner-Verehrer, Kapellmeister in Weimar, verheiratet mit einer um zehn Jahre älteren Frau, einer Opernsängerin, dem nichts wichtiger ist, als Anna S. zu heiraten, sagt über seine Ehe: „Ein singendes oder theaterspielendes Eheweib hat etwas obszönes, unnatürliches“. Er war es, der Wagner nach Stuttgart brachte, der sich von Anna S. „emporgehoben und hinabgezogen in die Finsternis“ fühlte. Und der es nicht ertragen konnte, als es zu Ende war. „Will nicht alle Lust Ewigkeit?“ Und: „Mein Weg führte mich bis ganz nach unten, bis zur tiefsten Demütigung, ich wurde Musikredakteur beim Schwäbischen Merkur“. „Ruhe fand ich erst, als ich mir sechs Tage frei zur Ansicht einen Revolver bestellte“. Und dann sang Anna S. ihre Carmen-Arie. Hier kommt nun meine kleine Kritik: Ich fand es sehr bedauerlich und unschön, dass sich Anna S. währenddessen wie Nosferatu bewegen musste. Mit den restlichen fünf Patronen schoss sich Aloys Obrist in den Kopf (auf der Bühne) und ins Herz (im wirklichen Leben). Kaum vorstellbar, aber es ist ja die Welt der Oper.

Im Publikum herrschte Unsicherheit, ob nach den einzelnen Gesangsnummern geklatscht werden kann und/oder soll. Es war wie Oper in der Oper, einerseits wollte man die gesanglichen Leistungen würdigen, andererseits die Inszenierung nicht stören. Und so gab es mal Szenenapplaus und mal nicht.

Ein anregender Abend mit sehr guten Schauspielern und Musikern, einer hervorragenden Dzuna Kalnina und einem volltönenden Thomas Peter. Die Maske besorgte Viviana Villalobos, für die Skulptur zuständig war Yasuaki Kitagawa, für die Technik Dirk Keller. Die Regieassistenz lag bei Eva Höckendorff.

 

Fotos @ Wolfgang Fuhrmannek

Angelika Matthäus, 14.12.2019

Besonderer Dank an unsere Freunde vom OPERNMAGAZIN

 

 

Beethoven im Licht – Dvorak im Schatten

Louis Schwizgebel | Klavier

Ben Gernon | Dirigent

HR-Sinfonieorchester

Anna Clyne | This Midnight Hour

Ludwig van Beethoven | 1. Klavierkonzert C-Dur, op. 15

Antonín Dvořák | 8. Sinfonie G-Dur, op. 88

Besuchtes Konzert am 19. September 2019 im HR-Sendesaal

 

Im Rahmen seines ersten Konzertes der „Auftakt“ Serie stellten sich zwei junge Künstler dem Publikum im gut besuchten HR-Sendesaal vor.

Am Beginn stand eine zeitgenössische Komposition von Anna Clyne „This Midnight Hour“, die im Jahr 2015 uraufgeführt wurde. Das kurze Werk basiert auf zwei Gedichten und folgt in seinem Verlauf einem narrativen Pfad. Dunkle nach vorne drängende wuchtige Streicherfarben erzeugen sogleich eine rhythmisch aufgeladene Spannung. Fratzenhafte Holzbläser- und Blechbläserfarben, letztere auch immer wieder überraschend choralartig intonierend führen den Zuhörer in einen spannenden Klangsog. Dazu gibt es dann breite Streichermelodien, die an Filmmusik denken lassen.

Der junge englische Gast-Dirigent Ben Gurion, Schüler von Sir Colin Davis und erster Gast-Dirigent des BBC Philharmonic Orchestras, hatte einen erkennbar guten Zugang zu diesem Stück. Gemeinsam mit dem spielfreudigen HR-Orchester breitete er ein weit schattiertes Panorama aus, das gefiel, besonders in den weit aussschwingenden Streicherkantilenen und vor allem in den ruhigen Passagen am Schluss der Komposition. Eine hörenswerte Begegnung.

Gast-Solist war der Schweizer Pianist, Louis Schwizgebel, der eine frische und in Teilen geradezu poetische Interpretation des Klavierkonzertes No. 1 von Ludwig van Beethoven darbot. Das im Jahr 1800 uraufgeführte Werk ist hörbar an der Wiener Klassik orientiert und geht doch in der Ochestrierung neue Wege. So verwendete Beethoven Klarinetten, Trompeten und Pauken.

Im einleitenden „Allegro con brio“ trafen Schwizgebel und Gurion sehr gut den marschartigen Tonfall des ersten Satzes. Beherzt und nach vorne stürmend ertönte die Einleitung. Sicher im Wechselspiel agierte Schwizgebel, der dann am Satzende mit einer virtuosen Solo-Kadenz zu gefallen wusste. Wunderbar leicht und anmutend realisierte er mit feinem Anschlag die schwierigsten Läufe.

Von inniger Kontemplation getragen dann das liedhaft vorgetragene „Largo“. Hier offenbarte der Solist seine außerordentliche Sensibilität in innig vorgetragenen Phrasierungen, die dynamisch sehr gut mit dem HR-Sinfonieorchester abgestimmt ertönten. Es war die schlichte Natürlichkeit, die völlige Freiheit und das Ausbleiben plakativer Effekte, die diesem Satz eine besondere Eindrücklichkeit gab. Hier war erkennbar ein musikalischer Poet an den Tasten seines Flügels. So und nicht anders muss Beethoven klingen. Eine Offenbarung!

Wunderbar leicht dann das tänzerische Rondo, welches den Finalsatz krönend und überschwänglich beendete. Die pure Spielfreude der Protagonisten war überaus ansteckend. Ben Gurion gab fortwährend spannende Impulse, die Schwizgebel reaktionsschnell parierte. Das HR-Sinfonieorchester musizierte mit großer Spiellaune und gefiel vor allem in den vielen Tuttipassagen, ebenso wie in den Soloeinwürfen. Vor allem die gewichtigen Streicherzakzente betonten gut das Tänzerische dieses Finales. Das HR-Sinfonieorchester orientierte sich mit Natur-Hörnern und -Trompeten, Holzschlägeln an der Pauke an der sog. Alten Musik. Es war eine überaus spannungsgeladene Orchesterinterpretation.

Viel Freude bei den Zuhörern, die sich über eine Zugabe freuen durften, ein kantabel vorgetragenes As-Dur Impromptu op. 142 von Franz Schubert.

Nach der Pause dann die 8. Sinfonie von Antonín Dvořák, die 1890 unter Leitung des Komponisten in Prag uraufgeführt wurde.

Wunderbar traf das HR-Sinfonieorchester den einleitenden Choralteil, den die Celli sanft und bestechend klar intonierten. Fein ziselierend, wie eine Vogelstimme erklang die Flöte in einer frei anmutenden Melodie. Aufjauchzend antworteten darauf dann Trompeten und Holzbläser, die die Lebensfreude musikalisch erlebbar machten. So überzeugend das Orchester hier auch agierte, so irritierend einfallslos wirkte hier Dirigent Ben Gurion in dieser Sinfonie. Er interessierte sich vor allem für die Nebenstimmen und sorgte für hinreichende Transparenz im kompakten Orchesterklang. Dies ist allerdings viel zu wenig für dieses Meisterwerk der Symphonik.

Das anschließende Adagio gehört zur besten Musik des tschechischen Meisters. Unvergleichlich und endlos seine melodischen Einfälle. "Mein Kopf ist voll von Ideen. Wenn man sie nur sofort niederschreiben könnte", schrieb Antonín Dvořák am 10. August 1889 an seinen Freund Alois Göbl. Sehnsüchtige Holzbläser Farben lassen vor dem Zuhörer ein Landschaftsbild entstehen, ja, sogar Vogelstimmen werden auch instrumental aus agiert. Wunderbar die Instrumentalsoli der Flöte, Klarinette und Solo-Violine. Der Komponist erlebte hörbar eine gute und schaffensreiche Zeit auf seinem Sommersitz in Vysoka. Mit diesem unvergleichlich schönen Satz schrieb der tschechische Meister einen seiner schönsten symphonischen Sätze voll tiefer Herzenspoesie. Und das HR-Sinfonieorchester vermochte es mit seinem hingebungsvollen Spiel die Zuhörer tief in diesen unvergleichlichen Sog musikalischer Landschaftsweite hineinzuziehen. Die Zeit stand still. Die Seele der Zuhörer konnte intensiv mit Schönheit und Harmonie aufgefüllt werden. Leider aber stand auch hier der Dirigent völlig neben der Musik, vermochte sie nicht zu führen oder mit emotionalem Leben zu füllen.

Der walzerartige dritte Satz lässt zuweilen an die Musik von Tschaikowski denken, mit welchem Dvořák in jener Zeit eine Freundschaft begann. Gurion fiel hierzu kein gestalterischer Gedanke ein, somit eilte dieser Satz interpretatorisch nebensächlich am Zuhörer vorbei. Kein Innehalten, keine Poesie, keine Agogik. Welche Enttäuschung!

Unbändige Spielfreude dann im finalen „Allegro ma non troppo“ herausgestellt durch die Fanfaren der einleitenden Trompeten. So sollte es klingen! Die Trompeten durften an diesem Abend jedoch nur zurückhaltend intonieren. Das folgende Aufjauchzen des herrlichen Orchesterklanges geriet arg gebremst und auch die sonst hier so überschwänglichen Triller in den Hörnern waren kaum zu erahnen. Perfekt erklang das sehr virtuose Solo der Flöte. Bestechend auch hier die spielerische Kompetenz des fabelhaften Orchesters. Aber leider war in dieser Sinfonie das HR-Sinfonieorchester interpretatorisch völlig unterfordert, weil der Dirigent keine gestalterischen Impulse zu vermitteln wusste. Somit konnte es nur mit seiner fantastischen Klangqualität für sich einnehmen. Wie anders es in dieser Symphonie agieren konnte, nun dass zeigte es vor einiger Zeit unter dem hinreißenden Gast-Dirigenten Manfred Honeck, der Dvořáks großer Symphonie alle musikalischen Ehren angediehen ließ, nachzuhören auf der Internetseite des Orchesters bei youtube.

Am Schluß kurzer und enden wollender Applaus für eine sehr ambivalente Interpretation.


Dirk Schauß,  20.9.2019

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