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MANNHEIM KONZERTE

 

 

GUSTAV MAHLER

Sinfonie Nr. 9 D-Dur

SWR Symphonieorchester & Currentzis, Dirigent

Mannheim Rosengarten, besuchtes Konzert am 22. Dezember 2019

Ersterben im Hustenschwall

Wie sehr hat sich Gustav Mahler vor der Zahl Neun gefürchtet! Würde seine erlahmende Lebenskraft ausreichen, um eine würdige 9. Sinfonie zu schreiben? Voller Ideen und kühner Einfälle war sein kompositorischer Geist. Sein „Lied von der Erde“ war bereits seine 9. Sinfonie, doch war diese Sinfonie für Singstimmen und Orchester ein Sonderwerk. Somit wurde die 1909 komponierte Sinfonie sein letztes vollendetes Werk. Die begonne 10. Sinfonie blieb als Torso unvollendet zurück. Mit ihr und der 9. Sinfonie, dem „Lied von der Erde“ schuf Mahler eine Trilogie des Abschiedes und der Endlichkeit, wie es kein anderer Komponist vermochte. Es ist der 9. Sinfonie anzumerken, wie intensiv und geschlossen Mahler an ihr gearbeitet hat.

Bereits der erste Satz führt den Zuhörer in die scheidende Welt tief hinein, die Mahler so unübertrefflich zu beschwören wusste. Über das Hauptmotiv schrieb Mahler die Worte „Leb wohl“. Und wie aus dem Nichts, aus einer anderen Welt, beginnt die Sinfonie mit einem Wechselspiel aus Cello und Harfe. Horn und Violine knüpfen mit einem intensiven Dialog an. Das Hauptmotiv wird durch alle Orchesterstimmen geführt. Gewaltige Ausbrüche, die wie seelische Aufschreie anmuten, kontrastieren mit innigen Ausdrucksmomenten, ehe dieser intensiv fordernde Satz leise verklingt.

Der zweite Satz wird oft mit einem Totentanz verglichen. Dieses verzerrte Scherzo wirkt in seinen gebrochenen Tanzrhythmen deutlich surreal. Mahler greift hier auf Walzer und Ländler parodistisch zurück. Kantable Momente werden von zahlreichen Disharmonien gebrochen, dann ist der Spuk vorbei.

Ein überragendes Beispiel seiner kontrapunktischen Fähigkeit schuf Mahler mit seinem dritten Satz, Rondo-Burleske. Schon die dissonante Einleitung in der Solo-Trompete erzeugt größte Aufmerksamkeit. In kaum einem anderen Satz seiner Sinfonien brachte Mahler derart viele Zitate und Fragmente aus seinen anderen Werken ein. Seltsam auch dann die choralartigen Momente in diesem Satz, die dem hektischen, chaotisch anmutendem Treiben Einhalt gebieten. In einer furiosen Stretta endet dieser extreme Satz.

Das finale Adagio gehört sicherlich zur ergreifensten Musik, die Gustav Mahler schrieb. Auch hier erklingen Zitate anderer Werke, vor allem aus dem „Abschied“ aus dem „Lied von der Erde“. Ein endloser Abgesang auf das irdische Leben, der in Transzendenz mündet und am Ende verklärend die Töne aushaucht. Mahler schrieb in seine Partitur „ersterbend“. Das Kindertotenlied „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen“ wird am Ende zitiert, ehe dann die Musik, die so sphärisch intensiv wirkt, sich auflöst.

Dirigent Teodor Currentzis schätzt Gustav Mahler als einen seiner Lieblingskomponisten. Nach der dritten und vierten Symphonie, präsentierte er mit seinem SWR Symphonieorchester eine außergewöhnliche Interpretation. Inzwischen sind er und sein Orchester deutlich spürbar miteinander verbunden. Currentzis ging auch hier wieder seinen ihm eigenen Weg der Extreme. Die Dynamik wurde ausgereizt, vor allem in den leisen Momenten des vierten Satzes, ebenso aber auch in den fast schon schmerzhaften Forteausbrüchen, die dann nochmals unermesslich gesteigert wurden. Herrlich schroff und grotesk seine artikulatorischen Übertreibungen, die er sich für den dritten Satz überlegt hatte.

Currentzis konnte sich auf sein hingebungsvoll musizierendes Orchester bestens verlassen. In großer Besetzung mit 70 Streichern (!) zeigte es hier, wie auch in allen anderen Instrumentalgruppen, formidable Leistungen. Die gold tönende Gruppe der Hörner musizierte ungemein ausgewogen und stets intonationssicher. Die Holzbläser trafen ausgezeichnet den grotesken Tonfall in den Mittelsätzen, während das warm tönende Blech so manchen agressiven Akzent beizusteuern wusste. Differenziert und erruptiv, wenn es gefordert war, ertönte das Schlagzeug. Die großartigen Musikerinnen und Musiker des SWR Sinfonieorchesters begeisterten mit einer Hingabefähigkeit in ihrem Ausdrucksbemühen, wie es selten zu erleben sein dürfte.

Natürlich hatte Currentzis bei diesem Konzert überlegt, wie das Dahinscheidende, das Ersterbende der Musik dem Zuhörer besonders intensiv nahegebracht werden könnte. Und so kam es im beschließeden Adagio dazu, das langsam das Saallicht herabgedimmt wurde, bis lediglich nur das Licht der Notenpulte zu sehen war. Der Lohn für diesen „Effekt“ war eine unendlich wirkende Stille nach dem Verklingen des letzten Taktes.

Ein großer Schatten lag allerdings auf diesem Konzert, weil Teile des Publikums fortwährend Gegenstände zu Boden fallen ließen und dazu mit brachialer, bronchialer Gewalt sich meinen aushusten zu müssen. Fassungslosigkeit und große Wut kann einen nur erfassen, wenn erwachsene Menschen, die vorgeben bei Verstand zu sein, sich derart respektlos aufführen, als hätten sie in ihrer Sozialisation nie einen Ansatz einer Erziehung erfahren. Offenkundig ist es bitter notwendig, das Publikum vor einem Konzert an seine Verantwortung zu erinnern. Die Stille gehört zum Konzert! Sie ist ein wesentliches Element für Konzentration und Kontemplation. Vor allem jedoch ist sie eine Geste des Respektes. Selbst in den langen stillen Minuten des verklungenen Schlusses, gab es noch Menschen, die derart laut husteten, sich fast (pardon!) auskotzten, als gäbe es kein Morgen mehr! Eine Schande ohnegleichen! Die Konzertveranstalter sollten entsprechende Hinweise im Programmheft formulieren und Benimmempfehlungen im Konzertfoyer anbringen. Aber vielleicht ist es auch notwendig, vor dem Konzertbeginn, den Besuchern 10 Sekunden mit schlimmen Hustern vorzuspielen, um sie zu sensibilisieren.

Die zahlreichen Zuhörer an diesem ausverkauften Konzertabend dankten mit ausdauernden Ovationen.

 

Dirk Schauß, 23. Dezember 2019

Karikatur von unserem Opernfreund-Zeichner (c) Peter Klier

 

 

 

Beethoven in D-Dur und Bruckner in d-Moll. Zwei große Werke der Konzertliteratur standen im Mittelpunkt, des 1. Akademiekonzertes in Mannheim. Knapp einhundert Jahre liegen zwischen den beiden Werken des Abends.

Zu Beginn erklang das 1806 uraufgeführte Violinkonzert von Ludwig van Beethoven. Zu seiner Zeit war dieses Konzert so völlig anders, sehr umfangreich und mit reichlich musikalischem Subtext. Allein der erste Satz dauert mit knapp 30 Minuten so lange wie manches gesamte Violinkonzert. Pocht hier in den Pauken beständig die Revolution an?

Dieses hoch virtuose Konzert gehört zum Kernrepertoire aller Solo-Geiger. In Mannheim gastierte Christian Tetzlaff. Dieser konnte sich über eine rhythmisch sehr pointierte Einleitung freuen, die GMD Alexander Soddy mit dem konzentriert aufspielenden Orchester des Nationaltheaters realisierte. Dieses agierte hier in kleiner Formation, so dass diese vor allem die Luftigkeit und Transparenz das Klangbild prägten. Soddy sorgte mit deutlichen Akzenten, vor allem auch in den wiederkehrenden vier Paukenschlägen für die notwendige Spannung. Das „Allegro ma non troppo“ nahm Soddy, wie gefordert, nicht zu eilig. So konnte Christian Tetzlaff mit beseelter Kantabilität seine herrlich ausphrasierten Melodiebögen für sich sprechen lassen. Dabei ertönte sein Spiel schnörkellos und natürlich. In der Solokadenz nahm sich Tetzlaff viel Zeit, die ausgebreiteten Themen weiterzudenken und virtuos auszubreiten. Interessant war die gewählte Fassung der Solokadenz, die hier ein Dialog zwischen Solo-Pauke und Solo-Violine war. Christian Tetzlaff transkribierte diese selbst auf Basis der Klavierkadenzen Beethovens. Fortwährender Pulsgeber war der animierende Soddy, der mit seinem feinen Orchester stets den Dialog zum Solisten suchte. Und doch war es der unbedingte Wille von beiden Musikern auszuloten, wie sehr ein inniges Pianissimo gelingen kann. Und die Herausforderung gelang immer wieder atemberaubend. Es waren vor allem die vielen leisen Momente, die diese Interpretation so außergewöhnlich wirken ließ.

Das Larghetto wurde leise und getragen formuliert. Das Orchester agiert hier reduziert, da ein Teil der Bläser und die Pauken in diesem Satz schweigen. Ein intimer Ruhepunkt voller Anmut konnte so entstehen.

Wie groß dann der Kontrast in das beschließende Rondo, das zuweilen an Jagdmusik denken lässt. Voller Überschwang spielte Tetzlaff dann seine überragende Virtuosität aus, wiederum gekrönt durch eine ungemein schwierige Kadenz, die verblüffend selbstverständlich geriet. Das Orchester wurde von Soddy stürmisch vorangetrieben, was dieses Finale mitreißend wirken ließ.

Große Begeisterung für die Künstler. Tetzlaff bedankte sich beim Publikum mit einer feinen, getragenen Zugabe.

Neun Jahre arbeitete Anton Bruckner an seiner 9. Symphonie. Die „an den lieben Gott“ gewidmete Symphonie erlebte ihre dreisätzige Uraufführung im Jahr 1903 im Wiener Musikvereinssaal. Diverse Komponisten haben Versuche unternommen, den vierten Satz, der in einzelnen Skizzen erhalten blieb, zu rekonstruieren. Zumeist wird aber die unvollendete Version aufgeführt, so auch hier in Mannheim.

Groß ist der Orchesterapparat und kühn, neutönend die harmonische Weiterentwicklung in der Musik Bruckners. Soddy begann zunächst breit und feierlich, so dass ein echtes „Misterioso“ entstand. Gewaltig ertönten die klanglichen Ballungen in den choralartigen Bläserakkorden. Die Klangräume glichen gewaltigen Klangkathedralen und doch fand Soddy die notwendige Ruhe, den großen Atem, um Ruhepunkte zum gekonnten Spannungsaufbau zu nutzen. Pompös gesteigert dann die beeindruckende Coda, die alle Themen in eine offen endende Apotheose münden ließ.

Ein deutlicher Farbwechsel dann im folgenden Scherzo, das schatten- und fratzenhaft über den Zuhörer kam. Unerbittlich stampfende Dissonanzen in deutlichen Paukenschlägen, alles mehrmals gipfelnd in kompositorische Trugschlüsse. Sprunghaft und keck im rasanten Tempo dann das eigentümliche Trio, das wie ein flüchtiger Spuk mit teilweise bizarr anmutenden harmonischen Veränderungen eine ganz andere musikalische Landschaft eröffnet. Doch dann sind die stampfenden Dissonanz Akkorde zurück und der Satz endete mit einer brachial gesteigerten Coda. In diesem Satz ließ Soddy sein reaktionsschnelles Orchester geradezu entfesselt aufspielen. Ein befremdlicher Alptraum mit lichten Momenten. Was für eine Komposition!

Und dann öffnete sich das unendlich anmutende, ausladend dargebotene Adagio in seiner ganzen Klangweite. Meisterhaft gearbeitete kontrapunktische Melodiebögen in jenseitig klingenden Farbgebungen. Hier geben die Wagner-Tuben dem Satz eine besondere Erhabenheit und wirken in dem feierlichen Ernst äußerst eindrucksreich. Und doch ist der Gedanke des Endlichen, des Übertritts in eine andere Dimension bezwingend spürbar. Sicherlich hat Bruckner mit diesem Abschiedsgesang an das Leben große Zukunftsmusik geschrieben. In keinem seiner anderen Werke gibt es eine derart drastische Dissonanz, wie hier am Satzende in einem Tredezimakkord, der in seiner Klangballung eine niederschmetternde Wucht entfaltet. Aber es wäre nicht Bruckner, wenn dieser Satz nicht mit einem harmonischen Ausklang beseelt enden würde. So sind es abermals die Wagner-Tuben die das feierlich letzte Wort in dieser Meister-Symphonie haben.

Alexander Soddy zeigte erneut, dass er nicht nur ein sehr guter Operndirigent ist, sondern ebenso im Konzertrepertoire mit eigenen Interpretationsideen für besondere Momente sorgen kann. Erkennbar gut vorbereitet gestaltete er diesen symphonischen Koloss. Die Tempi wirkten angemessen, obwohl Soddy insgesamt eine zügige Gangart bevorzugte. Fein abgestuft nutzte er die ganze dynamische Bandbreite. Er erzielte so einen warmen und von Noblesse geprägten Orchesterklang. Dabei suchte er zudem immer wieder die Transparenz, die vor allem im Scherzo gelang.

Ein großes Lob muss an das hingebungsvoll spielende Orchester des Mannheimer Nationaltheaters adressiert werden. Die stilistische Bandbreite ist enorm und das technische Niveau bezwingend. An allen Pulten gab es herausragende, überzeugende Leistungen, vor allem im überreich geforderten Blech. Ein wunderbarer, warm tönender Klangkörper, der der Musik Anton Bruckners die notwendige Größe zukommen ließ

Das Publikum wirkte berührt und feierte Alexander Soddy mit seinem Orchester gebührend.

 

Dirk Schauß, 8. Oktober 2019

(c) Akademiekonzerte

 

 

SWR Symphonieorchester & Teodor Currentzis

Dmitri Schostakowitsch

Symphonie No. 7 op. 60

 

Mannheimer Rosengarten am 23. Juni 2019

Höllische Sternstunde

„Ich widme meine Sinfonie unserem Kampf gegen den Faschismus und Leningrad meiner Heimatstadt“. Worte des Komponisten Dmitri Schostakowitsch über seine sog. „Leningrader Symphonie“. Ursprünglich als einsätziges Werk gedacht, so erarbeitete der Komponist dann doch eine viersätzige Symphonie, deren Sätze zunächst mit den Titeln: Krieg, Erinnerung, Weite der Heimat und Sieg überschrieben waren. Doch auch davon wendete Schostakowitsch sich ab. Das Werk erlebte seine Uraufführung unter lebensbedrohlichen Kriegsbedingungen im Jahr 1942. Es folgte die deutsche Erstaufführung mit den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Sergiu Celibidache im Jahr 1946.

Der erste Satz beginnt mit idyllischen Farben und Themen. Alles dies ändert sich mit der Einführung des zentralen Themas, das sog. „Invasions-Thema“, das in elf Variationen den Einmarsch der deutschen Feindestruppen charakterisiert. In Form eines Bolero-Rhythmus wird ein bekanntes Motiv der Léhar Operette „Die lustige Witwe“ (Da geh ich zu Maxim…) zitiert. Einer von vielen Subtexten, galt doch die „Witwe“ als eines von Hitlers Lieblingswerken. In gigantischen Fortissimo-Klängen mit gewaltigen Schlagzeug-Eruptionen walzt dieser musikalische Panzer alles nieder. Am Ende tönen ermattet Solo-Fagott und Trompete, bis dann in der Coda der Rhythmus des Invasions-Themas nochmals anklingt.

Der zweite Satz Moderato gleicht einem Scherzo und verarbeitet Idyllisches und Bedrohliches, gipfelnd in einem schrillen Walzertakt.

Ergreifend dann das ausgedehnte Adagio mit seinen choralartigen Anklängen. Breite Unisono-Kantilenen erklingen in den Streichern und werden im Trio durch einen grotesk anmutenden Marsch aufgebrochen.

Im beschließenden letzten Satz verarbeitet Schostakowitsch Motive der Trauer, die am Ende in einen erstarkenden, gewaltigen Triumph-Gesang des gesamten riesigen Orchesters führen. Die Sogwirkung, die von diesem Finale ausgeht, ist derart atemberaubend, dass diese nie ihre überwältigende Wirkung verliert.

Ein ganz besonderes Konzert im Mannheims Rosengarten mit dem SWR Symphonieorchester unter Leitung seines Chef-Dirigenten Teodor Currentzis! Es war eine gute Entscheidung, nur diese so besondere Symphonie auf das Programm zu setzen und ihr damit einen besonderen Fokus zu geben.

Ganz zu Hause und damit voll in seinem Element wirkte Dirigent Teodor Currentzis mit seinem hingebungsvoll musizierenden SWR Symphonieorchester. In riesiger Besetzung trat dieser fantastische Klangkörper im Mannheimer Rosengarten an: 18. erste Violinen, 12 Celli, 10 Kontrabässe, 7 Trompeten, 6 Posaunen u.v.a., sorgten für ein unvergessliches Klangerlebnis der Spitzenklasse.

Interpretatorisch suchte Currentzis die Extreme in seiner Lesart. Dies bedeutete gewaltige und doch auch sehr extreme dynamische Effekte. Leiseste Pianissimi standen ohrenbetäubende Fortissimo Ausbrüchen gegenüber. Nahezu unhörbar ließ er bei größter Exaktheit das „Invasions-Thema“ erklingen, um auf dem dynamischen Höhepunkt die seinerzeitige Kriegshölle zu entfesseln. Unglaublich, mit welcher Vehemenz die vier kleine Trommeln den Bolero-Rhythmus in das Ohr der Zuhörer hämmerten.

Dabei hörte Currentzis sehr genau in die Musik hinein, deckte Verästelungen in den Nebenstimmen auf, gab der melodischen Phrasen-Entwicklung dabei den Vorzug. Was seine Interpretation so außergewöhnlich machte, war das erzählerische Element. Dem Zuhörer wurde die intensiv berührende Geschichte eines grauenvollen Krieges erzählt. Der Spannungsbogen geriet derart intensiv und überzeugend, so dass die vier Sätze dieser Symphonie miteinander verschmolzen.

Die Tempi wirkten gemessen, niemals übersteigert, sondern sehr klar in der gesamten polyphonen Struktur. Currentzis ist ein unermüdlich aktiv agierender Dirigent. Unablässig feuerte er seine ganze Energie, in z.T. auch geradezu tänzerischen Bewegungen in sein Orchester. Jede Note war wichtig und erklang in der Bedeutung einer Lebensaufgabe. Somit gab es keinerlei Beiläufigkeit in seiner Interpretation. Eine großartige Idee war es zudem, einzelne Orchestergruppen oder auch das gesamte Orchester während des Spiels aufstehen zu lassen. Die klanglichen Akzentuierungen gerieten dadurch besonders eindrücklich

Das SWR Symphonieorchester agierte als eingeschworene Gemeinschaft, die mit ihrem Dirigenten alles aus der Musik herausholten. Dabei hatte Currentzis die Streicher z.T. sehr ruppig, erdig intonieren lassen. Im Kontrast dazu erklang die große Streichergruppe perfekt koordiniert in den großen Unisono-Teilen des dritten Satzes, die mit höchster Sensibilität realisiert wurden. Die Blechbläser intonierten unermüdlich und absolut intonationssicher. Sehr gut trafen die Holzbläser das ironisch groteske Farbspektrum oder berührten besonders intensiv (z.B. Soloflöte) in den idyllischen Abschnitten. Dazu überwältigend in der gesamten dynamischen Bandbreite die große Gruppe der Schlagzeuger. Eine Orchesterleistung auf höchstem Niveau, die keinen internationalen Vergleich scheuen muss!

Eine geradezu höllische Sternstunde im Konzertleben erlebten die Zuhörer. Ein außergewöhnliches, unvergessliches Erlebnis! Das Publikum zeigte sich völlig hingerissen und reagierte überwältigt mit lauter Euphorie.

Riesige Begeisterung und stehende Ovationen im ausverkauften Rosengarten!

 

Dirk Schauß 24.6.2019

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de