DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
Alle Premieren 19/20
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-(
Der OF-Stern * :-)
OF Filmseite
Serienseite OF-Tips
Silberscheiben
Neue Bücher
Oper DVDs Vergleich
Musical
Et Cetera
-----
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Abu Dhabi
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Amst. Concertgebouw
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Bad Hersfeld
Bad Ischl
Bad Reichenhall
Bad Staffelstein
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Barcelona
Basel Musiktheater
Basel Sprechtheater
Basel Ballett
Basel Musicaltheater
Basel Konzerte
Bayreuth Festspiele
Bayreuth Markgräfl.
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Belogradchik
Bergamo
Berlin Livestreams
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstiges
Bern
Biel
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bochum Sonstiges
Bologna
Bonn NEU
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bonn Sonstiges
Bordeaux
Bozen
Brasilien
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremen Musikfest
Bremerhaven
Breslau
Britz Sommeroper
Brühl
Brünn Janacek Theate
Brünn Mahen -Theater
Brüssel
Brüssel Sonstige
Budapest
Budap. Erkel Theater
Budapest Sonstiges
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Caen
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago Lyric Opera
Chicago CIBC Theatre
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Daegu Südkorea
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dornach
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Oper
Dresden Operette
Dresden Ballett
Dresden Konzert
Duisburg
Duisburg Sonstiges
MusicalhausMarientor
Düsseldorf Oper
Rheinoper Ballett
Düsseldorf Tonhalle
Düsseldorf Sonstiges
Schumann Hochschule
Ehrenbreitstein
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Phil 2
Essen Phil 1
Essen Folkwang
Essen Sonstiges
Eutin
Fano
Fermo
Flensburg
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Frankfurt Sonstiges
Frankfurt Alte Oper
Frankfurt Oder
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Sankt Gallen
Gelsenkirchen MiR
Genova
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Gießen
Glyndebourne
Görlitz
Göteborg
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte NEU
Graz Sonstiges
Gstaad
Gütersloh
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hanau Congress Park
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Jekaterinburg
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kawasaki (Japan)
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Oper Köln
Wa Oper Köln
Köln Konzerte
Köln Musical Dome
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Kosice
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Kriebstein
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leipzig Ballett
Leipzig Konzert
Lemberg (Ukraine)
Leoben
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
Loeben
London ENO
London ROH
London Holland Park
Lucca
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübeck Konzerte
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Luzern Sprechtheater
Luzern Sonstiges
Lyon
Maastricht
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mahon (Menorca)
Mailand
Mainz
Malta
Mannheim
Mannheim WA
Mannheim Konzert
Mannheim Opernstudio
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Meran
Minden
Minsk
Miskolc
Modena
Mönchengladbach
MG Sonstiges
Mörbisch
Monte Carlo
Montevideo
Montpellier
Montréal
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Nantes
Neapel
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neustrelitz
Neuss RLT
New York MET
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oberhausen
Odense Dänemark
Oldenburg
Ölbronn
Oesede (Kloster)
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paraguay
Paris Bastille
Paris Comique
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Paris Sonstiges
Paris Streaming
Parma
Passau
Pesaro
Pfäffikon
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag StOp
Prag Nationaltheater
Prag Ständetheater
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Remscheid
Rendsburg
Rheinsberg
Riga
Riehen
Rosenheim
Rouen
Rudolstadt
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg Festspiele
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
Salzburg Sonstiges
San Francisco
San Marino
Sankt Petersburg
Sarzana
Sassari
Savonlinna
Oper Schenkenberg
Schloss Greinberg
Schwarzenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spielberg
Spoleto
Staatz
Stockholm
Stralsund
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Sydney
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Tel Aviv
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Tours
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Utting
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Versailles
Weimar
Wels
Wernigeröder Festsp.
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Wiesbaden Wa
Wiesbaden Konzert
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfenbüttel
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Wuppertal TE
Wuppertal Sonstiges
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Theater 11
Zürich Konzert
Zürich Sonstiges
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
DIVERSITA:
Bil´s Memoiren
Havergal Brian
Doku im TV
Essay
Walter Felsenstein
P. Heuberger Seite
HUMOR & Musikerwitze
Kammeropern
Peter Klier Seite
Korngold
Nationalhymnen
Nachrufe
OF-Kritkers Best Of
Oper im Fernsehen
Oper im Kino
Opernschlaf
Pionteks Opernseite
Pocket Opera
Regiemoden
Schöne Filme gratis
Streaming diverse
Unbekannte Oper
Egon Wellesz
YOUTUBE Schatzkiste
Kulkturwanderungen
Digitale Corona Oper
---
ARCHIV:
Bilsing in Gefahr
Christoph Zimmermann
Herausgeber Seite
Alte CD/DVD Kritik
Buckritiken alt
Wiesbaden Archiv
---
---
---
-

PIACENZA

www.teatripiacenza.it/

 

 

FALSTAFF                                  

Aufführung am 24.1.20 (Premiere)

Überzeugendes Debüt

Eigentlich hatte ich mich, wie viele andere Opernliebhaber auch, gefragt, warum Luca Salsi, dessen Karriere derzeit einen Höhepunkt erreicht hat, bereits die Titelrolle in Verdis letztem Werk verkörpern wollte. Nach dieser Debütvorstellung war klar, warum, denn Salsi hatte nicht nur eine musikalische Interpretation von größter Sorgfalt für alle Zeichen und Vorschriften des Komponisten vorgelegt, sondern auch eine überzeugende Interpretation, in welcher Shakespeares Dickwanst einmal nicht als alter Tölpel jenseits von Gut und Böse gezeigt wird, sondern als Edelmann, der zwar seine finanziellen Probleme hat, aber sozusagen bis „gestern“ auch noch in der Fraktion der Ladykiller ernstzunehmen war. Daher kein billiges Augenzwinkern auf leicht zu erzielende Lacher und eine Interpretation des Monologs zur Eröffnung des 3. Akts, die durchaus als wegweisend gesehen werden darf. Ein geradezu kindliches Erstaunen über das, was ihm widerfahren ist, kennzeichnet seine Worte, die Bitte um „un bicchier di vin caldo“ ist richtiggehend rührend. Dazu kommt als Selbstverständlichkeit, dass unser Bariton an den wenigen Stellen, wo ihn Verdi richtig aufdrehen lässt, natürlich eine Freude war. Es spricht für die Klugheit des Künstlers, die Rolle an kleineren Häusern (es gibt auch Vorstellungen in Modena und Reggio Emilia), aber gleichzeitig in den terre verdiane debütiert zu haben.

Falstaff ist natürlich keine Figur, die sofort unabänderlich vor uns steht. Man darf sich auf weitere Vertiefungen und Nuancen freuen, wenn man noch dazu bedenkt, dass der Regisseur Leonardo Lidi nicht viel zu einer weiteren Charakterisierung beigetragen haben dürfte. Lidi kommt vom Sprechtheater und hatte sich für seine erste Opernregie nicht unbedingt das einfachste Werk ausgesucht. Im Bühnenbild von Emanuele Sinisi, das mit seinen kaum angedeuteten Schauplätzen einmal mehr nachwies, wie schlecht die Finanzlage der italienischen Opernhäuser ist, bediente er sich vierer Mimen, die einerseits eine große Hilfe bei den minimalen Veränderungen der Szene, etwa durch das Verschieben von Bänken, waren, andererseits als zeitweilige Verdopplung der Figuren eher störend wirkten. Ihr großer Auftritt kam allerdings im letzten Bild, als sie die Angriffe auf Falstaff überzeugend mimten, während dieser mit Augenbinde hilflos auf seinem Stuhl saß. Dass die Mimen teilweise mit Röcken als Mägde, teilweise in Strumpfhosen gekleidet waren (Kostüme: Valeria Donata Bettella), mag ein kleiner Hinweis auf Shakespeares Zeiten sein, als alle Frauenrollen von Männern interpretiert wurden. Die Kostüme der Solisten entsprachen dem Geschmack zu Beginn des 17. Jahrhunderts.

Die musikalische Umsetzung litt unter einer unentschlossen klingenden Leitung von Jordi Bernàcer, dem es nicht gelang, dem Orchestra dell'Emilia-Romagna Arturo Toscanini  mehr als korrekte Töne zu entlocken, sodass die vielen Farben der Partitur nicht ausgelotet wurden. Vladimir Stoyanov erwies sich in der Rolle des vermeintlich gehörnten Ford einmal mehr als stimmlich sicher, aber in Hinsicht auf Persönlichkeit schwach. (Kann sich jemand unserer Leser noch erinnern, was Rolando Panerai aus der Figur gemacht hat?). Alice Ford wurde von Serena Gamberoni als pikante junge Ehefrau gezeichnet; ihrer anständigen stimmlichen Leistung fehlte ein wenig Durchschlagskraft. Diese besaß Giuliana Gianfaldoni als ihre Tochter Nannetta, die durch unglückliche Kostümierung und Perücke älter als ihre Mutter aussah, aber schöne, reine Soprantöne hören ließ. Ihr Fenton Marco Ciaponi klang ein wenig über das Fach des lirico-leggero hinausgewachsen, sang aber gut. Sehr amüsant und stimmlich untadelig waren Marcello Nardis (Bardolfo) und Graziano Dallavalle (Pistola).

Entsprechend schneidend klang Luca Casalin als aufgebrachter Dottor Cajus. Rossana Rinaldi tat als Quickly, was sie konnte, aber die tiefen Noten im Altregister standen ihrem Mezzo nicht zur Verfügung. Als Meg fügte sich Florentina Soare gut ins Geschehen. Untadelig wie immer der von Corrado Casati einstudierte Chor des Hauses.

Großer Jubel für alle, triumphaler Beifall für Salsi. 

                          

Eva Pleus 28.1.20

Bilder: Gianni Cravedi und Mirella Verile

 

 


LA FORZA DEL DESTINO                      

Aufführung am 20.1.19 (Premiere am 18.1.)

Sehr beeindruckend

Giuseppe Verdis Oper über die „Macht des Schicksals“ wird nicht allzu oft gegeben, weil einerseits fünf erstklassige Stimmen gebraucht werden, das Werk mit seiner Länge und seinen Szenenwechseln andererseits sehr aufwendig zu inszenieren ist. Umso höher ist es Cristina Ferrari, der tüchtigen künstlerischen Leiterin des Hauses in Piacenza, anzurechnen, mit den gleichfalls in der Region Emilia gelegenen Theatern in Reggio Emilia und Modena eine Koproduktion auf die Beine gestellt zu haben.

Wo das Geld knapp ist, regiert die Phantasie, und so ließ sich Regisseur Italo Nunziata von dem in Italien lebenden finnischen Künstler Hannu Palosuo Gemälde entwerfen, die im Hintergrund die jeweilige Szene kennzeichneten, wie etwa eine Art Luster für das erste Bild und Kreuzigungsansichten für die Klosterszenen. Wo es keine Gemälde gab, genügte ein schlichtes Kreuz von Bühnenbildner Emanuele Sinisi, der auch zeigte, wie vielfältig ein langer Tisch eingesetzt werden kann, diente er doch nicht nur als Schreibtisch im 1. Bild, sondern wurde auf ihm das Essen in der Schenke aufgetragen, der verletzte Alvaro auf ihn gebettet oder er stand Preziosilla für ihre Aufrufe und Melitone für die Essensausgabe zur Verfügung. Sonst genügten ein paar Stühle und Sandsäcke – et voilà! Nicht immer so geglückt waren die Kostüme von Simona Morresi: Die Militärjacke des korpulenten Don Carlo mit einem Gürtel in Form eines schmalen Bandes zusammenzuhalten, war keine gute Idee, ebenso wie sein bürgerliches Outfit beim großen Duett im vorletzten Bild. Und schön anzuschauen, aber eben allzu schön waren die Kostüme des Damenchors, wenn vazierendes oder bettelndes Volk darzustellen war. Der Rest ging in Ordnung, wie auch die Regie von Nunziata, der die Massen geschickt bewegte, die Sänger singen ließ und ein paar gute Ideen hatte, wie etwa den Diebstahl von kirchlichen Paramenten und Kerzenleuchtern seitens der Soldateska, die Melitone bei seiner Predigt wütend wieder an sich riss. Zur Ballettmusik tanzte Preziosilla mit Soldaten, was wesentlich natürlicher wirkte als die üblichen Balletteinlagen. Die Verlegung der Handlung in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte weiter keine Auswirkungen.

Ausgezeichnet war, mit einer Ausnahme, die musikalische Seite: Nach einer schwungvoll musizierten Ouverture erwies sich der junge Francesco Ivan Ciampa als kompetenter Leiter des Orchestra Regionale dell'Emilia-Romagna, der das ohne die oft üblichen Striche aufgeführte Werk immer fest in der Hand hatte und auch gut auf die Sänger achtete. Der Coro del Teatro Municpale di Piacenza unter seinem Leiter Corrado Casati legte neuerlich Zeugnis von seinem vokalen Können und seiner szenischen Beweglichkeit ab.

Anna Pirozzi war mit auch in der Höhe immer besser angebundenem Spintosopran die zurecht gefeierte Leonora. Ein ausgezeichnetes Legato und berückendes Piano vervollständigten den Eindruck, sodass das begeisterte Publikum eine Wiederholung der „Pace“-Arie verlangte und auch erhielt. Wie Pirozzi beging auch Luciano Ganci als Alvaro ein gelungenes Rollendebüt; sein Tenor verfügt nunmehr über einen beeindruckenden squillo, doch protzt der Sänger nicht mit seiner Höhe, sondern ließ uns stets expressiv an Alvaros tragischem Schicksal teilnehmen. Die junge Rumänin Judit Kutasi, an der Scala bisher nur als Madelon und „Elektra“-Magd zu hören gewesen, bestach als Preziosilla mit einem besonders schön timbrierten Mezzo mit strahlender Höhe. Starken Eindruck hinterließ auch der Melitone von Marco Filippo Romano, der - stimmlich souverän - den Mönch nicht verblödelte, sondern eine interessante, frustrierte Figur auf die Bühne stellte. Marko Mimica sang die balsamischen Phrasen des Padre Guardiano schön, auch wenn sein gepflegter Bassbariton in der Tiefe recht schmal klang.

Als Marchese Calatrava klang der Bass von Mattia Denti recht knorrig, was aber zur Figur des unbeugsamen Vaters passte. Aufhorchen ließ Cinzia Chiarini als Curra; Marcello Nardis gab einen nachdrücklichen Trabucco, Juliusz Loranzi einen kraftvollen Alkalden und Chirurgen (die letztgenannten drei Rollen sind durch die strichlose Fassung ja aufgewertet). Einziger, aber leider ausgeprägter Schwachpunkt war der Bulgare Kiril Manolov als szenisch plumper und vokal rauher Don Carlo, dessen Bariton mehrfach zum Gicksen neigte. Für diese schwache Leitung musste er einige Buhs einstecken. Im Ganzen aber eine sehr erfreuliche Produktion, die lebhaft gefeiert wurde.                                                             

Eva Pleus 22.1.19

Bilder: Foto Cravedi

 

 

IL CORSARO                               

Teatro Municipale - Vorstellung am 4.5.18 (Premiere)

Vielversprechende junge Sänger

Wie ich vor kurzem anlässlich einer Besprechung dieses Werks aus Valencia festgestellt habe, gehört es zu den schwächsten Opern des Meisters aus Busseto. An meinem Urteil ändert sich nichts, doch wie anders war dennoch der Eindruck, den diese Produktion (die im Herbst auch in Modena gezeigt wird) in Piacenza hinterließ.

Schon allein die Inszenierung, die 2004 für Parma entstanden war, sprach eine andere Sprache, denn sie verkomplizierte nichts, sondern erzählte die zugegebenermaßen dramaturgisch wenig ergiebige Geschichte linear in einem von Segeln und Schiffstauen dominierten Ambiente (das eindrucksvolle Bühnenbild stammt von Marco Capuana), wobei die Regie von Lamberto Puggelli genussvoll das Aufeinandertreffen von Piraten und Sarazenen zeigt, „choreographiert“ von dem bekannt tüchtigen Fechtmeister Renzo Musumeci Greco. Unterstützt von den kleidsamen bis prachtvollen Kostümen der Vera Marzot und der stimmigen Beleuchtung von Andrea Borelli war es Grazia Pulvirenti, der Witwe des 2013 verstorbenen Puggelli, die auch seine Regieassistentin war, gelungen, das ganze Feuer dieser Inszenierung (die ich 2008 in Busseto gesehen habe) zu erhalten.

Viel feurige Leidenschaft kam allerdings auch aus dem Orchestergraben, wo Matteo Beltrami dem Orchestra Regionale dell'Emilia-Romagna mitreißende Rhythmen entlockte, die keinen Platz ließen für Betrachtungen über eventuelle schwächere musikalische Momente. Auch der Coro del Teatro Municipale di Piacenza unter seinem Leiter Corrado Casati zeichnete sich durch differenzierte Klangfülle aus und verdient höchstes Lob.

Es war ein Abend junger Sänger, von denen vor allem der Titelrollenträger schon mehr als ein Versprechen war, denn der 25-jährige peruanische Tenor Iván Ayón Rivas überzeugte mit besonders schön timbrierten Mitteln, die er auch mit bereits sehr sicherer Technik einsetzte. Er sang die fordernde Rolle scheinbar mühelos, aber angesichts seines jugendlichen Alters sollte er besser noch eine Zeitlang im lyrischen Fach verweilen. Sein temperamentvolles Spiel ergänzte den überaus positiven Eindruck. Sehr interessantes Material brachte auch die 30-jährige Roberta Mantegna für die dramatische Rolle der Gulnara mit. Allerdings muss die Sängerin aus Palermo noch an ihrer Technik feilen, und ihr Einsatz im Juli an der Scala als Zweitbesetzung in Bellinis „Pirata“ erscheint mir verfrüht.

Der 32-jährige Veroneser Simone Piazzola hat einen schön timbrierten Bariton, dessen Volumen sich aber deutlich verringert hat, seitdem der Künstler viele Kilos abgenommen hat. Dieser Umstand lässt an seiner Eignung für größere Häuser zweifeln, aber in dem mittelgroßen Haus in Piacenza sang er einen guten, nachdrücklich klingenden Sultan Seid. Die älteste Künstlerin im Ensemble und die mit der längsten Karriere war die 37-jährige Serena Gamberoni aus Rovereto. Sie sang die unglückliche Medora mit feinem lyrischem Sopran, von dem man sich vielleicht etwas mehr Expressivität gewünscht hätte. Der 27-jährige, in Bukarest geborene, aber in Sizilien aufgewachsene Bass Cristian Saitta machte als Giovanni wieder mit gutem Material auf sich aufmerksam. In den kleinen Tenornebenrollen ergänzten Matteo Mezzaro (Selimo) und Raffaele Feo (Ein Eunuch/Ein Sklave), ersterer verlässlicher als letzterer.

Eine stürmisch bejubelte Aufführung, in der man sich auch über gesanglichen Nachwuchs freuen konnte.                                                                                                  

Eva Pleus 17.5.18

Bilder: Mirella Verile

 

 

 

LA WALLY

Premiere am 17.02.2017

Schneegestöber in der Po-Ebene

Lieber Opernfreund-Freund,

als Opernfan aus Deutschland ist man sich nicht immer bewusst, wie hoch doch die Subventionen sind, die dafür sorgen, dass hierzulande zahlreiche Theater auch kleiner Kommunen über eigene Ensembles verfügen und regelmäßig und kontinuierlich bespielt werden können. In Italien, dem Mutterland der Oper, sieht das anders aus. Die allermeisten Häuser haben einen reinen Stagione-Betrieb, werden also nur für einzelne Produktionen geöffnet, für die ausnahmslos Gastsängerinnen und -sänger engagiert werden und die dann en block in wenigen Aufführungen gezeigt werden. So kommt es, dass in prachtvoll ausgestatteten Theatern, wie dem Teatro Municipale in Piacenza, einer Großstadt mit gut 100.000 Einwohnern, das über 1.100 auf fünf Ränge verteilte Plätze verfügt, in der laufenden Saison nur 16 Mal Musiktheater angeboten wird. Die insgesamt sechs Werke entstehen als Koproduktionen mit anderen Theatern, wohin sie nach höchstens drei Aufführungen weiter wandern. Wer die verpasst hat, hat Pech gehabt, denn so etwas wie Repertoire und damit die Chance, ein Stück in einer anderen Spielzeit noch einmal zu sehen, gibt es nicht. Dieser Art von Theaterbetrieb hat in Italien eine lange Tradition. Piacenza und die unweit gelegenen Theater in Modena und Reggio Emilia stellen seit Jahren gemeinsam Produktionen auf die Beine. Schon 1975, als hier zum letzten Mal Alfredo Catalanis ohnehin recht selten aufgeführte „Wally“ zu sehen war - damals mit der wunderbaren Raina Kabaivanska in der Titelrolle, hatte man sich zusammen getan, um das Stück zu realisieren. Am gestrigen Freitag hatte die Neuproduktion nun also in Piacenza ihre „richtige“ Premiere, auch wenn die Inszenierung bereits am vergangenen Mittwoch in der hier üblichen Vorpremiere für die Schulen gezeigt wurde.

Regisseur Nicola Berloffa ist bei seiner Lesart nicht an einer großartigen psychologischen Interpretation oder gar Umdeutung des in unseren Breitengraden vor allem aus den Geierwally-Heimatfilmen bekannten Geschichte, die auf dem Roman von Wilhelmine von Hillern basiert, gelegen. Und doch gelingen ihm durch Kleinigkeiten eigene Akzente: So ist Wallys Vater Stromminger nicht der Despot, als der er sonst gerne gezeigt wird. Er ist einfach nur so kalt wie die Welt, von der Wally umgeben ist, und die im eisigen Bühnenaufbau von Fabio Cherstich treffend versinnbildlicht wird. Wallys Freund Walter ist nicht der knabenhaft-unschuldige Junge, sondern hat durchaus amouröse Ambitionen und Wally selbst ist aufgrund ihrer gesellschaftlichen Stellung und ihres Wesens Außenseiterin, hält beim Fest im zweiten Akt, bei dem sich alles dicht an dicht auf Holzbänken in Afras Wirtshaus drängelt, außerhalb Hof in ihrem Ledersessel. Frei von Lokalkolorit ist die Szenerie also nicht, doch sie wird nicht zum Selbstzweck. Die einfallsreichen Kostüme, die Valeria Donata Bettella geschneidert hat, orientieren sich an der Landhausmode gegen Ende des 19. Jahrhunderts, Pelz, Leder und Loden dominieren und Wallys Auftritt im roten Samtkleid wird zum atemraubenden Wow-Moment. Das stimmungsvolle Licht von Marco Giusti tut ein Übriges dazu, um die Geschichte um Liebe, Eifersucht, Mordkomplott und tragisches Ende schlüssig zu erzählen. Dabei tut Berloffa gut daran, die Lawine nicht zu visualisieren - in der Vergangenheit wirkte das allzu oft unfreiwillig komisch - lässt die Oper aber trotzdem mit einem eindrucksvollen Paukenschlag enden. So gelingt ein werktreuer Abend, der dennoch aufs Trefflichste zu unterhalten vermag.

Bei nahezu allen Sängerinnen und Sängern handelt es sich in dieser Produktion um Rollendebüts. Lediglich Zoran Todorovich hat den Hagenbach schon im vergangenen Jahr in Monte Carlo verkörpert. Da hatte ich auf hohem Niveau gejammert und fehlende Gefühlstiefe bemängelt. Doch davon konnte gestern nicht die Rede sein. Der gebürtige Serbe, der seit Jahren in Deutschland lebt, besticht nicht nur durch bombensichere Spitzentöne, in die er sich mit gewohnter Verve förmlich hineinstürzt, sondern ist auch dermaßen eins mit dem Hagenbach, dass er immer wieder zarte Töne findet und vor allem im vierten Akt sämtliche Facetten zeigt, die diese Mörder-Partie hat. Von der restlichen - nicht weniger überzeugenden - musikalischen Seite wie der umwerfenden Wally-Interpretation von Saioa Hernandez, Serena Gamberonis farbenreichem Mezzo, mit dem sie den Walter gestaltet, Claudio Sguras eindrucksvollem Bartion in der Rolle des hier als intriganten Karrieristen gezeichneten Gellner und der überzeugenden Leistung der anderen Protagonisten berichte ich Ihnen gerne in vierzehn Tagen, wenn ich mir die Derniere der Produktion in Reggio Emilia anschaue, worauf ich mich nach der gestrigen Premiere besonders freue. Bis dahin sind sicher auch die kleinen Unsicherheiten bei den Streichern und im Blech des ansonsten tadellos aufspielenden Orchestra Regionale dell’Emilia Romagna unter der Leitung von Francesco Ivan Ciampa verschwunden, die bestimmt der Nervosität am Premierenabend geschuldet waren. Dem tosenden Schlussapplaus im voll besetzten Haus haben sie zumindest keinen Abbruch getan.

Ihr Jochen Rüth / 18.02.2017

Die Bilder stammen vom Studio Cravedi und wurden von der Fondazione Teatri Piacenza zur Verfügung gestellt.

 

P.S. Kaum zu glauben  - und das im holden Opernland ITALIEN

Dass man sich im 21. Jahrhundert und dem Zeitalter der Smartphones vielleicht daran gewöhnen muss, dass in Lichtpausen zwischen den Akten rasch Fußballergebnisse oder E-Mails gecheckt werden, muss ich wohl hinnehmen. Dass man aber während der laufenden Aufführung nachschaut, was es Neues auf Facebook und in Whatsapp gibt, wie meine ansonsten hinreißende Sitznachbarin auf Platz 121 im Parkett, ist nicht extrem störend, sondern vor allem eine Respektlosigkeit gegenüber den Künstlerinnen und Künstlern, die sich auf der Bühne die Seele aus dem Leib singen und spielen. Schämen Sie sich!

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de