DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-(
Der OF-Stern * :-)
Opernpremieren 18/19
KINO Seite
Neue Silberscheiben
Buchkritik aktuell
Oper DVDs Vergleich
-----
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Amst. Concertgebouw
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Bad Ischl
Bad Reichenhall
Bad Staffelstein
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Basel
Basel Konzerte
Basel Musicaltheater
Basel - Casino
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Bayreuth Festspiele
Belogradchik
Bergamo
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstige
Bern
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bochum Sonstiges
Bologna
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bozen
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremen Musikfest
Bremerhaven
Breslau
Britz Sommeroper
Brünn Janacek Theate
Brünn Mahen -Theater
Brüssel
Budapest
Budap. Erkel Theater
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dortmund
Dortmund alt
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Semperoper
Dresden Operette
Duisburg
Duisburg Sonstiges
MusicalhausMarientor
Düsseldorf Oper
Düsseldorf Tonhalle
Düsseldorf Sonstiges
Schumann Hochschule
Ehrenbreitstein
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl Festspiele 2015
Erl Festspiele 2014
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Phil NEU
Essen Philharmonie
Essen Folkwang
Essen Sonstiges
Eutin
Fano
Fermo
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Sankt Gallen
Gelsenkirchen MiR
Genova
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Giessen
Glyndebourne
Görlitz
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte NEU
Graz Konzerte alt
Graz Sonstiges
Gstaad
Gütersloh
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Jekaterinburg
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Oper Köln
Wa Oper Köln
Köln Philharmonie
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Kriebstein
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leoben
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
Loeben
London ENO
London ROH
London Holland Park
Lucca
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Lyon
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mahon (Menorca)
Mailand
Mainz
Malta
Mannheim WA
Mannheim
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Meran
Minden
Minsk
Miskolc
Mönchengladbach
Mörbisch
Hamburg
Monte Carlo
Montpellier
Montréal
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Nantes
Neapel
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neustrelitz
Neuss RLT
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Odense Dänemark
Oldenburg
Ölbronn
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Parma
Passau
Pesaro
St. Petersburg
Pfäffikon
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag StOp
Prag Nationaltheater
Prag Ständetheater
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Remscheid
Rendsburg
Rheinsberg
Riga
Rosenheim
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg Festspiele
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
Salzburg Sonstiges
San Francisco
San Marino
Sarzana
Sassari
Savonlinna
Oper Schenkenberg
Schloss Greinberg
Schwarzenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spielberg
Spoleto
Staatz
Stockholm
Stralsund
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Sydney
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Weimar
Wels
Wernigeröder Festsp.
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Wiesbaden Wa
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Konzert
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
Bilsing in Gefahr
YOUTUBE Schatzkiste
HUMOR & Musikerwitze
Musical
Essay
Nationalhymnen
Leser reisen
Doku im TV
Oper im Fernsehen
Oper im Kino
Bernd Weikl Seite
Lenny Bernstein 100.
Unsitten i.d. Oper
Diverse Kritiken Bil

 

 

 

A REID ANDERSON CELEBRATION“ - Teil 3

24.07.2018


Reid Anderson: Rosen zum Abschied.


Das Abschluss-Wochenende wurde von 2 Galas bestimmt. Zunächst diejenige der John Cranko-Schule als Dank für den unermüdlichen Einsatz Andersons für den Schul-Neubau und die enge Anbindung ans Stuttgarter Ballett. Über genügend weiteren Nachwuchs aus dem eigenen „Stall“ muss sich auch Nachfolger Tamas Detrich keine Sorgen machen.

Die Gala des Stuttgarter Balletts markierte dann denn den endgültigen Abschied. Die ganze Compagnie, zwei ehemalige Erste Solisten und nur 2 Gäste (welch ein symbolisches Zeichen, dass das Stuttgarter Ballett von wenigen Gaststars abgesehen während der ganzen Jahre auf eigenen Füßen stehen konnte!) erwiesen ihrem Chef die Reverenz mit einem klug zusammen gestellten Programm, das in chronologischer Reihenfolge aus jedem von Andersons Intendanten-Jahren eine markante Ur- oder Erstaufführung bzw. wichtige Wiederaufnahmen würdigten. Dabei wurde noch einmal bewusst, wie vielfältig die Repertoire-Gestaltung war und welch wertvolle Handlungsballette es bereichert haben.

„ROMEO UND JULIA“ war Crankos erster Stuttgarter Triumph, Reid Anderson startete damit in seine erste Saison 1996/97, und auch Tamas Detrich setzt es als erstes Handlungsballett auf den Spielplan. Hyo-Jung Kang und Jason Reilly  lieferten in der konzertanten Version des großen Pas de deux, der auch ohne Balkon phantasievoll funktioniert, mit gestalterischer Erfahrung bei frischem Ausdruck den Beweis für den ungebrochenen Erfolg dieses Werkes.

Ein Pas de trois aus „SUITE“ von Uwe Scholz erinnerte wehmütig an den viel zu früh verstorbenen Choreographen, dessen bis ins kleinste Detail sensitive Musikalität von Alicia Amatriain, Roman Novitzkyund Marti Fernandez Paixa in vielsagenden Hebe-Figuren und Umkreisungen passend  zum symbolisch eingeblendeten flatternden Band übersetzt wurde. In Andersons 1999 gemeinsam mit der damaligen Ballettmeisterin Valentina Savina geschaffener Version von „GISELLE“ fanden Miriam Kacerova und etwas weniger ausgeprägt David Moore im Pas de deux des 2.Aktes zu einer richtig romantisch angelegten Linie. „DAS SIEBTE BLAU“ war kurz darauf einer der großen Erfolge des späteren Hauschoreographen Christian Spuck. Anna Osadcenko behauptete sich zwischen einer stark besetzten und für einen reibungslosen Bewegungsfluss sorgenden Herren-Gruppe mit profilierter Körpersprache. Ein echter Gala-Knüller und kaum zu toppen ist der Grand Pas de deux aus „DON QUIJOTE“ (Maximiliano Guerra hatte die neue Version des Klassikers im Jahr 2000 geschaffen) in der finessenreichen und um keine noch so schweren virtuosen Auszierungen verlegenen Präsentation durch das Traumpaar Elisa Badenes und Daniel Camargo. Könnte die Euphorie, die dem Brasilianer während der Festwoche mehrmals entgegen brandete, ihn nicht darauf besinnen, nach Stuttgart zurück zu kehren?

Dass beider Einsatz am Ende des zweiten Teils in einem geschickt aus Solo und Pas de deux zusammengefügten Ausschnitt aus „DER WIDERSPENSTIGEN ZÄHMUNG“ trotz guter Laune nicht ganz so zündete, lag wohl auch an der nicht so leicht aus dem Stand einer vom sonstigen Geschehen los gelösten Darbietung zu erzielenden Vis comica.


„Herman Schmerman“. Polina Semionova, Friedemann Vogel.

„HERMAN SCHMERMAN“ von William Forsythe wurde seit dem 40Jahr-Jubiläum des Stuttgarter Balletts nicht mehr aufgeführt – umso willkommener war jetzt die von Polina Semionova (als Gast) und Friedemann Vogel mit bewegungstechnischer Genauigkeit und gleichzeitiger Lässigkeit hingelegte Umsetzung des abstrakten Wortspiels. Allein der Pas de deux zwischen Königin Isabella und Mortimer in einer mitreißend dramatischen Wiedergabe durch Alicia Amatriain und Roman Novitzky genügte, um das Verlangen nach einer überfälligen Wiederaufnahme des Historien-Balletts „EDWARD II“ von David Bintley wieder zu stärken. Die Szene mit den Freiern aus der jüngst neu einstudierten“LULU“ reichte als Beispiel, den riesigen nicht nur damaligen Erfolg von Christian Spuck begreifbar zu machen. Kaum zu glauben, dass die Kindfrau des leichten Gewerbes genauso heißt wie die bereits erwähnte schelmische Kitri und kratzbürstige Katharina: Elisa Badenes.

„RÜCKKEHR INS FREMDE LAND“ ist eines jener gedanklich übersetzten und atmosphärisch eindringlichen Kammerballette von Jiri Kylian, dessen Synonym von Fremde und Sterben von Anna Osadcenko und David Moore tiefsinnig in Bewegungszusammenhängen erfasst wurde.


„I Fratelli“: Miriam Kacerova und Marijn Rademaker.

Miriam Kacerova und Marijn Rademaker lassen einen Pas de deux aus Mauro Bigonzettis „I FRATELLI“ (Uraufführung 2006/07) Hand in Hand mit Bruno Morettis filmischer Musik zum berührenden Scheitern einer Liebesgeschichte werden. Ganz große Bewunderung galt besonders auch Anna Laudere (als Gast vom Hamburg Ballett) und Jason Reilly für ihre Spannungshaltung und im Verein mit Arvo Pärts medidativen Klängen die Kunst der langsamen Bewegung zelebrierenden Wiedergabe des Liebes-Pas de deux aus John Neumeiers „OTHELLO“.

Wie sehr die Minimal Music dem Tanz ideale Bewegungsmuster bietet, daran gemahnten die beiden einzigen Solo-Beiträge des Abends: Friedemann Vogel als „ORLANDO“ (2009/10) im vollendet verfeinerten Nervositäts-Stil von Marco Goecke. Philipp Glass sorgt auch im Solo des „KRABAT“ (2013) von Demis Volpi für die stimmige Initiation, mit der sich Uraufführungs-Interpret David Moore  mit Entschlossenheit die finale Entscheidung abringt.

Hans van Manens kühl distanzierte und doch so vielsagende Neoklassik erfüllten Anna Osadcenko und Marijn Rademaker  mit perfekter Sachlichkeit.

Das 40Jahr Jubiläum des Klassikers „KAMELIENDAME“, in der kommenden Spielzeit Anlass für eine Wiederaufnahme, wurde zu Andersons Ehren jetzt mit der entscheidenden Begegnung  zwischen Marguerite und dem Vater Germont (1978 für ihn kreiert) vorab gefeiert. Alicia Amatriain und Roman Novitzky ließen die kommende Tragödie mit etwas viel Pathos ihrerseits und würdevoller Bestimmtheit seinerseits deutlich voraus ahnen. Noch ein Stück, das Anderson in der Uraufführung (1976) getanzt hatte: der Sanctus-Pas de deux aus Kenneth MacMillans verklärt leichtgewichtigem „REQUIEM“. Hyo-Jung Kang und Marti Fernandez Paixa setzten ihn mit noch etwas diesseitiger Leuchtkraft und noch nicht ganz reibungsloser Technik um.

Nicht fehlen durfte für eine ideale Auflockerung zwischen den schwermütigeren Beiträgen Spucks „GRAND PAS DE DEUX“, in dem sich Elisa Badenes und Jason Reilly angetrieben von Rossinis „Diebischer Elster“ einen köstlichen Spaß aus verunglückten klassischen Balletterscheinungen machten. Den passenden Schlusspunkt setzte wieder einmal der unübertrefflich expressive Final-Pas de deux aus „ONEGIN“, dessen Präsenz im Spielplan für die gesamte Intendantenzeit Andersons steht. Dass die Intensität der Gefühle bei Alicia Amatriain und Friedemann Vogel nicht so suggestiv über die Rampe kam wie zwei Tage vorher beim Alternativ-Paar der kompletten Aufführung, mag auch persönliche Empfindungssache sein.


„Defilee“,

Umrahmt wurde dieser Repertoire-Querschnitt von einer Kurzversion der „ETUDEN“, wo die John Cranko-Schüler aller Klassen die wichtigsten Haltungen und Figuren demonstrieren konnten. Danach ergänzten sie noch das „DEFILEE“ der Compagnie zur Polonaise aus „Eugen Onegin“ in hierarchischer Auftrittsfolge. Tamas Detrich hatte es genauso arrangiert wie das Überraschungsfinale, in dem sich alle Tänzer in Glitzer-Anzügen zu Revue-Tänzern und Sängern im „Cabaret“-Stil verwandelten und damit auch an die Anfänge von Anderson als Stepper erinnerten. In dieser Form begleitete das immens stark und vielseitig geforderte Staatsorchester Stuttgart unter der wechselnden Leitung von James Tuggle und Wolfgang Heinz auch das anschließende Defilee unter Luftballons und Konfetti-Regen, wo sich weitere Gäste Andersons mit einer roten Rose von ihm verabschiedeten.

Die höchste Ehre wurde Anderson durch die Überreichung der selten verliehenen Stauffer-Medaille in Gold des Landes Baden-Württemberg zuteil. Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Oberbürgermeister Fritz Kuhn würdigten ihn mit vielsagenden Worten, Vorgängerin Marcia Haydée dankte ihm in ihrer unkonventionell freien Laudatio vor allem für ihre Weiterbeschäftigung in vielfach gefragten Charakter-Partien.

Die Live-Übertragung beider Galas auf einen Großbildschirm im Schlossgarten als Fortsetzung der von Porsche gesponserten Reihe „Ballett im Park“ wurde leider beim endgültigen Abschied von Regen getrübt, die Tränen des Himmels für Reid Anderson konnten sich doch nicht zurück halten. „DANKE REID“ stand auf einer großen Bühnenleinwand, auf den T-Shirts vieler Mitarbeiter und nicht zuletzt auf Blättern mit einem roten Herzen, das auf Kommando von jedem Zuschauer hoch gehalten werden konnte. DANKE REID ANDERSON sagt auch

Udo Klebes 24.7.2018

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

Copyright: Stuttgarter Ballett

 

 

 

„A REID ANDERSON CELEBRATION“ – Teil 2

Festwoche zum Abschied des langjährigen Intendanten (1996-2018) 13.-22.7.


Die nächsten beiden Abende der Festwoche repräsentierten das klassischere Repertoire der Compagnie. Zum einen mit der im Januar/Februar mehrfach gezeigten Koppelung von Jerome Robbins „DANCES AT A GATHERING“ und Crankos Vermächtnis an seine 4 Tänzer-Stars „INITIALEN R.B.M.E.“ und mit dem Gipfelwerk aller seiner Schöpfungen „ONEGIN“, das schon oft als Vehikel für Abschiede gestanden hat.

In den beiden musikalisch vom Klavier geprägten handlungslosen Meisterwerken gab es selbst in dieser die Compagnie zum Saison-Abschluss verstärkt fordernden Ballettwoche noch Chancen für zwei Tänzer in neuen Partien. David Moore erwies sich in der am nachdenklichst gezeichneten Partie in Braun als einfühlsamer, eher stiller Charakter mit einer sich beständig lockernden Technik in Haltung und Bewegungsfluss. Alessandro Giaquintos anspruchsvolles Debut als Initiale „E“, mit bestechend flinker und präziser Beinarbeit und in insgesamt erstaunlich gelöster Präsenz erfreulich gut bestanden, ist noch einmal ein Beispiel dafür, welche Chancen und welches Vertrauen Anderson auf Basis seiner scharfen Beobachtungsgabe auch den Corps de ballet-Tänzern so oft gegeben bzw. geschenkt hat.


Traumverloren vollendet: Alicia Amatriain und Friedemann Vogel in „Initialen“

Nicht nur von Giaquinto, auch von den Gruppen-Kollegen Matteo Miccini und Noan Alves, die neben all den Solisten mit Ausstrahlung und jenem erkennbaren Impetus der Cranko-Tradition überaus gute Figur machten, dürfte in den kommenden Jahren ein Karriere-Schub zu erwarten sein. Ein unbestreitbarer Höhepunkt offerierte sich noch einmal mit dem von Alicia Amatriain und Friedemann Vogel traumverloren schön und vollendet phrasierten Pas de deux des dritten Satzes der Initialen. Und Daniel Camargo zeigte sich im ersten Satz als hoch willkommener Gast in den Ketten langer Drehungen freier, antriebsvoller und damit auch effizienter als bei seinen letzten Auftritten im Februar. 


Beglückender Spiegel-Pas deux: Hyo-Jung Kang (Tatjana) und Jason Reilly (Onegin).

Komplett in der Hand Erster Solisten lagen die Protagonisten im bei Tänzern wie vielen Besuchern meist geschätztesten Ballett nach Puschkins berühmtem Briefroman. Hyo-Jung Kang erinnert in ihrer gesamtheitlichen Rollen-Anlage der Tatjana, ihrer subtil sprechenden Mimik und ihrem vor Emotionen bebenden Körper immer mehr an ihre prominente, vor einem Jahr just in díeser Partie verabschiedete gleichnamige Landsmännin Sue Jin Kang. Die mädchenhafte Schwärmerei der jungen Tatjana und die gereifte Haltung der späteren Frau, nein Fürstin Gremin kommen bei ihr gleichermaßen glaubhaft, ohne Verkünstelungen zum Tragen. Hand in Hand mit dem von Jason Reilly immer noch mehr verfeinerten und bewegungstechnisch geschmeidiger und leichter gewordenen , weniger weltgewandten und noblen als einfach blind und leichtfertig hochnäsigen Onegin verdichteten sich ihre beiden großen Pas de deux zu zuerst beglückend strahlenden und zuletzt aufwühlend mitreißenden Begegnungen. Neben diesem Hauptpaar und der spieltechnisch entzückenden Olga der Elisa Badenes  stand David Moores Lenski mit einem Manko an Charisma etwas im Schatten, ohne deshalb ganz die Gefühlswelt des eifersüchtigen Poeten und schon gar nicht seine choreographisch anspruchsvolle Formung schuldig zu bleiben. Eher dezent im Auftreten, aber mit ausreichend Würde und technischem Geschick trug Roman Novitzky als Fürst Gremin seine Frau auf Händen.

Dass das Corps de ballet bei diesem Riesenpensum an unterschiedlichsten Einsätzen am Ende einer Saison an beiden Abenden nicht optimal in Form war, ist ihm mehr als nachzusehen, zumal sein darstellerisches Engagement uneingeschränkt von jener Antriebskraft blieb, die Aufführungen des Stuttgarter Balletts so besonders lebendig macht. Beim Staatsorchester Stuttgart unter James Tuggle mussten einige Lautstärke-Ausritte und Grobschlächtigkeiten im der Euphorie des Ausdrucks in Kauf genommen werden, auch die beiden Pianisten Alexander Reitenbach und Andrej Jussow hatten schon mehr Genauigkeit bewiesen.

Im Rahmen des von viel Enthusiasmus und Blumenwürfen begleiteten Schlussapplauses nach „Onegin“ wurden u.a. noch die langjährigen Tänzer Katarzyna Kozielska, Daniela Lanzetti (die bemühte Amme in der Aufführung) und Ludovico Pace sowie der Ballettmeister Thierry Michel gebührend verabschiedet.

 

Copyright: Stuttgarter Ballett

Udo Klebes 22.7.2018

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

 

 

„A REID ANDERSON CELEBRATION“ - Teil 1

Festwoche zum Abschied des langjährigen Intendanten (1996-2018) 13.-22.7.

 


Hyo-Jung Kang und Marti Fernandez Paix.


Eine Aera geht beim Stuttgarter Ballett zu Ende: Reid Anderson, seit 1969 Tänzer noch unter John Cranko, später unter Marcia Haydée, ist 1996 mit der herausfordernden Auflage gestartet, die Compagnie zu verjüngen und auf Basis der Tradition in die Zukunft zu führen. Das ist ihm unter beständiger Wahrung des Cranko-Erbes, der Entdeckung vieler Choreographen (ein Teil davon aus eigenen Tänzer-Reihen), dem Aufbau eines vor allem in männlicher Hinsicht bewundernswerten Solisten-Ensemble und einer immer wieder wagemutigen Besetzungspolitik, sprich vielen nicht selbstverständlichen Rollenchancen für Gruppentänzer und Halbsolisten, kontinuierlich gelungen, so dass das Stuttgarter Ballett weiterhin ein Botschafter hervorragender darstellerischer Ballettkunst geblieben ist. Darüber hinaus hat er Hand in Hand mit dem Ballettschulleiter Tadeusz Matacz erreicht, dass heute zwei Drittel des Ensembles aus der John Cranko-Schule hervorgehen und keine Auditions mehr stattfinden mussten. Nicht zuletzt wurde sein unermüdlicher Kampf für einen Neubau der Schule samt einer den Maßen der Opernhausbühne entsprechenden Probe-Einrichtung mit einer Umsetzung des Vorhabens belohnt, so dass er deren Eröffnung bald nach seiner Pensionierung wird erleben können.

Die Festwoche zu seinen Ehren begann mit einer Kino-Präsentation von „ROMEO UND JULIA“ (Aufzeichnung Frühjahr 2017), dem Start des umgesetzten Projektes, die großen Cranko-Werke in aktuellen Besetzungen öffentlich zu dokumentieren. Hoffen wir, dass die angekündigte DVD bald folgen wird.

Nach einer letzten Reprise von Christian Spucks Erfolgsballett „LULU“ gönnte Anderson seinen TänzerInnen im Vorfeld des bevorstehenden harten Festwochen-Einsatzes einen freien Tag und blickte in seiner „ONE MAN SHOW“ auf die 22jährige Intendantenzeit zurück, die für ihn Stuttgart endgültig als Zuhause markiert und seine davor liegenden 10 Intendantenjahre beim Nationalballett seines Heimatlandes Kanada nur als „Exil“ bewusst gemacht haben. Mit der von ihm selbst getroffenen Auswahl an kurzen Video-Clips aus dem hauseigenen Archiv, von dem wir so gerne einige unvergessliche Höhepunkte veröffentlicht wünschen, weckte er so manch wehmütige Erinnerung an zahlreiche besondere Ereignisse.

In seinem freien, lockeren und so trocken humorvollen Entertainer-Stil gab er auch eine Einführung vor der am Abend danach (16.7.) folgenden Vorstellung unter dem Sammelbegriff „PARTY PIECES“. Ein persönliches, ganz auf seine Vorlieben abgestimmtes Programm, dessen Stücke überwiegend für spezielle Anlässe wie die Noverre-Abende für Junge Choreographen, Galas, Preisverleihungen, Geburtstage, Jubiläen und Wettbewerbe geschaffen und später oft mehrfach bei anderen Gelegenheiten wieder präsentiert wurden.


 LIMELIGHT von Katarzyna Kozielska mit Elisa Badenest

Neu für Stuttgart war „LIMELIGHT“, ein Solo, das die zum Saisonende ihre Tänzerkarriere beendende Halbsolistin Katarzyna Kozielska 2015 für die Verleihung des Deutschen Tanzpreises in Essen kreiert hatte und nun ebenfalls von der Ersten Solistin Elisa Badenes in einer mitreißenden Kombination aus klassischen Spitzenbalancen und fließend damit verbundenen Brechungen präsentierte, Ergänzt durch nuancierte Lichtstimmungen und eine rhythmisch eigenwillige Musik von Per Störby Jutbring ergibt das ein Gala-würdiges Häppchen. Wiedersehen gerne erwünscht!

Es fällt schwer einen der sonstigen Beiträge besonders zu würdigen, tragen sie doch alle dazu bei, dass dieser Partyabend zum zweiten Galaabend der Festwoche wird, nur etwas kleiner dimensioniert im nüchterneren Schauspielhaus.

Darum schlicht und einfach der Reihe nach: in jenem Solo, mit dem Edward Clugs „SSSS…“ beginnt, kehrte Marijn Rademaker als Gast von Het Nationalballett Amsterdam zurück und maß die zeichenhaften wie teilweise auch rätselhaften Schritt- und Armkombinationen mit seiner weichen, dabei äußerst transparent und akkuraten Körpersprache höchst eindrucksvoll aus.

„SIRS“ heißt der 2007 für Noverre geschaffene Choreographie-Erstling der ehemaligen Ersten Solistin Bridget Breiner, die nächsten Sommer von ihrer Direktoren-Position in Gelsenkirchen als Nachfolgerin von Birgit Keil ans Badische Staatsballett nach Karlsruhe wechseln wird. Mit Witz und Feinsinn lässt sie hier eine Frau von ihren drei Liebhabern in Schlaghosen und freiem Oberkörper um ihre Reize anbaggern und dabei mit ihnen köstlich ihr Spiel treiben. Rocio Aleman, Fabio Adorisio, Timoor Afshar und Noan Alves servieren es in gelöster Frische.

Immer wieder gern gesehen ist des Ballettmeisters Rolando D’Alesios Pas de deux „COME NEVE AL SOLE“, dessen oft abrupter Wechsel von Ernst und Komik im Zusammenhang mit den geschickt eingearbeiteten Dehnungen der Tänzer-T-Shirts auch vom Erste Solisten-Paar Miriam Kacerova und Roman Novitzky bis ins Detail belebt wird.


FANCY GOODS von Marco Goecke  mit Friedemann  Vogel.

„FANCY GOODS“ von Marco Goecke erinnerte noch einmal an das eigenständige Profil des scheidenden Hauschoreographen. So wie Sarah Vaughn in der ausgewählten Musik mit ihrer Stimme spielt, so feinfühlig und präzise bis in das kleinste nervöse Flattern hinein empfiehlt sich Startänzer Friedemann Vogel als idealer Interpret.

Schräger Humor ist bei „ARE YOU AS BIG AS ME” von Roman Novitzky angesagt. Passend zur Musik von Hazmat Modine liefern sich die drei allesamt individuell komischen Talente Matteo Miccini (er mußte die Rolle aufgrund Kollegen-Ausfalls innerhalb eines Tages lernen!!!), Louis Stiens und Alessandro Giaquinto einen ungewöhnlichen Wettbewerb in angedeutetem Dauerlauf gegen die Zeit.

Eine ganz andere Richtung bedient der einstige Erste Solist Douglas Lee, wobei das 2016 für die Gala zum 20jährigen Intendanten-Jubiläum kreierte „ARCADIA“ weniger streng daher kommt als seine anderen Stücke. Wie in einem Traumgarten in fließendem Wechsel zwischen Licht und Schatten schlingen sich die Körper von Hyo-Jung Kang und Marti Fernandez Paixa in stetigem Fluß bei technisch anspruchsvollem Verlauf ineinander.

Mit „FIREBREATHER“ begegnete uns noch einmal jenes Solo, das Katarzyna Kozielska dem Ausnahmetänzer und Energiebündel Daniel Camargo mit kraftvollsten Eruptionen zwischen Lichtkegeln auf den Leib geschneidert hatte. Die Rückkehr des in Stuttgart groß gewordenen, 2016 überraschend schnell nach Amsterdam gewechselten Brasilianers wurde mit frenetischem Jubel gefeiert.

Nach dieser tour de force wären die einst von Demis Volpi für ihn und Elisa Badenes geschaffenen und mit dem Erik Bruhn-Preis in Kanada belohnten  „LITTLE MONSTERS“ zweifellos zuviel gewesen, so dass die so wandelbare Spanierin die originelle, brillant mit menschlichen Verhaltensweisen spielende Choreographie mit dem Ersten Solisten David Moore  bestritt – ein kontrastreiches und doch auf einen guten Nenner findendes Paar.

Der zentrale Pas de deux aus „KAZIMIR’S COLOURS“ erinnerte an die erste Stuttgarter Premiere Andersons und den damit verbundenen Durchbruch des Choreographen Mauro Bigonzetti. Anna Osadcenko und Friedemann Vogel gestalteten das auch von Schostakowitschs gehaltvoller Musik lebende Stück mit der überlegenen Ruhe, wie sie nur technisch und menschlich reife und erfahrene Solisten ausstrahlen können.

Ausgerechnet der „Kran“ (O-Ton Anderson), der belastbarste Tänzer des Ensembles Jason Reilly fiel kurzfristig aus und konnte so leider nicht Eric Gauthiers köstlich auf die Spitze getriebenes „Ballet 101“ und schon gar nicht „MonoLisa“ von Itzik Galili, der als Hammer-Pas de deux einen fulminanten Abschluss ergeben hätte, tanzen. Um nicht gleich zwei Programm-Löcher zu haben, wurde schnell improvisiert und Reillys Partnerin Alicia Amatriain damit konfrontiert, Demis Volpis Solo „ALLURE“ innerhalb eines Tages aus ihrem Bewegungsspeicher zu holen und kurzerhand wieder einzustudieren – mit dem selbstredend hochprofessionellem Ergebnis der Studie einer um ihr Selbstbewusstsein ringenden Frau.

Begeisterte Party-Stimmung herrschte noch lange im Publikum, bei dem sich Anderson für seine beständige Neugierde, sein Wissen und seine Urteilskraft, wie schon am Vortag, extra bedankte.

 

Copyright: Stuttgarter Ballett

Udo Klebe 20.7.2018

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

 

 

VERFÜHRUNG & Von der Technik bis zur Erotik

Premiere am 3.2.2017

Der Übertitel des neu zusammen gestellten Programms aus Ur- und Erstaufführungen sowie einer Wiederaufnahme hat seine Wirkung bereits im Vorfeld getan – so gut wie alle 11 angesetzten Vorstellungen waren bereits im frühen Vorverkaufsstadium überwiegend ausverkauft. Sicher hat der legendäre, unverwüstliche „Bolero“ maßgeblich seinen Anteil daran, aber die Neugier auf in Stuttgart erstmals gezeigte Neuinterpretationen berühmter Stoffe wie auch die erstmals mit Live-Beteiligung des Orchesters arbeitende Halbsolistin des Hauses dürfte eine nicht zu unterschätzende Rolle dabei spielen.

Nicht nur weil ihr Stück am Anfang des Abends steht, auch weil sie sich gegenüber drei arrivierten männlichen Kollegen zu behaupten hatte, gilt das Recht „Ladies first“. Katarzyna Kozielska setzt den drei auf die sinnliche Verführung anspielenden Arbeiten ihrer Kollegen eine Beleuchtung der durch die heutigen medientechnologischen Möglichkeiten besonders ausgeprägten Form der Verführung des Menschen entgegen. Sie denbkt dabei an das zweischneidige Spiel zwischen dem sehnsüchtigen Drang und der Lust auf Neues sowie den damit verbundenen Gefahren der Manipulierbarkeit unseres Handelns und Denkens. „DARK GLOW“ nennt die Polin ihr Stück, in dem im übertragenen Sinn ein dunkles Glühen auf der Bühne herrscht, wenn zuerst ein Lichtstrahl in die finster gehaltene Bühne eindringt und sich dann eine grün schillernde Scheinwerfer-Armatur, die an ein leuchtendes Handy erinnert, bis zum Schluss immer tiefer über die Tänzer herabsenkt. Diese sind in ein Paar, eine Solistin, drei untergeordnete Paare und wechselnde Gruppen unterteilt. Der ehemalige Tänzer Thomas Lempertz hat sie in flott geschnittene Oberteile (die Damen in Kurzarm, die Herren ärmellos), zunächst in verschiedenen zarten Farbtönen, dann in schwarz, gekleidet; für die geschilderte Ausleuchtung sorgte ihr Mann Damiano Pettenella.

Der assoziationsreich den klassischen Spitzentanz aufgreifende und verarbeitende Stil der Choreographin findet hier seine Fortsetzung in der spielerischen Verbindung von Virtuosität und Ausdruckstanz. So überführt sie z.B. auf Spitzen getrippelte Passagen in geneigte Oberkörper-Figuren mit begehrungsvoll ausgestreckten Armen und gespreizten Händen oder lässt eine herkömmliche Hebefigur in gebrochene Positionen kippen. Der Ausdruckswille der abstrakt gehaltenen Kreation ist durchgängig spürbar, doch flacht auch manches durch zu viele Wiederholungen etwas ab. Dieses Manko gründet auch in der gleichnamigen Auftragskomposition von Gabriel Prokofiev, dem Enkel des berühmten Komponisten. Die clusterartige Übereinanderlagerung von flächigen und schlagartigen Passagen, die phasenweise elektronische Züge aufweist, aber doch live gespielt wird, bedient etwas einseitig die drohend düsteren Seiten, während das Lustvolle und der Reiz der Verführbarkeit unterbelichtet bleiben. Exquisit und dabei locker fließend trotz aller Kanten zeigt sich das Hauptpaar Elisa Badenes und Constantine Allen, herb und geschmeidig zugleich Alicia Amatriain, flexibel und präzise die weiteren Paare und das zehnköpfige Damen-Corps. Am Ende verweigert sich die Solistin des Hauptpaares zunächst der Massenverführung, rennt dann aber doch noch in Richtung der bereits erlegenen und ins Dunkel gehüllten Gruppe. Ja, wer mag heutzutage wirklich seine Individualität bewahren?

Im Mittelteil dieses Programms standen zwei mit Spannung erwartete Stuttgarter Erstaufführungen von Ballets Russes-Klassikern in modernerem Gewand. Zuerst „FAUN“ (Uraufführung 2009 in London), den der belgisch-marokkanische Tanzschöpfer Sidi Larbi Cherkaoui aus seinem griechisch mythologischen Ursprung durch Ergänzung der originalen Komposition von Claude Debussy um ferneren Kulturkreisen zuzuordnende Musik von Nitin Sawhney in einen universelleren Kosmos überführt. Genauso konzentriert sich die Begegnung des Paares (im Original dem Faun und einer Nymphe) bei ihm nicht nur auf die sexuellen Entdeckungen zwischen den Geschlechtern, sie macht auch die animalischen Kräfte in der gegenseitigen Erkundung sichtbar. Statt in einem Bambushain vollzieht sich die Begegnung in den Lichtinseln vor einem eingeblendeten Wald-Panorama. Die freizügigen Kostüme (er nur mit Short, sie in einem luftig kurz geschnittenen Kleidchen) unterstützen das körperliche Vexierspiel zwischen Hyo Jung Kang und Pablo von Sternenfels, die dem sehr bodenverhafteten, dabei zu ungemein starken Ausdrucksformen des begehrenden Ertastens findenden Stil eine dichte und unter Hochspannung stehende Atmosphäre abgewinnen und in ihrer Intensität eine einende Harmonie finden – eine würdige Alternative zur zuletzt in Stuttgart gezeigten Ballettstudio-Version von Jerome Robbins. Dazu ein Repertoire-Gewinn und eine Gala-würdige Nummer zugleich.

Leider trifft diese Einschätzung nur auf den für sich betrachtet in Stuttgart gewohnt wissenden Umgang und auch jetzt wieder verblüffend präzis durchgehaltenen Einsatz der Tänzer für den eigenwilligen Stil von Hauschoreograph Marco Goecke zu. Was die zu immer wieder neuen Kombinationen und Verfeinerung findenden Bewegungs-Formen jedoch mit „LE SPECTRE DE LA ROSE“ (Uraufführung 2009 in Monte Carlo) zu tun haben, steht als großes Fragezeichen hinter dem Stück. Da ist zwar die ästhetisch gut getroffene Optik mit den in dunkelrote Samtanzüge gehüllten männlichen Geistern, um die das Kernpaar hier erweitert wurde; da ist auch die aus lauter Rosenblütenblättern bestehende Hose des Hauptgeistes (das im Original träumende Mädchen trägt eine schwarze Hose und ein helles Top), die aus der dunkel gehaltenen Bühne umsomehr heraus leuchten – aber die ganz klar akzentuierte, romantisch tänzerische Musik von Carl Maria von Weber („Aufforderung zum Tanz“ unnötigerweise ergänzt um „Der Beherrscher der Geister“), in der nicht nur der legendäre Sprung durchs Fenster hineinkomponiert ist, findet zu keinem Moment zu einer Übereinstimmung mit der Choreographie. Das ununterbrochene Flattern der Arme und Hände verzittert den Schlaf des Mädchens zu einem Alptraum und geht damit an der Poesie des kurzen Geschehens total vorbei. Eine andere, transzendentere Musikauswahl könnte Abhilfe schaffen. Aber wie gesagt: auch diesmal höchstes Lob für die Tänzer, die feingliedrige Agnes Su, den einmal mehr quecksilbrig flinken Adam Russell-Jones und die sechs Corps-Herren.

Keine Frage, dass der finale „BOLERO“ alles glatt biegen und die zuvor noch irritierte Stimmung auflösen konnte. Maurice Béjarts renommierte Fassung wurde genauso sehnsüchtig wieder erwartet wie der in dieser Saison erstmals auf der heimatlichen Bühne in Erscheinung getretene Erste Solist Friedemann Vogel. Kaum zu glauben, dass er das konditionell fordernde Solo mit zunehmendem Alter noch lockerer und entspannter angeht, wo es für den Körper normalerweise schwieriger werden sollte. Mit unablässigem Fliessen und einer durchgehenden Elastizität gelingt es ihm auf dem engen Raum eines roten Tisches hohe Arabesquen, Sprünge sowie allerlei Windungen des Körpers mit dem Anschwellen und immer neuen Variieren der Melodie zu steigern, während eine vierköpfige Männergruppe und später auch ein großes darum herum gruppiertes Corps den Rhythmus mit ihren Körpern aufgreifen. Da konnte das Stuttgarter Ballett allerdings vor wenigen Jahren an vorderer Front noch stärkere, dem Solisten ebenbürtigere Kaliber aufweisen.

Die Gesamtwirkung und Vogels über alle Maßen emphatische Präsenz reichten aber auch bei dieser Wiederaufnahme aus, um dem Publikum den in der Luft liegenden Aufschrei und anhaltenden Jubel zu entlocken. Aber auch die neuen Programm-Beiträge wurden wohlwollend bis begeistert aufgenommen.

Bilder (c) Stuttgarter Ballett

                                                                                                                            Udo Klebes 7.2.2017

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de