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Internationale Maifestspiele

TANNHÄUSER

Besuchte Vorstellung: 27. Mai 2018G

Großer Opernabend in Wiesbaden

Seit der Intendanz von Uwe Eric Laufenberg bieten die alljährlichen Internationalen Maifestspiele reichlich Gelegenheit, international agierende Sänger zu erleben. Den Abschluss in diesem Jahr bildete nun seine Tannhäuser-Inszenierung in einer festspielwürdigen Vorstellung.

Auch bei wiederholtem Sehen zeigt sich die z.T. ausgeprägte Ideenlosigkeit dieser Produktion, die erst ab dem 2. Aufzug deutlich an Spannung gewinnt. Die szenische Hilflosigkeit in der szenisch unbewältigten Venusberg-Szene nebst zu intensivem Einsatz der Videofilme bleiben ein deutliches Manko dieser Produktion. Die Nackedeis sind nur oberflächliches Zierat und das häufige Herumräumen des Bühnenmobiliars ist störend, vor allem dann, wenn im Vordergrund gesungen wird. Ein Ärgernis ist auch nach wie vor die Verbannung des Schlusschores hinter die Bühne!

Sabina Cvilak als Elisabeth, hat mit der Elisabeth ihre bisher überzeugendste Rolle im deutschen Fach gefunden. Gut kommt hier die dunkle Stimmtönung zur Geltung. Nicht ganz auf dem Leistungsniveau der Premierenvorstellung, mit z.T. wieder flackernden, kehligen Höhen (Hallenarie), dann aber auch wieder anrührend, wie z.B. im Gebet des 3. Aufzuges. Jordanka Milkova als Venus hat sich seit der Premiere nicht erkennbar weiter entwickelt. Noch immer ist der Ausdruck pauschal und die Artikulation, vor allem in der angestrengten Höhe, ungenau. Im 3. Aufzug kämpfte sie, wie viele Venus-Sängerinnen vor ihr, mit den Höhen. Immer noch kein Spiel mit den Stimmfarben und auch szenisch zu wenig Dominanz. Nur Töne korrekt singen, Einheitsgesten...., nein, das reicht nicht. Es lohnt sich immer wieder einmal nachzuhören, was große Persönlichkeiten, wie z.B: Christa Ludwig, Grace Bumbry oder Tatjan Troyanos aus dieser Partie gezaubert haben!

Sehr erfreulich war die Wiederbegegnung mit Markus Brück, dem Premieren-Wolfram der Vorgänger Inszenierung am gleichen Haus im Jahr 2001 und zu jener Zeit geschätztes Ensemble-Mitglied in Wiesbaden. Brücks Stimme ist inzwischen deutlich gewachsen, kerniger geworden. Und dennoch, er kann es noch und wie: herrlichste Legatobögen singen, wissend, extrem verständlich den Text gestalten und im 3. Aufzug neben Tannhäuser absolut souverän auftrumpfen. Gerade der Dialog zwischen den beiden Protagonisten im 3. Aufzug hatte große deklamatorische Wucht. Danach allerdings schuf Brück einen geradezu magischen Moment, als er in seiner Version des „Abendsterns“ seine Stimme durchgehend auf ein körperliches Piano zurücknahm. Herrlich. Hinzu kam seine stimmtechnische Perfektion auf höchstem Niveau! Eine reife, eine überragende, eine festspielwürdige Leistung, die das Publikum restlos begeisterte.

Albert Pesendorfer war ein ausgezeichneter Landgraf, der seiner Partie nichts schuldig blieb. Begeisternd seine Sicherheit in der hohen Lage und die Fähigkeit, seine Stimme ausdruckskonform weich zurückzunehmen. Stimmlich und darstellerisch strahlte er große Autorität aus. Unter den Minnesängern ragte wie so oft Thomas de Vries als Biterolf heraus. Ein Paradebeispiel für souveräne Stimmbeherrschung und gelungene Rollengestaltung. Aaron Crawley als Walter bot reichlich Stimmklang, aber seine Spachgestaltung ist noch immer miserabel. Sehr schade, denn der Tenor hat gutes Potential. Verlässlich in den Ensembles agierten Joel Scott als Heinrich und Alexander Knight als Reinmar. Stella An war ein hell tönender, in der Intonation sehr sicherer Hirt.

Und Tannhäuser? Mit Klaus Florian Vogt war der Tannhäuser stimmlich ungewöhnlich besetzt. Vogt hat diese Partie bisher nur in einer Produktion des Nationaltheaters München gesungen. Vogt ist und bleibt ein lyrischer Tenor mit zuweilen knabenhaft, androgyn anmutender Stimmfärbung. Die auftrumpfende Geste einer schweren Tenorstimme entspricht nicht seinen Möglichkeiten. Die außerordentliche Helligkeit seines Timbres gewährleistet die besondere Tragfähigkeit seiner Stimme. Für die eher introvertierten Partien wie Lohengrin und Parsifal funktioniert das recht gut. Der Tannhäuser ist aber gänzlich anders gelagert. Natürlich kann Vogt mit seiner leichten, hellen Stimme, locker in der ungemütlich hohen Tessitura der Titelpartie agieren. Es geht also: Wagner sehr lyrisch zu singen. Vogt hat hier seine Nische gefunden, wenn er seine Partien fast überwiegend mit der Kopfstimme singt.

Und doch: Vogt überraschte an diesem besonderen Abend stimmlich und als Interpret mehrfach. Seine stimmlichen Möglichkeiten sind nämlich inzwischen hörbar gewachsen. So gelang ihm eine durchgehende vorzügliche Steigerung seiner Venus-Verse. Gerieten die Natur-Beschreibungen noch sehr kopfig, zuweilen knabenhaft tönend im Klang, markiert wirkend, so war sein deutlich maskulinerer Stimmklang bei „Oh Königin, Göttin, lass mich ziehn!“ außergewöhnlich und neuartig. Darin liegen seine stimmlichen Entwicklungsmöglichkeiten.

Hier sang Vogt nicht mehr so kopfig, sondern mit Bruststimme endlich volltönend im Körper verankert. In der Vergangenheit waren seine Atembögen eher begrenzt. Davon war an diesem Abend nichts zu hören. Im Gegenteil: Vogt phrasierte vorbildlich, immer textverständlich, sauber in den Vokalen, nie gefährdet in der Intonation und ausdauernd in der Kondition.

Die größte Überraschung war hingegen sicherlich seine Textgestaltung. Derart engagiert und vielfältig in der Farbgebung habe ich Vogt bisher nie zuvor erlebt. Seine Kommentare im Sängerkrieg waren genügend sarkastisch und provokativ. Und in der Konfrontation mit Wolfram im 3. Aufzug konnte Vogt glaubhaft die Wut und Gebrochenheit seiner gescheiterten Pilgerfahrt realisieren. Das war ein deklamtorischer Schlagabtausch auf beiden Seiten mit großem Seltenheitswert. Klasse! In der Romerzählung zeigte er Mut zur Hässlichkeit, sehr expressiv mit großem Kontrastreichtum in allen dynamischen Schattierungen. Ironie, Sarkasmus, Wut, Verzweiflung.....alles war da. Großartig seine lange Zäsur vor den Zitaten des Pabstes. Ungemein überzeugend der hier gänzlich andere Stimmklang des imitierten Pontifex. Mit dem Tannhäuser ist Klaus Florian Vogt auf einem neuen Weg seiner stimmlichen und künstlerischen Entwicklung. Das Ergebnis war verblüffend, sehr überzeugend und so gab es auch für ihn verdienten, überreichen Jubel.

Wie zu hören ist, so soll Vogt an der MET in absehbarer Zeit auch den Tristan singen.....

Spannend wird im nächsten Jahr dann die Wieder-Begegnung der Produktion bei den Maifestspielen 2019. Dann wird Andreas Schager sich der Titelpartie annehmen.

Chor und Extra-Chor des Staatstheaters in der Einstudierung von Albert Horne sangen mit stimmlicher Verve und agierten mit darstellerischem Engagement. Allerdings gab es auch so manches „Schwimmfest“, da die Tempovorstellungen zwischen Graben und Bühne auseinandergingen.

GMD Patrick Lange und das Hessische Staatsorchester sind inzwischen hörbei gut aufeinander eingestellt. Erfreulich nun auch, dass Lange es etwas ruhiger angehen ließ, wovon gerade die lyrischen Stellen profitierten. Hier hatten die Holzbläser, vor allem die eindringlich tönenden Klarinetten, ihre eindrücklichen Momente. Hingegen ist das Vorspiel zum 3. Aufzug noch immer übereilt musiziert. Lange sorgte vor allem im 3. Aufzug im Gebet der Elisabeth und noch mehr bei Wolframs Abenstern für verzaubernde Momente. Das in diesen Tagen viel geforderte Staatsorchester spielte konzentriert und mit hörbarer Beteiligung. In Summe eine gelungene, hefti akklamierte Interpretation.

Jubelchöre des ausverkauften Hauses für alle, vor allem für Klaus Florian Vogt und Markus Brück.

Dirk Schauß 28.5.2018

 

 

OTELLO

Besuchte Vorstellung: 01. Mai 2018

ecco un artista !

TRAILER

 

Nach der ärgerlichen und musikalisch unfertig wirkenden Wiederaufnahme im Februar, gab es nun zum Auftakt der Internationalen Maifestspiele Gelegenheit, den derzeit besten Interpreten der fordernden Titelpartie zu erleben: Gregory Kunde!

Die Otello-Inszenierung von Intendant Uwe Eric Laufenberg erzählt brav und nicht eben einfallsreich die Handlung nach, verortet in der Neuzeit. Dazu baute Gisbert Jäkel eine Bühne mit pompösen weißen Säulen, die als Spielfäche in jedem Akt unterschiedlich variiert angeordnet werden. Zum Glück wurde in dieser Vorstellung auf Laufenbergs selbstverliebten Auftakt-Gag, dass der Sänger des Jagos aus dem Publikum vor dem ersten Ton der Oper aufspringt und aus Shakespeares Vorlage rezitiert, verzichtet.

Als wirklich spektakuläre Besetzung war Gregory Kunde als Otello zu erleben. Die Entwicklug des Ausnahmesängers ist eine Besonderheit. Bis weit in seine 50ziger Lebensjahre war er ganz den Partien des Belcanto-Repertoires verpflichtet. Seine Stimme konnte sich daher langsam und völlig natürlich entwickeln. Ein Vorbild für alle ungeduldigen Sänger. Kundes Entwicklung zeigt, dass eine Stimme langsam reifen muss. Nun mit 64 Jahren ist Kunde auf der Höhe seiner stimmlichen Schaffenskraft. In den letzten Jahren erorberte er sich nahezu alle dramatischen Partien der italienischen und französischen Opernliteratur. Verdis Otello war eine der ersten Partien, die er nach seinem Fachwechsel sang. Und bereits im raumgreifend geschmetterten „Esultate“ demonstrierte er sein überragendes Können. Hier war er sofort präsent: der stolze Feldherr! Mit einer Stimme und technischen Finesse, wie es in diesem Fach derzeit keinen vergleichbaren Sänger gibt. Im Liebesduett zeigte er neben einem makellosen Legato, herrliche Mezzavoce-Effekte, Diminuendi und phrasierte dabei immer ausladend großzügig.

Leider ohne adäquates weibliches Pendant an seiner Seite! Der zweite Akt ist für jeden Otello-Sänger die Stunde der Wahrheit. Hier verlangt Verdi dem Interpreten alles ab. Nicht so bei Gregory Kunde. Stets agierte er stimmlich und darstellerisch staunenswert souverän. Keine Schwäche, keine Unpässlichkeit, es dominierte schlicht seine Meisterschaft in der hinreißenden Bewältigung jedweder Anforderung. Im Rache-Duett konnte er seine Stimmkraft außerordentlich steigern und begeisterte mit schmetternden, mühelos ausgesungenen Höhen! Ecco il leone! Im dritten Akt kamen dann vielerlei Charakterfarben hinzu, gipfelnd in einem unvergesslich tief empfundenen „Dio mi potevi“. Und natürlich kann Kunde das fast immer unterschlagene hohe C vor seinem Monolog locker aussingen. Im vierten Akt schließlich die ganze Gebrochenheit und Verzweiflung in einem grenzenlosen Kaleidoskop tiefster Gefühle! Gregory Kunde hat sich in der Geschichte der Otello-Interpretation einen herausragenden, bleibenden Platz ersungen. Seinen außerordenlichen Rang seiner künstlerischen Kompetenz belegte er auch hier in seinem eindrucksvollen Gastspiel. Dieser Abend war allein durch ihn ein besonderes und absolut unvergessliches Erlebnis!

Als Desdemona war wieder Olesya Golovneva zu hören. Wie schon im Februar, so war auch in dieser Vorstellung befremdlich, dass sie ihre Partie fast durchgängig im Forte ansiedelte.  Davon profitierten die dramatischen Anforderungen im dritten Akt. Hingegen blieben nahezu alle Chancen lyrische Phrasen zu entwickeln, ungenutzt. Erwartbar dann auch die recht deutlichen Schwierigkeiten im „Ave Maria“ des vierten Aktes. Hier litt die Intonation und immer wieder gab es in der Tiefe aus dem Fokus geratene Töne. Alexsei Isaev als Jago war in seiner Charakterisierung gegenüber der Wiederaufnahme wie ausgewechselt. Seiner Stimme fehlt der Biß und die letztliche Durchschlagskraft. Aber endlich sang er dafür mit Textbezug und vielen Akzenten. Darstellerisch agierte er immer noch viel zu blass, was auch durch sein kaum vorhandenes Mienenspiel verursacht war.  Besonders erfreulich Youn-Doo Park als herrlich sonorer Lodovico. Ärgerlich ist der inzwischen schlampige Umgang mit der Artikulation bei Aron Cawley als Cassio. Laute Töne im sprachlichen Esperanto-Stil…..  das ist zu wenig!

Jugendchor, Chor und Extrachor des Staastheaters wurden von Albert Horne vorbereitet. Der Chor wirktein der Sturmszene etwas unsicher, lief aber dann zu guter Form auf.

Eine Bürde für den Abend war die musikalische Leitung! Daniela Musca wirkte zwar am Pult des Hessischen Staatsorchesters sicherer als in der Wiederaufnahme im Februar. Aber sie agierte wie eine Verkehrspolizistin, sorgte lediglich für einen (nicht immer) unfallfreien Ablauf und konzentrierte sich allein darauf, die Sänger nicht zu übertönen. Von ihr gingen keinerlei gestalterische Impulse aus. Eine Interpretation blieb sie schuldig. Zwischem dem Premierendirigat und ihrer Lesart lagen Welten! Brav und geradezu mit provozierender Einfallslosigkeit buchstabierte sie sich durch dieses Meisterwerk. Dazu seltsame Tempi, so z.B. das völlig verhetzte Liebesmotiv oder die entsetzlich ausdruckslosen Eröffnungsakkorde von Otellos „Niun mi tema“! Ein Jammer und schwer zu ertragen! Das unterforderte Orchester irritierte wieder mit einigen Schmissen. Hängende Becken und Schlagbecken fehlten auch hier wieder beim Auftakt, ebenso der Kanoneneinsatz.

Obwohl es die Maifestspiele sind, gab es im Schlagzeug wieder nur die „Sparbesetzung“ mit einem Spieler an der großen Trommel mit aufgeschnalltem Becken. In der so wichtigen Sturmszene war kaum etwas davon zu hören. Hingegen viel zu viel Lärm von der Tontechnik. Und manche Schlagzeug-Einsätze, etwa in Jagos Trinklied oder im Racheduett gingen wieder daneben. Au weiah!

Hinzu gab es so manches „Schwimmfest“, so im großen Ensemble des 3. Aktes, in welchem Chor und Orchester nicht zusammen waren.

Immerhin erfreuten die Holzbläser durch gelungene Phrasierungen, ebenso Solo-Cello nebst Celli-Gruppe im Liebesduett.

Große Begeisterung für einen herausragenden Sänger, Gregory Kunde!

Dirk Schauß 4.5.2018

Bilder (c) Monika und Karl Forster

 

KATJA KABANOVA

Wiederaufnahme am 07. April 2018

Wiesbadener Opernglück aus Mähren

TRAILER

 

Die Freunde des Komponisten von Léos Janacek kommen derzeit in Hessen auf ihre Kosten. Darmstadt setzt seinen Zyklus mit Werken des Komponisten mit der „Sache Makropoulos“ fort, Frankfurt brachte soeben „Aus einem Totenhaus“ heraus, Kassel eine Jenufa und das Hessische Staatstheater Wiesbaden hat nun „Katja Kabanowa“ als Wiederaufnahme neu einstudiert. Eine gute und zugleich mutige Entscheidung. Denn auch Janacek wirkt in Deutschlands Opernhäusern eher wie „Kassengift“, so dass der große Publikumszuspruch meistens ausbleibt. Ich kenne es hingegen auch anders. Gute besuchte Vorstellungen, wie z.B. die jüngst deutsch gesungene „Jenufa“ in Darmstadt. Allerdings agierten früher Opernhäuser weniger dogmatisch im Umgang mit der Originalsprache. Und gerade bei Janacek, der so sehr den Wort-/Tonbezug in den Mittelpunkt stellt, sollten seine Werke in der jeweiligen Landessprache aufgeführt werden. Zu Lebzeiten setzte sich Dirigent Rafael Kubelik vehement dafür ein, dass ein Publikum den Text fühlt und versteht, daher auch sein Plädoyer für die Aufführung in der Landessprache.

Wiesbadens „Katja Kabanowa“ in der Originalsprache und in der Inszenierung von Matthew Wild betont die destruktiven Lebensumstände seiner Protagonisten. Die Handlung wurde aktualisiert. Der Zuschauer blickt auf eine abstoßend hässliche Plattenbausiedlung (Ausstattung: Susanne Füller, Matthias Schaller). Eine triste Bushaltestelle, ein Gulli und ein kleiner Spielplatz sind die einzigen Zufluchtsalternativen in dieser visuellen Misere. Kein Wunder also, dass Katja da raus will. In der Anonymität dieser Siedlung verbirgt sich manches Geheimnis, surreal wirkende Teufelsgestalten tauchen auf und verschwinden. Ständig beobachten Nachbarn das Geschehen aus dem Fenster. Sehr kunstvolle, kreative Videoprojektionen zeigen Kaja immer wieder unter Wasser. Interessant die Sicht mit dem gar nicht so duckmäuserischen Muttersöhnchen Tichon, der hier als versteckt agierender Homosexueller gezeigt wird, der sich heimlich mit seinem Liebhaber zum Stelldichein trifft. Die Interaktion zwischen den Personen wirkt ungemein schlüssig und sensibel aus der Musik heraus entwickelt. In der all der Ödnis schafft Wild immer wieder auch Bildwirkungen, die die Realität auflösen und ins Surreal-Poetische überhöhen.

In den Gesangspartien agierte weitgehend die Premierenbesetzung. Und diese Besetzung war derart hochwertig und homogen, wie es selten anderswo der Fall sein dürfte! Sehr erfreulich war die Steigerung aller Beteiligten und das ungemein hohe Niveau dieser Besetzung. Das Staatstheater Wiesbaden hat in dieser Saison bei diesem Stück alle Trümpfe auf der Hand!

In der Titelpartie war wieder Sabina Cvilak zu hören. Nach wie vor ist die Katja ihre überzeugendste Leistung in Wiesbaden und noch dazu deutlich verbessert. Sehr gut passt das eher herbe Timbre zu den Qualen der Katja. Ungewöhnlich aufblühend diesmal der Stimmklang auch im Höhenregister. Verschwunden waren die kehligen Eintrübungen, die bei ihr früher gelegentlich auftraten. Cvilak geht in ihrem Charakter weit auf und verschmilzt mit diesem, so dass der Zuschauer nur an Katja und nicht an die Interpretin denken mag. So ist es auch zu begrüßen, dass Intendant Laufenberg Cvilak in der kommenden Saison in einer längst überfälligen Jenufa-Neu-Produktion mit der Titelpartie betraut.

Ein Wiedersehen gab es nach langer Abwesenheit mit Wiesbadens einstigem Publikumsliebling Nadine Secunde nun in ihrem Rollendebüt der alten Kabanicha. Secunde, in den 1980ziger Jahren, eine wunderbare Katja in Hamburg in der Inszenierung von Sir Peter Ustinov, zeigte eine nach wie vor intakte Stimme. Nun etwas nachgedunkelt, aber noch voller Energie. Da gab es keinen abgesungen klingenden Ton, lediglich deutliche Akzente. Allein aus dieser stimmlichen Präsenz wirkte sie als Figur überzeugend. Diese Kabanicha war keine zänkische Alte, sondern eine kühl agierende Strategin, die ihre Umgebung genüsslich manipuliert. An ihrer Seite war der bewährte Wolf Matthias Friedrich als schroffer Dikoj zu erleben. Friedrich wirkte deutlich bedrohlicher und hat seine Partie um viele Nuancen erweitert.

Ebenso kraftvoll und zupackend zeigte sich Tenor Aron Cawley als Tichon.

Hervorragend in Stimme und Spiel Mirko Roschkowski, der seinen Boris in geradezu perfekter Weise gestaltete. Ein schöne Stimme mit viel Schmelz, superber Phrasierung...eine Idealbesetzung!

Stimmfrisch und überzeugend das zweite Liebespaar in der Gestalt von Silvia Hauer als Warwara und  neu Joel Scott als Kudrijasch. Voller Elan mit viel Stimme, differenziert im Ausdruck und unermüdlichem spielerischem Engagement wertete er seine Partie deutlich auf.

Ein Ereignis war hingegen, was Orchester und Dirigent boten! Ein ganz andere Lesart als sein Vorgänger präsentierte Gastdirigent Philipp Pointner mit dem Staatsorchester Wiesbaden. Vermied der Premierendirigent Zsolt Hamar jegliche Schärfe und Härte, so betonte Pointner mit dem fabelhaft mitgehenden Orchester gerade jene Schroffheiten und Schmerzenstöne, von denen es in der Partitur nur so wimmelt.

Bereits in den ersten Sekunden des Vorspiels war offensichtlich, dass es ein besonderer Abend sein würde. Wie aus dem Nichts blendeteten sich die sauber intonierenden Streicher ein. Kantig und pointiert ertönte das unheilvolle Gewittermotiv in der Pauke, kontrastiert von den elegisch intonierenden Holzbläsern und den sehrenden Steicherklängen. Das Orchester und sein befeuernder Dirigent verschmolzen zu einer überzeugenden Einheit mit Seltenheitswert. Die Klangschönheit des Orchesterklanges war von bestechender Intensität, wie in Wiesbaden lange nicht. Ein in jeglicher Hinsicht überzeugendes Dirigat! Orchester und Dirigent applaudierten sich herzlich am Ende der Vorstellung zu.

Das leider eher spährliche Publikum verfolgte hoch konzentriert diesen unvergesslichen Abend und feierte ausdauernd alle Mitwirkenden.

Unbedingt hingehen!

 

Dirk Schauß 9.4.2018

Tolle Bilder von (c) Paul Leclaire

 

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

Premiere 2015

Wiederaufnahme am 18. März 2018

Besuchte Vorstellung am 25. März 2018.

Spektakuläre Senta!

TRAILER

Toller Szenenausschnitt !

Es gibt Inszenierungen, die machen Freude, unabhängig davon, wie oft diese erlebt werden. In der aktuellen Wiederaufnahme am Staatstheater Wiesbaden konnten sich die zahlreichen Zuschauer an der einfallsreichen Regie von Michiel Dijkema, der auch den Bühnenraum gestaltete, erfreuen. Die Oper wird nicht in ein Kühlhaus verfrachtet, sondern sie spielt erkennbar im maritimen Ambiente. Der Holländer ist ein Wanderer aus einer fernen Zeit, was auch durch sein historisches Kostüm (Kostüme: Claudia Damm) mit großem Schlapphut ersichtlich wird. Die Inszenierung arbeitet mit vielerlei Überraschungseffekten. So stürmt der Chor zu Beginn des 3. Aufzuges den Zuschauerraum auf allen Rängen, so das alle sich mitten im Feiergeschehen wähnen. Immer weider erstaunlich, dass das klanglich homogen und so gut koordiniert funktioniert. Der große Clou ist und bleibt das Schiff des Holländers, welches beim Geisterchor über den Orchestergraben in den Zuschauerraum segelt!

Neugierde erzeugte die komplette Neubesetzung in der diesjährigen Wiederaufnahme. Als Senta war die vielseitige lettische Sopranistin Vida Mikneviciute zu bestaunen und ob ihrer hinreißenden Leistung zu bewundern. Ihr jugendlicher, dennoch mädchenhaft anmutender Sopran passte perfekt zur Rolle. Sehr erfreulich war die ungemein sichere Bewältigung dieser schweren Partie. Darstellerisch kniete sie sich mit großer Spielfreude in die Partie hinein. Dazu begeisterte sie mit einer fesselnden durchdachten Interpretation, die auch stimmlich jederzeit auf dem Punkt war. Ob im Liebesduett mit dem Holländer oder in den Ausbrüchen des Schluss-Aufzuges, jederzeit war Mikneviciute allen Anforderungen spielend gewachsen. Eine große, ja spektakuläre Leistung!

Die wandlungsfähige Romina Boscolo war eine hintergründige, zwielichtige Mary, die mit vielen Zwischentönen ihrer Partie klares Profil und gut verständlichen Text gab.

Als Holländer stellte sich in Wiesbaden Oliver Zwarg vor. Darstellerisch präsent, bereitete ihm die Partie stimmlich keine hörbaren Probleme. Seine eher bleich und nasal klingende Stimme bleibt Geschmackssache. Dies wäre leichter zu verschmerzen, würde Zwarg als Interpret diese vielschichtige Partie textlich gestalten. Leider nichts davon! Die Töne wurden brav und gleichförmig daher gesungen. Diese Beiläufigkeit im Ausdruck nahm der Titelpartie jegliche Faszination und wirkte zuweilen wie eine interpretatorische Totalverweigerung. Darunter litt vor allem sein mit akademisch dozierender Gleichförmigkeit ungestalteter Monolog, der auch eine herunter gelesene Speisekarte hätte sein können und nicht ein Text, der alle Gefühlsanteile einer zutiefst leidenden und zerquälten Seele offenbart. Bleibt zu hoffen, dass Zwarg für sein in Wiesbaden anstehendes Rollendebüt als Hans Sachs (!) sich noch zum Textgestalter mausert....oder zumindest GMD Patrick Lange das inhaltlich überzeugender mit ihm erarbeitet.

Eine erfreuliche Begegnung war hingegen mit dem Daland, verkörpert von Albert Pesendorfer, gegeben. Ein sonorer Baß, der sichtlich Freude an seiner Rollengestaltung hatte und vielen Ideen seine Rolle gelungen charakterisierte. Sowohl Zwarg als auch Pesendorfer werden in der kommenden Spielzeit als Sachs in Wiesbaden zu erleben sein. Als Erik war Paul McNamara zu hören, der engagiert spielte, allerdings mit seinem kleinlauten vor allem in der Höhe sehr engen Tenor in der Kavatine des 3. Aufzuges deutliche Grenzen erreichte und sich nicht für weitere Aufgaben empfahl. Stimmfrisch gefiel Joel Scott als munter agierender Steuermann, der sich sein Forcieren in seinem Solo abgewöhnen sollte, so vermeidet er den Kickser in der Höhe, den er in dieser Vorstellung verursachte.

Eine Freude waren Chor und Extrachor des Staatstheater in der bewährten Einstudierung von Albert Horne. Mit überschäumender Spielfreude waren die Sängerinnen und Sänger ein wesentlicher Aktivposten der Aufführung.

GMD Patrick Lange konnte seine Tendenz des raschen Musizierens in der Holländer Partitur erkennbar gut ausleben. Mit viel Brio und Vorwärtsdrang stürmte er mit seinem gut aufgelegten Orchester durch die Partitur. Sehr schön war wieder der Streicherklang aufgefächert, während das Blech niemals dröhnend intonierte. Ärgerlich wie bereits in der letzten Wiederaufnahme, das komplette Weglassen aller Tam-Tam-Einsätze im Geisterchor. Da bei den übrigen Einsätzen die Spieler von Tuba und Harfe aufs Tam-Tam schlugen, scheint mir hier ein Schlagzeug-Dienst eingespart zu werden. Wiesbaden ist Staatstheater mit einem A-Orchester und agiert hier wie in der tiefsten Provinz. Sehr peinlich!

Viel Jubel, am meisten und zurecht für die umwerfende Vida Mikneviciute im gut besuchten Staatstheater.

Dirk Schauß 26.3.20187

Bilder (c) Lena Obst

 

Otello

Besuchte Vorstellung: 18. Februar 2018

Verschenkter Abend!

Schlecht geprobt und unzureichend musiziert geriet dieser Abend zu einem einzigen Ärgernis! Die Wiedernaufnahme der Otello-Inszenierung von Intendant Uwe Eric Laufenberg brachte neue Sänger in den Hauptrollen und dazu ebenso eine Neubesetzung der musikalischen Leitung. Laufenberg bietet eine solide Erzählung der Handlung, verortet in der Neuzeit. Dazu baute Gisbert Jäkel eine Bühne mit pompösen weißen Säulen, die als Spielfäche variiert angeordnet werden. Laufenbergs selbstverliebter Auftakt-Gag, dass der Sänger des Jagos aus dem Publikum vor dem ersten Ton der Oper aufspringt und aus Shakespeares Vorlage rezitiert ist völlig überflüssig. Zum einen ist Verdis genialische Oper derart vollkommen geraten, dass es diese „Zugabe“ nicht benötigt. Zum anderen ist vor allem ein solcher Einfall problematisch, wenn Shakespeare auf italienisch (!) von einem Sänger interpretiert wird und das Publikum überhaupt nichts davon versteht!

Die Premierenbesetzung litt seinerzeit unter dem stimmlich überforderten Titelhelden Scott Piper, der seinerzeit vom Wiesbadener Haus-Cassio Aaron Cawley an die Wand gesunden wurde. Nun stellte sich in Wiesbaden Lance Ryan in der fordernden Partie vor. In Ausdauer und Stimmtechnik kann Ryan auch diese Partie immer noch bewältigen. Allerdings kommen in dieser faszinierenden italienischen Partie Ryans mittlerweile deutliche stimmlichen Defizite zum tragen. Die Stimmfarbe wirkte ausgebleicht, das Vibrato oftmals kaum vorhanden, so das es zu äußerst unschönen Klängen kam. Irritierend oft diesmal auch seine Vokalverfärbungen, die vor allem die a- und o-Vokale in enge e-Vokale transferierte. Darstellerisch wirkte er vielfach unbeteiligt, lustlos und im Gestus reichlich „privat“. Von seinem Otello ging weder stimmlich noch darstellerisch Autorität aus. Im Mai wird bei den Maifestspielen mit Gregory Kunde der derzeit wohl beste Interpret zu erleben sein. Damit dürfte es nach langer Durststrecke zu einer Steigerung kommen.

An der Seite Ryans stellte sich erstmals in Wiesbaden die Russin Olesya Golovneva vor. Sie präsentierte sich mit einer seltsamen Leistung. Sie bewältigte sicher alle Töne nur in Einheitslautstärke, nicht ein leiser Ton, nicht ein Textakzent. 

Der ausgesprochen harmlos wirkende Jago wurde interpretiert von ihrem Landsman Alexsei Isaev. Zu erleben war ein Bariton, der seine Partie primär musikalisch gestaltete. Große Phrasierungsbögen und ein nahtloses Legato bestimmten seinen Vortrag. Die Freude am Spiel mit Textfarben sollte er sich noch erschließen, um einer Partie wie Jago wirkliche Gestalt zu geben und diesen zum Drahtzieher zu entwickeln. Denn auch Isaev wirkte wie Ryan in seiner Darstellung äußerst blass.

Jugendchor, Chor und Extrachor des Staastheaters wurden von Albert Horne vorbereitet. Allerdings klang der Chor an zu vielen Stellen ungewohnt unsicher.

Schlecht hingegen erklangen Dirigat und Orchesterleistung. Daniela Musca dirigierte einfallslos das Hessische Staatsorchester und blieb der herrlichen Partitur alles schuldig. Die Tempi wirkten unausgewogen, oft verhetzt, wie z.B. im Liebesduett. Das Orchester leistete sich erschreckend viele, zu viele Schmisse. Hier mal ein Geige zu früh, dort mal die Intonation abenteuerlich. Hier wurde hörbar zu wenig geprobt und gespart. Hatte Premierendirigent Leo McFall die gute Idee, die Schlagzeuger in die Loge zu platzieren, wo sie deutlich besser zu hören waren, war lediglich nur noch ein Schlagzeuger hinter den Posauen im Graben positioniert. Das Ergebnis war desaströs. Kaum ein Einsatz stimmte und war zudem fast immer zu leise, vermutlich um den Bläserkollegen nicht die Ohren zu ramponieren. Auch hier beim Schlagzeug Schmisse ohne Zahl. Schon beim Auftakt fehlten die Becken, bei Otellos „Abasso le spade“ kam kein Einsatz vom Schlagzeug an der vorgesehenen Stelle. Und auch das zweite Fortissimo des Schlagzeugs war fehlerhaft und kam viele Takte zu spät! Es ist mir unbegreiflich, wie es möglich ist, dass seit Jahrzehnten an diesem Haus dieses Schlagzeuger-Problem nicht gelöst. sondern „kultiviert“ wird. Leider agiert damit das Hessisches Staatsorchester wieder weit unter seinem Niveau. Da spielt ja jedes Hochschulorchester genauer! Hier sind die Verantwortlichen offenkundig völlig desinteressiert oder taub!

Für mich, wie auch für manch anderen Besucher endete der verschenkte Abend bereits nach dem 2. Akt.

Dirk Schauß 22.2.2018

 

L’ELISIR D‘AMORE

Aufführung am 20. September 2017 (Premiere am 16. Juni 2016)

Trailer

Unverkrampfte Regie mit erfrischend jungen Sängern

Zu den gelungenen Wiesbadener Produktionen des vergangenen Jahres gehört ohne Zweifel der „Liebestrank“. Unter der Regie von Jim Lucassen wird eine unverkrampft lockere Komödie geboten. Der Inszenierungsrahmen bietet eigentlich Regietheaterkonvention: Ein Stück aus vergangenen Zeiten wird in die Gegenwart verlegt. Protagonisten treten in Jeans und T-Shirt auf, die Kulissen zeigen triste Funktionsbauten. Der Clou dieser Produktion ist aber, daß Bühnenbild und Regie mit dem historischen Ambiente spielen. Man zeigt nämlich eine Probe von Donizettis „Liebestrank“ in (klischeehaften) süditalienischen Kulissen und historisierenden Kostümen. Aus dieser Spannung von Aktualisierung und historisierendem Ambiente schlägt die Regie Funken mit gutem Timing, unaufdringlich, aber paßgenau gesetzten Pointen und genau der richtigen Dosis Slapstick. Eine Regieassistentin (quirlig mit silbrigem Sopran: Stella An) wuselt geschäftig durch den Probensaal und schiebt die Darsteller in die richtige Position. Ein Gaststar wurde eingekauft, der Autogramme verteilend und eitel gockelnd zur Probe erscheint und nebenbei für seine neueste Soloplatte bei der „Deutschen Grammophon“ („Belcore sings Amore“) wirbt.

Christopher Bolduc brilliert seit der Premiere als herrlich schmieriger Baritonstar und füllt die Rolle auch in der Wiederaufnahme unverändert smart, durchtrainiert und mit jugendlich-knackigem Bariton perfekt aus. Seinen tenoralen Gegenspieler zeichnet die Regie als männliches Aschenputtel: Nemorino erscheint als Reinigungskraft, die auf der Probebühne saubermachen muß und sich unsterblich in die für ihn scheinbar unerreichbare Primadonna verliebt hat. Jeongki Cho spielt diesen Underdog mit großer Natürlichkeit und macht ihn zum Sympathieträger. Musikalisch präsentiert sich der junge Sänger mit frischem, rundem und leichtgängigem Tenor, der fabelhaft zum italienischen Fach paßt. Die berühmte Arie „Una furtiva lacrima“ präsentiert er souverän und mit ergreifender Schlichtheit, mit der richtigen Dosis Italianitá, aber ohne Larmoyanz (dabei viel geschmackvoller als Ioan Hotea in der Premiere). Der verdiente Zwischenapplaus danach hätte ruhig stärker ausfallen können. Für die weibliche Hauptrolle hat die Oper Wiesbaden als Gast Olesya Golovneva engagiert, deren beweglicher Sopran bereits gereift (immerhin wird sie demnächst in Wiesbaden Verdis „Desdemona“ geben), aber immer noch beweglich genug ist, um Donizettis Koloraturen und Auszierungen mühelos zu bewältigen. Die Golovneva präsentiert die Adina als selbstbewußte, den Kerlen überlegene Frau und nicht als schüchternes Dorfmädchen. Dazu paßt, daß ihre Stimme weniger unschuldig-mädchenhafte Süße verströmt, als man das nach dem üblichen Rollenklischee erwarten würde. Die Buffopartie des Dulcamara füllt Stephanos Tsirakoglou mimisch tadellos aus. Stimmlich bleibt der Baßbariton ein wenig blaß. Womöglich hat er einen schlechten Tag erwischt, denn man hat ihn in Wiesbaden schon farbiger und klangsatter gehört.

Im Orchestergraben sorgt Daniela Musca mit straffen Tempi für szenische Belebung. Die Holzbläser zeigen sich in guter Form, die Streicher aber klingen recht stumpf, gelegentlich dünn und intonieren nicht durchgängig sauber. Eine Bank dagegen ist der von Albert Horne gut präparierte Chor. Mit großer Spiellaune tragen die Sängerinnen und Sänger das Regiekonzept mit und präsentieren dabei einen homogenen und launig-lockeren Gesamtklang.

Die Vorstellung war mäßig besucht. Das Publikum zeigte typische Wiesbadener Unarten: Privatgespräche wurden in ungedämpfter Lautstärke auch während bereits einsetzender Orchestervorspiele ungerührt weitergeführt, szenische Details sogleich gut vernehmbar kommentiert. Dafür wurde sowohl an Szenen- wie am Schlußapplaus gespart, und wenn er doch einsetzte, war er schütter und endenwollend. Die motivierten Künstler ficht das zum Glück nicht an. Ihnen wünscht man sich besser besuchte Folgevorstellungen.

Weitere Aufführungen am 28. September, 1., 6. und 15. Oktober 2017 sowie im Mai 2018.

Michael Demel, 25. September 2017

Bilder (Premierenbesetzung): Karl-Bernd Karwasz

 

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