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BACHWOCHEN

Die jungen Wilden, Pianisten aus der Nachwuchsgarde, erhielten diesmal bei der Bachwoche in Ansbach attraktive Auftrittschancen. Drei Konzerte in der runderneuerten klimatisierten Orangerie ließen den Zuhörern wissen, wie hoch die Kunst dieser Youngster angesiedelt ist, wie viel künstlerischer Ernst geweckt und mit welch spieltechnischer Bravour interpretiert wird. Und Wettbewerbssiege konnten die ja alle den Tisch des Hauses legen. Es ist schon so: mit einem Sieg in der Tasche lässt sich leichter auf der Karriereleiter nach oben klettern. Davon kann die Französin Lise de la Salle (l988) ein Lied singen. Denn zwischen l997 und 2007 gewann sie zahlreiche Wettbewerbe und ist seitdem gern gesehen in den großen Konzertsälen Europas, der Vereinigten Staaten und Asiens. Und sie tanzt erfolgreich auf den Hochzeiten renommierter Festival. Eine tüchtige gewandte musikalische Natur, sehr attraktiv anzusehen auf dem Podium, spannt den stilistischen Bogen von Bach über den Jahresregenten Franz Liszt und zurück zu Bach. Und man gerät bald in den Sog eines klar strukturierten temperamentvoll praktizierten Spiels. Sicher – ein wenig motorisch-trocken, mit einer dezenten „scholastischen Attitüde“ mutet ihr Gestaltungsansatz an. Doch die junge Dame folgt souverän den harmonischen Verläufen und polyfonen Verästelungen in Bachs „Chromatische“ Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903 und der Toccata D-Dur BWV 912. Inwieweit sie den dynamischen und klangfarblichen Möglichkeiten des modernen Flügels im vollen Umfang nutzt, das bleibe dahin gestellt. Da stellt sich doch eine leichte Irritation  ein, ob die Lisa della Salle in der mit Hall gesegneten Orangerie nicht allzu reichlich vom Pedal Gebrauch macht? Immerhin baut sie große Spannungsbögen, und am Nachdruck mangelt es  ebensowenig wie am Energie geladenen Zugriff. Ließe sich aber der musikalischen Ausdruckskosmos nicht reicher gestaffelt denken?

Lustvoll spielt sich Lise de la Salle durch Lisztsche Vertracktheiten der späten Romantik. Schlüssig formt sie in den Trauerklängen aus „Funérailles“ (Totenfeier) die Verkettung von naturalistisch wuchtenden Klangeffekten, meditativen Strecken bis zum exaltierendem Oktavunisono – welch eindringliche Demonstration virtuosen Klavierspiels. Technisch scheint diese charmante Piano-Lady beinahe zu allem in der Lage, vor allem was Flexibilität und Treffsicherheit anlangt. In den Fortissimo-Attacken und pathetischen Aufwallungen wagt sie alles und wuchtet „ihren Liszt“ mit einer Lautstärke in den Saal, dass auch die auf den hinteren Reihen sitzenden einiges von diesen pianistischen Ergüssen mitbekommen. Macht dieses Liszt-Spiel aber wirklich glücklich?  Drückt sich Lise de la Salle Glaube an die Musik Franz Liszts auch in einem leuchtenden Klang aus? Natürlich belasten die Pianistin keine technischen Probleme, und den notwendigen Biss für Liszts Hochflächen, den markanten flammend-heißen Zugriff, den kernigen Anschlag – all das lässt sie spüren. Doch mit  nuancenreichen dynamischen Proportionen, einer hellhörigeren Abstimmung auf die spezifischen räumlichen Konstellationen des Saals, hätte sie dem Pianisten, den Musiker und Konstrukteur Liszt besondere Reverenz erwiesen.

Schlagstark mit großen Expressivo-Bögen mobilisierte Lise de la Salle ihre physischen Reserven in den kämpferischen Passagen und klanglichen Schreckensvisionen der Dante-Sonate. Dass es hier nicht auf die bloße Überrumpelung und virtuose Blendwirkung ankommt, bewies der Anfang: die im Tritonus absteigenden Eingangstakte im Fortissimo wirkten gut durchgehört. Den kleinen Notenwerten der schwärmerischen Passagen und ornamentalen Einwürfen gebrach es keinesfalls an gestalterischer Intensität. Doch in den chromatisch nach unten ziehenden Oktaven des Höllenmotivs, auch in den harmonisch oszillierenden Lyrismen des Mittelteils, hätte die virtuose Mobilität in den Konturen deutlich ausgeformt erscheinen können. Ohne große deklamatorisch deutlich gezeichnete Gesten können Lisztschen Eingebungen leicht im pianistisch gekonnten Leerlauf enden. Immerhin gelang es der Pianistin, die Emotionen des Publikums gewaltig aufzuheizen. Jubel, Ovationen.

Neben Kammerkonzerten, Kantatenabende und Chorkonzerte rücken drei Orchesterkonzerte in den Mittelpunkt der Programm-Dramaturgie der Bachwoche. Da sprühten die Funken als im kleinen französischen Schwerpunkt der Bachwoche das Ensemble Baroque de Limoges eine für Orchester transkribierte Version von Johann Sebastian Bachs Französische Ouvertüre d-Moll BWV 831 vorstellte. Ein konzertant aufgelockertes, beschwingtes, vor allem in den Bassregionen kräftig akzentuiertes Spiel, dargeboten mit klangrednerischen Gesten, die sich an historisierende Vorbilder anlehnten. Sicher gewann das französische Ensemble im fünften Brandenburgischen Konzert in Tempo, Rhythmik prägnantes Profil. Nur führte die klangliche Balance durch das viel zu weit nach hinten postierte Cembalo zu keine zufriedenstellenden Hörresultate. Immerhin setzte die französische Truppe auf eine cool kalkulierte Hemdsärmeligkeit. Frech, provokant, rustikal akzentuiert, wurde das Brandenburgische Konzert Nr. 5 mit augenzwinkerndem Charme präsentiert – glanzvoll spielte Jan Willem Jansen die Soli auf dem Cembalo.

Der zweite Teil des Konzertes machte mit einer späten Auferstehung von Werken von Jean Philippe Rameau bekannt. Gleich vierzehn instrumentale „Suite de danses“ aus „Fetes d’Hébés bündelt Christophe Coin, Cellist und Leiter des Ensembles aus Limoges, zu einem flotten musikalischen Bouquet. Was dieser rätselhaften Komponistennatur so aus der Feder floss, diese mosaikartig kleinteiligen Piecen aus dem Opéra-Ballet offenbart duftige Instrumentierung mit seufzermotivartiger Melodik. Es bereitete einfach Vergnügen, sich auf diesen für uns immer noch ein wenig fremd aber umso kühner erscheinenden französischen Meister des Barocks rückzubesinnen und dem funkensprühenden Spiel der Musiciens aus Limoges zu lauschen.

Im zweiten Orchesterkonzert in der Orangerie hob das Münchner Kammerorchester nach Bachs h-Moll Suite (Ouvertüre) h-Moll BWV 1067 eine Auftragskomposition aus der Taufe. Mit dem „Ansbachischen Konzert Nr. 2 – eine Auftragskomposition – wurde diesmal ein gebürtiger Ansbacher, der mit nationalen und internationalen Auszeichnungen dekorierte Joachim F.W. Schneider (Jahrgang 1970) betraut. Schneider serviert den Zuhörern „neue“ Musik von fraglos milderer Sorte – einfach, griffig, die ihre Kraft aus dem mit neunzehn Streichern besetzten Kammerorchester gewinnt. Im dreizehnminütigen 234 Takte umfassenden Werk schaut der Komponist Bach über die Schulter, orientiert sich am drittem Brandenburgischen Konzert, beginnt im Bass mit einer im zweistimmigen Kanon geführten Linie und entwickelt nach diversen Umdrehungen einen doppelten Kontrapunkt (Schneider).  Die Statik des zweiten Satzes wird abgelöst durch einen zwölftönigen im Tempo bewegungsreicheren Teil. Diese locker fließende konzertante Aktion öffnet Räume für einen wirkungsvollen Farb- und Stimmungswechsel. Das Münchner Kammerorchester serviert spielfreudig gut bekömmliches „Musica Nova Futter“, das nach Meinung des Komponisten keinesfalls so klingen dürfe wie Barockmusik mit ein paar falschen Tönen. Immerhin liefert Schneider einen schlüssigen Beweis, dass moderne Musik immer dann zu fesseln vermag, wenn Ausdruckskraft und engagiertes Interpretieren zusammenwirken.

Zu guter Letzt erhielt Béla Bartóks Divertimento alles was ihm gebührt: eine vibrierende emotionale Durchblutung, auch ein von Geheimnissen umwittertes, dynamisch fein gestuftes Wechselspiel von Soloeinwürfen mit vollmundigen Klang des Kammerorchesters. 

Grund zum Nachdenken über J.S. Bachs grandioses rätselhaftes Testament, die katholische Messe des Protestanten in h-Moll BWV 242, gab es ja schon lange, egal ob ein Vertreter der historisierenden oder ein philharmonisch traditionell orientiertes Team die Kulisse eines sinfonischen Orchesters nutzt.

Nachdem Uwe Wolf vom Leipziger Bach-Archiv den Urtext der Neuen Bach-Ausgabe (Bärenreiter) nach dem Stand neuer wissenschaftlicher Forschungen revidierte, lässt sich die bisher aufgrund älterer Forschungen in der Bach-Ausgabe l956 vertretene Meinung nicht länger aufrecht erhalten, Bachs opus summum sei nur zufällig im Laufe der l730er Jahre aus verschiedenen unabhängigen Kirchenmusikwerken ohne beabsichtigten Zusammenhang zur Missa tota zusammengefügt worden. Richtig ist vielmehr, dass Bach gezielt bereits bestehende Teile zu einer vollständigen Messe vereinte. Und noch eine weitere Tatbestand lässt aufhorchen: Da Bachs zweitältester Sohn Carl Philipp Emanuel nachträglich in seines Vaters Original Änderungen vornahm, wurden ausgewählte Stellen des Autographs mittels Röntgenfluoreszenzanalyse untersucht. So konnten die meisten der zweifelhaften Korrekturen dem Vater oder Sohn zugeschrieben. Was hat sich für die Ausführenden konkret geändert? Bach-Liebhabern geben Fußnoten im revidierten Urtext sicherlich Impulse zu weiteren Studien, vor allem in puncto dynamische Vorschriften, Änderung einzelner Noten oder Tilgung und Neueintrag ganzer Takte einzelner Stimmen (Vgl. Vorwort zum Urtext der Neuen Bach-Ausgabe, revidierte  Edition, S. IX)

Hans-Christoph Rademann gab dem Werk in St. Gumbertus mit einem exzellenten Solistenteam, dem zwölfköpfigen Dresdner Kammerchor nebst Barockorchester den großen alles überwölbenden Bogen. Die h-Moll Messe fügt sich zu  einem geschlossenen vom Komponisten eigens geformten Werk, sozusagen ein auftragsloses „Vermächtniswerk.“

Nicht länger ist die h-Moll Messe in Ansbach eine Bastion romantischer Bach-Pflege. Entschlackt, bar jedes Pathos verzichtet Rademann auf den schnörkellos linearen Charakter. Die Tongebung geriet fülliger, biegsamer, manches wirkt rhythmisch ausgeprägt durchpulst, tänzerischer inspiriert. Kein Wunder, wenn die im „stile antico“ gehaltenen Teile, das zweite Kyrie und das „Gratias agimus tibi“, einen lebendigen Eindruck hinterließen. Die Konturenschärfe des Kammerchores, ein Vokalensemble von hoher Qualität, beindruckte, ebenso die Solostimmen von Dorothee Mields, der fabelhaften Altistin Wiebke Lehmkuhl, Daniel Johannsen und Jochen Kupfer. Hier regierte ein Kunstwille, der kompromisslos der Erhabenheit des Werkes diente. So wird die Musik in ihrer expressiven Gegenwärtigkeit ungemein schlüssig und durchsichtig ausgeschöpft. Lang anhaltender Beifall.

Marga Enslein-Bezold



Interview mit dem Intendanten


Andreas Bomba

Alle zwei Jahre ist das mittelfränkische Ansbach ganz auf Johann Sebastian Bach eingestellt.  Aus einer wohl behüteten Tradition und behutsam angegangener Öffnung zu einer gemäßigten Moderne entstand ein dynamisches Bachwochen-Konzept, das mittlerweile auch in der heimischen Bevölkerung gut verankert ist. Am 29.Juli öffnet die Orangerie ihre Pforten für das erste Orchesterkonzert. Wohin steuert die 39. Ausgabe des Festivals? Das Gespräch mit Andreas Bomba, dem Intendanten der Bachwoche Ansbach, beleuchtet aktuelle Aspekte der Auswahl von Interpreten und Gestaltung der Programme.

Of: Warum ist Bach zeitlos aktuell?

Bomba: Man macht generell die Erfahrung, dass jeder Musiker mit dem Komponisten etwas anfangen kann. In der Barockmusikszene wird Bach ein wenig an den Rand gedrängt. Das hat historische Gründe, weil man ihn früher sehr in den Mittelpunkt gestellt und andere Maestri wie Händel, Telemann vernachlässigt hat. Heute argumentieren Spezialisten: Bach ist einer unter vielen, vielleicht eher eine Randfigur, weil er nicht modern genug war zu seiner Zeit, jedenfalls nicht wie Graupner, Stölzl u.a. gewesen sind. Trotzdem: Präsent ist Bach natürlich bei allen, auch bei den  modernen Sinfonie-Orchestern, die sich die Literatur von Bach erobern. Man denke an Claudio Abbado und Riccardo Chailly, die sich die Brandenburgischen Konzerte erobern, sie in Konzerten aufführen und in Mitschnitten auf den Markt bringt. Und erstaunlich ist, dass für Gruppierungen, die sich auch stark für neue Musik engagieren – ich nenne das Ensemble Resonanz (zu hören in unserem dritten Orchesterkonzert am 4.8). -  Bach eine feste Größe ist. Die setzen moderne Kontrapunkte aus dem 20. Jahrhundert mit Bernd Alois Zimmermanns Sinfonietta und Brittens Simple Symphony. Und für die Jazz-Musiker – im Anschluss an das dritte Orchesterkonzert zu hören – ist Bach gleichzusetzen mit Innovation und Keimzelle aller Musik.  In ihm vereinigt sich Vergangenheit und Zukunft. Er sucht, improvisiert und überwindend zugleich. Jeder Musiker kann mit Bach etwas anfangen. Unter diesen Perspektiven steht er im Fokus aller Musiker.

Of: Gibt es neue Aspekte einer Bach-Aktualisierung?

Bomba: Dazu gehört einmal eine starke Spezialisierung, mit der gerade die jungen Ensembles versuchen, Bach gezielt im Kontext seiner Lebenszeit einzubetten. Und es wird argumentiert,  Bach sei zu seiner Zeit gemessen an anderen Komponisten sehr unmodern gewesen  „Modern“ in diesem Sinne waren  Telemann, Händel u.a. Schließlich gerät auch das Nachleben von Bach zusehends in den Fokus. Wie hat sich Bach über die Zeit gerettet? Man weiß heute, dass Bach sicher nie vergessen war. Die Auseinandersetzung mit ihm begann ja erst nach seinem Tod und ließ bis heute nie nach.

OF: Gibt es musikpraktisch etwas Neues zum Thema Bach?

Bomba: Da könnte man h-Moll Messe ins Gespräch bringen. Es wurde seit der neuen Bach- Ausgabe von Friedrich Smend aus dem Jahr l956  stets behauptet, bei der h-Moll Messe handele es sich eine Zusammenfassung separater Stücke. Jetzt fand man  viele Argumente, dass die h-Moll Messe doch ein einheitliches Werk sei. Was im Augenblick in den Fokus rückt, finde ich sehr spannend: Es nimmt  die Zahl derer ab, die den Genius Bach für unberührbar halten und nicht als praktisch denkenden Musiker verstehen. Dazu würde ich mich zählen. Es kann gar nicht sein, dass ein Komponist, weil er spürt, dass sein Leben zu Ende geht, Vermächtniswerke schreibt, ohne Zweck, ohne Anlass. Das entspricht dem Denken des 19. Jahrhunderts und der großen Bachbewegung des 20. Jahrhunderts. Doch denken die jungen Leute anders. Bach hat die h-Moll Messe nicht einfach so komponiert. Da muss doch ein konkreter Anlass dahinter stecken. Uwe Wolf vom Leipziger Bach-Archiv wird auf diese Aspekte in der Bach-Sprechstunde eingehen. Was sich interpretatorisch ändern wird, erläutert  Hans-Christoph Rademann, der die Messe am 6. August in St. Gumbertus dirigieren wird. Ähnliche Aspekte gelten auch für die „Kunst der Fuge“. Es wird immer argumentiert, die sei ein Vermächtnis, die er vor sein Lebensende noch vollenden wollte. Da denkt man heute anders und versucht, wissenschaftlich-kritisch herauszufiltern, was hinter diesen Werken steckt.  Das schmälert die Musik sicherlich nicht, aber nimmt ein wenig den Heiligenschein von ihr. Im Übrigen ist das Werk mit dem Lebensabschluss-Choral von Carl Philipp Emanuel Bach in einer  Fassung für Streich-, Blas- und Tasteninstrumente vom Freiburger BarockConsort in St. Johannis am 30.7 zu hören.

Of: Aus welchem Blickwinkel nähern sich jüngere Interpreten den Genius?

Bomba: Alle Protagonisten der letzten Generation Gardiner, Koopman, Herrweghe dirigieren heute moderne Sinfonieorchestern, in denen junge Leuten sitzen, die in im Studium gelernt haben, dass es verschiedene Arten gibt, Musik zu machen, dass Barockmusik mit Vibrato anders klingt als die romantische Musik.

Of: Nun gab es in den letzten Bachwochen bemerkenswerte solistische Auftritte von jüngeren Interpreten wie Martin Stadtfeld, der ja aufregende Akzente setzte. Mittlerweile profilierte er sich im Konzertsaal und auf CD als ein höchst innovativer, mitunter auch eigenwilliger, doch viel gelobter Bachspieler. Erleben wir in diesem Jahr einen neuen Gipfelsturm auf den Genius Bach?

Bomba: Bachwöchner wollen in erster Linie ihren Bach auf dem Klavier hören. Das hat hier Tradition. Die lieben große Namen, haben alle großen Interpreten gehört, Pluralität der Interpretation löst immer wieder Diskussionen aus. Doch wollen die Besucher der Bachwoche aufgrund ihrer langen Hörtradition auch neue Leute entdecken und einen Qualitätsmaßstab anlegen. Die merken dann schon, ob sie mit höflichen Beifall belohnt werden, oder über die Besucher auf den Stühlen stehlen.  Wenn ich für die Bachwoche Programme konzipiere, dann könnte ich unter einer unübersehbaren Zahl von Pianisten aus der ganzen Welt auswählen. Die sind alle bestens ausgebildet, alles fabelhafte Profile. Ich denke an  Lise de la Salle, die einen französischen Schwerpunkt setzen wird. Es ist reizvoll zu erfahren wie junge Leute aus Frankreich ihren Bach interpretieren.

Of: Doch es präsentieren auch zwei weitere junge Gesichter ihre Visitenkarte.

Bomba: Dass ein Pianist aus der Region wie David Theodor Schmidt hier in Ansbach spielen muss, ist doch selbstverständlich. Er widmet sich auch J.S.Bach, pflegt schöne Programmzusammenstellungen, veröffentlichte bereits beachtenswerte CDs. Schließlich heimste auch der in Russland geborene  Igor Levit viel Lob ein. Die FAZ zählt er bereits zu den großen Pianisten dieses Jahrhunderts. Ich habe ihn im vergangenen Jahr beim Sinfonieorchester der hr gehört. Ein richtiger Überflieger, ein Musiker, dem das ganze Repertoire zur Verfügung steht. Und für Ansbach legte er sich auf ein “hammerhaftes“ Programm fest. Der ist total nett, unkompliziert, ein sympathischer Typ.

Of: Nun setzten alle Interpreten der Reihe „Junge Meister“ auf eine gemischte Dramaturgie

Bomba: Alle kombinieren den Jahresregenten Franz Liszt mit J.S. Bach. Levit spielt die sechste Partita von Bach und von David Theodor Schmidt widmet sich dem selten zu hörenden Variationenwerk  „Weinen, Klagen, Sorgen, Zagen“. So soll sich unserer Zuhörer mit der fünfteiligen Pianisten-Reihe (dazu zählt noch Evgeni Koroliov und das Klavierduo Yaara Tal & Andreas Groethuysen) in ein und demselben Raum, nämlich in der Orangerie, ein Bild machen von den interpretatorischen Qualitäten, die stets durch die gleiche akustischen Konstellationen und die Wahl des gleichen Instruments geprägt werden. So ist ein Mix entstanden aus Alt und Jung, aus Bewährt und Unbekannt, von deutscher und ausländischer Herkunft, und alles an einem Ort zum Vergleichen erfahrbar Moderne Musik wurde in Ansbach schon immer stiefmütterlich behandelt.

Of: Wird da etwas ändern?

Bomba: Hans Georg Schäfer, mein Vorvorgänger, schlug eine Schneise in die damalige gänzlich auf „Bach pur“ ausgerichtete Konzeption. Zuerst wollten die Leute nur Bach hören, das muss man aus den historischen Gegebenheiten der Nachkriegszeit verstehen. So wie das Leben pluralistisch geworden ist, so hat man das Publikum allmählich auf ein mehrschichtiges Programm hingeführt. Es wurden Auftragskompostionen gegeben, Lotte Thaler hat dies sehr forciert, und wir müssen auf diesem Weg weitergehen. Diesmal gibt es wieder eine Auftragskomposition, womit wir einen Ansbacher Künstler beauftragt hatten, Joachim F.W.Schneider, der für Kent Nagano eine schöne Instrumentierung des Italienischen Konzertes gemacht hat, die in Montréal uraufgeführt wurde. Mit dem erfahrenen Münchner Kammerorchester mit Alexander Liebreich am Pult wird das Ansbachische Konzert Nr. 2 im dritten Orchesterkonzert zur Aufführung gelangen. Diese Serie wird in den kommenden Jahren fortgesetzt. Da gibt es auch „Bach und….“ – Kopplungen mit klassischen modernen Kompositionen wie Bela Bartók, Benjamin Britten und Bernd Alois Zimmermann. Für die Leute hier sind diese modernen „Klassiker“ neue Musik. Doch im Zentrum jedes Konzertes steht immer J.S.Bach. Es wird auch reine Bachkonzerte geben. Die Bachwoche bleibt eine Bachwoche. In Ansbach gibt es ein sehr artikuliertes Publikum. Wer hier herkommt, engagiert sich. Die Leute haben dezidierte Meinungen, loben, kritisieren das Programm oder die Interpretation. Das sind sympathische Konstellationen.  

Das Gespräch führte Egon Bezold

 

 

 



BACHWOCHEN

Abwechslungsreich soll nach den Worten von Andreas Bomba das Profil des Ansbacher Bachwochenjahres 2011 werden: 36 Konzerte beleuchten in der der Zeit vom 29.7. bis 7. 8.  verschiedene Schwerpunkte wie „Bach und Frankreich, „Clavier-Übung“ oder „Bach und Liszt“. So eröffnet das Ensemble Baroque de Limoges am 29.7 das Festival mit Christophe Coin am Pult. Das Münchner Kammerorchester wird das in Auftrag gegebene „Ansbachische Konzert Nr. 2“ von Joachim F. W. Schneider uraufführen. Für einen weiteren zeitgenössischen Kontrapunkt sorgt das junge „Ensemble Resonanz“ mit dem Konzert für Streichorchester (l946) von Bernd Alois Zimmermann.

Auch renommierte Nachwuchskünstler bekommen ihre Chance. So konfrontiert Igor Levit die h-Moll Sonate von Franz Liszt mit Werken von J.S. Bach, während die Preisträgerin des Bach-Wettbewerbs Leipzig 2010, die Cembalistin Maria Uspenskaya, ihr Konzert dem „jungen Bach“ widmet - wie überhaupt Bachs Werke für Tasteninstrumente gespielt auf Orgel, Cembalo und Klavier besondere Aufmerksamkeit verdienen. Konzerte der Bach-Liszt-Reihe bestreiten Evgeni Koroliov, die Französin Lise de la Salle so wie David Theodor Schmidt aus Erlangen.

Schließlich versprechen Yaara Tal und Andreas Groethuysen an zwei Klavieren den „Goldberg-Variationen“ in der Rheinberger- und Reger-Edition einen eigengeprägten Touch. Zu den Highlights zählen ferner „Die Kunst der Fuge“ in einer Fassung für Streich-, Blas- und Tasteninstrumente (Freiburger Barock Consort) sowie der Auftritt von Jordi Savall und „Le Concert des Nations“ mit Bachs rätselhaftem Werk „Das musikalische Opfer“. Ist ein Bachverständnis ohne Kenntnis des Kantatenwerkes überhaupt möglich? Darauf wird der Windsbacher Knabenchor unter Karl-Friedrich Beringer eindeutige Antworten finden. Zum großen Chorereignis laden das Dresdner Barockorchester und der Dresdner Kammerchor mit Bachs h-Moll Messe in St. Gumbertus an (6.8.) Wer den Preisträger des 39.  Interpretationswettbewerbs der ION hören will, besuche am 4. 8. in St. Gumbertus das Konzert für Motette und Orgel (mit Cantus Cölln).

Für historisch informierte Bach-Freunde dürfte der Kantaten-Abend mit Andreas Scholl und dem Freiburger Barockorchester von besonderem Interesse sein.

Am populären Ansbach-Tag hebt das Ensemble „Singer pur“ mit singbegeistertem Publikum eine vom Schweizer Rudolf Lutz komponierte Kantate aus der Taufe. In der Bach-Lounge zupft der Lautenist Edin Karamazov u. a. Pasajes Cubanos von Leo Brouwer auf der E-Gitarre. Den vokalen Spagat „von Bach bis Bond“, in Szene gesetzt vom jungen britischen a-cappella-Oktett VOCES8, sollte man am 1.8. im Prunksaal nicht versäumen.

Dass die Jazz-Session am 5.8. mit Mark Wyand und Band, ferner diverse Workshops für die Youngster von vier bis vierzehn Jahren in diesem Festival gut platziert sind, dafür steht auch die positive Resonanz der letzten Bachwochen.

Egon Bezold

      

DER OPERNFREUND  | DerOpernfreund@aol.com