BACHWOCHEN
Die jungen Wilden, Pianisten aus der Nachwuchsgarde,
erhielten diesmal bei der Bachwoche in Ansbach attraktive Auftrittschancen. Drei
Konzerte in der runderneuerten klimatisierten Orangerie ließen den Zuhörern
wissen, wie hoch die Kunst dieser Youngster angesiedelt ist, wie viel
künstlerischer Ernst geweckt und mit welch spieltechnischer Bravour
interpretiert wird. Und Wettbewerbssiege konnten die ja alle den Tisch des
Hauses legen. Es ist schon so: mit einem Sieg in der Tasche lässt sich leichter
auf der Karriereleiter nach oben klettern. Davon kann die Französin Lise de la
Salle (l988) ein Lied singen. Denn zwischen l997 und 2007 gewann sie zahlreiche
Wettbewerbe und ist seitdem gern gesehen in den großen Konzertsälen Europas,
der Vereinigten Staaten und Asiens. Und sie tanzt erfolgreich auf den
Hochzeiten renommierter Festival. Eine tüchtige gewandte musikalische Natur,
sehr attraktiv anzusehen auf dem Podium, spannt den stilistischen Bogen von
Bach über den Jahresregenten Franz Liszt und zurück zu Bach. Und man gerät bald
in den Sog eines klar strukturierten temperamentvoll praktizierten Spiels.
Sicher – ein wenig motorisch-trocken, mit einer dezenten „scholastischen
Attitüde“ mutet ihr Gestaltungsansatz an. Doch die junge Dame folgt souverän
den harmonischen Verläufen und polyfonen Verästelungen in Bachs „Chromatische“
Fantasie und Fuge d-Moll BWV 903 und der Toccata D-Dur BWV 912. Inwieweit sie
den dynamischen und klangfarblichen Möglichkeiten des modernen Flügels im
vollen Umfang nutzt, das bleibe dahin gestellt. Da stellt sich doch eine
leichte Irritation ein, ob die Lisa
della Salle in der mit Hall gesegneten Orangerie nicht allzu reichlich vom
Pedal Gebrauch macht? Immerhin baut sie große Spannungsbögen, und am Nachdruck
mangelt es ebensowenig wie am Energie
geladenen Zugriff. Ließe sich aber der musikalischen Ausdruckskosmos nicht
reicher gestaffelt denken?
Lustvoll spielt sich Lise de la Salle durch Lisztsche
Vertracktheiten der späten Romantik. Schlüssig formt sie in den Trauerklängen
aus „Funérailles“ (Totenfeier) die Verkettung von naturalistisch wuchtenden
Klangeffekten, meditativen Strecken bis zum exaltierendem Oktavunisono – welch
eindringliche Demonstration virtuosen Klavierspiels. Technisch scheint diese
charmante Piano-Lady beinahe zu allem in der Lage, vor allem was Flexibilität
und Treffsicherheit anlangt. In den Fortissimo-Attacken und pathetischen
Aufwallungen wagt sie alles und wuchtet „ihren Liszt“ mit einer Lautstärke in
den Saal, dass auch die auf den hinteren Reihen sitzenden einiges von diesen
pianistischen Ergüssen mitbekommen. Macht dieses Liszt-Spiel aber wirklich
glücklich? Drückt sich Lise de la Salle
Glaube an die Musik Franz Liszts auch in einem leuchtenden Klang aus? Natürlich
belasten die Pianistin keine technischen Probleme, und den notwendigen Biss für
Liszts Hochflächen, den markanten flammend-heißen Zugriff, den kernigen
Anschlag – all das lässt sie spüren. Doch mit
nuancenreichen dynamischen Proportionen, einer hellhörigeren Abstimmung
auf die spezifischen räumlichen Konstellationen des Saals, hätte sie dem
Pianisten, den Musiker und Konstrukteur Liszt besondere Reverenz erwiesen.
Schlagstark mit großen Expressivo-Bögen mobilisierte Lise de
la Salle ihre physischen Reserven in den kämpferischen Passagen und klanglichen
Schreckensvisionen der Dante-Sonate. Dass es hier nicht auf die bloße
Überrumpelung und virtuose Blendwirkung ankommt, bewies der Anfang: die im
Tritonus absteigenden Eingangstakte im Fortissimo wirkten gut durchgehört. Den
kleinen Notenwerten der schwärmerischen Passagen und ornamentalen Einwürfen
gebrach es keinesfalls an gestalterischer Intensität. Doch in den chromatisch
nach unten ziehenden Oktaven des Höllenmotivs, auch in den harmonisch
oszillierenden Lyrismen des Mittelteils, hätte die virtuose Mobilität in den
Konturen deutlich ausgeformt erscheinen können. Ohne große deklamatorisch
deutlich gezeichnete Gesten können Lisztschen Eingebungen leicht im pianistisch
gekonnten Leerlauf enden. Immerhin gelang es der Pianistin, die Emotionen des
Publikums gewaltig aufzuheizen. Jubel, Ovationen.
Neben Kammerkonzerten, Kantatenabende und Chorkonzerte
rücken drei Orchesterkonzerte in den Mittelpunkt der Programm-Dramaturgie der
Bachwoche. Da sprühten die Funken als im kleinen französischen Schwerpunkt der
Bachwoche das Ensemble Baroque de Limoges eine für Orchester transkribierte
Version von Johann Sebastian Bachs Französische Ouvertüre d-Moll BWV 831
vorstellte. Ein konzertant aufgelockertes, beschwingtes, vor allem in den
Bassregionen kräftig akzentuiertes Spiel, dargeboten mit klangrednerischen
Gesten, die sich an historisierende Vorbilder anlehnten. Sicher gewann das
französische Ensemble im fünften Brandenburgischen Konzert in Tempo, Rhythmik
prägnantes Profil. Nur führte die klangliche Balance durch das viel zu weit
nach hinten postierte Cembalo zu keine zufriedenstellenden Hörresultate.
Immerhin setzte die französische Truppe auf eine cool kalkulierte Hemdsärmeligkeit.
Frech, provokant, rustikal akzentuiert, wurde das Brandenburgische Konzert Nr.
5 mit augenzwinkerndem Charme präsentiert – glanzvoll spielte Jan Willem Jansen
die Soli auf dem Cembalo.
Der zweite Teil des Konzertes machte mit einer späten
Auferstehung von Werken von Jean Philippe Rameau bekannt. Gleich vierzehn
instrumentale „Suite de danses“ aus „Fetes d’Hébés bündelt Christophe Coin,
Cellist und Leiter des Ensembles aus Limoges, zu einem flotten musikalischen
Bouquet. Was dieser rätselhaften Komponistennatur so aus der Feder floss, diese
mosaikartig kleinteiligen Piecen aus dem Opéra-Ballet offenbart duftige
Instrumentierung mit seufzermotivartiger Melodik. Es bereitete einfach
Vergnügen, sich auf diesen für uns immer noch ein wenig fremd aber umso kühner
erscheinenden französischen Meister des Barocks rückzubesinnen und dem
funkensprühenden Spiel der Musiciens aus Limoges zu lauschen.
Im zweiten Orchesterkonzert in der Orangerie hob das
Münchner Kammerorchester nach Bachs h-Moll Suite (Ouvertüre) h-Moll BWV 1067
eine Auftragskomposition aus der Taufe. Mit dem „Ansbachischen Konzert Nr. 2 –
eine Auftragskomposition – wurde diesmal ein gebürtiger Ansbacher, der mit
nationalen und internationalen Auszeichnungen dekorierte Joachim F.W. Schneider
(Jahrgang 1970) betraut. Schneider serviert den Zuhörern „neue“ Musik von
fraglos milderer Sorte – einfach, griffig, die ihre Kraft aus dem mit neunzehn
Streichern besetzten Kammerorchester gewinnt. Im dreizehnminütigen 234 Takte
umfassenden Werk schaut der Komponist Bach über die Schulter, orientiert sich
am drittem Brandenburgischen Konzert, beginnt im Bass mit einer im
zweistimmigen Kanon geführten Linie und entwickelt nach diversen Umdrehungen
einen doppelten Kontrapunkt (Schneider). Die Statik des zweiten Satzes wird abgelöst
durch einen zwölftönigen im Tempo bewegungsreicheren Teil. Diese locker
fließende konzertante Aktion öffnet Räume für einen wirkungsvollen Farb- und
Stimmungswechsel. Das Münchner Kammerorchester serviert spielfreudig gut
bekömmliches „Musica Nova Futter“, das nach Meinung des Komponisten keinesfalls
so klingen dürfe wie Barockmusik mit ein paar falschen Tönen. Immerhin liefert
Schneider einen schlüssigen Beweis, dass moderne Musik immer dann zu fesseln
vermag, wenn Ausdruckskraft und engagiertes Interpretieren zusammenwirken.
Zu guter Letzt erhielt Béla Bartóks Divertimento alles was
ihm gebührt: eine vibrierende emotionale Durchblutung, auch ein von
Geheimnissen umwittertes, dynamisch fein gestuftes Wechselspiel von
Soloeinwürfen mit vollmundigen Klang des Kammerorchesters.
Grund zum Nachdenken
über J.S. Bachs grandioses rätselhaftes Testament, die katholische Messe des
Protestanten in h-Moll BWV 242, gab es ja schon lange, egal ob ein Vertreter
der historisierenden oder ein philharmonisch traditionell orientiertes Team die
Kulisse eines sinfonischen Orchesters nutzt.
Nachdem Uwe Wolf vom Leipziger Bach-Archiv den Urtext der
Neuen Bach-Ausgabe (Bärenreiter) nach dem Stand neuer wissenschaftlicher
Forschungen revidierte, lässt sich die bisher aufgrund älterer Forschungen in
der Bach-Ausgabe l956 vertretene Meinung nicht länger aufrecht erhalten, Bachs
opus summum sei nur zufällig im Laufe der l730er Jahre aus verschiedenen
unabhängigen Kirchenmusikwerken ohne beabsichtigten Zusammenhang zur Missa tota
zusammengefügt worden. Richtig ist vielmehr, dass Bach gezielt bereits bestehende
Teile zu einer vollständigen Messe vereinte. Und noch eine weitere Tatbestand
lässt aufhorchen: Da Bachs zweitältester Sohn Carl Philipp Emanuel nachträglich
in seines Vaters Original Änderungen vornahm, wurden ausgewählte Stellen des Autographs
mittels Röntgenfluoreszenzanalyse untersucht. So konnten die meisten der
zweifelhaften Korrekturen dem Vater oder Sohn zugeschrieben. Was hat sich für
die Ausführenden konkret geändert? Bach-Liebhabern geben Fußnoten im
revidierten Urtext sicherlich Impulse zu weiteren Studien, vor allem in puncto
dynamische Vorschriften, Änderung einzelner Noten oder Tilgung und Neueintrag
ganzer Takte einzelner Stimmen (Vgl. Vorwort zum Urtext der Neuen Bach-Ausgabe,
revidierte Edition, S. IX)
Hans-Christoph Rademann gab dem Werk in St. Gumbertus mit
einem exzellenten Solistenteam, dem zwölfköpfigen Dresdner Kammerchor nebst
Barockorchester den großen alles überwölbenden Bogen. Die h-Moll Messe fügt
sich zu einem geschlossenen vom
Komponisten eigens geformten Werk, sozusagen ein auftragsloses
„Vermächtniswerk.“
Nicht länger ist die h-Moll Messe in Ansbach eine Bastion
romantischer Bach-Pflege. Entschlackt, bar jedes Pathos verzichtet Rademann auf
den schnörkellos linearen Charakter. Die Tongebung geriet fülliger, biegsamer,
manches wirkt rhythmisch ausgeprägt durchpulst, tänzerischer inspiriert. Kein
Wunder, wenn die im „stile antico“ gehaltenen Teile, das zweite Kyrie und das
„Gratias agimus tibi“, einen lebendigen Eindruck hinterließen. Die
Konturenschärfe des Kammerchores, ein Vokalensemble von hoher Qualität,
beindruckte, ebenso die Solostimmen von Dorothee Mields, der fabelhaften
Altistin Wiebke Lehmkuhl, Daniel Johannsen und Jochen Kupfer. Hier regierte ein
Kunstwille, der kompromisslos der Erhabenheit des Werkes diente. So wird die
Musik in ihrer expressiven Gegenwärtigkeit ungemein schlüssig und durchsichtig
ausgeschöpft. Lang anhaltender Beifall.
Marga Enslein-Bezold
Interview mit dem Intendanten
Andreas Bomba
Alle zwei Jahre ist
das mittelfränkische Ansbach ganz auf Johann Sebastian Bach eingestellt. Aus einer wohl behüteten Tradition und behutsam
angegangener Öffnung zu einer gemäßigten Moderne entstand ein dynamisches
Bachwochen-Konzept, das mittlerweile auch in der heimischen Bevölkerung gut
verankert ist. Am 29.Juli öffnet die Orangerie ihre Pforten für das erste
Orchesterkonzert. Wohin steuert die 39. Ausgabe des Festivals? Das Gespräch mit
Andreas Bomba, dem Intendanten der Bachwoche Ansbach, beleuchtet aktuelle
Aspekte der Auswahl von Interpreten und Gestaltung der Programme.
Of: Warum ist Bach zeitlos aktuell?
Bomba: Man macht generell die Erfahrung, dass jeder Musiker
mit dem Komponisten etwas anfangen kann. In der Barockmusikszene wird Bach ein
wenig an den Rand gedrängt. Das hat historische Gründe, weil man ihn früher
sehr in den Mittelpunkt gestellt und andere Maestri wie Händel, Telemann
vernachlässigt hat. Heute argumentieren Spezialisten: Bach ist einer unter
vielen, vielleicht eher eine Randfigur, weil er nicht modern genug war zu
seiner Zeit, jedenfalls nicht wie Graupner, Stölzl u.a. gewesen sind. Trotzdem:
Präsent ist Bach natürlich bei allen, auch bei den modernen Sinfonie-Orchestern, die sich die
Literatur von Bach erobern. Man denke an Claudio Abbado und Riccardo Chailly,
die sich die Brandenburgischen Konzerte erobern, sie in Konzerten aufführen und
in Mitschnitten auf den Markt bringt. Und erstaunlich ist, dass für
Gruppierungen, die sich auch stark für neue Musik engagieren – ich nenne das
Ensemble Resonanz (zu hören in unserem dritten Orchesterkonzert am 4.8). - Bach eine feste Größe ist. Die setzen moderne
Kontrapunkte aus dem 20. Jahrhundert mit Bernd Alois Zimmermanns Sinfonietta
und Brittens Simple Symphony. Und für die Jazz-Musiker – im Anschluss an das
dritte Orchesterkonzert zu hören – ist Bach gleichzusetzen mit Innovation und
Keimzelle aller Musik. In ihm vereinigt
sich Vergangenheit und Zukunft. Er sucht, improvisiert und überwindend
zugleich. Jeder Musiker kann mit Bach etwas anfangen. Unter diesen Perspektiven
steht er im Fokus aller Musiker.
Of: Gibt es neue Aspekte einer Bach-Aktualisierung?
Bomba: Dazu gehört einmal eine starke Spezialisierung, mit
der gerade die jungen Ensembles versuchen, Bach gezielt im Kontext seiner Lebenszeit
einzubetten. Und es wird argumentiert, Bach sei zu seiner Zeit gemessen an anderen
Komponisten sehr unmodern gewesen „Modern“
in diesem Sinne waren Telemann, Händel
u.a. Schließlich gerät auch das Nachleben von Bach zusehends in den Fokus. Wie
hat sich Bach über die Zeit gerettet? Man weiß heute, dass Bach sicher nie
vergessen war. Die Auseinandersetzung mit ihm begann ja erst nach seinem Tod
und ließ bis heute nie nach.
OF: Gibt es musikpraktisch etwas Neues zum Thema Bach?
Bomba: Da könnte man h-Moll Messe ins Gespräch bringen. Es
wurde seit der neuen Bach- Ausgabe von Friedrich Smend aus dem Jahr l956 stets behauptet, bei der h-Moll Messe handele
es sich eine Zusammenfassung separater Stücke. Jetzt fand man viele Argumente, dass die h-Moll Messe doch
ein einheitliches Werk sei. Was im Augenblick in den Fokus rückt, finde ich
sehr spannend: Es nimmt die Zahl derer
ab, die den Genius Bach für unberührbar halten und nicht als praktisch
denkenden Musiker verstehen. Dazu würde ich mich zählen. Es kann gar nicht
sein, dass ein Komponist, weil er spürt, dass sein Leben zu Ende geht,
Vermächtniswerke schreibt, ohne Zweck, ohne Anlass. Das entspricht dem Denken
des 19. Jahrhunderts und der großen Bachbewegung des 20. Jahrhunderts. Doch
denken die jungen Leute anders. Bach hat die h-Moll Messe nicht einfach so
komponiert. Da muss doch ein konkreter Anlass dahinter stecken. Uwe Wolf vom
Leipziger Bach-Archiv wird auf diese Aspekte in der Bach-Sprechstunde eingehen.
Was sich interpretatorisch ändern wird, erläutert Hans-Christoph Rademann, der die Messe am 6.
August in St. Gumbertus dirigieren wird. Ähnliche Aspekte gelten auch für die
„Kunst der Fuge“. Es wird immer argumentiert, die sei ein Vermächtnis, die er
vor sein Lebensende noch vollenden wollte. Da denkt man heute anders und
versucht, wissenschaftlich-kritisch herauszufiltern, was hinter diesen Werken
steckt. Das schmälert die Musik
sicherlich nicht, aber nimmt ein wenig den Heiligenschein von ihr. Im Übrigen
ist das Werk mit dem Lebensabschluss-Choral von Carl Philipp Emanuel Bach in
einer Fassung für Streich-, Blas- und
Tasteninstrumente vom Freiburger BarockConsort in St. Johannis am 30.7 zu
hören.
Of: Aus welchem Blickwinkel nähern sich jüngere
Interpreten den Genius?
Bomba: Alle Protagonisten der
letzten Generation Gardiner, Koopman, Herrweghe dirigieren heute moderne
Sinfonieorchestern, in denen junge Leuten sitzen, die in im Studium gelernt
haben, dass es verschiedene Arten gibt, Musik zu machen, dass Barockmusik mit
Vibrato anders klingt als die romantische Musik.
Of: Nun gab es in den letzten
Bachwochen bemerkenswerte solistische Auftritte von jüngeren Interpreten wie
Martin Stadtfeld, der ja aufregende Akzente setzte. Mittlerweile profilierte er
sich im Konzertsaal und auf CD als ein höchst innovativer, mitunter auch
eigenwilliger, doch viel gelobter Bachspieler. Erleben wir in diesem Jahr einen
neuen Gipfelsturm auf den Genius Bach?
Bomba: Bachwöchner wollen in
erster Linie ihren Bach auf dem Klavier hören. Das hat hier Tradition. Die
lieben große Namen, haben alle großen Interpreten gehört, Pluralität der
Interpretation löst immer wieder Diskussionen aus. Doch wollen die Besucher der
Bachwoche aufgrund ihrer langen Hörtradition auch neue Leute entdecken und
einen Qualitätsmaßstab anlegen. Die merken dann schon, ob sie mit höflichen
Beifall belohnt werden, oder über die Besucher auf den Stühlen stehlen. Wenn ich für die Bachwoche Programme
konzipiere, dann könnte ich unter einer unübersehbaren Zahl von Pianisten aus
der ganzen Welt auswählen. Die sind alle bestens ausgebildet, alles fabelhafte
Profile. Ich denke an Lise de la Salle,
die einen französischen Schwerpunkt setzen wird. Es ist reizvoll zu erfahren
wie junge Leute aus Frankreich ihren Bach interpretieren.
Of: Doch es präsentieren auch zwei
weitere junge Gesichter ihre Visitenkarte.
Bomba: Dass ein Pianist aus der
Region wie David Theodor Schmidt hier in Ansbach spielen muss, ist doch
selbstverständlich. Er widmet sich auch J.S.Bach, pflegt schöne Programmzusammenstellungen,
veröffentlichte bereits beachtenswerte CDs. Schließlich heimste auch der in
Russland geborene Igor Levit viel Lob
ein. Die FAZ zählt er bereits zu den großen Pianisten dieses Jahrhunderts. Ich
habe ihn im vergangenen Jahr beim Sinfonieorchester der hr gehört. Ein richtiger
Überflieger, ein Musiker, dem das ganze Repertoire zur Verfügung steht. Und für
Ansbach legte er sich auf ein “hammerhaftes“ Programm fest. Der ist total nett,
unkompliziert, ein sympathischer Typ.
Of: Nun setzten alle Interpreten der
Reihe „Junge Meister“ auf eine gemischte Dramaturgie
Bomba: Alle kombinieren den
Jahresregenten Franz Liszt mit J.S. Bach. Levit spielt die sechste Partita von
Bach und von David Theodor Schmidt widmet sich dem selten zu hörenden
Variationenwerk „Weinen, Klagen, Sorgen,
Zagen“. So soll sich unserer Zuhörer mit der fünfteiligen Pianisten-Reihe (dazu
zählt noch Evgeni Koroliov und das Klavierduo Yaara Tal & Andreas
Groethuysen) in ein und demselben Raum, nämlich in der Orangerie, ein Bild
machen von den interpretatorischen Qualitäten, die stets durch die gleiche
akustischen Konstellationen und die Wahl des gleichen Instruments geprägt
werden. So ist ein Mix entstanden aus Alt und Jung, aus Bewährt und Unbekannt,
von deutscher und ausländischer Herkunft, und alles an einem Ort zum
Vergleichen erfahrbar Moderne Musik wurde in Ansbach schon immer stiefmütterlich
behandelt.
Of: Wird da etwas ändern?
Bomba: Hans Georg Schäfer, mein
Vorvorgänger, schlug eine Schneise in die damalige gänzlich auf „Bach pur“
ausgerichtete Konzeption. Zuerst wollten die Leute nur Bach hören, das muss man
aus den historischen Gegebenheiten der Nachkriegszeit verstehen. So wie das
Leben pluralistisch geworden ist, so hat man das Publikum allmählich auf ein
mehrschichtiges Programm hingeführt. Es wurden Auftragskompostionen gegeben,
Lotte Thaler hat dies sehr forciert, und wir müssen auf diesem Weg weitergehen.
Diesmal gibt es wieder eine Auftragskomposition, womit wir einen Ansbacher
Künstler beauftragt hatten, Joachim F.W.Schneider, der für Kent Nagano eine
schöne Instrumentierung des Italienischen Konzertes gemacht hat, die in
Montréal uraufgeführt wurde. Mit dem erfahrenen Münchner Kammerorchester mit
Alexander Liebreich am Pult wird das Ansbachische Konzert Nr. 2 im dritten
Orchesterkonzert zur Aufführung gelangen. Diese Serie wird in den kommenden
Jahren fortgesetzt. Da gibt es auch „Bach und….“ – Kopplungen mit klassischen
modernen Kompositionen wie Bela Bartók, Benjamin Britten und Bernd Alois
Zimmermann. Für die Leute hier sind diese modernen „Klassiker“ neue Musik. Doch
im Zentrum jedes Konzertes steht immer J.S.Bach. Es wird auch reine
Bachkonzerte geben. Die Bachwoche bleibt eine Bachwoche. In Ansbach gibt es ein
sehr artikuliertes Publikum. Wer hier herkommt, engagiert sich. Die Leute haben
dezidierte Meinungen, loben, kritisieren das Programm oder die Interpretation.
Das sind sympathische Konstellationen.
Das Gespräch führte Egon Bezold
BACHWOCHEN