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TURANDOT

– 24. März 2008

 Kalaf an der Klagemauer.

„The New Israel Opera“ ist untergebracht in einem mitteleuropäisch anmutendem modernen Gebäudekomplex, gerade 14 Jahre alt, den Vorgängerbau am Strand gab es schon seit 1923(!), hat riesige Ausmaße, auch im Inneren unübersichtliche endlose Foyers und einem Amphitheater ähnlichen Zuschauerraum, vergleichbar mit dem Sitzplatzangebot in Paris, aber viel besseren Sicht- und Hörverhältnissen. In der Oper von Tel Aviv, im Vorgängerbau, haben übrigens Placido Domingo und Gemahlin vor vierundvierzig Jahren ihr Debüt als Opernsänger gegeben.

Was noch vergleichbar erscheint, aber wiederum in dieser Form etwas Besonderes darstellt, ist die ungeheure Theater- und Musikbegeisterung der neuen Hebräer. Vierzehn Vorstellungen am Stück sind im Nu ausverkauft. Das Verschenken einer doppelten Pressekarte meinerseits vor der Aufführung führte zu Tumulten vor den Ticket-Schaltern und ewiger Freundschaft mit einem sehr alten Opernfan, der nach seiner Ansicht nach mit der letzten verfügbaren Karte das große Los gezogen hatte.

Was jedem Ausländer angesichts der Lage im Nahen Osten verständlich erscheint, sind die strengen Sicherheitsvorkehrungen, durch Abtasten der Besucher, Einsatz von Detektoren und Prüfung der Handtaschen. Was sonst auffällt: Sämtliche Beschriftungen, Hinweisschilder, Bezeichnungen im Äußeren und Inneren nur in hebräischer Schrift, so auch die Tickets und die meisten Programme. Allerdings werden die Übertitel für die Standardaufführungen auch in Englisch eingeblendet und die Programmhefte enthalten oft ein bißchen in Englisch verfaßten Text. – Etwas seltsam kam mir die Sucht der Besucher aufs Futtern und Trinken vor. Überall an den Theken, in allen Fluren und Ecken, holte man sich, vor der Aufführung, in den Pausen, große Teller mit vielen Schnittchen, trank Kaffee, Wein und Champagner. Nun stecken in den Israelis vielleicht noch archetypische Erbteile des Darbens, Hungerns und der Verfolgung.

Die spanische Film- und Opernregisseurin Nuria Espert, die mal bei uns in Frankfurt eine sehr avantgardistische, strenge „Elektra“ , mit der Hauptdarstellerin in einem VW-Wrack, in Szene und Bild gesetzt hatte, ist zu ihren filmischen und dekorativen Wurzeln zurückgekehrt und hat dabei die Resultate ihrer entsprechenden Produktion/Koproduktion aus Barcelona sowie Bilbao mitgebracht. Farbig, aufwendig, mit immens großen Felsenbildern, furchterregenden Löwenköpfen und schaurigen Käfigen bestückt wie in einer Franco-Zefferelli-Aufführung in der alten MET, Massenbewegungen von Tataren, Mongolen, Chinesen, Talibanen und Tibetern, aber auch kaiserlichem Personal, wie in Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“, auf der Riesenbühne des Theaters. Die gewaltigen Kathenköpfe mit verzerrten menschlichen Gesichtern, fast schon vierdimensional, wurden oft zur Bühnenrampe vorgeschoben und bleckten dort die Zähne. Die Felswände brachen in den dramatischsten Momenten auseinander, dann erschienen lange Figurenfriese, wie in Indien oder Burma. Im letzten Akt tagte der greise Kaiser auf Felsens Höhe, illuminiert und verklärt wie der liebe Gott auf italienischen Renaissance-Bildern. Zugefügt eine Kostümschlacht, die keine fernöstlichen Dekors ausließ, und ausschweifende Tänze in fernöstlicher Phantasiebekleidung.

Kongruierend die musikalische Seite: Einzelsänger, Ensemble-Solisten, die schier nicht mehr zu überblickenden Chöre, die große Menge an – hochqualifizierten – Musiker im Graben versuchten sich von Anfang an gegenseitig anzuspornen, an Dramatik und Lautstärke zu übertreffen, voller Wucht jedes Thema anzugehen. Die Einlagen der Solisten, die Arien, die Duette, führten diese Linie fort, Ruhe und Entspannung kehrten selten ein. Nun feuerten auch noch die Zuschauer das figürliche, gestische, musikalische und gesangliche „Non-Stop-Geschehen“, allerdings mit zwei Pausen, mehr und mehr an, begeisterten sich besonders an den intensiven anhaltenden großen Tönen, an den Attacken der kräftigen Einzelstimmen und vor allem an den prallen, gewichtigen überwallenden Chorgesängen, die die biblische Schlacht von Jericho assoziierten! Gute, namhafte Sänger werden gern ins Heilige Land geholt, aber meist erst dann, wenn sie ihren Zenit überschritten haben. Hier stört sich niemand am nicht mehr intakten „Timbre“, wenn ein bekannter ehemaliger Star kommt. Robuste, kräftige Kehlen mit langem Atem werden ohnehin bevorzugt. Nun muß man gerechterweise in der „Turandot“ für die Stimmen-Analysen beachten, daß bei dieser Gewalttour jeder Akt beachtliche Kräfte verschleißt und daß jeder Protagonist seine achte, neunte oder elfte Vorstellung hinter sich hat.

So darf man ohne Vorbehalte die respektgebietende Vorstellung von Baysa Dashnyam als Prinzessin Turandot

loben, die nur wenige Male einiges von ihrer höheren Stimmkraft verlor, fast stets saubere klare Töne in allen Lautstärken hervorbrachte und jeder Gefühlsstimmung gerecht wurde. Gestisch wirkte sie mitunter hölzern, mimisch überzeugte sie mit ihren breiten, fast mongolischen Zügen – sie stammt ja auch aus der Mongolei; Bosheit, Kälte standen ihr bestens an.

Praktisch ohne Fehl und Tadel der Kalaf des Nordamerikaners Antonio Nagore, der schon äußerlich beachtliche Bühnenstärke einbrachte. Die prachtvollen Attacken, sofern sie nicht im aufwühlenden Sound untergingen, überzeugten vollends, das selbstbewußte, sichere Singen beglaubigte den Königssohn und den sicheren Kandidaten auf den Rätselsieg. In der großen „Nessun-Dorma-Arie“ traf oder streifte er, fast schon bravourös, alle hohen „C`s“. Die Trauer um Liú wurde durch die weitausholenden Gesten und die weichen, mitleidenden, fast schon schluchzenden Töne dokumentiert – wie die jüdischen Klagen an der Mauer in Jerusalem. Es fehlten natürlich die Brieflein, die man dort in die Steinritzen steckt. Schöner Ausklang dann am Ende im Liebesspiel.

Michal Shamir, Liú, sang ihre leidvolle Rolle innig, konzentriert in sich gekehrt, mit verhaltenen Tönen, die vom vorherrschenden Gesamtton abwichen. Ihr schöner Ausdruck, verbunden mit feinen präzisen Tontupfern, ihre zarten hoffnungslosen Bewegungen rissen das Auditorium zu Beifallsstürmen hin.

Stets synchron auftretend, mit gleichen schulterfreien glitzernden Kostümen, Ping, Pang und Pong. Ein tänzelndes Terzett, das zu Spaß, Ironie und Distanz aufgelegt war. Sehr gleichmäßig im Material und Tonfarbe die prachtvollen Stimmen von Olivier Grand, Felix Livshitz und Yosef Aridan, einer der wenigen Israelis.

Einmalig schön im Klang, in harmonischer ausbalancierter Präzision und in der Expressivität unübertreffbar der Chor der Oper, zu dem drei weitere Ensembles hinzutraten: der Philharmonic Chor von Tel Aviv, der Bat Chor und der Bat Jugendchor. Hier sehen Experten in der hohen Qualität der Stimmen die Fortführung der russischen Gesangstradition; die meisten Juden stammen ja aus Osteuropa, und, man kann hinzufügen, auch die alttestamentarische Überlieferung der Gefangenenchöre seit Nebukadnezar („Nabucco“).

Ganz großartig auch die Verbindung von Opernorchester und „Israelischem Symphony-Orchester“ unter der Gesamtleitung von Omer M. Wellber. Gewaltiger, aufwendiger und ergreifender geht es nicht!                       Ulrich Springsguth

 

 

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