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Styriarte

http://styriarte.com/

Die sommerlichen Musikfestspiele styriarte bestehen seit 1985 und formulieren ihr Konzept so:

„Die styriarte sollte den bahnbrechenden Dirigenten Nikolaus Harnoncourt enger an seine Heimatstadt Graz binden. Harnoncourts künstlerische Erkenntnisse, die ihn zu einem Weltstar gemacht haben, wurden zum Maßstab für die Aufführungen der Festspiele. So ermöglicht die styriarte heute Begegnungen mit verlorengegangen Sichtweisen unseres musikalischen Erbes, und sie spiegelt die heutige Vielfalt an spannenden Zugängen zur alten Musik wider, zur Musik zwischen Mittelalter und Romantik.“

 

 

VALER SABADUS

Ein begnadeter Countertenor!

Graz, Helmut-List-Halle 23. Juli 2015

„Schubertiade-Sommerkonzerte starteten mit einem Triumph für Valer Sabadus“ - das liest man als Überschrift  hier in den Vorarlberger Nachrichten über das Konzert in Hohenems  vom 16.Juli.  Und der Triumph (mit dem identen Programm und mit den identen Zugaben) wiederholte sich nun eine Woche später in Graz beim ausverkauften styriarte-Konzert!

Der 29-jährige aus Rumänien stammende und in Bayern aufgewachsene und ausgebildete Countertenor Valer Sabadus wird vom Veranstalter als „neuer Shooting Star der Countertenor-Szene“ angekündigt. Der schlanke und großgewachsene junge Mann tritt aber so gar nicht als „Star“, sondern eher zurückhaltend auf -  schon beim Auftritts- aber auch beim Schlussbeifall  des Publikums immer geradezu ostentativ  den Dirigenten und das Orchester miteinbeziehend. In Graz ist er - nach seinen umjubelten Auftritten in den Jahren 2013 und 2014 - ein unbestrittener Publikumsliebling. Das letzte Grazer Zeitungsinterview ist auch heute noch informativ und bestätigt den natürlich-bescheidenen Eindruck.

Wenn Valer Sabadus zu singen beginnt, dann wandelt sich der bescheiden auftretende junge Mann plötzlich zum intensiv gestaltenden Virtuosen: er lebt sichtbar bereits in den einleitenden Orchestertakten mit und unterstreicht dann seine Gesangsphrasen immer wieder mit großen Gesten, ohne dass dies je plakativ oder aufgesetzt-künstlich wirkt. Mit seinem Gesang wird er sofort das musikalische Zentrum auf dem Podium - ja, man hat wiederholt den Eindruck, dass er mit seiner stimmlichen und interpretatorischen  Intensität Dirigent und Orchester leitet. Seine warm-timbrierte Stimme führt er stets ideal-ausgeglichen von den Mezzo-und Alttiefen bis in die höchsten Sopranhöhen. Alle Verzierungen und Koloraturen sind klar artikuliert, wirken nie verschwommen - und dazu kommen eine ebenso klar-artikulierte Textbehandlung und eine absolute Intonationsgenauigkeit auch bei großen Intervallsprüngen. Man hört gebannt zu und wünscht sich, diesem begnadeten jungen Countertenor nicht nur mit Opernarien auf dem Konzertpodium zu begegnen, sondern ihn auch auf der Opernbühne zu erleben. Und dazu gibt es genügend Gelegenheit, wenn man sich seinen Terminkalender auf operabase ansieht! Für österreichische Barockopernfreunde sei speziell auf die Monteverdische Incoronazione im Oktober im Theater an der Wien hingewiesen, wo Valer Sabadus den Nerone verkörpern wird. Hier finden Sie dazu alle Informationen.

 

Für Valer Sabadus ist seit langem der Dirigent Michael Hofstetter   ein erprobter Partner. Mit ihm hatte er schon 2012 in München die CD Hasse-Reloaded aufgenommen. Diese Partnerschaft hat sich vertieft, seit Michael Hofstetter im Jahr 2012 Chefdirigent von recreation wurde. Im Programmheft liest man zu dieser Partnerschaft:  „Gemeinsam mit recreationBAROCK und unter Michael Hofstetter feierte Valer Sabadus im März 2013 einen Riesenerfolg in Versailles und Lyon. Im Dezember darauf wurden seine beiden Mozart-Abende im recreations-Zyklus im Stefaniensaal enthusiastisch bejubelt. Im Mai 2014 kam er für Glucks „Orfeo“ mit recreationBAROCK und Michael Hofstetter abermals nach Graz und soeben kam man aus Hohenems von zwei gefeierten Gastspielen bei der Schubertiade zurück.“  

Die Vertrautheit zwischen Solist, Dirigent und Ensemble ist ein wesentliches Fundament für ein gleichzeitig konzentriertes, aber auch entspannt-freilassendes Musizieren. Hofstetter erarbeitete mit dem Orchester recreationBAROCK   viele schöne Details. Allerdings hatte das bei den Streichern sehr klein besetzte Ensemble (3 Vl.1, 3 Vl.2, 2 Vla, 1 Vcl, 1Kb) einige Schwierigkeiten, sich in der großen List-Halle entsprechend durchzusetzen - zum Unterschied zum Countertenor, der den großen Raum mühelos füllte. Da fehlte einem im Orchester ganz einfach nicht nur das Volumen, sondern auch der nötige Streicherglanz. Dazu kommt, dass durch die liebevolle Detail-Arbeit für mich oft der große Bogen ein wenig verloren geht. Diesen das Ganze zusammenhaltenden Bogen vermisste ich z.B. in der A-Dur-Sinfonie des 15-jährigen Mozart speziell im elegischen Charme des Andante, aber auch im a-moll-Trio des 3.Satzes. Sehr schön klangen im Ensemble die Traversflöten. Aber auf all diese kleinen Einwände vergaß man sofort, wenn dDer Solist das Podium betrat und die Fäden zusammenhielt, ja geradezu an sich zog.

Bei Valer Sabadus gingen nie die Details der einzelnen Phrasen unter - dennoch gelang es ihm, den großen Zusammenhang zu wahren und stets eine spannende und lebensvolle Figur zu präsentieren. Und das waren ja ganz unterschiedliche Charaktere, die er an diesem Abend zu verkörpern hatte: das reichte vom lyrischen Ramiro in Mozarts „La finta giardiniera“ über den schlichten Rinaldo aus „Armida“ des Mozart-Zeitgenossen und -Freundes Josef Myslivecek bis zum virtuos-attackierenden Cecilio in Mozarts „Lucio Silla“. Nach der Pause eröffnete man mit Mozarts Canzonetta „Ridente la calma“ - etwas wackelig von Cembalo und Violoncello begleitet (vielleicht durch die Aufstellung bedingt), aber kunstvoll ausgeziert. Reizvoll war der Vergleich mit Mysliveceks zuvor erklungener Arie, die Mozart für seine Canzonetta übernommen hatte. Dann folgte eindrucksvoll die große Szene des Sesto aus Mozarts „La Clemenza di Tito“. Den Abschluss bildeten dann zwei Bravour-Szenen aus „Il Cid“ von Antonio Saccchini (1730 - 1786). Das Publikum jubelte - und es gab zwei Zugaben:

Zuerst Mozarts „Voi che sapete“ in der ausgezierten Fassung von Domenico Corri (kann auch mit Magdalena Kožená hier nachgehört werden) und dann nochmals »Se l’augellin sen fugge« aus  »La Finta Giardiniera«

Es war ein großer Abend mit einem herausragenden Countertenor!

Hermann Becke, 24.7.2015

Fotos: styriarte, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Website Valer Sabadus

-         CD: Die Styriarte hat den Live-Mitschnitt des Grazer Konzertes vom Dezember 2013 herausgebracht. Darauf sind vier Mozart-Arien zu hören, die man auch in diesem Styriarte-Konzert erlebte.

 

 

 

MISSA SOLEMNIS

Mit Harnoncourt ein zu Herzen gehendes Elementarereignis!

Stephaniensaal am 5. Juli 2015

Der im 86.Lebensjahr stehende Maestro Nikolaus Harnoncourt ist die zentrale Figur der Styriarte. Wegen einer Erkrankung musste er das Dvorak-Konzert zurücklegen, aber die drei Konzerte mit der Missa Solemnis von Ludwig van Beethoven konnte er in Graz intensiv proben und dirigieren. Er bescherte damit allen Ausführenden und dem Publikum ein wahrhaft überwältigendes Erlebnis und verwirklichte in idealer Form jenen Wunsch, den Beethoven selbst in die Partitur über den Anfang des Kyrie geschrieben hatte: „Von Herzen - möge es wieder - zu Herzen gehen.“

Es gibt Aufnahmen dieses gewaltigen Werkes mit Harnoncourt - eine mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam und eine weitere mit dem Chamber Orchestra of Europe. Diesmal konnten wir aber erstmals eine Aufführung mit alten Instrumenten erleben. Dadurch bekommt „die gesamte musikalische Rhetorik ein vollkommen neues Gewicht“. Nikolaus Harnoncourt hat das Werk mit jenen beiden Ensembles erarbeitet, die ihm seit Jahrzehnten am nächsten stehen: mit dem von ihm selbst vor über 60 Jahren gegründeten Concentus Musicus Wien (am ersten Pult mit Konzertmeister Erich Höbarth und Ehefrau Alice Harnoncourt) und mit dem Arnold Schoenberg-Chor Wien (Leitung: Erwin Ortner), mit dem Harnoncourt auch schon über 30 Jahre zusammenarbeitet. Dazu kam ein ausgewogenes und stilsicheres Solistenquartett: Laura Aikin (Sopran), Bernarda Fink (Alt), Johannes Chum (Tenor) und Ruben Drole (Bass)

Bevor die Aufführung begann, wurde ein Film über die aktuelle Probephase gezeigt und man bekam einen kleinen Eindruck, wie intensiv Nikolaus Harnoncourt mit Orchester, Chor und Solisten an einem Werk gearbeitet hatte, das für Instrumentalisten und Sänger an die Grenzen des Möglichen geht. Wenn Harnoncourt am Dirigentenpult steht, dann geht es immer und in jedem Takt um diese Grenze - oder wie er sagt: „das, was Schwierigkeiten macht, was Mühe erfordert, um es zu realisieren, ist ein Teil des Werkes.“

Als Berichterstatter war man von der Intensität des Werkes und der Interpretation so gepackt, dass man gar nicht weiß, welche Details und Qualitäten man hervorheben soll - ob es das ungemein farben- und kontrastreiche Orchesterspiel mit Streicherglanz und warmen Bläsertönen ist oder beispielsweise das entrückte Duo Violine/Flöte und das geradezu himmlische „Dolce e cantabile“ der Solovioline im Benedictus oder der ganz trocken-spannungsvolle Paukeneinsatz im Agnus - überzeugender kann man den Orchesterpart wohl nicht spielen. Der Concentus hat einen Standard erreicht, der für alle Ensembles, die sich auf alten Instrumenten versuchen, Vorbild und Maßstab sein muss!

Nicht hoch genug kann man auch die Leistung des Chors loben - die strahlenden obertonreichen Damenstimmen ebenso wie die klar artikulierenden Männerstimmen - bedrückend-stechend wurde etwa im Credo das „crucifixus“ geradezu „angenagelt“, um nur ein Detail herauszugreifen. Wunderbar war zum Beispiel auch eine scheinbare Kleinigkeit: der Chor sang im Benedictus seinen Part im Sitzen. So blieben das Geigensolo und die Gesangssolisten - akustisch und auch optisch - im Vordergrund. Auch für den Chor gilt das für das Orchester Gesagte: vorbildlich und maßstabsetzend!

Und das Solistenquartett ergänzte souverän, uneitel und ohne Pose: Sopran und Tenor führten mit hellen und klaren Tönen, Alt und Bass gaben das warm-timbrierte Fundament - alle vier Stimmen stets in ausgewogener Balance.

Dieses Wunderwerk an Geschlossenheit, Intensität und interpretatorischer Tiefe, das an diesem Abend Orchester, Chor und Solisten zustande gebracht haben, ist der immensen Kenntnis sowie Begeisterungs- und Motivationsfähigkeit von Nikolaus Harnoncourt zu danken - es war wahrhaft eine Sternstunde, die wir erleben durften!

Zwischen den einzelnen Messteilen herrschte im vollbesetzten Saal geradezu atemloses Innehalten und Schweigen - am Ende gab es standing ovations für alle.

Hermann Becke, 6.7.2015

Probenfotos: Styriarte, Werner Kmetitsch

Inzwischen findet man übrigens den gesamten Konzertmitschnitt bereits auf youtube

 

PS:

Einziger (kleiner) Wermutstropfen:

Dass die Missa Solemnis via „Klangwolke“ des Rundfunks flächendeckend in der Steiermark im öffentlichen Raum ausgestrahlt und in den sommerlichen Gastgärten bei einem kühlen Getränk „konsumiert“ werden konnte, geht mir persönlich gerade bei diesem Werk zu weit und ist zu viel der „medialen Ausschlachtung“ eines bedeutenden musikalischen Ereignisses.

Die Übertragung in 3SAT und ORF3 hätte durchaus gereicht! Zusätzlich kann man die Aufführung am 19.Juli im Rundfunk in OE1 nachhören. Und dann kommt ja auch noch die Wiederholung im Rahmen der „Ouverture spirituelle“ bei den Salzburger Festspielen am 22.Juli 2015 (da dann mit Elisabeth Kulman statt Bernarda Fink - sonst ist die gesamte Besetzung ident)

 

 

 

DER BARBIER VON SEVILLA

Zwiespältige Reminiszenz an die deutsche Erstaufführung

Premiere, 3. Juli 2015, Listhalle Graz

Die Grazer Listhalle ist kein Opernhaus - die diesjährige Opernproduktion der Styriarte  wird daher von Regisseur Peter Boysen ausdrücklich als „szenisches Arrangement“ bezeichnet. In einem Interview erklärte er, wie die fünf kleinen Guckkastenbühnen, die er auf dem Konzertpodium aufbauen ließ, zu verstehen sind: die fünf Hauptpersonen sollen darin „einen eigenen Raum“, „sozusagen ihr Nest“ haben. Aber bevor ich auf dieses „szenische Arrangement“ näher eingehe, einige Worte zur Fassung, die man gewählt hatte:

Man entschied sich für jene Fassung, die in der Übersetzung des Grazers Ignaz Kollmann  die erste deutschsprachige Aufführung des Rossini-Werks  in Graz im Jahre 1819 erlebte. Graz war damals ein Zentrum der Rossini-Begeisterung. Immerhin brachte es der deutsche Barbier in Graz auf insgesamt 21 Aufführungen! Dieser Ignaz Kollmann ist eine kulturhistorisch durchaus  interessante Persönlichkeit - es lohnt sich, sich hier näher über ihn zu informieren. Seine Übersetzung wurde bis ins 20.Jahrhundert praktisch an allen deutschsprachigen Bühnen verwendet. Nach dem Barbier gab es damals in Graz noch vier weitere Opern Rossinis, darunter die Cenerentola und den „Türken in Italien“. Übrigens war der Rossinische Figaro 1826 die Antrittsrolle von Johann Nestroy, der in seinem ersten Grazer Jahr 63 Opernrollen und 49 Sprechrollen verkörperte - unvorstellbar! Wer sich näher für die Graz-Bezüge interessiert, dem sei die Lektüre von Styriartes Festivalmagazin (Seiten 12- 15) empfohlen.

Ob dieser lokalhistorische Bezug allerdings ausreicht, um heute - nach jahrzehntelanger Erfahrung des Opernpublikums mit dem italienischen Original auf der Bühne und in den Audio-und Videomedien - eine  Aufführung in deutscher Sprache zu rechtfertigen, das scheint mir mehr als zweifelhaft.

Allen Solisten ist jedenfalls größtes  Bemühen um Textdeutlichkeit zu attestieren - dennoch: die Beliebtheit der Rossini-Buffa beruht seit bald 200 Jahren nicht auf dem Text, sondern auf  den köstlichen Gesangsnummern - der musikalisch geradezu elektrisierende Auftritt des Figaro und die Kavatine der Rosina bestechen durch ihre sprühende Lebendigkeit und durch ihre virtuosen Gesangsanforderungen. Rossinis untrüglicher Sinn für Humor etwa in Basilios Verleumdungsarie oder in Bartolos großer Szene vermittelt sich unmittelbar aus der Musik und ihren grandiosen Steigerungen. Und diese Effekte eines in Achteln und Sechzehnteln dahinplappernden Rossini-Brios sind einfach im italienischen Originaltext besser und überzeugender zu gestalten als in der konsonantenreichen deutschen Sprache. Auf diese Schwierigkeit haben die Sänger im Video aus der Probenphase überzeugend hingewiesen. Und zu guter Letzt: trotz großen Bemühens blieb die Textverständlichkeit gering. Mein Résumé zur Frage Originalsprache versus Landessprache: der Arbeitsaufwand hat sich nicht gelohnt- ich habe den gerade bei Rossini unverzichtbaren italienischen Sprach-und Musikduktus schmerzlich vermisst. So  bleibt diese Fassung für mich das, was die Verantwortlichen der Produktion eigentlich laut Programmheft vermeiden wollten: „ein Museumsstück“!

Dazu kommt, dass das „szenische Arrangement“ wenig überzeugend war. Es ist einfach keine Theater-Atmosphäre aufgekommen - es war weder die angekündigte gesellschaftskritische Ehegeschichte noch eine mitreissende Komödie. Die gesprochenen Dialoge wurden ungebührlich zerdehnt und ohne Charme „modernisiert“. Vor allem die Figur der Rosina hatte darunter zu leiden. Die von allen Männern umschwärmte „amabile Rosina“ wurde zu einem unvorteilhaft kostümierten, ruppig-uncharmanten Kunstwesen, das letztlich während der Gewittermusik das Hausinventar zertrümmern und einen geradezu Lucia-ähnlichen Wahnsinnsanfall mimen muss. Mit Recht meinte ein Besucher: „Warum muss die Rosina eine andere Figur spielen, als man in der Musik hört?“

Hingegen hatte die zu einer zentralen Figur aufgewertete Figur der  Haushälterin Marzelline (in manchen Fassungen und auch in der gedruckten Fassung der Kollmann-Übersetzung auch Bertha genannt ) genügend Charme zu zeigen - sie stellte noch vor der Ouvertüre die handelnden Personen vor und ist dann aus unerfindlichen Gründen praktisch das ganze Stück hindurch auf der Bühne. Diese Mezzo- bzw. Spielalt-Rolle ist in dieser Produktion mit dem Sopran Bibiana Nwobilo besetzt, die ihre einzige Arie und die Ensemble-Passagen mit Anstand bewältigt. Noch ein Detail des szenischen Arrangements, das ich geradezu störend empfand: als „Hintergrundmusik“ war während der gesprochenen Dialoge unentwegt (leise und gleichsam als Muzak-Kaufhaus-Sound) der allegro con brio-Auftakt aus der Ouvertüre zu hören. Zuerst dachte ich an eine Panne, etwa an eine ungewollte Rückkoppelung der Tonanlage, bis ich die Absicht (nicht aber den Sinn dahinter) erkannte. Und wenn man laut Programmheft mit dieser Produktion in Anspruch nehmen will, auf „ein ganzes Arsenal von Geschmacklosigkeiten, die sich von Generation zu Generation fortgepflanzt haben“ verzichten und „die grobsten Buffa-Klischees ausmerzen“ zu wollen, dann weiß ich nicht, ob die neu eingeführten Scherze geistvoller sind - etwa der Auftritt des als Soldat verkleideten Grafen im Wiener Dialekt oder die Ersetzung von Rosinas Einlagearie durch Adeles „Spiel ich die Unschuld vom Lande“ aus der Fledermaus oder wenn Bartolo bei „Aug und Ohr“ demonstrativ verkehrt auf seine Sinnesorgane weist oder der schon erwähnte Wahnsinnsanfall der Rosina oder, oder, oder…… Ich fand das „szenische Arrangement“ weder lustig noch vermochte ich die angekündigte „scharf geschliffene Gesellschaftskomödie“ zu erkennen.

Gott sei Dank gibt es Erfreuliches über das junge Solistenteam zu berichten. Da war einmal die Rosina von Marie Friederike Schöder , die mit blitzsauberem Koloratursopran stimmlich überzeugte und die Ensembles strahlend anführte - da verzeiht mir ihr auch die kleine Panne im finalen Quartett. Der kroatische Bariton Miljenko Turk hat nach seinem Studium in Graz eine schöne internationale Karriere gemacht - er war ein wendig-durchtriebener Figaro mit schlanker, aber stets präsenter  und gut geführter Stimme. Man kennt ihn schon aus seinen Auftritten in der Wiener Volksoper. Die Stimme des Almaviva Daniel Johannsen, der aus dem Oratorienfach kommt, ist für die Opernbühne wohl allzu schlank - italienische Belcanto-Spezialisten würden wohl sagen: „senza appoggio“. Ihm gelang die erste Arie „Sieh, schon die Morgenröte“ mit schönen Piani und sauberen Koloraturen ausgezeichnet. In den großen Ensembles ging er allerdings unter und es war klug, ihm die große Arie im letzten Akt zu ersparen. An den legendären Fritz Wunderlich durfte man natürlich nicht denken. Die deutsch gesungene Barbier-Live-Aufnahme (mit Erika Köth, Hermann Prey und Hans Hotter) aus dem Jahre 1959 ist heute noch erhältlich - zu Recht weist die Styriarte- Homepage auf sie hin. Hier  kann man nachhören, wie Fritz Wunderlich die Auftrittskavatine mit einem strahlenden C krönt.

Josef Wagner war ein solider, wenn auch ein wenig profilarmer Basilio mit schön timbrierter, zum Bariton tendierender Stimme und Stefan Sevenich gab einen saftig-deftigen Bartolo, den man bedauerte, dass er sich im Allegro vivace-Schlussteil seiner Arie mit dem deutschen Text abmühen musste - dies umso mehr, als man hier (in La Cenerentola) nachhören kann, wie gut Sevenich Rossini auf Italienisch singen kann. Ludwig Mittelhammer war ein sicherer Fiorillo und es bewährten sich die Herren des  KUG-Konzertchors mit dem stimmkräftigen Martin Summer als Offizier an der Spitze. Das styriarte- Festspielorchester unter seinem Chefdirigenten Michael Hofstetter bemühte sich um ein authentisches Klangbild des 19.Jahrhunderts. Die Streicher spielten auf Darmsaiten - das Blech verwendete Naturinstrumente. Da gelangen viele schöne klangliche Details - vor allem bei den Holzbläsern (die auf modernen Instrumenten spielten). Allerdings verlor sich meiner Meinung nach der Dirigent allzu oft in - liebevoll ausgedeutete - Details und unterbrach damit den bei Rossini so wichtigen stringenten und stets vorwärtsdrängenden Zug. Und bei den großen Ensembles dominierte so manches Mal das Orchester über die schlanken Stimmen der Solisten.

Das Premierenpublikum hat die Produktion sehr freundlich und mit viel Beifall aufgenommen.

Hermann Becke, 5.7.2015

Fotos: Styriarte, Werner Kmetitsch

 

Ein anregendes Video (rund vier Minuten), mit dem man einen guten Eindruck der Produktion bekommt, findet sich hier

 

 

 

Scherzi musicali

Monteverdis erotische Scherze

30. Juni 2015, Orpheum

Das überaus reichhaltige Programm der Styriarte wird in diesem Jahr an insgesamt 13 verschiedenen Veranstaltungsorten in und um Graz geboten. Das erste Konzert, über das für den „Opernfreund“ heute berichtet wird, fand im Grazer Orpheum statt - schon vom Namen her also durchaus passend zu Monteverdi. Das Orpheum mit seinen rund 600 Plätzen im Hauptsaal gehört zu den Spielstätten der Bühnen Graz-Steiermark und hat eine bewegte Geschichte hinter sich: Zu Lebzeiten Monteverdis war hier noch ein Pestfriedhof, der dann erst von Kaiser Franz Josef aufgelassen wurde. Auf dem Gelände wurden danach ein Gasthaus, ein Brauhaus ein Badehaus, eine Bierhalle und letztlich im Jahre 1899 ein Varieté-Theater errichtet. Der Name dürfte einer amerikanischen Varieté-Kette nachgebildet  sein, die  in jeder größeren Stadt ein Orpheum -Theater hatte. (Die Marx- Brothers reisten auf ihren Touren von Orpheum zu Orpheum). Heute ist das Grazer Orpheum eigentlich eine Spielstätte für Rock, Pop, Jazz und Kabarett - Und wie passt Monteverdi in dieses Haus??

Wenn man an sich die wechselhafte Vorgeschichte des Veranstaltungsortes - vom Pestfriedhof zum Varieté-Theater - vor Augen hält, dann überrascht  die Ankündigung der schon vor sechs Jahren erschienenen CD (mit einigen Stücken des Grazer Programms) des virtuosen italienischen Ensembles „La Venexiana  - dort heißt es nämlich: „Die Republik Venedig wurde zwischen Sommer 1630 und Herbst 1631 von einer Pestepidemie heimgesucht, was u. a. auch verheerende Folgen für die venezianische Wirtschaft hatte. Monteverdis 1632 veröffentlichte Scherzi musicali lassen sich in diesem Zusammenhang zum einen als Versuch ansehen, dem Bedürfnis der Bürger nach Zerstreuung nachzukommen, zum anderen auch den venezianischen Musikverlegern zu helfen. Zwar haben wir, Gott sei Dank keine Pestepidemie hinter uns, doch hat unsere Wirtschaft schon rosigere Zeiten gesehen. Da kommt die heiter unterhaltsame Musik Monteverdis gerade recht.“

Das passt wahrlich geradezu frappierend  - nicht nur zum Veranstaltungsort, sondern  auch zur aktuellen europäischen Wirtschaftslage……

So wie vor bald 400 Jahren in Venedig haben sich nun auch in Graz „die Bürger“ köstlich unterhalten. Die Musik Monteverdis, ergänzt durch Stücke seiner Zeitgenossen Biagio Marini und Tarquinio Merula, ist von einer zeitlosen Frische - und gar, wenn sie derart viruos und animiert-lebensfroh präsentiert wird, wie an diesem Abend von den elf Musikerinnen und Musikern des zu Recht renommierten Ensembles „La venexiana“. Das weltweit konzertierende Ensemble brachte nach Graz ein Programm mit, das 2015 schon wiederholt in Frankreich,  in Japan und in England erklungen war. Es begann mit heiteren Gesängen voll der erotischen Metaphern aus Flora und Fauna und wandte sich dann „diversen ‚Spielarten‘ der Liebe zu: Küssen und Beißen, Alte und Junge, Liebespfeile und Liebeskrieger - alles ausgedrückt in herrlicher Musik von Claudio Monteverdi und seinen Zeitgenossen.“  Wie immer bei der Styriarte ist das Programmheft sorgfältig redigiert - man kann darin alle Texte auf Italienisch und auf Deutsch nachlesen.

Claudio Cavina leitete das von ihm 1998 gegründete Ensemble diskret, aber mit straffen Gesten vom Cembalo aus und ist den vier Gesangssolisten ein aufmerksamer Begleiter. Da gibt es nie ein Nachlassen der Spannung, wohl aber eine immer federnd-rhythmische Basis bei gleichzeitig flexibler Anpassung an den Fluss der Sprache - ganz im Sinne von Monteverdis Wahlspruch „L’orazione sia padrone del armonia e non serva“  - das Wort sei Gebieterin der Musik und nicht ihre Slavin. Alle vier Gesangssolisten beherrschen ihr Metier perfekt und artikulieren ungemein plastisch. Man kann somit verschmerzen, dass man wegen mangelnder Saalbeleuchtung die Texte im Programmheft nicht mitverfolgen kann.

Die Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli ist der umschwärmte weibliche Mittelpunkt des Abends. Sie singt stilgerecht ohne Vibrato, mit vielfältigen Klangfarben und mit sicheren Koloraturen. Besonders köstlich und drastisch ist ihr Duett „Bel Pastor“ mit dem ebenso ausdrucksreichen Tenor Alessio Tosi . Bei diesem Duett wird das Konzertpodium tatsächlich zur Bühne - umso mehr als die beiden anderen (pausierenden) Solisten den Tenor mit lebhaftem Mienenspiel  und drastischen Gesten in seinem Liebeswerben aneifern und ermuntern.

Der Tenor Alberto Allegrezza liefert mit der (auswendig vorgetragenen) Arnalta-Szene aus „Incoronazione di Poppea“ ebenso ein Kabinettstück drastischen Musiktheaters wie die drei Herren gemeinsam im Madrigal „Eccomi pronta ai baci!“ , in dem eine junge Frau ihren Liebhaber auffordert, sie zu küssen, aber ja nicht zu beißen. Ironischerweise hat Monteverdi das Madrigal mit drei Männerstimmen besetzt und so gesellte sich zu den beiden Tenören der Bariton Mauro Borgioni . Auch er überzeugte mit plastischer Textgestaltung und verstand es, alle Ensembles mit warmer Stimmfarbe zu unterlegen. Für das Schlussstück hatte man jene Szene aus „Il ritorno d’Ulisse in patria“ gewählt, in dem die drei Herren als Freier Penelopes sich vergeblich mühten, den - ihnen vom Dirigenten gereichten - Bogen (des Odysseus zu) spannen. Auch dies wurde musikalisch, aber auch mit Gesten drastisch und überzeugend präsentiert.

Am Ende gab es großen und verdienten Jubel für einen ungemein anregenden Abend italienischer Madrigal- und Musiktheaterkunst. So wünscht man sich heute die Wiedergabe „alter“ Musik: plastisch, abwechslungsreich, geradezu swingend - einfach perfekt.

Hermann Becke, 1.7.2015

 

P.S Veranstaltungsfotos

Da der Veranstalter keine Fotos anbieten konnte, müssen wir uns diesmal mit Amateurfotos begnügen, um ein wenig die Atmosphäre des Abends zu vermitteln

 

Drei Hinweise:

-         Die Styriarte steht im Jahre 2015 und dem Generalmotto „….und lachte“ - und wurde wenige Tage nach dem Amoklauf in Graz mit Toten und Verletzten und just an dem Tag der Terroranschläge in Frankreich, Tunesien eröffnet. Intendant und Dramaturg begründen in einem Video eindrucksvoll, warum trotz - oder vielmehr gerade wegen -  dieser furchtbaren Ereignisse die befreiende Kraft der Kunst unverzichtbar ist.

-         Das Konzert wurde vom Österreichischen Rundfunk aufgezeichnet und kann ab 6.Juli sieben Tage lang nachgehört werden - hier der link

-         Die Styriarte bietet in Zusammenarbeit mit einer Grazer Tageszeitung heuer eine Kritiker-Schule : „Orientiert an den legendären Kritikerseminaren des Wolf-Eberhard von Lewinski laden wir junge Menschen ein, sich in diesem Fach umzutun.“  Die „Scherzi musicali“ waren eines der beiden Projekte, die „mit Vorbereitung, Konzertbesuch, Rezension und Diskussion der Ergebnisse, teilweise gemeinsam mit den betroffenen Künstlern“ für die Kritiker-Schule zur Verfügung standen. Man darf gespannt auf die Ergebnisse sein, die wohl hier demnächst nachzuverfolgen sein werden.

 

 

 

 

 

 

 

 

GUSTAV MAHLER.SOAP

16. Juli 2014  Styriarte, Helmut-List-Halle Graz

Zeitgemäße Musikvermittlung auf höchstem Niveau!

Innerhalb des vielfältigen styriarte-Programms gibt es seit 2012 einen eigene Programmschiene: die „SOAPS“. Intendant Mathis Huber sagte darüber einmal, die SOAPS sollen „das zweite Standbein neben Nikolaus Harnoncourt" bilden. Der Mix aus Musik, Texten und aus den auf eine Leinwand übertragenen Details sei ein "neues Konzerterlebnis, wobei das Ganze mehr ist als die Summe der einzelnen Elemente.“ Im Jahre 2014 waren die vier SOAP-Abende Franz Schubert, Joseph Haydn, Ludwig van Beethoven und zuletzt Gustav Mahler gewidmet. Und diese Programmschiene ist tatsächlich beim Publikum sehr beliebt. Die List-Halle mit ihren rund 1200 Plätzen war an diesem Abend praktisch ausverkauft. Durch geschickte Programmzusammenstellung, den Medieneinsatz und die Moderation gelingt es, in dieser nüchtern-großen Konzerthalle kammermusikalische Intimität zu schaffen und dem Publikum die Persönlichkeit Mahlers eindrucksvoll nahe zu bringen.

Ein seit Jahren bekanntes und beliebtes Mahler-Programm (mit Liedern von Rückert, aus „Des Knaben Wunderhorn“ und „eines fahrenden Gesellen“), das Elisabeth Kulman mit Amarcord Wien auf CD aufgenommen hat, wurde von der Dramaturgie mit Lesungen, einem kurzen Video-Film und Originalaufnahmen von Gustav Mahlers Klavierspiel ergänzt und so mit Erfolg zu dem von Intendant Huber intendierten „neuen Konzerterlebnis“ zusammengefügt. Dabei galt es diesmal ganz kurzfristig in einem zentralen Punkte umzudisponieren. Eine Woche vorher las man nämlich auf der Facebook-Seite von Elisabeth Kulman:

„Aufgrund eines Erschöpfungszustandes, hervorgerufen durch langfristige, mehrfache Dauerbelastung, kann die Künstlerin leider in den nächsten Wochen ihren Konzertverpflichtungen nicht nachkommen. Gemeinsam mit ihren Ärzten und ihrem Management hat sie sich schweren Herzens und mit großem Bedauern für die Veranstalter und Fans zur Absage durchgerungen. Mit ihrem Engagement als leidenschaftliche Sängerin und "Revolutionärin" war ein Belastbarkeitslimit erreicht, das diesen bereits länger hinausgezögerten Schritt nun leider unumgänglich machte.“

Nun weiß man, dass die hochartifizielle und am Höhepunkt ihrer Interpretationskunst stehende Elisabeth Kulman eigentlich nicht zu ersetzen ist. Aber der styriarte ist es zu danken, dass dennoch eine großartige, ja gleichrangige Lösung gefunden werden konnte. Iris Vermillion , in Graz zuletzt als drastische Klytaimnetra und großartige Küsterin in Jenufa umjubelt, sprang ein und erzielte einen uneingeschränkten und verdienten Publikumserfolg.

Wenn die reife Künstlerin Vermillion barfuß (wohl gleichsam direkt mit der Erde verbunden) im langen schwarzen Rock und in einfacher weißer Bluse völlig uneitel, durch das schlichte Auftreten das Podium beherrschend, zwischen den Musikern des hervorragenden Amarcord-Ensembles steht und ihre warme, dunkle Stimme mit perfektem Registerausgleich strömen lässt, dann herrscht atemlose Spannung im Publikum. Und es ist natürlich reizvoll, nun im Rückblick auf den gestrigen Abend Kulmans Interpretation auf dem verfügbaren Video der CD-Aufnahme aus dem Jahre 2009 zu verfolgen. Da erlebt man die jugendliche, eher helle, vorwärtsdrängende und besonders textorientierte Interpretation der zum Zeitpunkt der Aufnahme 35-jährigen Kulman – und man ist begeistert. Und daneben steht für mich völlig gleichberechtigt die melancholisch-gefasste, ganz anders geartete, primär vom Stimmwohlklang ausgehende Interpretation der 54-jährigen Vermillion. Gerade dieser Vergleich zeigt, dass es bei großen Meisterwerken unterschiedliche Zugänge gibt, ja geben muss. Die erfahrene Mahlerinterpretin Vermillion hat mich an diesem Abend restlos überzeugt. Bewundernswert, wie sie ihre große dramatische Stimme ideal in das schlanke Klangbild des Kammermusikensembles einfügt. Bewundernswert sind auch die vier Musiker von Amarcord : der Geiger Sebastian Gürtler (von ihm stammen zwei Arrangements) besticht durch Klarheit, das Akkordeon von Tommaso Huber gibt dem Ensemble Bodenständigkeit, der Cellist Michael Williams steuert warme Kantilenen bei und der Kontrabassist Gerhard Muthspiel ist das rhythmische Zentrum. Von ihm stammen auch praktisch alle Arrangements, die sich in ihrer kammermusikalischen Präzision optimal mit der Gesangstimme verbinden. Lediglich bei der Version des Adagiettos aus der 5.Sinfonie vermisste ich den üppigen Streicherklang, so schön auch Gürtler die solistische Violinstimme spielte.

Die Meisterschaft des Ensembles und der Iris Vermillion zeigte sich nicht zuletzt auch darin, dass man als Zuhörer das Gefühl vermittelt bekam, die Stücke seien gerade für diese fünf Musikerpersönlichkeiten geschrieben. Sie musizieren mit solcher Selbstverständlichkeit miteinander, als würden sie dies bereits seit Jahren tun. Elisabeth Kulman hat dem Grazer Publikum sehr gefehlt – aber es war so, wie es der moderierende Dramaturg Thomas Höft sagte: Kulmans Absage war ein großer Verlust – Vermillions Einspringen ein großer Gewinn!

Eine besonders reizvolle Gegenüberstellung erlaubte die Präsentation des Klavierautomaten, des „Welte-Mignon-Reproduktionsklaviers“. Ein Mitarbeiter des Technischen Museums Wien erklärte dem staunenden Publikum die Funktionsweise dieses Geräts. An diesem Abend hörten wir Aufnahmen, die Gustav Mahler im Jahre 1905 eingespielt hatte Mit dem Automaten war es möglich, das einmal aufgenommene Spiel des Pianisten Gustav Mahler  inklusive der Anschlagsdynamik weitestgehend originalgetreu wiederzugeben, indem man den Welte-Automaten wiederum einem Klavier vorsetzte und durch Abspielen der Lochstreifen das konservierte Spiel wieder ins Leben rief. Das Klavier, dem der Automat vorgesetzt wurde und das also Gustav Mahler mittels Lochstreifen an diesem Abend von neuem bespielte, ist ein historischer Bösendorfer-Flügel aus dem Jahr 1908 aus dem  Besitz der Grazer Klavierfirma Streif. Mahler spielte seine Lieder in für uns ungewohnt hastig-raschem Tempo mit vielen rubati – einfach so „rastlos“, wie er von seiner Frau Alma beschrieben wurde.

Wie sich die extreme schöpferische Anspannung Mahlers immer wieder in grotesker Weise an der banalen Wirklichkeit aufrieb, das haben die Frauen an seiner Seite beschrieben: zunächst die Bratschistin Nathalie Bauer-Lechner, Zeugin seiner frühen Jahre am Attersee und der ersten Sommer am Wörthersee, bis sie von Alma Schindler abgelöst wurde, die Ende 1901 in Mahlers Leben trat und die Mahler 1902 heiratete. Texte dieser beiden Frauen las Eva Herzig.

Herzig hatte als als blutjunge Schauspielstudentin an der Grazer Musikhochschule den Sprung ans Wiener Burgtheater geschafft und dort mit 22 Jahren die Julia in Shakespeare „Romeo und Julia“ gespielt. Im Alter von fünfundzwanzig Jahren entschied sie sich zur Kündigung am Burgtheater, um nach Berlin zu gehen und fortan als freie Schauspielerin zu arbeiten. Es folgten Gastengagements unter anderem ans Schauspiel Bonn, an das Schauspielhaus Zürich und ans Theater Basel. Seit diesen Grazer Anfängen sind über 20 Jahre vergangen - inzwischen ist sie vor allem in Film und Fernsehen aktiv. Herzig las die Texte mit Distanz und  in angenehmer Natürlichkeit – nie vorgebend, die kapriziöse Salondame darstellen zu wollen, die Alma Mahler zweifellos war. Dazu eine Äußerung von Ernst Krenek über die Witwe Alma Mahler (seine Schwiegermutter!): „Sie war damals Anfang Vierzig und sicherlich für jedermann ein lohnender Anblick, ein prächtig aufgetakeltes Schlachtschiff, etwas korpulent, doch nicht zu sehr und voll unerschöpflicher und scheinbar unzerstörbarer Vitalität“ (Ernst Krenek in seiner monumentalen, nun wieder neu aufgelegten und unbedingt lesenswerten Autobiographie  „Im Atem der Zeit“). In einer Filmeinspielung erschien dann sogar Gustav Mahler selbst – von Johannes Silberschneider  eindrucksvoll und glaubhaft im Komponierhäuschen am Attersee verkörpert und von der örtlichen Blasmusikkapelle mit einem Trauermarsch begleitet. Es lohnt sich, das etwa 6 Minuten dauernde Video anzuschauen.

Klavierautomat, Lesungen und Video ergänzten die Mahler-Lieder ausgezeichnet, ohne sich ungebührlich in den Vordergrund zu drängen. Die Musik Gustav Mahlers stand an diesem Abend im Mittelpunkt – und das in einer besonders gelungenen und dichten Form. Alle Beteiligten wurden am Ende vom Publikum umjubelt – und der Jubel galt auch dem rührenden Golden Retriever von Iris Vermillion, der den ganzen Abend mit auf dem Podium war – und damit auch ein charmantes Detail des unterhaltsamen SOAP-Formats bildete. Der Styriarte ist zu dieser Musikvermittlungsform zu gratulieren – da verbindet sich zeitgemäßer Medieneinsatz mit Musikinterpretation auf höchstem Niveau!

Hermann Becke, 17.Juli 2014

Aufführungsfotos: © styriarte/Werner Kmetitsch

Und wer sich für den Welte-Mignon-Flügel näher interessiert, der kann sich das hier anschauen und auch einen akustischen Eindruck von Gustav Mahlers Klavierspiel gewinnen

 

 

 

THE FAIRY QUEEN

Bejubelte Eröffnungspremiere der Styriarte mit Nikolaus Harnoncourt

21.Juni 2014 Helmut-List-Halle Graz

Die Styriarte mit ihren über 40 Veranstaltungen in und um Graz steht im Jahre 2014 unter dem Motto „Im Zauber der Natur“. Auf der völlig neugestalteten Homepage  der Styriarte liest man bei der Ankündigung der intensiv beworbenen Eröffnungsproduktion:

„Im Reich der Feenkönigin sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. „Let us leave the town“ („Lass’ uns die Stadt verlassen“) singt zu Beginn ein junges Liebespaar. Geister schwirren durch die Luft, Vogelstimmen und Echos tönen durch den styriarte-Wald, wenn Nikolaus Harnoncourt Purcells größte „Semi-Opera“ dirigiert. Für Regie und Bühne zeichnet wieder Philipp Harnoncourt verantwortlich. „Semi-Opera“ nannte man im London des Barock diese opulenten Revues aus Schauspiel und musikalischen Masques. „The Fairy Queen“ war die teuerste von allen, uraufgeführt 1692 im Drury Lane Theatre.“  Allerdings wurde das Schauspiel in Graz weggelassen – Nikolaus Harnoncourt und sein Sohn Philipp (Inszenierung, Bühne, Licht) haben für Graz ein rein musikalisches Opernspektakel ohne gesprochenen Shakespeare entwickelt. Das war aus vielerlei Gründen eine kluge Entscheidung: abgesehen davon, dass inklusive der gesprochenen Texte der Abend in der ungekürzten Fassung fünf bis sechs Stunden gedauerte hätte, konnte man so die prachtvolle Musik von Henry Purcell in den Mittelpunkt stellen. Die räumlichen Gegebenheiten der Helmut-List-Halle, die ja kein Theater ist, wurden geschickt genutzt: Zentrum der Produktion sind (auch optisch)  der ungemein plastisch und farbenreich musizierende Concentus Musicus und Maestro Nikolaus Harnoncourt. Um dieses Zentrum herum entwickelt sich ein mitreißendes Pandämonium guter und böser Geister als Initiationspfad für ein junges Paar, das von Rita Sereinig und Max Niemeyer wunderbar tänzerisch gestaltet wird - das sind keine kunstvollen Ballett-Figuren, sondern blutvolle junge Menschen.

Neben Nikolaus Harnoncourt und seinem Concentus (diesmal nicht wie gewohnt mit Erich Höbarth, sondern mit Andrea Bischof am Konzertmeisterpult) ist für mich an diesem Abend der Arnold Schoenberg Chor (Leitung Erwin Ortner und Michal Kucharko) der zweite „Star“ dieser Produktion. Der Chor singt – fast möchte man sagen: wie gewohnt! – nicht nur außerordentlich klangschön und transparent, diesmal ist er auch sehr aktiv in die choreographische Gestaltung von Anna Schrefl einbezogen.  Natürlich weiß ich, dass der Arnold Schoenberg Chor eine sehr reiche szenische Erfahrung hat, aber es ist doch außergewöhnlich, wie es den Choristen gelingt, eine tänzerische Gestaltungskraft und Intensität zu entwickeln, die nie peinlich oder gar hölzern wirkt, sondern die in idealem Zusammenspiel zwischen Regie und Chorographie zu einem entscheidenden Garanten für den Gesamterfolg dieser Produktion wird. Ich wage gar nicht daran zu denken, wieviel Probenarbeit da hineingesteckt wurde – das gelingt zweifellos nur mit der Begeisterungsfähigkeit jedes einzelnen Chormitglieds und das überträgt sich dann auf das begeisterte Publikum. Dazu kommen sechs Gesangssolisten, die allesamt markante Figuren aus der barocken Theaterwelt auf die Bühne stellen – das reicht von derber Deftigkeit über skurrile Überspanntheit bis zu berührender Schlichtheit.

Das beginnt mit dem stimmlich und darstellerisch kraftvollen Florian Boesch, der als betrunkener Poet, aber auch als Elvis-Presley Imitat überzeugt, bei jedem seiner Auftritte die Bühne beherrscht und verdiente Publikumszustimmung einheimst. Dorothea Röschmann singt mit dunkel-warm gefärbtem Sopran berührend – speziell in ihrer Klage. Die munter-quicke Martina Janková bezirzt mit ihrer hellen Stimme und großer Spielfreudigkeit die Männerwelt und wagt sich dabei sogar an den (sie nur mit Mühe abwehrenden) Maestro Harnoncourt heran.

Bei den anderen drei Solisten steht die szenische Präsenz gegenüber der stimmlichen Gestaltung im Vordergrund: Elisabeth von Magnus, Joshua Ellicott und der Counter-Tenor Terry Wey.

Am Schluss gibt es großen und verdienten Jubel für alle – Im Mittelpunkt ist natürlich und völlig zu Recht der im 85. Lebensjahr stehende Nikolaus Harnoncourt, der spiritus rector nicht nur dieser wunderbaren Purcell-Belebung, sondern auch der Styriarte – es war ein großer Abend, es war sein Abend!

 

Hermann Becke, 22.Juni 2014

Aufführungsfotos: © styriarte/Werner Kmetitsch

 

Weitere Aufführungstermine: 23., 25.. 27. und 28.Juni 2014

Ein wichtiger Hinweis für alle, die nicht zum Liveereignis nach Graz kommen können: Die Produktion wurde als Livestream auf www.sonostream.tv aufgezeichnet und ist dort ab 23.6.2014 für 14 Tage online zu hören und zu sehen.

Interessante Video- Impressionen zur Entstehung der Bühnenlösung finden sich in Episode1 , Episode2 und Episode3

 

DIDO

ENGLISCHES MUSIKSPEKTAKEL IM SCHLOSS

13. Juli 2013

 

Schloss Eggenberg ist die größte und bedeutendste barocke Schlossanlage der Steiermark und zählt mit seiner erhaltenen Ausstattung, dem weitläufigen Landschaftsgarten zu den wertvollsten Kulturgütern Österreichs. Es zeigt mit seiner Bau- und Ausstattungsgeschichte den Wandel und das Mäzenatentum des einst mächtigsten Adelsgeschlechtes der Steiermark. Das Schloss samt Park zählt seit  2010 zum

UNESCO-Welterbe. Seit vielen Jahren nutzt das Styriarte-Festival diese großartige Kulisse alljährlich zu einem – stets ausverkauften – Spektakel. Es entsteht wahrhaft ein Gesamtkunstwerk für alle Sinne: Ambulieren durch die herrlichen Räume, Musik, theatralische Aktion, Rezitation verschmelzen zu einem Ganzen, ja selbst der Geschmackssinn wird immer durch ein dem Thema angepasstes Buffet erfreut.

 

Das Motto des diesjährigen Festes lautete Dido - im Programmheft heißt es dazu:

„Schloss Eggenberg und England, das scheint auf den ersten Blick sehr fern voneinander. Warum also hier ein Fest feiern, das uns ganz ins London der Zeit nach William Shakespeare zurückführt? Weil die Distanz gar nicht so groß ist, wie man glauben mag. Denn schon früh luden die Eggenberger reisende englische Schauspieltruppen ein, um hier die neusten Dramen aus der Stadt an der Themse aufzuführen. Und genau so machen wir es heute auch. Zumal sich dabei alles um Karthagos mythische Königin Dido dreht, die im Deckenprogramm der Gemälde in Schloss Eggenberg einen prominenten Platz einnimmt: Im Saal der „Starken Frauen“ können wir sie bei ihrer List bewundern, durch die sie Karthago gründete. Ihr weiteres Schicksal ist allerdings tragisch, eine der ganz großen „Gefährlichen Liebschaften“ der Weltliteratur. Wie diese im 17. Jahrhundert Künstler in England inspirierte, ist heute zu erleben, wenn sich Schloss Eggenberg in Didos Palast verwandelt, in dem Aeneas und seine Seeleute soeben eintreffen.“

Die Veranstaltung beginnt an einem herrlichen Sommerabend  im Schlosshof.  Eine bunt gemischte Sänger-und Musikantenschar zieht zu Klängen aus der Sammlung „The English Dancing Master“ (London 1651) in den Hof ein und versetzt die Gäste sofort in die Zeit, aus der diese Musik und dieses Schloss stammen. Und da sei ein kleiner historischer Exkurs eingefügt, der zum besseren Verständnis des Programms und der Inszenierung dieses Abends hilfreich ist:

Hans Ulrich von Eggenberg (1568 -1634) aus Graz war mutig und er war klug. Einzig seine Konfession war ein Hindernis, um am Hofe der Habsburger zu reüssieren. Also wurde er im Jahr 1600 katholisch, und eine Weltkarriere nahm ihren Lauf. Er häufte ein unvorstellbares Vermögen an, indem er die habsburgische Macht in Böhmen durchsetzte (er selbst wurde Hofkammerpräsident und  Herzog zu Krumau), er handelte mit Waffen, er verlieh Geld, er war eine Art Pate seiner Zeit. Und schließlich stand sogar sein Herr, Kaiser Ferdinand II., mit Millionen bei ihm in der Kreide. Kein Wunder, dass er sich es mitten in den entsetzlichsten Wirren des dreißigjährigen Kriegs nach seiner Erhebung in der Reichsfürstenstand (1623) leisten konnte, den Familienstammsitz Schloss Eggenberg nach dem Vorbild des Escorial, mit dem es weitgehende Übereinstimmungen gibt, auf das Prächtigste auszubauen. Dass er aus reinem Machtkalkül zum Katholizismus konvertierte, hinderte ihn übrigens nicht daran mit den bekriegten Protestanten weiterhin Kontakt zu pflegen. Und so ist es erklärbar, dass der größte Komponist seiner Zeit, Heinrich Schütz, dem Waffenmeister des Kaisers ein Hauptwerk der geistlichen Musik, nämlich seine ‚Cantiones sacrae‘ widmete – dies gerade zu der Zeit als der barocke Prachtbau des Schlosses Eggenberg entstand.

Und damit zurück zu unserem sommerlichen Fest, in dessen Mittelpunkt diesmal nicht Heinrich Schütz stand, sondern eben englische Musik. Das von Thomas Höft, seit zwanzig Jahren ideenreicher Dramaturg der Styriarte, für diesen Abend entwickelte Konzept des festlichen Spektakels erschloss sich doppelt: es war kulturhistorisch durchdacht, blieb aber nicht „im Kopf“ stecken, sondern vermittelte lebendiges und blutvolles, nie aufgesetzt-künstlich wirkendes Musiktheater. Ich gestehe, ich schätzte ihn immer in seiner Dramaturgenarbeit, konnte aber seiner praktischen Regietätigkeit nie etwas abgewinnen – etwa seinem schultheaterhaften King Arthur im Jahre 2009. Aber diesmal ist Thomas Höft  mit Henry Purcells „Dido and Aeneas“ (natürlich in englischer Sprache) wahrhaft ein überzeugender Wurf gelungen: die Truppe, die das ganze Schloss bevölkerte, spielte einerseits glaubhaft ihre Rolle als Wandertheater und war doch gleichzeitig auch ganz die jeweilige Bühnenfigur. Dass diese Balance zwischen Spiel und Sein so ausgewogen gelingen konnte, lag natürlich auch daran, dass ein ausgezeichnetes Ensemble zur Verfügung stand.

Nun aber der Reihe nach, wie das ohne Pause fast vier Stunden lange, aber nie langweilige und nie an Spannung verlierende Spektakel ablief:

Nach dem Einzug der englischen Wandertheatergruppe wird das in acht Gruppen aufgeteilte Publikum (insgesamt wohl rund 600 Menschen) durch das Schloss zu den einzelnen Stationen des Spektakels geleitet. Die ausgeklügelte  Logistik bewährte sich: die acht Gruppen wurden - von charmanten Lotsen gelenkt -  so geschickt an die sieben Aufführungsorte geleitet, dass alle sämtliche Programmpunkte erleben konnten. Für die Künstlerschar bedeutete dies natürlich, dass sie ihre Darbietungen mehrfach präsentieren musste. Meine Gruppe wurde nach der Eröffnung im Schlosshof zunächst in den Schlossgraben geführt. Da erwartete uns in einer englischen Hafentaverne des 17.Jahrhunderts nicht nur stilgerecht ein Buffet mit Lobscouse und Hartkeks (Rezepte im Programmheft!) samt Getränken, sondern auch eine Musikantenschar (Geige, Blockflöten, Harfe, Drehleier und Stimme) mit altenglischer Kneipenmusik. Mit köstlichen alpenländisch-englischen Ansagen gelang es sogar, das Publikum zum Mitsingen zu bewegen, selbst ein Limerick-Kanon wurde versucht.  

Danach wurden wir in das Herzstück des Schlosses geführt – in den sogenannten Planetensaal. Dieser 1685 fertig gestellte Saal, der seinen Namen dem Gemäldezyklus des Hofmalers Hans Adam Weissenkircher verdankt, verschmilzt mit seinem vielschichtigen Bildprogramm astrologische und hermetische Vorstellungen, Zahlensymbolik und Familienmythologie zu einer komplexen Allegorie zum Ruhme der Familie Eggenberg und gehört zu den beeindruckendsten Raumkunstwerken des frühen Barock in Mitteleuropa. Und im Deckengemälde findet sich – wie schon eingangs erwähnt – die sagenhafte Königin Karthagos Dido.  

Der 300 Plätze fassende Saal füllt sich – da tritt sie gleichsam leibhaftig auf. Die in Nigeria geborene, in Österreich aufgewachsene und ausgebildete 33-jährige Sopranistin Bibiana Nwobilo ist eine ideale Besetzung für die nordafrikanische Königin – und das nicht nur durch ihre edle Erscheinung, sondern auch durch ihren ebenso edlen Gesang. Fern aller manchmal zu erlebenden Romantisierung singt sie die zwischen Sopran und Alt liegende Partie mit großer Ernsthaftigkeit und perfekter Ausgeglichenheit der Register. Auch das Ensemble um sie herum ist ideal zusammengestellt. Da ist einmal die Neue Hofkapelle Graz , die unter der Leitung der Geigerin Lucia Froihofer und des Cembalisten und Blockflötisten Michael Hell mit ungeheurem Animo, gleichzeitig aber mit schlanker Präzision und schönem Klang spielt – jede Orchesterstimme nur einfach besetzt. Wirklich ein optimaler Klangkörper für dieses Werk in diesem Raum!  

Und auch die vokale Besetzung um Dido herum ist für diesen Rahmen ebenso optimal: acht solistische Damen und Herren verkörpern nicht nur alle Solopartien, sondern auch den Chor und agieren in einer einfachen Choreographie dazu noch als Tanzensemble. Noch dazu sind alle (auch das Orchester!) in ihrer Kostümierung treffend charakterisiert. Da ist der edle Aenas (Ulfried Staber mit viril-sonorem Bassbariton), die charmante Belinda (Anna Magdalena Auzinger mit beweglichem, nie scharfem Sopran) und der markante Mezzosopran von Ida Aldrian, die sich von der bigotten Nonne überzeugend zur drastischen Zauberin wandelt. Aber auch die anderen fünf sind gleichwertige Solisten und fügen sich zu einem ausgewogenen Ensembleklang (Einstudierung: Gerd Kenda).  

In der Personenführung gibt es viele liebevolle Details – mit ganz einfachen Mitteln ist jede Szene charakterisiert, köstlich z.B. die Flucht der Hofgesellschaft vor dem Gewitter unter einer Picknickdecke, köstlich auch der Altus als Transvestit, beeindruckend der abrupte Wandel des Vokalensembles zu grimassierenden Hexen, berührend, wie Belinda am Schluss nach der Hand sterbenden Dido greift.

Aber bin ich mit meinem Bericht schon dem tatsächlichen Ablauf voraus. Nach dem zweiten Bild wird nämlich für unsere Zuschauergruppe die Opernaufführung unterbrochen, wir werden durch die Prunkräume des Schlosses geführt und erleben zuerst eine Lesung der epischen Versdichtung Venus und Adonis von William Shakespeare, die heute als erstes gedrucktes Werk unter dem Namen Shakespeare gilt. Und hier eine die einzige kritische Anmerkung des Abends: stilgerechter wäre es gewesen, den Text in englischer Sprache vorzutragen. Dann geht es weiter durch die Flucht der barocken Prunkräume in einen Saal, wo wir - unter kaiserlichen Portraits – Gesänge von John Dowland hören. Die Sopranistin Tanja Vogrin begleitet sich selbst auf der Harfe, unterstützt auf der Blockflöte von Andreas Böhlen. Dann kehren wir wieder in den Planetensaal zurück und erleben das Ende der Oper. Zum Epilog versammelt sich das Publikum wiederum im Schlosshof und unter den Arkaden der beiden Geschosse. Alle Lichter verlöschen, Dido wird im Kerzenlicht in der Hofmitte aufgebahrt, es erklingt altenglische Musik des Instrumentalensembles und ein Madrigal von Orlando Gibbons. Aber plötzlich gehen die Lichter wieder an, die Wandertruppe erscheint, nun in ihrer heutigen Alltagskleidung, nimmt die wieder zum Leben erweckte Dido an der Hand - und heiter führt Aeneas seine Dido aus dem Schloss hinaus, begleitet von der munteren Komödiantenschar. Großer und anhaltender Jubel des Publikums für alle Ausführenden – das Publikum strömt sichtlich und hörbar zufrieden über einen wahren Sommernachtstraum englischen barocken Musikspektakels durch den mit Fackeln erhellten Schlosspark nachhause. 

 

Hermann Becke                                     Fotos: Styriarte, Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Eine unbedingte Reiseempfehlung an alle, die Schloss Eggenberg noch nicht kennen: http://www.museum-joanneum.at/de/schloss_eggenberg/schloss

-         Programmheft, nicht nur mit einer lesenswerten Programmeinführung und den Viten aller Ausführenden, sondern auch mit den Rezepten der englischen Speisen des 17.Jahrhunderts: http://styriarte.com/de/programm_2013/wochenuebersicht/dido_und_aeneas

 

 

HAREM

OPERNBILDER AUS DEM BAROCKEN SERAIL

11. Juli 2013

Es ist wahrlich ein gewisser Reiz, wenn in der modern-nüchternen List-Halle eine neue Verbindung von westlicher Barockmusik  und klassischer türkischer Kunstmusik aus dem17. und 18. Jahrhundert präsentiert wird - und das Ganze als veritables Opernpasticcio, wie es auch im Programmheft genannt wird! So wie in der Barockzeit üblich, werden hier Szenen und Arien aus Opern von Vivaldi, Hasse, Porpora, Bononcini und Händel in einen neuen Zusammenhang gestellt - während die Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli und der Countertenor Filippo Mineccia virtuose Barockarien singen, bringt Harun Gürbüz türkische Kunstmusik. Dazwischen liest Thomas Höft in ironisch-belehrendem Ton die Geschichte der Roxelane nach den „Vier Briefen aus der Türkei“ von Ogier Ghiselin von Busbecq, 1581 (erschienen im Verlag der philosophischen Akademie, Erlangen, 1926).

Worum geht es da?

Es klingt ganz nach einer Geschichte aus „1001 Nacht“, ist aber wirklich passiert: Eine wunderschöne polnische Sklavin berührt im Istanbuler Serail das Herz von Sultan Süleyman. Und gegen alle Widerstände wird sie zu seiner Hauptfrau. Das Schicksal der Roxelane („der Russin“) inspirierte nicht nur die osmanische Welt, auch der Westen hörte von der erstaunlichen Begebenheit. Der Gesandte des Kaisers Ferdinand I., Ogier Ghiselin von Busbecq, übermittelte in seinen Briefen aus der Türkei die Geschichte, deren Zeuge er wurde. Und in zahllosen Drucken verbreitete sich die Kunde über ganz Europa. So findet sich in mancher barocken Oper noch ein Echo jener wahren Geschichte, die das Zeug zur Legende hat.

Und gleich vorweg: der Abend war ein uneingeschränkter Erfolg beim fast tausendköpfigen Publikum in der wohl ausverkauften Konzerthalle. Das Publikum erfreute sich nicht nur an dem leicht aufnehmbaren gefälligen Programm, sondern wohl auch an der offensichtlichen Musizierfreude der Ausführenden. Auf dem Podium fand sich ein bunt gemischtes Ensemble zusammen: das erst seit einem Jahr bestehende Grazer Instrumentalensemble „recreation BAROCK“ gemeinsam mit dem Pera-Ensemble (benannt nach einem Stadtteil von Istanbul), von den türkischen Musikern Mehmet Cemal Yeşilçay und İhsan Özer 2005 gegründet und inzwischen international sehr erfolgreich. Für seine Produktion »Baroque oriental« wurde Pera 2012 mit dem Echo Klassik in der Kategorie »Klassik ohne Grenzen« ausgezeichnet. Diese beiden Ensembles spielten nicht etwa abwechselnd – nein: sie spielten gleichsam in einer Ost-West-Durchdringung praktisch alle Stücke des Abends gemeinsam. Man wurde an das schöne Goethe-Wort erinnert: „Wer sich selbst und andere kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen.“ Und zu dieser Basis von 21 Instrumentalisten treten der Erzähler und die drei Gesangssolisten, zwei aus Italien, einer aus der Türkei. Die Programmzustellung und die Arrangements stammen vom Leiter des Pera-Ensembles Mehmet Cemal Yeşilçay. Die dirigentische Koordination lag bei Michael Hofstetter.

Wohl ausgewogenen wechseln Instrumentalnummern, darunter auch – etwas aus dem Konzept fallend, aber natürlich publikumswirksam - der Sommer aus Vivaldis Jahreszeiten, mit schwärmerisch-melancholischen, aber auch virtuos attackierenden Bravourarien und einigen Duetten – alles verbunden durch den roten Faden der Beschreibung eines osmanischen Serails im 16.Jahrhundert. Für mich ist ein Höhepunkt des Abends die großartige Sopranistin Francesca Lombardi Mazzulli, die gleich in ihrem ersten Auftritt mit dem wohlbekannten Lascio ch’io piango aus Händels Rinaldo durch wunderbare Pianokultur berührt, und die im weiteren Verlauf auch in den dramatischen Koloraturen in Höhe und Tiefe überzeugt. Zu Recht wird die junge italienische Sopranistin derzeit in allen Medien gepriesen – zuletzt zum Beispiel für ihre ausgezeichnete Leistung als Händels Agrippina in Giessen (übrigens ebenfalls unter Michael Hofstetter). Auch auf dem Konzertpodium vermittelt sie packende Präsenz – das war überzeugendes Musiktheater! Ein zweiter Höhepunkt ist Filippo Mineccia, der erst 32-jährige controtenore aus Florenz. Er hat an diesem Abend eindrucksvoll bestätigt, dass hier ein großes Talent auf diesem diffizilem Gebiet heranwächst und man kann nur in voller Überzeugung das bestätigen, was in der italienischen Fachliteratur schon 2010 über ihn geschrieben wurde: „Mineccia si candida a essere il controtenore sulle cui spalle poggiano le speranze di un futuro che ci si augura doni finalmente al controtenorismo italiano un nome di richiamo degno di competere con le migliori scuole vocali internazionali“. Er hat diese Hoffnungen schon jetzt erfüllt und hat zweifellos internationalen Rang! Der türkische Tenorsolist darf mit diesen beiden genuin italienischen Barockspezialisten nicht verglichen werden. Harun Gürbüz hat eine völlig andere Gesangstechnik, die sicherlich die Ansprüche der türkischen Kunstmusik erfüllt. Aber wenn er gemeinsam mit dem controtenore ein Duett aus Vivaldis La Fida Ninfa singt, dann wird zwar der Kontrast zwischen diesen beiden Gesangszugängen sehr deutlich, aber ehrlich gesagt: mir ist es lieber den Unterschied zu registrieren, wenn der controtenore Vivaldi und der Türke seine eigene Musik singt. Ein Vermischen von beiden Stilen schadet beiden Seiten.

Und an dieser Stelle darf schon ein gewichtiger Einwand zum gesamten Abend erhoben werden: Gegenüberstellung ja, aber Vermischung nein! Das gedruckte Programm vermittelt den Eindruck, man werde an diesem Abend einerseits Vivaldi, Händel, Porpora, Bononcini, Steffani und andererseits Werke der türkischen Komponisten Sadullah Aga (1730 – 1810) und Ali Ufki (1630 – 1675) hören. Nur bei einem Stück von Hasse ist klar ausgewiesen, dass es sich hier um eine türkische Bearbeitung durch Ali Ufki handelt. Aber ganz am Ende des Programms steht dann: Arrangements  Mehmet Cemal Yeşilçay. Und so erlebte man eigentlich nicht ein Pasticcio (siehe dazu den sehr gut dokumentierten Wikipedia-Beitrag: http://de.wikipedia.org/wiki/Pasticcio_%28Musik%29 ), sondern – wenn man es unfreundlich sagt – einen Einheitsbrei: die europäische Barockmusik wird durchgehend mit türkischen Flöten-Klagen und Schellentrommel-Rhythmen „angereichert“ und die türkische Kunstmusik wird mit europäischen Barockstreicherklängen durchmischt…… Und damit ist es eigentlich auch selbstverständlich, dass die instrumentale Seite des Abends nicht jenes Niveau erreichen konnte, das Sopran und controtenore vorgegeben haben. Michael Hofstetter war nicht mehr als ein routinierter Koordinator – seinen bedeutenden und unbestrittenen Ruf als Barockspezialist wird er wohl er ist in zukünftigen Grazer Auftritten bestätigen können.

Aber was soll der Einwand – und damit komme ich an den Anfang meines Berichts zurück:

Die Ausführenden auf dem Podium hatten an ihren unterschiedlichen Musikzugängen sichtlich Freude und der Abend war ein uneingeschränkter Publikumserfolg.

Hermann Becke

Fotos: styriarte, Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Zur Sopranistin: http://www.francescalombardi.com/

-         Zum Countertenor: http://www.filippomineccia.com/home.php

-         Das vollständige Programmheft kann auf der Website der Styriarte abgerufen werden: http://styriarte.com/de/programm_2013/wochenuebersicht/harem

 

 

Konzert

TRISTAN – 2. AKT KONZERTANT – SCHUBERT GEGENÜBERGESTELLT

Stefaniensaal, 7.Juli 2013

Die Dramaturgie der Styriarte-Festspiele schafft es immer wieder, interessante Zusammenhänge und Gegenüberstellungen offenzulegen. Das Generalthema des heurigen Jahres – „Gefährliche Liebschaften“ - wird in ungeheurer Programmvielfalt von vielen Seiten beleuchtet. So erlebte man vor wenigen Tagen in der List-Halle den französischen Meisterpianisten Pierre-Laurent Aimard gemeinsam mit einem Spezialisten der Live-Elektronik Marco Stroppa und dem phänomenalen Perkussionisten Samuel Favre mit Musik des 20.Jahrhunderts (etwas mühsam-gewollt der Bezug „Gefährliche Liebschaften = Klavier/Schlagzeug“), dann folgte in einem wunderbar geschlossenen Abend etwas ganz anderes, nämlich Ausschnitte aus dem Musical „Cabaret“ verbunden mit Lesungen aus dem zugrunde liegenden Roman der „Goldenen Zwanziger“ in Berlin und nun also im konventionellen Konzertsaal Romantik - wie folgt vom Veranstalter angekündigt:

Richard Wagner blieb es vorbehalten, den romantischen Traum von einer Liebe ohne Schranken in die maßlosesten, berauschendsten Töne zu übersetzen. „Tristan und Isolde“ ist das Hohelied einer Leidenschaft, die alle Grenzen sprengt. Wenn Michael Hofstetter bei der styriarte Wagners Konzertfassung des zweiten Aktes dirigiert, lässt er das Liebesleuchten im Orchester in hundert Farben schillern. Drei Solisten mit lyrischen Stimmen sind die Protagonisten, Schuberts „Unvollendete“ dient als träumerischer Prolog – ein Wagnerabend aus dem Herzen der Romantik.‘

In Graz besteht seit dem Jahre 2002 neben dem Grazer Philharmonischen Orchester ein zweites Orchester, das neben seinen eigenen Konzertzyklen bald österreichweit und auch international gastierte und sich inzwischen zu einem Ensemble auf hohem Niveau entwickelt hat. Dieses Orchester trägt den Namen recreation Der Name des Orchesters leitet sich aus einem Zitat Johann Sebastian Bachs ab: „Es ist“, schreibt Bach, der Musik „Finis und Endursache anders nicht, als nur zu Gottes Ehre und Recreation des Gemüths“. Seit 2012/13 ist nun Michael Hofstetter Chefdirigent dieses Orchesters und seither gibt es auch eine neu gegründete Originalklangformation, nämlich recreationBAROCK, worüber demnächst zu berichten sein wird. Den Schubert/Wagner-Abend bestritt das Orchester allerdings in großer Besetzung – daher der offizielle Titel des Orchesters „ recreation • GROSSES ORCHESTER GRAZ.“

Diese Einleitung ist nicht nur für jene Opernfreunde von Interesse, die die Grazer Situation nicht so gut kennen, sondern auch deshalb, weil der Dirigent Michael Hofstetter ja als ein gefragter Dirigent mit internationalem Ruf als Experte für authentische Aufführungspraxis und als Barockspezialist gilt. Im Sommer 2012 hatte er zum Ende seiner Tätigkeit als Chefdirigent der Ludwigsburger Schlossfestspiele weithin beachteten Wagner „im Originalklang“ präsentiert, nämlich den 2.Akt Tristan! – man ging also erwartungsvoll in den Styriarte-Abend. 

Und es begann mit Schuberts Unvollendeter, mit der Graz durch die späte Auffindung bei Anselm Hüttenbrenner historisch verbunden ist - und dies gar nicht so „träumerisch“ wie angekündigt. Das recreation-Orchester spielte in großer Streicherbesetzung. Man weiß, dass die durchschnittliche Größe der Streicher-Apparate in Wiener Orchestern um 1820 bei etwa 30 Musikern lag – an diesem Abend waren es etwa doppelt so viele. Das mag ganz pragmatische Gründe haben – die Größe des Saals und der Wagner nach der Pause werden wohl die Begründung sein. Hofstetter sorgte für eine plastische und rhetorisch aktive Wiedergabe des 1.Satzes – die Betonung lag eher auf Allegro als auf moderato, man registrierte erfreut eine nie nachlassende Spannung, erfüllte (und Gott sei Dank nicht durchmetrisierte) Generalpausen und schöne Holzbläserphrasen. Nach diesem ersten Satz wurde das Licht auf dem Podium abgedunkelt und  der hinter dem Orchester an einem Tisch sitzende Schauspieler Johannes Silberschneider las in sachlich-unpathetischem Ton  jenen Text von Franz Schubert, den er 1822 geschrieben hatte und den schon Robert Schumann (mit dem von Schuberts Bruder beigefügten Titel „Mein Traum“) publiziert hatte. Es gibt viele Spekulationen über die Bedeutung dieses Textes und den Bezug zur gleichzeitig entstandenen Unvollendeten – das Programmheft dokumentiert die wichtigsten Aussagen dazu.

Ich meine, es war eine schöne und das Hörerlebnis erweiternde Idee, den Text lesen zu lassen (wenn auch die Aussteuerung des Mikrophons diskreter hätte sein können).

Jedenfalls hörte man in den unmittelbar nach der Lesung einsetzenden Einleitungstakten der Hörner und Fagotte über den ruhig absteigenden pizzicati der Bässe erstmals friedvoll-träumerische Stimmung. Schubert schreibt in seinem Text: „Wollt ich Liebe singen, ward sie mir zum Schmerz. Und wollte ich wieder Schmerz nur singen, ward er mir zur Liebe“. Hofstetter betonte in seiner Interpretation das Aktiv-Schmerzhafte – das Lyrisch-Träumerische vermisste man ein wenig. Aber durch dieses aktive Zupacken entschuldigte man leichter kleinere (Horn)Pannen und rhythmische Ungenauigkeiten…

Nach der Pause folgte der zweite Akt von Wagners „Tristan und Isolde“ – allerdings nur bis zum Ende des Liebesduetts. Im Programmheft ist zu lesen: „Nicht nur Schuberts ‚Unvollendete‘ , sondern auch Wagners ‚Tristan und ‚Isolde‘ bleibt in unserem Konzert Fragment.“  Hofstetters ursprüngliches Konzept schien mir hier gehörig ins Wanken geraten zu sein. Man kann nachlesen und nachhören, was Hofstetter zu seiner Tristan-Interpretation vor einem Jahr bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen gesagt hat (siehe dazu die links am Ende dieses Berichts). Hier in Graz ist sein Ansatz wohl nicht aufgegangen. Es hieß in Stuutgart über Hofstetter: „Entschlackt von den großen Gesten, interessieren ihn die lyrischen Facetten, das intime Kammerspiel von Wagners opulenter Partitur. Entsprechend hat der Chefdirigent auch seine Solisten ausgewählt.“  Und auch in Graz waren „Solisten mit lyrischen Stimmen“ angekündigt. Aber es kam anders – und das kann natürlich immer geschehen. Zwei Tage vor der Grazer Aufführung musste Styriarte ankündigen: „ Leider musste Christiane Iven krankheitsbedingt ihre Mitwirkung bei diesem Konzert absagen. Unser Dank gilt Ruth Staffa, die sich bereit erklärte, äußerst kurzfristig einzuspringen und die Partie der Isolde zu übernehmen.“  Ruth Staffa ist in Graz keine Unbekannte, war sie doch im Jahre 2000 im letzten Grazer „Ring“ die Sieglinde. Inzwischen hat sie sich das hochdramatische Fach erarbeitet – zuletzt sang sie in Mainz die Isolde. Man muss dankbar sein, dass in ganz kurzer Zeit eine studierte Isolde gefunden werden konnte. Aber zweifellos hat Ruth Staffa mit ihrer traditionsorientierten Interpretation das ursprüngliche Konzept maßgeblich beeinflusst – das ist keine lyrische, sondern eine hochdramatische Stimme alten Stils. Ihre Spitzentöne und ihre Kraft beeindrucken, die (vibratoreichen) Pianophrasen enttäuschen leider. Außerdem hat die seitliche Aufstellung der Solisten offensichtlich die Kommunikation mit dem Dirigenten merklich beeinträchtigt. Und man hatte auch den Eindruck, dass der Dirigent primär damit beschäftigt war, das (nicht Wagner-erfahrene) Orchester „zusammenzuhalten“. So entstand leider ein nicht sehr differenzierter und allzu massiver Orchesterklang und man erlebte so gar nicht das, was die Stuttgarter Nachrichten im Vorjahr lobten: Hofstetter, der sich besonders durch Interpretationen barocker Werke in historischer Aufführungspraxis weit über Ludwigsburg hinaus einen Namen gemacht hat, verleiht der Oper, dieser »einen einzigen Liebesszene« (Wagner), eine unbekannte Leichtigkeit und vermag es dabei, der Partitur feinste Nuancen und Gefühlsregungen zu entlocken.“ Das erlebte man in Graz nicht - schade.

Sehr Erfreuliches ist allerdings über Brangäne und Tristan zu berichten:

Bea Robein präsentierte sich mit sehr schön gefärbtem, in allen Lagen ausgeglichenem Mezzo und mit klarer Artikulation durchaus eindrucksvoll  - sowohl zunächst vor dem Orchester als auch beim Wachruf dahinter postiert. Und der in Graz wohl bekannte und geschätzte Herbert Lippert vermittelte einen lyrischen Tristan, der sich auch in den dramatischen Ausbrüchen nicht verleiten ließ zu forcieren. Durch plastische Artikulation gelang es ihm, nie sein spezifisch-klares Timbre zu verlieren und immer präsent zu bleiben.

Zusammenfassung:

Ein interessant zusammengestelltes Programm mit zwei im Jahre 1865 uraufgeführten Werken – Schubert als Wendepunkt von der klassischen Sinfonik zur Romantik und Wagner als Ausgangspunkt aller modernen Musik. Und um zur eingangs zitierten Dramaturgie der diesjährigen Styriarte zurückzukommen: durch Gegenüberstellung gewinnt man neue Einsichten, vor allem wenn man in diesem Fall noch mitbedenkt, dass 1865 auch das Jahr vor der Uraufführung des Ritter Blaubart von Offenbach war, des zentralen Werks der Styriarte 2013. Welcher Reichtum: Schubert –Offenbach – Wagner!

Hermann Becke

 

Und hier die versprochenen Links:

-         Michael Hofstetter im Vorjahr auf youtube zu Tristan und Isolde bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen (im Gespräch und mit Musikbeispielen):

//youtube.com/watch?v=jgmORWAaIJs

-         Michael Hofstetter im Zeitungsinterview: http://www.lkz.de/home_artikel,-Wagner-im-Originalklang-beim-Schlusskonzert-_arid,72777.html

-         Herbert Lippert : http://www.herbertlippert.com/

-         Bea Robein: http://www.bearobein.com/?lang=de

 




BARBE-BLEUE

MIT HARNONCOURT

Première: 22.6.2013,            besuchte Vorstellung: 30.6.2013  (2. Kritik)

Das Motto der diesjährigen Styriarte lautet „Gefährliche Liebschaften“ – und da ist natürlich die Blaubart-Produktion mit Nikolaus Harnoncourt auch thematisch ein zentraler Glanzpunkt des rund fünfzig Termine umfassenden Programms der Steirischen Festspiele. Die Première war ein großer Erfolg bei Publikum und auch in den Medien – selbstverständlich hat auch der Opernfreund bereits darüber berichtet. Man weiß, dass die Probenzeit sehr knapp war - „10 hochkomprimierte Probentage non-stop“ (so ein Zitat aus dem Kreis der Ausführenden), also ist es mehr als legitim, heute nochmals zu berichten, weil inzwischen Routine und Erfahrung die Produktion stabilisiert haben.

Der große deutsche Kunstkenner Oscar Bie hat in einer Kritik des Jahres 1929 folgendes über das Werk geschrieben:

„Und ist es nicht eigentlich doch eine hübsche Idee, die Blaubart-Sage so zu persiflieren, dass man plötzlich entdeckt, Blaubarts Frauen seien gar nicht gestorben….Und wie nett, dass Blaubart selbst zwischen der sechsten und siebten Frau steckenbleibt, weil er die siebte nicht kriegt, und weil die sechste, ein Mädchen aus dem Volk, ihn so fängt, dass alles ein glückliches Ende nimmt…. Es ist eine so drollige Mischung von Lyrik und Ironie, wie sie in keiner anderen Operette getroffen wird. Orpheus ist parodistischer, die Helena historischer, aber Blaubart ist so reizend aus beiden Elementen zusammengerührt, dass das Stück rein aus der Qualität der Weltanschauung lebensfähig bleibt… Und wie blüht auf diesem Grund die Musik. Wie lacht die Tragödie und wie ernst nimmt sich die Komödie…. Es ist nicht Oper, es ist auch nur zeitweise Parodie, es ist etwas viel Höheres: das wunderbar schillernde Reich voll von Lebenswahrheit auf der Grenze der große Schicksale und des allüberwindenden Humors.“

Eines ist jedenfalls sicher:

Nikolaus Harnoncourt und seinem Sohn Philipp Harnoncourt – zuständig für Regie, Bühne und Licht – ist es gelungen, im Sinne des Zitats von Oscar Bie das gesamte Ensemble in „allüberwindendem Humor“ zu einer Einheit zusammenzuschweißen. Das Ensemble ist an jedem Abend mit größtem Vergnügen am Werk. Zitat aus der köstlichen Facebook-Seite von Elisabeth Kulman: „ Insgesamt gibt's 6 Vorstellungen, die wir - wie Barbe-bleue seine 6 Frauen - lustvoll hinter uns bringen!“   – und das überträgt sich spürbar auf das animierte Publikum. Übrigens: das Ensemble widmet in einer internen Absprache jeden  der sechs Abende einer der Barbe-bleue-Frauen – der von mir besuchte Abend war also Blanche gewidmet. Kulman-Zitat knapp vor Vorstellungsbeginn: Arme BLANCHE, dein Schicksal ist besiegelt: Du wirst heute Héloïse, Éléonore, Isaure und Rosalinde in die ewigen Jagdgründe folgen! R.I.P. (Rest in pieces) . Blanche ist eben jene fünfte Frau, deren (vermeintlicher) Tod die Handlung der Opéra-bouffe auslöst, ist doch  der im Dienste des Ritters Blaubart stehende Popolani von seinem Herrn beauftragt, nach dem Tode von Blanche eine Jungfrau zu finden, die er als nächstes zur Frau nehmen kann. Popolani veranstaltet unter den Dorfschönen einen Tugendwettbewerb, um Blaubart die Gewinnerin daraus als Jungfrau zu präsentieren. Die Wahl fällt auf Boulotte. Blaubart ist von ihrer verführerischen Schönheit angetan und lädt sie in seinen Palast ein. Und damit beginnen alle Verstrickungen, die sich am Ende so glücklich mit einer sechsfachen Hochzeit  lösen.  

Das Grundproblem aller Opernproduktionen der Styriarte ist, dass es keinen professionellen Bühnenraum gibt. In der Helmut-List-Halle – benannt nach Helmut List, dem Bauherrn der Halle und Chef der AVL List GmbH, eines in Graz ansässigen, international erfolgreichen Unternehmens im Bereich der Motoren- und Automobilentwicklung – begegnet dem Besucher moderne Architektur, die jedoch der feingliedrigen Stahlfachwerkkonstruktion des Vorgängerbaus, einer um 1950 errichteten Industriehalle, und der damit verbundenen industriellen Vergangenheit Rechnung trägt. Die ehemalige Fabrikshalle wurde 2002 vor dem Abbruch bewahrt und zu einem variabel bespielbaren Veranstaltungsort von höchstem Niveau umgewandelt. Aber die Halle ist eben keine Opernbühne im herkömmlichen Sinne. Philipp Harnoncourt schreibt im Programmheft: „Wir versuchen tatsächlich, Musiktheater im einfachsten Sinn des Wortes zu machen, ohne dabei  von vornherein von den üblichen Spielregeln des Opernbetriebs auszugehen. Kann man vielleicht das Verhältnis von Musik und Bühne anders ausbalancieren? Kann man der Musik etwas mehr Raum geben, ohne dabei die Lust am Theater hintanzustellen? Muss es unbedingt eine konventionelle Bühne sein mitsamt einem komplett ausgeführten Buhnenbild?“

Philipp Harnoncourt hat gemeinsam mit der Kostümbildnerin Elisabeth Ashef und dem Team „Malerei und Animation“ eine ideale Darstellungsform gefunden und damit die von ihm selbst gestellten Fragen überzeugend beantwortet. Das Chamber Orchestra of Europe sitzt zentral in der Mitte, ist sichtlich mit Vergnügen hin und wieder auch in die szenischen Aktionen einbezogen; Solisten und Chor bespielen die Flächen rund um das Orchester, durch die Podien kommen sie auch nie in akustische Bedrängnis – und der wahre Mittelpunkt ist natürlich Nikolaus Harnoncourt, der mit sparsamen Gesten wie ein Puppenspieler alle  Fäden zieht und zusammenhält. Diesmal gelingt Harnoncourt mit seiner Interpretation einfach alles: das Orchester spielt höchst animiert, prägnant und subtil, die bei Harnoncourt üblichen abrupten Schärfen harmonieren großartig mit zarten lyrischen Phrasen, es stellt sich französischer Esprit ein und die musikalische Spannung lässt trotz einer Aufführungslänge von dreieinhalb Stunden nie nach.

Das Ensemble führen der Titelrollen-Darsteller Johannes Chum und die Boulotte von Elisabeth Kulman an. Chum meistert mit seiner klaren Stimme die heikle Tenorpartie zwischen Rossini-Koloraturen, lyrischen und chansonhaften Phrasen sehr gut – schade nur, dass die darstellerische Doppelbödigkeit ein wenig fehlt. Man darf gespannt sein, wie ihm der Wechsel ins Wagnerfach gelingen wird: in Graz wird er im Herbst seinen ersten Lohengrin singen, in Erl folgen dann Loge, Stolzing und Parsifal….

Elisabeth Kulman (die man zuletzt in diesem Saal mit wunderbaren Wesendonck-Liedern gehört hatte) war der absolute Höhepunkt im Ensemble. Mit immenser Spielfreude, feinem sprachlichen Gefühl sich bewegend zwischen makellos gesungenem Französisch, einem von ihr selbst entwickelten „Ost-Mittel-Steierburgenländisch“ (ihr eigene Aussage!) in den gesprochenen Dialogen bis zur perfekten Ungarisch-Parodie im Finale – aber vor allem mit einer in allen Lagen wunderbar strömenden Stimme war sie wahrhaft unübertrefflich. Sie genoss es sichtlich und hörbar, einmal nicht Fricka, Brangäne oder Orpheus zu sein. Kulman hat mit dieser Rolle eine ganz neue Facette einer bedeutenden Bühnenkünstlerin gezeigt!

Im übrigen Ensemble fällt Sébastien Soulès als zwielichtiger Alchemist Popolani mit geschmeidigem Bass und darstellerischer Beweglichkeit auf. Überhaupt agiert das gesamte Ensemble einschließlich des auch in den Soli ausgezeichneten Arnold-Schönberg-Chors (Einstudierung: Mihal Kucharko) mit spürbarer und ansteckender Freude. Es gelang eine ideale Balance zwischen Natürlichkeit und Stilisierung der Bewegung. Elisabeth von Magnus war eine scharf konturierte Reine Clémentine, Thomas E. Bauer ein vor allem in den Dialogen prägnanter Höfling - und dann waren da noch jene drei, die schon vor zehn Jahren bei der ersten Offenbach-Auseinandersetzung von Harnoncourt in Graz dabei waren („Großherzogin von Gerolstein“ in der Regie von Jürgen Flimm): Sophie Marin-Degor und Markus Schäfer als Schäfer-, nein Prinzenpaar. Beide haben seither an stimmlichem Gewicht und darstellerischer Prägnanz gewonnen. Hervorragend die Charakterstudie von Cornel Frey als König Bobêche, der vor zehn Jahren in einer kleinen Nebenrolle unauffällig geblieben war, aber nun in Spiel und Stimme ins Zentrum rückte. Und an dieser Stelle sei es ausdrücklich gesagt: dieser Blaubart ist wesentlich geschlossener und übertrifft auf allen Linien die damalige mit Gags überladene Produktion.

Zum Schluss noch ein Wort zu der von Philip Harnoncourt verantworteten deutschen Dialogfassung: Es ist legitim und richtig, den Text zu aktualisieren, war es doch auch zur Zeit der Uraufführung für das Publikum besonders reizvoll, die Anspielungen auf die Gesellschaft des damaligen französischen Kaiserreich herauszuhören - und so schmunzelt und lacht man auch heute gerne, wenn österreichische Politiker, die Globalisierung, die „Unschuldsvermutung“ und die Sponsor-Bank apostrophiert werden. Aber in einem Punkt wird die Grenze des guten Geschmacks klar überschritten wird: das heikle Thema der in Graz bettelnden Slowaken sollte keinesfalls in der Zigeunerszene des Finales karikiert werden! Dringender Rat: diese Textpassage bei der bevorstehenden DVD-Produktion unbedingt herausnehmen – mit der Bettler-und Roma-Problematik scherzt man nicht! 

Aber bleiben wir bei der erfreulichen Zusammenfassung:

Das war ein großer Abend zeitgemäßen und höchst lebendigen Musiktheaters – das Publikum umjubelte Nikolaus Harnoncourt und Elisabeth Kulman sowie das gesamte Ensemble.

Zum Schluss nochmals Elisabeth Kulman mit einem für alle Opernfreunde wichtigen Hinweis:

„Für alle, die es im TV/Stream verpasst haben und nicht nach Graz kommen können: Es dauert zwar noch ein bisschen, aber es wird eine "Blaubart"-DVD geben!“

Wir können uns darauf freuen!

Hermann Becke

Fotos: Styriarte, Werner Kmetitsch

 

 

 

RITTER BLAUBART

22. Juni 2013

Die Grazer Styriarte steht heuer unter dem Motto „Gefährliche Liebschaften“. Und da bietet sich natürlich die Story von Ritter Blaubart ideal an. Nikolaus Harnoncourt wagte sich über die Opéra-bouffe von Jacques Offenbach gleichnamigen Titels, im Original heißt das 1866 uraufgeführte Werk in vier Bildern Barbe Bleue. Für das Libretto sorgten einst keine Geringeren als Henri Meilhac und Ludovic Halévy, die (deutsche) Dialogfassung für Graz (gesungen wird hier in der französischen Originalsprache) stammt von Philipp Harnoncourt, der auch für die Inszenierung verantwortlich zeichnete (Kostüme Elisabeth Ahsef). Wobei die Regiearbeit im Programmheft als „halbszenisch“ bezeichnet wird, da in der Helmut-List-Halle kein richtiges Bühnenbild möglich ist. Allerdings ist das in diesem Fall eine Untertreibung, denn mit stimmigen und witzigen Hintergrundprojektionen, die an Verfilmungen von Comic-Strips erinnern, ergaben sich wunderbare Szenenbilder. Die Sänger agieren rund ums Orchester, bei den Sprech-Dialogen ging man bewusst auch einen improvisatorischen Weg, kein Wunder bei einer begrenzten Probenzeit von nur 10 Tagen!

Nikolaus Harnoncourt stützte sich penibel wie bei all seinen Arbeiten auf die Originalpartitur, die sich in Schweden befindet. Was dieser Ritter Blaubart ist, darüber waren sich auch die Offenbach-Experten lange nicht einig. Otto Schneidereit formulierte 1966 in seiner knappen Offenbach-Biographie, dass „der Blaubart sein eigentümlichstes, wohl großartigstes und jahrzehntelang missverstandenes Werk“ sei, „beinahe schon keine Operette mehr, sondern über die Grenzen dieser Kunstgattung in neue Bereiche vorstoßend!“ Die beißende Satire auf den Hof Napoleon III. wurde von Offenbach verwoben mit der Story des Ritter Blaubarts, der seine Ehefrauen ermorden ließ. Der König Bobèche (wie er bei Offenbach genannt wird) und der Ritter Blaubart (hier als eine Art Warlord mit eigener Armee dargestellt) ähneln sich, der eine ließ die vermeintlichen Liebhaber seiner Frau, der andere seine Ehefrauen ermorden. Bei aller Blutrünstigkeit des Plots ist dieses Stück aber beste Unterhaltung, denn Offenbach verwendet alle Klischees, die es zu seiner Zeit für Opernaufführungen gab, so genial, dass man aus dem Lachen nicht mehr raus kommt. Ein Witz und Humor, der im Filmgenre von den Marx-Brothers (z.B. A Night at the Opera) oder Monty Python gepflogen wurde.

Interessant ist auch die Aufteilung der Singstimmen: Der König wird nicht, wie sonst üblich, von einem profunden Bass, sondern von einem Charaktertenor gesungen. Wobei gesungen fast übertrieben ist, denn meist handelt es sich um Sprechgesang, was die Lächerlichkeit des einfältigen Herrschers noch mehr herausstreicht. Und auch der „Bösewicht“ Blaubart besitzt keine tiefe Stimme, sondern wurde für einen leichten Rossini-Tenor geschrieben. Was am Ende auch zur Folge hat, dass das Bauernmädchen Boulotte (auch sie ist kein glockenheller Sopran, sondern ein tiefer Mezzo) weiterhin Blaubarts Frau bleibt, denn er singt ja soooo schön. Im Hintergrund ziehen der Alchimist Popolani, der bei Blaubart unter Vertrag steht, und der Minister Graf Oscar die Fäden. Dazu gibt es noch eine als Kind weggelegte Prinzessin und ihren Liebhaber. Der ist aber in Wirklichkeit auch kein Schäfer, wie im Eröffnungsduett zu vermuten ist, sondern Prinz Saphir, auch wenn er von Markus Schäfer gesungen wird. Viel interessanter als der tatsächliche Handlungsstrang sind aber all die Anspielungen und Persiflagen, die den Abend trotz der Länge von 3 Stunden 20 Minuten zu einer kurzweiligen Unterhaltung machten.

Und gespielt wurde vom gesamten Team mit vollem Enthusiasmus. Harnoncourt fand von Beginn an mit dem Chamber Orchestra of Europe den perfekten Offenbach-Duktus. Im Mittelpunkt der Solisten stand natürlich Elisabeth Kulman, die in ihren Dialogen einen interessanten steirisch-burgenländisch-wienerischen Dialekt auspackte. Die sonst eher in hochdramatischen Rollen auf der Bühne agierende Mezzo-Sopranistin bewies als das resolute Bauernmädchen Boulotte, dass ihr die Schuhe der berühmten Hortense Schneider (die unvergleichliche Diva sang im 19. Jahrhundert diese Rolle in Paris) nicht zu groß waren! Erstaunlich wie sich Kulmans Stimme trotz Fricka und Co. Geschmeidigkeit und Frische bewahrt hatte. Positiv überrascht wurde ich von Johannes Chum in der Titelrolle. Der Steirer (übrigens im September als Lohengrin an der Grazer Oper zu hören) verfügt über eine flexible, lyrische Tenorstimme ohne Höhenprobleme. Ein ganz spezielles Bravo für Sébastien Soulès: Der Bassbariton konnte mit der dankbaren Rolle des Popolani voll punkten, da ihm diese Tessitura ideal liegt und er seine körperliche Fitness dabei voll ausspielte. Wesentlich blasser blieb Thomas E. Bauer als Graf Oscar, was einerseits dem doch etwas spröden Timbre seiner Baritonstimme, aber auch der undankbareren Rolle zuzuschreiben war. Beim jungen Liebespaar Fleurette/Saphir überwogen die positiven Eindrücke: Gesanglich gestalteten beide fein, Sophie Marin-Degor setzte auch darstellerisch Akzente, als sie blitzschnell das Blumenmädchen hinter sich ließ und sofort als überhebliche Prinzessin die Kehrseite der Medaille zeigte.

Für Markus Schäfer gab einfach die Rolle nicht mehr her, sein heller Tenor blieb aber angenehm in Erinnerung. König und Königin waren bei Cornel Frey und Elisabeth von Magnus in bewährten Händen. Ein Extra-Vorhang für den Arnold Schoenberg Chor (Einstudierung Mihal Kucharko), der nicht nur alle Massenszenen zu einem Erlebnis machte, sondern aus dessen Reihe auch einige Soloparts besetzt wurden. So waren die fünf ermordeten Frauen Blaubarts in der (besonders gut gelungenen) Kerkerszene fünf Chorsängerinnen anvertraut, die ihre Sache so perfekt machten, dass sie hier genannt sein sollen: Shirin Asgari, Kathryn Humphries, Birgit Völker, Irena Krsteska und Carmen Wiederstein. Noch ein Wort zum Thema Sponsoren und Finanzierung von Festspielen: Dass der Sponsor einer Aufführung im Textbuch vorkommt, ist wohl nicht häufig der Fall, wurde aber hier so geschickt gemacht, dass man darüber „Raiffeisen“ gar nicht böse sein konnte. Jubel für das komplette Team!

Fotocopyright: Werner Kmetitsch/Styriarte

Ernst Kopica

 

 

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