KÜNSTLERTREFFEN DER GOTTLOB-FRICK-GESELLSCHAFT
16. und 17. 10. 2010
Musikalische Grüße von der Blumeninsel
Mainau - Am 16. und 17. Oktober veranstaltete
die Gottlob-Frick-Gesellschaft ihr
alljährliches Künstlertreffen, das wieder zahlreiche Sänger vergangener Tage
und ehemalige Weggefährten Fricks anzog. Einmal mehr trafen sie sich in Fricks
Heimatort Ölbronn, um gemeinsam alter Zeiten zu gedenken und glanzvolle
Sternstunden der Oper in der Erinnerung wieder lebendig werden zu lassen. Für
viele von ihnen ist diese Veranstaltung die einzige Möglichkeit, um alte
Freunde und Kollegen wieder zu sehen. Kein Wunder, dass so viele den oft langen
Weg nach Ölbronn nicht scheuten. Karan
Armstrong-Friedrich, Inge Borkh, Helena Jungwirth, Ruth-Margret Pütz, Ortrun
Rothe-Wenkel, Helene Schneiderman, Franz Crass, Kurt Moll, Hans Sotin Franz
Mazura, Cornelius Hauptmann, Wolfgang Brendel, Bernd Weikl, Ekkehard Wlaschiha
und noch viele andere kamen, um dieses einzigartige Fest zu begehen. Wir haben
es hier gleichsam mit einer großen Familie zu tun, der auch Dirigenten,
Intendanten, die Festspielleiterin Eva-Wagner-Pasquier,
Operndirektoren, Musikjournalistin und Opernkritiker angehörten. Sie alle waren
gekommen, um in die für sie künstlerisch und menschlich reiche und bewegende Vergangenheit
zurückzuschauen. An die bereits verstorbenen Mitglieder des illustren Kreises
erinnerte eine im Vorraum der Ölbronner Gemeindehalle angebrachte riesige
Gedenktafel. Für zwei Tage stand der kleine württembergische Geburtsort Fricks
im Zentrum des Musikgeschehens. Es ist ein erklärtes Anliegen der
Gottlob-Frick-Gesellschaft, nicht nur an den großen deutschen Bassisten zu
erinnern, sondern auch das Andenken an alle bedeutenden Sängerinnen und Sänger
und andere Opernschaffende zu wahren. Damit setzt sie nachhaltig „einen
Kontrapunkt zur Schnelllebigkeit und Vergesslichkeit unserer Zeit“ (so die
Gesellschaft in ihren Statuten). Auch dieses Jahr hat die Frick-Gesellschaft
wieder alles getan, um ihren prominenten Gästen den Aufenthalt so unvergesslich
wie möglich zu machen. Man denke nur daran, mit wieviel Liebe die festlich
geschmückte Gemeindehalle in Ölbronn für das Künstlertreffen hergerichtet
wurde. Da haben die Veranstalter ihr ganzes Herzblut eingebracht. Keine Mühe
und Kosten wurden gescheut, um mit einer gemütlichen, reich bestückten
Kaffeetafel und einem glanzvollen mehrgängigen Gala-Buffet aufzuwarten, die den
Gästen neben dem künstlerischen - dazu gleich - auch einen exzellenten Genuss
für den Gaumen boten.
Im
Rahmen eines Festaktes im Mühlehof in Mühlacker erhielten die zum ersten Mal
teilnehmenden Künstler die Gottlob-Frick-Medaille verliehen. Die
Gottlob-Frick-Medaille in Gold, die höchste Auszeichnung der Gesellschaft, ging
dieses Mal an das auf historische Aufnahmen spezialisierte Label Preiser und posthum an dessen im August
verstorbenen Produzenten Jürgen Schmidt,
dessen verdienstvollem Wirken - er hat u. a. die Serie „Lebendige
Vergangenheit“ begründet und damit zahllose historische Sänger wieder in das
Licht der Öffentlichkeit gerückt - in einer Laudatio ehrenvoll gedacht wurde. Ohne
Schmidt würde man heute viele ehemals berühmte Vokalsolisten gar nicht mehr
kennen. Für Frau Schmidt wird die Medaille eine schöne Erinnerung an ihren Mann
sein, dessen herausragende Leistungen nicht hoch genug zu loben sind.
Auf
höchstem Niveau bewegte sich das unter dem Motto „Musikalische Grüsse von der
Blumeninsel Mainau“ stehende Konzert, in dem die Preisträger des von der
Grafenfamilie Bernadotte ins Leben gerufenen - die Gräfinnen Sandra und Christine Bernadotte sowie die Grafen Björn und Christian Bernadotte
gehörten ebenfalls zu den diesjährigen Ehrengästen -, im Zwei-Jahres-Turnus auf
Schloss Mainau stattfindenden Anneliese-Rothenberger-Gesangswettbewerbs
einen Strauß schönster Melodien aus Oper und Operette präsentierten. Was für
hervorragende junge Sänger hatte man an diesem Nachmittag doch aufgeboten! Da
sang einer besser als der andere. Trotz ihres jugendlichen Alters verfügen die
vier Gesangssolisten, die alle sicher einmal eine große Karriere machen werden,
über bestens focussierte, volle und ausdrucksstarke Stimmen. Wie gebannt
lauschte man ihren hochkarätigen Darbietungen. Das war das beste Konzert, das
ich je bei einem Künstlertreffen erlebt habe! Den Anfang machte Kap Sung Ahn, der mit flexiblem und
höhensicherem Bariton die Kavatine des Figaro „Largo al factotum“ aus Rossinis
„Der Barbier von Sevilla“ zum Besten gab und mit spritzigem Spiel begleitete. Wunderbar
emotional und gut auf Linie sang Agnieszka Adamczak die g-Moll Arie der
Pamina „Ach, ich fühl’s, es ist entschwunden“ aus Mozarts „Zaubeflöte“. Locker
und koloraturgewandt erklang aus ihrer goldenen Kehle auch Marguerites
Juwelenarie „O dieu! Que de bijoux“ aus Gounods „Faust“. Prächtiges, ausdrucksstarkes
und ebenmäßig dahinfliessendes
Tenormaterial brachte Thorsten
Büttner in Fausts aus derselben Oper stammendes „Salut! Demeure chaste et
pure“, Alfredos Arie „De’ miei bolenti spiriti“ aus Verdis „La Traviata“ und
„Dein ist mein ganzes Herz“ aus Lehars „Das Land des Lächelns“ ein. V. a.
letzteres geriet ihm meisterhaft. Trotz aller dieser sehr beachtlichen
Leistungen: Die Krone des Nachmittags gebührte Marysol Schalit, die sich mit bestens sitzendem, frischem und äußerst
gewandtem Sopran in die Herzen des begeisterten Auditoriums sang und schnell
zum Publikumsliebling avancierte. Bereits bei ihrer ersten Darbietung, der Arie
des Ännchen „Kommt ein schlanker Bursch gegangen“ aus Webers „Freischütz“,
horchte man erstaunt auf. Was war das doch für eine kräftige, ausdrucksvolle
und tiefgründige Stimme, die da ertönte und dieses Stück, das sonst eine Domäne
eher leichterer Sopranistinnen ist, mit ungeheurer Spontaneität und Heiterkeit darbot
- Aspekte, die auch bei ihren Präsentationen von Oscars Kanzone „Saper
vorreste“ aus Verdis „Maskenball“ und Adeles „Spiel ich die Unschuld vom Lande“
aus Strauß’ „Fledermaus“ nur allzu offenkundig wurden. Es war wirklich eine wahre
Freude, ihr zuzuhören – und zuzusehen! Diese talentierte junge Sängerin nennt auch
eine treffliche schauspielerische Ader ihr Eigen, die sie ungemein mitreißend auszuspielen
verstand. Jede ihrer Darbietungen begleitete sie mit frischem, ungekünsteltem
und sehr natürlich wirkendem Spiel, das schließlich den Funken auf die
begeisterten Zuschauer überspringen ließ. Das Adele-Lied musste sie auf
vielfachen Wunsch als Zugabe noch einmal wiederholen. Insgesamt ist zu sagen:
Hier wächst wahrlich ausgezeichneter Sänger-Nachwuchs nach, auf dessen weitere
Entwicklung man gespannt sein kann. Den vier jungen Talenten war das Heilbronner Sinfonie Orchester unter
der Leitung seines Dirigenten Peter
Braschkat ein verlässlicher Begleiter. Indes hatten die Musiker auch reichlich
Gelegenheit, sich selber zu präsentieren. Gleich zu Beginn wurde die Ouvertüre
zu Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ imposant zu Gehör gebracht. Die
orchestralen Höhepunkte kamen aber erst: Wunderbar, wie die gut gelaunten
Instrumentalisten feurig und mit großem Schwung den Faustwalzer spielten und
auch andere Ballettmusik aus Gounods Oper mit viel Esprit darboten. Schwungvoll
erklangen die von Johann Strauß (Sohn) stammenden Polkas „Ballsträußchen“ und
„Stürmisch in Lieb und Tanz“. Sehr sehnsuchtsvoll und klangschön lotete der
Dirigent das Vorspiel zu Verdis „La Traviata“ aus. Dieses phantastische Konzert
wird jedem Zuhörer wohl noch lange in Erinnerung bleiben. Als besonderes
Schmankerl wurde eine Fernsehaufzeichnung von Fricks grandios gesungenem „Rondo
vom goldenen Kalb“ des Gounod’schen Mephisto eingeblendet.
Den
Abschluss des Künstlertreffens bildete am Morgen des 17. Oktober eine Matinee,
in der die Sängerinnen Karan
Armstrong-Friedrich und KS Ruth
Margret Pütz nacheinander von Operndirektor Klaus Rak und dem Vizepräsidenten der Gottlob-Frick-Gesellschaft, Hans A. Hey, interviewt wurden, dabei munter aus dem Nähkästchen plauderten
und mit so mancher lustigen Anekdote aus ihrem bewegten Gesangsleben
aufwarteten. Mit einem kleinen Imbiss endete die abwechslungsreiche Veranstaltung, die - wie
jedes Jahr - unter dem Motto des Hans Sachs „Verachtet mir die Meister nicht“
aus Wagners „Meistersingern“ stand. Konkretisierend könnte man noch hinzufügen:
„Ehrt die alten Sänger und gedenkt ihrer Kunst“. Auf das nächste
Künstlertreffen am 15. und 16. Oktober 2011 kann man sich jetzt schon freuen!
Vielen herzlichen Dank an die Gottlob-Frick-Gesellschaft für dieses schöne
Wochenende.
Ludwig
Steinbach