NABUCCO
am 31.10.
Ganz
der Tradition verhaftet ist dieser Nabucco in der Inszenierung von Hero
Lupescu und der Ausstattung von George Doresenco. Jerusalem wird durch
eine Menora und ein paar Säulen angedeutet, Babylon durch zwei
Torflügel mit dem Konterfei Nebukadnezars. Die Kostüme verweisen in
Ansätzen auf die Bekleidung der beiden Völker Israel und Assyrien gegen
Ende des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. In der Titelrolle feierte
Eugen Secobeanu, ausgestattet mit einem metallischen Heldenbariton und
der für den babylonischen Usurpator notwendigen Modulationsfähigkeit
und Geschmeidigkeit in der Stimmführung, sein erfolgreiches
Rollendebüt. Der Sänger des Zaccaria/Pompeiu Hărăşteanu war gleich bei
seinem ersten Bühnenauftritt der erklärte Liebling des Bukarester
Publikums und wurde mit nicht nachvollziehbaren Applausovationen
überhäuft, dabei wirkte seine Stimme gerade zu Beginn sehr brüchig.
Teodor Ilincăi erbrachte in der Rolle des Ismael ein mehr als
respektables Debüt. Er verfügt über einen jugendlich leichten Tenor,
musste allerdings in den hohen Lagen stark forcieren. Mariana Colpoş
war eine dynamisch agierende Abigaille, die keinerlei Schwierigkeiten
mit den zahlreichen Intervallsprüngen hatte. In den Ensembleszenen
bewies sie jedoch weniger Durchschlagskraft und konnte den von Stelian
Olariu bestens einstudierten Chor kaum übertönen. Oana Andra meisterte
auf Grund ihres hervorragend ausgebildeten Mezzosoprans die aufgrund
der hohen Lage sehr anspruchsvolle Partie der Fenena wunderbar. Neben
Marius Boloş als Hoherpriester des Baal und Simona Neagu als Anna
verblüffte Liviu Indricău mit seinem Rollendebüt als Abdallo in
gesanglicher Hinsicht durch äußerst intensiven Vortrag und engagiertem
Bühnenspiel. Doina Andronache kreierte die von Mădălina Slăteanu, Raul
Oprea und Vicenţiu Popescu vorgeführten Tempeltänze.
Dirigent
Cornel Trăilescu lotete die feinen Nuancen der Partitur dieses
Frühwerkes von Verdi mit dem engagiert spielenden Orchester behutsam
aus. Der Regisseur ließ die Chöre auf der Bühne häufig auf- und
abschreiten. Ruhe trat da erst dann ein, wenn die Protagonisten
auftraten. Der Liebling jedes Wunschkonzertes, der berühmte
Gefangenenchor „Va', pensiero, sull'ale dorate“ im dritten Akt, wurde
zu einem wirklichen Glanzstück, sowohl in gesanglicher Hinsicht als
auch in der durch choreographierten Bewegung der gefangenen Hebräer.
Der Zuschauerraum war bis auf wenige freie Plätze gefüllt. Zum einen,
weil Nabucco mit seinen vielen Gassenhauern ein wahrer Bühnenrenner
ist, zum anderen, weil die Vorstellung am beginnenden Wochenende, einem
Freitag, angesetzt war. Die Abendvorstellungen in der Bukarester
Staatsoper beginnen gewöhnlich um 18.30 Uhr. Das Publikum war von den
Darbietungen der Sänger, Tänzer und des Orchesters derart begeistert,
dass es sich wieder zu stehendem langen Applaus hingerissen
fühlte.
Harald Lacina
LUCIA DI LAMMERMOOR
am 1.11.
Eine
äußerst somnambule Lucia, dramatisch im Kern und zugleich lyrisch im
Schmelz, bot sich dem Publikum dieses Abends in der ausgezeichneten
Mihaela Stanciu. Bereits in der Ouvertüre wird das Konzept des
bulgarischen Regisseurs Ognian Draganoff klar: Lucia lebt in einer
Irrenanstalt unweit eines Friedhofs und erhält von ihrem wie ein Arzt
gekleideten Bruder, Lord Enrico Asthon, Beruhigungsspritzen
verabreicht. Sie erlebt die eigentliche Handlung der Oper rückblickend
als einen Traum. In dieser Traumwelt kann ihr geliebter Edgardo di
Ravenswood wie Apoll auf seinem von Engeln gezogenen goldenen Wagen
auch mitten in die Vermählungszeremonie zwischen Lucia und Sir Arturo
Buklaw hineinplatzen. Der mexikanische Tenor Hector Lopez als Edgardo
ist auch optisch ein wahrer Apoll. Seine eher lyrische Stimme erweist
sich über weite Strecken als tragfähig, lediglich in den dramatischen
Passagen ist er hörbar gefordert. Ştefan Ignat als Enrico Asthon ist
ein berechnender, skrupelloser Wendehals, den das Glück seiner
Schwester Lucia völlig kalt lässt. Bei seiner große Arie im ersten Akt
„Cruda... funesta smania“ überzeugte er mit einem besonders langen
Finalton. Vlad Miriţă fiel die undankbare, aber dramaturgisch wichtige
Rolle des ungeliebten Angetrauten Lucias, Lord Arturo Ravenswood, zu.
Verständlich, dass Donizetti ihm keine größere Arie in die Kehle
geschrieben hat. Mihnea Lamatic stattete den fürsorglichen Erzieher
Lucias, Raimondo Bidebent, mit einer warmen Bassstimme aus, die er
sattsam in seiner großen Arie mit Lucia „Deh, t’arrendi, o pi?
Sciagure“ unter Beweis stellen konnte. Antonela Bărnat war Alisa, die
Vertraute Lucias, und trat in dieser Inszenierung als Krankenschwester,
besorgt um den nervlich überreizten Zustand ihrer Freundin, auf. Mit
ihrem warmen, weich geführten und samtigen Mezzosopran war sie immer
bemüht, die leidenschaftlichen Gefühlsausbrüche Lucias zu besänftigen.
Der Normanno wurde von dem Tenor Lucian Corchiş rollengerecht
abgedeckt. In der Titelrolle gelang Mihaela Stanciu eine subtile wie
intensive, berührende Rollengestaltung, die Pathos und Leidenschaft
richtig dosiert einzusetzen verstand. Schon bei ihrer ersten großen
Arie “Regnava nel silenzio” vermochte sie das Publikum zu frenetischem
Applaus hinzureißen, der völlig berechtigt war. In der Wahnsinnsszene
erklang ihre herrliche Stimme gerade im Zwiegesang mit der Flöte
besonders empfindsam. Dass sie dann auf das Es’’’ nach der Kadenz
verzichtete, mag ihre Gesamtleistung nicht zu beeinträchtigen. Bleibt
noch der wieder bestens von Stelian Olariu geführte Chor und das
Orchester zu erwähnen, das unter dem Dirigat von Răsvan Cernat
empfindsam im Bel Canto schwelgte. Der Dirigent lotete dabei sensibel
die der Partitur immanenten rhythmischen wie klanglichen Ausdruckswerte
aus. Ein großer, wie immer stehend dargebotener Applaus bedankte die
Leistungen aller Mitwirkenden,
Harald Lacina
MADAMA BUTTERFLY
am 2.11.
Bühnenbildner
Theodor Kiriakoff-Suruceanu stellte eine japanisierende praktikable
Szenerie auf die Drehbühne. Ein Garten, eine kleine Brücke, links eine
Veranda über die man in das Haus von Cio-Cio-San gelangt. Die von Elena
Feodorov entworfenen Kostüme sind traditionell und mögen in Japan zu
Beginn des 20. Jhds getragen worden sein. Madeleine Pascu ist eine
äußerst dramatische Butterfly. Ihr voluminöser Sopran erinnert weiland
an die herrlich orgelnde Gabriele Schnaut. Sie besitzt ein ähnliches,
leicht dunkel gefärbtes Timbre, das metallischen Glanz ausstrahlt.
Hinreißend war ihre Darstellung der liebenden wie leidenden Frau und
Mutter. Eine so intensive Rollengestaltung habe ich in den letzten
Jahren kaum bei einer anderen Sängerin dieser Partie beobachten können,
allerdings waren darunter vornehmlich lyrische Soprane. Nun habe ich
eine hochdramatische erleben dürfen, die das Zeug zu einer Abigaille,
Turandot oder Brünnhilde hätte! Ihr herzergreifender Abschied von ihrem
Kind und dann die rituelle Selbsttötung (von einer Frau ausgeführt:
jigai) mit dem Kwaiken, einem kleinen Messer für den rituellen
Selbstmord von Frauen, wurden von dieser Ausnahmekünstlerin einfach
großartig umgesetzt und voller Expressivität vorgeführt! Bravissimo!!!
Leider
hatte sie in Mihai Lazăr als Pinkerton keinen annähernd ebenbürtigen
Partner zur Seite. Er presste und stemmte, was das Zeug hielt und
folglich machten sich auch mehrere Registereinbrüche unschön bemerkbar.
Auch die Suzuki von Adriana Alexandru hörte sich bisweilen heiser und
kreischend an. Lediglich Ionuţ Pascu als Sharpless vermochte mit seinem
kräftigen Bariton halbwegs Paroli zu bieten, sodass die Szenen zwischen
diesen beiden Sängern zum Besten gehörten, was an diesem Abend von der
Bühne in den Zuschauerraum drang. Die kleineren Rollen wurden von
Gabriela Drăguşin/Kate, Valentin Racoveanu/Goro Nakodo, Florin
Simionca/Yamadori, Horia Chişiu/Kaiserlicher Kommissar, Mihai
Iacob/Standesbeamter und Irina Vîlcea/Butterflys Kind rollengerecht
interpretiert.
Dirigent
Răsvan Cernat kostete Puccinis melodienreiche Partitur mit spannenden,
lang gezogenen Tempi in den lyrischen Passagen genussvoll aus und der
wie immer famos singende Chor unter der Leitung von Stelian Olariu
ließen diesen Abend aus der Rückschau betrachtet zum Höhepunkt einer
Reise in die rumänische Hauptstadt
machen.
Harald Lacina
MANON LESCAUT
– 30.10.
Während
des 2. Weltkriegs wurde das erste feststehende Opernhaus Bukarests aus
dem Jahr 1919 bis auf das - heute in einen modernen Hotelkomplex
integrierte - Portal – zerstört. Das neue Opernhaus nach Entwürfen des
rumänischen Architekten und Stadtplaners Octav Doicescu (1902-1981) aus
dem Jahr 1953 wurde in einer schönen Gartenanlage errichtet. Zur
feierlichen Eröffnung am 9. Januar 1954 gab man Tschaikowskys Pique
Dame. Das Gebäude weist Ähnlichkeiten mit der Mailänder Scala und dem
Teatro Lirico Giuseppe Verdi in Triest auf. Vor dem Theater befindet
sich ein Denkmal des größten rumänischen Komponisten George Enescu
(1881-1955), welches von Ion Jalea (1887–1983) stammt. In das
repräsentative Foyer mit einem prächtigen Stiegenaufgang gelangt man
durch drei Arkaden. Der halbkreisförmige Zuschauerraum wird durch Logen
im Parterre und erstem Rang und einem Balkon darüber begrenzt und
bietet 1200 Besuchern bequem Platz. Die Dekorationen im Inneren mit
ihrer Mischung aus italienisch-venezianischen und orientalischen
Stilelementen orientieren sich am so genannten Neo-Brâncoveanu-Stil.
Es
ist ein Wochentag und das Theater ist schlecht besucht. Der dortzulande
übliche Brauch, während einer Vorstellung den Platz für ein
Telefongespräch kurzfristig zu verlassen, scheint hier niemanden
wirklich zu stören! Das Management kann dem nicht entgegensteuern, denn
trotz eines guten Ensembles ist die Auslastung gering. Gemessen an den
Eintrittpreisen der Wiener Staatsoper scheinen die Billets billig, doch
das täuscht, wenn man sich vor Augen hält, dass die Monatsgage eines
Solisten etwa 600 Euro (!) beträgt. Bei dieser wirtschaftlich
angespannten Situation überrascht das hohe künstlerische Niveau, das an
den besuchten Abenden durchwegs geboten wurde. Da ist zunächst einmal
das Orchester, das unter dem talentierten jungen Dirigenten Tiberio
Soare Puccini vom Besten aufspielte. Dazu gesellte sich der von Stelian
Olariu exzellent einstudierte Chor. In der Titelrolle war mit Dorina
Cheşei eine Sängerin zu erleben, die alle Facetten dieser liebenden wie
leidenden Heldin eindrucksvoll verkörperte. Ihr Sopran war
ausdrucksstark im forte und berührend im piano. Leider war der
peruanische Gastsänger des Des Grieux, Percy Martinez, kein annähernd
ebenbürtiger Partner. Seine Stimme verfügte über kein besonders schönes
Timbre und er erreichte auch die Spitzentöne nur mit äußerster
Kraftanstrengung. Interessant die scharfe Intonation des von Iordache
Basalic gesungenen schleimigen wie hinterhältigen Lescaut. Die übrigen
Rollen wurden von den Mitgliedern des Ensembles respektabel gesungen
und darstellerisch adäquat verkörpert: Ştefan Schuller/Geronte, Mihai
Lazăr/Edmond, Antonela Bărnat/Musiker, Florin Simionca/Sergeant der
Bogenschützen, Radu Pintilie/Kapitän und Lucian Corchiş in der
Doppelrolle des Ballettmeisters und Lampenanzünders.
Regisseurin
Anda Tăbăcaru Hogea verlegte die Handlung in das Ende des 19.
Jahrhunderts, zu der Catalin I. Arbore eine mondäne Hotelhalle im Art
Déco des fin de siècle auf die Bühne stellte. Die Farben rot, weiß und
schwarz dominieren. Lediglich die Stühle sind in gold ausgeführt.
Lescaut, bekleidet mit einer Art von Pierrrotkostüm, schart eine
Commedia dell’arte Truppe um sich. Aus der Wüste von New Orleans im
vierten Akt ist ein Kastell geworden. In dieser Interpretation nimmt
Manon schon fast die Bearbeitung von Henzes Boulevard Solitude vorweg.
Die anmutige Choreographie für die Balletteinlagen stammte von Mihai
Babuska. Die Solisten waren Bianca Fota und Gigi Ungureanu.
Überraschend und ungewohnt war die Reaktion des Publikums am Ende der
Vorstellung. Wie von einem geheimen Chorgeist ergriffen, wurde allen
Künstlern stehend Applaus gespendet. Andere Länder – andere Sitten. Der
Abend war interessant und einen Besuch des Opernhauses anlässlich eines
Besuches in Bukarest sollte man unbedingt einplanen!
Harald Lacina