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Copyright: Peter Klier

NABUCCO

am 31.10.

Ganz der Tradition verhaftet ist dieser Nabucco in der Inszenierung von Hero Lupescu und der Ausstattung von George Doresenco. Jerusalem wird durch eine Menora und ein paar Säulen angedeutet, Babylon durch zwei Torflügel mit dem Konterfei Nebukadnezars. Die Kostüme verweisen in Ansätzen auf die Bekleidung der beiden Völker Israel und Assyrien gegen Ende des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. In der Titelrolle feierte Eugen Secobeanu, ausgestattet mit einem metallischen Heldenbariton und der für den babylonischen Usurpator notwendigen Modulationsfähigkeit und Geschmeidigkeit in der Stimmführung, sein erfolgreiches Rollendebüt. Der Sänger des Zaccaria/Pompeiu Hărăşteanu war gleich bei seinem ersten Bühnenauftritt der erklärte Liebling des Bukarester Publikums und wurde mit nicht nachvollziehbaren Applausovationen überhäuft, dabei wirkte seine Stimme gerade zu Beginn sehr brüchig. Teodor Ilincăi erbrachte in der Rolle des Ismael ein mehr als respektables Debüt. Er verfügt über einen jugendlich leichten Tenor, musste allerdings in den hohen Lagen stark forcieren. Mariana Colpoş war eine dynamisch agierende Abigaille, die keinerlei Schwierigkeiten mit den zahlreichen Intervallsprüngen hatte. In den Ensembleszenen bewies sie jedoch weniger Durchschlagskraft und konnte den von Stelian Olariu bestens einstudierten Chor kaum übertönen. Oana Andra meisterte auf Grund ihres hervorragend ausgebildeten Mezzosoprans die aufgrund der hohen Lage sehr anspruchsvolle Partie der Fenena wunderbar. Neben Marius Boloş als Hoherpriester des Baal und Simona Neagu als Anna verblüffte Liviu Indricău mit seinem Rollendebüt als Abdallo in gesanglicher Hinsicht durch äußerst intensiven Vortrag und engagiertem Bühnenspiel. Doina Andronache kreierte die von Mădălina Slăteanu, Raul Oprea und Vicenţiu Popescu vorgeführten Tempeltänze.

Dirigent Cornel Trăilescu lotete die feinen Nuancen der Partitur dieses Frühwerkes von Verdi mit dem engagiert spielenden Orchester behutsam aus. Der Regisseur ließ die Chöre auf der Bühne häufig auf- und abschreiten. Ruhe trat da erst dann ein, wenn die Protagonisten auftraten. Der Liebling jedes Wunschkonzertes, der berühmte Gefangenenchor „Va', pensiero, sull'ale dorate“ im dritten Akt, wurde zu einem wirklichen Glanzstück, sowohl in gesanglicher Hinsicht als auch in der durch choreographierten Bewegung der gefangenen Hebräer. Der Zuschauerraum war bis auf wenige freie Plätze gefüllt. Zum einen, weil Nabucco mit seinen vielen Gassenhauern ein wahrer Bühnenrenner ist, zum anderen, weil die Vorstellung am beginnenden Wochenende, einem Freitag, angesetzt war. Die Abendvorstellungen in der Bukarester Staatsoper beginnen gewöhnlich um 18.30 Uhr. Das Publikum war von den Darbietungen der Sänger, Tänzer und des Orchesters  derart begeistert, dass es sich wieder zu stehendem langen Applaus hingerissen fühlte.                                                             

Harald Lacina

 

LUCIA DI LAMMERMOOR

am 1.11.

  Eine äußerst somnambule Lucia, dramatisch im Kern und zugleich lyrisch im Schmelz, bot sich dem Publikum dieses Abends in der ausgezeichneten Mihaela Stanciu.  Bereits in der Ouvertüre wird das Konzept des bulgarischen Regisseurs Ognian Draganoff klar: Lucia lebt in einer Irrenanstalt unweit eines Friedhofs und erhält von ihrem wie ein Arzt gekleideten Bruder, Lord Enrico Asthon, Beruhigungsspritzen verabreicht. Sie erlebt die eigentliche Handlung der Oper rückblickend als einen Traum. In dieser Traumwelt kann ihr geliebter Edgardo di Ravenswood wie Apoll auf seinem von Engeln gezogenen goldenen Wagen auch mitten in die Vermählungszeremonie zwischen Lucia und Sir Arturo Buklaw hineinplatzen. Der mexikanische Tenor Hector Lopez als Edgardo ist auch optisch ein wahrer Apoll. Seine eher lyrische Stimme erweist sich über weite Strecken als tragfähig, lediglich in den dramatischen Passagen ist er hörbar gefordert. Ştefan Ignat als Enrico Asthon ist ein berechnender, skrupelloser Wendehals, den das Glück seiner Schwester Lucia völlig kalt lässt. Bei seiner große Arie im ersten Akt „Cruda... funesta smania“ überzeugte er mit einem besonders langen Finalton. Vlad Miriţă fiel die undankbare, aber dramaturgisch wichtige Rolle des ungeliebten Angetrauten Lucias, Lord Arturo Ravenswood, zu. Verständlich, dass Donizetti ihm keine größere Arie in die Kehle geschrieben hat. Mihnea Lamatic stattete den fürsorglichen Erzieher Lucias, Raimondo Bidebent, mit einer warmen Bassstimme aus, die er sattsam in seiner großen Arie mit Lucia „Deh, t’arrendi, o pi? Sciagure“ unter Beweis stellen konnte. Antonela Bărnat war Alisa, die Vertraute Lucias, und trat in dieser Inszenierung als Krankenschwester, besorgt um den nervlich überreizten Zustand ihrer Freundin, auf. Mit ihrem warmen, weich geführten und samtigen Mezzosopran war sie immer bemüht, die leidenschaftlichen Gefühlsausbrüche Lucias zu besänftigen. Der Normanno wurde von dem Tenor Lucian Corchiş rollengerecht abgedeckt. In der Titelrolle gelang Mihaela Stanciu eine subtile wie intensive, berührende Rollengestaltung, die Pathos und Leidenschaft richtig dosiert einzusetzen verstand. Schon bei ihrer ersten großen Arie “Regnava nel silenzio” vermochte sie das Publikum zu frenetischem Applaus hinzureißen, der völlig berechtigt war. In der Wahnsinnsszene erklang ihre herrliche Stimme gerade im Zwiegesang mit der Flöte besonders empfindsam. Dass sie dann auf das Es’’’ nach der Kadenz verzichtete, mag ihre Gesamtleistung nicht zu beeinträchtigen. Bleibt noch der wieder bestens von Stelian Olariu geführte Chor und das Orchester zu erwähnen, das unter dem Dirigat von Răsvan Cernat empfindsam im Bel Canto schwelgte. Der Dirigent lotete dabei sensibel die der Partitur immanenten rhythmischen wie klanglichen Ausdruckswerte aus. Ein großer, wie immer stehend dargebotener Applaus bedankte die Leistungen aller Mitwirkenden,                            

Harald Lacina

 

MADAMA BUTTERFLY

am  2.11.

  Bühnenbildner Theodor Kiriakoff-Suruceanu stellte eine japanisierende praktikable Szenerie auf die Drehbühne. Ein Garten, eine kleine Brücke, links eine Veranda über die man in das Haus von Cio-Cio-San gelangt. Die von Elena Feodorov entworfenen Kostüme sind traditionell und mögen in Japan zu Beginn des 20. Jhds getragen worden sein. Madeleine Pascu ist eine äußerst dramatische Butterfly. Ihr voluminöser Sopran erinnert weiland an die herrlich orgelnde Gabriele Schnaut. Sie besitzt ein ähnliches, leicht dunkel gefärbtes Timbre, das metallischen Glanz ausstrahlt. Hinreißend war ihre Darstellung der liebenden wie leidenden Frau und Mutter. Eine so intensive Rollengestaltung habe ich in den letzten Jahren kaum bei einer anderen Sängerin dieser Partie beobachten können, allerdings waren darunter vornehmlich lyrische Soprane. Nun habe ich eine hochdramatische erleben dürfen, die das Zeug zu einer Abigaille, Turandot oder Brünnhilde hätte! Ihr herzergreifender Abschied von ihrem Kind und dann die rituelle Selbsttötung (von einer Frau ausgeführt: jigai) mit dem  Kwaiken, einem kleinen Messer für den rituellen Selbstmord von Frauen, wurden von dieser Ausnahmekünstlerin einfach großartig umgesetzt und voller Expressivität vorgeführt! Bravissimo!!!

Leider hatte sie in Mihai Lazăr als Pinkerton keinen annähernd ebenbürtigen Partner zur Seite. Er presste und stemmte, was das Zeug hielt und folglich machten sich auch mehrere Registereinbrüche unschön bemerkbar. Auch die Suzuki von Adriana Alexandru hörte sich bisweilen heiser und kreischend an. Lediglich Ionuţ Pascu als Sharpless vermochte mit seinem kräftigen Bariton halbwegs Paroli zu bieten, sodass die Szenen zwischen diesen beiden Sängern zum Besten gehörten, was an diesem Abend von der Bühne in den Zuschauerraum drang. Die kleineren Rollen wurden von Gabriela Drăguşin/Kate, Valentin Racoveanu/Goro Nakodo, Florin Simionca/Yamadori, Horia Chişiu/Kaiserlicher Kommissar, Mihai Iacob/Standesbeamter und Irina Vîlcea/Butterflys Kind rollengerecht interpretiert.

Dirigent Răsvan Cernat kostete Puccinis melodienreiche Partitur mit spannenden, lang gezogenen Tempi in den lyrischen Passagen genussvoll aus und der wie immer famos singende Chor unter der Leitung von Stelian Olariu ließen diesen Abend aus der Rückschau betrachtet zum Höhepunkt einer Reise in die rumänische Hauptstadt machen.                                                           

 Harald Lacina

 

MANON LESCAUT

– 30.10.

  Während des 2. Weltkriegs wurde das erste feststehende Opernhaus Bukarests aus dem Jahr 1919 bis auf das - heute in einen modernen Hotelkomplex integrierte - Portal – zerstört. Das neue Opernhaus nach Entwürfen des rumänischen Architekten und Stadtplaners Octav Doicescu (1902-1981) aus dem Jahr 1953 wurde in einer schönen Gartenanlage errichtet. Zur feierlichen Eröffnung am 9. Januar 1954 gab man Tschaikowskys Pique Dame. Das Gebäude weist Ähnlichkeiten mit der Mailänder Scala und dem Teatro Lirico Giuseppe Verdi in Triest auf. Vor dem Theater befindet sich ein Denkmal des größten rumänischen Komponisten George Enescu (1881-1955), welches von Ion Jalea (1887–1983) stammt. In das repräsentative Foyer mit einem prächtigen Stiegenaufgang gelangt man durch drei Arkaden. Der halbkreisförmige Zuschauerraum wird durch Logen im Parterre und erstem Rang und einem Balkon darüber begrenzt und bietet 1200 Besuchern bequem Platz. Die Dekorationen im Inneren mit ihrer Mischung aus italienisch-venezianischen und orientalischen Stilelementen orientieren sich am so genannten Neo-Brâncoveanu-Stil.

Es ist ein Wochentag und das Theater ist schlecht besucht. Der dortzulande übliche Brauch, während einer Vorstellung den Platz für ein Telefongespräch kurzfristig zu verlassen, scheint hier niemanden wirklich zu stören! Das Management kann dem nicht entgegensteuern, denn trotz eines guten Ensembles ist die Auslastung gering. Gemessen an den Eintrittpreisen der Wiener Staatsoper scheinen die Billets billig, doch das täuscht, wenn man sich vor Augen hält, dass die Monatsgage eines Solisten etwa 600 Euro (!) beträgt. Bei dieser wirtschaftlich angespannten Situation überrascht das hohe künstlerische Niveau, das an den besuchten Abenden durchwegs geboten wurde. Da ist zunächst einmal das Orchester, das unter dem talentierten jungen Dirigenten Tiberio Soare Puccini vom Besten aufspielte. Dazu gesellte sich der von Stelian Olariu exzellent einstudierte Chor. In der Titelrolle war mit Dorina Cheşei eine Sängerin zu erleben, die alle Facetten dieser liebenden wie leidenden Heldin eindrucksvoll verkörperte. Ihr Sopran war ausdrucksstark im forte und berührend im piano. Leider war der peruanische Gastsänger des Des Grieux, Percy Martinez, kein annähernd ebenbürtiger Partner. Seine Stimme verfügte über kein besonders schönes Timbre und er erreichte auch die Spitzentöne nur mit äußerster Kraftanstrengung. Interessant die scharfe Intonation des von Iordache Basalic gesungenen schleimigen wie hinterhältigen Lescaut. Die übrigen Rollen wurden von den Mitgliedern des Ensembles respektabel gesungen und darstellerisch adäquat verkörpert: Ştefan Schuller/Geronte, Mihai Lazăr/Edmond, Antonela Bărnat/Musiker, Florin Simionca/Sergeant der Bogenschützen, Radu Pintilie/Kapitän und Lucian Corchiş in der Doppelrolle des Ballettmeisters und Lampenanzünders.

Regisseurin Anda Tăbăcaru Hogea verlegte die Handlung in das Ende des 19. Jahrhunderts, zu der Catalin I. Arbore eine mondäne Hotelhalle im Art Déco des fin de siècle auf die Bühne stellte. Die Farben rot, weiß und schwarz dominieren. Lediglich die Stühle sind in gold ausgeführt. Lescaut, bekleidet mit einer Art von Pierrrotkostüm, schart eine Commedia dell’arte Truppe um sich. Aus der Wüste von New Orleans im vierten Akt ist ein Kastell geworden. In dieser Interpretation nimmt Manon schon fast die Bearbeitung von Henzes Boulevard Solitude vorweg. Die anmutige Choreographie für die Balletteinlagen stammte von Mihai Babuska. Die Solisten waren Bianca Fota und Gigi Ungureanu. Überraschend und ungewohnt war die Reaktion des Publikums am Ende der Vorstellung. Wie von einem geheimen Chorgeist ergriffen, wurde allen Künstlern stehend Applaus gespendet. Andere Länder – andere Sitten. Der Abend war interessant und einen Besuch des Opernhauses anlässlich eines Besuches in Bukarest sollte man unbedingt einplanen!                                                 

Harald Lacina

 

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