www.ruhrtriennale.de/

Tristan und Isolde
3. September 2011 (Premiere am 27. August)
Mit Richard Wagners Musikdarama Tristan und Isolde beschloss Willy Decker seine drei Jahre dauernde künstlerische Leitung der Ruhrtriennale. Die drei Weltreligionen gaben jeder Spielzeit ihr eigenes Gepräge, nach Judentum und Christentum stand heuer der Buddhismus im Mittelpunkt. Und da lag es natürlich nahe auf Wagners Befassung mit der asiatischen Philosophie einzugehen. Das (übrigens ausgezeichnete) Programmheft zitiert aus einem Brief Wagners an Mathilde Wesendonck: „Sehnsüchtig blicke ich oft nach dem Land Nirwana. Doch Nirwana wird mir schnell wieder Tristan. Sie kennen die buddhistische Weltentstehungstheorie: Ein Hauch trübt die Himmelsklarheit, schwillt an, verdichtet sich und in undurchdringlicher Massenhaftigkeit steht endlich die ganze Welt wieder vor mir.“

Copyright alle Bilder: Paul Leclaire
Eigentlich ist es absurd, dass Wagner sein handlungsärmstes Stück im Untertitel als „Handlung“ bezeichnet. Decker reduzierte das Drama in eindrucksvoller Weise. Er bediente sich dazu des Bühnenbildes von Wolfgang Gussmann. Dieser schuf zwei weiße Platten, die hydraulisch bewegt werden und quasi in Zeitlupe während der drei Akte immer wieder ihre Position verändern. Dem Zuseher werden damit unendliche Assoziationsketten geliefert und gerade diese Veränderungen machen das Verfolgen des Dramas spannend. Die Industriehalle in Bochum wird in ausgewählten Momenten ideal einbezogen. Etwa am Ende des zweiten Aktes, als die Liebesnacht jäh durch das Erscheinen der Jagdgesellschaft beendet wird und die intime Szene von der grell erleuchteten Maschinenhalle abgelöst wird.
Der anfangs im Hintergrund leuchtende Mond verschwindet im letzten Akt, womit ins Nirwana übergeleitet wird, ohne Zeit und Raum. Am Ende schließen sich auch die beiden weißen Platten, Isolde schwebt über dem Orchestergraben auf einer Rampe, wo sie lächelnd den Liebestod erwartet. In jedem Akt gibt es Videoproduktionen von fettFilm (die Videokünstler sind von ihren Arbeiten in Salzburg, Bayreuth oder Wien ja bestens bekannt), die von der Handlung allerdings nicht störend ablenken, sondern freie Assoziationen liefern. Erwähneswert ist auch die Lichtgestaltung durch Andreas Grüter sowie das Sounddesign von Holger Schwark und Stefan Holtz, die alle akustischen Schwierigkeiten des Industriedenkmals Jahrhunderthalle vergessen machen.

Die Personenführung Deckers fesselte das Publikum, das über fünf Stunden in gebannter Spannung verharrte. Welcher Bühnenhase Decker ist, bewies er auch bei den Standorten der Sänger in den Ensembles, die an Familienaufstellungen (nach Bert Hillinger) erinnerten. Diesem szenischen Konzept gab Kirill Petrenko das notwendige musikalische Gefüge. Der künftige GMD der Bayerischen Staatsoper begann verhalten, fast kammermusikalisch, steigerte die Lautstärke nur zu den wirklichen Höhepunkten und gab so den Sängern den Raum lyrisch und leise phrasieren zu können. Die Duisburger Philharmoniker folgen ihrem Dirigenten in jeder Sekunde, kosten auch die (ungewohnt langen) Generalpausen aus und musizieren auf allerhöchstem Niveau. Besonders die Holzbläser sowie die ersten Geigen begeisterten mich. Als Wiener, der an mehr als 50 Abenden im Jahr die Wiener Philharmoniker hören darf, ist man zunächst über dieses Orchester überrascht, dann aber nur mehr begeistert.

Was treibt eigentlich einen Wiener Kritiker nach Bochum? Nun, in meinem Fall war es die ursprüngliche Besetzung der Brangäne mit Elisabeth Kulman, deren Karriere ich nun doch schon seit geraumer Zeit intensiv und begeistert verfolge. Da sie aber bei einer (offenbar intensiven) Probe im Juli einen Schlag auf den Kehlkopf erlitt und Sprech- und Singverbot bekam, musste sie die Partie zurücklegen. An ihrer Stelle sang nun Claudia Mahnke diese Rolle. Nach anfänglicher Unruhe fand ihre Stimme dann aber die nötige Leidenschaft, um ihrer Herrin Isolde eindringlich alle drohenden Gefahren (vergeblich) vor Augen zu führen. Der Tristan stets ergebene Kurwenal wurde von Alejandro Marco-Buhrmester gesungen, dessen warmer Bariton für diese Rolle fast zu schön war. Und dafür, dass Marco-Buhrmester auch hervorragend aussieht und man aus diesem Grund vermuten könnte, er müsste eigentlich der geliebte Held sein, ja dafür kann er wirklich nichts.
Stephen Milling ließ seinen wunderbaren Bass einfach nur strömen und gab damit dem König Marke sein klares Profil. Boris Grappe (als Fiesling Melot), Thomas Ebenstein (Seemann und Hirte) sowie Martin Gerke (Steuermann) waren durchaus imstande ihren kleinen Rollen ein eigenes Profil zu geben.
Ob Christian Franz von seinem Aussehen her der ideale Tristan ist bleibe daahingestellt (vielleicht hätte er sich doch zumindest seinen nicht gerade vorteilhaften Bart abrasieren lassen können), von seinen stimmlichen Qualitäten und seiner Phrasierungskunst her kann man sich schwerlich einen besseren vorstellen. Es war schon beeindruckend und gänsehauterzeugend wie er mit fast italienischem Schmelz und feinstem piano an manche Stellen heranging. Besonders im Liebesduett „Oh sink hernieder, Nacht der Liebe“ ließ er alle Nuancen seines Tenors hören. Die Darstellung wirkte ein wenig hölzern, gewollt oder ungewollt, sein Habitus erinnerte mich in manchen Posen an Joe Cocker.
Die assoluta primadonna des Abends war aber Anja Kampe. Zuletzt hörte ich sie in Wien als (nicht gerade ideale) Elisabeth im Wiener Tannhäuser, diesmal war sie aber atemberaubend. Von der ersten Sekunde an nahm sie mit ihrer Bühnenpräsenz das Publikum gefangen, wirkte nach Einnahme des Liebestrankes wie bereits im Nirwana entrückt, musste in keiner Phase ihre Stimme überfordern und strahlte im Liebestod wunderschön in gleißendem Weiß mit unendlichem Atem und berührender Gesangskultur, sodass sich einige Besucher die Tränen wegwischen mussten. Ich gestehe es ein, ich war auch dabei. Stürmischer Jubel für das ganze Team, ein eindrucksvoller Festpielabend!
Ernst Kopica

Duisburger Philharmoniker (Photo: Andreas Mangen)