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Bilder: Theater Biel-Solothurn
Von Links: Rosa Elvira Sierra (Fulvia), Ingrid Alexandre (Valentiniano), Thomas Diestler (Ezio), Gregory Finch (Massimo)
Von Links: Ingrid Alexandre (Valentiniano), Gregory Finch (Massimo)

Ezio

Theater Solothurn-Biel, 04.02.2011

04.02.2011 in Solothurn

Händels Ezio dringt nach 278 Jahren in die Schweiz vor

 

Die Theatergemeinschaft Biel-Solothurn am Schweizer Jura verfügt mit zwei Theatersälen in Biel und Solothurn über die kleinsten ständig bespielten Opernhäuser in Mitteleuropa. Auf den  winzigen Bühnen werden sowohl Werke des Hauptrepertoires wie auch Raritäten gespielt. In dieser Spielzeit war dazu die Oper Ezio (lateinisch:  Aetius) ausgesucht worden, die mit dieser Inszenierung 278 nach ihrer Fertigstellung ihre Schweizer Erstaufführung erlebte.  Die Handlung lehnt sich an historisches Geschehen im Jahre 451 während der Hunnenkriege an und ist wie so häufig in Barockopern als Überlagerung der historischen Handlung mit den Liebeslüsten der Protagonisten angelegt. Das Libretto beruht auf einem früheren Text von Metastasio. Sicher ist der Ezio, der zu seinen späteren Opern zählt, nicht Händels größte Schöpfung in diesem Genre: nach der Uraufführung 1732 brachte es das Werk nur auf fünf Aufführungen, verschwand dann in der Versenkung und wurde erst wieder für die Göttinger Händelrenaissance in den zwanziger Jahren ausgegraben. Aber auch danach führte das Werk im Vergleich zu andern Opern des gleichen Komponisten nur ein Schattendasein. Zuletzt miss- inszenierte Günter Krämer die Oper 2009 für die Schwetzinger Festspiele. (Auch als DVD erschienen.)

Andreas Rosar,  der die Inszenierung besorgt,  macht hier seine ersten Gehversuche als Regisseur. Zusammen mit seinem Ausstatter Fabian Lüdicke siedelt er die Handlung in einer quasi zeitlosen Umgebung an und konzentriert sich in einem ganz einfachen Bühnenbild auf die Zeichnung der Charaktere dieser Oper, was ihm gut gelungen ist. Das Bühnenbild stellt ein kleines aus Holz zusammengeschraubtes Amphitheater mit sehr hohen Stufen dar, deren Setzstufen von lauter Plakaten des mit Lorbeer dargestellten siegreichen Feldherrn Ezio verhängt sind. Dazwischen lugen auch schon einmal Betrachter heraus. Die hohen Stufen hinauf und hinunter haben die Darsteller (in zeitlos modernen Kostümen) ganz schön zu schaffen; nur nicht der Kaiser Valentiniano, welchem der Heuchler Massimo immer noch schnell Kisten als halbe Stufen hinstellt. Unten im Halbrund des Amphitheaters ist nicht besonders viel Platz für Bewegung, weshalb die Darsteller dort Stehtheater und Rampensingen veranstalten müssen.

Ezio, der geradlinige aufrechte Militär hier in Blaumann und gelbem T-Shirt, verfängt sich im Gestrüpp des Hoflebens. Als ihm bewusst wird, dass ihm trotz seiner Verdienste für Volk und Vaterland übel mitgespielt werden soll, reißt er fast alle seine Lorbeerplakate ab, so dass im zweiten Teil der Oper nur noch eine nackte Bretterstellage zu sehen ist. Der Kaiser verbirgt Schwäche und Dekadenz seiner Person hinter hohlen Herrschaftsgesten und einem prachtvollen weißen Anzug mit goldbestickter Weste. Fulvia, Ezios Verlobte, aber das Ziel kaiserlicher Begierde wird als impulsive Person gezeichnet, aufmüpfig, sich nicht unterordnend. Massimo, ihr Vater, dem es wegen früherer Geschehnisse auf Rache am Kaiser ankommt, ist der heuchlerische und intrigante Verräter. Höhepunkt und Hauptkonflikt der Oper ist der Konflikt Fulvia – Massimo, der sie für seine niedrigen Zwecke instrumentalisieren will, was nicht gelingt. Dann ist da noch Onoria, die Schwester des Kaisers, als einzige in eine prächtige Tournüre gekleidet, die sich erst abwartend, dann aggressiv und zum Schluss verständnisvoll gibt, um dem glücklichen Ende nicht im Wege zu stehen. Das Tableau wird abgerundet durch den treuen, aber dennoch schlauen und pragmatischen Varo in schwarzer Diplomatenkluft, der durch eine Wendung die Oper zum raschen lieto fine führt. Alle diese Figuren sind durchwegs schön und geradeaus gezeichnet. Viele Umwege lässt die um über eine Stunde gekürzte Fassung ohnehin nicht zu.

Die Regie lockert das Ganze mit einigen originellen Einfällen auf. Dem Valentiniano wird in einer Szene ein riesiger Kistenstapel gebaut, auf das er sich über das Volk erhöhe. Fulvia, als sie zum Schein auf das Heiratsgebot des Kaisers eingeht steigt in einen riesigen von oben herab gelassenen  Reifrock, den sie aber beim Aufzeigen ihrer wahren Gefühle wieder verlässt und von dem sie den Stoff abzieht. – Pause – Nach der Pause dient dieses Reifrockgestell nun als Gefängnis, in das Valentiniano seinen Rivalen Ezio gesteckt hat. Mit einfachsten Mitteln hat Andreas Rosar eine sehr ordentliche Regiearbeit ohne Mätzchen abgeliefert.

Die musikalische Leitung oblag Moritz Caffier, einem Stipendiaten des Richard- Wagner-Verbands Leipzig in 2005; es spielte ein Ensemble aus dem Sinfonieorchester Biel mit Holzflöten, Originaltrompeten und nachgebauten Barockbögen für die Streicher. Es wurde korrekt musiziert, aber doch nicht die Inspiration oder der Klang erzeugt, den man heute weitläufig gewöhnt ist. Schön war das Wechselspiel von einmal Flöten und Trompeten und ein andermal von Hörnern und Trompeten aus den Proszeniumslogen an den beiden Seiten der Bühne. Das erzeugte in dem kleinen Theaterraum eine schöne Breite. Auch wurden einige Affekte schön herausgearbeitet.  Das Gesangsensemble, gemischt aus Gästen, Nachwuchskräften und gestandenen Ensemblemitgliedern sang überwiegend auf ansprechendem Niveau. Ingrid Alexandre überzeugte in der Hosenrolle des Valentiniano mit einem sauber geführten, klaren Mezzo. Rosa Elvira Sierra als Fulvia kämpfte zuerst etwas mit den Höhen, gestaltete dann aber den musikalischen Höhepunkt des Stücks: „La mia costanza“ zu einem echten Glanzlicht des Abends. Rie Horiguchi gefiel mit ausdrucksstarkem Alt in der Rolle der Onoria. Die Titelrolle gestaltete der junge österreichische Counter Thomas Diestler.  Er zeigte  großes Stimmmaterial, wirkte aber etwas ungeschliffen, was vielleicht an der gemeldeten leichten Indisposition lag. Behindert war ebenfalls Yongfan Chen-Hauser als Varo, der wegen einer Verletzung am Krückstock gehen musste, was ihm beim Hinauf und Hinunter über die großen Stufen des Amphitheaters zu schaffen machte. Mit kernigem Bass gab er die Rolle des Varo, während der Tenor Gregory Finch einen sauberen Massimo sang, aber an Stimmkultur zu wünschen ließ.

Sechs Theater mit Opernsparte gibt es in der Nordschweiz, damit eine Musiktheaterdichte so hoch wie in Österreich und höher als in Deutschland. Wenn man ein so kleines Theater wie das in Biel oder Solothurn besucht, erstaunt zunächst einmal die solide Qualität des Gebotenen und die deutlich zu spürende Nähe der Bürger zu „ihrem“ Theater. - Mit ihrem großen Bestand an historischen Bauten stellen aber auch die Städte Solothurn und Biel nahe an der Sprachgrenze (Biel/Bienne offiziell  zweisprachig) zusätzlich ein lohnendes Besuchsziel dar.

Manfred Langer

 

 

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