TURANDOT
am 19.2.2010 Wir Wiener sollten nicht ausziehen, um kleinere
Theater abfällig zu kritisieren. Erst vergangenen Dienstag verliess ich
an der Wiener Staatsoper den "Falstaff" bereits zur Pause, weil ich
mich fadisierte.
Nun verschlugen mich eher private Kontakte an die Ostsee - und zu Anton Nekovars
"Turandot"-Inszenierung. Bis auf die Schluss-Szene inszenierte Nekovar
konventionell, beim Alfano-Schlussduett folgt dann der typische und
gewollte Nekovar-Stilbruch: Calaf im Frack, Turandot im Abendkleid, der
Hofstatt ebenfalls in Ballrobe. Zuvor hatte ein großes Rund
(Tunnelöffnung, Rad, Rohröffnung?) die Szenerie beherrscht. Alles war
aber werktreu und flott gearbeitet - eine interessante Deutung, bei der
sehr viel Wert auf Personenregie gelegt wurde. Der Stralsunder
Intendant ist ja berüchtigt für überlange Probenarbeit - wie mir zur
Pause ein Gastsänger erzählte. Grandios ist das Mienenspiel der
Turandot Anna Ryan bei der Rätselszene, da gibt es
keinen monotonen Gesichtsausdruck, diese Frau leidet mit jeder
richtigen Antwort ihrers Bewerbers mehr . Und auch die Szenen mit den
spielfreudigen Ministern sprühen vor gelungenen Einfällen.
Michael Renier kraftmeiert bei
seinem Calaf allzusehr. Der Mann hat stählernes, großes Stimmmaterial
und setzt es meiner Ansicht nach etwas zu rücksichtlos ein. Auf der
Strecke bleiben die lyrischen Momente des Calaf, der große Hit "Nessun
dorma" wurde von Renier geradezu verschenkt. Anna Ryan,
die Prinzessin, hat auch keine kleine Stimme, ist jedoch klug genug,
mit Renier nicht um die Wette zu brüllen. Optisch ist sie ohnedies
ideal besetzt, sie setzt ihre Höhen kraftvoll, bietet aber auch
wunderbar lyrische Töne an. Anna Ryan ist eine Turandot wie aus dem
Bilderbuch.
Eigentlich habe ich noch nie eine wirklich schlechte Liu gehört - dafür ist diese Rolle viel zu dankbar. Das kostet auch Anette Gerhardt aus, die eine berührende Liu mit schönen Piani bietet. Berns Leube trumpft als Timur mit beeindruckenden Basstönen auf. Bestens besetzt ist das Ministerterzett mit Noryuki Sawabu, Chul Ho Jang und Manfred Wulfert, für mich waren deren Szenen keine Durchhänger - wie sonst oft.
Per-Otto Johannson hielt
Orchester, Chor und Solisten zwar reibungslos zusammen,
insgesamt schraubte er jedoch den Lärmpegel zu sehr in die Höhe.
Rücksichtsvoll den Sängern gegegenüber kann man sein Dirigat nicht
bezeichnen. Aber er sorgte für einen Ablauf ohne Längen und scheint
auch ein besonderer Spa0vogel zu sein (Mätzchen beim Schlussapplaus).
Mit kleinen Einschränkungen war es eine gelungene Turandot!
Anton Cupak